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Die Neue Wache Unter den Linden als Gedenkstätte in der Weimarer Republik und der Bundesrepublik Deutschland

Hausarbeit (Hauptseminar) 1996 38 Seiten

Politik - Politische Systeme - Historisches

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung
I.1. Historischer Abriss
I.2. Fragestellung und methodische Vorgehensweise

II: Die Neue Wache als „Gedächtnisstätte für die Gefallenen des Weltkrieges“ in der Weimarer Republik
II.1. Diskussionen um die Errichtung eines Reichsehrenmals
II.2. Kontroversen um die Umgestaltung der Neuen Wache 1930731

III. Die Neue Wache als „zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“
III.1 Diskussion um die Errichtung einer zentralen Gedenkstätte in den achtziger Jahren
III.2 Kontroversen um die Neue Wache 1993

IV. Vergleich der Auseinandersetzungen um die Neue Wache in der Weimarer Republik und der Bundesrepublik - Unterschiede und Parallelen

V. Literatur

I. Einleitung

I.1. Historischer Abriss

Die Neue Wache in der Straße Unter den Linden wurde in den Jahren 1816 - 1818 im Auftrag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. von Karl Friedrich Schinkel erbaut. Als Militärwache sollte sie dem im gegenüberliegenden Kronprinzenpalais wohnenden König Schutz vor Volksaufständen bieten. Gleichzeitig fungierte sie als Denkmal für die siegreichen Befreiungskriege gegen Napoleon und vervollständigte damit den Charakter der Straße Unter den Linden „als ‘via triumphalis’ des preußischen Königshauses“. Die Neue Wache war neben ihrer unmittelbar militärischen Funktion also auch „Teil der monarchistischen Propaganda, die darauf abzielte, die Befreiungskriege für die Krone zu vereinnahmen und auf diese Weise nationalen und demokratischen Tendenzen entgegenzuwirken.“1

Hundert Jahre lang fungierte die Neue Wache als Militärstützpunkt zum Schutz des Königs bzw. des Kaisers mit täglicher Wachablösung und militaristischem Brimborium. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in diesem Gebäude die Hauptzentralstelle des Militärtelegraphen und der Militärpost eingerichtet, von der aus man die Mobilmachung und Entmobilisierung des Ersten Weltkrieges proklamierte.2Nach dem Ende der Monarchie und der Niederlage Deutschlands im 1. Weltkrieg verlor die Neue Wache allmählich ihre Funktion. Zwar war dort noch bis 1923 ein militärischer Wachposten stationiert, doch danach war die weitere Nutzung des Gebäudes unklar. Es gab Vorschläge aus der Neuen Wache eine Bankfiliale, ein Theater, Kino oder Café zu machen, die jedoch nicht realisiert wurden. Erst 1931 wurde das Bauwerk nach einer Umgestaltung durch den Architekten Heinrich Tessenow zum Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges gemacht. In der Öffentlichkeit wurde kontrovers über die angemessene Form des Totengedenkens sowie über die ästhetische Gestaltung der Neuen Wache diskutiert.3Während der Herrschaft des Nationalsozialismus wurde die Neue Wache in fast unveränderter Form als „Ehrenmal deutschen heldischen Sterbens“ weiter genutzt. Das Bauwerk wurde dem Fundus nationalsozialistischer Inszenierungen einverleibt und fungierte als Kulisse für die kultischen Totenfeiern am sogenannten „Heldengedenktag“, die die Nationalsozialisten jährlich am 16. März zelebrierten. Jedoch war die Haltung der Nationalsozialisten zur Neuen Wache zwiespältig, da der Sozialdemokrat Otto Braun ihre Umwandlung zur Gedächtnisstätte initiiert hatte. Deshalb ernannte man das 1927 erbaute Tannenbergdenkmal offiziell zum „Reichsehrenmal“.4

Im Februar 1945 wurde die Neue Wache durch einen Bombenangriff zerstört. Über die weitere Nutzung des Bauwerks wurde in der DDR kontrovers diskutiert. Erst 1956 entschied der Ostberliner Magistrat, die Neue Wache zukünftig als „Mahnmal für die Opfer des Faschismus und der beiden Weltkriege“ zu nutzen. Die Tessenowsche Innenraumgestaltung wurde dabei weitgehend beibehalten. Im Mai 1960 wurde die Neue Wache mit militärischem Zeremoniell eingeweiht und ab dem 1. Mai 1962 bezogen Wachsoldaten der Nationalen Volksarmee vor dem Mahnmal Posten. Vervollständigt wurde das militärische Ritual durch den allwöchentlichen Aufzug eines Wachregiments im Parademarsch.5Zum 20. Jahrestag der DDR im Jahr 1969 wurde die Neue Wache auf Beschluss des Politbüros der SED komplett umgestaltet, da der Innenraum nicht mehr dem Bedürfnis nach repräsentativer Selbstdarstellung der DDR entsprach. In der Mitte des Raumes befand sich fortan ein Glaskubus mit ewiger Flamme und an der Rückwand wurde das Staatswappen der DDR angebracht.6

Nach dem Zusammenbruch der DDR und der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 wurde 1993 auf Beschluss der Bundesregierung die Neue Wache zur zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft umgestaltet. An die Stelle der ewigen Flamme aus DDR-Zeiten trat nun die Skulptur von Käthe Kollwitz „Mutter mit totem Sohn“ („Piéta“). Diese Einrichtung einer zentralen Gedenkstätte in der Neuen Wache provozierte bereits im Vorfeld der Einweihung am Volkstrauertag 1993 Kontroversen über Sinn und Form einer nationalen Gedenkstätte sowie über den angemessenen Umgang mit der deutschen Geschichte.7

I.2. Fragestellung und methodische Vorgehensweise

Geschichte ist kein im Wandel der Zeiten „gleichsam naturwüchsig anfallendes Produkt“, sondern sie wird von der jeweiligen Gesellschaft kulturell produziert, indem bestimmte Ereignisse der Vergangenheit gezielt vergegenwärtigt und gedeutet werden, während andere Ereignisse dem Vergessen anheimfallen. Das, was von der Vergangenheit unvergessen bleiben soll, wird in einem spezifischen Geschichtsbild aufgehoben, wodurch die Vergangenheit „Teil der Kontinuität und Identität (wird), auf die jede Gesellschaft angewiesen ist.“ Im Akt des Gedenkens an die Vergangenheit werden die Zeiten miteinander verknüpft und vermittelt, um der Gegenwart und Zukunft eine Orientierung zu geben. Da die Geschichte häufig Objekt kontroverser Interpretationen und Deutungen ist, wird die Art und Auswahl dessen, was in der Gegenwart vergegenwärtigt werden soll „von politisch motivierten Erinnerungsstrategien beeinflußt.“8Ein wichtiges Medium dieser Strategien ist der Bau bzw. die Umgestaltung von Denkmälern und Gedenkstätten. Politische Akteure streben damit an, „ein zeit- und gruppenspezifisches oder gruppenübergreifendes Geschichtsbild sichtbar zu machen und buchstäblich festzuschreiben, sei es zur Legitimation ihrer eigenen politischen Ziele, sei es zur ideellen Verpflichtung und demonstrativen Integration ihrer Anhänger (...).“9Als Mittel symbolischer Politik wird die Denkmalssetzung in demokratischen, pluralistischen Gesellschaften von zahlreichen miteinander konkurrierenden Gruppen mit unterschiedlichen Zielen, Interessen und Strategien genutzt. Demzufolge sagen Denkmäler und Gedenkstätten weniger über das zu vergegenwärtigende Ereignis, als vielmehr über die Motive und Geschichtsbilder der jeweiligen Denkmalsetzer aus. Als kulturelle Zeichen dokumentieren sie vor allem die Rezeptions- und Deutungsgeschichte eines vergangenen Ereignisses.10 Handelt es sich um staatliche Denkmalsetzungen, wie im Fall der Neuen Wache als nationaler Gedenkstätte mit dem Anspruch, die Deutung der Vergangenheit allgemein verbindlich für das gesamte politische Gemeinwesen zu dokumentieren, kommt es in pluralistischen Gesellschaften mit konkurrierenden Geschichtsbildern häufig zu erregten Debatten in der politischen Öffentlichkeit, die „aufschlußreich für den kontroversen und zustimmungsfähigen Teil der sichtbaren Geschichtserinnerung (sind).“11 Der Versuch, mittels einer Denkmalsetzung Identifikationsvorgaben zu machen, zur „Staatsintegration, Konsensstiftung, Erschaffung von Massenloyalität und Stabilitätssicherung“ beizutragen, kann dann fehlschlagen oder nur begrenzt wirksam werden.12Dieser Umstand verweist darauf, dass die Intentionen von Denkmalsetzern und die Funktion des Denkmals nicht notwendigerweise identisch sind, weil in pluralistischen Gesellschaften die staatlicherseits gemachten Identifikationsangebote „nicht umstandslos angenommen und akzeptiert, sondern überprüft, verworfen, ergänzt oder einfach ignoriert (werden können).“13Dagegen wird in autoritären und totalitären Staaten Geschichte gezielt als Herrschaftsinstrument eingesetzt, wobei die politische Führung ein Deutungsmonopol beansprucht, das mangels einer freien politischen Öffentlichkeit nicht in Frage gestellt werden kann. Beispielhaft hierfür kann der staatlich verordnete Antifaschismus und die Verabsolutierung der materialistischen Geschichtsauffassung in der DDR genannt werden.14

In der vorliegenden Projektkursarbeit sollen nun am Beispiel der Neuen Wache die öffentlichen Kontroversen um die Errichtung nationaler Gedenkstätten in der Weimarer Republik sowie in der Bundesrepublik Deutschland untersucht und verglichen werden. Zwar scheint es auf den ersten Blick problematisch, die Neue Wache in der Weimarer Republik 1931 (Gedächtnisstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges) mit der Neuen Wache in der Bundesrepublik 1993 (Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft) zu vergleichen, weil die Ereignisse derer gedacht wurde und wird nur schwer vergleichbar sind. Immerhin vollzog sich von den technischen Massenvernichtungen des Ersten Weltkrieges zur Vernichtung der Juden, Sinti und Roma usw. durch planmäßigen rassistisch motivierten Völkermord ein „geschichtlicher Qualitätssprung“ in der Steigerung der Tötungsweisen.15 Gleichwohl wurde mit der Entscheidung für die Neue Wache als Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland bewusst an die Tradition der Weimarer Republik angeknüpft.16 Demgemäß sollen am Schluss dieser Projektkursarbeit Parallelen und Unterschiede zwischen der Debatte um die Neue Wache 1930/1931 und 1993 herausgearbeitet werden.

Die zentrale Fragestellung der vorliegenden Arbeit richtet sich darauf, welche Intentionen die politischen Eliten als Denkmalsetzer mit der Gestaltung der Neuen Wache zur Gedenkstätte sowohl 1931 als auch 1993 verfolgten. Welches Geschichtsbild sollte jeweils vermittelt werden, welches waren die zentralen Streitpunkte in der öffentlich geführten Debatte, welche Vorstellungen über angemessenes Totengedenken konkurrierten miteinander? Im folgenden Kapitel II soll zunächst die langwierige Diskussion um die Errichtung eines Reichsehrenmals in der Weimarer Republik skizziert werden, da sie als Vorgeschichte zur Einweihung der Neuen Wache im Jahre 1931 zu betrachten ist. Danach wird ausführlich auf die öffentliche Kontroverse um die Neue Wache eingegangen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Ergebnis des künstlerischen Wettbewerbs zur Umgestaltung des Schinkelbaus im Sommer 1930 sowie mit der Einweihung der Gedächtnisstätte am 2. Juni 1931. Hierbei werden Artikel und Kommentare aus der Tagespresse der Weimarer Republik sowie die Reden zur Einweihung der Neuen Wache entlang der Fragestellung ausgewertet. Im Kapitel III wird zunächst kurz die ergebnislose Diskussion der achtziger Jahre um die Errichtung einer zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland dargestellt, um dann schwerpunktmäßig die publizistische Auseinandersetzung um die Einweihung der Neuen Wache zur nationalen Gedenkstätte zu untersuchen. Hierbei wird neben Presseberichten, Kommentaren usw. diverser Zeitschriften und Zeitungen auf die Diplomarbeit der Politologin Susanne Thoma: „‘Vergangenheitsbewältigung’ am Beispiel der Auseinandersetzungen um die Neue Wache“ zurückgegriffen, die den Diskursverlauf und die Argumentationsmuster dieser Debatte untersucht hat. Abschließend soll im Kapitel IV versucht werden, die dargestellten Kontroversen um die Neue Wache miteinander zu vergleichen, um mögliche Parallelen und Unterschiede herauszuarbeiten.

II. Die Neue Wache als „Gedächtnisstätte für die Gefallenen des Weltkrieges“ in der Weimarer Republik

II. 1. Diskussionen um die Errichtung eines Reichsehrenmals

anlässlich der Gedenkfeiern zum zehnjährigen Jahrestag des Kriegsbeginns und zu Ehren der Toten des Weltkrieges veröffentlichten Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) und Reichskanzler Wilhelm Marx (Zentrum) am 3. August 1924 einen Aufruf zur Errichtung eines Ehrenmals für die Kriegsgefallenen. Darin wurde der Weltkrieg als Kampf des deutschen Volkes für „Freiheit und Unversehrtheit des Vaterlandes“ interpretiert, der in „unvergeßlicher Einigkeit und Stärke“ geführt worden sei. Aus dem Tod der Gefallenen wurde für die Gegenwart das „Vermächtnis“ abgeleitet, „in ihrem Geiste, dem Geiste der Einigkeit und Vaterlandsliebe, den Willen zur Freiheit Deutschlands als oberstes Gesetz zu bewahren“. Aus der Trauer um die Toten müsse „neue Kraft und ernster Zukunftswille entstehen“, verkörpert in einem „Ehrendenkmal“ für die gefallenen „Helden“, das aus freiwilligen Beiträgen finanziert werden sollte.17Diese Initiative des Reichspräsidenten stellte einen Appell an nationale Einigkeit dar und den Versuch, die divergierenden politischen Kräfte der Weimarer Republik an ein nationales Symbol in Form eines Gefallenenmals zu binden. Zu diesem Zweck wurde ein Reichsratsausschuss gebildet, der prüfen sollte, in welcher Form und an welchem Ort das geplante Ehrenmal errichtet werden könnte. Zur Debatte stand ein Heiliger Hain abseits der Großstädte oder eine monumentale Gedenkstätte in der Reichshauptstadt Berlin, wogegen jedoch die süddeutschen Staaten Einspruch erhoben.18Frühzeitig war dabei die Neue Wache als möglicher Gedächtnisort im Gespräch. Sie wurde vorgeschlagen von den Frauenausschüssen Groß-Berlins der Deutschen Volkspartei und der Kunsthistorikerin Prof. Dr. Frida Schottmüller, deren Vorschlag vorsah, im Innenraum des Schinkelbaus eine Beweinungsgruppe (Piéta) aufzustellen. Auch der neu gewählte Reichspräsident Hindenburg und die preußische Staatsregierung sprachen sich zunächst für die Neue Wache aus. Sie rückten jedoch nach parteiübergreifenden Protesten der Frontkämpferverbände, die für einen Ehrenhain plädierten, davon wieder ab.19 Da mit dem geplanten Reichsehrenmal ein konsensstiftendes Symbol geschaffen werden sollte, sei die Einigkeit der Frontkämpferverbände in dieser Frage „ein so großes Plus, daß man (...) auf Berlin (als Standort) verzichten könne.“20Diese Einigkeit wurde jedoch rasch brüchig, als es darum ging, den geeigneten Standort für das Projekt eines Ehrenhains als natürlicher Kultstätte zu finden. Im Oktober 1928 lagen rund 300 Vorschläge vor, verteilt über das gesamte Reichsgebiet. Die sich bewerbenden Gemeinden standen in unüberbrückbarer lokalpatriotischer Konkurrenz zueinander. Schließlich kristallisierten sich zwei Hauptkonkurrenten heraus: das Rheinland mit einer Toteninsel bei Grafenwerth und der Ehrenhain von Bad Berka in Thüringen. Der Reichsratsausschuss votierte für Bad Berka, was in der Öffentlichkeit heftig kritisiert wurde, zumal die Frontkämpferverbände dieser Entscheidung nicht einhellig zustimmten und die Kriegsopferverbände „eine auskömmliche Betreuung der Kriegsopfer für dringlicher hielten als die Schaffung eines Reichsehrenmals.“21Zu einem endgültigen Beschluss kam es nicht, denn der Reichstag entschied, die Entschlussfassung solange aufzuschieben, „‘bis der deutsche Boden von fremdländischer Besatzung befreit sei’ (...)“. In dieser Situation entschloss sich dann die preußische Staatsregierung unter dem Sozialdemokraten Otto Braun im Herbst 1929, die Neue Wache eigenmächtig als Ehrenmal für die preußischen Weltkriegstoten umzubauen.“22 Otto Braun begründete im Nachhinein den Alleingang Preußens in der umstrittenen Reichsehrenmalsfrage damit, dass er mit seiner ihm eigenen „gutpreußischen nüchternen Sachlichkeit“ eine Entscheidung habe herbeiführen müssen. Das Bad Berka-Projekt „auf einem gottverlassenen Hügel des Thüringerwaldes“ würde lediglich den Kriegerverbänden als Pilgerort dienen, wobei „die einen ihre Racheschwüre, die anderen ihr: Nie wieder Krieg! erschallen lassen (würden)“ und es zu Konfrontationen kommen könnte. In der Reichhauptstadt Berlin, „wo täglich tausende Deutsche und auch Ausländer hinkämen“, ließe sich mit größerer Breitenwirkung ein würdiges Ehrenmal „mit geringstem Aufwand“ in der Neuen Wache errichten.23

II. 2. Kontroversen um die Umgestaltung der Neuen Wache

Nach der Bekanntgabe der Absicht die Neue Wache Unter den Linden im Auftrag der preußischen Regierung zum Ehrenmal für die Weltkriegstoten umzubauen, fürchtete der Reichsinnenminister, dass die anderen deutschen Länder diesem Beispiel folgen und eigene Ehrenmale errichten könnten, wodurch die Idee einer nationalen Gedenkstätte ad absurdum geführt worden wäre. Darum vereinbarte er mit der preußischen Regierung ein gemeinsames Vorgehen, so dass, nachdem Reichspräsident von Hindenburg dem Projekt zugestimmt hatte, im Frühjahr 1930 gemeinsam das Programm für einen beschränkten Wettbewerb ausgeschrieben wurde. Gleichwohl wurde offiziell betont, dass die Frage des Reichsehrenmals weiterhin offen bliebe und das Ehrenmal in der Reichshauptstadt Berlin nur lokale Bedeutung habe. Dieses Argument wurde auch benutzt, um die Frontkämpferverbände von einer Beteiligung an diesem Projekt auszuschließen, weil diese ohnehin für einen Ehrenhain plädierten und deshalb nur Opposition ihrerseits zu erwarten gewesen wäre.24Die Neue Wache schien als Standort für ein Ehrenmal der Weltkriegsgefallenen deshalb geeignet, weil sie besonders dem Militär als Symbol preußischer Militärtradition und der siegreichen Befreiungskriege galt. An diesen preußischen Sieg über Frankreich anzuknüpfen und ihn als leuchtendes Vorbild, zu beschwören war für konservative Kreise der Weimarer Republik besonders attraktiv, weil damit die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg verdrängt werden konnte, die dem nationalen Selbstbewusstsein schweren Schaden zugefügt hatte.25Mit dem Umbau der Neuen Wache konnte Otto Braun somit „ den Beweis erbringen, daß das sozialdemokratisch regierte Preußen anders als die Reichsregierung schnell und erfolgreich handeln konnte, daß die Sozialdemokratie (...) patriotisch und national fühlte und dachte.“ Möglicherweise sollten mit dieser Entscheidung bürgerliche und deutschnationale Wählerschichten motiviert werden, bei den bevorstehenden Landtagswahlen im November 1929 für die SPD zu stimmen.26

Das vom Reichswehrministerium und dem preußischen Finanzministerium ausgeschriebene Wettbewerbsprogramm sah vor, mit möglichst einfachen architektonischen Mitteln und geringem Kostenaufwand einen „‘schlichten, weihevollen Eindruck’“ im Innenraum zu erzeugen, mit der Möglichkeit, Kränze niederzulegen. Im Mittelpunkt der Anlage sollte unter freiem Himmel ein kleiner Hof entstehen, dessen Herzstück ein „‘Denkzeichen’“ bildet. Mit der Forderung nach Schlichtheit wurde deutlich eine Abgrenzung zum monumentalistischen Baustil des Wilhelminischen Kaiserreichs vollzogen, während die Forderung nach einem weihevollen Charakter des Innenraums eine „starke sakrale Konnotation“ enthielt, die verdeutlicht, dass es um eine kulthafte Totenehrung ging. Zur Teilnahme an diesem beschränkten Wettbewerb wurden sieben Berliner Architekten ausgewählt, zu denen sowohl Vertreter des konservativen Bauens als auch Repräsentanten der Moderne gehörten, womit dem Vorwurf einseitiger Auswahl vorgebeugt werden sollte. Die ausgewählten Architekten waren Peter Behrens, Erich Blunck, Hans Grube, Ludwig Mies van der Rohe, Hans Poelzig und Heinrich Tessenow.27

[...]


1Büchten, Daniela: Hundert Jahre im Dienst der Krone, in: Dies. / Frey, Anja (Hg.): Im Irrgarten deutscher Geschichte. Die Neue Wache 1818 - 1993, Berlin 1993, S. 11 ff. Dokumentiert wurde die Vereinnahmung des antinapoleonischen Befreiungskrieges für die Legitimation der preußischen Monarchie auch durch die Aufstellung von Statuen der Generäle Scharnhorst und Bülow, rechts und links der Neuen Wache im Jahre 1822. Sie wurden als treue Diener der Krone und als moralisches Vorbild für das Volk dargestellt, obwohl gerade Scharnhorst als „Vorkämpfer egalisierender Maßnahmen in der Armee“ seine Entscheidungen häufig gegen den Willen des Königs durchsetzen musste. (ebda., S. 16)

2Ebda., S. 17 ff. Vgl. hierzu auch Tietz, Jürgen: Schinkels Neue Wache Unter den Linden. Baugeschichte 1816 - 1993, in: Stölzl, Christoph (Hg.): Die Neue Wache Unter den Linden. Ein deutsches Denkmal im Wandel der Geschichte, Berlin 1993, S. 10 ff.

3 Frey, Anja: Ein Blümlein aufs Millionengrab, in: Büchten, D. / Frey, A. (Hg.): Irrgarten deutscher Geschichte, a.a.O., S. 20 f.

4 Reichel, Peter: Politik mit der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, München/Wien 1995, S. 236 f.; Meister, Jochen: Die Neue Wache als „Ehrenmal deutschen heldischen Sterbens“, in: Büchten, D./Frey, A. (Hg.): Irrgarten deutscher Geschichte, a.a.O., S. 31 ff.

5Tietz, J.: Baugeschichte, a.a.O., S. 75 ff.

6Ebda., S. 86 ff. ; Spies, Birgit: Aus einem unabgeschlossenen Kapitel, in: Büchten, D. / Frey, A. (Hg.): Irrgarten deutscher Geschichte, a.a.O., S. 41 ff. Vor dem Glaskubus wurden Urnen mit der Asche eines unbekannten deutschen Soldaten und eines unbekannten Widerstandskämpfers in den Marmorboden eingelassen. ebda

7 Thoma, Susanne: ‘Vergangenheitsbewältigung’ am Beispiel der Auseinandersetzungen um die Neue Wache, Berlin 1995, S. 8 f.

8Reichel, P.: Politik mit der Erinnerung, a.a.O., S. 26

9Ebda., S. 48

10Ebda., S. 33

11 Ebda., vgl. hierzu auch Thoma, S.: ‘Vergangenheitsbewältigung’, a.a.O., S. 22

12Thoma, S.: ‘Vergangenheitsbewältigung’, a.a.O., S. 19

13Reichel, P.: Politik mit der Erinnerung, a.a.O., S. 48 f.

14Thoma, S.: ‘Vergangenheitsbewältigung’, a.a.O., S. 22; zur Geschichtspolitik in der DDR vgl. Reichel, P.: Politik mit der Erinnerung, a.a.O., S. 36 ff.

15 Koselleck, Reinhardt: Einleitung, in: Ders. / Jeismann, Michael (Hg.): Der politische Totenkult. Kriegerdenkmäler in der Moderne, München 1994, S. 19; Koselleck zufolge besteht der durch den Holocaust markierte Qualitätssprung darin, dass nicht mehr „die angesonnene oder freiwillig übernommene Bereitschaft zum Tode (...) für das Vaterland (...) das Handeln (leitet), sondern die gewollte, geplante und bewußte Vernichtung des Anderen, der staatlich gesteuerte Mord, (...) die Deklassierung des Feindes zum Unmenschen, dessen Austilgung schlechthin wird zum Legitimitätstitel des Handelns.“ ebda.

16 Vgl. die Äußerung des FDP-Abgeordneten Wolfgang Lüder: „So, wie sich der Deutsche Bundestag nach der Wiedervereinigung für den Reichstag als seinen Sitz nicht zuletzt deshalb entschieden hat, weil Philipp Scheidemann von ihm aus die erste deutsche Republik ausgerufen hat, so wird die Bundesrepublik mit ihrer Entscheidung für die Neue Wache dem folgen, was die Demokraten der Weimarer Republik realisiert haben, als sie sich für die Neue Wache als Gedenkstätte - damals für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges - entschieden haben.“ in: Verhandlungen des Deutschen Bundestages. Stenographische Berichte. 10. Wahlperiode, 159. Sitzung, S. 13451

17Den Toten des Weltkrieges. Berliner Tageblatt- und Handelszeitung (BT), Nr. 366, 3. 8. 1924. Ähnlich argumentierte auch der Kommentator des liberaldemokratischen Berliner Tageblattes, der im kollektiven Sterben für das „Vaterland“ die „Volksgemeinschaft hergestellt (sah), die den Lebenden bisher versagt blieb“ und daraus die Verpflichtung ableitete, „über alle Meinungsverschiedenheiten, über alle Zwistigkeiten des Tages hinweg, die seelische Einheit des Volkes herzustellen (...).“ ebda. Dass aber selbst anlässlich des Gedenkens an die Toten des Weltkrieges politische Konflikte nicht stillgestellt werden konnten, belegen Störungsversuche der Gedenkfeier durch kommunistische Jugendliche. Die Motive der Störer werden jedoch nicht erwähnt Die Feier für die Gefallenen des Weltkrieges, BT, Nr. 367, 4. 8. 1924

18Ribbe, Wolfgang: Flaggenstreit und Heiliger Hain. Bemerkungen zur nationalen Symbolik in der Weimarer Republik, in: Kunze, Dietrich (Hg.): Aus Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft. Festschrift für Hans Herzfeld zum 80. Geburtstag, Berlin/New York 1972, S. 181 f.

19Lurz, Meinhold: Kriegerdenkmäler in Deutschland, Bd. 4: Weimarer Republik, Heidelberg 1985, S. 55 f.

20 Das Reichsehrenmal in Berlin?, BT, Nr. 377, 12. 8. 1926, Presseartikel werden im Folgenden nach diesem Muster vermerkt: Autor (soweit namentlich bekannt), Titel des Artikels, Name der Zeitung, Nummer, Erscheinungsdatum. Bei der politischen Zuordnung der Zeitungen beziehe ich mich auf Schirmer, Dietmar: Mythos-Heilshoffnung-Modernität. Politisch-kulturelle Deutungscodes in der Weimarer Republik, Opladen 1992, S. 117 ff.

21Ribbe, W.: Flaggenstreit und Heiliger Hain, a.a.O., S. 182 ff.

22Lurz, M.: Kriegerdenkmäler , Bd. 4, a.a.O., S. 85

23 Braun, Otto: Von Weimar zu Hitler, Hamburg 1949, S. 199 f.

24Lurz, M.: Kriegerdenkmäler in Deutschland, Bd. 4, a.a.O., S. 86 f.

25Tietz, J.: Baugeschichte, a.a.O., S. 23 f.

26Demps, Laurenz: Die Neue Wache. Entstehung und Geschichte eines Bauwerks, Berlin (DDR) 1988, S. 129. Der DDR-Historiker Laurenz Demps konstruiert einen „engen zeitlichen Zusammenhang“ zwischen der Entscheidung Otto Brauns für die Neue Wache und dem Wehrprogramm der SPD, das auf dem Magdeburger Parteitag Ende Mai 1929 verabschiedet wurde. Ihm zufolge beabsichtigte dieses Wehrprogramm, die Reichswehr zur republikanischen Institution umzuformen, jedoch „ohne prinzipielle Änderung der Personalpolitik“ und bei einem gleichzeitigen „Bekenntnis zur militärischen Macht des bürgerlichen Staates.“ ebda., S. 122 f. Er stellt damit neben dem zeitlichen, implizit auch einen inhaltlichen Zusammenhang her, ignoriert aber die innerparteiliche Kontroverse um dieses Wehrprogramm. Vgl. hierzu: Schönhoven, Klaus: Reformismus und Radikalismus. Gespaltene Arbeiterbewegung im Weimarer Sozialstaat, München 1989, S. 142 f.

27 Tietz, J.: Baugeschichte, a.a.O., S. 25 ff.

Details

Seiten
38
Jahr
1996
ISBN (eBook)
9783640579907
ISBN (Buch)
9783640580231
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v147999
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto Suhr Institut
Note
1,7
Schlagworte
Gedenkstätten Geschichtspolitik Vergangenheitsbewältigung Weimarer Republik Bundesrepublik Deutschland Berlin Neue Wache Kontroversen

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Titel: Die Neue Wache Unter den Linden als Gedenkstätte in der Weimarer Republik und der Bundesrepublik Deutschland