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„Sehen und gesehen werden“: Das Theaterpublikum im antiken Rom – ein Mikrokosmos der römischen Gesellschaftsordnung?

Seminararbeit 2003 22 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung

II. Begriffliche Problematisierung

III. Das Theaterpublikum im antiken Rom : Strukturen im historischen Wandel
1. Spuren im Kolosseum - Hinweise auf eine Publikumsstruktur
2. Theater und Gesetzgebung - Die historische Entwicklung der Sitzordnung im Theater
2.1. Die lex Iulia theatralis des Augustus (Suet.Div.Aug.44)
2.2. Fruhere und spatere Verordnungen
3. Problematisierung der Publikumsstruktur

IV. Das Theaterpublikum - ein gesellschaftlicher Mikrokosmos?
1. Die romische Gesellschaft unter Augustus
2. Ein gesellschaftlicher Mikrokosmos: Ansatze und Grenzen
V. Schlusswort

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Sehen und gesehen werden“ - diese Maxime gilt bis heute dort, wo Menschen sich aus Anlass eines kulturellen Ereignisses oder Festes versammeln. Ob die private Dinnerparty, ein Theaterbesuch oder eine Opernpremiere: die Gaste oder Zuschauer sind fur einander nicht weniger brisant als das gebotene Spektakel selbst. Denn derartige Veranstaltungen haben neben ihrer kulturellen auch immer eine gesellschaftliche Funktion gehabt.

Wahrend diese heute in erster Linie darin besteht, materiellen Status zum Ausdruck zu bringen, wurden im antiken Rom bei gesellschaftlichen Anlassen viel starker soziale Strukturen kommuniziert. Denn kennzeichnend fur die romische Gesellschaft war seit jeher eine differenzierte Gliederung und Rangordnung, die in der Offentlichkeit durch zahlreiche Faktoren zum Ausdruck gebracht wurde. Schon auf dem Forum wurden soziale Unterschiede auf den ersten Blick durch die Kleidung und andere Statussymbole deutlich.[1] Daruber hinaus zeigte sich eine Rangordnung bei der Sitzplatzverteilung beim Gastmahl[2] oder bezuglich der Rederechte im Senat.[3]

Anders als im Senat oder beim Gastmahl versammelten sich zu den romischen Theaterspielen Menschen aus allen sozialen Milieus der Stadt. Die gesamte Bandbreite der Gesellschaft war hier vertreten, so dass das Theaterpublikum sehr geeignet erscheint, um es auf soziale Strukturen hin zu untersuchen und somit moglicherweise Erkenntnisse uber die romische Gesellschaftsordnung generell zu erzielen. Zeichneten sich ordnende Strukturen im Publikum ab oder saß man in einer bunten Menge zusammen? Wurden hier soziale Rangunterschiede sichtbar und wie auBerten sie sich? Gab es Veranderungen hinsichtlich der Publikumsstruktur im Verlauf der Geschichte? Sind diese auf personliche Bedurfnisse einzelner Personen oder Personengruppen zuruckzufuhren oder durch politische MaBnahmen hervorgerufen worden?

Ein Blick auf die raumliche Zusammensetzung der Zuschauerschaft, auf die Sitzplatzverteilung bei den ludi scaenici, soll diese Fragen klaren.

In einem weiteren Schritt soll der Frage auf den Grund gegangen werden, ob und inwiefern das Theaterpublikum als reprasentativ fur die gesellschaftliche Ordnung gelten kann und soziale Funktionen ubernommen hat. Kann man das Theaterpublikum als einen gesellschaftlichen Mikrokosmos ansehen?

Da sowohl Publikum als auch Gesellschaft relative GroBen sind, die von unzahligen Faktoren abhangen, kann diese Frage als solche nicht beantwortet werden, sondern bedarf sowohl zeitlicher als auch begrifflicher Eingrenzung. Letztere soll in einem Kapitel dieser Arbeit gesondert vorgenommen werden.

Zeitlich bietet sich fur die Untersuchung die Gesellschaft unter Augustus an, da die Spiele in dieser Zeit besonders politische Bedeutung erlangt haben und die romische Gesellschaftsordnung unter Augustus und seinen Nachfolgern fur groBe Debatten in der althistorischen Forschung gesorgt hat. Die jungsten reprasentativ kontroversen Positionen zur Struktur der kaiserzeitlichen Gesellschaft sollen dazu unterstutzend in die Untersuchung mit einbezogen werden. Da es den Rahmen dieser Arbeit sprengen wurde, sich auf alle Modelle zur Gesellschaftsbeschreibung zu berufen, um Bezuge zur Publikumsstruktur zu erstellen, werde ich mich im Wesentlichen auf die Forschungsposition Winterlings beziehen.[4] Denn hierbei handelt es sich um das aktuellste Modell, das die Aspekte alterer Modelle berucksichtigt bzw. korrigiert hat.

II. Begriffliche Problematisierung

In den folgenden Untersuchungen werden einige Grundtermini der Sozial- und Geschichtsphilosophie verwendet werden, die einer Eingrenzung und naheren Bestimmung bedurfen, da sie in einem weiten historisch-philologischen Spannungsfeld stehen.

Wenn in dieser Arbeit, wie bereits im Titel, von der „Gesellschaftsordnung“ oder „Gesellschaft“ die Rede ist, so meint „Gesellschaft“ zunachst die „burgerliche Gesellschaft“ als Lehnubersetzung aus der griechisch-romischen Tradition. Die Bezeichnung geht zuruck auf Aristoteles' Begriff der rcokmKp Koivovia und meint immer die „politische Gesellschaft“, die nokig bzw. civitas und ihre offentlich-politische Verfassung, das gemeine Wesen, Koivov bzw. res publica, den staatlichen Bereich. Im modernen Sprachgebrauch ist der Terminus „Gesellschaft“ als „staatsfreier Raum“ definiert und steht daher in Abgrenzung zum Begriff “Staat“.[5]

Des Weiteren soll auf die Problematik des nachfolgend verwendeten Begriffs „Stand“ aufmerksam gemacht werden.[6] Dem deutschen Begriff „Stand“ entspricht in den lateinischen Quellen der Begriff ordo. Dem antiken Standebegriff liegt ein vom modernen Verstandnis abweichendes Denksystem zugrunde. Der romische ordo steht in metaphysischem Kontext, im Zusammenhang mit der Reflexion uber die Ordnung des Weltganzen (Koopog). Anders als nach heutigem Verstandnis war in der Antike mit der Reflexion uber Ordnung der Grundgedanke der Ungleichheit verbunden, die als naturlich empfunden wurde, sowie der Gedanke des harmonischen Zusammenwirkens der einzelnen Stufen und Stande[7]. Heute knupft sich der Begriff „Stand“ an die Vorstellung einer illegitimen und ungerechten Ordnung, das Ungleichheitsprinzip wird nicht mehr als gerecht empfunden.

Der romische ordo-Begriff nahm im politisch-sozialen Denken der Romer eine zentrale Stellung ein. Als Idealzustand der res publica strebte man die concordia ordinum an. Hinsichtlich der ordines unterschied man in republikanischer Zeit sowie zu Beginn des Prinzipats drei Stande: den ordo senatorius, den ordo equester und die plebs. Die ersten beiden Stande bildeten die gesellschaftliche und politische Fuhrungselite und waren ursprunglich jeweils mit dem entsprechenden Amt des Senators oder Ritters verknupft, wahrend unter die Bezeichnung plebs viele unterschiedliche soziale Gruppen fielen. Dies deutet auf die Problematik hin, die mit dem Begriff „Stand“ verknupft ist. „Stand“ im modernen Sinne impliziert die Vorstellung einer in sich geschlossenen, durch gemeinsame Ehr- und Ordnungssatze gefestigten Gruppe, was auf die romischen Stande nicht zutrifft. Deshalb wird der Begriff „Stand“ oder ordo im Sinne von „ gesellschaftlicher Schicht“ verwendet.

III. Das Theaterpublikum im antiken Rom: Strukturen im historischen Wandel

1. Spuren im Kolosseum - Hinweise auf eine Publikumsstruktur

Betritt man das Kolosseum in Rom, so findet man dort heute noch Hinweise, die zeigen, dass das Publikum eine feste Sitzordnung eingenommen haben muss.

Schon die Baustruktur des Flavischen Theaters, das eines der großten und beruhmtesten der Antike gewesen ist, bringt privilegierte und weniger privilegierte Platze mit sich. Zwischen Buhne und cavea, die sich hoch in den Himmel hinauf erstreckt, befindet sich eine hohe Mauer, die zugleich eine entscheidende soziale Barriere darstellte. Denn die darstellenden Kunstler auf der Buhne waren fast ausschlieBlich Fremde, Sklaven und Freigelassene, die einen niedrigen oder gar keinen sozialen Status hatten.[8]

In den vorderen Sitzreihen der cavea findet man Fragmente von Inschriften, die die Platze einiger Personengruppen genau festlegen:[9]

[qu]ib. in theatr. lege pl.ve[scito sedere]

[l]icet p.XII

Hier wird einer Personengruppe eine genau festgelegte Menge an Sitzplatzen reserviert, die lege plebeve, durch Gesetz oder Volksentscheid, bestimmt worden ist. Wer die genannten quibus sind, ist der Inschrift nicht zu entnehmen. Die Annahme jedoch liegt nahe, dass es sich um eine privilegierte Personengruppe handelt. Denn die Inschrift wurde gefunden in parte anteriore graduum marmoreorum in quibus spectatores sedebant. AuBerdem enthalt sie noch weitere Sitzplatzreservierungen: Auch den equiti[bus], den Anwartern auf die Senatorenwurde, den pra[etext]atis, ihren Erziehern, paedagogis p[uero]rum, sowie hos[pitib]us publicis wurden Sonderplatze eingeraumt. Auch eine noch spezifischere Gruppe, Besucher aus dem Spanischen Gades, Gaditanorum, bekommt einen festen Sitzplatz eingeraumt.

Die hier zitierte In]schrift zeigt einerseits, dass die Sitzplatzverteilung im romischen Theater nicht willkurlich war, sondern dass - zumindest fur einige Personengruppen - eine bestimmte Anzahl an Platzen reserviert gewesen ist. Andererseits geht aus ihr hervor, dass die Sitzordnung von politischer Instanz, lege plebeve, festgelegt worden ist. Es bestand also ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Theater und Gesetzgebung.

[...]


[1] Vgl. Kolb, Frank: Zur Statussymbolik im antiken Rom. In: Chiron 7, 1977, S.239-259.

[2] Vgl. Marquardt, Joachim: Das Privatleben der Romer, Bd.I (ND Darmstadt 1980, Leipzig 1886), S.303.

[3] Vgl. Rilinger, Rolf: Moderne und zeitgenossische Vorstellungen von der Gesellschaftsordnung der romischen Kaiserzeit. In: Saeculum 36, 1985, S.315ff.

[4] Ausfuhrliche Literaturangabe siehe Kap.IV,1 dieser Arbeit.

[5] Definition nach Riedel, Manfred: Art. “Gesellschaft, burgerliche”. In: GG. Historisches Lexikon zur politisch- sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 2, 3.Aufl., Stuttgart 1992, S.719-800.

[6] Vgl. Oexle, Otto Gerhard: Art.“Stand, Klasse“. In: GG. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd.6, Stuttgart 1990, S.155-200.

[7] Hingewiesen sei hier auf die antike Korpermetapher, die Vorstellung vom Leib und seinen Gliedern, die - zugrunde gelegt bei Platon - sowohl in der Antike als auch im Mittelalter immer wieder als Erklarung und Rechtfertigung einer standischen Gesellschaftsordnung gedient hat.

[8] Zum sozialen Status von Schauspielern vgl. Plin. nat. hist. 7, 128, sowie Sen.Ep.80,7.

[9] CIL VI 32098. Alle folgenden Zitate unter III,1 sind dieser Inschrift entnommen.

Details

Seiten
22
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640590155
ISBN (Buch)
9783640589920
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v148234
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Seminar für Alte Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Theaterpublikum Mikrokosmos Gesellschaftsordnung

Autor

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