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Internet und Kulturen

Technokulturelle Untersuchungen aus wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Perspektive

Diplomarbeit 2002 83 Seiten

Romanistik - Fächerübergreifendes

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einführung

II. Begriffe
II. 1. Internet
II. 2. Kultur

III. Entstehungsgeschichte des Internet Kulturschock

IV. Möglichkeiten im Internet
IV. 1. Akteure und Funktionsweise
Kommunikationsmodelle & Interkulturelle Kommunikation
IV. 2. Internet-Dienste
Dimensionen interkultureller Unterschiede in der Kommunikation

V. Kulturelle, gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Bedeutung des Internet

VI. Netzdemographie
VI. 1. Hosts
VI. 2. User
Kulturelle Horizonte
VI. 3. Domains
Daten- und Dialogorientierte Kulturen
VI.4. Sprachen
Lingua franca
Diachrone Variation & Migrationsbewegungen
VI. 5. Geschlecht
VI. 6. Alter
VI. 7. Bildung
Kultur und Bildung im zeitlichen Wandel
VI. 8. Einkommen
VI. 9. Nutzungsmuster
Monochrones und Polychrones Verhalten & Low und High Context

VII. Zusammenfassung
VII. 1. Zukunftsszenarien
Best-Case-Scenario
Worst-Case-Scenario
Real-Case-Scenario
VII.2. Schlussfolgerungen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellen verzeichnis

Glossar

Bibliographie

I. Einführung

Als am 21. Juli 1969 der amerikanische Astronaut Neil A. Armstrong nach erfolgreichem Flug der „Apollo XI“-Mission um 3:56 Uhr MEZ als erster Mensch den Mond betrat, verfolgten weltweit mehr als 500 Millionen Zuschauer einen der bedeutendsten Momente der Menschheitsgeschichte live im Fernsehen. Und obwohl Armstrong nach seinen ersten Schritten auf dem unbewohnten Himmelskörper zum Zeichen der „Eroberung“ neuer Territorien die US-amerikanische Flagge hisste, bejubelten nicht nur die Menschen in den Vereinigten Staaten von Amerika diesen Erfolg. Einen Erfolg, der Menschen unterschiedlichster kultureller Herkunft durch die damaligen technischen Möglichkeiten in ihren Zielen und Vorstellungen wenigstens für einen kurzen Moment ein Stück näher zusammenrücken ließ.

Mehr als 30 Jahre später am 11. September 2001, jenem Tag, an dem das World Trade Center in Folge terroristischer Anschläge einstürzte, beobachteten Millionen von Menschen die Geschehnisse nicht nur live vor ihren heimischen Fernsehern, sondern ebenso weltweit im Internet per Live-A/V-Streaming. In jenem September hätten mit den damals über 500 Millionen Internet-Usern[1] theoretisch ebenso viele Menschen die Möglichkeit gehabt, die Szenen aus New York im World Wide Web zu verfolgen, wie 1969 Armstrong’s Sprung auf die Mondoberfläche.

Die Bedeutung, die das Internet aufgrund derartiger Ereignisse im interkulturellen Kontext gewonnen hat und weiter gewinnen wird, scheinen bei näherer Betrachtung von weitaus größerem Ausmaß zu sein, als zunächst vermutet. Großteils losgelöst von traditioneller interpersonaler Kommunikation bildeten sich im Laufe der Verbreitung des Internet eigene Wege und Formen des Austauschs kulturspezifischer Werte und Vorstellungen. Durch dieses kontinuierliche Wachstum begünstigt, entwickelte sich zunehmend die Grundlage für die Entstehung einer eigenen Internet-Kultur, einer Art Subkultur, die sich durch eine Anzahl von gemeinsamen Merkmalen kennzeichnen lässt. Obgleich der Herausbildung dieser neuartigen Kulturform, bestanden und bestehen erhebliche Diskrepanzen in der Expansionsgeschwindigkeit des Netzes in den traditionellen Kulturräumen.

Die Hintergründe und Ursachen für diese Unterschiede aufzudecken, soll der erste Ansatzpunkt der vorliegenden Arbeit sein. Dabei wird den anstehenden Betrachtungen die sogenannte Kulturraum-Theorie, die sich an ein von Döring beschriebenes Modell anlehnt, zu Grunde gelegt . Diese beschreibt die Tatsache, dass die Formen und Verbreitungsgeschwindigkeiten des Internet in den einzelnen Kulturräumen Unterschiede aufweisen, die durch die jeweiligen kulturspezifischen Merkmale definiert werden. Die Werte, Vorstellungen und Denkmuster, die sich in den heutigen Teilpopulationen des Internet seit Hunderten von Jahren herausgebildet haben und übertragen wurden, sollen hierbei als maßgebliche Faktoren für Entstehung, Verbreitung und Durchdringung des Internets herangezogen werden.

Der zweite Untersuchungsgegenstand nimmt Referenz auf die zuvor beschriebene Entstehung einer eigenen Internet-Kultur. Um die Existenz einer derartigen Kultur darlegen zu können, werden mit den USA, Deutschland und Frankreich die Beispiele von 3, für die Entwicklung des Netzes bedeutungsvollen Ländern herangezogen. Zum Vergleich dieser Staaten und der Bedeutung, die dem Internet in diesen zugeschrieben wird, dienen primär statistische Erhebungen, die Auskunft über die wichtigsten Kennzahlen und Merkmale des Netzes in den verschiedenen Kulturräumen geben. Anhand dieser Daten soll weiterhin versucht werden, derzeitige Trends abzulesen und Prognosen für weitere Entwicklungen im Zusammenhang zwischen Kulturen und Internet abzugeben.

Neben dem in dieser Arbeit vordergründigen Verhältnis von Technik und Kultur spielt eine Vielzahl von wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Einflüssen eine ebenso gewichtige Rolle in den angestellten Untersuchungen, wonach diese von Fall zu Fall gleichwohl einer genaueren Betrachtung bedürfen.

Diese Arbeit soll einen umfassenden Überblick über den Zusammenhang verschiedenster Forschungsgebiete in ein und demselben Untersuchungsgegenstand liefern und damit dessen aktuelle Bedeutung hervorheben.[2]

II. Begriffe

II. 1. Internet

Auf der Suche nach einer passenden Definition für den Begriff Internet stößt man auf eine Vielzahl von Konzepten, die eines vereint: sie betrachten das Internet in erster Linie als Kommunikationsinstrument.

Gleichwohl unterscheiden sich die vorhandenen Definitionen oftmals in der Betrachtungsweise des Gegenstandes, das heißt sie offenbaren eine unterschiedliche Perspektive. Zum Beispiel sehen Konzepte mit engem Horizont das Internet als rein technisches Instrument und bezeichnen es als Summe aller mittels TCP/IP verbundenen Netze und Rechner[3]. Auch eine erste in den Request For Comments (RFC) verwendete Definition unterstützt weitestgehend diese These:

[1] „The Internet is a large collection of networks (all of which run the TCP/IP protocols) that are tied together so that users of any of the networks can use the network services provided by TCP/IP to reach users on any of the other networks.“ (RFC 1206, 1991)

Um jedoch den sich verändernden Anforderungen an eine exakte Begriffsbestimmung gerecht zu werden, ergänzt man wenig später die netztechnische Definition um weitere Erklärungen:

[2] „The Internet is a network of networks based on the TCP/IP protocols. The Internet is a community of people who use and develop those networks. The Internet is a collection of resources that can be reached from those networks.“ (RFC 1462, 1993)

Einen anderen Ausgangspunkt liefert die These des Core- und des Consumer-Internet, wobei ersteres, unabhängig von der Tatsache, ob Mensch oder Maschine, allgemein Anbieter von Informationen und Dienstleistungen beschreibt und letzteres die Nutzer der angebotenen Ressourcen vereint[4].

Mit der Ausbreitung des Netzes sowie der ständig wachsenden Nutzerzahl und Anwendungsmöglichkeiten wird es jedoch unerläßlich, weitere Faktoren in eine effektive Betrachtung einzubeziehen. Das Internet in seiner heutigen Form nimmt mehr und mehr die Identität eines „Global Village[5] “ an, was nicht nur bedeutet, dass es seine geographischen Ausmaße oder seine physikalische Verfügbarkeit und Dichte verändert, vielmehr schafft es eine Plattform, auf der sich eine jede Kultur gleichberechtigt Ausdruck verschaffen kann. Dabei sind es in erster Linie die Menschen, die sich hier ihre Freiheiten schaffen und dem Internet somit seine eigene gewachsene Erscheinungsweise verleihen.

II.2. Kultur

Im allgemeinen Sprachgebrauch postmoderner Zeiten ersetzt der Begriff „interkulturell“ zunehmend den Begriff „international“. In dieser Entwicklung findet ein Prozess seinen Niederschlag, der wichtige historische, politische und gesellschaftliche Entwicklungen widerspiegelt. Ebenso wie bei der Bestimmung des Internetbegriffs existiert keine alleingültige Kulturdefinition. Die Vielzahl von Theorien, die sich heutzutage finden, suchen nach unterschiedlichsten Ansatzpunkten, um einen so weit reichenden Gedanken an einigen wenigen Charakteristika fest zu machen.

Um das eher traditionelle Verständnis von Kultur im Zusammenhang mit dem Internet verwenden zu können, muss dieses in der Lage sein, sich einer starken Wandlung unterziehen zu können. Aus diesem Grund wird für die folgenden Untersuchungen der Ansatz des dynamischen Kulturbegriffs nach Maletzke herangezogen.

[3] „Kultur lässt sich beschreiben als der einer Gruppe gemeinsame Bestand an (Erfahrungs-)Wissen, Denkmustern und Werthaltungen, der in regelgeleiteten Handlungen der Gruppenmitglieder zum Ausdruck gebracht und dabei reproduziert oder modifiziert wird.“ (Maletzke, 1996, S. 16)

Allein anhand dieser Definition lassen sich die ersten Rückschlüsse darauf ziehen, dass man beim riesigen und oftmals ungreifbaren Gebilde des Internet heute bereits von einer Netzkultur sprechen kann, da sich Wissen, Denkmuster und Werthaltungen in jenem ständig zeigen, verbreiten und verändern. Dass es bei einem so regen kulturellen Austausch wie zwischen den einzelnen, im Internet vertretenen Subkulturen unzweifelhaft zu Spannungen und Diskrepanzen kommen muss, steht außer Frage.

Dennoch unterscheiden sich diese infolge computervermittelter Kommunikation erzeugten Reibungen wesentlich von den traditionellen interkulturellen Konflikten, die bislang immer wieder als Ergebnis mangelnder Empathie beschrieben werden. Gleichwohl sind es der multikulturelle Charakter, den heutzutage nahezu alle modernen Gesellschaften vorweisen und die Entwicklung der neuen Medien, die weltweite interkulturelle Kommunikation vermitteln, die zunehmend den Ruf nach interkultureller Kompetenz[6] verspüren lassen.

III. Entstehungsgeschichte des Internet

Die erste erfolgreiche Sputnik-Mission im Jahre 1957 durch die Sowjetunion markiert einen der Ausgangspunkte für die Entwicklung von dem, was Ende der 60er Jahre als experimenteller Rechnerverbund begann und heute als Internet bekannt ist. Denn durch jenen Vorstoß der Sowjets in den Anfangszeiten des Kalten Krieges fürchtete die US- amerikanische Regierung, die Vereinigten Staaten von Amerika könnten ihre führende militärische Rolle verlieren. Infolgedessen entschied man sich Anfang 1958 zur Gründung der Advanced Research Projects Agency (ARPA), die im Rahmen unzähliger Forschungsprogramme mit der Entwicklung innovativer Technologien betraut wurde. Einer der Gründungsväter, Joseph Carl Robnett Licklider, war in den Anfangsjahren des Instituts maßgeblich am Vorantreiben der Computertechnologie beteiligt, wodurch die Voraussetzungen für einen späteren Rechnerverbund geschaffen wurden. In einem 1960 verfassten Artikel mit dem Titel „Man-Computer-Symbiosis“ beschäftigte er sich frühzeitig mit dem psychologischen Auswirkungen einer Mensch-Maschine­Kommunikation. Bereits während dieser Zeit vereinbarte die ARPA Forschungsaufträge mit den damaligen Zentren der amerikanischen Computerwissenschaft, wie Stanford, dem Massachussettes Institute of Technology (MIT), der University of California in Los Angeles (UCLA) sowie einigen privaten Firmen, also mit jenen Kontenpunkten, die Jahre später das Ur-Internet gründen sollten.

Licklider’s Nachfolger Bob Taylor kam 1965 erstmals die Idee, die Computer der einzelnen Einrichtungen miteinander kommunizieren zu lassen. Somit war der Gedanke geboren, die Rechner über elektronische Verbindungen zu einem experimentellen Netzwerk zu verknüpfen. Obwohl einige der damaligen Gründe für die Schaffung eines Netzwerkes, wie Lösungen für die Ressourcenknappheit, auch im heutigen Internet noch immer relevant sind, spielten in jener Zeit ebenso militärische Aspekte eine gewichtige Rolle.

Als erster Host wurde die University of California in Los Angeles (UCLA), die mit dem Sigma-7-Rechner von Scientific Data Systems und dem 7094 von IBM 2 Großrechner besaß, die mehrere Räume füllten, am 1. September 1969 angeschlossen. Einen Monat später folgte der SDS 940 Großrechner am Stanford Research Institute (SRI), wodurch das erste wirkliche aus 2 Knoten bestehende Netzwerk geboren wurde, welches die Ingenieure daraufhin ARPA-Network beziehungsweise ARPANET tauften. Im einmonatigen Abstand folgten daraufhin die University of California in Santa Barbara (UCSB) und die University of Utah in Salt Lake City (UU) (Vgl. Abb. III. 1).

Abbildung III.1: Skizze des 4-Knoten-ARPANET im Dezember 1969

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dem ersten Zusammenschluss mehrerer unterschiedlicher Rechner an der Westküste sollte bald der nächste Meilenstein in Form einer Verbindung zur Ostküste folgen, an der mit dem MIT, BBN und der ARPA technologisch und strategisch wichtige Punkte gelegen waren.

Das durchschnittliche Wachstum von einem Knoten pro Monat, mit dem sich das ARPANET Sommer 1970 um Standorte wie das MIT, die RAND Corporation, die System Development Corporation und Harvard ausbreitete, scheint nach heutigen Gesichtspunkten allenfalls als Maßstab für die Connectivity eines verarmten Entwicklungslandes angebracht.

Weitere technologische Neuerungen wie die Einführung von Terminal-IMPs (TIP) und des File Transfer Protocols (FTP) sollten die Architektur und Verwendungsmöglichkeiten des Netzes in den folgenden Jahren grundlegend ändern. Einen weiteren Eckstein stellte 1972 die Einführung der Mailprogramme SENDMSG und RF.ADMAIL dar, mit deren Hilfe erstmals elektronische Post zwischen zwei Rechnern zugestellt werden konnte. Aus heutiger Sicht ist das von deren Programmierer Ray Tomlinson gewählte @-Zeichen für die Trennung von Benutzernamen und Maschinen gleichbedeutend mit dem Siegeszug, den E-Mail daraufhin antrat. Die Bedeutung, die diese neue Funktion innerhalb des ARPANETS, nicht allein vom technischen Standpunkt aus gesehen, gewinnen sollte, bezeichnet folgendes Zitat nur allzu trefflich:

[4] „Vom technischen Standpunkt aus gesehen, war Tomlinsons Programm trivial, vom kulturellen aus jedoch revolutionär.“ (Hafner/Lyon, 1997, S. 227)

Die Schaffung einer völlig neuen Kommunikationsform frei von kulturellen Zwängen sollte erstmals zeigen, dass die Bildung virtueller Gemeinschaften im Netz, beispielsweise über Netzwerk-Mailinglists, in der Lage sein kann, den Einwirkungsgrad kultureller Dimensionen auf ein Minimalmaß zurückzufahren.

Im Zuge des Erfolges des ARPANET wurden weitere Netzwerke entwickelt, wie zum Beispiel das Radio Packet Network, ein Funknetzwerk mit mobilen Endgeräten, das ALOHANET, ebenso ein Funknetzwerk auf den Hawaiianischen Inseln, das SATNET, ein Satellitennetzwerk mit Verbindungen unter anderem nach Großbritannien, Norwegen und Deutschland, CYCLADES, eine französische Version des ARPANET von Louis Pouzin, sowie eine Vielzahl von privaten unternehmenseigenen Vernetzungskonzepten. Die folgenden Anstrengungen die Vielzahl einzelner Netze in irgendeiner Form miteinander zu verknüpfen, wurden mit der Einführung neuer technischer Standards wie TCP/IP bald von Erfolg gekrönt und ermöglichten es seither, jedes beliebige Netz mit dem fortfolgenden „Netz der Netze“, dem Internet zu verbinden.

Als sich Ende der 80er Jahre das Internet zu einer maschenförmigen Einheit unzähliger kleiner Netzwerke gewandelt hatte und das einstige Kernstück, das ARPANET, nur noch eines unter vielen war, beschloß man, das mittlerweile kostenintensive und langsame Netz zu Gunsten schnellerer und einfacher zugänglicher Systeme stillzulegen,[7] was letztendlich Ende 1989 mit den folgenden Worten eines der Gründungsväter des Netzwerkes auch geschah:

[5] „Am Anfang schuf die ARPA das ARPANET. Und das ARPANET war wüst und leer. Und es war finster in der Tiefe. Und der Geist der ARPA schwebte auf dem Netzwerk, und die ARPA sprach: ,Es werde ein Protokoll/ Und es ward ein Protokoll. Und die ARPA sah, dass es gut war. Und die ARPA sagte: ,Es seien mehr Protokolle/ Und es geschah so. Und die ARPA sah, dass es gut war. Und die ARPA sagte: ,Es seien mehr Netzwerke/ Und so geschah es.“ (Hafner/Lyon, 1997, S. 304)

Tabelle III.1: Entwicklung der Internet-Hosts 1969 bis 2002

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Internet Software Consortium (http://www.isc.org/ [Stand 24.05.2002])

Im Laufe des folgenden Jahres entwickelte Tim Berners-Lee im Genfer Forschungslabor Conseil Europeen pour la Recherche Nucleaire (CERN) das World Wide Web (WWW), welches seinen Benutzern einen multimedialen Zugang zu Internet ermöglichte.

Aufgrund der Vielzahl neuer Anwendungen, die das Internet seinen Nutzern von da an zu bieten vermochte, war dessen Siegeszug erst recht nicht mehr aufzuhalten - wenn er es überhaupt je gewesen ist (Vgl. Tab. III. 1).

Kulturschock

Wenn in dieser Arbeit vom „Global Village“, dem globalen Dorf gesprochen wird, dann stets mit Bezug auf das Internet, dass sich zunehmend als universeller Sammel- und Treffpunkt für Individuen unterschiedlichster Herkunft und kultureller Abstammung herauskristallisiert. Dies impliziert jedoch zugleich, dass von der interkulturellen Perspektive her betrachet das Internet von einer Plattform für verschiedene Kommunikationsformen zum „Melting Pot“ der Kulturen transformiert. Als Resultat dieser Entwicklung sollte man auch hier fast zwangsweise das vermehrte Auftreten des so oft beschriebenen „Kulturschocks“ vermuten. Wie Bracht bereits definiert, handelt es sich dabei um

[6] „... die Summe von Reaktionen eines Fremden, der die Sicherheit des ihm Vertrauten verloren hat.“ (Bracht, 1994, S. 91)

In Anlehnung an Brislin führt Bracht weiterhin aus, dass derartige Zustände einerseits von im Ausland lebenden Menschen oder andererseits beim Aufeinandertreffen von Individuen unterschiedlicher kultureller Gruppen eines Landes erlebt werden . Eine Möglichkeit, die dabei noch vollkommen außer Acht gelassen wurde, ist die kontinuierliche Interaktion zwischen Angehörigen verschiedenster Kulturen im globalen Dorf Internet. Zwar sind die Prämissen, unter denen die Kontakte im Internet zustande kommen anderer Art, dass heißt nicht wie üblich im Rahmen von Face-to-Face- Kommunikation, dennoch sollten sie für einen Vergleich heranziehbar sein.

Bei einer näheren Betrachtung der Situation und dem Versuch, die Theorie des Kulturschocks auch auf den kulturellen Austausch im Internet anzuwenden, muss man[8] jedoch relativ überrascht feststellen, dass Symptome, wie sie beteiligte Individuen im traditionellen Rahmen zeigen, bei der Interaktion in jenem technologiebasierten Medium nicht auffindbar sind. Und obwohl sich mancher Internet-Nutzer beim Surfen in ausländischen Teilnetzen oftmals verunsichert oder auch verloren fühlt, ist dies wahrscheinlich weniger auf die Unterschiede zwischen Eigen- und Fremdkultur, als vielmehr auf die herrschende Informationsüberflutung zurückzuführen. Ferner stellt sich selbst die bewusste Wahrnehmung oder auch Suche nach derartigen kulturellen Diskrepanzen hierbei als schwierig heraus, da aufgrund der weltweiten Homogenität aller Ebenen des Internet diese kaum existieren.

Der Hauptgrund für die Abstinenz beziehungsweise das Nichtauftreten des Phänomens Kulturschock im Zuge interkultureller Interaktionen im Internet scheint jedoch die Tatsache zu sein, dass Letztere oft zeitlich stark eingeschränkt bleiben und zu jedem beliebigen Zeitpunkt durch die beteiligten Individuen abgebrochen werden können. Die Eigenkultur, die das Internet seit seiner Entstehung entwickelt hat und in der Merkmale einzelner Kulturen nur stark defizitär vertreten sind, trägt zudem zu diesem Umstand bei.

IV. Möglichkeiten im Internet

IV.1. Akteure und Funktionsweise

Bei einer Internet-Interaktion[9] handelt es sich um eine Kommunikation, die sich aus 4 Bestandteilen zusammensetzt: 1) eine Verbindung herstellen, 2) die Nachfrage nach Informationen, 3) die Antwort auf die Nachfrage und 4) die Verbindung beenden. Dabei treten in den meisten Fällen folgende 4 Akteure in Erscheinung: die Netzbetreiber, zumeist große Telekommunikationsunternehmen oder aber große Provider, welche die Leitungswege für die Datenübertragung zur Verfügung stellen; die Internet Service Provider (ISP), welche über einen von ihnen betriebenen Einwahlknoten einen gebührenpflichtigen Zugang zum Internet herstellen; die Inhaltanbieter, welche ihre Produkte oder Services via Internet zu vertreiben versuchen und letztlich die Nutzer, welche jene Leistungen nachfragen.

Die Funktionsweise, nach der zuvor beschriebene Akteure miteinander interagieren, ist das Client/Server-Prinzip, bei dem die Informationen in Form einzelner Datenpakete von einem Rechner zum anderen gelangen. Jeder dieser Rechner ist durch eine 4-teilige IP-Adresse eindeutig identifizierbar, wodurch Informationen auch über die verschlungensten Wege stets ihren Empfänger finden. Mit steigender Beliebtheit des Netzes und der Erweiterung der verfügbaren Dienste entstand die Notwendigkeit, ein für jedes sich im Internet bewegende Individuum verständliches Adresssystem einzuführen. Die Umsetzung des Konzeptes der Uniform Resource Locator (URL), welche sich einfach in multimediale Anwendungen wie Web-Browser einbinden ließ, wurde diesem Anspruch gerecht. Dadurch ist es möglich, die in Kapitel IV.2. beschriebenen Dienste innerhalb einer Anwendung abzurufen. Diese Entwicklung erklärt, warum das World Wide Web dem klassischen Internet mehr und mehr „den Rang abläuft“ und beide zunehmend in einem Atemzug genannt werden.

Kommunikationsmodelle & Interkulturelle Kommunikation

Die weltweite Vernetzung von Computern im Netz der Netze ermöglicht demnach eine neue Form von Kommunikation, deren Bedeutung ständig wächst. Dabei soll keinerlei Beschränkung auf eine reine Mensch-zu-Mensch-Kommunikation getroffen werden,
vielmehr übernehmen zunehmend Maschinen den Part des Senders oder Empfängers und agieren anhand von Automatismen. Computervermittelte Kommunikation (CvK)[10] unterliegt jedoch auch besonderen Bedingungen und ist entgegen den Erwartungen in großen Teilbereichen eher sprechsprachlich als schriftsprachlich konzipiert.

Anhand eines einfachen Kommunikationsmodells lässt sich veranschaulichen, dass die Prinzipien der Übertragung von Informationen auch im Internet zutreffen (Vgl. Abb. IV.1.1). Auf den ersten Blick sind die Voraussetzungen für das Zustandekommen einer derartigen Kommunikation die gleichen wie bei den traditionellen, direkten mündlichen Formen. Bei dem Versuch, diese Bedingungen auf die postmodernen medialen Kommunikationswege wie das Internet zu transformieren, lässt sich jedoch eine teilweise Abweichung von diesen Zwängen feststellen.

Abbildung IV.1.1: Einfaches Kommunikationsmodell

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Gappa (URL: http://ki.informatik.uni-wuerzburg.de/lehre/vorlesungen/ws-98-99/sprache/folien/ Kapitel 1 -2/sld016.htm [Stand 24.05.2002])

In einem konventionellem Face-to-Face-Gespräch ist es notwendig, dass sich Sender und Empfänger zur selben Zeit am (annähernd) selben Ort befinden. Infolge des rasanten technischen Fortschritts und durch das zunehmende Ersetzen des Menschen durch Maschinen entsteht jedoch die Möglichkeit zur asynchronen, das heißt zeitversetzten, Kommunikation zwischen Sender und Empfänger. So besitzt heutzutage nahezu jedes Unternehmen auf seiner Internetpräsenz Kontaktformulare, die ohne jeglichen Benutzereingriff auf Empfängerseite Anfragen in regelmäßigen Intervallen beantworten.

Nichtsdestotrotz bleibt es auch bei computervermittelter Kommunikation weiterhin unausweichlich, dass sich Sender und Empfänger, ganz gleich, ob Mensch oder Maschine, eines gemeinsamen Sprachwissens, das heißt eines gemeinsamen Codes bedienen. Teilen jene in diesem Punkt keine Schnittmenge, so ist das Scheitern der Kommunikation in den meisten Fällen vorprogrammiert. Darüber hinaus vereint beide ein sogenanntes gemeinsames Weltwissen, welches als Vorstellung über bestimmte Abläufe, Prozesse und Sachverhalte in der umgebenden Welt verstanden wird. Ohne ein solches Wissen wären Sender und Empfänger nicht in der Lage, bestimmte Informationen zu verstehen, selbst wenn sie sich des gleichen Sprachcodes bedienen (Vgl. Abb. IV.1.2).

Abbildung IV. 1.2: Erweitertes Kommunikationsmodell

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: in Anlehnung an Gappa (URL: http://ki.informatik.uni-wuerzburg.de/lehre/vorlesungen/ws-98- 99/sprache/folien/Kapitel1-2/sld016.htm [Stand 24.05.2002])

An dieser Stelle lässt sich ebenso der Hauptansatzpunkt für die Analyse interkultureller Kommunikationsprobleme finden. Interagieren Teilnehmer unterschiedlicher Kulturräume miteinander, werden sie in ihrer Auffassung primär von dem ihnen angehörigen Weltwissen geleitet. Im interkulturellen Kontext wird dieses zu einem großen Teil durch die Werthaltungen und Denkmuster ihres jeweiligen Kulturkreises beeinflusst (Vgl. Kap. II.2.). Das eigene Mitteilungsvermögen und die Decodierungsmöglichkeiten für Informationen und Verhalten beschränken in diesem Zusammenhang.

Da Kommunikationssignale auch während computervermittelter Kommunikation selektiv wahrgenommen werden, treten während Letzterer vermehrt Reibungen auf. Nicht selten beruhen diese auf der Existenz von Vorurteilen, die sich zu einem früheren Zeitpunkt aufgrund von unterschiedlichen Betrachtungsweisen der Werte des Interaktionspartners oder aber aus Unkenntnis herausgebildet haben. Diese Vorurteile entstammen jedoch in den überwiegenden Fällen der physischen und nicht der virtuellen Realität der beteiligten Personen. In Letzterer, in der sich Individuen frei von den Konventionen traditioneller Kulturen bewegen, beschränken sich kulturelle Barrieren fast ausschließlich auf die semantische Ebene. Die Wahl einer „lingua franca“ (Vgl. Kap. IV.4.) für die Bewegung in großen Teilen des Internets konstituiert daher die Hauptursache für das Auftreten von Kommunikationsproblemen. Nach dem Modell in Abbildung IV. 1 bedeutet dies, dass sich Kommunikationspartner im Internet, je nach dem in welchen Teilbereich sie sich bewegen, zwar grundsätzlich auf einen gemeinsamen Sprachcode verständigen, dieser jedoch in vielen Fällen fehlerhaft angewandt wird. Missverständnisse im interkulturellen Kontext können demnach oft die Folge sein. So kann es beispielsweise vorkommen, dass so mancher deutscher oder US- amerikanischer Internet-Surfer sich verwundert fragt, was denn so „speziell“ am „Espace particulier“ auf vielen Websites französischer Unternehmen ist.

Eine Gemeinsamkeit, die physische und virtuelle Realität in diesem Zusammenhang immer wieder aufweisen, ist das Phänomen der sogenannten „faux-amis“, das heißt von Begriffen, die in unterschiedlichen Sprachen äußere Ähnlichkeit aufweisen, jedoch nicht dieselbe Bedeutung haben[11]. Nur ein Beispiel aus dieser seitenlangen Liste ist das Wort „aktuell“, dessen französische Entsprechung „actuel“ den gleichen Wortsinn erhält. Im Englischen wird „actual“ jedoch in einem völlig anderen Zusammenhang gebraucht. „Actual“ entspricht hier „eigentlich“, währenddessen die korrekte Übersetzung für „aktuell“ sollte „current“ lauten.

Obwohl wie in Kapitel III. ausgeführt die Wahrscheinlichkeiten für das Auftreten solcher „Extrema“ wie das eines Kulturschocks beim interkulturellen Austausch im Internet relativ gering scheinen, sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass auf rein kommunikativer Ebene durchaus Reibungen zu erwarten sind. Die in der physischen Welt zweifelsohne vorhandene Kommunikationskluft praktischer und auch kultureller Art [12], wird sich dabei wohl verstärkt auf die letztere der beiden Barrieren konzentrieren. Daher wird es auch im Umgang mit dem Internet, vor allem als Kommunikationsmedium, immer wichtiger werden, neben den notwendigen technischen Fähigkeiten, den sogenannten Hard Skills, die entsprechenden nicht­technischen Soft Skills zu entwickeln. Mit wachsender Bedeutung des Internet wird sich in diesem Zusammenhang auch zunehmend der Begriff der interkulturellen Kompetenz mehr und mehr etablieren.

IV.2. Internet-Dienste

Der Begriff Internet-Dienste beschreibt die verschiedenen Service-Funktionen, die das Internet zur grundsätzlichen Übertragung von Daten beziehungsweise Dateien zwischen entfernten Rechnern bietet[13] . Der historischen Einordnung nach werden die Internet­Dienste häufig in die klassischen, seit Beginn des ARPANET existierenden, und die neueren Informations- und Kommunikationsdienste unterteilt, wobei über deren Entstehung und gegenseitige Ableitung im eigendynamischen Internet konträre Meinungen kursieren. Entsprechend der Einordnung nach historischen Kriterien gehören der Gruppe der klassischen oder auch Basisdienste folgende Applikationen an:

- E-Mail (Elektronische Post)
- Telnet (Fremdzugriff auf entfernte Rechner)
- FTP (Dateitransfer)

Zu den später entwickelten Informations- und Kommunikationsdiensten zählen unteren anderen:

- Newsgroups (Diskussionsforen, elektronisches “schwarzes” Brett)
- Mailinglists (Briefverteilerlisten)
- Archie (Dateisuche auf FTP-Servern)
- Gopher / VERONICA (Internet-Informationssystem)
- WAIS (Dokumentensuchprogramm)
- Chat (Online-Unterhaltung)
- WWW
- Sonstige

[...]


[1] Quelle: Nua Internet Surveys (URL: http://www.nua.ie/surveys/ [Stand 24.0.2002])

[2]Vgl, Döring, 1999, S. 236 ff.

[3] Vgl. Lampe, 1996, S. 22

[4] Vgl. Quatermann, 1994, Lampe 1996, S. 23

[5] Vgl. Grubb/Kanellakis/Lübbeke, 1995, S. 20

[6]Vgl. Flechsig, 1998, S. 5

[7] Dimensionen, in denen sich eine Kultur beschreiben lässt und in denen sie sich von anderen Kulturen unterscheidet (Maletzke, 1996)

[8] Vgl. Bracht, 1994, S.91; Brislin, 1981, S. 155

[9]Vgl. Utescher, 1999, S. 27

[10] Vgl. Döring, 1999, S. 34

[11] Vgl. Barmeyer, 1996, S. 26 ff.

[12] Vgl. Lewis, 2000, S. 113

[13] Vgl. Stolpmann, 1997, S. 139

Details

Seiten
83
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783640596560
ISBN (Buch)
9783640596911
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v148469
Institution / Hochschule
Westsächsische Hochschule Zwickau, Standort Zwickau – Fachbereich Sprachen
Note
2,1
Schlagworte
Internet; Kulturen; eCommerce; WWW Frankreich Deutschland USA TCP/IP PC Computer; FTP Minitel; BTX Gesellschaft Werte Normen Interkulturelle Unterschiede Kommunikation Training interkulturell intercultural business culture Kultur Vergleich

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Titel: Internet und Kulturen