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Freundschaft in Friedrich Schillers "Don Karlos"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 32 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Zum Aufbau der Arbeit

2. ‚Freundschaft’ – Versuch einer Definition
2.1. ‚Freundschaft’ in der philosophischen Tradition
2.2. ‚Freundschaft’ aus soziologischer Sicht
2.3. Versuch einer Definition des Begriffs ‚Freundschaft’

3. Freundschaft im 18. Jahrhundert
3.1. Aufwertung der Freundschaft
3.2. Gesellschaftliche Voraussetzungen
3.3. Die ‚tugendempfindsame’ Freundschaft
3.4. Die gesellschaftliche Umsetzung des Freundschaftskultes
3.5. Einschränkungen

4. ‚Freundschaft’ in Schillers Don Karlos
4.1. Die Bedeutung von Freundschaften für Schiller
4.2. Das Thema ‚Freundschaft’ in Schillers Don Karlos
4.2.1. Die Darstellung der höfischen Freundschaft
4.2.2. Die Freundschaft zwischen Karlos und Posa
4.2.2.1. Das Gegenbild zur höfischen Freundschaft
4.2.2.2. Die Konkurrenz mit Verwandtschaft und Liebe
4.2.2.3. Der Vorwurf der Instrumentalisierung der Freundschaft
4.2.3. Die Freundschaft als Absolutismuskritik und Grundlage einer bürgerlich-republikanischen Utopie

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Zum Aufbau der Arbeit

Unter den Formen zwischenmenschlicher Beziehungen wird der Freundschaft auch heute noch Bedeutung zugestanden. Allerdings ist dies nicht zu vergleichen mit der Wertschätzung, die die Freundschaft in der Vergangenheit verschiedent-lich erfahren hat. Die Philosophen und Schriftsteller bestimmter Epochen haben die Freundschaft als bedeutsamste unter den zwischenmenschlichen Beziehungen hervorgehoben und ihr zum Teil sogar eine über den Bereich des Privaten weit hinaus gehende, gesellschaftskonstituierende und –stabilisierende Funktion zuer-kannt. Neben der griechischen und römischen Antike sind es vor allem die Ge-lehrten des 18. Jahrhunderts gewesen, die sich im besonderen Maße – sowohl theoretisch als auch praktisch – dem Lob und der Ausübung der Freundschaft ge-widmet haben. Der Versuch, das in der Theorie entworfene Freundschaftsmodell auf die Realität zu übertragen, führt in dieser Zeit innerhalb des gelehrten Bürger-tums zu einem regelrechten ‚Freundschaftskult’, weswegen diese Epoche im Nachhinein auch den Beinamen ‚Jahrhundert der Freundschaft’ erhalten hat.

Unter den unzähligen literarischen Werken dieser Zeit, in denen das Thema ‚Freundschaft’ Eingang gefunden hat, ist Friedrich Schillers Drama Don Karlos. Infant von Spanien (1787) sicherlich eines der berühmtesten und prägnantesten. In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich nun untersuchen, wie Freundschaft in diesem Theaterstück dargestellt wird, welche verschiedenen Freundschaftsmo-delle behandelt werden und ob darin ein Freundschaftsideal mit einer möglichen gesellschaftlichen Tragweite vermittelt wird.

Um diese Untersuchung auf angemessene Art und Weise durchführen zu können, ist es jedoch erforderlich, dass ich zuallererst auf den Begriff der Freundschaft selbst eingehe. Im ersten Teil der Hausarbeit werde ich daher versuchen, unter Einbeziehung von Positionen der philosophischen Tradition wie auch von moder-nen soziologischen Ansätzen eine Definition von Freundschaft zu erarbeiten, die die grundsätzliche Bedeutung dieses schwer eingrenzbaren Begriffes erfasst. Der nächste Schritt wird es dann sein, die spezifische Sichtweise des 18. Jahrhunderts in Bezug auf das Phänomen der Freundschaft herauszuarbeiten und die wesent-lichsten, zum Teil bis heute bei der Bewertung von Freundschaften maßgeblichen, Merkmale der Freundschaftskonzeption zu schildern, die in dieser Zeit entsteht. In diesem Zusammenhang werde ich auch auf die gesellschaftlichen Veränderungen in diesem Jahrhundert verweisen, die vor allem in Deutschland der Entwicklung des Freundschaftskultes in besonderer Weise dienlich sind. Ich werde an dieser Stelle kurz auf die weitreichenden und vielgestaltigen Auswirkungen des Freund-schaftskultes eingehen, aber auch darauf hinweisen, dass dieser keineswegs die gesamte Gesellschaft dieser Zeit erfasst hat.

Nachdem auf diese Weise der geistige Hintergrund, auf dem die Schriftsteller die-ser Zeit aufbauen können, dargelegt worden ist, werde ich mich im Hauptteil der Hausarbeit Schillers Don Karlos zuwenden. Dabei werde ich zunächst zeigen, dass Freundschaften im Leben und Werk des Autors allgemein eine sehr wichtige Rolle gespielt haben, und eventuelle Zusammenhänge mit der Konzeption des Theaterstücks andeuten. Daran wird sich dann die Analyse des Dramas im Hin-blick auf das Thema ‚Freundschaft’ anschließen. Hier werde ich zunächst erläu-tern, wie Schiller in seinem Drama die Prinzipien der am persönlichen Nutzen orientierten Freundschaft, wie sie unter den Mitgliedern des Hofes praktiziert wird, darstellt. Dieser negativ konnotierten Form der Freundschaft stellt Schiller, wie ich des Weiteren zeige werde, das im 18. Jahrhundert neuentwickelte, eng mit dem Begriff der Tugend verbundene, Freundschaftsmodell gegenüber, das exem-plarisch durch das Freundespaar Karlos und Posa vorgeführt wird. Dabei werde ich auch darauf eingehen, inwieweit man von einer Instrumentalisierung der Freundschaft durch Posa oder gar von einem Verrat an dem Freund sprechen kann, wie es in der Schillerforschung mitunter der Fall gewesen ist. Besondere Aufmerksamkeit werde ich an diesem Punkt dem Freundschaftsbeweis Posas durch seine Selbstopferung widmen. Den Abschluss des Hauptteils wird dann die Behandlung der Frage bilden, inwieweit die Freundschaft im Don Karlos auch als Grundlage einer bürgerlich-republikanischen Utopie gesehen werden kann und ob das Drama sich ohne weiteres als Kritik am Despotismus absolutistischer Herr-scher lesen lässt. Daraus werden sich dann Rückschlüsse auf Schillers Ansicht über die tatsächliche gesellschaftliche Sprengkraft des Freundschaftsideals des 18. Jahrhunderts ergeben.

2. ‚Freundschaft’ – Versuch einer Definition

2.1. ‚Freundschaft’ in der philosophischen Tradition

Im antiken Griechenland finden[1] sich in philosophischen und literarischen Texten zahlreiche Beispiele für die hohe Wertschätzung, die die Freundschaft bei den Ge-lehrten dieser Zeit genießt. Zu Zeiten Homers, im 8. Jahrhundert v. Chr., versteht man unter Freundschaft im allgemeinen noch eine Beziehung, die sich durch ge-genseitige Unterstützung auszeichnet und sich oft aus einem Verwandtschaftsver-hältnis ableitet. Daneben findet sich allerdings auch schon der Typus einer Freundschaft, die sich nicht aus der Verwandtschaft (aber auch nicht aus persönli-cher Zuneigung) ableitet, die sogenannte „heroische Freundschaft“[2]. Bei dieser archaischen Freundschaftsform werden die Freunde bei ihren alltäglichen Pflich-ten, vor allem aber im Kampf, durch Verpflichtung auf gegenseitigen Beistand eng aneinandergebunden, wobei sie aus dem Blickwinkel der Außenstehenden zu einer einzigen Person werden. Durch ihre gesellschaftskonstituierende Funktion erwirbt sich die heroische Freundschaft ein Ansehen, das das aller anderen per-sönlichen Beziehungen übertrifft.[3] Erst mit Beginn der klassischen griechischen Epoche im 5. Jahrhundert v. Chr. beginnt sich die Vorstellung von Freundschaften zu wandeln, so dass zunehmend auch Fragen nach dem Wert von Freundschaften und den Anforderungen, die ein ‚echter’ Freund erfüllen muss, gestellt werden.[4] Herausragend sind in diesem Zusammenhang besonders die Thesen von Aristote-les aus dessen Nikomachischer Ethik. Aristoteles zählt die Freundschaft zu den Grundbedürfnissen des Menschen[5] und unterscheidet zwischen drei Arten, der Sinnes-, der Nutzen- und der Tugendfreundschaft,[6] wobei er nur die letztgenannte als ‚vollkommene’ Freundschaft begreift. Diese Art der Freundschaft ist ihm zu-folge nur zwischen Menschen möglich, die sich hinsichtlich ihres guten Charak-ters gleichen.[7] Bei diesen Menschen wird der Freund zum zweiten Ich, außerdem lässt sich im anderen das eigene Ich auffinden, so dass die Freundschaft also, wie Alexandra Rapsch die aristotelische Position zusammenfasst, einen wichtigen Beitrag zur Bestätigung und Weiterentwicklung des Selbst leistet.[8] Neben dieser individuellen Bereicherung spielt die Freundschaft laut Aristoteles aber auch noch eine wichtige politische Rolle, da durch sie der Zusammenhalt der Polis gesichert sei, ja diese sich im Grunde eigentlich aus Paarbeziehungen zusammensetze.[9]

Das von Aristoteles aufgestellte Freundschaftsideal entspricht in den Hauptpunk-ten auch den Freundschaftsvorstellungen römischer Philosophen. So hebt auch Cicero hervor, dass Freunde in ihrer Denkweise vollkommen übereinstimmen müssen. Nur zwischen Personen mit einem ähnlichen guten Charakter hält er eine ‚wahre’ und ‚vollkommene’ Freundschaft für möglich.[10] Aus diesem Grund sei es auch notwendig, Freunde sorgfältig auszuwählen und zu erproben.[11] Ciceros An-sicht nach ist die Freundschaft Verwandtschaftsverhältnissen überlegen, weil die-se im Vergleich zu jener nicht frei wählbar seien. Außerdem könne die Freund-schaft nicht ohne Sympathie bestehen, was ihr eine größere Festigkeit verleihe.[12] Cicero geht sogar über Aristoteles hinaus, indem er im Freund nicht nur ein zwei-tes Ich, sondern vielmehr eine bessere Version von einem selbst sieht.[13] Konform mit Aristoteles zeigt sich Cicero dagegen in seiner Betonung des Erziehungscha-rakters der Freundschaft: Der Freund hat die Aufgabe, auf den anderen im positi-ven Sinne einzuwirken, hierbei ist auch Kritik und Tadel erlaubt.[14] Ein markanter Unterschied zwischen den Theorien von Aristoteles und Cicero zeigt sich letzt-endlich nur bei der Beurteilung der Relevanz von Freundschaftsverhältnissen für die Gesellschaft. Aristoteles schreibt der Freundschaft wie erwähnt eine bedeuten-de gesellschaftskonstituierende Rolle zu, während sich ein ähnlicher Gedanke in den Überlegungen des römischen Philosophen nicht findet.

Die antiken Freundschaftsdefinitionen verlieren an Bedeutung, als sich das Chris-tentum mehr und mehr durchsetzt, das ‚Freundschaft’ weitestgehend mit der christlichen Liebe gleichsetzt. Erst im Humanismus kommt es zu einer neuer-lichen Beschäftigung mit der antiken Philosophie und so ist es nicht verwunder-lich, dass ein weiteres, auch für spätere Zeiten maßgebliches Freundschaftsideal, das ich hier noch darstellen möchte, aus dieser geistesgeschichtlichen Epoche stammt. Aufgestellt wird es von Michel de Montaigne, der in seinem Essay De l’amitié die Ansicht vertritt, dass die Freundschaft das Maximum an Selbstver-wirklichung darstelle.[15] Auch bei ihm erscheint der Freund als zweites Ich.[16] Im übrigen unterscheidet Montaigne ähnlich wie Aristoteles und Cicero zwischen einer ‚alltäglichen’ und einer ‚wahren’ Freundschaft. Die letztere biete die Mög-lichkeit des vollkommen offenen Meinungsaustauschs ebenso wie die des freund-schaftlichen Tadels.[17] Außerdem beruhe sie auf einer freiwilligen Entscheidung, die zwischen geistig Gleichen getroffen worden sei, weswegen diese Art der Freundschaft größeren Wert besitze als nachbarliche oder verwandtschaftliche Be-ziehungen. Auch der Liebe sei die wahre Freundschaft vorzuziehen, da es sich bei dieser um ein wesentlich beständigeres und anspruchsvolleres Verhältnis hande-le.[18] Im Unterschied zu dieser vollkommenen Form der Freundschaft, bei der die Freunde gleichsam miteinander verschmelzen, ist die alltägliche Freundschaft, wie Montaigne sie begreift, eine wesentlich nüchternere Art des menschlichen Umgangs. Die Alltagsfreundschaft entsteht durch Zufall, wird aus Bequemlichkeit aufrechterhalten und erlaubt einen gewissen Gedankenaustausch, keineswegs aber ein Ineinanderaufgehen wie die seltene wahre Freundschaft. Zudem ist laut Mon-taigne ein gewisser Grad von Misstrauen bei der alltäglichen Freundschaft stets angebracht.[19]

Bis ins 18. Jahrhundert hinein bleibt Montaignes Freundschaftsideal ohne großen Nachklang, dann aber haben seine Theorien Anteil an der Entstehung des Freundschaftskultes. Auf diese Freundschaftsvorstellung, auf deren Entstehungs-bedingungen wie Auswirkungen, werde ich weiter unten noch eingehen. Zunächst aber werde ich das Phänomen ‚Freundschaft’ auch noch von einer anderen wis-senschaftlichen Sichtweise aus betrachten, die weniger ideologisch ist als die Phi-losophie, nämlich aus der der Soziologie.

2.2. ‚Freundschaft’ aus soziologischer Sicht

Wenn ‚Freundschaft’ als Thema für die Soziologie interessant ist, dann weil man ihr einen positiven Einfluss bei der Bildung der Gesellschaft sowie bei der indivi-duellen Identitätsfindung und –sicherung zuschreibt.[20] Zwar spielt die Freund-schaft nicht in den Überlegungen aller Soziologen eine prominente Rolle, doch finden sich seit den Anfängen dieser wissenschaftlichen Disziplin in den Schriften ihrer wichtigsten Vertreter immer wieder Belege dafür, dass sie in der Freund-schaft einen für ihr Fach relevanten Gegenstand sehen. Der Aufklärer und Vorläu-fer der modernen Soziologie Claude-Adrien Helvétius beispielsweise macht in seinem Werk De l’esprit (1758) deutlich, dass Freundschaft immer aus einem Be-dürfnis heraus entsteht, wobei alle Motive, die zur Freundschaft führen, von ihm als erlaubt und gleichwertig angesehen werden. Das heißt, dass schwächere Charaktere bei ihrem Freund eher Hilfe und Rat suchen, während dominantere Charaktere in erster Linie solcher Freunde bedürfen, die sich ihrem Willen unter-ordnen. Kein Freundschaftsbedürfnis besitzen demnach nur Menschen, die gleich-gültig, selbstgenügsam oder vollkommen unabhängig von allen anderen sind.[21]

Unter den weiteren soziologischen Stellungnahmen zur Freundschaft möchte ich nur noch die des Mitbegründers der Soziologie als wissenschaftlicher Disziplin, Georg Simmel, herausgreifen. Dieser sieht Freundschaft ganz im antiken Sinne als „absolute, seelische Vertrautheit“[22], die noch eher als die leidenschaftlichere und ungleichmäßigere Liebe in der Lage ist, die Menschen untereinander zu verbin-den. Aufgrund der zunehmend differenzierteren Gesellschaft neige der moderne Mensch aber möglicherweise eher zu „differenzierten Freundschaften“[23], die nur noch einen Teil der Persönlichkeit berühren, also zum Beispiel aufgrund einer Gemeinsamkeit der Empfindungen oder des Geistes zu Stande kommen.[24]

Diesen frühen soziologischen Ausführungen sind nur noch einige heutige Er-kenntnisse hinzuzufügen, die die bleibende Bedeutung der Freundschaft belegen. So lässt sich nach Ansicht von Rapsch konstatieren, dass die Liebe zwar heute höher eingeschätzt wird als die Freundschaft, diese sich aber gegenwärtig wieder zu emanzipieren beginnt.[25] Und Ursula Nötzoldt-Linden stellt fest, dass es zwar keinen Zwang zur Freundschaft gibt, der Verlust eines Freundes aber unter Um-ständen als „Statusverlust“ angesehen werden kann.[26] Dass es sich bei dem Ver-langen nach Freundschaft um ein Grundbedürfnis des Menschen handelt, wird schließlich auch durch die Erkenntnisse des Sozialpsychologen Igor S. Kon bestä-tigt, der außerdem nochmals darauf hinweist, dass Freundschaften aus unter-schiedlichen Motiven heraus entstehen können.[27]

2.3. Versuch einer Definition des Begriffs ‚Freundschaft’

Der Begriff ‚Freundschaft’ ist trotz oder vielmehr gerade wegen der Vielzahl an vorhandenen Ansätzen schwer zu definieren, worauf beispielsweise auch Nötzoldt-Linden aufmerksam macht: „Die Heterogenität der Definitionen ver-weist auf den Facettenreichtum dieses Phänomens aber auch auf die Willkür der Definitionsstrategien.“[28] Diese Schwierigkeiten, den Begriff adäquat zu erfassen, haben mehrere Ursachen. So ist der Freundschaftsbegriff an sich, wie Kon darlegt, nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv vieldeutig, indem er sowohl eine sozia-le Institution als auch ein bestimmtes Gefühl der Verbundenheit oder eine be-stimmte Form zwischenmenschlicher Beziehungen meinen kann.[29] Hinzu kommt, dass die Freundschaft als soziales Phänomen durch den Wandel der Gesellschaft beeinflusst wird und je nach Kultur unterschiedliche Ausformungen annehmen und unterschiedliche Deutungen erfahren kann.[30] Trotz dieser Schwierigkeiten aber fallen einige immer wieder genannte Eigenschaften, die Freundschaften zu-geschrieben werden, auf, mit deren Hilfe sich eine für die Zwecke dieser Arbeit ausreichende allgemeine Freundschaftsdefinition erarbeiten lässt. So besteht ein allgemeiner Konsens darüber, dass es sich bei der Freundschaft um ein zwischen-menschliches Verhältnis handelt, das aufgrund einer freiwilligen, individuellen Wahl entsteht und, solange ein Bedürfnis nach ihr besteht, aufrecht erhalten wird. Die Freundschaft gehört zu den menschlichen Grundbedürfnissen und wird in al-ler Regel zwischen Personen getroffen, die sich zumindest hinsichtlich eines Teils ihrer Persönlichkeit gleichen. Zu den wichtigen Bestandteilen dieser Art der menschlichen Beziehung gehört es, dem Freund durch Lob und ehrlichen Tadel bei der Herausbildung und Absicherung von dessen Identität zu helfen; daher er-fordert eine funktionierende Freundschaft neben der geistigen Verwandtschaft auch Offenheit, Vertrauen und persönliche Zuneigung. Zu guter Letzt lässt sich noch sagen, dass die Bedeutung, die der Freundschaft als spezielles zwischen-menschliches Verhältnis zukommt, in starkem Maße von der Gesellschaft ab-hängt, in der sie entsteht. So kommt der Freundschaft Rapsch zufolge häufig eine „Kompensationsfunktion“[31] zu. Ihrer Ansicht nach wird die Freundschaft für die individuelle Identitätskonsolidierung umso wichtiger, je weniger die Gesellschaft dazu beiträgt.[32]

Ausgehend von diesen Aussagen, die die Freundschaft im allgemeinen betreffen, werde ich nun im nächsten Schritt darlegen, welche Vorstellungen im 18. Jahr-hundert mit dieser Form der menschlichen Beziehung verbunden worden sind und welche Folgen sich daraus für die Gesellschaft ergeben haben.

3. Freundschaft im 18. Jahrhundert

3.1. Aufwertung der Freundschaft

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kommt es, wie in Antike und Humanismus, zu einer philosophischen Aufwertung der Freundschaft. So betrachtet sie Christian Thomasius als „natürliche, vernünftige Neigung“, die ein „Mittel zur Erlangung höchster Glückseligkeit“[33] sei, und als grundsätzliche Voraussetzung für Moral. Zugleich findet sich bei ihm aber auch noch die Warnung vor allzu blindem Vertrauen.[34] Etwa zur gleichen Zeit liefert auch das Werk des englischen Philo-sophen Shaftesbury einen wichtigen Impuls für die Freundschaftsauffassung, die für das Jahrhundert prägend wird. Bei ihm findet sich erstmals der Gedanke, dass die Freundschaft mit der allgemeinen Menschenliebe zusammenhängt und die Liebe zur Menschheit in der persönlichen Freundschaft offenkundig werde.[35] Hie-raus wird Shaftesburys Überzeugung deutlich, dass Zweierbeziehungen auch in der Lage sind, einen positiven Einfluss auf die gesamte Gesellschaft zu haben.

Die Deutung der Freundschaft als Ausdrucksform einer „vernünftigen und morali-schen Grundhaltung“[36], als „Pflicht gegen die Gesellschaft“, behält für die folgen-de Zeit der Aufklärung durchgängig Gültigkeit. Der für das 17. Jahrhundert cha-rakteristischen, auch im 18. Jahrhundert noch weiter existierenden höfischen Freundschaft, die allein auf den persönlichen Nutzen ausgerichtet ist, wird die neue Vorstellung einer ‚vernünftig-aufgeklärten’ Freundschaft „als neuer Leitwert bürgerlicher Sozialität“[37] entgegengehalten. Die Freundschaft wird somit im 18. Jahrhundert, wie Meyer-Krentler ausführt, zum „Inbegriff politisch-sozialen Selbstverständnisses des aufgeklärten Bürgers“[38], wobei die private und die öffentliche Seite der Freundschaft eng miteinander verknüpft werden. Aus dieser neuentstandenen Freundschaftsidee entwickelt sich bis zur Mitte des Jahrhunderts ein Modell, das auf gegenseitiger Erfüllung der Individualität ausgerichtet ist, und an dem sich bis heute alle Freundesbeziehungen, vergangene wie gegenwärtige, messen lassen müssen.[39]

[...]


[1] Es ist für den gesamten folgenden Teil zu beachten, dass es Philosophen bei ihren Ausführungen zum Thema ‚Freundschaft’ in der Regel um Idealvorstellungen und nicht um eine Abbildung realer gesellschaftlicher Verhältnisse geht. In diesem Sinne sind die dargestellten philosophischen Positionen zu verstehen.

[2] Friedrich H. Tenbruck: Freundschaft. Ein Beitrag zu einer Soziologie der persönlichen Beziehun-gen. – In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 16 (1964), S. 442.

[3] Vgl. Ursula Nötzoldt-Linden: Freundschaft. Zur Thematisierung einer vernachlässigten soziolo-gischen Kategorie. Opladen: Westdeutscher Verlag 1994 (Studien zur Sozialwissenschaft. 140), S. 34f.

[4] Vgl. Nötzoldt-Linden: Freundschaft, S. 36.

[5] Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik. Stuttgart: Reclam 1969 (bibliographisch ergänzte Aufla-ge 1983), S. 213.

[6] Vgl. ebd., S. 215-217.

[7] Vgl. ebd., S. 217-220.

[8] Vgl. Alexandra Rapsch: Soziologie der Freundschaft. Historische und gesellschaftliche Bedeu-tung von Homer bis heute. Stuttgart: ibidem-Verlag 2004, S. 28.

[9] Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik, S. 213f.

[10] Vgl. Cicero: Laelius über die Freundschaft. – In: Cicero: Werke in drei Bänden: Dritter Band. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag 1989 (Bibliothek der Antike), S. 131f.

[11] Vgl. ebd., S. 154.

[12] Vgl. ebd., S. 132.

[13] Vgl. ebd., S. 134.

[14] Vgl. ebd., S. 157-159.

[15] Vgl. Michel de Montaigne: Das XXVII. Hauptstück. Von der Freundschaft. – In: Montaigne: Essais [Versuche] nebst des Verfassers Leben nach der Ausgabe von Pierre Coste ins Deutsche übersetzt von Johann Daniel Tietz. Erster Theil. Zürich: Diogenes 1992, S. 323f.

[16] Vgl. ebd., S. 332.

[17] Vgl. ebd., S. 331-336.

[18] Vgl. ebd., S. 324-328.

[19] Vgl. ebd., S. 336f.

[20] Vgl. etwa Rapsch: Soziologie der Freundschaft, S. 14.

[21] Vgl. Claude-Adrien Helvétius: Von der Freundschaft. – In: Helvétius: Vom Geist. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag 1973, S. 315-320.

[22] Georg Simmel: Psychologie der Diskretion [Vortrag]. – In: Simmel: Gesamtausgabe Band 8. Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908. Band II. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1993, S. 83.

[23] Georg Simmel: Psychologie der Diskretion. – In: Simmel: Gesamtausgabe Bd. 8, 1993, S. 112.

[24] Vgl. ebd.

[25] Vgl. Rapsch: Soziologie der Freundschaft, S. 11.

[26] Vgl. Nötzoldt-Linden: Freundschaft, S. 145.

[27] Vgl. Igor Semenovoc Kon: Geschichte und Sozialpsychologie der Freundschaft als soziale Insti-tution und individuelle Beziehung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1979, S. 176.

[28] Nötzoldt-Linden: Freundschaft, S. 26.

[29] Vgl. Kon: Geschichte und Sozialpsychologie, S. 9.

[30] Vgl. Nötzoldt-Linden: Freundschaft, S. 26.

[31] Rapsch: Soziologie der Freundschaft, S. 106.

[32] Vgl. ebd.

[33] Müller, A[rmin], A[ugust] Nitschke, Ch[rista] Seidel: Freundschaft. – In: Historisches Wörter-buch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter. Völlig neubearbeitete Ausgabe des ‚Wörterbuchs der philosophischen Begriffe’ von Rudolf Eisler. Bd. 2: D-F. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. Basel: Schwabe & Co 1972, Sp. 1109 [hier: Seidel].

[34] Vgl. Christian Thomasius: Kurzer Entwurf der politischen Klugheit [...]. Frankfurt und Leipzig: Gross 1710. Neudruck Frankfurt a.M.: Athenäum 1971 (Athenäum Reprints), S. 157.

[35] Vgl. Anthony [Ashley Cooper, Third] Earl of Shaftesbury: Der gesellige Enthusiast. Philosophi-sche Essays. Hrsg. von Karl-Heinz Schwabe. München: Beck 1990 (Bibliothek des 18. Jahrhun-derts), S. 80.

[36] Seidel: Freundschaft, Sp. 1109. Auch das folgende Zitat findet sich dort.

[37] Helga Brandes: Freundschaft. – In: Lexikon der Aufklärung. Deutschland und Europa. Hrsg. von Werner Schneiders. München: Beck 1995, S. 140.

[38] Eckhardt Meyer-Krentler: Der Bürger als Freund. Ein sozialethisches Programm und seine Kri-tik in der neueren deutschen Erzählliteratur. München: Wilhelm Fink Verlag 1984, S. 20.

[39] Vgl. Tenbruck: Freundschaft, S. 437.

Details

Seiten
32
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640583256
ISBN (Buch)
9783656206149
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v147736
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für deutsche Sprache und Literatur I
Note
1,0
Schlagworte
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Titel: Freundschaft in Friedrich Schillers "Don Karlos"