Lade Inhalt...

„Das sogenannte Böse“ nach Konrad Lorenz

Darstellung und Bewertung von Lorenz‘ Theorie zum Aggressionstrieb als Faktor menschlicher Handlungen

Hausarbeit 2009 24 Seiten

Ethik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 „Das sogenannte Böse“

3 Bewertung
3.1 Frühe Rezeption
3.2 Bedeutung des Buches heute

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In seinem Buch „Das sogenannte Böse“ (vgl. Lorenz, 1974) behandelt Konrad Lorenz die auf den Artgenossen gerichtete Aggression von Tier und Mensch. Dabei bedient er sich der induktiven Naturwissenschaft, indem er nämlich von Einzelfällen, zumeist Beobachtungen, die er im Tierreich gemacht hat, zu allgemeinen Gesetzlichkeiten übergeht. Lorenz überträgt dabei das Verhalten der Tiere auf das der Menschen und versteht den Aggressionstrieb als einen wesentlichen Faktor menschlicher Handlungen. Lorenz Werk wird als epochemachend und zugleich umstritten eingeschätzt. Den Autor hat es endgültig zu einem „wissenschaftlichen Weltstar“ gemacht (vgl. Taschwer & Föger, 2003, S. 195). Aus diesem Grund und aus Interesse an der Frage, wie dieses Werk in ein Seminar mit dem Titel „Das personifizierte Böse“ einzuordnen ist, werde ich mich im Folgenden dem Buch genauer widmen.

Das der Einleitung folgende und längste Kapitel beinhaltet eine Zusammenfassung des Inhalts des Buches „Das sogenannte Böse“ von Konrad Lorenz (1974). Die vierzehn Kapitel dieses Buches werden unterschiedlich ausführlich dargestellt, wobei nach der Einschätzung, inwieweit die Ausführungen für das menschliche Handeln und Verhalten bedeutsam sind, bemessen wird. Daran anschließend folgt eine Bewertung des Buches, wobei Einschätzungen zur zeitgenössischen und heutigen Bedeutung der Theorie, die Lorenz zur innerartlichen Aggression aufstellt, vorgestellt werden.

2 „Das sogenannte Böse“

In den ersten beiden Kapiteln „Prolog im Meer“ und „Fortsetzung im Laboratorium“ schildert Lorenz Beobachtungen von typischen Formen aggressiven Verhaltens, die er bei Tauchgängen vor der Küste Floridas und anhand von Fischen in Aquarien gemacht hat. Die Beobachtung im Meer, dass die schreiend bunten Fische alle ortsansässig sind, nur sie – nicht die einfarbigen oder unauffällig gefärbten Fische – ein Revier verteidigen und ihre wütenden Angriffe ausschließlich gegen die eigene Art gerichtet sind, bestätigte die Hypothese, die Lorenz zuvor anhand von Betrachtungen unter anderem von Korallenfischen im Aquarium aufgestellt hatte (vgl. Lorenz, 1974, S. 11 ff.). Zu diesen macht er im zweiten Kapitel noch einige Bemerkungen, wobei Lorenz in Bezug auf die Erkenntnisse Darwins der Frage nachgeht, welche arterhaltende Leistung die schreiend bunten Farben der Korallenfische herausgezüchtet hat. Er kommt zu dem bereits angedeuteten Schluss, dass ein enger Zusammenhang zwischen Färbung, Aggressivität und Ortstreue besteht. Gegenüber weniger aggressiven Fischen, die ihre Färbung nur dann zeigen, wenn sie aggressiv, sexuell erregt oder vom Fluchtrieb ergriffen sind und damit die Färbung als Ausdrucksmittel einsetzen, sind die Farben bei den aggressiven Korallenfischen konstant. Diese Konstanz der „grellen Plakatfarben“ hat laut Lorenz den Sinn, ihre Artzugehörigkeit schon auf große Entfernung kund zu tun:

„Und gerade von den herrlichen Kriegsfarben der Korallenfische wissen wir schon ziemlich sicher, welcher arterhaltenden Leistung sie dienen: Sie lösen beim Artgenossen – und nur bei diesem – wütende Revierverteidigung aus, wenn jener sich im eigenen Gebiete befindet, und kündigen ihm furchterweckende Kampfbereitschaft an, wenn er in ein fremdes Territorium eindringt.“ (ebd., S. 28)

Im dritten Kapitel „Wozu das Böse gut ist“ geht es um die Erklärung der arterhaltenden Leistung aggressiven Verhaltens. Zunächst hält Lorenz fest, dass der „Kampf“, der die Evolution voranbringt und Gegenstand seines Buches ist, die Konkurrenz zwischen Nahverwandten ist. Um die Unterscheidung und Abgrenzung zu kampfartigen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Arten deutlich zu machen, zeigt er zunächst neben weniger spezifischen Fällen drei besondere Typen des zwischen-artlichen Kampfes auf, bei denen die arterhaltende Funktion viel offensichtlicher ist als bei inner-artlichen. Dies ist erstens der Angriff des Raubtieres auf seine Beute, zweitens die Gegenoffensive des Beutetieres gegen den Fressfeind („mobbing“) und drittens die kritische Reaktion. Letzteres bezeichnet den Verzweiflungskampf, in dem der Kämpfer aus Furcht und intensivem Fluchtdrang alles einsetzt, weil er nicht entkommen kann und keine Gnade zu erwarten hat. In den genannten Fällen ist der Vorteil, den die in den Kampf Verwickelten durch ihr Verhalten erringen, offensichtlich. Auch die intra-spezifische Aggression vollbringt laut Lorenz eine arterhaltende Leistung, wobei er anmerkt, dass jene in der gegenwärtigen kulturhistorischen und technologischen Situation der Menschheit als schwerste aller Gefahren einzuschätzen ist. So ist der Aggressionstrieb nach Auffassung des Autors unter den Lebensbedingungen der Zivilisation aus dem Gleis geraten. Abgesehen davon soll nach der arterhaltenden Leistung, die das Kämpfen gegen Artgenossen unter natürlichen, d.h. vorkulturellen Bedingungen vollbringt, gefragt werden (vgl. ebd., S. 30 ff.).

In demselben Kapitel gibt Lorenz darauf vier Antworten, nämlich die Verteilung gleichartiger Lebewesen über den verfügbaren Lebensraum, die Selektion durch Rivalenkämpfe, die Verteidigung der Nachkommenschaft sowie die Entwicklung einer Rangordnung. Die möglichst gleichmäßige Verteilung einer Tierart über den auszunutzenden Lebensraum soll die Gefahr abwenden, dass eine allzu dichte Bevölkerung, die sich auf einen Teil des Biotops konzentriert, dort alle Nahrungsquellen erschöpft und Hunger leidet. Lorenz sieht dies als die wichtigste arterhaltende Leistung der intraspezifischen Aggression an. In Bezug auf die bunten Farben der Korallenfische und die durch sie ausgelösten Kampfreaktionen bedeutet dies, dass jeder Fisch jeder Art von dem gleichartigen Nahrungskonkurrenten gemessenen Abstand hält. Andere Tiere markieren ihr Revier durch artbezeichnenden Gesang (Singvögel) oder durch Geruch (Hunde, Katzen). Die Reviergrenzen werden ausschließlich durch ein Kräftegleichgewicht bestimmt, und zwar dadurch, dass die Kampfbereitschaft des betreffenden Tieres am Mittelpunkt des Revieres am größten ist, an dessen Grenze aber so gering, dass es ein anderes Tier nur bedroht, aber nicht angreift. Dadurch, dass auch Schwächere (in einem bescheidenerem Raum) erhalten bleiben und sich fortpflanzen können, löst das territoriale Kämpfen geradezu ideal die Aufgabe, gleichartige Tiere in „gerechter“, d.h. in einer für die Gesamtheit der betreffenden Art günstigen Weise über das verfügbare Areal zu verteilen (vgl. ebd., S. 37 ff.).

Neben dieser Leistung der intraspezifischen Aggression nennt Lorenz eben die geschlechtliche Zuchtwahl, d.h. die Auswahl der besten und stärksten Tiere zur Fortpflanzung, sowie die (männliche) Brutfürsorge. Diese ist oft bei umherstreifenden Tieren zu beobachten, sodass Lorenz davon ausgeht, dass bei solchen Tieren die intraspezifische Aggression keine wesentliche Rolle für die Raumverteilung spielt, sondern „die von diesem Kampfverhalten getriebene Selektion zur Herauszüchtung besonders großer und wehrhafter Familien- und Herdenverteidiger führt“ (ebd., S. 45). In diesem Zusammenhang macht der Autor an den Beispielen von Rivalenkämpfen (Geweih des Hirsches) und von der vom Weibchen getriebene geschlechtliche Zuchtwahl (extreme Ausbildung bunter Federn) deutlich, dass die rein intraspezifische Zuchtwahl zur Ausbildung von Formen und Verhaltensweisen führen kann, die die Arterhaltung direkt schädigen können. Ein Produkt intraspezifischer Selektion – bewirkt ausschließlich durch den Wettbewerb zwischen Artgenossen – ist auch das Arbeitstempo des „westlichen Zivilisationsmenschen“, das böse Wirkungen haben kann. Mehr als andere Eigenschaften und Leistungen kann nach Lorenz gerade das aggressive Verhalten durch seine verderbliche Wirkung ins Groteske und Unzweckmäßige gesteigert werden. Das verderbliche Maß an Aggressionstrieb besitzt auch der Mensch noch. Dieses wurde durch eine intraspezifische Selektion verursacht, deren treibender Faktor wiederum der Krieg war, der eine extreme Herauszüchtung aller sogenannten „kriegerischen Tugenden“ bewirkte (vgl. ebd., S. 45 ff.).

Die vierte der oben genannten Leistungen inner-artlicher Aggression entsteht innerhalb einer aus vielen Individuen zusammengesetzten Gesellschaft sozialer Tiere, nämlich die Entwicklung einer Rangordnung als Ordnungsprinzip, ohne das sich ein organisiertes Gemeinschaftsleben höherer Tiere laut Lorenz wohl nicht entwickeln kann. Mit der aggressiv erkämpften Rangstellung des Einzeltieres verbindet sich eine Form der Autorität, die vorhanden sein muss, um Entscheidungen zum Wohle der Gemeinschaft zu treffen und durchzusetzen. Dies ist insbesondere im Zusammenhang damit von Bedeutung, dass bei höher entwickelten Tier-arten der individuellen Erfahrung und Lernen eine bedeutsame Rolle zukommt. Die höchste Autorität erhalten dann weise bzw. ältere Männchen (vgl. ebd., S. 50 ff.).

Ein Resümee aus diesem dritten Kapitel zieht Lorenz in der Weise, dass das Ziel der Aggression niemals die Vernichtung von Artgenossen sei (was nur durch unglückliche Zufälle im Revier- oder Rivalenkampf geschehe). Die intraspezifische Aggression erscheint somit

„durchaus nicht als der Teufel, als das vernichtende Prinzip […], sondern ganz eindeutig als Teil der system- und lebenserhaltenden Organisation aller Wesen, der zwar, wie alles Irdische, in Fehlfunktionen verfallen und Leben vernichten kann, der aber doch vom großen Geschehen des organischen Werdens zum Guten bestimmt ist.“ (ebd., S. 54)

Im vierten Kapitel mit der Überschrift „Die Spontaneität der Aggression“ führt Lorenz die Physiologie der Instinktbewegung im Allgemeinen und des Aggressionstriebes im Speziellen aus, wobei er die Spontaneität verständlich machen möchte, mit der der Aggressionstrieb unaufhaltsam und rhythmisch sich wiederholend hervorbricht. Die gegen die Artgenossen gerichtete Aggression wurde als ein zur Arterhaltung unentbehrlicher Instinkt dargestellt, jedoch macht Lorenz nun darauf aufmerksam, dass angeborene Verhaltensweisen durch eine geringfügige Änderung von Umweltbedingungen völlig aus dem Gleichgewicht gebracht werden können, sodass eine Art sogar zugrunde gehen kann. Der Mensch habe dabei in seiner Umwelt mehr als geringfügige Änderungen vorgenommen. Die Gefährlichkeit des Aggressionstriebes liegt in der Spontaneität dieses Instinktes (vgl. ebd., S. 55).

Am Beispiel des Balzens von Tauben macht der Autor dann deutlich, dass bei längerem Still-Legen einer instinktiven Verhaltensweise der Schwellenwert der sie auslösenden Reize absinkt. Diese Schwellenerniedrigung kann sogar den Grenzwert Null erreichen, wenn nämlich die betreffende Instinktbewegung ohne nachweisbaren äußeren Reiz vonstatten gehen kann. Neben der Vermehrung der Reaktionsbereitschaft hat das Still-Legen einer Instinktbewegung außerdem zur Folge, dass das Tier als Ganzes in Unruhe versetzt wird und dass es nach den sie auslösenden Reizen sucht. Das Suchen, z.B. ein regelloses Umherlaufen, wird auch als Appetenzverhalten bezeichnet. Schwellenerniedrigung und Appetenzverhalten sind bei der instinktmäßigen Verhaltensweise der intraspezifischen Aggression besonders deutlich ausge-prägt. An einem Beispiel, das den Menschen betrifft, zeigt Lorenz, dass eine Möglichkeit, um schädliche Auswirkungen der aufgestauten Aggression zu vermeiden, diejenige ist, eine um- oder neuorientierte Bewegung zu suchen (vgl. ebd., S. 57 ff.).

Im anschließenden fünften Kapitel „Gewohnheit, Zeremonie und Zauber“ erläutert Lorenz den Vorgang der Ritualisierung und die Verselbstständigung der von ihm neu geschaffenen instinktiven Antriebe. Nach einem Studium einer bestimmten Zeremonie weiblicher Entenvögel, dem Hetzen, kommt der Autor zu dem Schluss, dass die durch Ritualisierung neuentstandene Instinktbewegung eine erblich festgelegte Kopie jener Bewegungsweise ist, die ur-sprünglich an anderen Antrieben verursacht wird. Weiterhin zeigt Lorenz, dass sich die Bedeutung einer Bewegungsweise im Laufe ihrer fortschreitenden Ritualisierung weit von derjenigen des nicht ritualisierten Vorbildes entfernt, sogar eine gegensätzliche Bedeutung annehmen kann (vgl. ebd., S. 62 ff.).

Am Beispiel der Tanzfliegen macht er dann deutlich, dass nicht nur eine Instinktbewegung mit bestimmter Mitteilungsfunktion bei dem einen Artgenossen, dem Aktor, entsteht, sondern auch ein angeborenes Verständnis für sie bei dem anderen, dem Reaktor. Die ursprünglich anderen subjektiven und objektiven Zwecken dienende Handlungskette wird damit zum Selbstzweck, ähnlich wie sie zu einem autonomen Ritus geworden ist (vgl. ebd., S. 69 ff.). Der neu entstandene und völlig autonome Instinkt hat

„Sitz und Stimme im großen Parlament der Instinkte. Dies wiederum ist für unser Thema deshalb wichtig, weil gerade den durch Ritualisation entstandenen Trieben sehr häufig die Rolle zukommt, in jenem Parlament gegen die Aggression zu opponieren, sie in unschädliche Kanäle abzuleiten und ihre arterhaltungsschädlichen Wirkungen zu bremsen.“ (ebd., S. 71).

In einem zweiten Abschnitt des fünften Kapitels widmet sich Lorenz der Darstellung von Riten, die durch Tradition weitergegeben werden, sowie deren Gegenüberstellung zu phylogenetischer Ritenbildung. Das Element, das die einfachen tierischen Traditionen mit den höchsten kulturellen Überlieferungen des Menschen gemeinsam haben, ist die Gewohnheit. Wie Lorenz an mehreren Beispielen zeigt, unter anderem daran, stets denselben Weg zu fahren, kann diese zum Brauch werden, gegen den nicht verstoßen werden darf, ohne Gefühle der Angst zu entwickeln. Den angeführten Beispielen liegt ein gemeinsamer Verhaltensmechanismus zugrunde, der eine arterhaltende Zweckmäßigkeit aufweist: So muss es, fehlt die Einsicht in ursächliche Zusammenhänge, für ein Lebewesen nützlich sein, an einem Verhalten festzuhalten, das sich wiederholt als zum Ziel führend und gefahrlos erwiesen hat. Dabei besteht ein Unterschied zwischen Mensch und Tier darin, dass der Mensch die Gewohnheit nicht mehr selbst erworben, sondern von seinen Eltern, von seiner Kultur überliefert bekommen hat. Anhand der Beschreibung der Entstehung des Ritus des Rauchens einer Friedenspfeife macht Lorenz deutlich, dass der tiefere Sinn des Bewegungs-Vollzuges und der äußeren Pracht kultureller Zeremonien darin liegt, dass der Ritus unverändert den Charakter der „lieben Gewohnheit“ behält, zum Teil sogar noch stärker als Bedürfnis empfunden als jede im Laufe des individuellen Lebens entstandene Gepflogenheit (vgl. ebd., S. 72 ff.).

[...]

Details

Seiten
24
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640586974
ISBN (Buch)
9783640586424
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v148004
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,0
Schlagworte
Aggression Aggressionstrieb; Lorenz; das Böse; menschliche Triebe

Autor

Zurück

Titel: „Das sogenannte Böse“ nach Konrad Lorenz