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Astronomie in Kindergarten, Hort und Grundschule

Fachbuch 2010 58 Seiten

Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung

Leseprobe

Einleitung

Die Sonne lehrt alle Lebewesen die Sehnsucht nach dem Licht. Doch es ist die Nacht, die uns alle zu den Sternen erhebt.

Khalil Gibran, Sämtliche Werke

Wer schon einmal in klaren Sommernächten den Sternenhimmel beobachtet oder wer in kalten Winternächten unter dem funkelnden Firmament ausgehalten hat, wird wissen, wie schön der Himmel ist. Geheimnisvoll leuchten uns die Sterne entgegen und wir stehen staunend da, manchmal sogar sprachlos angesichts dieser Schönheit.

Zu besonderen Anlässen, zum Beispiel bei Sonnenfinsternissen, kann man Tausende Menschen beobachten, die ihren Blick zum Himmel richten.

Diese besonderen Momente sind aber keineswegs nur uns Erwachsenen vorbehalten, sondern sollten vielmehr gerade Kindern zugänglich gemacht werden.

Es gibt soviel zu entdecken, nicht nur am nächtlichen Himmelszelt, auch tagsüber locken verschieden Objekte.

Dieses Buch möchte einen Einblick in die faszinierende Welt der Amateurastronomie mit Kindern geben, möchte Wege aufzeigen, verschiedene astronomische Themen kindgerecht anzugehen.

Vor allem aber möchte es Begeisterung wecken. Begeisterung für die wunderschöne, oft geheimnisvolle, lehrreiche und spannende Welt der Sterne.

Im Verlauf der Arbeit mit Kindern werden viele Fragen auftauchen, die ein breites Spektrum an Fachgebieten berühren;

- Warum nimmt der Mond ab und zu und wie beeinflusst er die Gezeiten?
- Wie entstanden die Mondkrater?
- Wie funktioniert eine Sonnenfinsternis?
- Wie sehen unsere Nachbarplaneten aus? Gibt es Leben auf ihnen?
- Aus wie vielen Planeten besteht unser Sonnensystem?
- Was sind Sternschnuppen? Was Kometen?
- Wodurch werden die verschiedenen Jahreszeiten verursacht?
- Welche Sternenbilder gibt es und woran erkennt man sie?
- Wie lassen sich astronomische Beobachtungen in der Einrichtung durchführen?
- Und viele weitere Fragen

Astronomische Arbeit im Kindergarten und Hort ist dabei schwerlich als Einzelangebot durchführbar, sondern sollte vielmehr kontinuierlich als Projekt angeboten werden. Zum einen liegt das an der Breite der Themen, zum anderen daran, dass sich während der Arbeit weitere Fragen ergeben werden. Es wird sicher spannend sein, diesen dann im Rahmen weiterer Angebote nachzugehen.

Durch meine Arbeit mit Kindern zu diesem Thema habe ich erfahren, wie so manches Mal von geplanten Angeboten abgesehen werden musste, weil es für den Moment viel lohnender war, einer Fragestellung nachzugehen, die sich für die Kinder aus vorherigen Angeboten ergab. So wird man sicher feststellen, dass astronomische Projekte in Kindergarten, Hort oder Grundschule zu einem Selbstläufer werden und sich immer weitere interessante Fragen finden.

Die Astronomie ist glücklicherweise kein Gebiet, das nur einer Handvoll studierter Fachleute zugänglich ist. Vielmehr ist es so, dass es eine große Amateurgemeinde in der ganzen Welt gibt, die untereinander Informationen, Bilder und Tipps austauscht. Oftmals werden neue Objekte, seien es Kometen oder Sterne, von Amateuren entdeckt.

Die Wissenschaft ist somit auf diese begeisterten Astrofreunde angewiesen. Gut, wenn die Begeisterung für dieses spannende Hobby so früh wie möglich geweckt wird. Kindergarten und Hort sind in einer ganz besonderen Weise gefordert. Zum einen steht hier ein Themenfeld an, das umfangreicher und manchmal auch komplizierter kaum sein könnte. Es wird immer wieder eine Herausforderung sein, die Inhalte kindgerecht aufzubereiten.

Zum anderen ist die Beobachtungszeit ein entscheidender Faktor.

Ich werde im Verlauf dieses Buches aufzeigen, das Astronomie keineswegs ein „dunkles“ Hobbie ist, eines, das nur des Nachts stattfindet. Viele Projekte, Aktivitäten und Beobachtungen können innerhalb der regulären Einrichtungsöffnungszeiten durchgeführt. Ein ganz besonderer Reiz aber ist die Beobachtungsnacht oder der Beobachtungsabend mit Kindern. Hier gibt es sicher viele Möglichkeiten, im Rahmen der Projektarbeit solche Abende oder Nächte zu organisieren. Ich werde im Laufe dieses Buches wieder darauf zurückkommen.

Will man ernsthafte Beobachtungen in der Einrichtung ermöglichen wird früher oder später der Wunsch aufkommen, ein eigenes Fernglas oder Teleskop zu erstehen. Hier gibt es ein beinahe unüberschaubares Angebot an verschiedenen Modellen, Größen, Preisen und Klassen. Auch das dazugehörige Zubehör ist so vielfältig, dass eine vollständige Aufzählung den Rahmen dieses Buch sprengen würde. Ich werde daher eine in der Praxis bewährte Grundausrüstung vorstellen, die sich dann optional mit der Zeit ergänzen und aufrüsten lässt.

Um erste Ziele am Tag - und Nachthimmel ansteuern zu können, wird sich ein Teil dieses Buches mit unserem Sonnensystem sowie mit weiter entfernt liegenden Sternen beschäftigen. Die Sternenbilder werden uns dabei als erste Orientierung dienen.

Weiter werde ich kreative Umsetzungs – und Dokumentationsmöglichkeiten vorstellen und Sie werden sehen, dass der Phantasie kaum Grenzen gesetzt sind.

Von der Zeichnung zum Photo, von Knete zu Fingerfarben und Modellen gibt es beinahe unzählige Möglichkeiten.

Ebenfalls werde ich einen Überblick über für Kinder geeignete Medien geben, um astronomische Themen zu vertiefen.

Dabei ist auch hier zu beachten, dass dieser Überblick die breite Fülle an Publikationen allenfalls anschneiden kann und keineswegs vollständig ist.

An Voraussetzungen müssen Sie als Pädagogen nur ein wenig Neugierde und Begeisterung mitbringen. Fachwissen ist nicht erforderlich, die Fragen, die im Laufe der Arbeit aufkommen, werden Sie zusammen mit den Kindern beantworten.

Natürlich ist es von Vorteil, sich vorher thematisch zu informieren, deswegen stelle ich ebenfalls Medien vor, die sich an ein erwachsenes Publikum ohne (oder mit wenig) Vorwissen richten.

Nicht alle Angebote in der Einrichtung werden geplant ablaufen, vieles wird sich relativ spontan aus der Situation heraus entwicklen, daher ist es ratsam, sich ein wenig in das jeweilige Thema eingelesen zu haben.

Nun wünsche ich Ihnen viel Spaß bei der Umsetzung, bei der Reise zu den Sternen!

Kapitel 1. Warum überhaupt Astronomie in Kindergarten, im Hort und in der Grundschule?

„Die Welt begann mit dem (…) Urknall. Es kann natürlich kein Knall gewesen sein, ohne eine Atmosphäre, die die Schallwellen leitet und ohne Ohren. Es war etwas anderes, dass sich in der absoluten Stille vollzog. Es war das Große Licht.“

Lewis Thomas, Late night thoughts on listening to Mahler`s Ninth Symphony, 1983

Vor 13, 7 Milliarden Jahren begann etwas Unglaubliches. Etwas Großes, noch nie dagewesenes. Etwas, dass so geheimnisvoll ist, dass unsere größten Wissenschaftler, unsere ausgefeilteste Technik und selbst der genialste menschliche Verstand an eine Mauer stoßen.

Es war Startschuss von Raum und Zeit, von all dem, was ist. Es war auch die Geburtsstunde unserer Welt, unserer Geschichte, jeden Lebens, von Ihnen und von mir. Niemand von uns wäre heute hier und würde genau das tun, was wir gerade tun, hätte es nicht diesen einen Moment vor Milliarden Jahren gegeben.

In den kurzen Momenten nach dem Urknall wurde der Grundstein für alles gelegt was ist, was war und was werden wird. Vorher war nichts, und danach alles. Aus einem absoluten Nichts wurde nicht nur eine, sondern Milliarden von Welten geschaffen, wurden Sonnensysteme, Nebel, aber auch Atome, Quarks und das, was die wissenschaftlicher „negative Materie“ nennen, in die Existenz „geworfen“. Ich sage geworfen, weil die explosionsartige Ausbreitung von Masse, Energie und Material etwas schwungvolles hat, etwas bewegtes, dynamisches.

Ich habe Eingangs geschrieben, dieser Vorgang wäre noch nie dagewesen. Sicher wissen aber können wir das natürlich nicht.

Der Physiker Marcus Chown beschreibt in seinem Buch „Das Universum und das ewige Leben“ die Möglichkeit, dass es vor diesem Urknall unendlich viele andere gegeben haben könnte. Da die Zeit erst (unmittelbar) nach dem Urknall begonnen hat, so wie auch sämtliche Naturgesetze erst danach zu wirken begannen, ist es unmöglich zu sagen, was davor war. Wer kann wissen, was vor der Zeit gewesen ist? So ist es natürlich möglich, dass der Urknall viele Male vorkam, dass viele, ja unzählige, Universen entstanden, Welten sich bildeten, es sogar Leben gab. Wir werden es nie erfahren.

Puh, ganz schön kompliziert, oder?

Sicher ist: Dieses Universum ist real. Die Argumente, die für einen Urknall sprechen, sind beinahe unwiderlegbar. Wenn Sie es nicht glauben, schalten Sie einfach Ihren Fernseher ein. Suchen Sie einen Kanal, der frei ist und auf dem es „schneit“, auf dem also schwarze und weiße Punkte herum wimmeln. Ein Prozent von diesem Gewimmel sind Überreste der Strahlung, die beim Urknall entstand.

Seitdem ist alles in Bewegung, das Universum bereitet sich offensichtlich aus. Erkennbar ist dies unter anderem daran, dass sich andere Galaxien (z.B. die Andromedagalaxie) von uns wegbewegen. Ebenfalls wird diese Tatsache durch die Rotverschiebung dokumentiert. Diese zeigt, vereinfacht gesagt, dass das Licht (Spektrum) eines Sternes sich immer weiter ins rötliche verschiebt, je weiter er von der Erde entfernt liegt und dabei proportional zur Entfernung ist. Daher gilt: Je weiter eine Galaxie von uns entfernt ist, desto schneller bewegt sich sich von unserer Galaxie weg. Wir wissen also; alles ist in Bewegung, weg von dem Punkt, an dem alles begann und seinen Anfang nahm.

Man kann dies vereinfacht mit dem Ballonmodel erklären. Malen Sie auf einen unaufgeblasenen Ballon ein paar Sterne, Sternenhaufen, Galaxien. Nun blasen Sie den Ballon langsam auf; die vorher zusammenstehenden Punkte werden sich voneinander entfernen, die Abstände dazwischen werden größer. Dasselbe passiert ebenfalls im Universum.

Und was passiert dann? Es gibt verschiedene Erklärungsmodelle die sich mit der (sehr fernen) Zukunft beschäftigen. In einem wird sich die Expansion des Universums kontinuierlich verlangsamen (wegen der Anziehung, die die einzelnen Galaxien aufeinander auswirken) und wird sich dann wieder zusammenziehen.

Ein anderes erläutert die Möglichkeit, dass die Expansion unendlich weitergeht. Wie bei so vielen Dingen gilt hier auch: Sicher wissen wir es nicht.

Sehr viel über die zusammenhänge im Universum bleibt uns noch verschlossen, und so verwundert es nicht, wenn Erwachsene wie Kinder mit staunenden Augen in den nächtlichen Himmel blicken, zu den hunderttausend Sonnen, die ihr Licht zu uns auf die Reise schicken. Bedenkt man, dass dieses Licht in vielen Fällen losgeschickt wurde, als auf der Erde noch die Dinosaurier lebten (schon das Licht braucht für die Strecke Sonne – Erde über acht Minuten) wird klarer, mit was für riesigen Dimensionen wir es zu tun haben. Wir sind sehr allein und isoliert im Universum auf einer kleinen Insel des Lebens. Und wir wissen viel zu wenig.

Manch einer mag sich fragen, ob dieses Thema überhaupt lohnend ist, um sich damit in der pädagogischen Arbeit auseinanderzusetzen. Immerhin ist (in der Regel) die Einrichtung schon naturwissenschaftlich engagiert. Oftmals gibt es Forscherwerkstätten, Experimentierplätze, Sachkundeunterricht und großzügige Außenbereiche, die das Kind zur Auseinandersetzung mit seiner Umwelt einladen.

Es gibt Experimentierangebote, Forschungsexkursionen zum Beispiel ins Museum oder den Zoo und Waldtage.
Reicht das nicht?

Im Rahmen der PISA Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wird naturwissenschaftliche Grundbildung (Scientific Literacy) wie

folgt definiert:

„Naturwissenschaftliche Grundbildung (Scientific Literacy) ist die Fähigkeit,

naturwissenschaftliches Wissen anzuwenden, naturwissenschaftliche Fragen zu erkennen

und aus Belegen Schlussfolgerungen zu ziehen, um Entscheidungen zu verstehen und zu

treffen, welche die natürliche Welt und die durch menschliches Handeln an ihr vorgenommenen Veränderungen betreffen.“

Da schon die einfachsten astronomischen Zusammenhänge unmittelbar die Erfahrungswelt der Kinder berühren, dürfen wir dieses Thema nicht ignorieren.

Wenn Kinder zum Beispiel fragen, warum es Ebbe und Flut gibt, wodurch die Jahreszeiten entstehen, warum es Tag und Nacht gibt, so sind dies elementare Fragen, die unbedingt unsere Aufmerksamkeit verdienen.

Eine einfache Antwort ist oftmals auch eine falsche Antwort und so sind diese Fragen oft nicht mit wenigen Sätzen zu beantworten. Ich werde im folgenden aufzeigen, dass Astronomie im Kindergarten, Hort und Grundschule ein elementares Thema ist, das viele andere Sachgebiete berührt. So werden wir uns ebenfalls mit Geologie, Meteorologie, Ökologie und weiteren wissenschaftlichen Themenbereichen befassen.

Wichtig dabei ist, dass dem Kind die Möglichkeit gegeben wird, mit allen Sinnen Erfahrungen zu sammeln. Eine Wissensvermittlung, die sich ausschließlich oder überwiegend darauf beschränkt, über Themen, zu referieren wird, im wesentlichen erfolglos bleiben. Deswegen soll das eigene Tun der Kinder im Vordergrund stehen, sie sollen experimentieren, hinterfragen, herausfinden, erproben und aktiv sein.

Die Beschäftigung mit der Umwelt im Sinne einer ganzheitlichen Auseinandersetzung sollte also im Mittelpunkt stehen.

Folgende Aspekte erscheinen mir dabei als besonders wichtig:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus diesen drei Grundsätzen entwickelt sich die Projektform, mit der die Astronomie in Kindergarten, Hort und in der Grundschule sicher am kontinuierlichsten zu vermitteln ist. Es macht wenig Sinn, Kindern vereinzelte Erlebnisse zu bieten, da gerade astronomische Zusammenhänge oftmals in einem größeren Kontext stehen, also zum Beispiel der wandernde Mond nur als „wandernd“ wahrgenommen werden kann, wenn man ihn über mehrere Tage oder gar Wochen beobachtet und den jeweiligen Wissensstand dokumentiert.

Wie Sie im Verlaufe dieses Buches sehen werden, berührt die Astronomie viele angrenzende Themengebiete, wie zum Beispiel das regionale Wetter und die wechselnden Jahreszeiten, also Dinge, die sich direkt an die kindliche Erfahrungswelt anschließen, mit ihr vernetzt sind. Deswegen ist Astronomie auch mehr als nur „Sterne gucken“. Die aktive und kreative Auseinandersetzung mit der Umwelt, mit geographischen Gegebenheiten, mit Technik und unterschiedlichsten Materialien zum Beispiel für die Dokumentation schließt sich an.

Aus der Pisa-Studie wissen wir ebenfalls, dass drei Bereiche besonders betroffen sind, wenn es darum geht, naturwissenschaftliche Zusammenhänge begreifbar zu machen:

Das Verständnis der Besonderheiten naturwissenschaftlicher Untersuchungen

umfasst die Fähigkeit, Fragestellungen zu erkennen, die naturwissenschaftlich untersucht werden können, und das Wissen über die Anforderungen an solche Untersuchungen. Weitere Aspekte betreffen das identifizieren von Daten, die benötigt werden, um eine Behauptung oder Erklärung zu überprüfen.

- Das Umgehen mit Ergebnissen bezieht sich auf die Fähigkeit, naturwissenschaftliche

Daten und Befunde als Belege für Behauptungen oder Schlussfolgerungen zu verwenden. Dazu gehört,Schlussfolgerungen aus vorliegenden Befunden zu ziehen oder Schlussfolgerungen auszuwählen, die den Daten am besten gerecht werden.

- Das Kommunizieren naturwissenschaftlicher Beschreibungen oder Argumente umfasst die Fähigkeit, anderen Personen Beschreibungen, Argumente oder Erklärungen mit

naturwissenschaftlichem Gehalt verständlich und zutreffend mitzuteilen

Reduziert auf den einfachsten Nenner könne wir also sagen, das es wichtig ist, naturwissenschaftliche Phänomene zu verstehen, mit ihnen umgehen und darüber sprechen zu können.

In einem astronomischen Projekt im Kindergarten, Hort oder Grundschule, das sich um die Frage dreht , warum der Mond nicht immer am Taghimmel zu sehen ist, können wir anhand der Daten, die im Laufe des Projektes gesammelt werden, folgende Aussagen treffen:

- Der Mond ist nicht immer zu sehen, das ist eine Tatsache, die durch Beobachtung belegt ist
- Durch Nachforschen erfahren wir, dass der Mond nicht immer zu sehen ist, weil er zu bestimmten Zeiten nur des Nachts oder gar nicht zu sehen ist (zum Beispiel bei Neumond)
- Wir machen dies anhand eines einfachen Erde – Mond Modells deutlich
- Dieses Modell dient gleichzeitig zur Dokumentation des Erfahrenen also auch zur Kommunikation und zur Visualisierung.

Dieses einfache Beispiel zeigt, wie aus einer gezielten Fragestellung ein Prozess entwickelt wird, der es den Kindern ermöglicht, naturwissenschaftlichen Fragen nachzugehen und dabei die wichtigsten Punkte, die notwendig sind um ein nachhaltiges Verständnis zu erreichen, mit einbezogen sind.

Neil Postman stellt in seinem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ fest, dass bei vielen Kindern auffallend ist, wie inaktiv sie im motorischen Bereich sind. Er führt hier einen kausalen Zusammenhang zwischen geringen Naturerfahrungen und zuviel Fernsehen an.11 Natürlich geht es Postman hauptsächlich um die Schädigung der Kinder durch übermäßigen Fernsehkonsum aber deutlich wird auch dieses; Kinder, die wenig Naturerfahrungen haben, sind motorisch ungeschickter als Kinder, die diese Erfahrungen gemacht haben.

Das „Begreifen“ der Welt im Wortsinn ist ein wichtiger Bestandteil der kindlichen (auch der frühkindlichen) Erfahrungswelt und Weltaneignung. Fehlt dieses, so sind die Auswirkungen lange nachweisbar. Sie äußern sich zum Beispiel durch nicht altersgerechte motorische Entwicklung.

Im Kindergarten- oder Grundschulalter gelten Kinder mit motorischen Entwicklungsstörungen als ungeschickt und unbeholfen, sie haben u.a. Schwierigkeiten beim Anziehen und beim Malen. Sie lassen häufig Gegenstände fallen, haben Probleme beim Hüpfen, Balancieren, beim Werfen und besonders beim Fangen von Bällen, meiden daher Ballspiele und andere Spiele, bei denen es auf Schnelligkeit, Geschicklichkeit und Gewandtheit ankommt. Beim Erlernen des Fahrradfahrens, Schwimmens, Rollschuhfahrens fallen sie durch staksige, plumpe Bewegungen, fehlende Geschmeidigkeit auf und sie haben Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht. Wegen ihrer mangelnden motorischen Leistungen werden sie nicht selten Opfer von Hänseleien. Im Schulalter fallen sie durch eine ungelenke, schlecht leserliche Handschrift und schlechte Leistungen im Sportunterricht auf.

Es besteht die Gefahr, dass diese Kinder, insbesondere Jungen, aufgrund schlechter Leistungen bei Mannschaftsspielen zu Außenseitern werden.

Mit dem Älterwerden der Kinder vermindern sich die Störungen, wenn auch geringe Defizite oft bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben. Da das Sprechen eine ganz besonders anspruchsvolle feinmotorische Leistung darstellt, ist es nicht verwunderlich, dass Kinder mit umschriebenen Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen häufig Schwierigkeiten beim Sprechen haben und selbst im Grundschulalter manche Laute noch nicht richtig bilden können.

Postman sagt ganz klar, dass dies durch frühe, aktive Erfahrungen der Kinder vermieden werden kann, indem man unter anderem den Einfluss der Medien (in der Hauptsache des Fernsehens) auf die Kinder reduziert und andere, direktere Reize schafft.

Recht gibt ihm unter anderem eine Studie des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e. V, die auf der Grundlage von Pisa-Zahlen feststellte, dass jene Gruppen bei PISA am schlechtesten abschnitten, die sich durch den höchsten Medienkonsum auszeichnen.

Natürlich ist damit noch nicht gesagt, dass Kinder, die viel fernsehen, auch signifikant schlechter in ihren schulischen Leistungen abschneiden, dennoch ist übermäßiger Medienkonsum ein erstes Indiz. Darüber hinaus werden Konzentrationsprobleme häufiger bei Kindern festgestellt, die viel fernsehen oder Zugang zu anderen Medien haben (zum Beispiel Spielkonsole, Computer etc.)

Daher ist also eine wichtige Aufgabe der Einrichtung und natürlich auch der Eltern, Kindern die Natur und damit auch naturwissenschaftliche Phänomene näher zu bringen, nicht nur im motorischen Bereich. Ebenso wird das Kompetenzgefüge gefördert, es werden Sachkompetenzen erworben (indem die Kinder etwas über das Verhalten verschiedener Materialien erfahren) die Ich -Kompetenzen (zum Beispiel Selbstbewusstsein beim Ausprobieren und Experimentieren aber auch beim Präsentieren von Ergebnissen) sowie der Sozialkompetenz (beim Arbeiten und in der Kommunikation mit anderen, beim Austausch und Vergleich von Erlebtem).

Kreativität ist ebenso gefragt und gefordert wie sprachliche Fähigkeiten, die Fähigkeit zum logischen Denken, Zusammenhänge zu erkennen und zu verbalisieren. Indem wir in der Arbeit Ergebnisse nicht einfach nur stehen lassen, sondern darüber in ein Gespräch kommen und damit in einen kommunikativen Prozess, an dem jeder teilnehmen darf, ermöglichen wir es, erste naturwissenschaftliche Erfahrungen in einer positiven und wertschätzenden Atmosphäre zu erleben und zu kommunizieren.

Behalten wir diese Punkte zunächst im Gedächtnis und sehen uns die Anforderungen die im „Orientierungsplan für Bildung und Erziehung im Elemtarbereich“ gestellt werden an. Dabei orientiere ich mich an dem niedersächsischen Orientierungsplan.

Die Begegnung mit der Natur in ihren verschiedenen Erscheinungsformen und Erkundungen im Umfeld der Tageseinrichtung erweitern und bereichern den Erfahrungsschatz der Kinder. Sie lassen sie teilhaben an einer realen Welt, die nicht didaktisch aufbereitet ist, und bieten die Chance zum Erwerb von Weltwissen, Forschergeist und lebenspraktische Kompetenzen.1

Besonders unterstreichen möchte ich hier den Begriff „Forschergeist“. Kinder sind durch ihren natürlichen, explorativem Drang geborene Forscher und interessieren sich schon sehr früh für alles, was sich in ihrer unmittelbaren Umgebung abspielt.

So wird im Kleinkindalter das Konzept der Schwerkraft immer und immer wieder durch herunterwerfen von Spielzeug und anderen Gegenständen erforscht und überprüft. Dabei geht es nicht darum, die Geduld der Eltern oder Erzieher auf die Probe zu stellen, wenn sie ständig die Gegenstände wieder aufheben müssen, sondern es ist echte Forschungsarbeit, die von Kindern geleistet wird.

Diese natürliche Freude an Experimenten, an Wissenserweiterung und Erforschung bringen Kinder in die Einrichtung mit.Es liegt an uns, ihnen zu begegnen und Möglichkeiten zu schaffen, ihren Wissensdurst zu stillen.

In seinem Buch „Die Entzauberung des Regenbogens“ plädiert Richard Dawkins dafür, dass die Vermittlung von Wissenschaft sich nicht darauf beschränken darf, leichte, effekthascherische Experimente aufzubauen und diese dann vor einer passiven Zuschauerschaft ablaufen zu lassen.

In unserer heutigen Zeit, wo die unmittelbare Bedürfnisbefriedung oftmals im Vordergrund steht, ist es verführerisch einfach, ein paar Experimente zu verschiedenen Themen in der Einrichtung aufzubauen, und damit ist dann das Thema „Naturwissenschaft“ mehr oder weniger erledigt.

Damit würden wir weder unserem eigenen pädagogischen Anspruch noch dem Anspruch, den die Kinder an uns und unsere Arbeit stellen, gerecht werden.

Dawkins sagt dass Wissenschaft immer auch kompliziert ist, das es immer auch Themen gibt, die nicht verstanden werden können und solche, die Geduld erfordern.(vgl. Dawkins, 2000, 42 ff) Unser Anspruch darf nicht sein, alles für Kinder vollkommen verständlich aufzubereiten, denn wir würden Gefahr laufen, dass wir mehr Antworten als Fragen haben und dass es wenig Motivation zum Weiterfragen und (damit verbunden) zum Weiterforschen gibt.

Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass, wenn wir versuchen, komplexe Zusammenhänge zu vereinfachen, sie falsch oder irreführend dargestellt werden. Dawkins spricht hier völlig zutreffend von der „populistischen Verdummung“2

Es macht wenig Sinn, Kindern die Unendlichkeit des Universums vermitteln zu wollen, da dies etwas ist, das sich nicht einmal unsere führenden Wissenschaftler plastisch vorstellen können.

Deswegen müssen wir vorher eine Auswahl der Themen treffen, die einen lohnenden Einstieg in die Materie ermöglichen und in direktem Zusammenhang mit der Erfahrungswelt der Kinder stehen. Indem wir dies tun, orientieren wir uns direkt an Anforderungen, die im Orientierungsplan gestellt werden und die gleichwohl Anforderungen unseres pädagogischen Selbstbildnisses sind.

Im Verlauf eines astronomischen Projektes werden beinahe zwangsläufig auch philosophische Fragen auftauchen. Wo kommen wir her? Wie ist das Universum entstanden? und Gibt es auf anderen Planeten leben?

Ebenso kann es zur religiösen Fragen kommen, zum Beispiel wo Gott wohnt.

Diesen und anderen Fragestellungen können wir im Rahmen eines astronomischen Projektes nachgehen, oft ist es aber auch so, dass sie sich einfach aus der Thematik ergeben.

Wir sollten auf jeden Fall genügend Raum für diese Themen einplanen, um dem Interesse der Kinder gerecht zu werden. Ich gehe darauf noch später im Buch ein.

Abschließend heißt es im Orientierungsplan: „ Natur und Lebenswelt regen zum Erforschen von Zusammenhängen an und fordern zum Beispiel Fragen wie: Warum tagsüber die Sterne nicht zu sehen sind (…) diese zeugen von der natürlichen Wissbegierde der Kinder, die sich gleichermaßen auf das natürliche wie auf das gebaute Umfeld richten kann“3

Wenn wir die Astronomie nicht als bloße "Sternenguckerei" abtun, sondern erkennen, dass hier Themen berührt werden, die wir oftmals ohnehin in unserer alltäglichen Arbeit berühren, können wir so (auch eigene) Hemmungen abbauen und uns gemeinsam mit den Kinder auf eine spannende Reise begeben.

Das faszinierende an der Amateurastronomie ist, dass sie wirklich ganz einfach ist und schon zu Beginn tolle Erfolge motivieren, weiter zu machen. So kann man zusammen mit den Kindern Schritt für Schritt den Himmel erobern.

Kapitel 2 Was ist zu sehen?

Bevor es losgeht gilt zu beachten: niemals mit dem ungeschützen Auge in die Sonne sehen! Auf gar keinen Fall darf das Fernglas oder Teleskop in die Nähe der Sonne oder in die Sonne direkt gewendet werden! Sofortige und irreparable Augenschäden wären die Folge. Es besteht die akute Gefahr der Erblindung; dies geschieht meist schmerzlos und passiert oft aus Nachlässigkeit. Deshalb ist die oberste Regel für Tagbeobachtungen: VORSICHT VOR DER SONNE !

Wenn wir unseren Blick, sei es am Tage oder in der Nacht zum Himmel wenden, so sind die am nähesten gelegenen Objekte entweder der Mond oder die Sonne.

Der Mond, als unser ständiger Begleiter ist – im Gegensatz zur Sonne- verschiedenen Phasen unterworfen, die wir als den zu - beziehungsweise - abnehmenden Mond kennen.

Wer vielleicht schon einmal im Unterricht oder in Lehrbüchern eine schematische Darstellung unseres Sonnensystems gesehen hat, weiß, dass es aus acht Planeten besteht. Bis vor wenigen Jahren waren es sogar neun, allerdings wurde Pluto, dem am weitesten entfernten Objekt (und auch dem Kleinstem) der Rang eines Planeten durch die International Astronomical Union abgesprochen.

Die acht Planeten sind demnach Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun.

Einige von ihnen sind schon durch einfache Teleskope recht gut zu beobachten, aber dazu später mehr.

Neben den Planeten gibt es weitere Objekte, die einen Blick wert sind; offene und geschlossene Sternenhaufen zum Beispiel.

Ein bekanntes Beispiel für einen offenen Sternenhaufen sind die Plejaden, auch Atlantiden genannt, die schon mit bloßem Auge gut gesehen werden können.

Aber auch Nebel, zum Beispiel der große Andromedanebel, lassen sich erkennen.

Darüber hinaus dienen uns die verschiedenen Sternenbilder als Orientierung; ihr Wechsel kennzeichnet den Jahreslauf. So gibt es Sternenbilder, die nur im Sommer zu sehen sind und solche, die der kalten Jahreszeit vorbehalten sind.

Gleich zu Beginn allerdings muss man sich von der Vorstellung verabschieden, solche spektakulären Bilder wie man sie häufig in astronomischen Publikationen sieht, am Teleskop in der Einrichtung erblicken zu können.

Oft werden dem Leser Bilder präsentiert, die farbenprächtiger und leuchtender kaum sein könnten. Die Enttäuschung kann groß sein, wenn man selber solche Objekte nicht zu Gesicht bekommt.

Dabei wird schnell vergessen, dass viele dieser fantastischen Aufnahmen von Professionellen, für den Laien unerschwinglichen, Geräte gemacht werden.

Einige der besonders farbenfrohen Bilder kommen oftmals sogar vom Hubble – Weltraumteleskop.

Für uns Amateure gilt: bei Nacht sind alle Katzen grau, dies bedeutet, dass wir die Objekte, die wir mit dem Teleskop anfahren, in schwarz – weiß sehen. Farbe kommt nur ins Spiel, wo mit einer Kamera und längeren Belichtungszeiten gearbeitet wird.

Das liegt daran, dass unser Auge nicht darauf ausgelegt ist, solche lichtschwachen Objekte – wie etwa weit entfernte Nebel- lange zu belichten. Vom Andromedanebel ist somit eigentlich nur ein weißer, milchiger Fleck zu sehen.

Man darf sich daher nicht die Begeisterung nehmen lassen. Oftmals liegt die Herausforderung darin, mit dem Gerät überhaupt das gewünschte Objekt zu finden. Schon alleine solch ein „Arbeitserfolg“ lässt manches Astronomenherz höher schlagen. Das Beherrschen der Teleskoptechnik und das Orientieren am nächtlichen Himmel stehen dabei im Vordergrund.

Die Freude, durch sein Wissen etwas erreicht zu haben, ist ein großer Lohn.

Natürlich gibt es – gerade bei Objekten, die uns nahe stehen – hervorragende Details zu sehen. Der Mond mit seinem tiefen Kratern und Rissen, die Ringe des Saturns oder die Monde des Jupiters sind dankbare Objekte, die für den Anfänger eine gute Einstiegsmöglichkeit darstellen.

Der Mond

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Jules Vernes klassischer Geschichte „Reise zum Mond“ werden drei Entdecker mithilfe einer gigantischen Kanone in einer Art Projektil zum Mond geschossen.

Leider erreichen sie ihr Ziel nicht, sondern kreisen nur darum, um dann wieder zurück auf die Erde zu fallen. Immerhin: sie sehen auf ihrer Reise das, was uns Erdbewohnern dauerhaft verborgen bleibt; die „dunkle“ Seite des Mondes. Da er uns immer nur eine Seite zuwendet -aufgrund seiner mangelnden Eigenrotation- bleibt die andere Seite unseren Blicken vorenthalten. Aber auch so gibt es auf der uns zugewandten Seite viele Details zu entdecken.

Deswegen wird das klassische Einsteigerobjekt der Mond sein, An ihm lassen sich optimal Eigenschaften des Teleskopes und der Umgang damit ausprobieren. Da der Mond im Laufe des Monates seine Gestalt ständig ändert, also mal mehr mal weniger von ihm zu sehen ist, bietet er relativ viel Abwechslung. Es macht Sinn, ihn mit den Kindern über mehrere Tage zu beobachten. Dann nämlich kann man beobachten, wie der Schatten (Terminator) weiter wandert und so den Mond mehr oder weniger sichtbar werden lässt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Richtig spektakulär sind die Krater. Es empfiehlt sich, den Mond während der Zeit zu beobachten, an denen nicht Vollmond ist denn dann scheint der Mond sehr hell und ist somit relativ kontrastarm.

Am Schatten auf der Mondoberfläche kann man bei guter Sicht tolle Details an den Kratern ausmachen; zum Beispiel Schatten erkenne, Erhebungen und Rillen.

Highlights sind Mondfinsternisse, bei denen der Mond wie rot eingefärbt zu sein scheint.

Am besten ist es, sich ein eine Mondkarte zu besorgen, anhand derer sich die einzelnen Regionen besser einprägen lassen. Damit erleichtert man sich die Orientierung am Trabanten ungemein. Weitere Tipps dazu finden sich in der „Literaturempfehlung“ am Ende des Buches.

Nimmt man ein einfaches Fernglas zur Hilfe, am besten mit Stativ um ein möglichst wackelfreies Bild zu haben, so wird man erste Details am Mond ausmachen können; Krater und Rillen zum Beispiel. Es ist für Kinder aber auch Erwachsene immer wieder beeindrucken, wie kontrastreich unser nächster Nachbar im All ist.

Vielleicht lassen sich ja zwei oder drei Ferngläser organisieren, um in der Gruppe ohne lange Wartezeiten beobachten zu können.

[...]


1 Vgl.: Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode, Fischer Verlag, Frankfurt 1988

1 Orientierungsplan für Bildung und Erziehung im Elementarbereich, 2005, 28

2 (Dawkins, 2000, 38)

3 ( Orientierungsplan für Bildung und Erziehung im Elementarbereich, 2005,29)

Details

Seiten
58
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640603053
ISBN (Buch)
9783640603275
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v147552
Note
Schlagworte
Astronomie Kindergarten Hort Grundschule Pädagogik Sachbuch

Autor

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Titel: Astronomie in Kindergarten, Hort und Grundschule