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Ein Wintertraum. Das Verhältnis von Traum und Realität des Wanderers in Schuberts 'Winterreise'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 10 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Ein Wintertraum

-Irrlichtige Traumtäuschungen- -Zum Verhältnis von Traum und Realität des Wanderers in Schuberts Winterreise-

„Ungehindert fließt der Kreis innerer Harmonien,
und eingehüllt in gefälligen Wahnsinn,
versinken wir und hören auf zu sein.“
(Johann Wolfgang von Goethe)
„Einen Zyklus schauerlicher Lieder will ich euch vorsingen…“
(Franz Schubert)

In der vorliegenden Arbeit will ich mich der besonderen Bedeutung des Traumes für die Komposition, sowie Konzeption der ‚Winterreise’ widmen. Dabei geht es mir insbesondere um das vielschichtige und eindrucksvolle Verhältnis des Wanderers zu seinen Träumen und dem Traum an sich. Dies möchte ich exemplarisch bzw. repräsentativ an den Liedern "Im Dorfe" und "Täuschung" veranschaulichen- zwei Liedern, den beiden gleichermaßen eine besondere Bedeutung für diese Thematik zukommt. Dabei werde ich eine detaillierte Ausdeutung des Traumbegriffs in dem Liederzyklus vornehmen. Im Zusammenhang mit dem Lied 'Im Dorfe' wird es mir vor allem um dessen Stellung und Einordnung in den Gesamtkontext des Liederzyklus gehen. Einer intensiven musikalischen Analyse und Interpretation werde ich das Lied "Täuschung" unterziehen. Anhand dieser beiden Lieder und der Untersuchungen derselben wird die Bedeutsamkeit dieser Thematik für den Liederzyklus "Winterreise" deutlich werden. Die Grundthese dieser Arbeit, für die ich argumentieren suche und die ich, so hoffe ich plausibel machen können werde, ist jene, dass sich an dem Verhältnis des Wanderers zum Traum und zur Wirklichkeit am Deutlichsten der tiefenpsychologische Gehalt der ‚Winterreise’[1] manifestiert.

Die Rolle des Traumes in ‚Die Winterreise’ von Wilhelm Müller

Schon im ersten Lied des Zyklus 'Gute Nacht' wird die Frage nach dem Traum aufgeworfen. Beim Abschied des Wanderers von seiner Geliebten schildert er wie diese träumt- äußerst liebevoll und einfühlsam. Der Traum wird hierbei zu etwas Heiligem, mindestens genauso heilig wie der Schlaf, und Kostbarem, das geschützt und bewahrt werden muss. So diktiert gewissermaßen das Träumen seiner Geliebten, wie der Wanderer sich zu verhalten hat.

"Will Dich im Traum nicht stören, wär Schad um deine Ruh, Sollst meinen Tritt nicht hören- Sacht, sacht die Türe zu!"[2]

Der Traum wird zur Ursache, zum Motiv für das vorsichtig-bedächtige Verhalten des Wanderers. Gar verhindert er einen direkten, intensiven Abschied zwischen dem Wanderer und seiner Geliebten. Dieser kann aufgrund der Unantastbarkeit des Traumes nur indirekt erfolgen, durch eine kleine Nachricht, die der Wanderer an das Tor schreibt, in der Hoffnung, dass seine Geliebte diese am Morgen nach dem Erwachen aus dem Schlaf und Traum lesen wird. Die Nachricht "Gute Nacht", gleichzeitig Titel des Liedes, meint hierbei mehr- sie wünscht einen guten Schlaf und vor allem gute, angenehme Träume.

Der Umstand des indirekten Abschieds nimmt bereits ein wesentliches lyrisches Mittel vorweg, das in der gesamten Winterreise konstant aufrechterhalten wird und wiederkehrt. Es ist dies der fingierte, imaginierte Dialog des Wanderers mit seiner Geliebten und sich selbst, durch den wir einen Einblick in sein tiefstes Innenleben erhalten und all seine brennenden Qualen erfahren. Nur durch die Augen des Wanderers erfahren wir etwas über seine Geliebte, die selbst niemals in Erscheinung tritt. Die bis an die menschliche Existenz gehende Einsamkeit und Verzweiflung des Wanderers, die im Laufe des Zyklus in eine nimmer manifester werdende Lebensmüdigkeit und Todessehnsucht mündet, wird durch dieses lyrische Mittel besonders intensiv zur Schau gestellt.

Die positive Konnotation des Traumes bleibt vorerst beibehalten. Im Lied Nr. 5 "Der Lindenbaum" träumt der Wanderer selbst: "Ich träumt in seinem Schatten so manchen süßen Traum".[3]

Es ist ein angenehmer, lebensfroher, optimistischer Traum, der das Lebensgefühl erhöht und das reale Leben bereichert, diesem in glückbringender Weise zugewandt ist. Jedoch entpuppt sich diese vermeintliche Glückseligkeit schon bald als trügerisch. "Tiefe Nacht", Dunkelheit setzt ein, in die der Wanderer weiter wandern muss, "kalte Winde"[4] richten sich gegen ihn und blasen seinen Hut vom Kopfe. Scheinheilig-verlockend suggeriert ihm der Lindenbaum, ähnlich der Schlange im Paradiese Eden, er würde Ruhe bei ihm finden; ein beträchtlicher Irrtum. Diese trügerisch-verlockende Verheißung klingt dem Wanderer noch hämmernd nach, schon lange, nachdem er sich von diesem hinterhältig-manipulativen Lindenbaum entfernt hat. Die in diesem Lied angedeutete Fatalität der Träume wird im Lied Nr.11 "Frühglingstraum" aufgegriffen und fortgeführt.

[...]


[1] Der Titel ‚Die Winterreise’ von Müller bzw. ‚Winterreise’ von Schubert werde ich in meiner Arbeit abwechselnd und synonym verwenden.

[2] Wilhelm Müller, Die Winterreise, Erste Auflage, Hans-Rüdiger Schwab (Hrsg.), Frankfurt am Main: Insel Verlag 1986, S.44

[3] Ebd., S.46

[4] Ebd., S.47

Details

Seiten
10
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640579488
ISBN (Buch)
9783640579143
Dateigröße
388 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v147909
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Musikwissenschaftliches Seminar der Freien Universität Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Schubert Liederzyklus Winterreise Traum Realität

Autor

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Titel: Ein Wintertraum. Das Verhältnis von Traum und Realität des Wanderers in Schuberts 'Winterreise'