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Brunhild als anti-höfischer Frauentypus im "Nibelungenlied"?

Eine kritische Untersuchung des literarischen Frauenbildes um 1200

Seminararbeit 2007 21 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitiiiig

I. Die Dimension von hovescheit
1.1 Was bedeutet hovescheit?
1.1.1 hovescheit als Wertekodex
1.1.2 Das Idealkonzept der hofischen Frau um 1200
1.2 Der Nibelungenstoff und dessen hofische Uberformung

II. Frauenbilder im Nibelungenlied
11.1 Kriemhild - die ideal-hofische Frau?
11.2 Brunhild - der anti-hofische Frauentypus?
11.2.2 Werbungsbedingungenund Betrug auf Isenstein
11.2.3 Brautnacht inWorms
11.3 Hofische Weiblichkeit als Bedrohung?

Einleitiiiig

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Diu was unmazen sc&ne, vil michel was ir kraft.

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Ein fur das Mittelalter ungewohnliches Frauenbild begegnet uns in dieser ersten Erwahnung Brunhilds im Nibelungenlied. Sc&ne und kraft, hofische und „urtumliche“2, archaische Dimensionen verbinden sich in dieser Figur und werden im Fortlauf des Textes weiter ausdifferenziert. Autonomie und die sonst das mannliche Geschlecht charakterisierende Gewaltbereitschaft kontrastieren in dem dargestellten Frauenbild mit der konventionellen Weiblichkeit der Literatur des Mittelalters. Die mythischen Elemente der Brunhild aus Isenstein, ihre heroische Kraft wirken zunachst als Bedrohung der feudalen, hofischen Weltordnung.

Ziel dieser Arbeit soll sein, diese Abweichungen der Figur Brunhilds von gangigen Konzepten mittelalterlicher Dichtung aufzuzeigen und zu untersuchen. Hierzu soll zunachst der Begriff hovescheit naher betrachtet und eine Annaherung an dessen Dimensionen und Bedeutungen erreicht werden - was bedeutet uberhaupt hovescheit? Was pragt hofisches Verhalten und Hofkonzepte, wie werden diese in Literatur verarbeitet? Inwiefern ist hovescheit im Bezug auf das Nibelungenlied relevant, wenn in der Forschung wiederholt von hofischer Uberformung der ursprunglichen Quellen die Rede ist? Im Anschluss soll explizit das literarische Frauenbild um 1200 von der Dichtung her analysiert und dann am Beispiel Kriemhilds im Nibelungenlied erlautert werden. Unhofische Elemente der Figur Brunhilds werden in Abgrenzung zu Kriemhild aufgezeigt und verdeutlicht.3 Kann die Darstellung Brunhilds im ersten Teil des Nibelungenlieds somit als Darstellung eines anti-hofischen Frauentypus beschrieben werden? Und wie ist diese Darstellung zu erklaren?

I. Die Dimension von hovescheit

1.1 Was bedeutet hovescheit?

Die Etymologie von hovescheit ist problematisch nachzuverfolgen: Eine Vermischung von altfranzosischen (cortoisie, courtoisie) Einflussen mit Interferenzen durch das Mittelniederlandische (hovesch) sowie Latein (curialitas) beeinflussten wohl die semantische Entwicklung von hovescheit4 In Deutschland wird hovescheit erstmals 1170 im Konig Rother erwahnt und bezieht sich auf hofisches Verhalten im Umgang mit Damen: ,,Und er erreichte durch seine Hofischheit, dass die schone Jungfrau ihrem Vater entfloh.“5

Auch die Frage nach der Bedeutung des Begriffes hovescheit erweist sich als problematisch; in dieser Arbeit kann lediglich eine Annaherung an ihn erfolgen. Im Neuhochdeutschen fallt auf, dass dieser Begriff - ubersetzt als Hoflichkeit - ohne weiteres auf verschiedenste Facetten des sozialen Umgangs, gesellschaftliche Normen und Wertevorstellungen anwendbar ist. Eine diffuse Begrifflichkeit entsteht durch die Vereinigung verschiedener Verhaltensnormen wie Takt, Respekt, angemessenem Benehmen, Freundlichkeit, gepflegtem Umgang und GroBzugigkeit in sich. Bumke erklart die Ubersetzung durch nhd. Hoflichkeit deshalb fur unzureichend und umschreibt hovescheit als ,,hofische Erziehung“, „hofisches Wesen“, „hofische Tugend“.6 Die Institution des Hofes definiert hovescheit: „Hofisch sind Verhaltensformen, durch die der Umgang an einem Hof in besonderer Form gekennzeichnet ist“ 7. Ein in mittelhochdeutschen Worterbuchern angegebenes Synonym ist auBerdem htibesch. Somit lassen sich ursprungliche Bedeutungen wie am Hof ubliches und ihm angemessenes Benehmen und Aussehen erschlieBen: „dem hofe gemaB, fein gebildet und gesittet, das gegentheil von roh, gemein, gefuhllos, korperlich.“8

Gewohnlich werden sowohl Substantiv hovescheit wie auch Adjektiv hovesch lobend und positiv eingesetzt, die vorbildliche Seite des Hofes betont und das Ideal unterstrichen. Von enormer Bedeutung ist die Einsicht, dass dieses Ideal hofischen Lebens immer an ein bestimmtes Konzept gebunden, durch zuht gar lehrbar 1st. Diese Konzepte zeichnen sich aus durch enge Normen, Rituale und fur alle Beteiligten zu entschlusselnde Codes. Somit dienen sie, auBer dem Erreichen von vreude und ere auch einer weiteren grundlegend wichtigen Sache: Der Sicherung eines Systems, welches naher als Gesellschaft, Wertekodex oder feudal- hierarchische Ordnung definiert werden kann.

1.1.1 hovescheit als Wertekodex

Beeinflusst wird die deutsche Literatur um 1200 stark aus Frankreich und dem dortigen Entstehen der hofischen Kultur, vor allem durch Liebeslyrik und hofische Romane wie Artus-, Tristan- und Antikenroman, welche das hofische Wertesystem und die Normen hofischen Lebens vermitteln. Dieser neuen Literatur haften verschiedene Funktionen in der Zeit der Herausbildung der Furstenhofe an: Sowohl ist sie auf Reprasentanz als auch auf deren Legitimation ausgerichtet.

Konzepte literarisch-hofischen Verhaltens orientieren sich stark an einem festgelegten Tugendkatalog9, dieser kann zwar nicht vollstandig und einheitlich erfasst werden, da er sich immer wieder Wandlungen und Entwicklungen ausgesetzt sieht - ein Grundkonsens literarisch-hofischer Werte kann jedoch festgestellt werden: Neben religiosen Tugenden wie diemUte (das Bewusstsein um die von grundlegender Bedeutung Gottes fur das eigene Leben), stehen weltliche Tugenden wie triuwe (Rechtsbegriff, jedoch auch Verbindlichkeit und Aufrichtigkeit im sozialen Kontext uberhaupt), maze (Ausgeglichenheit, Ausgewogenheit von Extremen), staete (Bestandigkeit, Festhalten am Guten) und milte (GroBzugigkeit). Gekoppelt sind diese inneren Werte an aussere: korperliche Schonheit wird in religioser Dichtung noch verdammt, in hofischer Dichtung jedoch zum festen Bestandteil von hovescheit, und erganzt somit die Vorstellung des Tugendadels10, der sich eben nicht nur durch Abstammung, sondern auch durch edle Gesinnung und die Befolgung der oben genannten Tugenden auszeichnet.

Wichtig ist das Bewusstsein, dass es sich bei diesen hofisch-literarischen Idealbildern um von der gesellschaftlichen Wirklichkeit abweichende Konzepte handelt. Inwiefern die soziale Realitat durch diese literarischen Konstrukte - zum

Beispiel durch entsprechende adlige Erziehung - jedoch beeinflusst wurde, ist unklar.

1.1.2 Das Idealkonzept der hofischen Frau um 1200

,,Der Schonheitspreis der Dichter zielte nicht auf individuelle Zuge, sondern auf ein Ideal, das sich in einem festen Kanon von Schonheitspradikaten manifestierte.11 “n Meist erfolgt die Beschreibung des weiblichen hofischen Korpers zunachst durch die des Gesichts und dessen Schonheitsmerkmale - blond gelocktes Haar, eine weiBe Stirn, strahlende Augen sind ein kleiner Ausschnitt von diesen. Darauf folgt haufig schon die Beschreibung der prachtvollen Kleidung. Merkmale des Korpers sind, wenn uberhaupt erwahnt, dessen weisse Farbe, eine schmale Taille und glatte, zarte Haut.12 In der ausseren Schonheit spiegelt sich eben jene oben beschriebene innere Tugendhaftigkeit, vorbildhafte Gesinnung wieder. Des Weiteren ist die hofische Frau einer Reihe strenger Anstandsregeln unterworfen, selbst Blicke und Gesten sind durch starre Normen reglementiert. Das hofische Frauenbild setzt die Frau in das Licht der Vollkommenheit, das die adligen Herren zu deren Verehrung und Bewunderung anstiftet. Dieses Bild darf jedoch nicht auf die historische Realitat angewendet werden, sondern verzerrt diese enorm. Rosener betont in seine Untersuchung, dass ein ,,zweifellos spannungsreiches Wechselverhaltnis“13 zwischen historischer Realitat und dichterischer Fiktion vorliege. Realistischer scheinen Beschreibungen von Misshandlungen, mannlicher Verfugungsgewalt uber die Frau bis hin zu sexueller Gewalt - Elemente, die auch im Nibelungenlied an verschiedenen Stellen vertreten sind. Die Verfugungsgewalt des Mannes uber die Frau scheint fast unbeschrankt, sie ist bedingt, nicht zuletzt durch den ihr versagten Dienst an der Waffe. Denn ihre Funktion ist eine andere:

Immer wenn eine vornehme, schone, keusche Dame mit schonem Kleid und schonem Gebende zur Unterhaltung in groBe Gesellschaft geht, in hofischer Hochstimmung und begleitet von Gefolge, zuweilen ein wenig sich umblickend, so wie die Sonne die Sterne uberstrahlt, dann kann uns der Mai seine ganze Pracht bringen: was ist so Herrliches darunter wie ihre liebliche Gestalt? Wir lassen alle Blumen stehen und starren auf die Frau.14

Die hofische Dame schmuckt den Hof und ist Reprasentantin, sie wahrt die hofische Etikette, halt sich wenn notig im Hintergrund und beweist ihr groBes Gespur fur situative Angemessenheit. Durch ihre Schonheit und feines Benehmen animiert sie letztendlich die Manner zum Minnedienst. Die Frau dient dem Mann, durch sie wachst dessen kUene und staerke, er bleibt handlungsfahig durch vrUmkeit (Tapferkeit). Der oben erlauterte Wertekodex gilt somit sowohl fur die hofische Frau als auch fur den hofischen Mann, Akzentuierungen differierenje nach Konzept jedoch erheblich.

[...]


1 Das Nibelungenlied, hrsg. von Boor, Helmut de, ubersetzt von Grosse, Siegfried (2002). In dieser Arbeit wird ausschlieBlich diese Ausgabe, die sich an Handschrift B orientiert, zitiert.

2 Ehrismann, Otfried: Nibelungenlied. Epoche-Werk-Wirkung (1987). S.122.

3 Es gilt unbedingt zu beachten, dass sich diese Untersuchung auf den ersten Teil des Nibelungenlieds, in dem die Assimilation der unhofischen Elemente Brunhilds an den hofischen Normenhorizont noch nicht eingetreten ist und Kriemhild noch nicht die Racherin Siegfrieds Tod darstellt, bezieht. Fur die Betrachtung unhofischer Eigenschaften der Brunhild scheint mir dies sinnvoll, da dies allein im Blick auf den ersten Teil relevant ist. Der zweite Teil weicht durch die oben genannte Angleichung der Figur an das hofische Hierarchie- und Normensystem und ihr folgendes Verschwinden aus der Handlung hiervon ab.

4 Diese Problematik wird ausfuhrlich dargestellt in: Ganz, Peter: „h6vesch“/„h6vescheif‘ im Mittelhochdeutschen, in: Fleckenstein Josef: Curialitas - Studien zu Grundfragen der hofisch-ritterlichen Kultur (1990).

5 Vunde ir warh mit sinir hoisheit Daz die magit lossam. Ir uater inran (3776-78).

6 Bumke, Joachim: Hofische Kultur - Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter (1997). S.425.

7 Haferland, Harald/Paul, Ingwer: eine Theorie der Hoflichkeit, in: Haferland, Harald/Paul, Ingwer: Hoflichkeit (1996). S.9.

8 Mittelhochdeutsches Worterbuch, mit Benutzung des Nachlasses von Benecke, Gregor ausgearbeitet von Muller, Wilhelm/Zarncke, Friedrich, Bde. 1-3 (1861-63), Neudruck (1963).

9 Es bleibt anzumerken, dass es keine Systematik dieses Tugendkatalogs gibt und dieser somit einen viel diskutierten Begriff darstellt. Vgl. Bumke, Joachim: Hofische Kultur - Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter (1997). S.417.

10 Bumke, Joachim: Hofische Kultur - Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter (1997). S.421.

11 Bumke, Joachim: Hofische Kultur - Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter (1997). S.452.

12 Ebd.

13 Rosener, Werner: Die hofische Frau im Hochmittelalter, in: Haferland, Harald/Paul, Ingwer: Hoflichkeit (1996). S.173.

14 Swa ein edeliu schoene frouwe reine, wol gekleidet unde wol gebunden, dur kurzewile zuo vil liuten gat, hovelichen hohgemuot, niht eine, umbe sehende ein wenic under stunden, alsam der sunne gegen den sternen stat, - der meie bringe uns als sin wunder, waz ist da so wunnecliches under, als ir vil minneclicher lip ? wir lazen alle bluomen stan, und kapfen an daz werde wip. (Walther von der Vogelweide: So die bluomen uz dem grase dringent).

Details

Seiten
21
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640594498
ISBN (Buch)
9783640594665
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v148712
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,7
Schlagworte
Brunhild Frauentypus Nibelungenlied Eine Untersuchung Frauenbildes

Autor

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