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Das Motiv des Brunnens in den Märchen der Brüder Grimm

... und der Brunnen war tief, so tief...

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 26 Seiten

Germanistik - Gattungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Prolog

2. Die Märchen der Brüder Grimm
2.1 Das Volksmärchen
2.2 Die Überlieferung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

3. Das Motiv des Brunnens
3.1 Brunnen als Symbol
3.1.1 Symbol des Lebens
3.1.2 Symbol des Todes

4. Die Darstellung des Brunnenmotivs in den Märchen der Brüder Grimm
4.1 Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich
4.2 Der Wolf und die sieben jungen Geißlein
4.3 Brüderchen und Schwesterchen
4.4 Frau Holle
4.5 Die sieben Raben
4.6 Der goldene Vogel
4.7 Die Wassernixe
4.8 Hans im Glück
4.9 Das Wasser des Lebens
4.10 Die beiden Wanderer
4.11 Der Eisenhans

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Prolog

„Und der Brunnen war so tief, so tief, daß man keinen Grund sah“. Dies ist der Wortlaut des ersten Märchens der Brüder Grimm. Es weist dem Brunnen eine zentrale Stellung zu und steht als erster Text in der weit verbreiteten und viel gelesenen Sammlung.

Auch in anderer Literatur kann man dem Brunnenmotiv begegnen. So sitzt Gretchen in Goethes Faust am Brunnenrand voller Trauer oder es begegnet Joseph in der Bibel seiner zukünftigen Frau Rachel. Oder liest man die ersten Worte in Thomas Manns Joseph-Romanen, welche mit „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit“ beginnen.

Das Motiv des Brunnens stellt sich in den Märchen als sehr vielschichtig dar. Es kann für Leben oder für Wiedergeburt stehen, es reflektiert das Seelenleben eines Menschen, es kann formen oder es steht für den Tod.

Ob nun Taufwasser vom Brunnen geholt werden soll oder das Wasser, das einem durstigen Jungen Erquickung spenden soll, verwünscht wurde, oder etwas in den Brunnen fällt, er erfüllt in diesem Fall viele Funktionen.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Darstellung des Brunnenmotivs in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, die erstmals 1812 erschienen und heute zu den meist gelesenen und bekanntesten Werken der deutschen Literatur gezählt werden können.

Nach einem kurzen Abriss über das Wesen des Volksmärchen sowie der Geschichte der Überlieferung der Kinder- und Hausmärchen, werden einzelne Märchen untersucht, in denen das Motiv des Brunnens auftaucht. Zuvor wird der Brunnen als Symbol untersucht, wobei hier eine Beschränkung auf dem Symbol des Lebens und des Todes liegt. Natürlich stellt der Brunnen im Märchen auch die Pforte zu einem magischen Reich dar, zu einer Zauberwelt, die typisch für das Märchen ist. Dies könnte daran liegen, dass ein Brunnen, vor allem ein tiefer Brunnen, dessen Schacht dunkel und unergründlich zu sein scheint, einen gewissen Sog ausübt, der magisch wirken kann.

Den heutigen Menschen mag die immense Bedeutung des Brunnens verloren gegangen sein, doch jeder, der in brütender Hitze einmal einen Trunk vom Brunnen genommen hat, wird sich der wichtigen Bedeutung wohl wieder bewusst.

Natürlich wiederholt sich die Darstellung des Brunnens in dem einen oder anderen Märchen, daher können in dieser Arbeit nicht alle Märchen behandelt werden, in denen das Motiv des Brunnen vorkommt.

2. Die Märchen der Brüder Grimm

2.1 Das Volksmärchen

Der Begriff „Märchen“ ist die seit dem 15.Jahrhundert bezeugte Diminutivform zu Mär, welches dem mittelhochdeutschen Wort maere entspricht und soviel wie Bericht, Erzählung oder Gerücht bedeutet.[1] In dieser Bedeutung gibt es das Wort Märchen nur im Hochdeutschen, hingegen man die Wörter Sage, Rätsel oder Sprichwort in mehreren germanischen Sprachen finden kann.[2]

Ursprünglich wird mit dem Begriff Märchen eine kurze Erzählung bezeichnet.[3]

Märchen wurden in Europa erst in der Neuzeit, nach längerer mündlicher Überlieferung, gesammelt und literarisiert. Sache und Begriff, sowie literarische Form wurden vor allem durch die weit verbreitete Märchensammlung der Brüder Grimm bestimmt. Enthält die Sammlung der Brüder Grimm jedoch auch Legenden, Fabeln und Schwänke, so werden unter dem Begriff Märchen zumeist die so genannten Zaubermärchen gefasst.[4]

Anders als in der Literatur berichtet das Volksmärchen nicht, sondern es ereignet sich. Dies resultiert daraus, dass erst Sprachklang die Bilder des Märchens in plastische Ereignisse verwandelt und es so zu einem akustischen Phänomen werden lässt.[5]

Verbunden mit dem Begriff Märchen sind Zauber, Wunder und Übernatürliches. Wichtig im Zusammenhang mit Volksmärchen zu nennen wäre, dass es lange Zeit mündlich überliefert wurde und durch diese mündliche Tradition mitgeformt wurde, was es vom Kunstmärchen unterscheidet. Heute lebt es als Buchmärchen weiter.

Mit anderen Erzählgattungen teilt es eben, dass Wunderhaftes und Übernatürliches aufgenommen werden. Dieses Wunderbare stellt ein Paradoxon dar, welches die eigentliche Grundlage des Märchen bildet: Das Wunderbare wird in dieser Form nicht als wunderbar angesehen, sondern als selbstverständlich.

Kennzeichen des europäischen Märchens zeigen sich vor allem in Handlungsverlauf, Personen, Requisitenbestand und der Darstellungsart. Das Schema des Handlungsverlaufs zeigt sich zumeist dadurch, dass jemand in Schwierigkeiten gerät und diese meistern und bewältigen muss. Oft passiert es zudem, dass der Held nach der Bewältigung der Aufgabe oder der Schwierigkeit erneut in eine Notlage gerät oder er seines Preises beraubt wird. Sämtliche Erfolge im Märchen werden an Bewährungsproben geknüpft. Eine völlig harmlose wirkende Aufgabe kann sich in eine Schicksalsprobe wandeln, wie beispielsweise im KMH 136 den Brunnen vor Verunreinigung zu bewahren.[6]

Wie bereits oben gesagt, sind die „Hauptträger der Handlung […] Held oder Heldin, beide im Allgemeinen der menschlich-diesseitigen Welt zugehörig“[7]. Zumeist haben die Helden eine Gabe, die ihnen bei der Lösung der ihnen gestellten Aufgabe behilflich ist. Sämtliche anderen Figuren werden auf den Helden bezogen und fungieren als deren Partner, Gegner oder Helfer. Oft gehören dabei die Gegner und auch die Partner der außermenschlichen Welt an und treten in Gestalt von Tieren oder Zauberwesen auf. Zu den außermenschlichen Wesen gesellen sich dann auch noch weitere Requisiten, wie Wasser, Erde oder Luft. Lüthi bezeichnet dieses Phänomen als „ein Ausdruck der Neigung des Märchens zur Universalität“[8]. Dinge und Natur sind aber auch den Figuren zugeordnet, wie auch der Brunnen, der die eine oder andere Funktion aufweisen kann. Jedoch darf hierbei nicht außer Acht gelassen werden, dass der Mensch im Märchen auf Helfer und Gegner angewiesen ist, welche auch in Form von Requisiten auftreten können.[9]

Zur Darstellungsart des europäischen Volksmärchens kann man sagen, dass die Handlung des Märchens von außen gelenkt wird und nicht von innen. Dies wir auch daran deutlich, dass Innenleben, Umwelt und regionaler Aspekt der Hauptfigur zumeist außer Acht gelassen wird. Dies wirkt sich auch auf die Erzählzeit aus, welche zumeist sehr kurz ist. Auch formelhafte Wiederholungen lassen sich am Volksmärchen erkennen.[10] Jeder, selbst wenn er keinen besonderen Bezug zu Märchen hat, wird sich an Eingangs- und Schlussformel eines Märchens erinnern.

Erzähltypisch wird das Märchen zu den Einfachen Formen, also zu den Grundtypen sprachlicher Gestaltung gerechnet. Dies kann auch daran gesehen werden, dass die Sprache „beweglich, allgemein, jedesmalig“[11] ist und Märchen mündlich überliefert wurden und jeder diese in seiner eigenen Art und Weise wiedergeben oder nacherzählen kann.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich das Märchen durch Raum- und Zeitlosigkeit auszeichnet, eine Aufhebung von Natur- und Kausalgesetzen vorherrscht, da Tiere menschliche Formen annehmen oder sich Menschen verwandeln können, das Märchen durch seine Zentrierung auf Held oder Heldin einschichtig ist und Handlungsstereotypen ausgemacht werden können.[12]

2.2 Die Überlieferung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

Als die „Brüder Grimm“ werden Jacob und Wilhelm Grimm bezeichnet, die als älteste Kinder des Amtmanns Philipp Wilhelm Grimm (1751-1796) und seiner Frau Dorothea Grimm (1755-1808) geboren wurden und sich zu einer lebenslangen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft zusammentaten.[13]

Bei der Überlieferung der Märchen kann man von einer Jahrhunderte andauernden Überlieferung ausgehen, die einer mündlichen Tradition folgte. Im Falle der Sammlung der Brüder Grimm darf allerdings nicht unbemerkt gelassen werden, dass sie zu Beginn in zweifachem Sinne literarisch dargestellt ist. Einerseits versucht sie sich an die literarischen Bestrebungen der damaligen Zeit anzulehnen, anderseits speist sie sich zunächst auch aus der Literatur.

Die Kinder- und Hausmärchen erschienen 1812 und stehen in engem Zusammenhang mit der Sammlung Des Knaben Wunderhorn von Arnim und Brentano, ohne aber eine Fortsetzung darzustellen. Die Brüder Grimm schrieben Volkserzählungen in ihrer vielfältigen Erscheinungsform nieder, wie es zuvor Arnim und Brentano mit der im Volkstum lebenden Lyrik und Musik getan hatten.[14]

So wie auch andere Sammler, bekamen die Brüder Grimm ihre Märchen aus zweiter Hand. Eine Reihe von Freunden sammelte für sie mit. Betrachtet man die Ölenberger Handschrift, welche die Urfassung der Grimmschen Märchen beinhaltet, so wird deutlich, dass durch Wilhelm Grimm der Wortlaut einiger Märchen geändert wurde oder aus mehreren Versionen eine Geschichte hergestellt wurde. Hierfür wurde der Begriff Buchmärchen erfunden.[15]

Für das damalige Publikum stellten die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm eine für Kinder bestimmte Lektüre mit moralischem Wert dar und wurden als Erziehungsbuch verstanden. Jedoch konnten diese Erwartungen nicht erfüllt werden, Kritiker bemängelten, Grausamkeiten und Obszönitäten seien nicht beiseite gelassen worden[16] und daher entsprächen die Märchen und Sagen nicht dem moralischen Erziehungswerk, welches zu dieser Zeit verlangt wurde.

[...]


[1] vgl. Schweikle, Günther und Irmgard (Hrsg.) (1990²): Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. Stuttgart.

[2] vgl. Jolles, André (19745): Einfache Formen. Legende, Sage, Mythe, Rätsel, Spruch, Kasus, Memorabile, Märchen, Witz. Tübingen.

[3] vgl. Lüthi, Max (200410): Märchen. Stuttgart/Weimar.

[4] vgl. Schweikle 1990

[5] vgl. Mönckeberg, Vilma (1972): Das Märchen und unserer Welt. Erfahrungen und Einsichten. Düsseldorf/Köln.

[6] vgl. Röhrich, Lutz (1974³): Märchen und Wirklichkeit. Wiesbaden.

[7] s. Lüth 2004, S. 27

[8] s. Lüthi 2004, S. 29

[9] vgl. Lüthi, Max (1975): Das Volksmärchen als Dichtung. Ästhetik und Anthropologie. Düsseldorf/Köln.

[10] vgl. Lüthi 2004

[11] s. Jolles 1974, S. 235

[12] vgl. Schweikle 1990

[13] vgl. Rölleke, Heinz (2004): Die Märchen der Brüder Grimm. Eine Einführung. Stuttgart.

[14] vgl. Jolles 1974

[15] vgl. Mönckeberg 1972

[16] vgl. Murayama , Isamitsu (2005): Poesie. Natur. Kinder. Die Brüder Grimm und ihre Idee einer „natürlichen Bildung“ in den Kinder- und Hausmärchen. Heidelberg.

Details

Seiten
26
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640593477
ISBN (Buch)
9783640593217
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v148844
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Germanistik
Note
3,0
Schlagworte
Motiv Brunnens Märchen Brüder Grimm Brunnen

Autor

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Titel: Das Motiv des Brunnens in den Märchen der Brüder Grimm