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Schulische Gesundheitsförderung und Prävention

Grundlegende Betrachtung über Entwicklungen im deutschen Gesundheitssystem

Bachelorarbeit 2006 98 Seiten

Gesundheit - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Einleitung

Kapitel I: Begriffsbestimmungen
1 Gesundheit
1.1 Gesundheitsziele
2 Gesundheitsförderung
2.1 Historische Entwicklungen der Gesundheitsförderung
2.1.1 Entwicklung in Deutschland
2.2 Definierung der Gesundheitsförderung
2.3 Ansätze und Modelle der Gesundheitsförderung
3 Prävention
4 Gesundheitserziehung und Gesundheitsaufklärung

Kapitel II: Gesundheitssystem in Deutschland
1 Historische Entwicklung des deutschen Gesundheitssystems
2 Grundstrukturen und Basisdaten des deutschen Gesundheitssystems
2.1 Grundmerkmale des deutschen Gesundheitssystems
2.2 Basisdaten des deutschen Gesundheitssystems
3 Gesundheitspolitik in Deutschland

Kapitel III: Gesundheit von Kindern und Jugendlichen
1 Demographische Basisdaten
2 Rahmenbedingungen für die Gesundheit von Kindern
und Jugendlichen
3 Gesundheitsstatus von Kindern und Jugendlichen
4 Gesundheitsverhalten und -gefährdungen von Kindern
und Jugendlichen
4.1 Konsum von Tabak
4.2 Konsum von Alkohol
4.3 Essstörungen
4.4 Gebrauch illegaler Drogen

Kapitel IV: Schulische Gesundheitsförderung und Prävention
1 Institution Schule
2 Schulische Gesundheitsförderung
2.1 Gesundheitsfördernde Schule
3 Anschub.de
3.1 Modul „Bewegungsfreudige Schule“
3.2 Die gute gesunde Schule
4 OPUS
5 Zusammenfassung

Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Vier Paradigmen oderichtweisen der Gesundheitsförderung,

Quelle: Naidoo, J. & Wills, J. 2003,

Abbildung 2: Themen und Ziele der Gesundheitserziehung,

Quelle: BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003,. 71

Abbildung 3: Klassifikationsraster für den internationalen Vergleich von Gesundheitssystemen,

Quelle: Simon, M. 2005,

Abbildung 4: Grundstruktur des deutschen Gesundheitssystems,

Quelle: Simon, M. 2005,

Abbildung 5: Bedingungsgefüge der Alkoholabhängigkeit,

Quelle: DHS: Alkoholabhängigkeit 2003,

Abbildung 6: Vier Handlungsfelderchulischer Gesundheitsförderung,

Quelle: BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003,

Abbildung 7: Die gute gesundechule,

Quelle: Bertelsmanntiftung Anschub.de: Positionspapier. Url: http://www.anschub.de/cps /rde/xbcr/SID-0A000F0A 4CF1A4B5/anschub/positionspapier_ anschub_de.pdf (Stand. 20.08.2005)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Verteilung derchularten imchuljahr 2004/05,

Quelle:tatistisches Bundesamt: Url: http://www.destatis.de/basis/d/ biwiku/schultab1.phb (Stand: 13.04.2006)

Einleitung

„Seit mittlerweile fast drei Jahrzehnten ist in der Bundesrepublik Deutschland die Entwicklung der Ausgaben für das Gesundheitswesen immer wieder Thema öffentlicher Debatten und teilweise auch scharfer Kritik.“(Simon, M. 2005, S. 85)

Das Gesundheitswesen ist volkswirtschaftlich jedoch von großer Bedeutung.

Bezogen auf das Jahr 2000 beliefen sich die Gesundheitsausgaben auf 10,6% des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP weist in reichen Ländern eine steigende Tendenz auf. Die Gesundheitsausgaben werden beinahe in allen reichen Ländern überwiegend öffentlich d.h. aus Steuermitteln oder Sozialversicherungsbeiträgen finanziert. (vgl. Rosenbrock, R., Gerlinger, Th. 2004, S. 53ff)

Grundsätzlich soll das öffentliche Gesundheitswesen staatliche Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit dienen, wie die Förderung von Gesundheit und Vitalität, der Schutz vor infektiösen und nichtinfektiösen Krankheiten sowie Verletzungen, der Organisation und Bereitstellung von Einrichtungen zur Diagnose und Therapie und auch der Rehabilitation von Kranken und Behinderten.

„Wir haben in Deutschland das drittteuerste Gesundheitssystem der Welt nach den USA und der Schweiz.“(BMGS: Ratgeber zur gesetzlichen Krankenversicherung 2005, S. 13)

Die Pro-Kopf-Ausgaben für die Gesundheitsversorgung liegen in Deutschland im Durchschnitt 30% höher als in den anderen OECD (Organization for Economic Cooperation and Development) Staaten. Bisherige Reformen haben nur kurzfristige positive finanzielle Effekte gebracht und keine längerfristige Stabilisierung.

Reformen sind notwendig, da die mittlere Lebenserwartung der Bevölkerungen in den Industrieländern wie nie zuvor gestiegen ist und sich das Krankheitsspektrum in den industrialisierten Ländern der Welt erheblich gewandelt hat. Früher herrschten vor allem Infektionskrankheiten vor, heute hingegen überwiegen chronisch-degenerative Erkrankungen.

In der Literatur, in den Massenmedien und der Politik wird von Kostenexplosion gesprochen und dass wir uns in einer Phase der Kostendämpfungspolitik befinden.

Nicht umsonst haben in den letzten 15 Jahren die Gesundheitsförderung und Prävention einen so enormen Aufschwung erhalten. Ebenso ist das individuelle und gesellschaftliche Interesse an Gesundheit, Gesundheitswesen und Gesundheitspolitik beträchtlich gewachsen. (vgl. Rosenbrock, R., Gerlinger, Th. 2004, S. 11)

Weiterhin ist festzuhalten, dass gesundheitliche Störungen und gesundheitsschädigende Verhaltensweisen besonders im Kindes- und Jugendalter zugenommen haben. So beliefen sich die Krankheitskosten im Jahr 2002 für Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren auf insgesamt 12,5 Mrd. Euro (5,6% der gesamten Krankheitskosten). Dabei spielten vor allem Krankheiten des Atmungssystems sowie psychische und Verhaltensstörungen eine große Rolle. Auf sie entfiel fast jeder dritte Euro (28,8%), der in dieser Altersgruppe für die Behandlung von Krankheiten aufgewendet wurde. (vgl. Statistisches Bundesamt 2004, S. 5) Folglich sieht die Gesundheitspolitik Kinder und Jugendliche als Zielgruppe, welche es zu schützen gilt: „Die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen steht zunehmend im Blickpunkt der gesundheitspolitischen Diskussion.“ (RKI: Gesundheit von Kindern und Jugendlichen 2004, S. 11)

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, einen grundlegenden Überblick über Entwicklungen des gesundheitsfördernden und präventiven Gedankens im deutschen Gesundheits-system zu geben, mit besonderem Augenmerk auf die schulische Gesundheitsförderung und Prävention. Auf einzelne Aktivitäten, Maßnahmen etc. in den Schulen bezüglich der Gesundheitsförderung gehe ich nicht weiter ein, da es zahlreiche Materialen (Bücher, Informationshefte, Broschüren, Audiovisuelle Medien usw.) mit Beispielen, Anleitungen, Anregungen und Leitfäden gibt.

Zu Beginn (Kapitel I) werden gesundheitsrelevante Begriffe geklärt, die dem grundsätzlichen Verständnis dienen sollen. Das zweite Kapitel gibt einen Überblick über das deutsche Gesundheitssystem, deren historische Entwicklung, Grundstrukturen, Grundmerkmale und Basisdaten, bevor im dritten Kapitel näher auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen eingegangen wird. Das dritte und vierte Kapitel bilden den Hauptteil meiner Arbeit. Es wird die derzeitige gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen näher spezifiziert. Im vierten Kapitel wird die Institution Schule vorgestellt, zumal die Schule schon länger als ein zentrales Setting der Gesundheitsförderung gesehen wird. Es werden die schulische Gesundheitsförderung, die gesundheitsfördernde Schule und einige Projekte näher dargelegt.

Wie das Thema meiner Bachelorarbeit „Schulische Gesundheitsförderung und Prävention“ verdeutlicht, benutze ich beide Begrifflichkeiten, auch wenn in der Literatur häufig nur von schulischer Gesundheitsförderung die Rede ist. Ebenso wichtig ist mir der Untertitel, konkret heißt das, dass deutsche Gesundheitssystem mit in meine Betrachtungen einzubeziehen, um mehr Transparenz über jenes aufzuzeigen. Abschließend reflektiere ich meine Ausführungen in einem Fazit.

Kapitel I: Begriffsbestimmungen

Im ersten Kapitel werde ich zum grundsätzlichen Verständnis die gesundheitsrelevanten Begriffe näher vorstellen, insbesondere die Gesundheitsförderung und welche Begrifflichkeiten mit jener im Zusammenhang zu sehen sind.

1 Gesundheit

Gesundheit ist ein Grundrecht und Zweck unseres Gesundheitssystems ist es diese zu bewahren, zu verbessern und wiederherzustellen, wie Paragraph 1 des Sozial-gesetzbuches verdeutlicht:

§ 1 Aufgaben des Sozialgesetzbuches. (1) das Recht des Sozialgesetzbuchs soll zur Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit und sozialer Sicherheit Sozialleistungen einschließlich sozialer und erzieherischer Hilfen gestalten. Es soll dazu beitragen,

ein menschenwürdiges Dasein zu sichern,

gleiche Vorraussetzungen für die freie Entfaltung der Persönlichkeit, insbesondere auch für junge Menschen zu schaffen,

die Familie zu schützen und zu fördern,

den Erwerb des Lebensunterhalts durch eine frei gewählte Tätigkeit zu ermöglichen und

besondere Belastungen des Lebens, auch durch Hilfe zur Selbsthilfe, abzuwenden oder auszugleichen. (Sozialgesetzbuch 2004, S. 3)

Frühe Versuche Gesundheit zu definieren bzw. zu klassifizieren sind fast alle von einer Opposition zum Begriff „Krankheit“ ausgegangen. Das Verhältnis von Gesundheit und Krankheit wurde dabei nicht systematisch bestimmt. In frühen wissenschaftlichen Theorien wurde Gesundheit beispielsweise als Idealzustand betrachtet, als persönliche Stärke, als Leistungsfähigkeit oder sogar als Gebrauchsgut. Gesundheit wurde immer als Abwesenheit von Krankheit verstanden. (vgl. zusammenfassend BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003, S. 52)

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definierte Gesundheit wie folgt und löste damit die rein biomedizinische Sichtweise ab:

„Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen.“

(WHO 1946)

In den Gesundheitswissenschaften wird die alte Wortwahl der WHO – Definition umgangen, d.h. die Formulierung des Zustandes eines vollständigen Wohlbefindens. Die WHO – Definition wurde oft kritisiert und mit einem utopisch-dogmatischen Charakter beschrieben, da solche absoluten Zustände nicht zu erreichen sind. So wäre der Definition zufolge ein Großteil der Bevölkerung krank und zwar all jene die durch normale Alterserscheinungen in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt sind. (vgl. BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003, S. 53; BZgA: Was erhält den Menschen gesund? 2001, S. 15)

Grundsätzlich hat Gesundheit für Menschen jeweils eine individuell unterschiedliche Bedeutung, zumal Gesundheit ein allgemeiner Begriff ist und die Bandbreite von Bedeutungen sehr mannigfaltig ist. Ebenso sind die Vorstellungen und Ansätze von Gesundheit von Mensch zu Mensch verschieden, wobei die Grundeinstellung der Menschen eine wichtige Rolle spielt, welche das Gesundheitshandeln jener beeinflussen kann. Diese werden als so genannte „Laienkonzepte“ der Gesundheit bezeichnet. Heutzutage hat sich weitgehend eine Definition von Gesundheit durchgesetzt, die zum einen das Freisein von Krankheiten umfasst, welche die physische und psychische Leistungsfähigkeit beeinträchtigen und zum anderen das jeweilige Alter und das damit verbundene durchschnittliche Leistungsniveau berücksichtigt. Das englische Wort für Gesundheit ist „health“ und leitet sich von dem altenglischen Wort für heilen „heal“ ab, was vollständig bedeutet. (vgl. Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 5f)

Ein einheitliches Verständnis von Gesundheit gibt es bislang noch nicht, jedoch ein zunehmendes Interesse der Bevölkerung an dieser Thematik, wie folgende Zitate zeigen:

„Gesundheit ist zu einem Leitbegriff der heraufziehenden neuen Epochen der Medizin geworden. Gesundheit ist ein Grundwert und rechtfertigt beinahe alles, was ihrem Namen getan und gefordert wird.“(Schwartz, F.W. et al. 1998, S.9)

„Gesundheit ist zu einem Grundwert und einem Leitbegriff in unserer entwickelten Industriegesellschaft geworden.“(Schwartz, F.W. et al. 2003, S. 24)

„Die Konzepte von Gesundheit und Krankheit variieren nach Lebensalter, Geschlecht, aber auch sozioökonomischer Lage und soziokulturell – religiöser Orientierung.“

(Schwartz, F.W. et al. 2003, S. 25)

Nach Naidoo, J. & Wills, J. (2003) wird das Verständnis von Gesundheit gekennzeichnet als:

- Biomedizinisch – Gesundheit wird als Eigenschaft allen biologischen Lebens gesehen.
- Reduktionistisch – Zustände des Lebens, wie Gesundheit und Krankheit, lassen sich auf immer kleinere Bausteine des menschlichen Körpers reduzieren.
- Mechanistisch – begreift und behandelt den Körper, als wäre der Körper eine Maschine.
- Allopathisch – arbeitet durch ein System von Gegensätzen. Stimmt etwas mit dem Körper nicht, dann besteht die Behandlung darin, eine Gegenkraft zur Korrektur der Krankheit anzuwenden, wie z.B. pharmakologische Substanzen, welche die Krankheit bekämpfen.
- Pathogenetisch – konzentriert sich darauf, warum die Menschen krank werden.

(Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 9f)

Hurrelmann, K. (2000) hat die Grundvorstellungen von zentralen wissenschaftlichen Theorien abgefragt, um theoretische Modelle für einen umfassenden Gesundheitsbegriff abzuleiten. Es werden Lern- und Persönlichkeitstheorien, Stress- und Bewältigungs-theorien, Sozialisationstheorien, Interaktions- und Sozialstrukturtheorien sowie Public – Health - Theorien unterschieden. Aus diesen können vier interdisziplinär tragfähige Leitvorstellungen von Gesundheit und Krankheit herausgearbeitet werden:

- Die Leitvorstellung von Gesundheit als gelungener und Krankheit als nicht gelungener Bewältigung von inneren und äußeren Anforderungen.
- Die Leitvorstellung von Gesundheit als Gleichgewicht und Krankheit als Ungleichgewicht von Risiko- und Schutzfaktoren auf der körperlichen, psychischen und sozialen Ebene.
- Die Leitvorstellung von „relativer“ Gesundheit und „relativer“ Krankheit nach objektiven und subjektiven Kriterien.
- Die Leitvorstellung von Gesundheit und Krankheit als Reaktion auf gesellschaftliche Gegebenheiten.

(BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003, S. 53)

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Gesundheit kein eindeutig definierbares Konstrukt ist und immer mehrdimensional und komplex gesehen werden muss, sowie im sozioökonomischen, ökologischen, religiösen, ethnischen und historischen Kontext.

1.1 Gesundheitsziele

„Gesundheitsziele sind vereinbarte Ziele, die in einem festgelegten Zeitraum zu erreichen sind.“(BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003, S. 126)

Grundsätzlich können Gesundheitsziele für einen definierten Bereich oder für bestimmte Bevölkerungsgruppen ausgerichtet sein. So dienen Gesundheitsziele der Priorisierung von bestimmten Gesundheitsproblemen und Gesundheitsrisiken, sowie gesundheitsbezogenen Belangen der Bevölkerung. (vgl. BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003, S. 126)

Gesundheitsziele sollen:

- Durch Priorisierung den politischen Diskurs über die Weiterentwicklung von Gesundheitsförderung, Prävention, Kuration und Rehabilitation vorantreiben.
- Für Gesundheit zur Verfügung stehende finanzielle Mittel problemangemessen lenken.
- Neue Impulse für Management und Leistungserbringung vor Ort setzen.

Der Erfolg von Gesundheitsziele-Programmen ist derzeit als begrenzt zu bewerten, da eine angemessene Beteiligung und Einbindung der Öffentlichkeit und der unmittelbaren Leistungserbringer versäumt wurde. (vgl. BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003, S. 126f)

Demnach sollten erfolgreiche Gesundheitsziele-Programme sich orientieren an:

- Auswahl von Gesundheitszielen müssen sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen und gesellschaftlichen Konsensentscheidungen orientieren
- Zielsetzungsprozesse müssen transparent und nachvollziehbar sein
- Gesundheitsziele müssen konkret sein
- Bei der Definition und Umsetzung von Gesundheitszielen müssen Bürger(innen), Patienten(innen) etc. miteingebunden werden
- Gesundheitsziele müssen multi-sektoral Grenzen der Versorgung überbrücken und Zuständigkeiten koordinieren
- Gesundheitsziele erfordern eine Koordinierung
- Gesundheitsziele müssen für alle Beteiligten nachvollziehbar sein und auf die Zielerreichung überprüft werden

(vgl. BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003, S. 127)

Auch außerhalb von Deutschland wurden Gesundheitsziele in anderen OECD-Ländern entwickelt. Seit dem Jahr 2000 werden auf Bundesebene Gesundheitsziele definiert.

Die Ursprünge der Gesundheitsziele-Programme reichen 25 Jahre zurück. Ein Gesundheitsziel-Programm ist „Gesundheit für alle im 21. Jahrhundert–Gesundheit 21“ (vgl. Anhang 1).

2 Gesundheitsförderung

„Gesundheitsförderung setzt an den Schutzfaktoren (auch: Ressourcen) an und will diese fördern (Beispiele: Lebenskompetenzprogramme, die das Selbstwertgefühl und die Problemlösekompetenzen von Kindern steigern sollen). Sie hat das Ziel, die Gesundheit und das Wohlbefinden zu steigern. Das zugrunde liegende Modell ist das Salutogenesemodell.“(Altgeld, Th. & Kolip, P. In Hurrelmann, K. et al. 2004, S. 41f)

Das Konzept der Salutogenese wurde von dem Medizinsoziologen Aaron Antonovsky (1923-1994) entwickelt. Er beschäftigte sich ausgiebig mit der Fragestellung was den Menschen trotz potentiell gesundheitsgefährdender Einflüsse gesund erhält oder Menschen trotz extremer Belastungen nicht krank werden. Antonovsky geht in seiner Beschreibung über die salutogenetische Orientierung davon aus, dass Menschen sich in einem Kontinuum zwischen den Polen Gesundheit und Krankheit bewegen, den Zustand der völligen Gesundheit oder Krankheit aber nie erreichen.

(vgl. Antonovsky 1997, S. 22ff; BZgA: Was erhält Menschen gesund? 2001, S. 24ff)

Grundsätzlich verfolgt Gesundheitsförderung das Ziel Ressourcen der Bevölkerung zu stärken, um die Gesundheit zu verbessern. Individuen sollen befähigt werden, ihre Gesundheitschancen zu erhöhen, indem sie dazu befähigt werden. Des Weiteren sollen die ökonomischen, sozialen und ökologischen Rahmenbedingungen verbessert werden.

(vgl. Altgeld, Th. & Kolip, P. In Hurrelmann, K. et al. 2004, S. 42)

So sind mit dem Terminus „Gesundheitsförderung“ eine Reihe von Maßnahmen verbunden, wie zum Beispiel:

- Förderung gesunder Lebensweisen.
- Verbesserung des Zugangs zu Gesundheitsdiensten und der Beteiligung der Menschen an den Entscheidungen, die ihre Gesundheit betreffen.
- Förderung einer gesunden physischen und sozialen Umwelt, die es den Menschen erleichtert sich gesünder zu verhalten.
- Aufklärung der Menschen über die Funktionsweise und Gesundherhaltung ihres Körpers.

(Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 71)

2.1 Historische Entwicklungen der Gesundheitsförderung

“Der Begriff der Gesundheitsförderung wird für die Bezeichnung sehr unterschiedlicher Aktivitäten und Maßnahmen verwandt und häufig ohne eine Klärung dessen, was damit genau gemeint ist.” (Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 71)

Zunächst wurde der Begriff „Gesundheitsförderung“ in sehr unterschiedlicher Art und Weise benutzt. Das Arbeitsfeld der Gesundheitsförderung galt als durcheinander, schlecht formuliert und ohne klare Philosophie. Unterschiedliche Auffassungen spiegeln sich in den Anfängen der Gesundheitsförderung wieder:

- „Geschicktes Verkaufen von Gesundheit.“(Williams 1984)
- „Versuche Individuen zu überreden, zu verleiten oder anderweitig zu beeinflussen damit sie ihre Lebensweisen ändern.“(Gott & O´Brien 1990)
- „Jede Kombination von erzieherischen und damit verbundenen gesetzlichen, ökonomischen, sozialen und organisatorischen Maßnahmen zur Erreichung von mehr Gesundheit und zur Vermeidung von Krankheiten.“(Tones 1990)
- „Eine Strategie und Philosophie der Gesundheitsversorgung, die das Bewusstsein über die Vielfalt der Einflussfaktoren auf die Gesundheit widerspiegelt und die Menschen dazu ermutigt, ihre Entscheidungen darüber selbständig und frei zu treffen.“(Wilson Barnett 1993)

(Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 71f)

Das Gebiet der Gesundheitsförderung ist weit reichend und bedeutet in einem gewissen Sinne die Wiederentdeckung uralter Konzepte. Schon ca. 3000 vor Christi Geburt gab es in Städten auf dem Indischen Subkontinent hygienische Einrichtungen wie Kanalisationen und Badeanstalten. Wichtige gesundheitsfördernde Maßnahmen wurden in tägliche Aktivitäten eingebunden, z.B. persönliche Hygiene, Gesundheitserziehung, Gymnastik, Regeln sozialen Verhaltens, Regeln zur persönlichen Lebensführung, Ernährungsanleitungen, Lebensmittel- und Umwelthygiene sowie die Behandlung leichter Erkrankungen und Verletzungen. Im antiken Rom und Griechenland wurde die Tradition der Gesundheitsvorsorge ebenfalls intensiv gepflegt. Dies hatte Auswirkungen bis in die Neuzeit, aber im 20. Jahrhundert wurden die großen Fortschritte in der Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten als wichtiger erachtet. Erst in den letzten Jahrzehnten entstand erneutes Interesse an gesundheitsfördernden Maßnahmen.

(vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie 2005, Stichwort: Öffentliches Gesundheitswesen)

Die Anfänge der Gesundheitsförderung nach unserem heutigen Verständnis entstanden im 19. Jahrhundert, als zahlreiche Epidemien überfüllte Industriestädte dazu zwangen sanitäre Reformen durchzuführen. Aus der Bewegung der Öffentlichen Gesundheit entstand die Idee der gesundheitlichen Aufklärung. In Großbritannien wurden Medizinalbeamte ernannt, welche Gesundheitsratschläge über übertragbare Krankheiten erteilten. Die Heilsarmee organisierte Massenveranstaltungen für Jugendliche in den Schulen und Kirchen über das Thema der Enthaltsamkeit. In den 20er Jahren (des letzten Jahrhunderts) war die Gesundheitsförderung verbunden mit den Themen wie Durchfall, Spucken, Kot und Geschlechtskrankheiten. (vgl. zusammenfassend Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 72)

Sich ändernde Morbiditäts- und Mortalitätsstrukturen lenkten die Aufmerksamkeit von den Krankheiten auf die Verhaltensweisen des Einzelnen. 1927 wurde in Groß-britannien ein „Zentralrat für Gesundheitserziehung“ gegründet. Die Betonung des Zentralrates lag auf der Gesundheitsaufklärung, um die Gewohnheiten und Verhaltensweisen der Menschen zu ändern. Dies tat der Zentralrat in dem er sich mit Massenaufklärungen und Belehrungen bezüglich der Gesundheitserziehung befasste. (vgl. Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 72f) 1968 wurde das „Health Education Council“ (HEC) gegründet. Das HEC orientierte sich an dem vorherrschenden medizinischen Modell der Gesundheit. Auftrag des HEC war es in der Öffentlichkeit ein positives Klima für das Anliegen der Gesundheitserziehung zu schaffen, generelle Aufklärungs-programme zu entwickeln und Schwerpunktthemen auszuwählen. Ähnliche Ein-richtungen wurden auch in Wales, Schottland und Nordirland gegründet. In den 70er Jahren wurde deutlich, dass sich die Gesundheitspolitik nicht allein auf die medizinische Versorgung beschränken darf, zumal diese sehr kostenintensiv sind.

Um Kosten einzusparen wurde die Möglichkeit der Krankheitsprävention und Gesundheitserziehung gesehen. (vgl. Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 73f)

Die WHO spielte eine wichtige Rolle zur Erweiterung der Aufgaben der Gesundheitsförderung und nahm bei der Etablierung der Gesundheitsförderung eine Schlüsselposition ein. Sie stellte 5 Kernelemente der Gesundheitsförderung heraus:

1. Gesundheitsförderung umfasst die gesamte Bevölkerung in ihren alltäglichen Lebenszusammenhängen und nicht nur die Menschen mit einem spezifischen Krankheitsrisiko.
2. Aktivitäten der Gesundheitsförderung zielen auf die Ursachen und Rahmenbedingungen der Gesundheit, um zu gewährleisten, dass die gesamte Umwelt der Menschen der Gesundheit förderlich ist, auch die, auf die der Einzelne keinen direkten Einfluss hat.
3. Gesundheitsförderung verbindet unterschiedliche, aber einander ergänzende Methoden oder Ansätze. Dazu gehören die Kommunikation, Erziehung, Gesetzgebung, steuerrechtliche Maßnahmen, Veränderungen von Organisationen, Kommunalentwicklung und Gemeindewesenarbeit sowie spontane lokale Aktionen gegen Gesundheitsgefährdungen.
4. Gesundheitsförderung zielt auf die aktive Mitwirkung der Bevölkerung, unterstützt die Selbsthilfebewegung und fördert die Kompetenzen der Menschen, damit sie auf die Gesundheit ihrer unmittelbaren Umgebung mehr Einfluss nehmen können.
5. Gesundheitsförderung ist nicht nur eine Aufgabe für die im Gesundheits- und Sozialbereich Tätigen, sondern eine für alle gesellschaftlichen Bereiche relevante Aufgabe. Dennoch fällt den Gesundheitsberufen, insbesondere den in der primären Gesundheitsversorgung Tätigen, eine besonders wichtige Rolle bei der Unterstützung und Ermöglichung der Gesundheitsförderung zu.

(Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 76)

2.1.1 Entwicklung in Deutschland

In Deutschland wurde die Gesundheitsförderung seit Mitte der 1980er Jahre durch Programme und Konzepte der WHO beeinflusst. Die Bundesrepublik Deutschland unterstützt seither auch die Ottawa Charta zur Gesundheitsförderung (1986). Die Entwicklung der Gesundheitsförderung in Deutschland ist geprägt durch die föderale Gliederung mit der vorrangigen Länderverantwortung für Gesundheits- und Gesundheitsförderungspolitik, sowie durch das stark gegliederte, plurale Gesundheitssystem mit einer Vielzahl von Akteuren, Strukturen, Finanzierungen und Interessen. Die Einflussmöglichkeiten und Steuerungsmöglichkeiten der Bundesgesundheitspolitik bestehen für den Bereich der Gesundheitsförderung vorwiegend in der Sozialgesetzgebung, insbesondere über die Soziale Krankenversicherung. (vgl. BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003, S. 96)

Mit dem Gesundheitsreformgesetz von 1989 mit dem § 20 SGB V wurde ein Meilenstein der Gesundheitsförderung gesetzlich verankert, welcher im Jahre 2000 erweitert wurde. Der Bund hat des Weiteren Steuerungsmöglichkeiten über die Förderung von Forschung und Entwicklung. „Gesundheitsförderungspolitik wurde und wird vom Bund auch über die Finanzierung von Modellprojekten, von einschlägigen Kongressen, Tagungen und Diskussionsrunden über die Beauftragung zu Gutachten und Berichten gemacht.“(BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003, S. 96)

Die Abstimmungen der Länder untereinander zu gesundheitlichen Fragen erfolgt über Gesundheitsministerkonferenz (GMK). In den einzelnen Bundesländern wird die Gesundheitsförderung über die zuständigen Sozial- und Gesundheitsministerien gesteuert. Auf der kommunalen Ebene sind Städte und Gemeinden schon seit den 1980er Jahren aktiv, z.B. mit „Gesunde Städte-Projekt“. Im Bereich der Bildung wird der „Setting-Ansatz“ in Schulen, Hochschulen, Volkshochschulen und anderen Einrichtungen der Erwachsenenbildung umgesetzt. In der Arbeitswelt hat sich die „Betriebliche Gesundheitsförderung“ etabliert. Seit einigen Jahren erlangt die Gesundheitsinformation, -beratung und –bildung für Patienten/Innen immer größere Aufmerksamkeit. Die Zielgruppen der Gesundheitsförderung innerhalb und außerhalb von Settings orientieren sich immer mehr an Kinder und Jugendliche. (vgl. BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003, S. 96f)

Im Dezember 2000 wurde das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) eine „Allianz für Gesundheitsförderung in Deutschland“ gegründet. Weiterhin wurde 2001 ein „Runder Tisch Gesundheit“ durch die Gesundheitsministerin eingerichtet. Im Juli 2002 wurde das „Deutsche Forum Prävention und Gesundheitsförderung“ in Berlin gegründet, mit einer gemeinsamen Erklärung von Verbänden, Institutionen, Behörden, Körperschaften und Einrichtungen. Prävention und Gesundheitsförderung sollen zur „4 Säule“ der Gesundheitsversorgungskette ausgebaut werden. (vgl. BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003, S. 102f)

2.2 Definierung der Gesundheitsförderung

Die unterschiedlichen Vorstellungen über Gesundheit spiegeln sich auch in den Auffassungen wieder was Gesundheitsförderung eigentlich ist bzw. was darunter verstanden wird. Im Laufe der Zeit vollzog sich ein Wandel von sanitären Maßnahmen der Öffentlichen Gesundheit im 19. Jahrhundert, über individuellem Verhalten ausgerichtete Gesundheitserziehung, bis zu Interventionen im gesamten Bereich der Gesellschaft und Umwelt Ende des 20. Jahrhunderts. Durch die vorherrschende Dominanz des medizinischen Modells von Gesundheit wurde die Gesundheitsförderung oft nur als Krankheitsprävention gesehen. (vgl. Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 77)

Die Begriffe Gesundheitsförderung und Prävention werden im politischen, praktischen und wissenschaftlichen Sprachgebrauch oft synonym gebraucht. Das Verhältnis zueinander ist oftmals unklar und bis Dato gibt es keine Einigung über die spezifischen Gegenstandsbereiche und Zielsetzungen der Gesundheitsförderung. Es gibt keine scharfe Abgrenzung zwischen Gesundheitsförderung und Krankheitsverhütung.

„Waller hat vorgeschlagen, Gesundheitsförderung und Prävention als die beiden grundlegenden Strategien zur Verbesserung bzw. Erhaltung der Gesundheit zu verstehen, wobei sich Gesundheitsförderung auf die Erhaltung und Stärkung von Gesundheitsressourcen und Prävention auf die Reduzierung und Vermeidung bezieht.“

(BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003, S. 105)

Ebenso werden die Begriffe Gesundheitserziehung, Gesundheitsaufklärung und Gesundheitsförderung häufig synonym benutzt, obwohl die Gesundheitsförderung durchaus als Oberbegriff verstanden werden kann. Tones (1990) erklärt Gesundheitsförderung wie folgt: „Gesundheitsförderung umfasst alle Maßnahmen, die bewusst auf die Förderung der Gesundheit und die Bewältigung von Krankheiten angelegt sind … Ein Hauptmerkmal der Gesundheitsförderung ist zweifelsohne die „Gesundheitsfördernde Gesamtpolitik“ mit ihren Möglichkeiten durch gesetzgeberische, steuerrechtliche, ökonomische und andere Formen der Veränderung der physischen und sozialen Umwelt einen gesellschaftlichen Wandel herbeiführen.“(Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 81) In der Praxis wird die Gesundheitsförderung verhaltensorientiert oder verhältnisorientiert charakterisiert. Die Weltgesundheitsorganisation hat 1986 in der Ottawa Charta Gesundheitsförderung wie folgt definiert:

„Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. sie verändern können.“

So wurden 1986 in der Ottawa Charta 5 Handlungsfelder der Gesundheitsförderung formuliert:

1. Die Entwicklung einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik.
2. Die Schaffung unterstützender Umwelten für Gesundheit.
3. Die Entwicklung der Kompetenzen des Einzelnen im Umgang mit Gesundheit und Krankheit, wozu auch die Informations- und Bewältigungsstrategien gehören.
4. Die Stärkung gesundheitsbezogener Gemeinschaftsaktionen, wozu auch die soziale Unterstützung und Netzwerkbildung gehören.
5. Neuorientierung der Gesundheitsdienste über die medizinisch-kurativen Betreuungsleistungen hinaus und Verbesserung des Zugangs zu den Gesundheitsdiensten.

(Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 76f)

Die Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung gilt als Kristallisationspunkt für ein neues Gesundheitsverständnis und als Startsignal für Gesundheitsförderungsstrategien auf internatonaler und nationaler Ebene. (vgl. Altgeld, Th. & Kolip, P. In Hurrelmann, K. et al. 2004, S. 43) Grundsätzlich ist Gesundheitsförderung als ein integrativer Ansatz zur Feststellung und Durchsetzung gesundheitlicher Aufgaben zu verstehen, demzufolge gibt es auch keine Grenzen für die Gesundheitsförderung.

2.3 Ansätze und Modelle der Gesundheitsförderung

„Der Settingansatz stellt die wichtigste Umsetzungsstrategie der Gesundheitsförderung dar.“(Altgeld, Th. & Kolip, P. In Hurrelmann, K. et al. 2004, S. 45)

Der Setting-Ansatz meint die Ausrichtung an alltäglichen Lebensbereichen, wie in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Freizeit etc. etc.

Durch die unterschiedlichen Sichtweisen von Gesundheit, so gibt es auch verschiedene Ansätze in der Gesundheitsförderung:

- Medizinischer, präventiver Ansatz
- Ansatz der Verhaltensänderung
- Ansatz der Gesundheitsaufklärung
- Ansatz des Empowerments
- Ansatz der sozialen und politischen Veränderung

(vgl. Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 89)

Es geht darum Krankheiten zu vermeiden bzw. verhindern, Menschen ausreichend zu informieren und Fähigkeiten zu vermitteln, dass sie sich selbst zu gesundheitsgerechtem Handeln befähigen, aber auch in der Politik Veränderungen zu erreichen, um Menschen bessere Lebensbedingungen zu ermöglichen. Alle Modelle der Gesundheitsförderung versuchen in einem gewissen Maß die Wirklichkeit wieder abzubilden. Eine theoretische Modellvorstellung kann zum Denken anregen und zur Suche nach neuen Methoden der Gesundheitsförderung anregen. (vgl. zusammenfassend Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 100f) Im Folgenden werden Modelle der Gesundheitsförderung vorgestellt, welche einen soziologischen und sozialpolitischen Hintergrund haben und auf einem struktur-analytischen Ansatz basieren.

Caplan &Holland (1990)

Dieses Modell geht von 4 Sichtweisen der Gesundheitsförderung aus.

Abbildung 1: Vier Paradigmen oder Sichtweisen der Gesundheitsförderung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Jedes dieser 4 Segmente stellt einen Grundsatz des Verständnisses von Gesundheit und in der Praxis der Gesundheitsförderung dar. Jedes Segment enthält unterschiedliche theoretische und weltanschauliche Sichtweisen über die Gesellschaft, Gesundheit und Hauptursachen der Gesundheitsprobleme. Der Nutzen des Modells liegt darin, dass es in der Praxis der Gesundheitsförderung als Ergebnis grundlegender gesellschaftlicher Konflikte und Werte darstellt. (vgl. Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 102f)

Beattie (1991)

Beattie behauptet, dass es vier Paradigmen der Gesundheitsförderung gibt. Ein großer Teil der Gesundheitsförderung wird von Experten geleitet, in Form von Beratung und Informationen. Das Modell (siehe Anhang 2) von Beattie richtet sich in erster Linie an Interventionen, vom Einzelnen bis hin zur Gesellschaft und deren gesellschaftlichen Ursachen für Krankheiten. Beattie entwickelte vier Strategien der Gesundheitsförderung:

1. Informationen und Aufklärung
2. Gesetzliche Aktivitäten
3. Persönliche Beratung
4. Gemeinwesenarbeit

(vgl. Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 103)

“Beattie´s Modell ist für Gesundheitsförderer/Innen insofern nützlich, da es einen klaren Entscheidungsrahmen für die Auswahl einer Interventionsstrategie bietet und zugleich daran erinnert, dass es letztlich immer auch eine gesellschaftspolitische Entscheidung ist, welche Strategie man auswählt.” (Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 105)

Tannahill (Downie et al. 1996)

Dieses Modell (siehe Anhang 3) findet bei Tätigen im Gesundheitswesen Anerkennung. Tannahill spricht von drei sich überschneidenden Interventionsbereichen: Gesundheitsaufklärung und Gesundheitserziehung, Gesundheitsschutz und Prävention.

Gesundheitserziehung und Gesundheitsaufklärung:

Kommunikation zur Förderung des Wohlbefindens und zur Vermeidung von Erkrankungen durch die Beeinflussung des Wissens und der Einstellungen der Menschen. Prävention: Reduzierung oder Vermeidung der Krankheits- und Erkrankungsrisiken, vor allem durch medizinische Interventionen.

Gesundheitsschutz: Schutz der Gesundheit der Bevölkerung durch gesetzgebende, steuer- oder sozialpolitische Maßnahmen. (Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 105)

Das Modell von Tannahill beschreibt in erster Linie was in der Praxis passiert.

Weiterhin geht das Modell davon aus, dass alle Ansätze miteinander verknüpft sind.

Tones (Tones & Tilford 1994)

Das Modell (siehe Anhang 4) von Tones will den Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung ihrer Gesundheit zu ermöglichen. Im Mittelpunkt steht das Empowerment als grundlegender Wert. Er stellt eine Gleichung auf, bei der die Gesundheitsförderung der Prozess der gesundheitsfördernden Gesamtpolitik multipliziert mit der Gesundheitsaufklärung bzw. Gesundheitserziehung ist. (Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 106) Für Tones ist die Gesundheitserziehung und Gesundheitsaufklärung der Schlüssel zum Empowerment der Laien wie auch der Gesundheitsberufe. Sie befähigt Menschen gesundheitsrelevante Entscheidungen zu treffen und damit Einfluss auf eine gesundheitsfördernde Gesamtpolitik auszuüben. In dem Modell von Tones ist das Empowerment das Hauptziel der Gesundheitsförderung.

3 Prävention

„Unter Prävention versteht man die Verhütung von Krankheiten durch Ausschaltung von Krankheitsursachen, Früherkennung und Frühbehandlung oder durch die Vermeidung des Fortschreitens einer bestehenden Krankheit.“(BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003, S. 179)

Prävention leitet sich von dem lateinischen Wort „praevenire“ ab und bedeutet soviel wie zuvorkommen und verhüten. Anders als die Gesundheitsförderung versucht die Prävention eine gesundheitliche Schädigung durch gezielte Aktivitäten zu verhindern und weniger wahrscheinlicher zu machen. Grundsätzlich werden die primäre, sekundäre und tertiäre Prävention unterschieden. (vgl. BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003, S. 179; Schwartz, F.W. et al. 2003, S. 189)

Primäre Prävention: heißt Krankheitsverhütung, wenn noch keine Krankheit aufgetreten ist. Sie umfasst alle spezifischen Aktivitäten vor Eintritt einer fassbaren biologischen Schädigung zur Vermeidung auslösender oder vorhandener Teilursachen.

Mit anderen Worten umfasst die Primärprävention die Förderung der Gesundheit und die Verhütung von Krankheit durch Beseitigung ursächlicher Faktoren.

(vgl. BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003, S. 179; Schwartz, F.W. et al. 2003, S. 189)

Sekundäre Prävention: heißt Krankheitsfrüherkennung, um Krankheiten möglichst früh zu erkennen, bevor erste Symptome bzw. Beschwerden auftreten. Zentral ist die Förderung nach gesichertem Zusatznutzen der Frühbehandlung (durch Gesundheitschecks, Vorsorgeuntersuchungen, Früherkennungsmaßnahmen) gegenüber einer später einsetzenden Normalbehandlung. Die Früherkennungsuntersuchungen werden als „Screenings“ bezeichnet. (vgl. BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003, S. 179; Schwartz, F.W. et al. 2003, S. 189)

Tertiäre Prävention: heißt Verhütung bzw. Verhinderung der Krankheits-verschlechterung. Sie richtet vor allem an Patienten bei denen bereits eine Krankheit ausgebrochen ist. Ziel ist hier die Milderung von Beschwerden und die Abmilderung von Folgeschäden. (vgl. BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003, S. 179)

Des Weiteren werden drei Ansätze in der Prävention unterschieden:

1. Medizinische Prävention
2. Verhaltensprävention
3. Verhältnisprävention

„Präventionsmaßnahmen können sich ferner sowohl auf das Verhalten von Individuen und Gruppen (Verhaltensprävention) als auch auf Veränderungen der biologischen, sozialen oder technischen Umwelt (Verhältnisprävention, Gesundheitsschutz) beziehen.“(Schwartz, F.W. et al. 2003, S. 191)

Verhaltensprävention:

„Verhaltensprävention versucht individuelles (Risiko) Verhalten wie Rauchen oder Bewegungsarmut zu verändern oder Personen zu motivieren, medizinisch-technologische Interventionen wie Impfungen oder Früherkennungsverfahren in Anspruch zu nehmen.“(Leppin, A. In Hurrelmann, K. et al. 2004, S. 36)

Ein klassisches Beispiel für verhaltenspräventive Maßnahmen sind z.B. Fernsehspots zur AIDS-Aufklärung. Weiterhin über die Förderung des Nichtrauchens, körperlicher Aktivität, eine cholesterinarme Ernährung etc. etc.

Verhältnisprävention:

Bei der Verhältnisprävention hingegen geht es darum, ökologische, soziale, ökonomische oder kulturelle Umweltbedingungen zu ändern und somit Einfluss auf die Entstehung und Entwicklung von Krankheiten zu nehmen. (vgl. Leppin, A. In Hurrelmann, K. et al. 2004, S. 36) Verhältnisbezogene Maßnahmen setzen somit auf Veränderungen in der Umwelt von Individuen. Beispiele hierfür sind: eine flächendeckende Fluoridierung des Trinkwassers, ergonomische Maßnahmen an Arbeitsplätzen, Einführung von Salatbars in Kantinen von Betrieben etc. Gesundheitsförderung gilt im Kontext des Setting-Ansatzes eher als verhältnisorientiert. (vgl. Leppin, A. In Hurrelmann, K. et al. 2004, S. 36)

Folglich lassen sich die Übergänge zur Gesundheitsförderung bei der Verhältnisprävention finden. Ein Beispiel hierfür ist die Kampagne: „Kinder stark machen“ (Kampagne der Suchtprävention).

4 Gesundheitserziehung und Gesundheitsaufklärung

Gesundheitserziehung und Gesundheitsaufklärung werden häufig synonym benutzt und der primären, sekundären oder tertiären Prävention von Krankheit zugeordnet.

(vgl. Naidoo, J. & Wills, J. 2003, S. 78; BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003, S. 55) Der Terminus Gesundheitserziehung (health education) löste am Ende der 1950er Jahre in Deutschland die Begriffe hygienische bzw. gesundheitliche Volksbelehrung ab. Die WHO definierte Gesundheitserziehung als: „Gesamtheit der wissenschaftlich begründeten Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen, die über die Beeinflussung des individuellen und kollektiven Verhaltens des Menschen zur Förderung, Erhaltung und Wiederherstellung seiner Gesundheit beiträgt, in ihm die Verantwortung für seine eigene Gesundheit festigt und ihn befähigt, aktiv an der Gestaltung der natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt teilzunehmen.“(BZgA: Leitbegriffe der Gesundheitsförderung 2003, S. 71) Der Handlungsbereich der Gesundheitserziehung war und ist die Vorbeugung von Gefährdungen und Krankheiten. Vorrangig zielt die Gesundheitserziehung auf Verhaltensprävention bei einzelnen Menschen und ausgewählten Bevölkerungsgruppen ab, mit Hilfe von personal- und massenkommunikativen Maßnahmen. Traditionell stehen Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt. Die folgende Abbildung zeigt Themen und Ziele der Gesundheitserziehung.

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Details

Seiten
98
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640584789
ISBN (Buch)
9783640584598
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v147564
Institution / Hochschule
Hochschule Neubrandenburg
Note
1,3
Schlagworte
Schulische Gesundheitsförderung und Prävention Gesundheitsförderung Prävention Gesundheitspolitik Schule Gesundheitssystem

Autor

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Titel: Schulische Gesundheitsförderung und Prävention