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Diagnose AD(H)S - Und nun?

Diplomarbeit 2009 100 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

1. Allgemeines zu AD(H)S
1.1 Begriffsbestimmung AD(H)S
1.1.1 Klassifikation nach DSM-IV
1.1.2 Klassifikation nach ICD-10
1.1.3 Vergleich der Klassifikation nach DSM-IV und ICD-10
1.1.4 Fazit für die Soziale Arbeit
1.2 Symptome von AD(H)S und Komorbidität
1.2.1 Verlauf und Auswirkungen von AD(H)S
1.2.2 Abgrenzung von AD(H)S mit und ohne Hyperaktivität
1.2.3 Fazit für die Soziale Arbeit
1.3 Ätiologie von AD(H)S
1.3.1 Fazit für die Soziale Arbeit
1.4 Diagnose von AD(H)S
1.4.1 Prävalenz
1.4.2 Fazit für die Soziale Arbeit

2. Behandlung von AD(H)S
2.1 Medikamentöse Behandlung von AD(H)S
2.1.1 Stimulanzien
2.2 Alternative Behandlungsmöglichkeiten von AD(H)S
2.2.1 Psychotherapie, insbesondere Verhaltenstherapeutische Psychotherapie
2.2.2 Ergotherapie
2.3 Multimodale Behandlung von AD(H)S als Möglichkeit einer Kooperation
2.4 Fazit für die Soziale Arbeit

3. Arbeitsweisen und Handlungsmöglichkeiten in der Sozialen Arbeit im Bereich der ambulanten Hilfen zur Erziehung
3.1. Soziale Arbeit und Kinder mit AD(H)S
3.1.1 Arbeitsweisen eines Lehrers bei AD(H)S
3.1.2 Arbeitsweisen eines Sozialarbeiters bei AD(H)S
3.1.3 Fazit
3.2 Soziale Arbeit und Eltern von Kindern mit AD(H)S
3.2.1 Pädagogische Grundprinzipien
3.2.2 Plan- und Strukturarbeit
3.2.3 Handlungsmöglichkeiten im Bereich der ambulanten Hilfen zur Erziehung
3.2.4 Fazit
3.3 Kooperationsmöglichkeiten eines Sozialarbeiters
3.3.1 Modell einer möglichen Kooperation
3.3.2 Aufgaben der einzelnen Personen bei einer Kooperation
3.3.3 Fazit
3.4 Präventionsmöglichkeiten von AD(H)S
3.4.1 Fazit

4. Schlussbetrachtung

5. Quellenverzeichnis

Einleitung

Derzeit ist AD(H)S in aller Munde. Es vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht etwas dar-über liest oder im Fernsehen einen Beitrag dazu sieht. AD(H)S hat sich scheinbar zu einer Volkskrankheit in unserer modernen Gesellschaft entwickelt. Mittlerweile sind auch nicht mehr nur Kinder und Jugendliche betroffen. Immer mehr Erwachsenen klagen über die typischen Symptome von AD(H)S. AD(H)S ist schon seit über 150 Jahren als Verhaltensauffälligkeit bekannt. Vor allem durch Heinrich Hoffmann, den Frankfurter Psychiater, wurde der „Zappelphilipp“ schon 1885 beschrieben. Aber auch in anderen Ländern traten die Symptome auf. (vgl. Gelb/ Völkel-Halbrock 2007, S. 9) So hat auch William James bereits vor mehr als 100 Jahren die Symptome von AD(H)S beschrieben. AD(H)S ist also nicht neu. Der Kinderarzt George Still soll die Krankheit 1902 bereits in Ärzteberichten erwähnt haben. Still war damals der Überzeugung, dass eine leichte Hirnverletzung die Ursache sei. Deshalb wurde AD(H)S früher als minimale Hirndysfunktion (MCD) bezeichnet. Kinderarzt Bradley zeig-te 1937 auf, dass die Verabreichung von Stimulanzien eine beruhigende Wirkung hat. Mit-te der 70er Jahre wurde daraufhin Ritalin als häufigstes Medikament bei der Aufmerksam-keitsdefizit-Störung verabreicht. Später wurde die Störung als Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung bezeichnet. (vgl. Holowenko 1999, S.17-18)

Da diese Krankheit mit oder ohne Hyperaktivität auftreten kann, möchte ich im Folgenden die Abkürzung AD(H)S zur Vereinfachung benutzen. Zur Vereinfachung nutze ich außer-dem im gesamten Text nur die männliche Form bei Personen. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es sich aber sowohl auf männliche als auch weibliche Personen bezieht.

Ob AD(H)S als Krankheit oder Störung angesehen werden sollte oder nicht, sei dahinge-stellt. Das vermehrte Auftreten ist dennoch vorhanden. Immer mehr Eltern wenden sich Rat suchend an soziale Einrichtungen. Ich erinnere mich an ein Gespräch während meines zweiten 20 Wochen umfassenden Praktikums im Bereich der Hilfen zur Erziehung. Eine Mutter wandte sich weinend an meine Anleiterin. Ihr dreizehnjähriger Sohn habe AD(H)S, sie wolle ihm aber keine Medikamente geben. Nun sei sie völlig am Ende mit ihren Kräf-ten und fragte, ob sie ihren Sohn nicht vorübergehend ins Heim geben könne. Da fragte ich mich, wie schlimm AD(H)S für Betroffene und ihre Familie sein muss, damit sie zu solch drastischen Maßnahmen greifen möchten.

Ich finde es daher sehr wichtig, dass Sozialarbeiter einen Überblick über diese Störung haben. Dieses möchte ich zu Beginn meiner Arbeit kurz ermöglichen, da im Studium keine Informationen über AD(H)S vermittelt werden. Außerdem möchte ich neben der medika-mentösen Behandlung auch alternative Behandlungsmöglichkeiten aufzeigen und darlegen, welchen Beitrag die Soziale Arbeit auch im Rahmen einer Kooperation leisten kann.

In meiner Arbeit werde ich zeigen, dass es für Sozialarbeiter von Bedeutung ist, Kenntnis-se über AD(H)S zu besitzen und einen umfassenden Überblick über die Hilfen bei AD(H)S im Kindesalter aufzeigen. Ich beziehe mich mit dem Begriff Kinder auf ein Alter bis 12 Jahren. Mein Thema lautet: Kinder mit AD(H)S in der Sozialen Arbeit. Arbeitsweisen und Handlungsmöglichkeiten für die Praxis.

Im ersten Kapitel werde ich grundlegende Dinge zum Verständnis von AD(H)S darstellen. Ich gehe zuerst auf die Definition von AD(H)S ein. Dabei werde ich einen kurzen Über-blick über das Verständnis von AD(H)S geben und dann die Klassifikation nach DSM-IV und ICD-10 darstellen, um diese beiden anschließend kurz miteinander zu vergleichen. Als zweites werde ich die Symptome genauer darstellen und auf die Komorbidität eingehen. In diesem Zusammenhang beschreibe ich auch den Verlauf der Störung und die Auswirkun-gen für Betroffene. Anhand von zwei Beispielen möchte ich dann eine Abgrenzung zwi-schen AD(H)S mit und ohne Hyperaktivität vornehmen. Drittens werde ich einen kurzen Überblick über die Ätiologie geben. Zum Schluss stelle ich das Verfahren zur Diagnose kurz dar und gehe auf die Prävalenz von AD(H)S ein.

Im zweiten Kapitel werde ich dann gebräuchliche Behandlungsformen von AD(H)S dar-stellen. Als erstes gehe ich auf die medikamentöse Behandlung ein und dabei kurz auf Sti-mulanzien, die am häufigsten eingesetzt werden. Zweitens gehe ich auch auf alternative Behandlungsmöglichkeiten ein. Dabei werde ich zunächst beschreiben, was die Psychothe-rapie, insbesondere die Verhaltenstherapeutische Psychotherapie, bei AD(H)S leisten kann. Außerdem beschreibe ich noch die Ergotherapie. Zum Schluss gehe ich auf die multimoda-le Behandlung von AD(H)S ein, als eine Möglichkeit der Kooperation von allen Hilfeleis-tenden.

Im dritten und letzten Kapitel werde ich genauer auf die Arbeitsweisen und die Hand-lungsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit eingehen. Dabei beschreibe ich als erstes Kinder mit AD(H)S. Ich gehe dann auf Lehrer und ihre Arbeitsweisen bei Kindern mit AD(H)S ein, um im Anschluss Sozialarbeiter und ihre Arbeitsweisen bei Kindern mit AD(H)S ge- nauer zu beschreiben. Ich werde hierbei auf ein gutes Arbeitssetting und notwendige Kom-petenzen eines Sozialarbeiters eingehen. Zweitens gehe ich auf die Eltern von Kindern mit AD(H)S ein. Ich werde zunächst einige pädagogische Grundprinzipien und ihre Besonder-heit bei Kindern mit AD(H)S darstellen. Als Beispiel gehe ich genauer auf die Plan- und Strukturarbeit ein. Dabei werde die Handlungsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit im Be-reich der ambulanten Hilfen zur Erziehung aufzeigen. Drittens werde ich genauer die Ko-operationsmöglichkeiten von Sozialarbeitern (insbesondere mit Ärzten, Psychologen, Er-gotherapeuten, Lehrern und Eltern, deren Handlungsmöglichkeiten ich davor bereits be-schrieben habe) eingehen. Dabei stelle ich zunächst ein Modell einer möglichen Koopera-tion vor und dann beschreibe ich die Aufgaben der einzelnen Personengruppen bei einer Kooperation. Zum Ende möchte ich Möglichkeiten der Prävention von AD(H)S als Aus-blick vorstellen.

1. Allgemeines zu AD(H)S

Im ersten Teil möchte ich einen allgemeinen Überblick über AD(H)S geben. Ich möchte in meiner Diplomarbeit speziell auf Kinder eingehen, wie bereits erwähnt. Der erste Teil be-zieht sich allerdings auf Kinder mit AD(H)S bis hin zu Erwachsenen mit AD(H)S, um ei-nen umfassenden Überblick über AD(H)S zu geben.

1.1 Begriffsbestimmung AD(H)S

Die Abkürzung AD(H)S steht für Aufmerksamkeitsdefizit-(Hyperaktivitäts-)Störung. Im Volksmund werden Kinder mit AD(H)S ohne Hyperaktivität häufig als „Träumerchen“ bezeichnet und Kinder mit Hyperaktivität als „Zappelphilipp“. (vgl. Schäfer/Rüther 2005, S. 12)

Es gibt verschiedene Auffassungen und Verständnisse von AD(H)S. Manche Menschen sehen in AD(H)S eine Modediagnose. Für Andere ist AD(H)S ein Phänomen oder ein Krankheitsbild, das es schon lange gibt. AD(H)S hat für sie einen biologischen Ursprung und ist nicht ein Ergebnis unsicherer Bindungen oder fehlerhafter Erziehung. (vgl. Grothe/ Horlbeck 2006, S. 135) So verstehen Personen, die einen biologischen Ursprung anneh-men, unter AD(H)S zum Beispiel eine der häufigsten psychischen Störungen im Kindesal-ter. (vgl. Schäfer/Rüther 2005, S. 9) Sie sehen AD(H)S als eine Krankheit an, die durch eine Reihe von störenden Verhaltensmustern gekennzeichnet ist. Dieses Verhalten geht ins „normale“ Verhalten über. Eine ärztliche Diagnose liegt erst vor, wenn das Verhalten für das Kind Schwierigkeiten in mehreren Bereichen mit sich bringt. Die Bereiche sind die Entwicklung, das Verhalten und die Leistung, die Familienbeziehungen und die sozialen Interaktionen. (vgl. Holowenko 1999, S.19) Manche Menschen sehen einen Zusammen-hang mit unserer modernen Gesellschaft, die durch „Reizabhängigkeit“ der Menschen ge-kennzeichnet ist und AD(H)S hervorbringt. (vgl. Grandpre de 2002, S. 107-108)

In Bezug auf die Klassifikationen von AD(H)S bedeutet dies, dass manche Menschen sich stark nach ihnen richten und daher AD(H)S unumstößlich als Krankheit ansehen, ohne diese Schlussfolgerung zu hinterfragen. Wenn man sich aber näher mit AD(H)S beschäf-tigt, merkt man, dass nicht alles zwangsläufig als gegeben hingenommen werden sollte. Sozialarbeiter sollten die einzelnen Punkte auch hinfragen. Die Klassifikationssysteme sind für Mediziner zur Diagnosestellung vorhanden und geben Sozialarbeitern nur einen Anstoß sich mit AD(H)S und seinen Symptomen auseinanderzusetzen.

1.1.1 Klassifikation nach DSM-IV

Die Definition von AD(H)S ändert sich häufig. Zurückschauend fällt dies auf, wie bereits in der Einleitung erwähnt. (vgl. Barkley 2002, S. 146) Nun möchte ich auf die heutigen Klassifikationen nach dem DSM-IV und dem ICD-10 eingehen. Ich möchte mit dem DSM-IV beginnen.

DSM ist ein Klassifikationssystem der Amerikanisch Psychiatrischen Vereinigung. DSM kommt somit aus dem Englischen und steht für Diagnostic and Statistical Manual of Men­tal Disorders, übersetzt Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störun-gen. Die Version DSM-IV gibt es seit 1996. (vgl. Wikipedia 2009, Internetquelle URL1) Für eine AD(H)S-Diagnose nach DSM-IV müssen entweder A1 und/oder A2 sowie B, C, D und E zutreffen. Dies stellt die Abbildung am Ende bildlich dar. (vgl. ADD-ONLINE 2008, Internetquelle)

„A.1 Sechs (oder mehr) der folgenden Symptome von Unaufmerksamkeit sind während der letzten sechs Monate beständig in einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbarenden und unangemessenen Ausmaß vorhanden gewesen:

Unaufmerksamkeit

a. beachtet häufig Einzelheiten nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten, bei der Arbeit oder bei anderen Tätigkeiten,
b. hat oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder beim Spie-len aufrechtzuerhalten,
c. scheint häufig nicht zuzuhören, wenn andere ihn / sie ansprechen,
d. führt häufig Anweisungen anderer nicht vollständig durch und kann Schularbeiten, an-dere Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht zu Ende bringen (nicht aufgrund oppo-sitionellen Verhaltens oder von Verständnisschwierigkeiten),
e. hat häufig Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren,
f. vermeidet häufig, hat eine Abneigung gegen oder beschäftigt sich häufig nur widerwillig mit Aufgaben, die länger andauernde geistige Anstrengungen erfordern wie Mitarbeit im Unterricht oder Hausaufgaben),
g. verliert häufig Gegenstände, die er / sie für Aufgaben oder Aktivitäten benötigt (z. B. Spielsachen, Hausaufgabenhefte, Stifte, Bücher oder Werkzeug),
h. lässt sich öfter durch äußere Reize leicht ablenken,
i. ist bei Alltagstätigkeiten häufig vergesslich.

A.2 Sechs (oder mehr) der folgenden Symptome der Hyperaktivität und Impulsivität sind während der letzten sechs Monate beständig in einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbarenden und unangemessenen Ausmaß vorhanden gewesen. Hyperaktivität

a. zappelt häufig mit Händen oder Füßen oder rutscht auf dem Stuhl herum,
b. steht in der Klasse und anderen Situationen, in denen Sitzen bleiben erwartet wird, häu-fig auf,
c. läuft häufig herum oder klettert exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist (bei Jugendlichen oder Erwachsenen kann dies auf ein subjektives Unruhegefühl beschränkt bleiben),
d. hat häufig Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen,
e. ist häufig "auf Achse" oder handelt oftmals, als wäre er / sie "getrieben",
f. redet häufig übermäßig viel.
Impulsivität
g. platzt häufig mit den Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist,
h. kann nur schwer warten, bis er / sie an der Reihe ist,
i. unterbricht und stört andere häufig (platzt z. B. in Gespräche oder Spiele anderer hinein).

B. Einige Symptome der Hyperaktivität, Impulsivität oder Unaufmerksamkeit, die Beein-trächtigungen verursachen, treten bereits vor dem Alter von sieben Jahren auf.

C. Beeinträchtigungen durch diese Symptome zeigen sich in zwei oder mehr Bereichen (z. B. in der Schule bzw. am Arbeitsplatz oder zu Hause).

D. Es müssen deutliche Hinweise auf klinisch bedeutsame Beeinträchtigungen der sozia-len, schulischen oder beruflichen Funktionsfähigkeit vorhanden sein.

E. Die Symptome treten nicht ausschließlich im Verlauf einer tief greifenden Entwick-lungsstörung, Schizophrenie oder einer anderen psychotischen Störung auf und können auch nicht durch eine andere psychische Störung besser erklärt werden (z. B. affektive

Störung, Angststörung, dissoziative Störung oder eine Persönlichkeitsstörung).“ (Bundes-ärztekammer 2006, Internetquelle)

„Subtypen:

TYP 1: Wenn die Kriterien A1 und A2 während der letzten sechs Monate erfüllt waren: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Mischtypus

TYP 2: Wenn Kriterium A1, nicht aber Kriterium A2 während der letzten sechs Monate erfüllt war: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Vorwiegend Unaufmerksa-mer Typus

TYP 3: Wenn Kriterium A2, nicht aber Kriterium A1 während der letzten sechs Monate erfüllt war: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Vorwiegend hyperaktiv-impulsiver Typus

Bei Personen (besonders Jugendlichen und Erwachsenen), die zum gegenwärtigen Zeit-punkt ADHS-Symptome zeigen, aber nicht mehr alle Kriterien erfüllen, wird "teilremit-tiert" spezifiziert.“ (ADD-ONLINE 2008, Internetquelle)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 (Brandau/Kaschnitz 2008, S. 26)

Die Klassifikation ist maßgebend für Mediziner, die anhand dessen eine AD(H)S-Diagnose stellen. Sozialarbeiter können hier die wichtigsten Symptome von AD(H)S nachlesen. Al-lerdings ist die Beschreibung der Kinder im DSM-IV eindeutig defizietorientiert. Soziale Arbeit arbeitet aber ressourcenorientiert. Eine Umdeutung zum Ressourcenorientierten kann aber vorgenommen werden, zum Beispiel kann das von A.2 a. „zappelt häufig“ auch heißen, dass das Kind lebhaft oder sportlich ist. In solchen Fällen kann die Soziale Arbeit ansetzen. (vgl. ADD-ONLINE 2008, Internetquelle)

1.1.2 Klassifikation nach ICD-10

ICD kommt aus dem Englischen und steht für International Classification of Diseases. ICD ist somit die Internationale Klassifikation der Krankheiten. Das ICD ist das wichtigs-te, weltweit anerkannte Diagnoseklassifikationssystem der Medizin. Es wird von der Weltgesundheitsorganisation herausgegeben. Die aktuelle Vision ist das ICD-10 von 2006. (vgl. Wikipedia 2009, Internetquelle URL2) Im ICD-10 wird bei Erfüllung entsprechender Merkmale die Diagnose AD(H)S gestellt. Dabei müssen eine beeinträchtigte Aufmerksam-keit und Hyperaktivität vorliegen. Dies stellt die Abbildung am Ende bildlich dar. (vgl. Bibliothek-Texte 2008, Internetquelle)

„G1. Unaufmerksamkeit:

Mindestens sechs Monate lang mindestens sechs der folgenden Symptome von Unauf-

merksamkeit in einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbarenden und

unangemessenen Ausmaß.

Die Kinder

1. sind häufig unaufmerksam gegenüber Details oder machen Sorgfaltsfehler bei den Schularbeiten und sonstigen Arbeiten und Aktivitäten,
2. sind häufig nicht in der Lage, die Aufmerksamkeit bei Aufgaben und beim Spielen auf-rechtzuerhalten,
3. hören häufig scheinbar nicht, was ihnen gesagt wird,
4. können oft Erklärungen nicht folgen oder ihre Schularbeiten, Aufgaben oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht erfüllen (nicht wegen oppositionellem Verhalten oder weil die Erklä-rungen nicht verstanden werden),
5. sind häufig beeinträchtigt, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren,
6. vermeiden häufig ungeliebte Arbeiten, wie Hausaufgaben, die geistiges Durchhaltever-mögen erfordern,
7. verlieren häufig Gegenstände, die für bestimmte Aufgaben wichtig sind, z. B. für Schul-arbeiten, Bleistifte, Bücher, Spielsachen und Werkzeuge,
8. werden häufig von externen Stimuli abgelenkt,
9. sind im Verlauf der alltäglichen Aktivitäten oft vergesslich.

G2. Überaktivität:

Mindestens sechs Monate lang mindestens drei der folgenden Symptome von Überaktivität

in einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbarenden und unangemes- senen Ausmaß.

Die Kinder

1. fuchteln häufig mit Händen und Füßen oder winden sich auf den Sitzen,
2. verlassen ihren Platz im Klassenraum oder in anderen Situationen, in denen sitzen blei-ben erwartet wird,
3. laufen häufig herum oder klettern exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist (bei Jugendlichen und Erwachsenen entspricht dem nur ein Unruhegefühl),
4. sind häufig unnötig laut beim Spielen oder haben Schwierigkeiten bei leisen Freizeitbe-schäftigungen,
5. zeigen ein anhaltendes Muster exzessiver motorischer Aktivitäten, die durch den sozia-len Kontext oder Verbote nicht durchgreifend beeinflussbar sind.

G3. Impulsivität:

Mindestens sechs Monate lang mindestens eins der folgenden Symptome von Impulsivität

in einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbarenden und unangemes- senen Ausmaß.

Die Kinder

1. platzen häufig mit der Antwort heraus, bevor die Frage beendet ist,
2. können häufig nicht in einer Reihe warten oder warten, bis sie bei Spielen oder in Grup-pensituationen an die Reihe kommen,
3. unterbrechen und stören andere häufig (z. B. mischen sie sich ins Gespräch oder Spiel anderer ein),
4. reden häufig exzessiv ohne angemessen auf soziale Beschränkungen zu reagieren.

G4. Beginn der Störung vor dem siebten Lebensjahr.

G5 Symptomausprägung: Die Kriterien sollen in mehr als einer Situation erfüllt sein, z. B. sollte die Kombination von Unaufmerksamkeit und Überaktivität sowohl zuhause als auch in der Schule bestehen oder in der Schule und an einem anderen Ort, wo die Kinder beo-bachtet werden können, z. B. in der Klinik. (Der Nachweis situationsübergreifender Sym-ptome erfordert normalerweise Informationen aus mehr als einer Quelle. Elternberichte über das Verhalten im Klassenraum sind meist unzureichend.)

G6 Die Symptome von G1. - G3. verursachen deutliches Leiden oder Beeinträchtigung der sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsfähigkeit.

G7 Die Störung erfüllt nicht die Kriterien für eine tief greifende Entwicklungsstörung, eine manische Episode, eine depressive Episode oder eine Angststörung.“ (Bundesärzte-kammer 2006, Internetquelle)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 (Brandau/Kaschnitz 2008, S. 25)

Dies ist eine etwas andere Definition, dennoch gilt wie beim DSM-IV, dass eine Umdeu-tung zum Ressourcenorientierten möglich ist. (vgl. Bundesärztekammer 2006, Internet-quelle)

1.1.3 Vergleich der Klassifikation nach DSM-IV und ICD-10

Wie im Schema unten erkennbar, beschreibt das DSM-IV drei Variationen von AD(H)S; das ICD-10 unterscheidet hingegen nur zwei Typen. (vgl. Gelb/Völkel-Halbrock 2007, S. 12) Das ICD-10 übersieht dabei zunächst AD(H)S ohne Hyperaktivität. Das DSM-IV be-rücksichtigt auch dieses. (vgl. Prinzing 2004, S. 17) Laut Bundesärztekammer ist im DSM-IV AD(H)S deshalb auch breiter definiert als in der ICD-10. Das DSM-IV hat dadurch eine höhere Prävalenz, das heißt das Vorkommen von AD(H)S ist höher, da es mehr Kinder erfasst. Es ist hilfreich, dass das DSM-IV auch Kinder mit AD(H)S ohne Hyperaktivität erfasst. Im ICD-10 würde diese Kinder übersehen werden, obwohl sie auch Schwierigkei-ten haben. Mediziner und auch Sozialarbeiter haben weniger mit Kindern mit AD(H)S ohne Hyperaktivität zu tun, weil sie weniger Auffälligkeiten zeigen und dadurch seltener diagnostiziert werden. Aber auch hier hat die Soziale Arbeit Handlungsmöglichkeiten in Bezug auf Probleme, wie ihre Aufmerksamkeitsstörung und Impulsivität. (vgl. Bundesärz-tekammer 2006, Internetquelle) Im ICD 10 wird AD(H)S ohne Hyperaktivität am Rande auch aufgeführt. Wenn man sich näher mit dem ICD auseinandersetzt, erkannt man eine Restgruppe nicht näher bezeichneter Störungen, worunter auch AD(H)S ohne Hyperaktivi-tät aufgezählt wird. Sie ist schwieriger zu finden und hat deshalb eine geringe Bedeutung. (vgl. Altherr 2000, S. 196-197)

Was beide Klassifikationssysteme gemeinsam haben, ist, dass sie von den drei Hauptsym-ptomen Aufmerksamkeitsstörung, Hyperaktivität und Impulsivität ausgehen. Die Sympto-me müssen bei beiden Kriterien früh auftreten und stabil sein. Sie müssen situationsüber-greifend sein, das heißt an mehreren Orten auftreten und nicht nur zu Hause. Beide geben außerdem Ausschlusskriterien an. (vgl. Winter/Kolberg 2007, S.4)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 (Gelb/Völkel-Halbrock 2007, S. 12)

Die verschiedenen Typen von AD(H)S ergeben sich aus den einzelnen Merkmalen, die in den Klassifikationen beschrieben werden. Entscheidend ist, welche der drei Hauptsym-ptome vorliegen und wie sie kombiniert sind. Dies bedeutet für die Soziale Arbeit, dass sie den Typ von AD(H)S genauer bestimmen kann. So kann unter den entsprechenden Punk-ten in der Klassifikation nachgeschaut werden. (vgl. Gelb/Völkel-Halbrock 2007, S. 12)

1.1.4 Fazit für die Soziale Arbeit

Sozialarbeiter sind keine Mediziner oder Psychologen, dennoch haben auch sie mit Klassi-fikationen zu tun und arbeiten damit. Wie ein Sozialarbeiter in der Suchtberatung wissen muss, wie Sucht definiert ist, so muss ein Sozialarbeiter, der in der Sozialpädagogischen Familienhilfe tätig ist und mit Kindern mit AD(H)S zu tun hat auch wissen, wie AD(H)S definiert ist. Wichtig ist, dass Sozialarbeiter die Klassifikationen kennen. Anhand dessen können sie Übergänge zu anderen Hilfen, die ich im zweiten Teil meiner Arbeit beschrei-be, schaffen. Mit dem Hintergrundwissen ist eine Kooperation zu anderen Hilfeleistenden erleichtert. Laut Barkley ist der Umgang mit einem Kind mit AD(H)S erleichtert, wenn man möglichst viel über die Störung weiß, weil dann ein reflektiertes Arbeiten möglich ist. Sozialarbeiter verstehen dann, warum ein Kind wie handelt und können das Verhalten bes-ser einordnen und sich besser auf Situationen einstellen. (vgl. Barkley 2002, S. 145) Für Sozialarbeiter empfiehlt sich das DSM-IV zum Nachlesen der Symptome von AD(H)S, weil diese dort sehr detailliert beschrieben werden und es umfangreicher als das ICD-10 ist. Aber auch das ICD-10 kann genutzt werden, wenn es sich um ein Kind mit AD(H)S mit Hyperaktivität handelt. Eine Umdeutung zum Ressourcenorientierten zusammen mit Eltern ist hilfreich für die Arbeit. Es kann eine Positivliste erstellt werden, die eventuell den Standpunkt der Eltern ändert oder zumindest eine neue Sichtweise zulässt. Je nachdem welche Auffassung Sozialarbeiter von AD(H)S haben, ist auch der Umgang mit den Kin-dern und den Eltern ganz unterschiedlich. Wenn AD(H)S zum Beispiel als biologische Störung gesehen wird, kann ganz unvoreingenommen mit den Kindern und den Eltern ge-arbeitet werden. Aber wenn man AD(H)S als Erziehungsfehler sieht, ist der Umgang mit den Eltern schwierig und vorbelastet. Ich beziehe mich in meiner Arbeit auf AD(H)S als eine Störung im Kindesalter, die verschiedene Ursachen haben kann, aber kein Erziehungs-fehler ist.

1.2 Symptome von AD(H)S und Komorbidität

Zu den drei typischen Symptomen zählen die Aufmerksamkeitsstörung, die Impulsivität und die Hyperaktivität. Unter Aufmerksamkeitsstörung kann man eine mangelnde Konzent-ration der Kinder und eine erhöhte Ablenkbarkeit verstehen. (vgl. Schäfer/Rüther 2005, S. 12) Die Aufmerksamkeit leidet besonders, wenn betroffene Kinder Dinge tun sollen, auf die sie keine Lust haben. Leichter fällt es ihnen, wenn die Reize oft wechseln, wie zum Beispiel beim Fernsehen. (vgl. Schäfer/Rüther 2005, S.27) Impulsivität ist ein Ausdruck einer unzureichenden Steuerungsfähigkeit, das heißt Kinder handeln erst und denken dann nach. So treten auch häufiger rasche Stimmungswechsel auf. Hyperaktivität wird als über-mäßige Aktivität wahrgenommen und kann sich im Herumlaufen im Kindesalter und inne-rer Ruhelosigkeit im Erwachsenenalter äußern. (vgl. Schäfer/Rüther 2005, S. 12) Die Symptome sind je nach Alter unterschiedlich ausgeprägt. Bei Kindern steht die motorische Unruhe mehr im Vordergrund, außer bei AD(H)S ohne Hyperaktivität. Später tritt diese eher in den Hintergrund. Ich werde noch genauer auf die Besonderheiten in den verschie-denen Altersstufen eingehen. (vgl. Schäfer/Rüther 2005, S.25-26)

Die Kernsymptome sind situationsübergreifend, das heißt sie treten in verschiedenen Le-bensbereichen auf, wie zum Beispiel zu Hause und in der Schule. Ihre Ausprägung variiert dabei. In der Schule werden ganz andere Anforderungen gestellt als zu Hause. Die Sym-ptome sind zudem situationsanhängig, das heißt abhängig von Ort, Anforderungen und Personen. Sie unterscheiden sich kaum von Kindern ohne AD(H)S in Situationen, die nicht einengend und nicht anspruchsvoll sind, wie zum Beispiel beim Fernsehen. Kinder sind zu Hause in ihrem gewohnten Umfeld, wenn aber Besuch kommt, herrscht plötzlich eine an-dere Situation und sie verhalten sich dementsprechend anders. Diese Reaktion ist bei Kin-dern mit AD(H)S noch deutlicher ersichtlich als bei Kindern ohne AD(H)S. Hierbei wird deutlich, dass die Begriffe Aufmerksamkeitsstörung, Impulsivität und Hyperaktivität rela-tiv undefiniert sind und es stellt sich die Frage, wann es sich nicht mehr um „normales“ Verhalten handelt. Folglich sind Verhaltensauffälligkeiten nicht messbar und eine Diagno­se immer subjektiv. (vgl. Schäfer/Rüther 2005, S.28-29; vgl. Barkley 2002, S. 157) Viele Symptome von AD(H)S werden häufig zunächst als Unwillen gedeutet, was sich auf die Beziehung zu den Eltern auswirkt. Somit ist die primäre Beziehung häufig belastet. Hier kann die Soziale Arbeit ansetzen, um die Beziehung von Eltern und Kind wieder positiver zu gestalten. Dabei ist es wichtig, den Eltern nicht die Schuld zuzuweisen und immer Ak-zeptanz und Respekt zu zeigen. (vgl. Trott 2004, S. 194)

Nun komme ich zu Komorbidität von AD(H)S. Unter Komorbidität versteht man in der Medizin ein zusätzliches zu einer Grunderkrankung vorliegendes Krankheits- oder Stö-rungsbild. Komorbiditäten können, müssen aber nicht ursächlich mit der Grunderkrankung zusammenhängen. (vgl. Wikipedia 2009, Internetquelle URL3) Kinder mit AD(H)S haben häufig neben den Hauptsymptomen noch weitere Probleme in Bereichen wie Gesundheit, Entwicklung, Verhalten, Sozialisation, Gefühlsleben und in der Schule. Es treten wahr-scheinlich auch häufiger spezifische Lernschwierigkeiten auf, wie Störungen beim Spre-chen. Studien zeigen, dass betroffene Kinder zu einem bedeutenden Teil hinter der allge-meinen intellektuellen Entwicklung anderer Kinder liegen. (vgl. Holowenko S.23-24) Zwei Drittel der Kinder leiden unter Begleitstörungen. Die häufigsten sind dabei zu 50 Prozent Störungen des Sozialverhaltens, zu 20 bis 25 Prozent Angststörungen und zu 10 bis 40 Prozent Depressionen und zu 30 Prozent Tic-Störungen und letztlich 10 bis 25 Prozent Teilleistungsstörungen. Unter Störungen des Sozialverhaltens ist aggressives Verhalten zu verstehen. Kinder akzeptieren keine Regeln, sind trotzig und wütend und aggressiv. Da-durch ergibt sich auch eine schwierige Beziehung zu den Eltern. Angststörungen und De-pressionen ergeben sich durch Versagensgefühle und soziale Probleme. Tic-Störungen sind unwillkürliche wiederholte Zuckungen, Bewegungen oder Laute. Teilleistungsstörungen sind eine Lese- und/oder Rechtschreibschwäche oder eine Rechenschwäche. (vgl. Bundes-zentrale für gesundheitliche Aufklärung 2007, S. 16-18)

1.2.1 Verlauf und Auswirkungen von AD(H)S

Bei Säuglingen kann man noch nicht von AD(H)S sprechen. Viele Säuglinge, die später AD(H)S haben, sind aber bereits im ersten Lebensjahr auffällig und werden von Ihren El-tern als schwierig beschrieben. Sie haben häufig Essstörungen oder Schlafstörungen oder sind Schreibabys. Zudem sind sie oft unruhig, reizbar und lassen sich nur mühsam beruhi-gen und füttern. Es können schwierige Eltern-Kind-Interaktionen entstehen, wenn die El-tern mit der Situation überfordert sind. Es ist wichtig, dass sich die Eltern bereits an dieser Stelle Hilfe holen, damit die negative Beziehung nicht verfestigt wird. Hier findet sich ein guter Ansatzpunkt für die Soziale Arbeit im Sinne der Prävention. Eine gute Aufklärung muss gegeben sein, damit die Eltern wissen, an wen sie sich wenden können. (vgl. Bundes-zentrale für gesundheitliche Aufklärung 2007, S. 12; vgl. Holowenko 1999, S.28-29)

Bei Kleinkindern meinen Fachleute, dass eine Abgrenzung zum „normalen“ Verhalten bereits ab drei Jahren möglich ist. Im Kindergarten fallen sie bereits auf, weil sie sich nicht alleine ruhig beschäftigen können, hyperaktiv sind und überall raufklettern. Sie können sich nicht konzentrieren und brechen Spiele schnell wieder ab. Auch ihre Wutausbrüche und ihr Trotzverhalten beginnen bereits in dem Alter. Grenzen werden überschritten. Freundschaften werden kaum geschlossen und ein Einfügen in die Gruppe ist auch nicht selbstverständlich. Zu Hause werden ganz alltägliche Dinge schwierig und ständige Auf-forderungen sind nötig. (vgl. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2007, S. 12­13) Feinmotorische Schwierigkeiten treten außerdem auf. Es kommt zur Verzögerung der Blasen- und Mastdarmkontrolle. (vgl. Trott 2004, S. 195) Kleinkinder mit AD(H)S verlan-gen häufiger Beachtung und sind sehr neugierig. Sie stellen damit hohe Anforderungen an die Erziehung. Sie müssen auch mehr beaufsichtigt werden, weil sie durch ihr impulsives Verhalten besonders verletzungsgefährdet sind. (vgl. Barkley 2002, S. 150) Insgesamt kann man sagen, dass viele Kinder im Vorschulalter Symptome von AD(H)S haben, aber nur bei fünfzig Prozent von ihnen haben diese bis ins Schulalter und darüber hinaus Be-stand. Deshalb lässt sich vermuten, dass eine Diagnose erst ab sechs Jahren sinnvoll ist. Wenn die Störung in dieser frühen Zeit mindestens ein Jahr andauert, besteht sie meist auch später noch. Es ist eine andere Situation, wenn die Kinder in den Kindergarten kom-men und nicht mehr nur zu Hause sind. Hier kommt es ganz auf das Umfeld des Kindes an, wie gut es mit dem Verhalten des Kindes umgehen kann und die Schwierigkeiten abfedern kann. Manche Eltern sind einfach belastbarer und toleranter als andere. Hier könnte die Soziale Arbeit immer noch präventiv eingreifen und den Eltern beim Umgang mit ihren Kinder Unterstützung geben. (vgl. Barkley 2002, S. 149)

Bei Grundschulkindern kann schon von AD(H)S gesprochen werden. Wenn die Kinder in die Schule kommen, werden die Probleme größer. Es werden ganz andere Anforderungen an sie gestellt. Konzentriertes Mitarbeiten fällt ihnen schwer und sie werden leicht abge-lenkt. Lehrer ermahnen sie. Den Kindern fällt es schwer Dinge zu tun, die sie nicht tun möchten. Teilleistungsstörungen können auftreten. Eventuell kommt es zu Umschulungen und Klassenwiederholungen. Das Selbstwertgefühl leidet. Ihr Trotz und ihre Aggressivität verstärken sich und es kommt zur Ablehnung durch Gleichaltrige. Somit können sie auch kein angemessenes soziales Verhalten erlernen. Kinder leiden darunter. (vgl. Bundeszent-rale für gesundheitliche Aufklärung 2007, S. 13; vgl. Schmela 2004, S. 96) Die Schule bringt die meisten Schwierigkeiten mit sich und belastet auch die Eltern. Hausaufgaben sind eine große Belastung zu Hause. Es kommt auch zu Konflikten im Tagesablauf. Kinder mit AD(H)S benötigen Hilfe von ihren Eltern bei alltäglichen Aufgaben. Sie geben sich nach außen als eine Art Selbstschutz häufig übertrieben selbstbewusst. Für ihre Schwierig-keiten machen sie andere verantwortlich. Problematisches Soziaverhalten bildet sich her-aus, wie zum Beispiel Lügen, Stehlen und handgreifliche Auseinandersetzungen. In dieser Situation wenden sich viele Eltern an Ärzte oder auch das Jugendamt und bitten um Hilfe. Es sind häufig schon Interventionen nötig, da die Schwierigkeiten vom Umfeld nur noch in geringem Umfang abgefangen werden können. Soziale Arbeit hat an dieser Stelle einen berechtigten Platz. Besonders die Probleme zu Hause und auch in der Schule können auf-gearbeitet werden. (vgl. Barkley 2002, S. 151-153)

Bei Jugendlichen nehmen meist einige Symptome ab, vor allem die Hyperaktivität. Manchmal verwandelt sich die Hyperaktivität auch in eine innere Unruhe. Die Impulsivität und die Aufmerksamkeitsstörung sind nach wie vor vorhanden. Die Schulleistungen sind nach wie vor ein großes Problem, damit kommt es auch zu Schwierigkeiten bei der berufli-chen Integration. Jungendliche entwickeln manchmal antisoziale Verhaltensweisen und eine Aggressivität. Für Alkohol- und Drogenmissbrauch und weitere psychische Störun-gen, wie Depressionen oder Ängste, sind sie sehr anfällig. Stimmungsschwankungen treten auf und es kommt zu Suizidversuchen. (vgl. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklä-rung 2007, S. 14; vgl. Trott 2004, S. 195; vgl. Schmela 2004, S. 96) Außerdem haben Ju-gendliche natürlich mit denselben Problemen der Pubertät zu kämpfen, wie alle anderen Jugendlichen. Sie sind meist früher sexuell aktiv, verhüten seltener und dadurch kommt es häufiger zu Teenegerschwangerschaften und sexuell übertragbaren Krankheiten. Außer-dem fallen sie vermehrt durch Fehlverhalten im Straßenverkehr und Verkehrsunfälle auf. In diesem Alter sind die Schwierigkeiten schon ausgeprägter. Hat es bis jetzt noch keine Interventionen gegeben, sollten sie jetzt auf jeden Fall beginnen. Jugendliche werden mit all diesen Schwierigkeiten nur schwer allein zurechtkommen, zudem ist die Pubertät ohne-hin eine schwierige Zeit in ihrem Leben. Hier ist die Behandlung durch Mediziner vorran-gig vorstellbar. Aber auch Soziale Arbeit kann an dieser Stelle im Rahmen von Hilfe zu Erziehung noch greifen. (vgl. Barkley 2002, S. 153-154)

Bei Erwachsenen bleibt manchmal AD(H)S bestehen. Dies kann sich unterschiedlich äu-ßern. Bei manchen Erwachsenen sind keine Einschränkungen im täglichen Leben mehr vorhanden. Andere haben gelernt mit ihren Einschränkungen zu leben. Und wieder andere leiden noch immer unter den typischen Symptomen. AD(H)S beginnt aber nicht erst im Erwachsenenalter. Wenn die Störung früher nicht erkannt wurde, geht es nun vorrangig um die Begleiterscheinungen, die behandelt werden müssen, wie Ängste, Depressionen oder Sucht. Sie sind gekennzeichnet durch ihre Unstrukturiertheit, Vergesslichkeit, Stimmungs-schwankungen und Selbstwertprobleme. (vgl. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklä-rung 2007, S. 14-15) Erwachsene haben Defizite in Bezug auf ihr Bildungsniveau und ih-ren Status. Sie neigen immer noch zu antisozialem Verhalten. Sie wechseln häufiger den Arbeitsplatz oder verlieren die Arbeit. Die Symptome sind weitgehend die gleichen geblie-ben. Dazu sind Probleme mit dem Autofahren, der Sexualität, dem Umgang mit Geld, dem Partner und der Arbeit gekommen. Es sind Dinge, die erst im Erwachsenenalter eine Rolle spielen. Interventionen sind an dieser Stelle eher in die medizinische und therapeutische Richtung nötig. Soziale Arbeit greift in diesem Alter am wahrscheinlichsten bei Suchtver-halten oder wenn Erwachsene mit AD(H)S selbst Kinder haben. (vgl. Barkley 2002, S. 154-155)

Bei fehlender oder geringer Aufmerksamkeit im Alltag kommen einige Einschränkungen auf die Betroffenen zu. Diese treten zum Beispiel in der Schule zum Vorschein, während des Unterrichts, aber auch bei den Hausaufgaben und später bei der Arbeit, wie ich es be-reits beschrieben habe. (vgl. Schäfer/Rüther 2005, S.27) Im Allgemeinen sind die Folgen der Desorganisation in Bezug auf Zeit, Geld und einer Alltagsstruktur erkennbar. Emotio-nalen Beeinträchtigungen sind gegeben durch Ängste, Depressionen und einem geringen Selbstwertgefühl. Es kommt häufig zu einer unzureichenden Schul- und Berufausbildung, sowie zu Beziehungsproblemen in der Familie, in der Partnerschaft, unter Arbeitskollegen, bei Lehrern und Vorgesetzten. Von AD(H)S-Betroffene haben häufig Probleme mit Alko-hol und Drogen. Auch eine delinquente Entwicklung kann vorkommen. (vgl. Schä-fer/Rüther 2005, S. 32)

AD(H)S darf nicht nur negativ betrachtet werden. Kinder mit AD(H)S haben, wie alle an-deren auch, Ressourcen. Sie haben auch sehr viele positive Eigenschaften. Es ist wichtig, dass diese nicht übersehen werden. Hier kann die Soziale Arbeit ansetzen. Ich möchte jetzt kurz auf einige positive Eigenschaften der Kinder mit AD(H)S benennen. (vgl. Farnkopf 2002, S. 58) AD(H)S wirkt sich nicht auf die Gesamtintelligenz aus oder auf die Kompe-tenz des Kindes. Betroffene Kinder übertreffen häufig andere Kinder in ihren Leistungen. Von AD(H)S Betroffene können Höchstleistungen in der Schule bringen, weil sie sich in-

tensiver mit einer Sache beschäftigen, zu der sie Lust haben. Wichtig ist dabei die Motiva­tion. Kann ein Lehrer die Ressourcen auch in der Schule nutzen, so steigen auch die Moti­vation, der Lernerfolg und das Selbstvertrauen der Kinder. (vgl. Farnkopf 2002, S. 58-59; vgl. Grandpre de 2002, S. 174; vgl. Prinzing 2004, S. 14) Manche Kinder sind trotzdem beliebt bei anderen Kindern, weil sie viele Ideen haben und damit andere Kinder anziehen. Sie haben mehr Fantasie beim Spielen. Ihr Gerechtigkeitssinn ist sehr ausgeprägt. Sie sind sehr sensibel und können Stimmungen besonders gut wahrnehmen. Sie sind offen für Neu-es. Zudem sind sie tierlieb. (vgl. Eitle 2006, S. 23; vgl. Prinzing 2004, S. 21; vgl. Schä-fer/Rüther 2005, S. 33) Kinder mit AD(H)S haben einen Sinn für Situationskomik, sind ideenreich, kreativ, entdeckungsfreudig, flexibel, risikofreudig und unkonventionell. All dies wird in kreativen Berufen sehr geschätzt. Außerdem besitzen sie eine körperliche Fit­ness, haben Spaß an Bewegung, besitzen gestische Sicherheit und mimisches Talent. Auch diese Eigenschaften sind in vielen Berufen sehr geschätzt, wie zum Beispiel im Schauspiel. Des Weiteren zeichnet sie ihre Anhänglichkeit aus, ihr Bedürfnis nach sozialen Kontakten und Freundschaften und ihr besonderer Charme. All dies macht sie liebenswert und un-verwechselbar. Dies ist ein Blickwechsel bei dem die Soziale Arbeit helfen kann. Eltern kennen auch die positiven Seiten ihres Kindes. Diese sind aber durch die negativen Dinge häufig überdeckt und müssen erst wieder zum Vorschein gebracht werden. (vgl. Lauth/Schlottke/Naumann 2007, S. 35-36)

1.2.2 Abgrenzung von AD(H)S mit und ohne Hyperaktivität

„Timo, 5 Jahre

Kaum ist Timo morgens aufgewacht, fallen ihm schon tausend Dinge ein, die er heute tun könnte. Sofort springt er auf und rast durch die Wohnung. Er hat am Vortag einen Piraten-film gesehen und will sich ein Schiff bauen. Als er auf das Regal klettert, um sich ein Bet-tuch für das Segel zu holen, fällt das Regal mit Getöse um und weckt die anderen Famili-enmitglieder. Sofort geht der übliche Streit los. Jetzt ist nicht Schiffe bauen angesagt, son-dern Anziehen, Frühstücken und Kindergarten. Das Anziehen dauert ewig, weil ihm alle paar Sekunden etwas anderes einfällt. Beim Frühstück geht ein Glas zu Bruch, als Timo aufspringt und, um Sarah, die heute Geburtstag hat, noch schnell ein Geschenk zu basteln. Der Weg zum Kindergarten ist eine Tortur: Timo ist schon oft, trotz strengster Ermahnun- gen, ohne links oder rechts zu schauen auf die Straße gerannt, weil er auf der anderen Stra-ßenseite etwas wahnsinnig Spannendes entdeckt hat.

Als Timos Mutter die Tir des Kindergartens hinter sich schließen will, ist sie eigentlich fir den Rest des Tages schon völlig erledigt. Die Erzieherin will aber noch mit ihr reden: Timo sei fir die Gruppe eine große Belastung. Er könne keine finf Minuten still sitzen und sich auf kein Spiel konzentrieren. Er rase ständig herum und störe die anderen Kinder. Timos Mutter ist verzweifelt: Es ist nicht das erste Mal, dass ihr dies gesagt wird, und langsam weiß sie wirklich nicht mehr weiter.“ (Bundeszentrale fir gesundheitliche Aufklärung 2007, S. 6)

In diesem Beispiel soll AD(H)S mit Hyperaktivität beschrieben sein. Es kann aber eher als eine Vorstufe von AD(H)S betrachtet werden, da der Junge erst finf Jahre alt ist. (vgl. Bundeszentrale fir gesundheitliche Aufklärung 2007, S. 6) Eine AD(H)S-Diagnose wird erst ab sechs Jahren gestellt, da das Verhalten vorher schwer von „normalem“ Verhalten abzugrenzen ist. Die Symptome fir AD(H)S missen aber schon vor dem sechsten Lebens-jahr begonnen haben. Nach dem DSM-IV wirde es sich hier wahrscheinlich um den Typ 3, den iberwiegend hyperaktiv-impulsiven Typ, handeln. Danach missen mindestens sechs Kriterien von A2 Hyperaktivität und Impulsivität erfillt sein. Im Beispiel wären es even-tuell b „steht unaufgefordert auf“ und c „klettert herum“, wie er von der Kindergärtnerin beschrieben wird und h er „kann nur schwer warten“, weil er unbedingt sofort das Ge-schenk basteln möchte. (vgl. Bundesärztekammer 2006, Internetquelle; vgl. ADD-ONLINE 2008, Internetquelle) Dies ist eine gängige Vorstellung von Kindern mit AD(H)S mit Hyperaktivität. Beispielhaft ist hier ein Junge dargestellt, da Jungen häufiger von AD(H)S mit Hyperaktivität betroffen sind. Sozialarbeiter können Eltern besser verstehen, wenn sie einen typischen Alltag aus ihrer Sicht betrachten. Es ist stressig und Eltern ver-zweifeln. Die Soziale Arbeit kann mit Eltern den Alltag besprechen und was fir sie schwierig ist und zusammen mit ihnen Verbesserungen erarbeiten, um den Alltag leichter werden zu lassen. (vgl. Bundeszentrale fir gesundheitliche Aufklärung 2007, S. 6)

„Sarah, 5 Jahre

Sarah wird im Kindergarten nur Traumsuse genannt. Wenn die anderen Kinder ein Bild malen, sitzt sie gedankenverloren vor ihrem leeren Blatt, und schaut aus dem Fenster, wenn die anderen Kinder ihre Bilder schon stolz den ErzieherInnen zeigen. Bei Gruppen-spielen weiß Sarah nie, wann sie dran ist. Sie hat nicht aufgepasst und ist schon wieder mit etwas anderem beschäftigt. Wenn ihr Vater sie nachmittags vom Kindergarten abholt, dau-ert der Heimweg ewig. Sarah bleibt alle paar Minuten stehen, um etwas anzusehen. Sie hat vergessen, was sie am nächsten Tag für den Ausflug mitbringen soll. Der Zettel vom Kin­dergarten ist unauffindbar.

Dauernd bekommt Sarah zu hören, sie solle doch besser aufpassen und sich besser kon-zentrieren. Aber so sehr Sarah sich auch bemüht, irgendwie gelingt es ihr nicht.“ (Bundes-zentrale für gesundheitliche Aufklärung 2007, S. 7)

In diesem Beispiel soll AD(H)S ohne Hyperaktivität beschrieben sein. Aber auch hier kann es eher als eine Vorstufe von AD(H)S betrachtet werden, da das Mädchen auch erst fünf Jahre alt ist. (vgl. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2007, S. 7) Nach dem DSM-IV handelt es sich hier wohl um den Typ 2, den vorwiegend unaufmerksamen Typ. Danach müssen mindestens sechs Kriterien von A1 Unaufmerksamkeit erfüllt sein. Im Beispiel wären es eventuell b „Schwierigkeit sich länger auf eine Sache zu konzentrieren“, wie das Bild zu malen und g „verliert Dinge“, wie den Zettel vom Kindergarten und h „lässt sich ablenken“, wie auf dem Heimweg. (vgl. Bundesärztekammer 2006, Internet-quelle; vgl. ADD-ONLINE 2008, Internetquelle) Dies ist eine gängige Vorstellung von Kindern mit AD(H)S ohne Hyperaktivität. Beispielhaft wurde hier ein Mädchen darge-stellt, weil Mädchen häufiger AD(H)S ohne Hyperaktivität haben. Auch hier kann man Eltern besser verstehen, wenn man einen typischen Alltag aus ihrer Sicht betrachtet. Es ist weniger anstrengend. Die Eltern sind eher besorgt um ihr Kind. Hieran sieht man, dass das DSM-IV vorteilhafter ist als das ICD-10, weil es die Kinder ohne Hyperaktivität auch er-fasst. Sie haben auch Schwierigkeiten und brauchen Unterstützung. Auch hier gilt für die Soziale Arbeit, dass man mit den Eltern den Alltag bespricht und was für sie schwierig ist und Verbesserungen zusammen mit ihnen erarbeitet. (vgl. Bundeszentrale für gesundheitli-che Aufklärung 2007, S. 7)

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Titel: Diagnose AD(H)S - Und nun?