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Die diagnostische Situation

Motto: Alles Verhalten ist immer ein Verhalten in einer konkreten Situation

Seminararbeit 2001 22 Seiten

Psychologie - Diagnostik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Situation und Diagnostische Situation
2.1. Das Konzept der Situation
2.2. Die (psychologisch) diagnostische Situation DS

3. Invarianten diagnostischer Situationen
3.1. Asymmetrische Selbstenthüllung
3.2. Vertraulichkeit (= Dyadische Anonymität)
3.3. Wissen, beobachtet zu werden

4. "Unsicherheitsfaktor" Diagnostiker

5. Situationsexterne Faktoren
5.1. Teilsystem Soziale Rahmenbedingungen
5.2. Teilsystem Laiensystem
5.3. Teilsystem Professionelle Systeme

6. Literatur

7. Anhang 1: Thesenblatt

8. Anhang 2: Präsentationsmaterial

Anmerkung: Da es für das Problem der Gleichbehandlung weiblicher und männlicher Formen von Substantiven, Adjektiven und Pronomen bis heute keine stilistisch und ökonomisch überzeugende Lösung gibt, wurde nach 'alter' Konvention - jedoch im vollen Bewußtsein um diese Problematik - jeweils die männliche Form gewählt.

1. Einleitung

Alles Verhalten ist immer Verhalten in einer konkreten Situation. Trotz dieser unbestreitbaren Tatsache hatten die Persönlichkeitsforschung klassischer Prägung und auch die Einstellungsforschung die situative Bedingtheit von Verhalten zumeist unterbewertet. Erst Ende der Siebziger Jahre entwickelte sich der Forschungszweig Interaktionspsychologie, die "… als herausragendes Beispiel der '(Wieder-)Entdeckung der Situation' in der Persönlichkeitsforschung" (Silbernagel, 1982, S.248) gefeiert wurde. Auch Soziologie und Soziolinguistik schenken der Situation resp. äußeren Bedingungen, unter denen ein bestimmtes Verhalten auftritt, vermehrt Aufmerksamkeit.

2. Situation und Diagnostische Situation

Was gemeint ist, wenn wir sagen, jemand sei in einer Situation S, verstehen wir intuitiv. Hingegen fehlt es bei einer Definition des Situationskonzepts an terminologischer Einheitlichkeit, so zB "…am Konsens darüber […] welchen Referenzbereich Situationen abstecken" (Silbernagel, 1982, S.248).

2.1.Das Konzept der Situation

Als Beispiel für die Vielzahl von Definitionen seien hier nur zwei genannt:

A) Magnusson & Endler (1977): Situation ist derjenige Teil der Ökologie, den ein Individuum wahrnehmen und auf den es unmittelbar reagieren kann.

B) Goffman (1964): A social situation arises whenever two or more individuals find themselves in one another's immediate presence, and it lasts until the next-to-last person leaves.

Grundsätzlich wird aber von Situation nur dann gesprochen, wenn die Person /Personen unmittelbar involviert ist /sind. Unmittelbarkeit bezieht sich dabei auf die gleichzeitige Anwesenheit von sozialen bzw nicht sozialen Objekten, auf die wiederum direkt reagiert werden kann.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Unterscheidung zwischen der subjektiven Definition (= Wahrnehmung) einer Situation und der "objektiven" Situation. Die subjektiven Definitionen orientieren sich dabei selektiv an unterschiedlichen Merkmalen innerhalb des komplexen Reizgesamtgefüges, abhängig von ihrer Relevanz, Deutlichkeit, von Vorerfahrungen und vermuteten Folgen.

Fokale Situation vs. Gesamtsituation

Während die Gesamtsituation umfassend zB die Einheit Diagnostische Untersuchungssituation meint, entspricht die fokale Situation (= Stimulus) beispielsweise nur der aktuellen Bearbeitung konkreter Testaufgaben.

2.2.Die (psychologisch) diagnostische Situation DS

"Dies meint eine ausgezeichnete, weil besondere und hinsichtlich ihrer spezifischen Merkmale noch zu charakterisierende Klasse von sozialen Situationen, die sowohl von Alltagssituationen mit "diagnostischer" Zielsetzung" als auch von analogen Situationen wie beispielsweise der medizinisch diagnostischen Situation abgegrenzt werden muß" (Silbernagel, 1982, S.250; zur medizinischen DS: vgl. Lange, 1988).

DS ist ein Sammelname für eine Reihe von Untergruppen von Situationen, deren jeweilige Bezeichnung sich …

> nach den eingesetzten Verfahren (® zB Test-, Interviewsituation,…) oder …

> nach der Aufgabenstellung (® zB Examens-, Eignungsuntersuchungssituation, experimentelle Situation) oder …

> nach der besonderen Aktivität (® zB Vortragssituation) richten kann.

Darüber hinaus lassen sich diese Subgruppen weiter aufspalten: ® zB Einzel- oder Gruppenuntersuchungssituation, mündliche / schriftliche Examenssituation,…

Der DS werden zwei globale Haupteigenschaften bzw -wirkungen zugeschrieben:

(1) Man rechnet sie zu den Situationen mit Zwangscharakter, weil der Spielraum angemessenen Verhaltens eng begrenzt ist. Sie verlangen ein hohes Maß an bewußter Kontrolle des eigenen Verhaltens und sind mit emotionalen Belastungen verbunden. Price & Bouffard (1974) konnten zeigen, daß eine Sonderform der DS, das Job-Interview, von 15 Situationen am meisten verhaltenseinengend wirkt.
(2) DS sollen streßinduzierende und angstprovozierende Wirkungen haben. Sie können dabei entweder zur Kategorie interpersonale Streßsituation (hierzu zählen zB das Job-Interview oder ein Vortrag vor Publikum) zählen oder sind gänzlich unbekannte Situationen (wie etwa zB "in ein psychologisches Experiment gehen" oder ein "Beratungsbüro zur Hilfe persönlicher Probleme aufsuchen"). Die DS wird dabei interindividuell unterschiedlich wahrgenommen.

3. Invarianten diagnostischer Situationen

Die DS weist eine Reihe invarianter Charakteristika auf, die im nachfolgenden Abschnitt näher erläutert werden.

3.1.Asymmetrische Selbstenthüllung

Die DS als Rollenbeziehung zwischen Proband und Untersucher hat zum Ziel, für die psychologischen Probleme des einen (= des Laien) mit Hilfe des Expertenwissens des anderen (= des Experten) Lösungen zu finden. Grundsätzlich ist zu sagen, daß in Dyaden mehr enthüllt wird als in Triaden, wobei dies unabhängig ist von Geschlechtszusammensetzung, Bekanntschaftsgrad und generellen Selbstenthüllungstendenzen. - Darüber hinaus müssen aber in der DS auch noch weitere Aspekte in Betracht gezogen werden:

- Rollenabhängige Faktoren: Wie in jeder dyadischen Beziehung beeinflussen rollenabhängige Faktoren das beiderseitige Verhalten. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei der der Geschlechterrolle, insbesondere bei gegenschlechtlichen Proband-Untersucher-Beziehungen.

- Asymmetrische Regelung des Informationsaustausches 1: Vom Probanden wird erwartet, daß er Informationen über sich selbst und / oder über seine Bezugspersonen offen und ehrlich kommuniziert, sich also enthüllt (= "exhibitionistische" Aspekt der Probandenrolle). Diese Enthüllungen können entweder spontan oder aber auch nur reaktiv sein, wobei sie sich in Umfang, Niveau (= Intimität), positivem / negativem Inhalt, Flexibilität unterscheiden. -- Anmerkung: Als privat werden Informationen definiert, die in der Regel nur dem Ego selbst zugänglich und inhaltlich Ego-bezogen sind.

O Asymmetrische Regelung des Informationsaustausches 2: Dem Untersucher wird das Recht zugestanden, persönliche, Auch intime Fragen zu stellen (= "voyeuristischer" Aspekt der Untersucherrolle).

O Verhinderung des dyadischen Effekts: Der dyadische Effekt (Jourard & Jaffe, 1970), eine Verhaltenssynchronie in Paarbeziehungen, thematisiert die Tatsache, daß Umfang und / oder Tiefe der Selbstenthüllung eines Partners von der unmittelbar vorausgehenden Enthüllung des anderen Partner abhängt. -- Das Fehlen dieses Effekts kann beim Probanden zu Angstreaktionen aufgrund der einseitigen Abhängigkeit führen.

Dabei werden aber in der DS gleich zwei in Alltagsinteraktionen gelernte Verhaltensvorschriften zeitweilig außer Kraft gesetzt:

(1) Die Unangemessenheit, sich Fremden gegenüber zu enthüllen. Gilt es doch meist als tabuisiert, sich völlig fremden Personen anzuvertrauen oder gar deren persönliche Fragen zu beantworten.
(2) Die Unangemessenheit, sich in einem frühen Zeitpunkt einer Beziehung zu enthüllen. Ist doch die Offenlegung persönlicher Informationen i.d.R. engeren und zeitlich andauernden sozialen Beziehungen vorbehalten.

Selbstenthüllung - Aspekte für den Diagnostiker

Auf Seiten des Untersuchers ergeben sich aus dieser Situation zwei weitere Aspekte, über deren Tragweite er sich voll und ganz bewußt sein muß:

A) Die einseitige Selbstenthüllung des Probanden ist funktional legitimiert, dient sie doch als Grundlage für Diagnose, Beratung, und Therapieempfehlung; selten auch ist sie Endzweck allein im Sinne einer kathartischen Wirkung.
B) Beinahe überflüssig zu erwähnen, daß Selbstenthüllung nicht der Befriedigung der Neugierde des Diagnostikers dienen darf. Die professionelle Neugier ist nur insoweit zulässig, als sie mit den genannten Aufgaben vereinbar ist (normative Regelung des Auskunftgebens und Auskunftverlangens). "Was erlaubt ist, zu fragen und erwartet werden darf, auszusagen, unterliegt einer Problemtyp-bezogenen Relativierung" (Silbernagel, 1982, S.252).

Selbstenthüllung als Persönlichkeitsmerkmal

Bestimmte stabile, situationsübergreifende Reaktionstendenzen der Probanden sind ein weiterer Faktor, der den Verlauf einer DS entscheidend bestimmen kann; zahlreiche Untersuchungen bedienen sich hierfür einer binären Typologie, wie die folgenden Liste zeigt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieser Eigenschaftsansatz der Selbstenthüllung beinhaltet auch die Annahme, daß es Personen gibt, die generell, dh unabhängig von verschiedenen einzelnen Bereichen des Selbst, mehr als andere offenbaren. Hier muß aber wieder differenziert werden nach der Art der angesprochenen Untersuchungsbereiche; van Koolwijk (1969) konnte zeigen, daß konfliktfreie Bereiche der Exploration eher zugänglich sind als konfliktbeladene.

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