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Die Höhle von Castleton als Ziel in Karl Philipp Moritz‘ „Reisen eines Deutschen in England im Jahr 1782“

Eine Enttäuschung der Erwartungen

Seminararbeit 2008 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Ein- und Wiederaustritt aus der Höhle
2.1. Die Wahrnehmung des Höhleneingangs
2.2. Das Verlassen der Höhle

3. Ästhetische Motive in der Beschreibung

4. Schlussbetrachtungen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Einen großen Verdienst erzielte die Literaturwissenschaft mit der Wieder­entdeckung des Aufklärungsschriftstellers Karl Philipp Moritz, nachdem dieser im 19. Jahrhundert nahezu ins Vergessen geraten war.[1] Gerade seine enorme literarische Vielfältigkeit zeichnet ihn als einen von der Unruhe angetriebenen[2] Suchenden, und damit als einen typischen Repräsentanten „seiner Epoche des Hochsubjektivismus“[3] aus. Der empfundenen Beklemmung seiner eigenen Situation entfliehend, reiste Moritz im Frühjahr 1782 nach England, für dessen Kultur und Fortschritt er eine Sympathie entwickelt hatte.[4] Nach dem bunten Treiben in der Weltmetropole London, dessen Reize er neugierig aufgesaugt, aber auch ambivalent betrachtet hatte, setzte er seine weitere Reise durch ländlichere Regionen zu Fuß fort.

„Das Ziel meiner Reise, was ich mir nun gesetzt hatte“, so erklärt der Reisebeschreiber, „war die große Höhle bei [C]astleton, in dem hohen Peak, von Darbyshire“[5]. Da dementsprechend der Besuch der Höhle für Moritz einen Höhepunkt kennzeichnet, stellt sich zunächst die Frage, ob und wie sich in dessen Beschreibung Erwartungen nachweisen lassen. In einem ersten Abschnitt wird hierfür Moritz‘ Wahrnehmung des Höhleneingangs betrachtet, die im Weiteren mit seinem Wiederaustritt verglichen wird. Neben Parallelen und Unterschieden ist aber auch von Interesse, wie beide Situationen in einen Zusammenhang gebracht werden können. Eine solche Betrachtung wird im Anschluss unter dem Gesichtspunkt ästhetischer Leitmotive in Moritz Naturwahrnehmung vorgenommen. Unter Außerachtlassung der Reise durch die Höhle selbst beabsichtigt diese Arbeit ihre These ausschließlich mit dem Vergleich des Ein- und Ausgangs in Verbindung mit dessen ästhetischen Rahmen zu prüfen.

2. Der Ein- und Wiederaustritt aus der Höhle

2.1. Die Wahrnehmung des Höhleneingangs

Noch bevor Moritz in die eigentliche Höhle eintritt und das Tageslicht hinter sich lässt, hält er voller Faszination am Eingang inne. Seine optischen Eindrücke fasst er hier in Worte, die er mit gemischten Gefühlen betrachtet:

Hier stand ich eine Weile voller Bewunderung und Erstaunen über die entsetzliche Höhe des steilen Felsen, den ich vor mir erblickte, an beiden Seiten mit grünem Gebüsch umwachsen, oben die zerfallenen Mauern und Thürme eines alten Schlosses, das ehemals auf diesem Felsen stand, und unten an seinem Fuße die ungeheure Oefnung zum Eingange in die Höhle, wo alles stockfinster ist, wenn man auf einmal von der hellen Mittagssonne hinunter blickt.[6]

Moritz‘ Begeisterung drückt sich indirekt besonders in der umfangreichen Beschreibung aus. In einem einzigen Satz schildert Moritz seine Eindrücke und zeigt ein detailiertes, ganzheitliches Bild auf. Dabei beziehen sich die Richtungsangaben stets auf den Felsen als Mittelpunkt, der dem Höhleneingang einen imposanten Rahmen verleiht. Bei genauerer Betrachtung gibt Moritz nicht bloß eine Bestandsaufnahme, sondern geht dabei systematisch vor. Im ersten Blick erfasst er das grüne Gebüsch zu beiden Seiten des Felsens, bis sich sein Blick in die „entsetzliche Höhe“ zur Felsenspitze wendet. Er beschreibt damit den Rahmen, in den der eigentliche Höhleneingang eingebettet ist. Beide Blickrichtungen kontrastieren miteinander und können als eine Charakteristik des Betretens der Höhle angesehen werden. Nicht nur dass der Eingang zu „beiden“ Seiten von grünem Gebüsch flankiert ist, sondern der Felsen ist damit sogar „um wachsen“. Bildlich betrachtet wird so der Felsen vollkommen in das Erscheinungsbild der Natur integriert. Die Natur selbst ist es, in der Moritz sich sicher und geborgen fühlt, was sich in seiner Natursymbolik widerspiegelt.[7]

Ganz im Gegensatz hierzu erblickt Moritz hoch oben über dem Höhleneingang eine Ruine, die auf dem Felsen thront. Seine Blickrichtung ist nun nicht mehr ebenerdig, sondern in die Höhe gerichtet, was man als eine räumliche Ferne ansehen kann. Die erhabene Ruine selbst symbolisiert hier den Blick in die Vergangenheit, das wiederum bedeutet in eine zeitliche Ferne.

In Moritz‘ Beschreibung des verfallenen Bauwerks ergibt sich zunächst ein Widerspruch. Vor sich sieht er „zerfallene Mauern und Thürme“, allerdings eines „Schlosses“, nicht einer Ruine. Der Begriff „Schloss“ bezeichnet einen Zustand, der hier nicht mehr ist. Erst durch den Nachtrag „ehemals“ wird das Schloss in die Vergangenheit eingeordnet. In der Beschreibung werden hier Vergangenheit und Gegenwart nebeneinander gestellt und eine Tendenz hervorgehoben. „Erst der Zerfall eines Bauwerks macht seinen eigentlichen ästhetischen Wert aus“[8] und kennzeichnet hier die Rückkehr zur Natur. Dass aber der Betrachter vor sich ein „Schloss“ und nicht eine Ruine sieht, kann auf eine gedankliche Flucht in die Vergangenheit hinweisen, in der er sich geborgen fühlt.[9]

Ungeachtet dessen stellt Moritz den Gegensatz von Natur, in Form der Gebüsche, und dem Schloss, als vergängliches Zeugnis der Menschheit, betont dar. Die Überbleibsel des Schlosses bezeichnet er als „zerfallen“ und kennzeichnet die umgebende Natur hingegen als jung. Nicht Bäume, sondern Gebüsche umwachsen den Felsen und erfahren mit dem Attribut „grün“ eine Steigerung. Als Metapher steht „grün“ nicht nur für jung, sondern auch für frisch und lebendig. In Verbindung mit der oben angesprochenen Rückkehr zur Natur, ist sie das eigentliche Ziel, die hier nun eine Verjüngung verspricht.

Die bisherige Rahmenschau ist in sich zusammenhängend und aufeinander bezugnehmend geschrieben, und der Reisebeschreiber ist ein Teil der Beschreibung. Er schreibt von sich in der 1. Person. Mit dem Umschwenken auf den eigentlichen Höhleneingang ändert sich das abrupt. Die anschließende Passage wird mittels einer beiordnenden Konjunktion angefügt und eingeleitet, und erscheint dadurch aber nicht nur separiert, sondern auch hervorgehoben: „[…] und unten an seinem Fuße die ungeheure Oefnung“. Was bisher „Bewunderung und Erstaunen“ ausgedrückt hat, schlägt nun in Furcht um. Den Eingang in die Höhle selbst empfindet er als „ungeheure Oefnung“, deren Durchqueren ihm im Wortsinn nicht „geheuer“ erscheint. Diesen Blick ins dunkle Ungewisse beschreibt Moritz nun gänzlich unpersönlich. Er weist allgemein darauf hin, wie stockfinster es dort sei, wenn „man“ sich von der hellen Sonne aus der Höhle zuwende. Mit der unpersönlichen Form ist der Reisebeschreiber in eine sachlichere Beschreibung übergegangen, die sich hier als emotionale Distanzierung deuten lässt. Die Furcht, die damit anklingt, wird durch den extremen Hell-Dunkel-Kontrast[10] hervorgehoben und erzeugt eine fassbare (An‑)Spannung[11]. Dem „stockfinster[en]“ Höhleninneren stellt er die „helle“ Mittagssonne, aus der er austritt, gegenüber. Der Gegensatz ist hier als richtungsweisend zu betrachten, wenn der Reisende nun wie in einen Abgrund „hinunter“ blickt. Die Beschreibung ist hier nicht als Schilderung des Gesehenen anzusehen, sondern vielmehr als Reflexion seiner Empfindungen. Was er erwartet, ist dem Licht als Symbol für das Leben entgegengesetzt. Das beweist der Vergleich mit einer Passage kurz nach dem Eintreten in die Höhle:

Der Weg ging etwas abschüssig hinunter, so daß sich der Tag, welcher durch die Oefnung beim Eingange hineinfiel, allmälig in Dämmerung verlor.[12]

[...]


[1] Vgl. Schrimpf, Hans Joachim: Karl Philipp Moritz. Stuttgart: Metzler 1980. S. 1f.

[2] Vgl. Langen, August: Karl Philipp Moritz‘ Weg zur symbolischen Dichtung. In: Zeitschrift für

deutsche Philologie 81 (1962). S. 195.

[3] Ebenda.

[4] Vgl. Jagla-Laudahn, Heike: Leib, Phantasie und Schrift im Zeitalter der Aufklärung:

Untersuchungen zum Leben und Werk von Karl Philipp Moritz. Ammersbek bei Hamburg:

Verlag an der Lottbek 1994. S. 172f.

[5] Moritz, Karl Philipp: Reisen eines Deutschen in England im Jahr 1782. München: Süddeutsche Zeitung GmbH 2007. S. 119.

[6] Moritz, K. P.: Reisen in England. S. 127.

[7] Vgl. Langen, A.: Symbolische Dichtung. S. 184f.

[8] Jagla-Laudahn, H.: Leib, Phantasie und Schrift. S. 190.

[9] Vgl. Ebenda. S. 189.

[10] Vgl. Heidmann Vischer, U.: Die eigene Art zu sehen. S. 149.

[11] Vgl. Ebenda.

[12] Moritz, K. P.: Reisen in England. S. 128.

Details

Seiten
14
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640583430
ISBN (Buch)
9783640582693
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v148281
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Germanistische Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Höhle Karl Philipp Moritz England 1782 Ästhetik

Autor

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