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Die Emanzipation des Mannes

Werden 'Ernährer' zu 'Hausmännern'?

Essay 2006 30 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Gender- Die Konstruktion einer sozialen Wirklichkeit

3. Familienväter in der Arbeitswelt

4. Ernährer und Erzieher

5. Männer im Haushalt

6. Resümee

7. Literatur

1. Einleitung

Spätestens seit den Errungenschaften der zweiten Frauenbewegung zur Abschaffung der Hausfrauenehe 19771 und dem Gesetz zur Möglichkeit eines Elternurlaubs 19922 ist der Mann ebenfalls von Entscheidungen der Familienplanung und der Arbeitsteilung im Haushalt betroffen. Waren die Fragen des Haushalts und dessen Führung und Ausführung zuvor ganz klar per Gesetz ‚in Frauenhand’, so hat sich diesbezüglich seit den 1970er Jahren vieles geändert. Die männliche Verfügungsgewalt über Frau und Kinder ist geschwunden und hat den Frauen den Weg zu einem eigenständigeren und selbstbestimmteren Leben geebnet: Durch eine erhöhte Erwerbstätigkeit, ein eigenes Einkommen und immer häufiger auch eine gute Ausbildung fällt es immer mehr Frauen schwer, sich in ein Rollenbild als Hausfrau und Mutter einzufügen, obwohl dies vielfach noch von der eigenen Mutter vorgelebt wurde. Die ‚moderne’ Frau ist berufstätig und hat immer häufiger keine Kinder. Die steigende Anzahl der Singles spricht ebenfalls eine deutliche Sprache.

Die Gesellschaft befindet sich noch immer im Umbruch, ausgelöst durch die Befreiung der Frau aus den Fesseln der ökonomischen und rechtlichen Abhängigkeit vom Mann. Dieses Faktum beeinflusst nicht nur das Leben zahlreicher Frauen, es hat auch Einfluss auf die Männer, auf die Wirtschaft, auf den Arbeitsmarkt, auf die Demografie und die kulturelle und soziale Ausrichtung einer Gesellschaft. Eine Frau muss heute nicht mehr unbedingt heiraten um im Alter gut versorgt zu sein. Der Aspekt der Vorsorge liegt in den Händen jedes Einzelnen und ist auch von jedem Einzelnen zu tragen, was Frauen eher in eine Erwerbstätigkeit treibt, als sie dazu zu bewegen, eventuell - und sei es nur eine zeitlang - als Hausfrau und Mutter bei den Kindern zu bleiben. Viele fürchten eher, dass diese Auszeit Ihnen und Ihrer beruflichen Laufbahn im Wege steht, was in vielen Fällen tatsächlich nachweisbar zutreffend ist. Somit ist die Frage nach Kindern in Partnerschaften als eine überhaupt zu beantwortende Frage zentraler geworden und wird immer häufiger negativ entschieden, immerhin sind noch die wenigsten Männer dazu bereit Erziehungsurlaub zu nehmen, geschweige denn ihn sich mit ihrer Partnerin zu teilen. Nicht zuletzt hängt dies wiederum mit der eigenen beruflichen Karriere zusammen, denn was hier für die Frauen gilt, gilt nochmals verstärkt für den Mann.

Die Familienstrukturen verändern sich und folgen den ökonomischen Strukturen: Die Rolle des Mannes als Ernährer der Familie ist veraltet, überholt und auch angesichts hoher Arbeitslosigkeit vielfach nicht realisierbar. Obwohl in den Führungsetagen und entscheidungstragenden Positionen noch immer Männer die Zügel in der Hand halten, so handelt es sich hierbei um einen geringen Prozentsatz von Männern mit Macht. Viele von den anderen kämpfen heute je nach dem gegen Arbeitszeitverkürzung oder Arbeitszeitverlängerung oder sehen sich von Kündigung bedroht. Sie kämpfen für Vaterschaftsurlaub und um eine neue Identität. Viele Männer beklagen heute eine zu geringe Unterstützung bei der Lebensplanung und Realisierung von Veränderungen. Immer wieder werden Forderungen an sie gestellt, was sie noch alles verändern müssen, um in Zukunft eine gerechte Verteilung der Arbeit und Güter unter den Geschlechtern zu haben. Frauen wurden hierfür spezielle Beratungsstellen und Gremien zur Seite gestellt. Die Politik hat Gesetze zu Gunsten von Frauen verändert. Auf der Strecke blieb der Mann. Durch die jahrzehntelange Unterstützung der Frau durch Politik und Gesellschaft hat sich ein Ungleichgewicht entwickelt. Seit circa 30 Jahren befindet sich Deutschland in einem langsamen aber dennoch stattfindenden Wandel, der immer mehr sichtbar wird und immer mehr zu einer sozial induzierten Neudefinition von Männlichkeit und Weiblichkeit führt und die Arbeitsteilung der Geschlechter neu ordnet.

Im Folgenden soll nicht darauf eingegangen werden, was sich in den letzen dreißig Jahren noch immer nicht verändert hat, dies kann immer wieder in Berichten nachgelesen werden, in denen über die Nachteile der Frauen im Berufsleben und im Alltag gesprochen werden3. Die Frauenbewegung hat viel erreicht, doch einige Ziele wie z.B. gleicher Lohn für die gleiche Arbeit, gleichberechtigte Berufschancen, mehr Frauen in Führungspositionen, sind noch nicht erreicht, bis dahin müssen noch einige Veränderungen geschehen. Hierbei werden immer auch die Männer und ihre Rollen beeinflusst werden. Eine Veränderung nur auf einer Seite ist nicht möglich, da es sonst keine Veränderung gäbe. Die Grundpfeiler sind gelegt, jetzt muss das Fundament fest werden und Stein für Stein aufgebaut werden. In den folgenden Kapiteln soll es vielmehr einmal darum gehen, welche Veränderungen es gegeben hat, z.B. auf dem Arbeitsmarkt, auf der Beziehungsebene, bei der Arbeitsteilung sowohl im häuslichen als auch im wirtschaftlichen Bereich. Und es sollen Trends präsentiert werden, die in Zukunft dazu führen könnten, dass der Prozess der männlichen Emanzipation schneller als bisher vorangeht. Hierzu sind jedoch Hilfestellungen und Unterstützung der Politik und Gesellschaft notwendig. Diese Unterstützung gab und gibt man den Frauen, es ist jedoch an der Zeit auch den Männer bei Ihrer neuen Identitätssuche beratende und helfende Mittel zur Verfügung zu stellen. Die größte Veränderung muss in den Köpfen von Männern und Frauen stattfinden. Auch und gerade Frauen müssen sich hierauf einstellen: So wie man den Männern noch vor ein paar Jahren vorwerfen konnte, dass sie sich zuwenig für die Gleichberechtigung der Frau einsetzten und engagierten, so ist umgekehrt von weiblicher Unterstützung bei der Veränderung des männlichen Rollenbildes kaum auszugehen.

Im Besonderen soll diese Veränderung vor dem Hintergrund der Arbeitsmarktsituation, dem demografischen Wandel und der Arbeitsaufteilung der Geschlechter im Haushalt analysiert werden. Im Vordergrund steht hierbei immer die Frage nach der Veränderung für und von den Männern. Immer wieder wird von den neuen Männern, von den neuen Vätern gesprochen. Die Fragen, die sich stellen, lauten: Wer sind diese neuen Väter, diese neuen Männer? Was unterscheidet sie von den alten Männern und alten Vätern? Sind diese neuen Männer und neuen Väter auch gleichzeitig Hausmänner, oder ist dies noch immer den Frauen überlassen, die es eher heute als morgen aufteilen würden? Zu diesen Fragen können zum Teil keine eindeutigen Aussagen gemacht werden, da sich viele Aspekte nur langsam wandeln und es zur Zeit noch nicht absehbar ist, wie sich einige von Ihnen entwickeln werden. Durch den starken Wandel der Frauenrolle kann allerdings davon ausgegangen werden, dass auch zukünftig weitere Privilegien des Mannes erobert und aufgebrochen werden. Ob gleiches mit den Privilegien der Frauen geschieht, erscheint zweifelhaft.

Zu einigen der hier erwähnten Themengebiete erscheinen fast täglich neue Studien und Berichte. Vor allem der demografische Themenpunkt erzeugt immer wieder neue Schlagzeilen. Hier konnte nicht die Fülle an Material bearbeitet und ausgewertet werden ,so dass dieser Arbeit nur ein Bruchteil an verfügbarem Material zugrunde liegt.

2. Gender- Die Konstruktion einer sozialen Wirklichkeit

Wenn es um Männer und Frauen und deren Verhältnis zueinander geht, dann darf das Thema Gender nicht fehlen. Im Gegensatz zum biologischen Geschlecht, das sich stark an den Geschlechtsmerkmalen orientiert, beschäftigt sich die Genderforschung mit der sozialen Zuschreibung von Eigenschaften des ‚Männlichen’ und des ‚Weiblichen’. Einen engen Bezug zur Frage des biologischen Geschlechts gibt es dennoch: In den europäischen Gesellschaften entscheidet das biologische Geschlecht über die Art und Weise der Sozialisation des männlichen oder weiblichen Kindes. Neu ist dies nicht. Karin Hausen hat bereits für das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert eine Zuweisung von Geschlechtsmerkmalen für Männer und Frauen herausgearbeitet, die von Wissenschaftlern und Philosophen der Zeit festgelegt worden waren und in Lexika dieser Zeit nachzuweisen sind.

Inwieweit und von wem Rollenmuster wie diese tatsächlich gelebt wurden, ist nicht leicht zu rekonstruieren. Da Normen nicht von allen gelebt werden müssen und können, handelt es sich meist um besonders pointierte Zuspitzungen. Erstaunlich jedoch ist, dass sich diese Zuschreibungen bis heute in den Köpfen der Menschen verankert haben und nur allmählich aufbrechen und ein Spannungsverhältnis immer deutlicher wird: Einerseits wollen Frauen autonom und ökonomisch vom Mann unabhängig sein. In einer festen Partnerschaft mit Kindern andererseits verliert dieser Wunsch traditionell an Bedeutung und viele fügen sich mühelos in das Rollenbild der Hausfrau und Mutter ein4. Inwieweit dies immer ganz freiwillig geschieht ist schwer aufzudecken. Die Rolle gesellschaftlichen und kulturellen Drucks kann indes nicht ausgeschlossen werden, immerhin gibt es in Deutschland den Begriff der ‚Rabenmutter’, den sich wohl keine Frau zum Vorwurf machen lassen will.

Von den Männern wird ebenfalls ein neues Rollenverständnis erwartet. Sie sollen sich mehr an der Hausarbeit und der Erziehung und Pflege ihrer Kinder beteiligen. Oft steht ihnen hier allerdings die eigene, fordernde Ehefrau im Weg, die sich dann in Bezug auf ihren Bereich nicht das Zepter aus der Hand nehmen lassen will, und dem Mann gegenüber signalisiert, dass er Aufgaben in diesen Bereichen nicht korrekt bewältigt. Auch das öffentliche Umfeld geht mit diesen Männern - als solcher wird oft gar nicht mehr angesehen, wer sie sich als Hausmann und Vater intensiv um Kinder und Haushalt kümmert - vielfach nicht gerade anerkennend um. Von anderen Müttern gemobbt, im Berufsleben von Kollegen gemieden und von Chefs bei Beförderungen übergangen, führen sie eine Art Randexistenz, die ihnen die Rolle nicht erleichtert. Auch das Neue ‚gehört’ ihnen nicht: Die Gesellschaft suggeriert diesen Männern, dass sie sich in einem Aufgabenfeld betätigen, das der Frau zugedacht ist. Viele fühlen sich mit diesen Problemen alleingelassen, da es kaum Anlauf- und Beratungsstellen für Männer in dieser Lage gibt. Noch immer gelten sie als Exoten.

Obwohl sich inzwischen Vereine für einen Starken Vater gebildet haben - hier entsteht eine neue Form des Lobbyismus - gibt es aus der Gesellschaft und der Politik vielfach noch keine unterstützenden Signale. Angesichts der Schwere des Bruches mit dem Überkommenen überrascht dies nicht. Bereits die Erziehung macht Kinder zu Jungen und Mädchen. So lange in den meisten Köpfen der Eltern noch die alten Rollenmuster vorherrschen und von ihnen auch gelebt werden, kann sich diesbezüglich nicht viel ändern. Wird von den Eltern hingegen eine untraditionelle Arbeitsteilung und Erziehung praktiziert, kann sich dies auch günstig auf die Kinder auswirken. Hierzu gibt es noch keine repräsentativen Studien, da dieser Trend noch nicht lange existiert und meistens von Paaren gelebt wird, deren Kinder zur Zeit noch zu jung sind, um über Auswirkungen Angaben machen zu können.

Aber nicht nur in den Familien, auch in den Kindergärten und Grundschulen müsste ein neues Verständnis von Gender-Mainstreaming und der Konstruktion von Rollenbildern eingeführt werden. Kindern müssten unterschiedliche Verhaltensweisen gezeigt und vorgelebt werden, so dass sie selbst eine Entscheidung treffen könnten, unabhängig von ihrem Geschlecht, an welchen Vorbildern sie sich orientieren möchten. Ein Problem für Jungen ist dabei, dass es kaum männliche Erzieher oder Grundschullehrer gibt. Es fehlen die männlichen Bezugspersonen und Vorbilder. Oft wird die schlechte Bezahlung und das geringe Prestige dieser Berufe als Grund für die fehlenden Männer erwähnt. Um dies zu ändern, müssten schon alleine deshalb Lösungen gefunden werden, diese Berufssparten attraktiver für Männer zu machen. Inwieweit diese Aussagen jedoch den Tatsachen entsprechen müsste erst noch eruiert werden, bei den Aussagen handelt es sich häufiger um Vermutungen als um gesicherte Erkenntnisse. In der Arbeitswelt müsste sich dies fortsetzen: In den Betrieben müssten mehr Väter in den Elternurlaub gehen. Diese müssten bei ihrer Entscheidung aktiv und positiv sowohl von den Arbeitgebern als auch von anderen Kollegen unterstützt werden. Noch sind diese Väter in der Minderheit, aber der Gesetzgeber arbeitet bereits an einer Änderung dieser Tatsache, worauf zurückzukommen sein wird.

[...]


1 Am 1. Juli 1977 tritt das „Erste Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts“ in Kraft. Dies besagte, dass Ehepartner von da an die Aufgabenverteilung der Hausarbeit unter sich zu regeln hatten. Die Hausfrauenehe war somit formell abgeschafft.

2 1992 wird der Erziehungsurlaub auf 3 Jahre ausgedehnt und wird auf die Rente angerechnet. Er steht rechtlich sowohl der Mutter als auch dem Vater zu. Zur Zeit nutzen ihn lediglich 1,01 % der Väter. Vgl. hierzu Claudia Pinl: Das faule Geschlecht. Wie Männer es schaffen für sich arbeiten zu lassen.

3 Vor allen Claudia Pinl ist hier sehr kritisch. Siehe : „Das faule Geschlecht. Wie Männer es

schaffen, Frauen für sich arbeiten zu lassen“. München, 1994. und „Männer lassen arbeiten. 20 faule Tricks, auf die Frauen am Arbeitsplatz hereinfallen“. Frankfurt/Main, 2000.

4 Freudenthaler, Heribert Harald: Gerechtigkeitspsychologische Aspekte der Arbeitsteilung im Haushalt. Zum (Un)Gerechtigkeitsempfinden von berufstätigen Frauen. Frankfurt/Main, 2000.

Details

Seiten
30
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640592814
ISBN (Buch)
9783640593088
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v147987
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie
Note
1,7
Schlagworte
Emanzipation Mannes Werden Ernährer Hausmännern

Autor

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Titel: Die Emanzipation des Mannes