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Dianetik und Scientology in ihrem Anspruch als Wissenschaft

Magisterarbeit 2007 122 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkurzungen

1. Einleitung
1.1. Ziel und Legitimation der Arbeit
1.2. Methode
1.3. Die Quellen

2. Biographische Angaben zu L. Ron Hubbard

3. Abriss uber die wichtigsten Forschungsstationen von Dianetik und Scientology

4. KSW - „Erhaltung der korrekten Technologie“

5. Dianetik
5.1. Definition des Begriffes Dianetik
5.2. Allgemeine Theorien der Dianetik
5.2.1. Das grundlegende Axiom „Uberlebe!“
5.2.2. Theta-MEST-Theorie
5.2.3. Die Tonskala (tone scale)
5.2.4. Die zweite Dynamik, Hubbard und die Sexualitat
5.2.5. Das ARK-Dreieck
5.3. Der reaktive Mind
5.3.1. Das Engramm
5.3.2. Das Lock
5.3.3 Das Secondary/ Secondary-Engramm
5.3.4. Dramatisation
5.3.5. Valenz
5.3.6. Schaltkreise bzw. Damonen
5.4. Das Dianetik-Verfahren

6. Das E-Meter

7. Clear, Komplikationen in der Begriffsbestimmung

8. Ubergang von Dianetik zu Scientology
8.1.0. Fruhere Leben
8.1.1. Mission in die Zeit
8.1.2. Haben Sie vor diesem Leben gelebt?
8.3. Implantate
8.3.1. Implantate in History of Man 1952
8.4. Der Thetan
8.5. Exteriorisation

9. Scientology
9.1. Defintion des Begriffes Scientology
9.2. Positives Auditing - Negatives Auditing
9.3. SOP - ein Scientology-Verfahren
9.3.1. Kreatives Auditing fur Stufe IV
9.3.2. Kreatives Auditing fur Stufe III - Spacation
9.3.3. Auditing fur Stufe I - Body-Lifting
9.3.4. Der umgekehrte Vektor
9.4. GPM-Auditing, Implantat-Auditing
9.5. Definition des Begriffes OT
9.6. OT I-III
9.7. Alte OT-Stufen IV-VIII und die unteren Scientology-Grade
9.8. Die neuen OT-Stufen IV-VII (NOTs)
9.9. Kontrolle - eine allgemeine Scientology-Theorie

10. Hubbard und seine Quellen
10.1. Richard Semon
10.2. Alfred Graf von Korzybski
10.3. Aleister Crowley (Edward Alexander Crowley)

11. Schlussbetrachtung und Ausblick

Bibliographie

Abkurzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1. Ziel und Legitimation der Arbeit

In der Literatur stand bisher die Scientology-Kirche als Organisation im Mittelpunkt, wobei die Autoren entweder ehemalige Kunden oder Mitarbeiter waren, die sich betrogen und ausgenutzt oder Sektenexperten seitens der evangelischen Kirche o.a. Gruppen, die sich zum Schutz der Offentlichkeit berufen fuhlten. Daneben beschrieben Journalisten, einzelne Religionswissenschaftler oder Soziologen dieses Phanomen von verschiedenen Gesichtspunkten aus. Mynarek bemerkt z.B. in seinem Buch Die Neue Inquisition. Sektenjagd in Deutschland. Mentalitat, Motivation, Methoden kirchlicher und staatlicher Sektenbeauftragter (Mynarek, 1999) die Ungleichbehandlung religioser Gruppierungen in Deutschland durch den Staat[1]. Genauere Analysen der Texte, sozusagen der Bibel der Dianetik und Scientology sind mir auBer einzelner, allgemeiner oder punktueller Darstellungen nicht bekannt. Daher mochte ich versuchen, mich dem zu nahern, was die theoretische Grundlage der Scientology-Bewegung darstellt.

Der Initiator der Dianetik- und Scientology-Bewegung benutzt den Begriff Wissenschaft, wenn er von Dianetics The Modern Science Of Mental Health, Science Of Survival oder Have You Lived Bevor This Life, A Scientific Survey spricht. Sein Selbstverstandnis ist das eines Forschers und Dianetik und Scientology wird in der Art und Weise einer wissenschaftlichen Disziplin, bzw. eines Studienfaches an einer sogenannten Akademie studiert. Daraus ergibt sich die Berechtigung zu einer Analyse seiner Texte in Hinblick auf die angewandten Forschungs- und Argumentationsmethoden.

Im Fortgang meiner Arbeit hat sich gezeigt, dass sich ein Argument fur die A-Religiositat, deren Nachweis nicht Ziel dieser Arbeit war, aus der Entwicklung der Dianetik- und Scientology-Texte formulieren lasst und die z.B. mit dem Buddhismus vergleichbare Konstellation, dass Scientologen uber Jahre einen bestimmten Bewusstseinzustand erreichen wollen, eher einer „unfreiwilligen Religiositat“ gleicht. Hierzu verweise ich auf die Schlussbemerkungen. Generell jedoch mochte ich die komplizierte Diskussion, ob Dianetik und Scientology eine Religion sei oder nicht, umgehen, nicht nur, weil der Begriff Religion selbst in der Religionswissenschaft kontrovers diskutiert und an sich sehr weit gefasst werden kann, sondern auch, weil der Selbstanspruch, eine Wissenschaft zu sein, in den Schriften von Hubbard im Vergleich zum Anspruch, eine Religion zu sein, grob geschatzt 95% ausmacht. Da aber Hubbard uber Dinge verhandelt, die eindeutig in den metaphysischen Bereich hineinreichen, kann die Charakterisierung zumindest von Scientology als eine religiose Weltanschauung nicht wirklich geleugnet werden. Jeder Religionswissenschaftler wird von vornherein sagen, dass es doch klar sei, was bei einer solchen Untersuchung im Hinblick auf Wissenschaftlichkeit herauskame. Aber genau diese voreingenommene Einschatzung ist einer der Grande, warum es bisher keine genaueren Untersuchungen der Schriften von Dianetik und Scientology im Hinblick auf ihren Wissenschaftsanspruch gibt. Daher stelle ich mich mit dieser Arbeit zum Anfang auf den fiktiven Standpunkt, dass Hubbard in seiner Behauptung, eine Wissenschaft und eine Religion bzw. angewandte Philosophie zugleich geschaffen zu haben und untersuche, ob das von ihm geschaffene religiose Schrifttum tatsachlich Anzeichen einer wissenschaftlichen Herangehensweise tragt.

Michaels sagt, dass sich die moderne Religionswissenschaft in der Regel nicht mehr als Religionskritik verstehe (Michaels, 1997:7). Diese Arbeit wurde demnach von der Ausnahme Gebrauch machen. GemaB der Tradition der Aufklarung, aus welcher die Religionswissenschaft in Europa durch Infragestellung der christlichen Offenbarungsreligion hervorging (Kohl, 1988:231), soll diese Arbeit gleichfalls den Charakter der Offenbarung, welcher sich nicht durch den Verweis auf eine Gottheit oder anderer metaphysischer Entitaten, sondern durch die Vernunft und die wissenschaftliche Herangehensweise des Religionsstifters auszeichnen soll, analysieren.

1.2. Methode

Die Auswahl der zitierten Materialien geschah nicht nach dem Prinzip der Vollstandigkeit, sondern nach dem Gesichtspunkt, Beispiel-Texte aus den Hauptstationen der Entwicklung der Lehren Hubbards heranzuziehen. Diese Herangehensweise fuhrt dazu, dass ich mit den Philadelphia Doctorate Course ein Werk ausfuhrlicher diskutiere, welches in der CoS selbst nicht mehr oder nur am Rande der offiziellen Auditingroute verwendet wird. Diese[2] Vortragsreihe ist zum Verstandnis des gesamten Auditinggebaudes von den untersten Stufen der Dianetik bis zu den obersten Stufen der Scientology von zentraler Bedeutung. Jene sogenannten Scientlogy-Grade[3] sollen dagegen bewusst marginal oder gar nicht behandelt werden. Die mir am wichtigsten fur diese Arbeit erscheinenden Definitionen von Hubbard werde ich so vollstandig wie moglich wiedergeben, um den Verlauf der Veranderungen derselben zu dokumentieren. In Bezug auf das Werk Hubbards, welches viele Inkongruenzen enthalt, besteht die Gefahr, durch Herausgreifen einzelner Definitionen, ein falsches Bild zu produzieren. Hubbard scheint ein Eklektiker par excellence zu sein. Quellenangaben gibt es bei ihm allerdings bis auf wenige Ausnahmen grundsatzlich nicht. Das Aufspuren dieser Quellen ist nicht Thema dieser Arbeit, doch lieBen sich nachgetragene Bemerkungen zu diesem Thema aufgrund intensiverer Recherche nicht umgehen. Eine ausfuhrliche Untersuchung der Quellen des Gesamtwerkes Hubbards ist noch ein Desiderat.

Zwei Hauptkriterien sollen bei der Auswertung der Texte eine Rolle spielen. Inwiefern ist die Darstellung der Lehre so beschaffen, dass sie wissenschaftlich uberpruft werden kann und wie ist es um die systemimmanente Plausibilitat der Lehre selbst bestellt? Fragen, ob es fruhere Leben gibt oder nicht, ob Scientology-Lehren wahr oder unwahr sind, stehen nicht zur Disposition. Unter systemimmanenter Plausibilitat verstehe ich die Kopplung von verschiedenen Aussagen in einen relativ logischen Zusammenhang, ohne dass dabei der Wahrheitsgehalt der einzelnen Aussagen in Betracht gezogen werden soll. Es handelt sich dabei um eine Begutachtung eines Systems und nicht um die Beurteilung von „Wahrheiten“. Der Nachdruck liegt auf Stimmigkeit, nicht auf Richtigkeit.

Aufgrund der Fulle der Fachbegriffe kann eine Darstellung der Begriffe und Lehren nicht in dem MaBe stattfinden, dass sie fur jemanden, der nur wenig oder gar nichts von Hubbard gelesen hat, hilfreich sein wurde. Somit muss ich Grundkenntnisse voraussetzen, um dem Thema dieser Arbeit im Rahmen des begrenzten Seitenkontingentes annahrend gerecht zu w]erden. Die Arbeit ist keine Einfuhrung in die Scientology, dennoch hoffe ich, das meiste klar genug dargestellt zu haben.

1.3. Die Quellen

Aufgrund des Umstandes, dass ich hauptsachlich mit den Originalquellen arbeite, ergibt sich die Notwendigkeit der Abweichung von der textinternen Zitierweise, in welcher der Name des Verfassers angegeben wird, da in diesem Falle zum GroBteil immer der gleiche Name erscheinen wurde. Daher gebe ich an den Stellen, wo Hubbard zitiert wird, lediglich die Abkurzung des jeweiligen Werkes, die im Abkurzungsverzeichnis aufgefuhrt ist, oder das entsprechende HCOB bzw. den HCOPL an. In vielen Fallen hat sich fur mich die Anti- Scientology-Literatur als zuverlassig und nicht nur sensationsgierig dargestellt, sodass ich sie sekundierend benutzen werde.

2. Biographische Angaben zu L. Ron Hubbard

Lafayette Ron Hubbard wurde 1911 in Tilden, Nebraska, als Sohn eines Marinekapitans geboren. Spater brach er sein Studium ab und finanzierte sich durch schriftstellerische Tatigkeiten. Nach dem zweiten Weltkrieg, in dem er als Marine-Offizier diente, war er kurze Zeit im Okkultorden Ordo Templi Orientis engagiert, [womit die vielen Bezuge der Scientlogy-Kirche und ihrer Schriften zu Aleister Crowley u.a. eine Erklarung finden]. 1950 veroffentlicht er den Bestseller Dianetics the Modern Science of Mental Health. Die daraufhin einsetzende Dianetik-Bewegung wird u.a. durch den Olmillionar Purcell unterstutzt, das Hubbard-Elektrometer gewinnt als Messgerat fur den Hautwiderstand im Auditing an Bedeutung. 1955 wird die erste Scientology-Kirche in Washington eingetragen. Vier Jahre danach zieht der Hauptsitz der Kirche nach England. In den Folgejahren versuchte Hubbard vergeblich in England, Sudafrika und Australien dauerhaftes Wohnrecht zu erhalten, weshalb er auf die hohe See [mit seinen sogenannten Sea Org Membern] ausgewichen sei. Wo er die letzten sechs Lebensjahre [er war standig auf der Flucht vor dem FBI (Corydon, 31996 [11987], Miller, 1987 u.a)] verbrachte, wussten wohl nur wenige. Bis zu seinem Tod soll er Science Fiction geschrieben haben. Hierzu gehoren der Bestseller „Battlefield Earth“ und das zehnbandige Werk „Mission Earth“. Er starb am 24. Januar 1986 an den Folgen eines Blutsturzes in Kalifornien (Neft, 2001).

3. Abriss über die wichtigsten Forschungsstationen von Dianetik und Scientology

1950 Dianetics. The Modem Science of Mental Health

Notes on the Lectures (Oakland- und Los Angeles Lectures Series) GrUndung des Hubbard Dianetic Research Foundation

1951 Self Analysis Science of Survival A History of Man

1952 Scientology 8-80

The Philadelphia Doctorate Course Advanced Clinical Course

1954 The Phoenix Lectures (GrUndung der ersten Scientology-Kirche)

1955 Dianetik 55 (von mir)

1959 E-Meter-Experimente mit Pflanzen

1961 Beginn des Saint Hill Special Briefing Course

1966 Bekanntgabe des ersten Clear’s in Saint Hill Etablierung der sogenannten „Brucke zur volligen Freiheit“

Advanced Courses Juli OT I und OTII

1967 OT III, die Feuerwand, (GrUndung der Sea Organisation)

1968 altes OT IV, V, VI, (Atack, 1990:177)

1970 OT VII, OT VIII

1978 New Era Dianetics (NED), NED for OTs (NOTs), die neuen OT-

StufenIV-VII

Diese Angaben enstammen bis auf die kursiven Einschube und dem Jahr 1968 dem Buch Mission into Time (MIT, 1973 [1968]: 3-24).

4. KSW - „Erhaltung der korrekten Technologie“

Innerhalb der Auditoren-Ausbildung gibt es seitens der Qualifikationsabteilung einer Scientology-Organisation strengste Kontrollen bezuglich des korrekten Studiums der Materialien. Jeder, der zum ersten Mal in einer Scientology-Akademie sitzt, wird sich einem enormen Druck ausgesetzt fuhlen, da die Kursuberwacher[4] keinen Widerspruch zu den Studieninhalten von Hubbard dulden.[5] Wenn ein Student mit etwas nicht ubereinstimmt, gilt generell, dass es an seinen eigenen Missverstandnissen liege (KSW-Serie, 1982). Die sogenannte Studiertechnologie befasst sich daher fast ausschlieBlich mit der Phanomenologie der Missverstandnisse (vgl. Kap.10). Hierzu zitiere ich aus dem wohl bekanntesten Policybrief[6] innerhalb von Scientology, der in jedem Kurspack der Scientology-Akademie als erste Schrift jedes Mal neu zu studieren und von einem anderen Studenten mit einem Checkout[7] auf korrektes Verstehen hin zu uberprufen ist. Man konnte sagen, dass der Inhalt dieses HCOPLs dem Studierenden in einer Unerbittlichkeit und Strenge nahegebracht wird, als handele es sich um eine Frage von Leben und Tod:

„Note: Neglect of this Pol Ltr has caused great hardship on staffs, has cost countles millions and made it necessary in 1970 to engage in all out International effort to restore basic Scientology over the world. Within 5 years after the issue of this PL with me off the lines, violation had almost destroyed orgs. “Quickie grades”[[8] ] entered in and denied gain to tens of thousend of cases. Therfore actions which neglect or violate this Policy Letter are HIGH CRIMES resulting in Comm Evs [[9] ] on ADMINISTRATORS and EXECUTIVES. It is not “entirely a tech matter” as its neglect destroys orgs and causend a 2 year slump. IT IS THE BUSINESS OF EVERY STAFF MEMBER to enforce it” (HCOPL,215.07.1970 [107.02.1965]:1).

Die folgenden zehn Anweisungen beziehen sich auf alle Bereiche der Dianetik und Scientology. Jeder Mitarbeiter ist strengstens dazu angehalten, exakt das zu tun, was Hubbard in seinen Referenzen und Buchern vorgeschrieben hat und zwar ohne die kleinste Abanderung. Auditing ist keine individuelle Psychotherapie, sondern eine exakt vorgegebene Routine bzw. Handlungsanweisung, die an jedem PC[10] entsprechend seiner Fallstufe[11] ausgefuhrt wird. Diese zehn Regeln sollen eine uneingeschrankte wachsame Grundhaltung gegenuber der fehlerlosen Technologie Hubbards sicherstellen:

„Getting the correct technology applied consists of:

One: Having the correct technology.

Two: Knowing the technology.

Three: Knowing it is correct.

Four: Teaching correctly the correct technology.

Five: Applying the technology.

Six: Seeing that the technology is correctly applied.

Seven: Hammering out of existence incorrect technology.

Eight: Knocking out incorrect applications.

Nine: Closing the door on any possibility of incorrect technology.

Ten: Closing the door on incorrect application” (KSW-Serie, 1982:2).

Hubbard begrundet seine Forderung nach Loyalitat zu seiner Technology damit, dass eine Gruppe niemals etwas Vernunftiges zustande bringen konne, weil der gemeinsame Nenner einer Gruppe die reaktive Bank sei (vgl. 5.3.). Nur Individuen seien zu konstruktiven Ideen fahig und wurden in der Regel fur diese von Gruppen keine Zustimmung finden. GemaB seinen Beobachtungen wurden in 100 000 zu 20 Fallen Gruppen eine schlechte Technologie entwickeln, um eine gute Technologie zu vernichten. Er sagt:

„This point will, of course, be attacked as “unpopular”, “egoistical” and “undemocratic”. It very well may be. But it is also a survival point. And I don’t see that popular measures, self-abnegation and democracy have done anything for Man but push him further into the mud” (ebd:2). „This is a deadly serious activity. And if we miss getting out of the trap now, we may never again have another chance. Remember, this is our first chance to do so in all the endless trillions of years of the past. Don’t muff it now because it seems unpleasant or unsocial to do Seven, Eight, Nie and Ten. Do them and we’ll win” (ebd:5).

Die endlosen Billionen[12] Jahre wahrende Gefangenschaft im Kreis der Wiedergeburten zeigen den Einfluss der indischen Philosophie[13] auf die westlichen Geistesstromungen. Die Falle erinnert an die Gefangenschaft im ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt, wie er die gesamte indische religios philosophische Literatur durchzieht. Mit dem Text Keeping Scientology Working (KSW) betont er, dass er es alleine geschafft hatte, einen Weg aus der “Falle”, der Bank zu finden: “We will not speculate here on why this was so or how I came to rise above the bank” (ebd:3). Er erwahnt an dieser Stelle niemanden, von dem er sich inspirieren lieB. Nur in den fruheren Dianetik-Ausgaben der Bucher Dianetics, the modern science of mental health oder Science of survival, finden wir eine Danksagung an honorige Forschervorfahren (vgl. 10):

„Acknowledgement is made to fifty-thousand years of thinking men without whose speculations and observations the creation and construction of Dianetics would not have been possible. Credit in particular is due to: Anaxagoras, Aristotle, Socrates, Plato, Euclid, Lucretius, Roger Bacon, Isaac Newton, van Leeuwenhoek, Voltaire, Thomas Paine, Thomas Jefferson, Rene Descartes, James Clerk Maxwel, Charot, Herbert Spencer, William James, Sigmund Freud, Cmdr Thomson (MG) USN, William A.White, Will Durant, Count Alfred Korzybski and my instructors in atomic and molecular phenomena, mathematics and the humanities at George Washington University and at Princeton”(SOS,111968 [11951]).

Vergleichen wir die Herausgabedaten der KSW1 mit dem von mir hier verwendeten Dianetik- Buch, stellen wir fest, dass diese zusammenfallen. Daraus schlieBe ich, dass die Widmungen in den Buchern, die ja in der Offentlichkeit im Gegensatz zu KSW1 verkauft wurden, seine

Bindung an anerkannte Wissenschaftler und damit die Wissenschaftswelt dokumentieren sollten (vgl. 5. Goodwins Merkmale einer Pseudowissenschft), wahrend zur gleichen Zeit in den internen nur fur Scientologen gedachten Kursmaterialien die Originalitat und Einzigartigkeit des Forschers Hubbard im Mittelpunkt standen. Mit der gescheiterten Bemuhung, Dianetik zur Anerkennung bei der Psychoanalytischen Vereinigung in Amerika zu verhelfen[14], organisierte Hubbard seine Forschung von da an auf eigenes Risiko und mit eigenem Geld. Er kummerte sich bis auf einzelne Ausnahmen weniger um ein wissenschaftliches Outfit seiner Forschungen, wie in seinen Anfangswerken durch Verwendung von Tabellen, Statistiken, und der Erwahnung von Probanden ansatzweise zu erkennen ist (DMSMH, 1987 [11950], SOS, 111968 [11951]). Daher ist eine Kritik z.B. von MIT nach wissenschaftlichen Kriterien problematisch. Seine Werke sind ab einer bestimmten Zeit nur noch fur Sympathisanten bzw. Scientologen und nicht fur Universitaten oder neutrale Gruppen geschrieben worden. Er setzt eine bestimmte Weltanschauung bei der Leser - und Horerschaft voraus, wie z.B. dass es fruhere Leben gabe usw.

Was versteht Hubbard unter der „Falle“ in seinem KSW1-HCOPL konkret? Um u.a. diese Frage zu beantworten, werde ich jetzt den Versuch unternehmen, chronologisch seine Vorstellungen vom menschlichen Geist und den zu seiner Rehabilitation entwickelten Verfahren vorzustellen, indem ich die markantesten Stationen seiner Forschungen durchlaufen und damit einen Bogen von den Dianetikanfangen bis zu den OT-Stufen, insbesondere zu den sogenannten NOTs schlagen werde. Es sollen nur Lichter an den Platzen dieses umfangereichen Schrifttums, das der Entwicklung von Auditing-Verfahren gewidmet war, aufgestellt werden, die mir personlich signifikant erscheinen.

5. Dianetik

5.1. Definition des Begriffes Dianetik

Dianetik ist in ihrem Auftreten und Anspruch eine Therapie bzw. Heilpraktik mit wissenschaftlichem Hintergrund. Einrichtungen, die Dianetik anbieten, heiBen nicht Dianetik- Kirche, sondern Dianetikzentrum oder Dianetic Foundation usw. In der Regel findet aber professionelles Dianetik-Auditing (d.h. unter Verwendung des E-Meters) in Raumen einer Scientology-Organisation statt. Hubbard definiert Dianetik wie folgt:

„DIANETICS. 1. DIA (Greek) through, NOUS (Greek) soul deals with a system of mental image pictures in relation to psychic (spiritual) trauma. The mental image pictures are believed on the basis of personal revelation to be comprising mental activity created and formed by the spirit, and not by the body or brain. (BPL 24 Sept 73 V) 2. Dn addresses the body. Thus Dn is used to knock out and erase illnesses, unwanted sensations, misemotion, somatics, pain, etc. Dn came before Scn. It disposed of body illness and the difficulties a thetan was having with his body. (HCOB 22 Apr 69) 3. a technology that runs and erases locks[s. 5.3.2], secondaries[5.3.3] and engramms[5.3.1.] and their chains[5.3.1]. (HCOB 17 Apr 69) 4. Dn could be called a study of man. Dn and Scn, up to the point of stable exteriorization [8.5.], operate in exactly the same field with exactly the same tools. It is only after man is sufficiently exteriorized to become a spirit that we depart from Dn; for here, considering man as a spirit, we must enter the field of religion. (PAB 42) 5. a precision science. It stems from the study and codification of survival. (COHA, p. 148) 6. a system of coordinated axioms which resolve problems concerning human behavior and psychosomatic illnesses ... 7. Dn is not psychiatry. It ist not psycho­analysis. It ist not psychology. It is not personal relations. It is not hypnotism. It ist a science of mind. (DMSMH, p. 168) 8. the route from aberrated of aberrated and ill human to capable human. (HCOB 3 Apr 66) Abbr. Dn.” (DASTD, 21975:115, Unterstreichung von mir).

Die Unterscheidung zwischen Dianetik und Scientology ist aufgrund der ersten Definition nicht einfach und hat offensichtlich unter den Akademiestudenten immer wieder fur Verwirrung gesorgt, denn das Dianetik-Auditing wendet sich indirekt auch an den Thetan bzw. die Seele (vgl. Definition 1). Der wesentliche Unterschied, der verstanden werden soll, bestunde darin, dass Dianetik nur fur psychosomatisch bedingte Gebrechen eingesetzt wurde (HCOB, 22.04.1969). Die Tatsache, dass Scientology-Auditing auch psychosomatische Gebrechen beseitigen soll (vgl. Kap. 9.3. und 9.8.), ist einer der Grande, warum diese beiden Bereiche spater von Akademiestudenten vermengt wurden und Hubbard immer wieder Anstrengungen unternahm, diese beiden Bereiche als getrennt zu definieren.Hubbard verspricht mit der Dianetik folgendes:

„Of what must a science of mind be composed? 1. An answer to the goal of thougt. 2. A single source of all insanities, psychoses, .neuroses, .compulsion, .repressions.an social derangments. 3. Invariant scientific evidence as to the basic nature und functional background of the human mind. 4. Techniques, the art of application, by which the discovered single source, could be invariably cured; ruling out, of course, the insanities of malformed, deleted or pathologically[15] injured brains or nervous systems and, particularly, iatrogenic psychoses (those caused by doctors and involving the destruction of the living brain itself). 5. Methods of prevention of mental derangement, 6. The cause and cure of all psychosomatic... ills, which number, some say, 70 percent of man’s listed ailments” (DMSMH, 1987 [11950]:10-11).

Im ersten Augenblick klingen die Forderungen phantastisch und der Leser weiB hier schon, was ihm vorgefuhrt werden soll, namlich, dass Dianetik diese in Ganze erfullen wird. Es ist der Traum eines jeden Forschers innerhalb der Psychologie. Goodwin schreibt, dass die Beschreibung, Vorhersage, Erklarung und Kontrolle von Verhalten die Ziele der modernen Psychology seien (Goodwin: 1998:22-23). Die Dianetik hat laut Hubbard diese Ziele erreicht (DMSMH, 1987 [1950]:11-12).

Goodwin gibt aber auch Merkmale einer Pseudowissenschaft an, und zwar folgende: Der Versuch, die eigenen Forschungen als wahre Wissenschaft zu zeigen, das Ausweichen vor der Uberprufung mit Gegenuntersuchungen, eine Beweisfuhrung, die auf Horen und Sagen beruht, zu unspezifische Aussagen, die keine klare Uberprufung zulassen und schlieBlich Simplifizierung komplexer Vorgange (ebd:22-23). Die Simplifizierung und die Beanspruchung des Titels „Wissenschaft“ (s.o. Definition 2 und 7) konnen in den Formulierungen von 1. und 2. vermutet werden.

5.2. Allgemeine Theorien der Dianetik

5.2.1. Das grundlegende Axiom „Uberlebe!“

Hubbard schreibt, dass Dianetik eine auf Axiomen aufgebaute heuristische[16] Wissenschaft sei. Hierzu zahle das erste grundlegende Axiom, dass allen Energieformen dieses Universums der Wille zum Uberleben zugrunde liege. Diesen Willen nennt er dynamic principle of existence (DTOT, 51976:13-4 [!1951]). Er sagt, dass sich dieses Wissen ausschlieBlich auf den Bereich des „Wissbaren“ beziehe und eine Beschaftigung mit nebulosen Dingen wie Spiritismus, Deismus, Telepathie, Hellsehen oder die menschliche Seele nicht notwendig sei :[17]

„The field of thougt may be divided into two areas which have been classified as the “knowable“and the “unknowable”. We are here concerned only with the “knowable”. In the “unknowable” we place that data which we do not need to know in order to solve the problem of improving or resolving aberrations of the human mind. By thus splitting the broad field of thougth, we need not now concern ourselves with such indefinites as spiritualism, deism, telepathy, clairvoyance, or, for instance, the human soul” (ebd.:14).

Aus dem ersten grundlegenden Axiom ergaben sich weitere Axiome. So z.B. diese, dass der Zweck des Verstandes sei, Probleme, die mit dem Uberleben zusammenhangen, zu losen oder den Organismus, die Art und ihre Symbionten oder das Leben in seinem Streben nach Uberleben zu steuern und dass der Verstand dabei erfolgreich sein oder versagen konne.Das Pradikat gut definiert er mit der Gesamtheit aller Bestrebungen, die eine Entitat beim erfolgreichen Uberleben unterstutzen, das Pradikat bose bezieht er auf entgegengesetzte Bestrebungen. Gluck sei demgemaB Erfolg im Hinblick auf die Erreichung von optimalem Uberleben einer Person selbst, seiner Nachkommen, seiner Gruppe, Rasse und seiner Symbionten [18]. Hubbard stellt eine Skala auf, an deren unterem Ende der Tod und deren oberen Ende das unvorstellbare Extrem der Unsterblichkeit lagen. Zwischen diesen zwei Extremen gabe es einen Mittelbereich, in dem bloBen Existieren ohne Hoffnung auf Erfolg oder Angst vor Misserfolg vorhanden sei, wahrend oberhalb von diesem Bereich kleine Erfolge, Freuden und Triumphe und unterhalb von diesem Mittelbereich kleine Irrtumer, Unfalle und Niederlagen stattfanden (ebd:14-21).

5.2.2. Theta-MEST-Theorie

Hubbard unterteilt das Weltgeschehen in die zwei Bereiche: MEST (matter, energy, space, time (vgl. 10.2.)) und Theta (Denken, freie Lebensenergie, Lebenskraft, der Geist o.a. (DASTD, 1975:248/429). Wie MEST durch Kohasionskrafte zusammengehalten werde, bestehe. Theta aus den drei Bausteinen Affinitat (Liebe zu etwas), Realitat (Ubereinstimmung mit jemanden uber etwas) und Kommunikation (mit jemandem oder etwas). Die Hauptfunktion von Theta sei, MEST zu verandern. Dies geschehe dadurch, dass es in MEST eindringe und es in bewegliche kleine Einheiten verwandle. Je komplizierter die Lebensformen wurden, desto groBer seien auch die Veranderungen in MEST. Bei jedem Zusammenprall mit MEST lerne Theta etwas hinzu. Dabei werde das Theta durcheinander gebracht, d.h. enturbuliert. Habe das MaB an Enturbulation einen bestimmten Bereich uberschritten, nutze Theta den Mechanismus des Todes, um sich aus MEST wieder zuruckzuziehen und zu befreien. Spatestens ab der Einfuhrung der Theorie von „fruheren

Leben“, also ein Jahr spater, bekommt die Theta-MEST-Theorie genau an dieser Stelle einen Riss, weil dort die Vorstellung vorausgesetzt wird, dass sich Traumata (vgl. Kap. 8.3. Implantate) aus fruheren Leben im gegenwartigen Leben auswirken wurden, d.h. die Tode laut Hubbard offensichtlich keine befreiende Wirkung auf Theta haben. Dianetik, welche Hubbard in diesem Zusammenhang fur mich in uberraschender Weise wie Scientology auch eine Wissenschaft des Denkens nennt, habe nun als erste Wissenschaft die Moglichkeit, enturbuliertes Theta noch wahrend eines Lebens zu befreien und in reines Theta zu verwandeln. Eine weitere Grundannahme besteht darin, dass Theta die Eigenschaft besitze, in der Nahe von Entheta, also enturbuliertem Theta, welches mengenmaBig dem Theta uberlegen sei, zu enturbulieren, d.h. sich in Entheta zu verwandeln. Im umgekehrten Mengenverhaltnis, werde Entheta in Theta verwandelt. Mit anderen Worten, wenn die Menge an Vernunft die Menge an Unvernunft uberwiege, werde sich die Vernunft durchsetzten und umgekehrt die Unvernunft. Ein ahnlicher Vorgang spiele sich ab, wenn MEST auf EnMEST stoBe oder auch Theta auf MEST, Entheta auf MEST oder EnMEST stoBe usw. Entheta wirke sich verschlechternd auf MEST als auch auf Theta, EnMEST negativ auf MEST als auch auf Theta aus (SOS, 111968:35ff [11951]). Eines der wichtigsten Parameter im Dianetik-Auditing zur Diagnose des Mengenverhaltnisses zwischen Theta und Entheta ist die Tonskala. Je weniger Theta im Korper des Menschen sei, desto tiefer sei der Mensch auf der Tonskala einzuordnen. Die Aufgabe des Auditors bestehe nun darin, das Verhaltnis zu Gunsten von Theta zu verandern, also Theta zu befreien bzw. Entheta in Theta zu verwandeln. Es ist im Rahmen dieser Theorie folgerichtig, anzunehmen, dass der Korper, der den MEST-Teil des Menschen darstellt, um so mehr EnMEST in sich tragt, d.h. krank wird, je mehr Entheta (s. unter 5.3. Bestandteile des reaktiven Mindes) in ihm vorhanden ist. Hubbard hat hierzu eine Tabelle erstellt, mit welcher man Menschen gemaB diesem Mischungsverhaltnis zwischen Theta und Entheta genau einschatzen konne.

5.2.3. Die Tonskala (tone scale)

Zu dieser Tabelle hat Hubbard extra ein eigenes Buch verfasst, das den Namen Wissenschaft des Uberlebens, die Vorhersage menschlichen Verhaltens (SOS) tragt. In diesem ordnet Hubbard unter anderem eine Anzahl von allgemein bekannten Emotionen in ein streng hierarchisch geordnetes System ein. Danach hat jede Emotion einen festen Platz in einer Skala von Tod bis Begeisterung. Von Tod aufsteigend in Richtung unendliches Uberleben

kame zuerst Apathie, dem folge tiefe Trauer, dann Gunstigstimmen[19], Mitleid, Angst, versteckte Feindseligkeit, Wut, Schmerz, Antagonismus[20], Langeweile, Konservatismus und schlieBlich Begeisterung :[21]

“THE TONE SCALE [...]

4.0 Cheerfulness

3.0 Conservatism

2.5 Boredom

2.0 Antagonism

1.5 Anger (Overt Hostility)

1.1 Covert Hostility 1.0 Fear

0.5 Grief

0.2 Apathy“ (Scn 0-8, 1970:45).

Zwischen diesen Stufen gabe es viele Zwischenstufen (s. sogenannte vollstandige Tonskala im SOS). Der Stufe „Tod“ hat Hubbard die Zahl 0, der Begeisterung die Zahl 4 zugewiesen. Die genaue Mitte lage in etwa bei Antagonismus, dem er die Zahl 2 zuwies. Die Grundannahme, die Hubbard aus der Beobachtung vieler PC’s abgeleitet haben will, ist die, dass sich die Emotionen in einer Auditing-Sitzung nicht beliebig, z.B. von Apathie auf Konservatismus verandern wurden:

„The tone scale denotes numerically, first the status of an engramm in reactiv mind, next is erasure of reduction, and provides a measure for sanity in an individual. The derivation of this scale is clinical and is based upon observation of engrams being worked. When an engram is located and developed, the extreme range it can follow begins with apathy, develops into anger (or the various facets of antagonism), proceeds into boredom, and arrives at last in cheerfulness or vanishes utterly” (DTOT, 51976 [11951] :59).

Wenn jemand sich aus der Apathie herausbewege, um zu Konservatismus zu gelangen, passiere er jede Emotion, die zwischen diesen beiden Emotionen liege. Ein Apathiefall wurde also auf dem Weg der Befreiung seines Theta’s zuerst Gram, dann, wenn noch mehr Theta aus einem Engramm befreit wurde, Angst, dann Wut usw. entwickeln. Emotionen konnten dabei sehr schnell durchlaufen werden, aber die Reihefolge bliebe bestehen. Es ware gemaB dieser Theorie unmoglich, dass wahrend einer Entladung, also einer Freisetzung von Theta auf einer Emotionsstufe wie z.B. Hass die Stufe tiefe Trauer folgte, da diese unter Hass angesiedelt sei. Ware jemand wutend, folgt als nachst hohere Tonstufe erst einmal Antagonismus oder Langeweile und nicht Heiterkeit, bzw. Begeisterung. Der Schritt zu Begeisterung ware z.B. von der Emotionsstufe starkes Interesse wesentlich leichter zu bewerkstelligen, als von der Emotionsstufe Antagonismus aus. Tonskala ist der deutsche Begriff fur tone scale und tone wird hier im Sinne von Niveau gebraucht. Die Emotion sei also lediglich ein, allerdings sehr leicht erkennbarer Parameter der Tonskala von Theta, es gabe viel mehr Parameter fur diese (SOS, 111968 [11951]:48ff). „The tone scale measures the ability of a human being to cope with the problems that arise for him. As such, it indicates also his emotional feeling and tone“(NOTL, 51968 [1951]:99). Hubbard hat zur Hilfestellung fur Auditoren eine Tabelle zur Einstufung des Menschen und fur Dianetik-Auditing aufgestellt, in der er neben der Skala fur Emotionen noch 43 andere Skalen deterministisch angeordnet hat. Im Prinzip stellten all diese Spalten jeweils Eigenschaften von Theta da. So findet man z.B. die Eigenschaft „Fahigkeit, Vergnugen in der Gegenwart zu erleben“. Auf der Tonstufe 4, also bei einer Person, welche die meiste Zeit heiter ist, heiBt es z.B. „Findet das Dasein randvoll von Vergnugen“ unter Emotion „Tatendrang, Uberschwang“, unter Affinitat „Liebe, stark und nach auBen gerichtet“, unter Stufe der Hypnotisierbarkeit „Unmoglich ohne Drogen zu hypnotisieren“, unter Umgang mit Wahrheit „Hoher Begriff von Wahrheit“, unter Mutniveau „Hohes Mutniveau“. Den 44 Spalten (Eigenschaften von Theta und MEST) sind 11 Tonstufen zugeordnet. Wenn von diesen 451 Feldern jeweils nur eines an einer Person erkannt ware, konne man von da aus samtliche restlichen 43 Eigenschaften bzw. Fahigkeiten der Person ermitteln. Je nachdem, wo sich die Person befinde, musse das Auditing-Verfahren ausgewahlt werden, welches ihre Fahigkeiten nicht ubersteige. So finden wir den Eintrag unter der Spalte Engramme, in der Zeile Tonstufe 1,1: „Beruhren Sie auf dieser Stufe nie ein Engramm.“ Schauen wir entlang dieser Tonstufe weiter unter der Spalte Emotion nach, finden wir versteckte Feindseligkeit. Jetzt wissen wir, bei einen 1,1er[22] darf man nicht Engramme auditieren, weil er zu wenig freies Theta, namlich laut Tabelle nur 10 % im Vergleich zu seinem Potential an Entheta besaBe. Wir erfahren weiter aus den angrenzenden Spalten, dass er sich gewohnlich schlecht konzentrieren konne; dass er andere zerstore, und zwar durch heimtuckische Mittel; dass er nicht nur der Neigung unterlage, alles wortlich aufzunehmen, sondem dieser Neigung durch gezwungenen Humor auszuweichen suche; dass er endokrine und neurologische Krankheiten besitze; dass Frohlichkeit meist gezwungen sei; da wirkliches Vergnugen jenseits seiner Reichweite liege usw.. Das gesamte Buch SOS, das wichtigste unter den Dianetik-Buchern, erklart nun jedes der 451 Kastchen ausfuhrlich und scheint aufgrund seiner Art, klare Aussagen zu treffen, insbesondere, was die genaue Vorhersage von Wahrnehmungsfahigkeiten wie Sonik, Visio angeht, fur Tests, besonders Gegentests wie sie Goodwin in seinem Buch Research in Psychology. Methods and Design verlangt, geeignet zu sein. Unter den 44 Parametern lassen sich solche finden, die einfach und sicher zu verifizieren sind, da sie nicht ohne weiteres veranderbar sind, wie z.B. Krankheit, Sprechvermogen o.a.. GemaB dieser Tabelle konnte man Patienten mit verschiedenen Krankheiten darauf hin testen, ob sich zu der jeweiligen Krankheit die entsprechende Unfahigkeit z.B. beim bildlichen Erinnern im Gegensatz zu gesunden Menschen ergabe oder nicht.

5.2.4. Die zweite Dynamik, Hubbard und die Sexualitat

Einen Kontrollverlust (vgl. 9.9.) musste Hubbard bei seinem homosexuellen Sohn Quentin hinnehmen. Kein Auditing, keine RPE-ErziehungsmaBnahme[23] konnte dessen „Krankheit“ heilen und ihm vom Selbstmord abbringen (Miller, 1987:344-347; Pignotti, 1989).

In der deutschen Fachwortsammlung 1979, welche die Definition vom DSTD 1975 ubernommen hat, heiBt es, dass die zweite Dynamik[24] der Drang zum Dasein als eine sexuelle oder bisexuelle Unternehmung und dem Buch Scientology. The fundamental of thought FOT, 1956(?):36-38 entnommen sei. Die hier erwahnte Bisexualitat widerspricht aber der Tabelle in Science of Survival n1968 [!1951] und der dazugehorigen Erklarung Spalte P Sexual Behaviour, Attidude Toward Children (n1968:114ff [!1951], in welcher Perversionen, bzw. abwegige Praktiken im untersten Bereich der Tonskala bei 1.1., der versteckten Feindseeligkeit angesiedelt werden und „groBes Interesse am anderen Geschlecht“ einer Stufe, die uber dem Gesellschaftlichen Niveau (dieses liege bei 1.1 s. folgendes Zitat), namlich auf 3,5 , dem starken Interesse, bzw. Dianetik-Release lage, zuzuordnen sei.“It will be noted, in observing the behavior of human beings, and on this chart of the tone scale, that promiscuity, perversion, sadism, and irregular practices fall far down the line. Free Love falls, also, in this very low band; since man is relatively monogamous and since it is non-survival not to have a well ordered system for the creation and upbringing of children, by families. A society which falls into this 1.1 band of the tone scale can be expected to abuse sex, to be promiscuous, to misuse and maltreat children, and to act, in short, much in the way current cultures are acting [...] At 1.1 on the tone scale we enter the area of the most vicious reversal of the second dynamic. Here we have promiscuity, perversion, sadism, and irregular practices. We have no enjoyment of the sex act but a hectic anxiety about it. The sex act cannot truly be enjoyed whether performed regularly or irregularly. Here is Free Love, easy marriage and quick divorce, and general sexual disaster. People at this level on the second dynamic are intensely dangerous in the society, since aberration is contagious. A society which reaches this level is on its way out of history, as went the Greeks, as went the Romans, as goes modern European and American culture” (SOS, 111968 [11951]:115-116, Unterstreichung von mir).

Seine eigenen schnellen Heiratsentschlusse musste Hubbard hier vergessen haben, sowie seine Aktivitaten im OTO[25] und seine Begeisterung fur Lehren Crowleys, die grundsatzliche Freiheit von eingrenzender gesellschaftlicher Moral propagieren (Crowley, 1973 [1911­1929]). Da die Definitionen im DSTD 1975 zusammengestellt wurden, muss davon ausgegangen werden, dass die Erwahnung von Bisexualitat ca. bis zu diesem Zeitpunkt kein sehr groBes Problem dargestellt hatte[26]. Aber in der Ausgabe von FOT 1988 finden wir das Wort Bisexualitat nicht mehr. Stattdessen heiBt es: “The second dynamic is the urge toward existence as a sexual activity” (1988 [1956]:40). Laut dem Autor von SuperScio, sei Hubbard in den 60iger Jahren toleranter gewesen. Er schreibt:

“WHAT IS: The CofS is currently anti-homosexual. Practicing homosexuals are currently blocked from upper levels. WHAT ISN'T: This was not the case until sometime in the 1980s. The only early reference by Ron was that thetans basically don't have a sex (there aren't male and female thetans). It was believed that people became homosexual due to mental charge of some sort (such as a bad incident that might need to be run out), but when this charge was removed, they tended to become bi­sexual (no longer blocked from heterosexual relations) rather than abandoning homosexuality. There was even an idea circulating among staff in the 1960s that everyone should try a homosexual experience once just to get your TRs in on it (in other words, get your confront up on it). I know a few who tried it on this basis and even one girl who decided that she liked being gay better. However, most of us (including myself) felt that just because you hadn't screwed a gorilla, it didn't mean that you had to go and do it just to get your TRs in. Even so, the place was liberal and safe for alternative lifestyles. The idea of removing mental charge was that nobody would be prejudiced or much bothered by anything as long as no one was getting hurt. WHAT IS: The Sea Org is currently pushing a very conservative sexual morality. SO members can be put into liability (a lower ethics condition with amends projects etc.) for sleeping with someone outside of marriage. WHAT ISN'T: This is again the reverse of the early attitude which was exceedingly liberal. Basically, there were no rules until the 1965 policy "Student's guide to acceptable behavior" and the sexual rules in this were canceled in 1967 by the policy "New Second Dynamic Rules" (the first dynamic is self, the second dynamic is sex/family/children, the third dynamic is groups, etc.) which says there are no rules except that ethics can hold you responsible if you mess up somebody's case” (Ogger, 1996).

In den neuen Regeln fur die zweite Dynamic heiBt es: “Alle Ethik-Anordnungen, die jetzt in Kraft sind und sich auf die zweite Dynamik beziehen, sind aufgehoben ... Einer der grundlegendsten Bereiche von Aberration im Menschen ist die zweite Dynamik. Auditing, nicht Disziplin, ist das Einzige, was eine Aberration solcher Starker ausloscht“ (HCOPL, 11.08.1967). Abgesehen davon, dass Hubbard zehn Jahre zuvor die ubermaBige Betonung von Sex in der Psychoanalyse kritisierte[27], lasst das Zitat vermuten, dass es zu Lockerungen in der Sexual-Moral gekommen war, denen Hubbard mit rigiden Regeln beizukommen versuchte, die er dann aber wieder zurucknahm. Ogger schreibt weiter:

”Interestingly enough, when they started pushing strict sexual mores, a LRH technical bulletin came out called "Pain and Sex". This is actually from the 1952 tapes (see the technique 88 lectures) and is out of context. Pain and sex were indeed bundled up together by implants and thetans have committed many overts in the area, but Ron's advise at that time was not to abandon sex but simply to run out the incidents” (Ogger, 1996).

Das HCOB Pain and Sex wurde erst am 26.08.1982 herausgegeben und scheint sehr wohl eine generelle Absage an Sex zu intendieren:

„There are two items in this universe that cause more trouble than many others cobinded. One is PAIN. The other is SEX They may have applications but they are used by destructive beings in great volume to cave others in. Despite the false data of Freud, psychologists, psychiatrists and other criminals, they are not native to a being. They are only artificial wave lengths. They have exact frequencies that can be manufactured. A being or a mahine can synthesize either one [.] Sex is a lock on and perversion of the „joy of creation“, which involves a whole being and expands him, but by using just one ware length, sex, this can be perverted and he contracts [...] Go into an asylum or a prison and look at the increasing institutional [hier merkt er nicht, dass er wie Freud selbst alle Unbill auf die Ursache Sex bezieht] population and know what you are looking at. In the main, these are pain and sex addicts, decadent and degraded and no longer capable [...] These are data which emerged from recent thorough research of the whole track. This is not theory or some strange opinion. It is provable eletronic fact. The waves are just synthesized [.] As both, pain and sex could have messed up your life, the above may be some answers you’ve been looking for” (HCOB, 26.08.1982, Unterstreichung von mir).

Neben dem Umstand, dass sich die Behauptungen nahtlos an Hubbards galaktischen Verschworer-Theorien (vgl. 8.3.) anschlieBen, ist eine Einteilung in naturliche, d.h. integrierte und kunstliche, d.h. isolierte Wellen schwer nachvollziehbar. In gewisser Weise legt sich

Hubbard auf „Sex = kunstlich und schlecht“ fest und nimmt eine Haltung ein, die dem starken Interesse an Sex seines Clears im SOS widerspricht.

Mit dieser Erorterung beanspruche ich nicht, das Thema dieses Kapitels umfanglich behandelt zu haben. Der spekulative Charakter und die Wechselhaftigkeit der Aussagen Hubbards zum Thema Zweite Dynamik konnen jedoch nicht ubersehen werden.

5.2.5. Das ARK-Dreieck

Wie bereits im Kapitel uber die Tonskala und die Tabelle der Einstellungen dargestellt, geht Hubbard von unterschiedlichen Fall-Stufen der Menschen aus. Hubbard setzt nun die drei Parameter Affinitat (Verbundenheitsgefuhl), Realitat und Kommunikation mit besonderem Nachdruck in ein Abhangigkeitsverhaltnis. Er sagt, dass man z.B. mit einer Person nur dann richtig kommunizieren konne, wenn man sich dem Affinitatsniveau, bzw. der Emotionsstufe der anderen Person anpasse. Gleichfalls konne z.B. keine gemeinsame Realitat (z.B. Ubereinstimmung uber irgendein Gesprachsthema) mit jemand aufgebaut werden, dessen Affinitatsstufe gerade Zorn sei. “As people descend the tone scale they become more and more difficult to communicate with, and things with which they will agree become more and more solid. Thus we have friendly discourse high on the scale and war at the bottom. Where the affinity level is hate, the agreement is solid matter, and the communications . . . bullets” (FOT, 1988[1956:45ff).

Der Erfolg in einer Kommunikation hange laut Hubbard nicht davon ab, wie hochtonig man selbst sei, sondern davon, wie sehr man sich der Tonstufe des anderen so annahern konne, dass der andere die ausgesendete Kommunikation uberhaupt verstehe. So musse z.B. bei der Herausgabe einer Zeitung die Tonstufe der Bevolkerung beachtet werden. Wurde man die Zeitung mit zuviel konstruktiven Beitragen versehen, wahrend die Tonstufe der Bevolkerung weit unter dem Level liegt, welcher konstruktive Ideen akzeptieren konnte, ware der Absatz der Zeitung gefahrdet. Dementsprechend lieBe sich umgekehrt die emotionale Tonstufe einer Gesellschaft ziemlich genau ermitteln, indem man untersuche, was in ihren gesellschaftlichen Druckerzeugnissen publiziert wurde, da diese Erzeugnisse von Faktoren wie Werbeleuten und Auflagehohe direkt abhangig seien. (PDCLs, Bd.7, 21984 [1952] :30).

Auswertung

Zusammenfassend mochte ich festhalten, dass Hubbard in dem Zeitraum von 1938 - 1950 (in der Zeit, als das Manuskript fur Dianetics: The original thesis laut Vorwort als das Resultat einer Untersuchung entstanden sei, die bereits 1932 begonnen wurde) zumindest nach eigenen

Worten Wert darauf legte, den Bereich des Denkens in einen wissbaren und unwissbaren Bereich einzuteilen wie es Goodwin in dem Abschnitt Empirical Questions (Goodwin:21998:13-14) verlangt. Die sogenannte Tonskala lasst sich theoretisch ohne Muhe mit der Theta-MEST-Hypothese vereinen und zeigt meines Erachtens keine groben Mangel, was die systemimmanente Plausibilitat betrifft. Im Bereich der sogenannten zweiten Dynamik gibt es theoretische Unstimmigkeiten und Vakanzen.

Die Theta-MEST-Theorie verliert innerhalb der spateren Scientology-Theorien an Bedeutung, weil aus dem Theta-Substanz-Begriff von SOS ein Theta-Korper, bzw. ein Theta- Wesen und dann der Thetan (s. Kap. 8.4.) wird. Die Lebensenergie, die Hubbard mit „Denken“ gleichsetzt, wird dort personifiziert, d.h. zur Seele und so zum zentralen Angriffspunkt fur die Verfahren von Scientology.

5.3. Der reaktive Mind

“The reactive mind is possessed by everyone. No human being examined anywhere was discovered to be without one or without aberrative content in his engram bank, the reservoir of data which serves the reactive mind. What does this mind do? It shuts off hearing recall. It places vocal circuits in the mind. It makes people tone-deaf. It makes people stutter. It does anything and everything that can be found in any list of mental ills: psychoses, neuroses, compulsions, repressions...What can it do? It can give a man arthritis, bursitis, asthma, allergies, sinusitis, coronary trouble, high blood pressure, and so on down the whole catalogue of psycho-somatic ills, adding a few more which were never specifically classified as psycho-somatic, such as the common cold [...] Discharge the content of this mind’s bank and the arthritis vanishes, myopia gets better, heart illness decreases, asthma disappears, stomachs function properly, and the whole catalogue of ills goes away and stays away. Discharge the reactive engram bank and the schizophrenic faces reality at last, the manic-depressive sets forth to accomplish things, the neurotic stops clinging to books which tell him how much he needs his neuroses and begins to live, the woman stops snapping at her children and the dipsomaniac can drink when he likes and stop. These are scientific facts. They compare invariably with observed experience” (DMSMH, 1987 [11950]:71-72, Unterstreichung von mir).

In diesen Aussagen wird der umfassende Anspruch, den Hubbard mit Dianetik erhebt, deutlich. Viele, ja beinahe samtliche Krankheiten sind fur ihn psychosomatisch verursacht, ohne dass hierfur wissenschaftliche Untersuchungen vorliegen bzw. von ihm vorgenommen wurden. Er behauptet dies schlicht und hat somit eine Begrundung, weshalb Dianetik darauf angewendet werden konnte. Die Betonung, dass seine Aussagen wissenschaftlich belegt seien, finden wir besonders im DMSMH und SOS. Im Folgenden sollen die Grundbausteine des reaktiven Verstandes erlautert werden. In diesem Kontext spricht Hubbard von Engrammbank, weil er die Vorstellung von gespeicherten Daten wie in einer Bibliothek[28], bzw. einer Computer-Datenbank hat (DMSMH, 1987 [11950]: 61ff). Bank wird spater ein Slang-Standardausdruck fur den reaktiven Mind.

“The purpose of Dianetics is to delete from the existing mind those physically painful experiences which have resulted in the aberration of the analytical mind, to resolve the physical manifestations of mental aberration, and to restore in its entirety the proper working function of a brain not otherwise physically deranged” (DTOT, 51976 [11951]:22).

Hubbard spricht von psychischen Aberrationen[29], unvernunftigen Verhaltenweisen (im Gegensatz zu organisch bedingten Aberrationen), die mehr oder weniger in jedem Menschen gefunden werden konnten. Dianetik wurde genau diese Bereiche aufdecken und exakt dazugehorige Erfahrungen mit korperlichem Schmerz finden. Dieser Auffindungsprozess wurde zu einem Hinuberfuhren des Geschehnisses aus dem Bereich des reaktiven Verstandes in den Bereich des analytischen Verstandes fuhren, wodurch am Ende die negative Ladung und die damit verbundene unvernunftige Verhaltensweise oder Anschauung verschwinde. Der reaktive Mind des Menschen sei das, was bei einem niedrigeren Tier der analytische Verstand sei, in dem lediglich die Berechnung von Schmerzvermeidung eine Rolle spiele. Fur den Menschen sei dieser reaktive Verstand das erste Notfallkommando gewesen. Irgendwann, so vermutet Hubbard, ubernahm ein noch mehr verfeinerter analytischer Verstand [namlich der des Menschen] die Kontrolle uber den Korper, allerdings nur unter der Bedingung, dass in Notfallsituationen der fur solche Aufgaben bestens trainierte reaktive Verstand einspringe und der analytische Verstand in diesen Phasen ausgeschaltet wurde (DTOT, 51976 [!1951]:22-28). Hubbard folgert daraus, dass alle Fehler im Denken und Handeln mit der Arbeitsweise dieses reaktiven Teiles des Verstandes zusammenhingen. Da dieser lediglich auf Reiz- Reaktionsbasis arbeite, nennt Hubbard diesen Teil des Verstandes den reaktiven Verstand im Gegensatz zum analytischen Verstand [30].

5.3.1. Das Engramm

Ist einmal ein Erlebnis aufgrund seines schmerzhaften Charakters in den reaktiven Verstand eingedrungen, konne es einfach dadurch reaktiviert, dianetisch ausgedruckt: restimuliert werden, indem irgendetwas in der Umwelt des betroffenen Individuums so aussieht wie der Inhalt des korperlichen Traumas, welches im reaktiven Verstand vorhanden ist. Das Resultat einer Restimulation ist, dass die Person den gleichen Schmerz, allerdings abgeschwacht in Form einer korperlichen Somatik erfahrt ohne dass wirklich Schmerz von auBen zugefugt wurde. Dies sei eben dieser Instinktmechanismus des Tieres, der auch noch im Menschen wirke. Die Ausschaltung des analytischen Minds sei ein Uberlebensfaktor fur seine empfindliche Apparatur (DTOT, 51976 [11951]:22-28). Diesen im reaktiven Mind gespeicherten korperlichen Schmerz nennt Hubbard das Engramm. Die Hauptdefinition besagt, dass ein Engramm ein mentales Eindrucksbild sei, welches eine Zeit physischen Schmerzes und Bewusstlosigkeit enthielte, was es von anderen Eindrucksbildern unterscheide. StoBe oder Verletzungen mussten Inhalt derselben sein (DASTD, 21975:141). Das Problem lage nun darin, dass das Engramm ein Wahrnehmungspaket mit samtlichen Wahrnehmungen einschlieBlich von gesprochenen Worten darstellt, die in Augenblicken von Ermudung restimuliert werden konnten. Hubbard unterscheidet drei Arten des Denkens, die reaktive Art, die vollstandig buchstabengetreu das abspule, was im reaktiven Mind gespeichert sei, die Art rechtfertigendes Denken, welche engrammatische, unvernunftige Reaktionen nachtraglich als vernunftig rechtfertige und schlieBlich die Art vernunftigen Denkens, die rein auf Analyse der gegenwartigen Situation beruhe, was Hubbard das Denken eines Clears bezeichnet. Hubbard unterscheidet sogenannte schwebende und chronische restimulierte Engramme. Erstere lagen inaktiv verborgen im reaktiven Mind einer Person vor, ohne dass sie davon wisse. Letztere drangten permanent auf die Person ein und zwangen sie zu unvernunftigen Handlungen und zwar so grundlich, dass diese als Charaktereigenschaften der betroffenen Person erschienen. Hubbard vergleicht die Engramme mit posthypnotischen Befehlen, die einer Person in einem Augenblick geringerer analytischer Aufnahmefahigkeit, namlich wahrend eines Schmerzerlebnisses gegeben wurden. Engramme hatten weiterhin die Eigenschaft, Ketten zu bilden, d.h. sich gegenseitig zu vernetzen. Weiterhin hatte die Person ohne Hilfe einer anderen Person keinen Zugriff auf den Wahrnehmungsinhalt von Engrammen, weil diese exakt zu den Zeiten auftraten, wo die Person analytisch am schwachsten gewesen sei (DTOT, 51976 [x 1951] :29-43).

[...]


[1] Vgl. - In der Bild am Sonntag: „Franz Josef Jung (CDU) [Bundesverteidigungsminister]. Der namlich verbot Tom Cruise jetzt ganz humorlos, seinen geplanten Stauffenberg-Film in Berlin an Originalschauplatzen zu drehen. Wie die Berliner „BZ“ berichtete, verweigerte Jung auf Rat der CDU/CSU-Sektenexpertin Antje Blumenthal [Bundestagsabgeordnete] die Dreherlaubnis im Berliner Bendlerblock. Expertin Blumenthal in der „B.Z.“ „Die Drehgenehmigung fur den ranghohen Scientologen in einem Bundesgebaude ware einer bundespolitischen Anerkennung der Sekte gleichgekommen“ (Bams, 24.06.2007). Im gleichen Verlag, am gleichen Tag wird korrekter gesagt, dass es sich lediglich um eine Absichtserklarung von Jung handele: „Ein Ministeriumssprecher sagte auf Anfrage, dass bislang kein Antrag der Produktion vorliege“ (morgenpost.de, 24.06.2007, 21:42h). Die Drehgenehmigung wurde dann doch gegeben: „Finanzminister Steinbruck und Verteidigungsminister Jung lehnten eine Drehgenehmigung im Bendlerblock ab. Am Ende setzte sich das Kanzleramt durch“ (Spiegel Online, 15.09.2007).

[2] Die Auditingroute ist die sogenannte Brucke (FDS, 1977:15) und bedeutet die Gesamtheit aller Auditingstufen, also dianetischer bzw. scientologischer Beratungspakete, die ein Kunde der Scientology in Anspruch nehmen kann, wenn er die sogenannte „vollige Freiheit“ erreichen will (DBZVF, 31990 [1986]). Die Philadelphia Doctorate Course Lectures, d.h. die 76 erklarenden Vortrage zum Buch Scientology 8-8008 werden als nicht obligatorischer Zusatzkurs bzw. in Form von CDs (fruher Kassetten), die man sich privat anhoren kann, verkauft.

[3] Aufgrund der einiger Recherchen im Internet gehe ich davon aus, dass Hubbard u.a. die „totale Freiheit“, das „Postulat“ den „Purification-Rundown“, die „Grade“ und das Kreuz von Aleister Crowley ubernommen hat. Frenschowski’s (1999:8) Schlussfolgerung: “Nevertheless it remains quite obvious that Hubbard did not take much inspiration from Crowley and Parsons” ist falsch, Corydon’s (31996:382) Einschatzung: “The parallels between Hubbard’s work and those of Crowley could fill an entire book” richtig (s. mehr unter 9.3. Fussn.).

[4] Abriss uber die wichtigsten Forschungsstationen von Dianetik und Scientology

1938 Excalibur - das grundlegende Gesetz des Lebens heiBt „Uberlebe!“

1948 Dianetics. The original thesis

[5] Kursuberwacher - Person, die uberwacht, dass die Studenten ihren Kurs (Selbststudium) ohne Missverstandnisse absolvieren. Er lehrt nicht, sondern kontrolliert lediglich (DASTD, 1975:414).

[6] Der Verfasser hat selbst einige Kurse in einer sogenannten Klasse IV-Organisation belegt.

[7] HCOPL, Verwaltungsrichtlinie von L.Ron Hubbard personlich geschrieben und daher bindend fur jeden Mitarbeiter ein Scientology-Organisation (MMTD, 1976:265)

[8] Checkout - Uberprufung eines Studenten, die auf dem Kursplan (Checksheet) vorgesehen ist (DASTD, 1975:68)

[9] Quickie grades - schnell und oberflachliches Auditing (DASTD, 1975:331)

[10] Comm Ev - Commitee of Evidence - Komitee der Beweisaufnahme, das bei VerstoBen von Richtlinien, die Hubbard herausgegeben hat, zwecks Schuldfindung zusammentrifft (ESE, 1998)

[11] PC - Pre-Clear, eine Person, die noch nicht Clear ist (DMSMH, 1987 [11950])

[12] Fallstufe - gemaB der Klassifizierungs-,Gradierungs-, und Bewusstseinskarte der Stufen und Zertifikate abgeschlossenes Auditing. Mit der jeweiligen Auditingstufe, sagt Hubbard, hatte man ein entsprechendes Bewusstsein bzw. spezifische Fahigkeiten, d.h. eine bestimmte Fallstufe erlangt (DASTD, 1975:403)

[13] Amerikanisch = Billion, engl. = Trillion, in Saint Hill geschrieben, konnte es fur die Englander auch Trillionen heiBen

[14] „Schwer ist es fur ein Geschopf, die Geburt in menschlicher Gestalt zu erlangen. Schwerer ist es, Korperkraft und Willensstarke, noch schwerer Reinheit zu erlangen. Schwerer noch als dieses ist der Wunsch, ein geistiges Leben zu fuhren. Das allerschwerste ist das Verstandnis der Schriften. Nicht zu erlangen aber ist die Unterscheidung zwischen Atman und dem Nicht-Atman, die unmittelbare Erkenntnis des Atman selbst, die immerwahrende Vereinigung mit Brahman und die endgultige Befreiung - es sei denn durch die Verdienste von hundert Billionen rechgelebter Inkarnationen“ (Shankara, 1981:39 [500-750 n.Chr.].

[15] „In September of 1950, the American Psychological Association called on psychologists not to use dianetic therapy, “in the public interest.” Struggling to maintain circumspection, the Association unanimously adopted a resolution at the last session of a meeting of its council of representatives which stated that, While suspendingjedgment concerning the eventuel validity of the claims mad by the author of ‘Dianetics,’ the association calls attention to the fact that these claims are not supported by empirical evidence of the sort required for the establishment of scientific generalizations. In the public interest, the association, in the absence of such evidence, recommends to its members that the use of the techniques peculiar to Dianetics be limited to scientific investigations designed to test the validity of the claims” (Malko, 1970:56).

[16] Vgl. HCOBs des NED-Packs

[17] Heuristisch - „...die Heuristik betreffend; -es Prinzip: Arbeitshypothese als Hilfsmittel der Forschung; vorlaufige Annahme zum Zweck des besseren Verstandnisses eines Sachverhaltes“ (Duden. Das groBe Fremdworterbuch, 1994)

[18] Die Distanzierung von „nebulosen Dingen“ ist ebenfalls dem Wunsch nach Anerkennung der Wissenschaftlichkeit von Dianetik zuzuordnen, besonders deshalb, weil sich Hubbard nach (vermutl. auch vor) dem zweiten Weltkrieg intensiv mit solchen Dingen beschaftigte und diese zwei Jahre nach diesem Zitat in Form der Einfuhrung Crowleyschen Gedankengutes in das Auditing (vgl. 10.3.) integrierte, was zur Entstehung von Scientology fuhrte.

[19] Die Betonung des Begriffes „Uberleben“ lasst den Einfluss der evolutionistischen Biologie vermuten, den Hubbard von den Texten Semons in seine fruheren Dianetikbucher hat einflieBen lassen, ohne dass er selbst zu dieser Art von Denken irgendeinen Bezug hat (vgl. Kap. 5.3.1/2.).

[20] Gunstigstimmen - Emotion, unterhalb von Angst, man versucht eine andere Person wohlgesonnen zu stimmen

[21] Antagonismus - Emotion, mit der eine Person standig gegen andere Personen vorgeht, aber sie noch nicht wie bei Wut sofort zu vernichten versucht.

[22] Einem Indologen fallt sofort die Parallele zu den drei gunas (u.a. Grundeigenschaften allen Daseins) auf. „Der Bergrunder des Samkhya-Systems [Kapila] erkannte als die fur den Menschen wichtigsten Eigenschaften aller Dinge, dass sie entweder Freude, Schmerz oder Gleichgultigkeit (Apathie, Besturzung) erwecken. Die Freude coordinierte sich ihm mit den Begriffen des Lichtes und der Leichtheit, der Schmerz mit denen der Anregung und Beweglichkeit (Thatigkeit), die Apathie mit denen der Schwere und Hemmung“, ... so auBert sich das Sattva im Object durch Licht und Leichtheit, im Subjekt als Tugend, Wohlwollen, Gluck, Heiterkeit u.s.w.; das Rajas in der Welt der Objecte in Kraft und Bewegung, im Subject als jede Art von Schmerz, Angst, Leidenschaft, Bosheit u.s.w., aber auch als Ehrgeiz, Streben und Thatigkeit; das Tamas in der Welt der Objekte als Schwere, Starrheit und Dunkel, im Subject als Kleinmut, Furcht, Stumpfsinn, Tragheit, Bewusstlosigkeit u.s.w. Das Sattva dominirt in der Welt der Gotter, das Rajas in der der Menschen, das Tamas im Tier-, Pflanzen- und Mineralreich“ (Garbe, 1896:19-21). Hubbard wird die Umsetzung dieser Anschauungen in seine Theorie vermutlich nicht selbst vorgenommen haben, sondern von Crowley oder irgendwelchen anderen Personden, die mit der indischen Philosophie vertraut waren.

[23] Im SOS eine Person, die chronisch versteckt feindselig sei (ebd.:276ff); In CoS eine Art Slang-Ausdruck fur jemanden, der vom Charakter her chronisch heimtuckig sei. 1.1 ist die entsprechende Zeile auf der Karte von WdU.

[24] RPF - Rehabilitation Project Force ist eine Art Strafkompanie der Sea Org, in der Sea Org Mitglieder, die sich als Feinde von Scientology entpuppt haben oder anderweitig nicht den Anforderungen der Organisation entsprechen mit harter Arbeit, EthikmaBnahmen und Auditing wider auf Linie gebracht werden sollen (Haack, 1982:308ff).

[25] Hubbard unterscheidet acht Dynamiken, d.h. Triebkraften mit denen ein Mensch uberleben konne, fur sich selbst, mit einem Geschlechtspartner, bzw. Lebenspartner, einer Gruppe, der Menschheit, mit Tieren und Pflanzen, mit dem physikalischen Universum, mit anderen Thetanen, mit Gott oder der Unendlichkeit (DYN, 1980:32-33).

[26] „Then Hubbard comes along and starts having affairs with one girl after another in the house and finally fastens on to Betty. I couldn’t believe it was happening. There he was, living off Parsons’ largesse and making out with his girlfriend right in front of him” (Miller, 1987:117) Ordo Templi Orientis - Orientalischer Templer- Orden, okkultistische Geheimgesellschaft, dem irgendwann Crowley vorsteht.

[27] In der deutschen Ausgabe von Dynamics and the Tone Scale heiBt es 1980 noch: „Die Zweite Dynamik ist der Drang zum Dasein als eine sexuelle Unternehmung oder eine Unternehmung in bezug auf zwei Geschlechter“ (DYN, 1980:32).

[28] “However, to one who has adventured amongst barbarian peoples and who has inspected aberration in its many guises, the concentration on sex as the sole offender as pretended in the “libido theory” of Sigmund Freud becomes unreal. Races which have no sexual inhibitions of any kind are yet aberrated. In fact I know of several savage races which find so little meaning in sex that they do not even bother to trace ancestry seriously, and when they do wish to connect themselves with a family connect themselves on the mother’s side, as one can be fairly certain what woman bore him when one is uncertain as to who influenced the birth from the masculine side. Yet these races, free as the wind on the second dynamic, are yet intensely aberrated in other quarters. Some are aberrated on the eighth dynamic of God, some on the first of self. The American Indian, for instance, is enormously aberrated in the field of animals, but not much inhibited in the field of sex” (PAP Nr. 9, 10.07.1956).

[29] Dementsprechend spricht Hubbard in der fruhen Dianetik von einem Archivar des PC, der den Auditoren bei der Auffindung eines Geschehnisses in der „Datenverarbeitungsanlage“ helfen wurde (DMSMH, deutsch, 1984:512).

[30] Diese Gedankengange sind mit ein paar Umformulierungen aus „Die Mneme ...“ ubernommen worden. Statt von engraphischer Wirkung der Reize, spricht Hubbard von engrammatischen Reizen, statt von Mneme von Gedachtnis, der Erinnerung, (s. Wahrig, 72005 [1966]) von Engrammbank. Semon schreibt: “In sehr vielen Fallen lasst sich nachweisen, dab die reizbare Substanz des Organismus, gehore er nun dem Protisten-, Planzen- oder Tierreich an, nach Einwirkung und Wiederaufhoren eines Reizes und nach Wiedereintritt in den sekundaren Indifferenzzustand dauernd verandert ist. Ich bezeichne diese Wirkung der Reize als ihre engraphische Wirkung, weil sie sich in die organische Substanz sozusagen eingrabt oder einschreibt. Die so bewirkte Veranderung der organischen Substanz bezeichne ich als das Engramm des betreffenden Reizes, und die Summe der Engramme, die ein Organismus ererbt oder wahrend seines individuellen Lebens erworben hat, bezeichne ich als seine Mneme [„als seinen Engrammschatz“ in der 3. Auflage 1911, S. 15 von Semon verandert (Fleckner,1995:340)] [...] wobei die Unterscheidung einer ererbten und einer individuell erworbenen Mneme sich von selbst ergibt [...] Sie [die engraphische Rezeptivitat = reaktiver Verstand bei Hubbard] ist auch bei den hoheren und hochsten Organismen ein Attribut jeder reizbaren Substanz geblieben und scheint mir mit der Erregbarkeit als solcher untrennbar verbunden zu sein“ (Semon, 1904:20-21).

Details

Seiten
122
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640579990
ISBN (Buch)
9783640580101
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v148207
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Kulturwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Dianetik Scientology Wissenschaft Relgion

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Titel: Dianetik und Scientology in ihrem Anspruch als Wissenschaft