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Mythisierendes Schreiben in Handes "Kindergeschichte" - Literatur der Irrationalität?

Seminararbeit 2006 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Mythos
I.1 Was bedeutet Mythos?
I.2 Die Entzauberung der Welt
I.3 Handkes Mythos-Konzept und die Wiederverzauberung der Welt

II. Handkes Kindergeschichte: Mythisierendes Schreiben
II.1 Die Metaphorik des Kindseins
II.2 Formen mythisierenden Erzählens in der Kindergeschichte

III. Die Diskussion um den Mythos
III.1 Der Vorwurf der Antiaufklärung

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Handkes Kindergeschichte, erschienen im Jahr 1981 im Kontext der Tetralogie der Langsamen Heimkehr, beschreibt die Kindheit seiner Tochter Amina und den Beziehungsprozess der zehnjährigen gemeinsamen Lebensgeschichte zwischen Vater und Tochter. Diese authentische Geschichte ist nicht nur die Geschichte der Tochter Amina, sondern gleichzeitig die des Vaters. Er erinnert sich an seine eigene Kindheit, reflektiert das Geschehen und sein Leben und letztendlich ist es die Geschichte der abgeschlossenen, wortlosen Gemeinschaft der Beiden, des Erschaffens eines gemeinsamen Erfahrungsraumes. Dieser ist geprägt von Selbstständigkeit und Abhängigkeit, von Individualität und Gemeinschaft, von Bindung und Befreiung.

Handkes Bekenntnis zum Mythos und mythisierendem Schreiben wird in der Kindergeschichte besonders deutlich. Nicht nur die Darstellung der authentischen Beziehung zwischen Vater und Tochter, die zu einem „mythischen Muster“1 wird, sondern auch die Darstellung von Raum und Zeit, der Wahrnehmung des Kindes und der wortlosen Gemeinschaft sind geprägt durch mythische Elemente und Erzählstrukturen.

Ziel dieser Arbeit soll zunächst die Annäherung an den Begriff „Mythos“ sein, sowie im Folgenden das Aufzeigen dessen Bedeutung im Kontext Handkes. Formen des mythischen Erzählens sollen anhand der Kindergeschichte gezeigt und verdeutlicht werden. Im Anschluss werden die sich extrem voneinander unterscheidenden und oftmals radikalen Beurteilungen dieser Literatur näher betrachtet:

Manche Sätze sind beladen mit Wortprunk, von Kunstanstrengung schwer gezeichnet, ihr Pathos bleibt Imitation, Kunstgewerbe […].2

Sind die Vorwürfe der „linkshändigen Verabschiedung des kritischen Denkens“3, wie es Raddatz in der Zeit ausdrückte, oder Mythos als Symbol für Gegenaufklärung, Irrationalität, Irrealität, Innerlichkeit und als etwas phantastisch-märchenhaftes gerechtfertigt?

I. Mythos

I.1 Was bedeutet Mythos?

Eine vollständige Klärung der Terminologie des Mythos ist schwierig und besonders bezüglich der Rezensionen des Werks Handkes problematisch: Verschiedene Deutungen des Begriffes4 und dessen unsystematische Anwendung auf verschiedene Bereiche und Strukturen in Handkes Texten tragen zu einem ungeklärten Blick auf selbige bei. Für diese Arbeit ist an dieser Stelle jedoch der Versuch einer Annäherung an die Terminologie von zentraler Bedeutung.

Mythos lässt sich durch die Übersetzung des griechischen Wortes als „Wort, Erzählung, Rede“ von logos, zwar ebenfalls „Wort, Rede Sprache“, aber auch „Gedanke, Vernunft, Sinn“ abgrenzen: „Der Archaik des Mythos folgt die zivilisierte Form des Logos mit dem Anspruch der rational geprägten Wahrheitsdarstellung in geordneter, gegliederter, überlegter Form.“5 Werner Betz spricht in seiner Untersuchung von sieben gegenwärtigen Bedeutungen:

Göttersage, Welterklärung, zeitgebundene Bibeldarstellung, wunderbare oder unerklärbare Geschichte von Ereignissen und Gestalten, übermenschliche, tiefer und höher wirkende Gewalt, massenpsychologisch wirksame Vorstellung und umgangssprachliche Erfindung und Phantasie.6

Von zentraler Bedeutung sind die metaphorischen, phantastischen und symbolischen Elemente des Mythos, aufgrund derer ihn die aufgeklärte Welt häufig als Lüge und Märchen aburteilt.

Eliade definiert den Mythos als „wahre Geschichte“7, und stellt somit einen Wahrheits- und Absolutheitsanspruch des Mythos dar: Der mythisch denkende Mensch sei sich seinen Glaubensstrukturen nicht bewusst und glaube somit an die Dinge in ihrer Wahrhaftigkeit.8 Neue, andere Wahrheiten, die Erschaffung neuer und begründeter Erfahrungs- und Wahrnehmungsräume und eine zweite Wirklichkeit können mithilfe des Mythos also geschaffen und durch ihn legitimiert werden. Im Blick auf Handkes Werk, hier besonders der Kindergeschichte, ist dies von zentraler Bedeutung.

I.2 Die Entzauberung der Welt

Schon für Platon und Aristoteles kann durch den Mythos nur eine Annäherung an die Wirklichkeit geschehen. Erst die Aufklärung beraubt das mythische Denken seiner Legitimation und sieht im Mythos lediglich den ersten Schritt zum rationalen Hinterfragen und damit einhergehenden wirklichen und einzigen Verstehen der Welt. Doch es lässt sich ein großes Unbehagen angesichts der rein auklärerischen Weltanschauung feststellen. Max Weber, der den Bergriff der „Entzauberung der Welt“9 durch den Glauben an die Berechenbarkeit und Beherrschbarkeit der Welt prägte, fordert 1919 eine aufklärerisch-kritische Wissenschaftseinstellung. Nietzsche versteht das Spannungsverhältnis zwischen Aufklärung, Gegenaufklärung und Mythos als Problem der Moderne:

Ohne Mythen aber geht jede Cultur ihrer gesunden schöpferischen Naturkraft verlustig; erst ein von Mythen umstellter Horizont schließt eine ganze Culturbewegung zur Einheit ab.10

Es stellt sich hier die Frage nach der Funktion des Mythos. Für Nietzsche besteht dieser im Erreichen einer Ganzheit, einer durch kritischen Geist nicht zu erreichenden Geschlossenheit. Handkes Nietzsche-Bezüge sind nicht zu übersehen und dessen Bedeutung für sein eigenes Werk zentral.11

I.3 Handkes Mythos-Konzept

Besonders in seinen Journalen (Gewicht der Welt, Geschichte des Bleistifts, Phantasien der Wiederholung) nimmt Handke wiederholt theoretisch Stellung zu seiner Haltung gegenüber mythisierendem Schreiben und seinem Verständnis des Mythos. Deutlich wird sein Konzept der „Wiederverzauberung der Welt“12 durch selbigen, das geprägt ist von einzelnen und doch zusammenhängenden, zentralen Elementen: Wahrnehmung, Phantasie oder Freiphantasieren und Wiederholung.

Handke arbeitet mit dem Mythos als literarische Methode.13 Im Zentrum stehen keine mythischen Inhalte: „Mythisch nenne ich allein das Ziel eines spezifischen Umgangs mit Details, Bildern, Szenen, Handlungs- und Geschehenselementen in der Erzählung […].“14 So ist der Inhalt abgekoppelt vom Mythos und wird erst durch die einzelnen oben genannten Elemente zu einer mythischen Weltvermittlung. Diese Vermittlung, die sich letztendlich durch Sprache15 realisiert, basiert zentral auf Wahrnehmung: „Ihr habt die Welt immer nur interpretiert, aber es kommt darauf an, sie zu beschreiben.“16 Sinnliche, unmittelbare Wahrnehmungen, losgelöst von bereits verinnerlichten Deutungen und Zeichen, ein unschuldiger, kindlicher Blick auf Natur, Geschehen, Umwelt, Beziehungen sind zunächst abgekoppelt von deren Beschreibung. Diese Beschreibung folgt zwangsläufig, jedoch ist sich Handke über deren Einbettung in den Kontext des Wahrnehmenden - der nun als Übersetzer seiner Wahrnehmung fungiert - in dessen vorhandenes Wissen und Erfahrungen bewusst. 1973 formuliert er: „Ich bin überzeugt von der begriffsauflösenden und damit zukunftsmächtigen Kraft des poetischen Denkens.“17 Der Begriff ist in Handkes Verständnis somit ein Gegenspieler des Mythos, da er sich nicht unmittelbar an der Form des Wahrgenommenen orientiert. Indem Handke der sinnlichen Wahrnehmung besondere Bedeutung zumisst, thematisiert und problematisiert er das Defizit der zeitgenössischen Gesellschaft zur reinen, kindlich-sinnlichen Wahrnehmungen und vertritt die These, dass verschiedene Zugänge zur Welt nicht nur möglich, sondern dringend notwendig sind.

Für Handke folgt auf die Wahrnehmung das Element der Phantasie. Die gegenständlich vorgefundene Form oder das bewusst erlebte Geschehen wird aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, durch Frei-Phantasieren aus seinem Kontext herausgenommen und als Zwischenraum betrachtet. Durch individuelles, vom Kollektiven abgekoppeltes Sehen, durch das Verfremden des Gesehenen ins Unbekannte und eben nicht durch Reflexion, entstehen neue Zusammenhänge, neue Zugänge, neue Erfahrungsräume. Renner spricht sowohl von einer Entdifferenzierung des Selbst als auch von dessen Neuaufbau.18 Phantasie bedeutet hier kein Abheben in Irrealität oder Phantastisches, sondern vielmehr eine Phantasie, „die den wirklichen Boden der Erde nicht verlässt“19 und ist letztendlich der Versuch eines neuen Zugangs zur Welt über die Erzählung. Aus Anschauung, nicht aus Abstraktion synthetisiert sich die Theorie.

[...]


1 Renner, Rolf Günter: Peter Handke. Stuttgart 1985. S.141.

2 Ebd 126.

3 Raddatz, Fritz J.: Die Aufklärung entläßt ihr Kinder.-In: Die Zeit, 29.6.1984. S.9f.

4 Raddatz, Fritz J., zitiert in Wolf, Jürgen: Visualität, Form und Mythos. Opladen 1991. S.202: „Wer es definieren kann, versteht es nicht; nur wer im Mythos lebt, versteht es - und kann es deswegen nicht definieren.“

5 Ziegler, Konrat, Hrsg.: Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike. Sontheimer, Walther, Bd. 3. München 1997. S.710.

6 Betz, Werner: Vom „Götterwort“ zum „Massentraumbild“. Zur Wortgeschichte von „Mythos“.-In: Mythos und Mythologie in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Frankfurt a.M. 1979. S.24.

7 Eliade, Mircea: Mythos und Wirklichkeit. Frankfurt a.M. 1988. S.11.

8 Vgl. Eliade, Mircea: Mythos und Wirklichkeit. Frankfurt a.M. 1988. S.11.

9 Weber, Max: Vom inneren Beruf zur Wissenschaft.- In: Ders.: Soziologie. Universalgeschichliche Analysen. Stuttgart 1973. S.317.

10 Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie. Berlin/ New York 1972. S.141.

11 Gamper, Herbert: Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen. Frankfurt a.M.1990. S.169.

12 Pikulik, Lothar: Mythos und New Age.- In: Wirkendes Wort 2 (1988). S.240.

13 Vgl. Das Gewicht der Welt. Ein Journal (1977). Salzburg 1979. S.279.

14 Bartmann, Christoph: Suche nach dem Zusammenhang. Wien 1984. S.219.

15 Barthes bezeichnet den Mythos als „sekundäres semiologisches System“, das die „Objektsprache“ durch „Metasprache“ ablöse. Er beurteilt diese Überlagerung der Aussage als negativ. Vgl. Barthes, Roland: Mythen des Alltags. Frankfurt a.M. 1964. S.85.

16 Handke, Peter: Die Geschichte des Bleistifts (1982). Salzburg/ Wien 1985. S.305.

17 Handke, Peter: Als das Wünschen noch geholfen hat (1974). Frankfurt a.M. 1974. S.76.

18 Vgl. Renner, Rolf Günter: Peter Handke. Stuttgart 1985. S.143.

19 Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe. hrsg. v. Fritz Bergemann. Frankfurt 1981. S.220. 4

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640594115
ISBN (Buch)
9783640593804
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v148723
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,3
Schlagworte
Mythisierendes Schreiben Handes Kindergeschichte Literatur Irrationalität

Autor

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