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Soziale Diagnose und ihre Bedeutung für Alice Salomon und ihre heutige Bedeutung für die Soziale Arbeit

Hausarbeit 2010 23 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

1. Soziale Diagnose nach Alice Salomon
1.1 Begriff Soziale Diagnose
1.2 Analyse und Technik der Sozialen Diagnose
1.3 Funktion der Sozialen Diagnose

2. Soziale Diagnose heute in der Sozialen Arbeit
2.1 Begriff Soziale Diagnose
2.2 Anknüpfungspunkte an Alice Salomon
2.3 Funktion der Sozialen Diagnose

3. Fazit

4. Quellenverzeichnis

Einleitung

Das Thema der Sozialen Diagnose in der Sozialen Arbeit ist ein sehr aktuelles Thema. „Diagnose in der Sozialen Arbeit ist [...] eine ganzheitliche Methode der Problem-, Er-kenntnis-, Ressourcen- und Kompetenzerfassung, aus denen sich Lösungsstrategien ablei-ten lassen.“ (Weyrich 2007, S. 202) Heute werden Soziale Diagnosen in der Sozialen Ar-beit einerseits gefordert und andrerseits abgelehnt als unzulässige Medizinisierung. (vgl. Schrapper 2004, S. 43)

In diesem Zusammenhang möchte ich das Thema unter dem Gesichtspunkt betrachten, was Soziale Diagnose für Alice Salomon bedeutet hat, die diese geprägt hat, und was davon heute übrig geblieben ist. Das Zitat zu Beginn stellt Alice Salomons Ansicht zur Sozialen Diagnose dar. Mein Thema lautet: Soziale Diagnose und ihre Bedeutung für Alice Salomon und ihre heutige Bedeutung für die Soziale Arbeit.

Dabei werde ich im ersten Teil meiner Arbeit auf Soziale Diagnose nach Alice Salomon eingehen. Dabei werde ich erstens den Begriff Soziale Diagnose nach Alice Salomon be-trachten. Zweitens gehe ich auf ihre Analyse und Technik der Sozialen Diagnose ein. Als dritten und letzten Punkt werde ich die Funktion Sozialer Diagnose für Alice Salomon dar-stellen.

Im zweiten Teil meiner Arbeit wende ich mich dann der Sozialen Diagnose heute im Kon-text Sozialer Arbeit zu. Dabei werde ich als ersten Punkt wieder den Begriff Soziale Diag­nose klären, wie er heute verstanden wird. Zweitens gehe ich auf Anknüpfungspunkte an Alice Salomon ein. Als dritten und letzten Punkt werde ich dabei die Funktion der Sozialen Diagnose heute in der Sozialen Arbeit beschreiben.

Im dritten Teil meiner Arbeit ziehe ich mein Fazit dazu, was Soziale Diagnose für Alice Salomon bedeutet hat und was heute davon übrig geblieben ist.

Zur Vereinfachung nutze ich im gesamten Text nur die männliche Form bei Personen. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es sich aber jeweils sowohl auf männliche als auch weibliche Personen bezieht.

1. Soziale Diagnose nach Alice Salomon

Alice Salomon schrieb zwei bedeutende Bücher: „Soziale Therapie“ und „Soziale Diagno­se“. In dem Buch „Soziale Therapie“ geht es um Vernetzung und Lebensweltorientierung. (vgl. Kuhlmann 2004, S. 16) In ihrem Buch „Soziale Diagnose“ (1926) beschäftigte sie sich genauer mit dem Thema Soziale Diagnose und den Methoden der Sozialen Arbeit, die ihrer Meinung nach mehr an Bedeutung gewinnen sollten. (vgl. Salomon 1926, Vorwort) Das Buch stellt somit eine Einführung in die Formen individualisierter Fürsorge dar. Sie unterschied dabei „sachliche Aufgaben“, wie z. B. Vermittlung und „persönliche Aufga-ben“, wie z. B. Beratung. (vgl. Kuhlmann 2004, S. 16) Zu diesem Buch wurde Alice Salo­mon durch den Besuch amerikanischer Wohlfahrtsschulen und durch amerikanische Lehr-bücher der Wohlfahrtspflege inspiriert. Den Titel des Buches, sowie wesentliche Aspekte, hat sie von Mary Richmond übernommen. Außerdem stellt es eine Anlehnung an ein Buch von Karl Schweinitz und einem Vortrag von Porter Lee dar. (vgl. Salomon 1926, Vor-wort) Im Folgenden sind alle Begriffe, auf die ich mich im zweiten Teil meiner Arbeit be-ziehe, kursiv hervorgehoben.

1.1 Begriff Soziale Diagnose

Alice Salomons Begriff von Sozialer Arbeit ist immer noch aktuell. Ursachen für Notlagen sind nicht nur materieller Art und Hilfe muss daher neben Geldleistungen auch bildende Begleitung und Beratung von Klienten in Lebenskrisen enthalten. Sozialarbeiter müssen daher neben Kenntnissen auch über spezifische Fähigkeiten verfügen, wie Methoden. Me-thoden sind dabei solche, wie Ressourcenvermittlung, Hilfenetzwerkaufbau, stellvertreten-de Deutung, Vertrauensverhältnis oder Begleitung und Unterstützung. (vgl. Kuhlmann 2004, S. 14) Für Alice Salomon war eine Voraussetzung erfolgreicher Professionalisierung Sozialer Arbeit die Entwicklung spezifischer Handlungsmethoden. Dadurch wurde die teure Arbeitskraft gerechtfertigt. Die Soziale Diagnose war für sie dabei eine dieser Me-thoden der Sozialen Arbeit. (vgl. Kuhlmann 2004, S. 12; vgl. Salomon 1926, S. 6) Metho-den waren für Alice Salomon unentbehrliche Werkzeuge. Daneben sollte die Soziale Ar-beit eine emotionale Basis haben. Denn erst die kreative Handhabung dieser Werkzeuge machte für sie den Erfolg aus. (vgl. Kuhlmann 2004, S. 24) Die zentrale Perspektive ihrer Methoden ist der ganzheitliche Blick auf den Menschen. (vgl. Kuhlmann 2004, S. 16)

Alice Salomon hebt in ihrer Betrachtung zur Entwicklung der sozialen Fürsorge hervor, dass sich die Einsicht in die Ursachen der Not der Menschen entwickelt hat. Im Zusam-menhang damit hat sich die Methode der Ermittlung der individuellen Not erweitert. Das Wort Ermittlung hatte damals das Wort Recherche abgelöst. Das Wort Ermittlung wurde zur Zeit Alice Salomons als zu eng angesehen und sie sprach sich dafür aus es durch das Wort Diagnose zu ersetzen. (vgl. Salomon 1926, S. 1) Der Begriff Soziale Diagnose ent-hält nach Alice Salomon bereits eine methodische Anweisung. (vgl. Salomon 1926, S. 7)

Alice Salomon vergleicht die Arbeit eines Sozialarbeiters mit der eines Arztes. Es werden wesentliche Tatsachen und Symptome ermittelt und ihre Bedeutung bewertet. Das Ge-samtbild ergibt sich durch das Abwägen aller Ermittlungen. Daraus wird dann ein Hand-lungskonzept entworfen. (vgl. Salomon 1926, S. 2) Zur Zeit Alice Salomons haben sich die Erkenntnisse aus der Jugendfürsorge auch auf andere Gebiete der Sozialen Arbeit ausge-weitet. Man hatte erkannt, dass Probleme häufig nur ein Symptom und nicht die Krankheit selbst sind. Für Heilung wurde es wichtig, die Tatsachen dahinter zu erforschen. (vgl. Sa­lomon 1926, S. 5) Das Arbeitsgebiet der Sozialen Arbeit hatte sich erweitert, sowie die Methoden. Aus bloßer Ermittlung von Tatbeständen wirtschaftlicher oder anderer Art ent-stand die Soziale Diagnose. Diese betrachtet alle Seiten des menschlichen Lebens – wie Anlage, Entwicklung Milieu und Schicksal. So entsteht ein Gesamtbild als Ausgangspunkt für die Hilfeleistung und des Ziels von Hilfe. (vgl. Salomon 1926, S. 6)

Alice Salomon verweist auf Dr. Richard Gabot aus Bosten, dem Begründer der ersten sozi-alen Krankenhausfürsorge. Er meinte, dass für ein Gesamtbild vier Fragen nötig wären:

1. die Frage nach dem Gesundheitszustand,
2. die Frage nach dem Charakter und dem geistig moralischen Zustand,
3. die Frage nach den äußeren Verhältnissen und
4. die Frage nach den geistig seelischen Einflüssen.

Alice Salomon meint, dass ein Arzt zu dem ersten Punkt viel sagen könnte, zu Punkt zwei etwas und zu den anderen beiden Punkten wenig. Ein Sozialarbeiter muss ihrer Meinung nach aber über alle vier Punkte Kenntnis haben. Die Soziale Arbeit ist auf den ganzen Menschen eingestellt, während Ärzte einen besonderen Blick haben. Eine Zusammenarbeit ist daher empfehlenswert. (vgl. Salomon 1926, S. 5-6) Nach Alice Salomon sind Sozialar-beiter dazu verpflichtet über Handeln zu reflektieren und dieses zu bewerten. Im Vorder-grund stehen für sie die Anwendungsmöglichkeiten bzw. die Umsetzung des richtigen Handelns und nicht die genaue Beschreibung oder Analyse. Für sie ist Soziale Arbeit mit einer gewissen Berufsethik verbunden. (vgl. Kuhlmann 2004, S. 14-15)

1.2 Analyse und Technik der Sozialen Diagnose

Die Soziale Diagnose unterscheidet sich von der naturwissenschaftlichen Diagnose und von der eines Richters. Ein Sozialarbeiter muss daher seine eigenen Methoden erarbeiten. Er kann dabei aber von den anderen Wissenschaften lernen. (vgl. Salomon 1926, S. 7-8) Der Unterschied der Sozialen Arbeit zur Justiz oder Medizin ist, dass sie keinen bestimm-ten Blickwinkel hat, sondern einen ganzheitlichen Blick einnimmt. Daher ist eine Zusam-menarbeit wünschenswert. (vgl. Kuhlmann 2004, S. 16) Durch die Psychologie sind zur Zeit Alice Salomons zwei Gedanken aufgetreten: zum einen die Struktur der menschlichen Seele und zum anderen die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt. Für den Sozialarbei-ter ist die wichtigste Erkenntnis, dass er den Menschen mit seinen individuellen Unter-schieden begreift. (vgl. Salomon 1926, S. 48) Das Wesen des Menschen ist nicht nur Anla-ge. Es hat sich herausgestellt, dass eine Wechselwirkung zwischen Anlage und Umwelt besteht. Deshalb muss der Sozialarbeiter die Gesamtheit der sozialen Beziehungen des Klienten begreifen. Das Verhältnis zur Umwelt muss erfasst werden und das ganze Netz seiner Beziehungen. Dies stellt der heutige Ansatz des Person-In-Environment dar. (vgl. Salomon 1926, S. 48-49)

Alice Salomon betrieb mit ihrer Sozialen Diagnose eine ganzheitliche Fallanalyse. (vgl. Kuhlmann 2004, S. 11) Die Soziale Diagnose vollzog sich nach Alice Salomon in fünf Schritten, die anschließend dargestellt werden sollen.

Erstens ging es um Erkundigungen. Dabei meinte Alice Salomon, dass Sozialarbeiter am besten von Juristen lernen könnten aber auch von Medizinern, von denen sie die Untersu-chungsmethoden übernehmen könnten. Beim Einholen von Erkundigungen weist sie auf die gebotene Vorsicht hin, da es eine Stigmatisierung für den Klienten bedeuten kann. (vgl. Kuhlmann 2004, S. 17) Zum Material der Ermittlung gehörten alle Daten aus dem Leben des Klienten und seiner Familie. (vgl. Salomon 1926, S. 7) Neben der unmittelbaren Um-gebung wurden früher auch andere Wohlfahrtseinrichtungen, Kirche, Arzt, Schule, Nach-barn, Vermieter, Arbeitsgeber und weitere Verwandte befragt. Für die Auswahl sollte es gewisse Richtlinien geben. (vgl. Salomon 1926, S. 25) Manche Feststellungen konnten auch durch Einsicht in Dokumente gemacht werden. Dazu dienten öffentliche Register und Akten. Die Einsicht konnte notwendig sein und andere Auskünfte ergänzen. Dies wäre heute unter datenschutzrechtlichem Gesichtspunkt in dem Ausmaß nicht mehr denkbar. (vgl. Salomon 1926, S. 40) Das Material beruht auf eigenen Beobachtungen, Auskünften des Klienten oder Dritter. Die Aussagen waren der wesentlichste Teil des Materials. (vgl. Salomon 1926, S. 9) Als wichtigstes Handwerkzeug sollte dem Sozialarbeiter dabei die Skepsis dienen, da es sich jeweils nur um Hypothesen handelt, die sich als richtig oder falsch herausstellen können. Sie müssen weiter geprüft, bestätigt oder verworfen werden. Das größte Hilfsmittel stellte für sie die reflexive Kompetenz dar. (vgl. Kuhlmann 2004, S. 17; Salomon 1926, S. 12-13) Zur Ermittlung gehörte das Erstgespräch mit dem Klienten. Dies war wichtig für die gesamte Behandlung. Die Aufgabe bestand darin, Vertrauen her-zustellen und Auskunft zu erhalten, wo Auskünfte einzuholen sind und wo Hilfsmöglich-keiten zu finden sind. (vgl. Salomon 1926, S. 18) Alice Salomon war der Meinung, dass ein Sozialarbeiter einen wesentlichen Eindruck durch die Familie des Klienten erhält. Es ist für sie die ganze Familie mit allen Mitgliedern zu betrachten. Dies stellt einen systemi-schen Ansatz dar. (vgl. Salomon 1926, S. 20)

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