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Johann Christoph Heinrich Hölty - poetischer Dilettantismus oder vergessene Begabung?

Seminararbeit 2003 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. EINLEITUNG

II. HAUPTTEIL
1. Leben
1.1. Kindheit und Jugend zwischen Mariensee und Gottingen
1.2. Holty und der Gottinger Hain
2. Werk
2.1. Das dichterische Erbe Holtys
2.2. „Die Maynacht“ (1774) - eine Interpretation
2.2.1. Holtys „Die Maynacht“ (1774) im Vergleich mit Klopstocks „Die Sommernacht“(1766)
2.2.2. Vom hohen Ton zur belebten Einfachheit: Holtys Weiterentwicklung der Klopstocksprache

III. SCHLUSS

IV. LITERATURVERZEICHNIS

I. Einleitung

Wirft man heute einen Blick auf die Lyrik des Sturm und Drang, so bleibt dieser zunachst an Goethes Erlebnislyrik, Herders Volksliedsammlung oder Burgers Anfangen der deutschen Kunstballade haften. Schaut er etwas genauer hin, fallt dem Betrachter vielleicht noch eine kleine studentische Gruppe junger Literaten aus Norddeutschland ins Auge, die zu Beginn der 70er Jahre des 18. Jahrhunderts mit ihren poetischen Bemuhungen in ihrer Universitatsstadt eine Weile fur Furore gesorgt hat. Gemeint ist der 1772 gegrundete Dichterbund „Gottinger Hain“, dessen Mitglieder heute weitestgehend in Vergessenheit geraten sind - betrachtet man diesen Kreis ob seiner kultischen Bundespraxis[1] doch eher mit spottischer Distanz... Die Dichter des Gottinger Hains gelten oft als poetische Dilettanten, da sie mehr nachahmend[2] tatig waren als daB sie eine eigenstandige Dichtung hervorgebracht hatten. In der Forschung sind die Namen und Werke dieser Dichter in den Schatten ihrer beruhmten Zeitgenossen zuruckgetreten. In diesem Schatten und als Bundesmitglied in dem Schatten, der vom Negativbild des Bundes herruhrt, steht Ludwig Christoph Heinrich Holty. Schon fruh, im Alter von 26 Jahren, formulierte dieser Dichter des Gottinger Hains den Selbstanspruch: „[...] Ich will kein Dichter sein, wenn ich kein groBer Dichter werden kann. Wenn ich nichts hervorbringen kann, was die Unsterblichkeit an der Stirne tragt, [...] so soll keine Silbe von mir gedruckt werden. Ein mittelmaBiger Dichter ist ein Unding!“[3] Ein „groBer Dichter“ ist er wohl nicht geworden, zumindest nicht, was seine gegenwartige Popularitat betrifft. Doch ist er deshalb bloB ein „mittelmaBiger Dichter“, einer der poetischen Wichtigtuer und Dilettanten des Gottinger Kreises, sprich k e i n Dichter des Sturm und Drang?

Setzt man als MaBstab die Quantitat der Forschungsberichte, die uber sein Leben und Werk vorliegen, mag man schnell zu einer solchen Annahme kommen. Erst seit 1998 liegt mit der Werkausgabe Walter Hettches erstmals eine philologisch korrekte kritische Ausgabe der Gedichte und historischen Zeugnisse Holtys vor. Holty selbst hat es aufgrund seines fruhen Todes nicht mehr zu einer Ausgabe seiner Gedichte geschafft. Aus seinem NachlaB haben dann zwei seiner Bundesbruder, Johann Heinrich VoB und Friedrich Leopold zu Stolberg, 1783 und, in uberarbeiteter Auflage, 1804 die erste Sammlung seiner Gedichte herausgegeben. Allerdings haben die Herausgeber stark in das Werk Holtys eingegriffen und es nach ihrem Dafurhalten verandert. Der Versuch einer ersten historisch- kritischen Ausgabe wurde 1914-1918 erstmals von Wilhelm Michael gestartet, allerdings gilt diese Sammlung heute als unvollstandig und philologisch nicht korrekt. Gleiches gilt fur die Ausgabe Uwe Bergers von 1966.

Die Forschungsliteratur zum Gottinger Hain fallt insgesamt recht mager aus. So erschien als einziges eigenstandiges Werk uber Holty 1964 die Dissertation von Oberlin-Kaiser, das alteste Werk, das ich fur diese Arbeit verwendet habe. In den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts hat es dann einige Aufsatze und kurzere Kapitel in Literaturgeschichten und Herausgeberschriften uber Holty gegeben (siehe Literaturverzeichnis). Das aktuellste und ausfuhrlichste Werk uber den Gottinger Hain mit einem eigenstandigen Kapitel uber Holty wurde jungst von Hans-Georg Kemper verfaBt und ist 2002 erschienen.

Vollig unbeachtet also scheint Holtys dichterisches Schaffen nicht zu sein. Wenngleich seine Gedichte fur den einen schon an der Grenze zum „Kitsch“ stehen[4], hat es auch immer wieder Stimmen - selbst namhafter Dichter - gegeben, die Holty mit seinem kleinen Werk begeistern und inspirieren konnte. So widmete beispielsweise Eduard Morike ihm 1836 ein Gedicht mit dem Titel: „An eine Lieblingsblume meines Gartens, in deren Stamm ich Holtys Namen schnitt.“[5]

Wer nun also war dieser Mensch, dem Morike einen solchen Tribut zollte und der heute so sehr in Vergessenheit geraten zu sein scheint? Ist er tatsachlich zu Recht im Nebel des Gottinger Hains verblasst? Oder ist er nur ein wenig in Vergessenheit geraten und durchaus ein ernstzunehmender Poet seiner Zeit? Diese Fragen will ich im Folgenden untersuchen. Dabei werde ich zunachst einen Blick auf das kurze Leben Holtys und seine Position im Gottinger Hain werfen. Im zweiten Teil der Arbeit werde ich dann sein Werk naher in Augenschein nehmen und es anhand der Analyse eines Gedichtes auf seine Kunstfertigkeit und Authentizitat hin untersuchen. Holty gilt seit jeher als starker Nachahmer Friedrich Gottlieb Klopstocks. Daher habe ich fur die Analyse sein Gedicht „Die Maynacht“ aus dem Jahre 1774 gewahlt, das einen direkten Bezug auf die von Klopstock 1766 entstandene Ode „Die Sommernacht“ nimmt. Durch einen kurzen Vergleich der beiden Werke soll dann festgestellt werden, ob Holty uber die Imitation hinausgeht und einen eigenstandigen Ton anschlagt. Im Schlussteil werde ich dann auf der Basis dieser Untersuchungen mein Ergebnis formulieren.

I. Hauptteil

3. Leben

3.1. Kindheit und Jugend zwischen Mariensee und Gottingen

Ludwig Heinrich Christoph Holty wuchs - wie so viele Literaten und Dichter seiner Zeit - als altester Sohn einer evangelischen Pfarrersfamilie in Mariensee, nahe bei Hannover, auf. Schon fruh kam er mit Krankheit und Tod in Beruhrung. Der Pfarrer Philipp Ernst Holty und seine Frau Elisabeth Juliana hatten funf Kinder in die Welt gesetzt, von denen drei schon in fruhem Kindesalter starben. Als Ludwig Christoph Heinrich acht Jahre alt war, erkrankte die Mutter schwer an Tuberkulose und verstarb kurz darauf. Auch ihren altesten Sohn qualte schon seit langerer Zeit eine Krankheit, die nach ihrem Tod zum Ausbruch kam. Der junge Holty erkrankte schwer an den Pocken. Zwar uberlebte er diese Krankheit, doch war er durch die vielen zuruckbleibenden Narben fur zwei Jahre fast erblindet und - einst ein hubsches, anmutiges Kind - fur sein weiteres Leben entstellt. Nicht nur auBerlich haben die Schicksalsschlage der Jahre 1756/57 an Holty ihre Spuren hinterlassen. Nach seiner Krankheit zog sich das Kind immer mehr zuruck, galt als Einzelganger, pflegte kaum Kontakte zu Spielgefahrten und anderen Menschen. Dieser Charakterzug haftete ihm sein ganzes weiteres Leben an. Daruber hinaus pflegte er sein auBeres Erscheinungsbild nicht sonderlich, woran sogar seine Freunde AnstoB nahmen.[6]

Die Erziehung des jungen Holty mag zu seiner Introvertiertheit ebenfalls einen Beitrag geleistet haben. Bis zu seinem 17. Lebensjahr hat der Pfarrer seinem Sohn Privatunterricht erteilt. Er lehrte ihn neben theologischen Grundbegriffen vor allem die alten Sprachen, um seinen Altesten auf das Studium der Theologie vorzubereiten. Ab 1765 besuchte Holty die Lateinschule in Celle. Dort lernte er vor allem die deutsche, englische und antike Literatur kennen und lieben. Ostern 1769 immatrikulierte er sich fur das Fach Theologie in Gottingen. Zwar hatte er Zeit seines Lebens den Ruf eines auBerst begabten und fleiBigen Schulers bzw. Studenten - er beherrschte sieben Fremdsprachen! - doch galt er nicht nur als ‘Bucherwurm’. Vielmehr zog er sich stundenlang allein in die Natur zuruck und gab sich seinen Tagtraumen hin. Diese richteten sich vor allem auf eine Person: Anna Juliane Hagemann, von ihm mit dem Namen „Laura“ bezeichnet [7]. Sie war die Frau des Amtmannes von Mariensee und nur wenige Jahre alter als Holty. Aufgrund seiner Gestalt und seiner gesellschaftlichen Zuruckgezogenheit mag er sich Zeit seines Lebens schwer getan haben, mit Frauen Kontakt aufzunehmen. Von einer Liebesbeziehung des jungen Holty ist nichts uberliefert. Die Sehnsucht und Erinnerung an „Laura“ jedoch begleiten den Dichter sein Leben lang. Er widmete ihr zahlreiche Gedichte und schrieb noch sechs Jahre nach seinem Abschied aus Mariensee und damit von „Laura“ in einem Brief an seinen Freund Friedrich von Stolberg:„[...] Auch die Thranen sogar der ewigen Trennung sind suBe Thranen. BeBer immer solche Thranen vergieBen, als gar nicht geliebt haben. Die zweite Liebe kan, glaub ich, nicht den Grad von Enthusiasmus ersteigen, den die erste erreicht.[...]“[8].

In Gottingen wurde er von seinen „Laura“-Schwarmereien abgelenkt und im studentischen Umfeld aus seiner Re]serve gelockt. Immer mehr entdeckte er seine Neigung fur die Literatur und vernachlassigte die Theologie. 1770 bewarb er sich mit einigen Gedichtproben erfolgreich fur die Aufnahme in die „Konigliche Deutsche Gesellschaft fur Literatur“ in Gottingen. Seine aktive Mitgliedschaft war nur von kurzer Dauer, denn er trat in Kontakt mit einigen anderen literarisch interessierten Studenten und grundete mit diesen im Herbst

1772 eine Dichtervereinigung, den „Gottinger Hain“.

3.2. Holty und der Gottinger Hain

Zu Beginn der 70er Jahre des 18.Jahrhunderts kam es in Gottingen zu einem fast zufalligen Zusammentreffen junger literarisch interessierter Studenten, die sich - ganz dem Geist der Zeit folgend - in der Absicht zusammenfanden, eine eigenstandige deutsche Volksdichtung zu entwickeln. Initiator dieses Zirkels war der 25-jahrige Heinrich Christian Boie, der als Hofmeister in Gottingen tatig war. Er grundete 1770 zusammen mit einem anderen Hofmeister namens Gotter nach einem Pariser Vorbild[9] den Gottinger Musenalmanach, eine literarische Zeitschrift. Hierin waren Werke beruhmter zeitgenossischer Dichterpersonlichkeiten wie Klopstock oder Ramler, aber auch Werke junger literarischer Talente und dichterischer Nachkommlinge abgedruckt. Die Musenalmanache erfreuten sich rasch einer groBen Beliebtheit beim Gottinger Lesepublikum. Vor allem aber stieBen sie bei einer Gruppe literarisch aktiver Studenten auf groBes Interesse, die sich kurz nach Erscheinen des ersten Musenalmanachs rasch um die beiden Herausgeber versammelte. Zu diesen Studenten zahlte neben Johann Heinrich VoB, Johann Martin Miller und weniger Bekannten auch Ludwig Christoph Heinrich Hölty. Am 12. September 1772 entstand aus diesem studentischen Kreis der Dichterbund „Göttinger Hain“[10].

[...]


[1] Vgl. VoB' Schilderung des Grundungsmomentes des Gottinger Hains im Brief an Bruckner vom 20. September 1772: Der Gottinger Hain, hrsg. v. Alfred Kelletat, Stuttgart 1967, S. 349.

[2] Vgl. 1.1.

[3] Holty in einem Brief an seinen Freund und Bundesbruder Johann Heinrich VoB im April 1774, vgl.:

Gesammelte Werke und Briefe. Kritische Studienausgabe. Hg. v. Walter Hettche, Gottingen 1998, S.346.

[4] Vgl. Promies, Wolfgang: Holty aus dem Hain. In: Christa und Peter Burger und Jochen Schulte-Sasse (Hg.): Aufklarung und literarische Offentlichkeit, Frankfurt a. M., 1980, S.253.

[5] Morike, Eduard: Gedichte, Munchen 1954.

[6] „[.. .]Die Leidenschaft seinen Geist zu beschaftigen, machte ihn gegen des Korpers Pflege etwas gleichgultig [...].“, VoB in der Vorrede zur zweiten Auflage der von ihm herausgegebenen Gedichtausgabe Holtys, vgl. Hettche, Walter, a.a.O., S.440.

[7] Die Namensgebung erfolgt in Anlehnung an Petrarca, vgl. dazu 2.1.

[8] Brief vom 19. Januar 1774 an Friedrich von Stolberg, vgl. Hettche, Walter, a.a.O., S.338.

[9] Almanach des Muses ou choix des poesies fugitives, Paris 1765-1833.

[10] Der Name ist entstanden nach einer zeitgenössischen Ode von Klopstock mit dem Titel „Der Hügel und der Hain“ (1767). Klopstock hatte das Wort „Hain“ als Archaismus in seine Dichtersprache mit aufgenommen und im Sinne von „Bund“ verwendet..

Details

Seiten
22
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640590162
ISBN (Buch)
9783640589944
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v148236
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Deutsches Seminar II
Note
1,0
Schlagworte
Johann Christoph Heinrich Hölty Dilettantismus Begabung

Autor

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