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Erich Fromms Untersuchung über „Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches“

Hausarbeit (Hauptseminar) 1995 23 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung

II. Ziele und Ergebnisse der Untersuchung über Arbeiter und Angestellte in der Endphase der Weimarer Republik
1. Zielsetzung und Methode der Untersuchung
2. Sozialer Status und politische Anschauungen der Befragten
2.1. Sozialer Status
2.2. Politische Anschauungen der Befragten
3. Haltung zur Autorität
4. Haltung zum Mitmenschen
5. Persönlichkeitstypen

III. Abschließende Einschätzung

IV. Literatur

I. Einleitung

Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich mit Erich Fromms sozialpsychologischer Untersuchung über die Bewusstseinshaltungen, Persönlichkeitsstrukturen und politischen sowie kulturellen Einstellungen von Arbeitern und Angestellten in Deutschland während der Endphase der Weimarer Republik (1929-1933). Erich Fromm, als Leiter der sozialpsychologischen Abteilung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung um Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno, Leo Löwenthal usw. führte diese empirische Untersuchung im Auftrag des Instituts mit seiner Mitarbeiterin Hilde Weiß in den Jahren 1929-1931 durch.1 Dabei wurden 3300 sehr umfangreiche Fragebögen an Arbeiter und Angestellte verteilt, wovon jedoch nur ein Drittel (1100 Fragebögen) ausgefüllt zurückkamen. Die Ergebnisse der Untersuchung basieren letztlich auf dem Datenmaterial von 584 Fragebögen, da aufgrund der 1933 erzwungenen Emigration des Instituts aus Deutschland in die USA ein Großteil des Materials verloren ging. Fromms Trennung vom Institut für Sozialforschung im Jahr 1939, die u. a. aus einem „Streit um den Inhalt und die Seriosität“ dieser empirischen Studie resultierte, führte dazu, dass ihre Ergebnisse erst 50 Jahre nach der Durchführung veröffentlicht wurden. Somit haben sie zwar keinen aktuellen Bezug mehr, lassen sich aber als „ein beachtliches zeitgeschichtliches Dokument“ betrachten und sind wissenschaftsgeschichtlich als „Vorarbeit für die späteren Studien ber Autorit ät und Familie “ des Frankfurter Instituts von Bedeutung.2 Aber auch einer sozialgeschichtlich orientierten Historiografie der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik bietet diese Untersuchung eine „Fundgrube“ mit Einblicken in die Alltagswelt von Arbeitern und Angestellten, ihre politischen Neigungen und kulturellen Bedürfnisse.3

Im Mittelpunkt dieser Seminararbeit stehen die Ergebnisse der Frommschen Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung der Frage, welche Erkenntnisse sie über die Persönlichkeitsstruktur von Wählern und Funktionären der Arbeiterparteien, d. h. der SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands) und KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) vermitteln. Gab es Divergenzen zwischen der politischen Orientierung und der Persönlichkeitsstruktur in den Reihen der Linken und wenn ja, wie äußerten sie sich, wie wirkten sie sich auf das antifaschistische Widerstandspotential der deutschen Arbeiterbewegung aus? Von besonderem Interesse sind hierbei auch mögliche Unterschiede zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten. Aus Gründen der Umfangsbegrenzung werden die Ergebnisse nicht nach dem sozialen Status (Arbeiter, Angestellte, Arbeitslose usw.) gesondert betrachtet, sondern einzig hinsichtlich der politischen Orientierung differenziert. Außerdem sollen Nationalsozialisten, Bürgerliche und Nichtwähler, die zusammengenommen nur 127 Probanden (21% der Fragebögen)4 repräsentieren, dabei unberücksichtigt bleiben, zumal diese Gruppen für die zugrunde liegende Fragestellung keine entscheidende Rolle spielen.

Im folgenden Hauptteil soll zunächst das Ziel der Frommschen Untersuchung sowie die Methode, d. h. der Aufbau der Fragebögen usw. skizziert werden. Danach werden die Antworten der Probanden zu den, für Fromm, zentralen Fragekomplexen wie politische Haltung, Haltung zur Autorität und Haltung zum Mitmenschen präsentiert. Dabei werden jedoch jeweils nur einzelne wichtige Fragen und Antworten herausgegriffen. Danach sollen die Persönlichkeitstypen, die Fromm aus den Ergebnissen der Untersuchung und theoretischen Vorüberlegungen entwickelt hat, näher charakterisiert werden. Fromm unterscheidet hierbei zwischen einem autoritären, einem rebellischen und einem radikalen Persönlichkeitstypus. Abschließend soll versucht werden den wissenschaftlichen Stellenwert dieser Untersuchung zu bestimmen und mögliche Kritikpunkte daran herauszuarbeiten.

Da es an Sekundärliteratur zu dieser frühen sozialpsychologischen Untersuchung von Erich Fromm weitgehend mangelt, beziehe ich mich hauptsächlich auf die Untersuchungsergebnisse, die Einleitung ihres Herausgebers und Übersetzers Wolfgang Bonß, sowie Rezensionen zu diesem Werk.

II. Ziele und Ergebnisse der Untersuchung über Arbeiter und Angestellte in der Endphase der Weimarer Republik

1. Zielsetzung und Methode der Untersuchung

Erich Fromm zufolge war die Untersuchung über Arbeiter und Angestellte „am Vorabend des Dritten Reiches“5 nur als erster Versuch gedacht, um diese beiden großen Gruppen der deutschen Bevölkerung hinsichtlich ihrer politischen und sozialen Einstellungen sowie ihrer Persönlichkeitsstrukturen näher zu erforschen. Eine hohe Rücklaufquote wurde angesichts der relativ geringen Anzahl der verteilten Fragebögen nicht erwartet, so dass mit tief greifenden Einsichten „über den deutschen Arbeiter schlechthin“ von vornherein nicht gerechnet wurde. Auch sollten keine „bestimmten Thesen ‘bewiesen’ werden.“ Erkenntnis leitendes Interesse war die Gewinnung von empirischem Wissen zur Ausarbeitung einer Gesellschaftstheorie und gleichzeitig das Sammeln von Erfahrungen, z. B. in der Entwicklung von Fragebögen, um darauf aufbauend weiterführende empirische Untersuchungen durchzuführen. Mit dem Fragebogen wurde bezweckt, Daten über Meinungen, Lebensformen und Einstellungen der Probanden zu gewinnen, d. h. Angaben darüber, „welche Bücher sie lasen, wie sie ihre Wohnungen einrichteten(...), woran und an wen sie glaubten, was sie zu Themen wie Frauenarbeit, Kindererziehung (usw.)“ zu sagen hatten und wie ihr Verhältnis zu Vorgesetzten, Kollegen und Freunden war. Es ging Fromm und seinen Mitarbeitern nicht darum, die Antworten lediglich deskriptiv darzustellen, sondern vielmehr war eine Kombination von quantitativen und qualitativen Ansätzen der Empirie beabsichtigt. Das heißt, die Antworten sollten vergleichend in Abhängigkeit von politischer Orientierung und ökonomischen Status betrachtet werden und daraufhin analysiert werden, inwieweit die Gesamtpersönlichkeit der Individuen, also ihre emotionalen Antriebe usw. mit der jeweiligen politischen Meinung übereinstimmt, die sie vertreten. Dieser Zielsetzung entsprechend reichte es nicht, die Antworten allein in ihrer offensichtlichen Bedeutung zu präsentieren, sondern sie mussten interpretiert werden, d. h. es kam nicht nur darauf an, „ was jemand sagt, sondern auch warum er es sagt.“6

Der 271 Positionen umfassende Fragebogen wurde so konzipiert, dass zwei verschiedene Fragetypen darin vorkamen: 1. Fragen zur objektiven Lebenssituation (Alter, Beruf, Lebensstandard, Einkommen, Familienstand, Parteizugehörigkeit usw.) und 2. Fragen zu persönlichen Vorlieben, Gewohnheiten, Meinungen. Die letztgenannten Fragen wurden in offener, nicht-standardisierter Form, also ohne Antwortvorgaben gestellt, um aus der individuellen Ausdrucksform der Probanden Rückschlüsse auf die jeweilige Persönlichkeitsstruktur zu ermöglichen. Die Auswahl der Fragen trug Fromm zufolge „experimentellen Charakter“, da ihre Brauchbarkeit erst anhand der Ergebnisse beurteilt werden konnte. Die Fragen zu den persönlichen Meinungen über Film, Theater, Literatur usw. wurden absichtlich über den ganzen Fragebogen verstreut, um zu verhindern, dass die Antworten von der politischen Haltung der Befragten präformiert werden.7 Die Verteilung der Fragebögen wurde von Freiwilligen (Ärzte, Lehrer in der Erwachsenenbildung, Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre usw.) durchgeführt, die beruflich mit Arbeitern und Angestellten häufig zu tun hatten. Begonnen wurde mit der Verteilung der ersten Fragebögen im Jahr 1929, weitere folgten in periodischen Abständen und bis Ende 1931 waren die letzten Fragebögen ausgefüllt an das Institut zurückgeschickt worden. Von Seiten der politischen Parteien wurden zahlreiche Einwände gegen diese Untersuchung, gegen ihren wissenschaftlichen und praktischen Wert erhoben, was Fromm zufolge aus einem Misstrauen gegen die möglichen Schlussfolgerungen aus dieser Studie resultierte. Diese Einwände beeinflussten das Antwortverhalten jedoch nicht. Vielmehr ergaben sich Verzerrungen des Ergebnisses daraus, dass die Teilnehmer der Untersuchung mit ihrer Bereitschaft mehr als 200 Fragen zu beantworten, „einen ziemlich aktiven und aufgeweckten Typus“ verkörperten und desinteressierte, passive Schichten der Bevölkerung - „die Furchtsamen und Mißtrauischen“ - nicht erreicht wurden. Als wesentliche Motivation zur Beantwortung der Fragen führt Fromm den Wunsch an, die eigene Meinung zu wichtigen Problemen zu artikulieren.8

Die Aufbereitung des gesammelten Datenmaterials über die soziale Herkunft, das Alter, den Beruf der Befragungsteilnehmer bereitete keine methodischen Probleme. Anders war dies bei der Klassifizierung der nicht-standardisierten, individuellen Stellungnahmen zu Einstellungsfragen, die persönliche Antwortnuancierungen zuließen und trotzdem auf eine kleine Anzahl statistisch bearbeitbarer Kategorien reduziert werden mussten. Dazu benutzten Fromm und seine Mitarbeiter zwei Klassifikationsarten, nämlich eine „deskriptive“ und eine „interpretative“ Klassifikation. Deskriptive Klassifikation bedeutete eine Auflistung der Antworten unter einer bestimmten, entsprechend der jeweiligen Frage unterschiedlichen Perspektive sowie einer gleichzeitigen Bewertung, da bereits die Auswahl bestimmter Aspekte einer Antwort implizit eine Wertung enthält. Interpretative Klassifikation zielte darauf ab, hinter den manifesten Äußerungen die latenten Gehalte aufzudecken, also jene „Einstellungen, die den Befragten kaum bewußt waren und die sie deshalb auch nicht als solche artikulieren konnten.“9

[...]


1 Bonß, Wolfgang: Kritische Theorie und empirische Sozialforschung: Anmerkungen zu einem Fallbeispiel, in: Fromm, Erich: Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches. Eine sozialpsychologische Untersuchung, bearbeitet und herausgegeben von Wolfgang Bonß, München 1983, S. 7; Erich Fromm spielte bei dieser Untersuchung eine „initiierende, anleitende Rolle (...) während Hilde Weiß mit der konkreten Durchführung betraut war.“ (Ebda., S. 32)

2 Ebda., S. 8 f.

3 Winkler, Heinrich August: Rezension zu Erich Fromms „Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches“ in: Historische Zeitschrift, Bd. 233, München 1981, S. 424

4 Fromm, Erich: Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches. Eine sozialpsychologische Untersuchung, bearbeitet und herausgegeben von Wolfgang Bonß, München 1983, S. 87

5 Diese Titelwahl im Deutschen ist etwas unglücklich, weil mit dem Begriff „Vorabend des Dritten Reiches“ suggeriert wird, dass im Jahr 1929 der Nationalsozialismus seine Schatten bereits vorauswerfe. Die Studie erweckt damit möglicherweise einen Anspruch, „den sie auf die im Titel angespielte dramatische Weise nicht erfüllen kann.“ Kadritzke, Ulf: Rezension zu Erich Fromms „Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches“ in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Nr. 3,Berlin 1981, S. 461.

6 Fromm, Erich: Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches, a.a.O., S. 51 ff.

7 Ebda., S. 55 ff.; S. 62, vgl. Musterexemplar des Fragebogens S. 294-300

8 Ebda., S. 60 ff.

9 Ebda., S. 62 ff.

Details

Seiten
23
Jahr
1995
ISBN (eBook)
9783640579945
ISBN (Buch)
9783640580385
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v148059
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto Suhr Institut
Note
1,3
Schlagworte
politische Psychologie Arbeiterbewegung Weimarer Republik Kritische Theorie Sozialforschung Sozialpsychologie Erich Fromm

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Titel: Erich Fromms Untersuchung über „Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches“