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Die Macht des Menuetts

Das Menuett und seine Bedeutung für die klassische Komposition und Konzeption

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 13 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

„Die Macht des Menuetts“

Das Menuett und seine Bedeutung für die klassische Komposition und Konzeption

Am Anfang war das Wort, und das Menuett. Diese ein wenig kecke Konjunktion soll am Beginn vorliegender Arbeit stehen. Sie verdeutlicht Vorhaben und Bestrebung derselben- nämlich die Besonderheit des Menuetts für die Kompositionsgeschichte und insbesondere für das Komponieren an sich aufzuzeigen. Im Laufe der Arbeit wird deutlich werden, welch enormen Stellenwert dem Menuett für die 'klassische Konzeption' zukommt. Grundthese dieser Arbeit ist somit, dass im Menuett am Reinsten, Knappsten und Direktesten die Grundzüge und die Wesensart des klassischen Komponierens zum Ausdruck kommt.

Zur Behandlung und Diskutierung dieser These will ich die großen Kompositionslehren des 18. Jahrhunderts zugrunde legen- namentlich die von Johann Mattheson , Heinrich Christoph Koch und Joseph Riepel. Diese drei Werke habe ich mir insbesondere aus dem Grunde ausgewählt, da ich glaube, dass sie die „fundamentale Bedeutung“[1] des Menuetts in besonders prononcierter Weise zum Ausdruck bringen.

Die Gliederung meiner Arbeit verhält sich wie folgt: 1) Ich will zunächst in einer kurzen historischen Darstellung die Entstehungs,- und Entwicklungsgeschichte des Menuetts erläutern. Dies soll uns gewissermaßen als Einleitung und „Vorspiel“ in die Thematik dienen.

In einem darauffolgenden Abschnitt 2) werde ich die wesentlichen inhaltlichen Bestimmungen der erwähnten Kompositionswerke in Bezug auf das Menuett vorstellen, um dann auf dieser Grundlage in einem letzten zusammenfassenden Teil 3) meine anfangs in den Raum gestellte These zu begründen. Dies soll im Groben die Vorgehensweise sein; beginnen wir nun mit dem ersten Teil.

1. Die Entstehungs,- und Entwicklungsgeschichte des Menuetts

„Il n'y a rien qui soit si nécessaire aux hommes que la danse“[2] schreibt Jean-Baptiste Molière in seiner berühmten Komödie „Le Bourgeois Gentilhomme“- der bürgerliche Edelmann, und verdeutlicht damit pathetisch die Bedeutsamkeit des Tanzes für den Menschen. In keinem anderen Zeitalter wurde dieser Ausspruch so ernst genommen und in die Tat umgesetzt, wie im Barock. Karl Heinz Taubert spricht in seinem Buch „Das Menuett- Geschichte und Choreographie“ gar von dem Tanz als „barocke Lebensform.“[3]

Verschiedene im 15. und 16. Jahrhundert entstandene Tanzformen, welche unter dem Namen 'Branle' bekannt sind, gelten als Vorläufer des Menuetts. Die beiden Branle-Arten 'Branle Poitou' und 'Amener' sollen in besonders bedeutungsvollem Maße „bei der Taufe des Menuetts Pate gestanden“[4] haben. Neben dem frz. Wort „menu“ (klein) soll sich das Wort 'Menuet' gleichsam auch aus dem Namen dieses Tanzes hergeleitet haben-„amener“ (heranführen).

Ein Namensvetter und Freund des oben zitierten Molière, Jean-Baptiste Lully gilt als 'Vater des Menuetts'. Er war am Hofe des Sonnenkönigs Ludwig XIV als „Surintendant de la musique du Roy“ tätig und schrieb für diesen zahlreiche Balletts und Opern, welche Menuettkompositionen enthielten. Auf diese Weise den Bedürfnissen der höfischen Gesellschaft angepasst, in diesem Sinne „hoffähig“ geworden, etablierte sich das Menuett in seinem zweifachen Gepräge, als Gesellschaftstanz und als Schautanz auf der Bühne schnell als der „Königliche Tanz“ par excellence. In diesem Sinne wurde das Menuett zu dem „Ideal der großen stilisierenden Epoche“[5], in dessen „vier Schritte“ der „höchste Ausdruck gesellschaftlicher Stimmung hinübergeflossen“[6] war. Er galt als die Krönung des Einzelpaartanzes, worin sich „die ganze Größe des gesellschaftlichen Genies von Paris offenbarte.“[7] Das Menuett war ein Beispiel vollendeter Tanzkunst und bildete den Höhepunkt jeden Festes. Auch Goethe lobpreiste später in seinen 'Maximen und Reflexionen aus Kunst und Altertum' aus dem Jahre 1824 das Menuett aufs Höchste und sprach seinem Rhythmus etwas „Zauberisches“ zu, das uns „glauben mache, das Erhabene gehöre uns an.“[8] Es sind eben jene musikalischen Charakteristika, die das Menuett besonders auszeichnen und das „Primäre“[9] an ihm darstellen, wie Martens es formuliert. Dies mag eine nahe liegende Erklärung dafür sein, warum das Menuett, nachdem es als Tanz die höchste Ehre erfahren hatte, auch sehr schnell Eingang in die Instrumentalmusik fand, wo gewissermaßen der Ton sich vom Tanz emanzipierte. Im Zuge seines Bekanntwerdens in fast allen europäischen Ländern wandelt sich das Menuett sowohl in musikalischer, als auch in gesellschaftlicher Hinsicht. Es avanciert von einem Gebrauchstanz zu einer rein instrumentalen Form, erlangt einen festen Platz in der Suite, und dringt aus der höfischen Welt des Adels zunehmend in die bürgerliche Gesellschaft. Oscar Bie schreibt 1905: „Wie niemals zuvor ein höfischer oder bürgerlicher Tanz“, hat sich das Menuett „über die Erde verbreitet.“ Es ist „einer jener seltenen Siege, den eine Kunstgattung, weil sie Strenge und Schlichtheit, Organisches und Variables genial in einer bestimmten Erscheinung vereint, über Länder und Zeiten erringt.“[10] Dieser schier unaufhaltbare 'Siegesfeldzug' des Menuetts erreicht um die Mitte des 18. Jahrhunderts einen Höhepunkt- sowohl in „quantitativer“, als auch in „qualitativer“[11] Hinsicht. Während andere bekannte Tänze, wie z.B. Gavotte, Passepied oder Rigaudon, mit dem Verfall der Suite zunehmend selbst in den Hintergrund geraten, wird das Menuett zu einem integralen Bestandteil der Sinfonie und Sonate- eine Entwicklung zu der maßgeblich die Komponisten der sogenannten Mannheimer Schule beigetragen hatten. Dies sollte auch Einfluss auf die Form des Menuetts nehmen: Mit veranlasst durch Franz Xaver Murschhauser wich die vormals zweiteilige Form des Menuetts einer Dreiteiligkeit und integrierte als Mittelteil ein sogenanntes Trio, dessen Bezeichnung auf die Instrumentalbesetzung von 2 Oboen und einem Fagott verweist, mit der das Trio gespielt wurde.

Joseph Haydn, der, relativ zu anderen großen Komponisten, die meisten seiner Kompositionen dem Menuett gewidmet hat, entdeckte um 1765 das Menuett für die Sinfonie- fortan komponierte er keine Sinfonie mehr ohne ein Menuett. Auch für Mozart spielte das Menuett eine entscheidende Rolle; seine ersten Kompositionen aus wohlbekanntem 'Nannerls Notenbuch' waren Menuette und Mozart erlernte vor allem anhand von selbigen das Klavierspiel. Darüber hinaus ist bekannt, dass Mozarts Schüler ebenfalls zunächst Menuette zu spielen und zu komponieren hatten, was beispielsweise aus den Aufgabenheften des bekannten Mozartschülers Thomas Attwood hervorgeht. Diese Umstände lassen bereits jenen erwähnten 'Wert des Menuetts' anklingen und deuten auf seine grundlegende kompositorische Bedeutung hin, welcher wir uns, wie angekündigt, in den nächsten Abschnitten ausführlich widmen wollen.

[...]


[1] Wolfram Steinbeck, Das Menuett in der Instrumentalmusik Joseph Haydns, München: Musikverlag Emil Katzbichler 1973, S.8

[2] Jean-Baptiste Molière, Le Bourgeois Gentilhomme, Frankfurt am Main: Verlag Moritz Diesterweg 1986, S.20

[3] Karl Heinz Taubert, Das Menuett. Geschichte und Choreographie, Zürich: Verlag Musikhaus Pan AG 1988, S.24

[4] Heinrich Martens, Musikalische Formen in historischen Reihen. Das Menuett, Wolfenbüttel: Möseler Verlag 1958, S.2

[5] Oscar Bie, Der Tanz, Dritte erweiterte Auflage mit einhundert Kunstbeilagen, Berlin: Julius Bard 1923, S.194

[6] Ebd., S.202

[7] Ebd., S.172

[8] Johann Wolfgang von Goethe, Maximen und Reflexionen, Aus: Kunst und Altertum

[9] Heinrich Martens, Musikalische Formen in historischen Reihen. Das Menuett, Wolfenbüttel: Möseler Verlag 1958, S.3

[10] Oscar Bie, Der Tanz, Dritte erweiterte Auflage mit einhundert Kunstbeilagen, Berlin: Julius Bard 1923, S.202

[11] Heinrich Martens, Musikalische Formen in historischen Reihen. Das Menuett, Wolfenbüttel: Möseler Verlag 1958, S.3

Details

Seiten
13
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640589357
ISBN (Buch)
9783640589609
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v147942
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Musikwissenschaftliches Seminar der Freien Universität Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Menuett Tanz Musikwissenschaft

Autor

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Titel: Die Macht des Menuetts