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Helfen oder aufgeben? Verhalten als Angehöriger eines Alkoholikers

Seminararbeit 2010 19 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Ein Offener Brief eines Alkoholikers
1.2 Die Bühne eines Alkoholikers

2 Zielgruppe
2.1 Kulturgeschichte des Alkohols
2.2 Gefährdete und Abhängige von Alkohol
2.3 Angehörige von Alkoholabhängigen – Co-Abhängigkeit

3 Einrichtung
3.1 Fachstelle Sucht in Freiburg
3.2 Angebote der Einrichtung

4 Sozialarbeit
4.1 Praxisorientierte Leitlinien bei der Überwindung der Co-Abhängigkeit
4.1.1 Das Konzept ‚KLARHEIT’
4.1.2 Verschiedene Stile suchtfördernden Verhaltens
4.2 Aufmerksamkeitsfokus auf die eigene Person lenken

5 Schlusswort
5.1 Eine Antwort auf den offenen Brief eines Alkoholikers
5.2 Einschätzung der Zielsetzungen und Angebotsformen der Einrichtung

6 Bibliographie

1 Einleitung

1.1 Ein Offener Brief eines Alkoholikers

Ein offener Brief an meine Familie!

Ich bin Alkoholiker! Ich brauche Hilfe!

Laßt nicht zu, daß ich Euch anlüge. Wenn Ihr meine Ausflüchte vor der Wahrheit annehmt, so ermuntert Ihr mich zu lügen. Die Wahrheit mag schmerzvoll sein, aber versucht sie anzunehmen.

Laßt nicht zu, daß ich geschickter bin als Ihr. Das würde nur dazu führen, daß ich vermeide, Verantwortung zu übernehmen. Zur selben Zeit würde ich den Respekt vor Euch verlieren.

Nehmt meine Versprechungen nicht an. Es liegt in der Natur meiner Krankheit, daß sie mich davon abhält, Versprechen zu halten, auch wenn ich sie im Augenblick ernst meine. Ich verspreche nur etwas, um auf diese Weise Qualen hinauszuzögern. Und haltet Euch nicht daran, wenn Abkommen geändert werden; ist ein Abkommen getroffen, haltet daran fest. Laßt nicht zu, daß ich Euch ausbeute oder ausnutze. Tut Ihr es doch, so werdet Ihr mitschuldig, wenn ich mich der Verantwortung entziehe.

Weist mich nicht zurecht, haltet keine Moralpredigt, schimpft nicht, lobt nicht, tadelt nicht – gleich ob ich betrunken oder nüchtern bin. Gießt meine Getränke nicht aus: Euch mag es danach besser gehen, aber meine Situation wird dadurch verschlechtert.

Verliert wegen mir Eure Laune nicht. Es würde Euch zerstören und damit auch jede Möglichkeit, mir zu helfen.

Laßt nicht zu, daß Ihr aus lauter Angst Dinge für mich tut, die ich tun müßte. Verdeckt und erspart mir die Konsequenz meines Trinkens nicht. Das könnte zwar die Krise mindern, würde aber meine Krankheit verschlimmern.

Vor allem: lauft nicht vor der Wirklichkeit davon, so wie ich es tue.

Meine Krankheit, der Alkoholismus, wird immer schlimmer, solange ich weitertrinke.

Beginnt nun, zu lernen und für eine Wiedergenesung zu planen. Sucht Al-Anon Gruppen auf. Sie sind da, um Angehörigen von Alkoholikern zu helfen.

Ich brauche Hilfe von einem Arzt, einer Beratungsstelle oder von einem trockenen Alkoholiker, der seine Nüchternheit in AA und Gott gefunden hat. Ich kann mir nicht selber helfen.

Ich hasse mich selbst, aber Euch liebe ich. Euer Alkoholiker[1]

1.2 Die Bühne eines Alkoholikers

Die Motivation, die Ehrlichkeit und der Impuls dieses Alkoholikers diesen Brief an seine Frau zu schreiben, sendet in seiner ganzen Hoffnungslosigkeit deutlich einen Hilferuf. Bis ein Alkoholabhängiger an diesen Punkt gelangt, muss er inzwischen tief gefallen sein. Schaut er selbst zurück auf seinen langen Weg des nicht mehr kontrollierten Alkoholkonsums wird er – bleibt er bei seiner Ehrlichkeit – ohne Umschweife zugeben, dass er viele Menschen in dieser Zeit verletzt hat, dass er Wahrheit und Lügen nicht mehr zu unterscheiden wusste, dass er viele Irrwege in Anspruch nehmen musste, um seine Sucht zu praktizieren. Verdrängen, verschleiern, Vertrauen missbrauchen. Immer wieder so zu tun, als wäre alles ganz normal, ein geborener Schauspieler auf seiner eigenen Bühne, mit seinem eigens für ihn verfassten Drehbuch und seinen Laiendarstellern um ihn herum. Auch sie auf einer Theaterbühne, nur nicht wissend, was genau der Kern des Stückes ist und welche Rolle sie einnehmen sollen: die des Wissenden oder die des Wegschauenden. In seiner Reflektion trifft der Alkoholiker schließlich auf seine Frau und sieht, vielleicht zum ersten Mal, dass sie besonders unter seiner Alkoholabhängigkeit, unter seiner Sucht gelitten haben muss. Er wird zugeben müssen, dass seine Krankheit zu ihrem gemeinsamen Lebensinhalt geworden ist, dass sich auch für seine Frau alles um seinen Alkoholkonsum gedreht haben muss. So ist sie automatisch, ob bewusst oder nicht, zur Mitschauspielerin auf seiner Bühne geworden.

Das oben geschilderte Bild vor Augen, die Bühne des Alkoholikers und die Rolle des Angehörigen des Alkoholabhängigen auf dieser Bühne soll Gegenstand dieser Arbeit sein. Besonderes Augenmerk soll dabei auf den Angehörigen – in diesem Fall beispielhaft an der Ehefrau des Alkoholikers - selbst gesetzt werden. Ihre neue Rolle auf der Bühne des Abhängigen. Die Wahrnehmung dieser neuen sich gewandelten Situation, ihre Selbstaufopferung und Übernahme jeglicher Verantwortung. Wie kommt es dazu und welche Möglichkeiten des Umgangs stehen dem Co-Abhängigen – wenn er sie den annimmt – zur Auswahl? Welche Unterstützung ist für den Suchtkranken tatsächlich hilfreich? Bei welcher Unterstützung handelt es sich nur um verschwendete Energie? Und welcher ist der Punkt an dem klar wird, dass der Kampf für den Co-Abhängigen verloren ist und eine Trennung unumgänglich?

2 Zielgruppe

2.1 Kulturgeschichte des Alkohols

Alkohol gehört in unserer Gesellschaft zum Alltag dazu. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit ist der Alkohol anzutreffen. Beim geselligen Essen ein Glas Wein, beim Geburtstag des Arbeitskollegen einige Biere, ein Schnaps, den man vielleicht nur aufgrund des Verlustes eines Trinkspiels zu sich nehmen muss. Der Kaffee mit Schuss, der Eisbecher mit Likör, der Junggesellenabend bis hin zum unkontrollierten und maßlosem Trinken beim Oktoberfest. Manch eine Geselligkeit ist für den Einen zufällig und seltener, für den Anderen passend und erwünscht – für viel zu viele Menschen wird das Trinken zur Sucht.

„Wahrscheinlich seit der Entdeckung, dass Trinkalkohol … rauschhafte Zustände auslösen kann, spätestens aber in den frühen Hochkulturen ... waren alkoholische Getränke ... nicht nur Nahrungsmitteln, sondern in der Regel symbolbehaftete und oft auch magisch-verklärte Stimulanzien, deren Konsum meist rituell geregelt in Gemeinschaft vollzogen wurde und denen große Gemeinschaft stiftende Funktion zukam.“[2] Dabei kam dem Alkohol je nach der Kultur eine unterschiedliche Bedeutung zu. Einzelne Kulturen bildeten dabei unterschiedliche Muster im Umgang aus. „In der ägyptischen Festkultur spielte Trinkalkohol für die Oberschichten eine große Rolle. An seinem Konsum partizipierten auch Frauen. In der griechischen Antike war Weinkonsum vor allem im Rahmen des männlich dominierten Symposions zentral. Alkoholgenuss wirkte gemeinschaftsstiftend. In exzessiver Form war er Instrument, Macht und Männlichkeit zu demonstrieren. Vor diesem Hintergrund erklärt sich der maßlose Genuss, der für Alexander den Großen von Makedonien belegt ist. Unter anderem in der griechischen Antike wurden Alkoholika (Bier) auch als Heilmittel verwendet (gegen Husten und Würmer). Regelmäßiger Konsum von Alkohol war wegen gesellschaftlicher Normen, besonders aber wegen hoher Preise dem erwachsenen männlichen Teil der freien Bevölkerung vorbehalten.“[3] Im Mittelalter stieg der Konsum unter Männern als Gemeinschaftsakt, der zu regelrechten Trunks in der Tafelrunde etabliert wurde. Die Christianisierung brachte dem Alkohol eine neue Stellung. Der Wein wurde zur zentralen Funktion innerhalb der Messen, zum Beispiel der Messwein, und auch das Bild des Abendmahls beinhaltete das Getränk. Im Spätmittelalter gründete sich das Gasthaus als räumliche Anlaufstelle Getränke alkoholischen Gehalts zu konsumieren. Der Konsum von Bier und Wein in der Gemeinschaft spielte dabei eine zentrale Rolle. „Im Zuge der Reformation wurde seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts scharfe Kritik an übermäßigem Alkoholkonsum laut (M. Luther). Seit dieser Zeit erweiterten Destillate das Spektrum der alkoholischen Getränke. Im Verlauf der Frühneuzeit wurde das Medikament Alkohol zum Nahrungsmittel und schließlich zur Droge. In den modernen und postmodernen Gesellschaften ist Alkohol immer noch wichtiges Nahrungs- und Genussmittel sowie Statusprodukt. Trotz der gesundheitlichen Gefahren ... und breiter Problematisierungen ist der Konsum in Mitteleuropa allenfalls leicht rückläufig.“[4]

Der Konsum von Alkohol hat unwiderruflich einen hohen Status in unserer Gesellschaft. Nachweislich ist der Verbrauch in Deutschland zu hoch. Auf der einen Seite „ein Genussmittel, das dem Lebensmittelrecht untersteht und dessen Konsum und Gebrauch neben den individuell erwünschten Wirkungen volkswirtschaftlich von großer Bedeutung ist. Alkohol – das ist auf der anderen Seite ein Genussgift, dessen Mißbrauch millionenfache Schäden verursacht. Körperliche, seelische, soziale und volkswirtschaftliche Schäden. Alkohol – aus dem Mißbrauch entwickelt sich in vielen Fällen eine Abhängigkeit. Mehr als 2,5 Millionen Menschen in Deutschland sind behandlungsbedürftig alkoholkrank.“[5]

2.2 Gefährdete und Abhängige von Alkohol

Für die Weltgesundheitsorganisation ist Alkoholmissbrauch gegeben, wenn folgende vier Punkte nachgewiesen werden können:

1. dass körperliche oder psychsiche Probleme, einschließlich eingeschränkte Urteilsfä- higkeit und gestörtes Verhalten durch Alkoholkonsum entstanden sind
2. die Art der Schädigung klar benannt werden kann
3. die Art des Trinkens seit mindestens einem Monat besteht oder wiederholt in den letz- ten 12 Monaten auftrat
4. auf die Störung treffen Kriterien einer anderen psychischen oder Verhaltensstörung (bedingt durch dieselbe Substanz zum gleichen Zeitpunkt)[6].

Doch wann ist man ein Alkoholiker? Wie wird man Alkoholiker? Und wer ist Alkoholiker? Diese Frage kann eigentlich nur jeder für sich selber beantworten. Man muss nicht abhängig sein vom Sprit, wenn man jeden Tag eine Flasche Rum oder drei Flaschen Wein oder ähnliches trinkt. Es gibt Menschen, die eine Zeitlang diese Mengen und mehr trinken, und dann urplötzlich aufhören, ohne Entzugserscheinungen erleiden zu müssen. Sie ertränken vielleicht ‚nur’ ihre temporalen Probleme, und wenn diese vorbei sind, ist auch der exzessive Alkoholkonsum vorbei. Allerdings darf man hier nicht die Gefahren für die körperliche und geistige Gesundheit unterschätzen. Denn bei großen Mengen Alkohol werden immer Organe geschädigt, auch wenn es meistens, bei zeitlich begrenztem Missbrauch, reparabel ist.

[...]


[1] Haushahn, Hermann. Jugendalkoholismus. Möglichkeiten der Prävention und der sozialpädagogischen Intervention. Frankfurt/Main: Europäischer Verlag der Wissenschaften, 1996, S. 63.

[2] Brockhaus. Die Enzyklopädie. Erster Band A-ANAT. Leipzig; Mannheim: F.A. Brockhaus, 2006, S. 540.

[3] Brockhaus. Die Enzyklopädie. Erster Band A-ANAT. Leipzig; Mannheim: F.A. Brockhaus, 2006, S. 540.

[4] Brockhaus. Die Enzyklopädie. Erster Band A-ANAT. Leipzig; Mannheim: F.A. Brockhaus, 2006, S. 540.

[5] Hüllinghorst, Rolf. Alkohol: Gebrauch – Mißbrauch - Abhängigkeit. In: Alkohol – Konsum und Mißbrauch, Alkoholismus - Therapie und Hilfe. Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (Hrsg.). Freiburg im Breisgau: Lambertus, 1996, S. 9.

[6] Weltgesundheitsorganisation: Internationale Klassifikation psychischer Störungen (ICD10). WHO-Regionalbüro für Europa. http://www.euro.who.int

Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640589586
ISBN (Buch)
9783640589708
Dateigröße
759 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v148781
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule Freiburg, ehem. Katholische Fachhochschule Freiburg im Breisgau
Note
1
Schlagworte
Co-Abhängigkeit; Co-Angehörige; Alkoholismus; Alkoholiker;

Autor

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