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Die Fair Value-Bilanzierung als Katalysator und Beschleuniger der Krise

Seminararbeit 2009 31 Seiten

BWL - Rechnungswesen, Bilanzierung, Steuern

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Problemstellung

2 Konzeption des Fair Values in den IFRS

3 Analyse der Prozyklizität
3.1 Externe Verwendung von Rechnungslegungsdaten
3.2 Die Auf- und Abwärtsspirale
3.3 Diskussion und kritische Würdigung
3.3.1 Potentielle destabilisierende Effekte bei illiquiden Märkten ..
3.3.2 Amendment zu IAS 39 vom Oktober 2008
3.3.3 Fazit

4 Historische Kosten - eine Alternative?
4.1 Bewertung von Finanzinstrumenten nach HGB
4.2 Kritische Punkte einer Rechnungslegung zu historischen Kosten - Lehren der US Savings & Loan Crisis

5 Lösungsansätze und Zukunftsaussichten
5.1 Perspektive der Bankenaufsicht
5.2 Perspektive der Standardsetzer

6 Thesenförmige Zusammenfassung

Anhang

Rechtsquellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Bilanz nach HGB in t=1

Tabelle 2: Bilanz nach IFRS in t=1

Tabelle 3: Bilanz nach HGB in t=2 (ohne Umwidmung)

Tabelle 4: Bilanz nach HGB in t=2 (mit Umwidmung)

Tabelle 5: Bilanz nach IFRS in t=2

1 Problemstellung

Die internationale Finanzmarktkrise mit Ursprung auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt hat auf den weltweiten Kredit-, Geld- und Kapitalmärk- ten zu erheblichen Verwerfungen geführt und aufgrund der großen Bedeu- tung der Finanzmärkte für die Gesamtwirtschaft auch die Realwirtschaft negativ beeinflusst. Nachdem der Höhepunkt der Krise wohl überschritten ist, rückt nunmehr die Analyse ihrer Entstehung in den Mittelpunkt des In- teresses. Dabei gelangt zunehmend auch die Rechnungslegung in den Fokus der Analytiker, insb. die Fair Value-Bilanzierung, die durch prozykli- sche Wirkungsmechanismen zu einer Verschärfung der Krise beigetragen haben soll.1 Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Prozyklizität der Fair Value- Bilanzierung zu untersuchen und aus verschiedenen Blickwinkeln kritisch zu würdigen. Darüber hinaus sollen mögliche Alternativen aufgezeigt und bewertet und abschließend einige Empfehlungen für die zukünftige Ent- wicklung der internationalen Rechnungslegung gegeben werden.

2 Konzeption des Fair Values in den IFRS

Die zentrale Zielsetzung innerhalb der IFRS besteht in der Bereitstellung entscheidungsnützlicher Informationen für Investoren.2 Die seit Ende der 1980er Jahre ständig zunehmende Bedeutung der Fair Value-Bewertung in den Rechnungslegungsnormen kapitalmarktorientierter Rechnungsle- gungssysteme kann als Ausfluss dieser gemeinsamen zentralen Zielset- zung verstanden werden.3 Grund für die Entwicklung ist die weit verbreite- te Auffassung innerhalb der Standardsetzungsgremien, dass der Markt- wert eines Vermögenswertes oder einer Schuld relevantere Informationen transportiert als seine historischen Kosten. Daher gewähre dieses Bewer- tungssystem den Investoren bessere Einblicke in das Risikoprofil der Un- ternehmen und trage so zur Überwindung der asymmetrischen Informa- tionsverteilung zwischen Kapitalgebern und Management bei.4

Eine Art Pionierrolle auf dem Weg zu einer weitgehend auf Marktwerten basierenden Bilanzierung hat die Bewertung von Finanzinstrumenten inne. Ausschlaggebend für eine solche ist in den IFRS gemäß IAS 39 die Zu- ordnung des jeweiligen Finanzinstruments zu den Kategorien at fair value through profit or loss (1), held-to-maturity (2), loans and receivables (3) oder available-for-sale (4).5 Bis zu einem Amendment im Oktober 2008 waren Umwidmungen der einmal getroffenen Zuordnungen nur sehr ein- geschränkt möglich.6 Die Zugangsbewertung erfolgt bei allen vier Katego- rien zum Fair Value.7 Hinsichtlich der Folgebewertung folgt IAS 39 einem mixed model approach, das bedeutet, sowohl der Fair Value als auch fort- geführte Anschaffungskosten finden Anwendung.8 Kategorie (1) und (4) werden zum beizulegenden Zeitwert bewertet, Kategorie (1) unmittelbar erfolgswirksam, Kategorie (4) hingegen erfolgsneutral mittels der Einstel- lung von Wertänderungen in eine Neubewertungsrücklage direkt im Eigenkapital. In der zweiten und dritten Kategorie erfolgt die Bewertung zu fortgeführten Anschaffungskosten.9 Ein Großteil der strukturierten Subprime-Produkte, etwa ABS-Strukturen, wurde im Vorlauf der Finanz- krise von den Kreditinstituten in den Kategorien (1) und (4) bilanziert.10

Der Fair Value ist allgemein definiert als jener Betrag, „zu dem zwischen sachverständigen, vertragswilligen und voneinander unabhängigen Ge- schäftspartnern ein Vermögenswert getauscht oder eine Schuld beglichen werden könnte.“11 Die Bestimmung des Fair Values folgt einer dreistufigen Ermittlungshierarchie. Sofern vorhanden, sind öffentlich notierte Markt- preise auf einem aktiven Markt heranzuziehen. Ist dies nicht möglich, sind Marktpreise der letzten Transaktion des Finanzinstruments oder ähnlicher Finanzinstrumente zu verwenden. Als letzte Ermittlungsstufe folgt die bestmögliche Schätzung eines adäquaten Transaktionspreises mittels ge- eigneter Bewertungsverfahren, etwa DCF-Verfahren oder Optionspreis- modellen.12

3 Analyse der Prozyklizität

3.1 Externe Verwendung von Rechnungslegungsdaten

Der Fair Value entfaltet seine prozyklische Wirkung nicht als solches im Rahmen seiner ihm von den Standardsetzern zugedachten Informations- funktion, sondern gerade dadurch, dass den Jahresabschlüssen in der Praxis eben keine reine Informationsfunktion zukommt, sondern unmittel- bare Finanzierungsrestriktionen und Vergütungsregelungen an sie gekop- pelt sind.13 Von besonderer Relevanz ist dabei die Verwendung von Jah- resabschlussdaten im Rahmen der Bankenregulierung, deren grundle- gende Konzeption in Deutschland im Folgenden kurz dargestellt wird.

Kreditinstitute müssen gemäß den Vorschriften des KWG „im Interesse der Erfüllung ihrer Verpflichtungen gegenüber ihren Gläubigern, insbeson- dere im Interesse der Sicherheit der ihnen anvertrauten Vermögenswerte, angemessene Eigenmittel haben“.14 Diese Anforderung wird präzisiert in der den Empfehlungen von Basel II folgenden SolvV, die vorschreibt, dass die risikogewichteten Aktiva zu mindestens 8% mit Eigenmitteln zu unter- legen sind.15 Die Eigenmittel setzen sich zusammen aus dem Kernkapital, dem Ergänzungskapital und den Drittrangmitteln, wobei das Ergänzungs- kapital das Kernkapital nicht übersteigen darf und die Drittrangmittel ma- ximal 250% des Kernkapitals betragen dürfen.16 Die Grundlage für die Be- stimmung der Eigenmittel sowie der Risikopositionen bildet der Konzern- abschluss.17 Seit dem 01.01.2005 sind kapitalmarktorientierte Unterneh- men in Deutschland, und somit der überwiegende Teil der Kreditinstitute, dazu verpflichtet, ihren Konzernabschluss nach den IFRS aufzustellen.18 Damit werden Fair Value-Wertänderungen von Finanzinstrumenten der Kategorie (1), da sie unmittelbar in den Bilanzgewinn/ -verlust einfließen, im Kernkapital erfasst.19 Zeitwertgewinne bei Finanzinstrumenten der Ka- tegorie (4) dürfen hingegen nur zu höchstens 45% und nur im Ergän- zungskapital berücksichtigt werden.20 Trotz dieser beschränkenden Regelung hat die Fair Value-Bewertung somit Einfluss auf die Höhe der bankenaufsichtsrechtlichen Kapitalquoten, was zu den im nächsten Abschnitt erläuterten prozyklischen Verstärkungseffekten führen kann.

3.2 Die Auf- und Abwärtsspirale

Im Folgenden werden die Auf- und Abwärtsspirale, mittels derer die Fair Value-Bilanzierung über Wechselwirkungen mit der im vorangehenden Abschnitt erläuterten Instrumentalisierung der Rechnungslegung für rech- nungslegungsfremde Zwecke zu einer Verschärfung der Finanzkrise bei- getragen hat, exemplarisch dargestellt. Die Kritik am Fair Value bezieht sich zwar zumeist auf seine Rolle in der Krise, allerdings tritt die prozykli- sche Wirkung ebenso in konjunkturell günstigen Zeiten auf. Insofern muss, will man zu einer umfassenden Würdigung der Rolle des Fair Value in der Finanzkrise beitragen, auch seine Bedeutung in der der Krise vorausge- henden Phase konjunkturellen Aufschwungs untersucht werden. Es leuch- tet unmittelbar ein, dass prozyklische Verstärkungseffekte innerhalb einer Boomphase ceteris paribus zu einem höheren Korrekturpotential in der Krise führen.21

Ausgangspunkt ist ein exogener Anstieg der Marktpreise der von einem Kreditinstitut gehaltenen, zum Fair Value zu bewertenden, Finanzinstru- mente. Aufgrund des Fair Values ergibt sich ein Anstieg der Eigenmittel des Instituts und somit eine Verbesserung der Kapitalquote, wodurch sich dem Institut die Möglichkeit zu einer aggressiveren Geschäftspolitik eröff- net. Dies kann sich bspw. in einer Ausweitung der Kreditvergabe oder ei- ner verstärkten Investition in risikoreiche Vermögenswerte niederschlagen. Der Prozess verstärkt sich dadurch, dass das Management aufgrund der erfolgsabhängigen Vergütung auch ein persönliches Interesse besitzt, ver- stärkt in die blasenartig wachsenden Vermögenswerte zu investieren. Die- ses Verhalten der Kreditinstitute initiiert unmittelbar eine Aufwärtsspirale. Durch die gestiegene Nachfrage ergeben sich weitere Kurszuwächse für entsprechende Vermögenswerte, was wiederum zu verbesserten Kapital- quoten und kompensationsbedingten Anreizwirkungen bei den Instituten führt. Dieser sich selbst verstärkende Prozess setzt sich so lange fort, bis ein exogenes Schockereignis zu sinkenden Marktpreisen führt und so eine konjunkturelle Trendumkehr einläutet. Zu diesem Zeitpunkt haben die Marktpreise sich aber bereits weit von ihren Fundamentalwerten entfernt und sind somit auch besonders anfällig für Korrekturen.22

Im Folgenden ergibt sich aufgrund der schrumpfenden Eigenmittelausstat- tung ein zusätzlicher Kapitalbedarf bei den Banken. Diese können, da sie zur Einhaltung der Mindestkapitalquoten verpflichtet sind, nur mit einer Erhöhung der Eigenmittel oder einer Reduzierung der Risikopositionen reagieren. Da eine Kapitalerhöhung aufgrund des schlechten Börsenum- felds und aus Rücksicht auf die vorhandenen Anteilseigner meist nicht in Frage kommen wird, bleiben nur eine Einschränkung der Kreditvergabe sowie der Verkauf von Vermögenswerten als Optionen.23 Der Effekt wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass aufgrund der in einer Rezession zu- nehmenden Kreditausfälle das bei der Bestimmung der Kapitalquote zu Grunde gelegte Risikogewicht für Kreditrisiken ansteigt, wodurch diese mit mehr Eigenmitteln zu unterlegen sind.24 Unterdessen führt die zeitgleiche Veräußerung von Finanzinstrumenten seitens der Kreditinstitute zu einem Überangebot an den Kapitalmärkten und damit einer starken abwärtsge- richteten Preisentwicklung. Da sich dieser Preisverfall mittels des Fair Va- lues unmittelbar in den Bilanzen der Institute niederschlägt, kann es zu der Situation kommen, dass diese zu weiteren Verkäufen gezwungen werden, um so die Menge der risikoreichen und daher mit Eigenmitteln zu unterle- genen Vermögenswerte zu reduzieren. Es entsteht eine Abwärtsspirale, bei der aufgrund des Kapitalbedarfs der Finanzinstitute sinkende Markt- preise immer weiteren Kapitalbedarf bei den Instituten auslösen.25

3.3 Diskussion und kritische Würdigung

In der Diskussion über den Fair Value werden im Wesentlichen zwei un- terschiedliche Standpunkte vertreten. Die Befürworter sind der Meinung, dass die Zeitwertbilanzierung den wahren und damit relevanten Wert der Bilanzen von Finanzinstitutionen widerspiegelt.26 Da der Fair Value die aktuellen Marktkonditionen reflektiert, führe seine Verwendung zu gestei- gerter Transparenz und einer schnelleren Reaktionsfähigkeit bei auftre- tenden Problemen.27 Die Kritiker hingegen werfen der Fair Value-Methode vor, sie injiziere künstliche Volatilität in die Rechnungslegung. Die Bilanz- werte von Finanzinstituten würden daher durch kurzfristige Marktschwan- kungen beeinflusst, die den Fundamental- und langfristigen Wert der Ver- mögenswerte und Schulden nicht adäquat widerspiegeln.28

Es ist allgemein akzeptiert, dass der Fair Value bei Vorliegen vollkomme- ner und vollständiger Kapitalmärkte der optimale Wertansatz wäre. In die- sem Falle würden Marktpreise jederzeit die zukünftige Ertragskraft reflek- tieren, das bedeutet den risikoadjustierten Barwert der zukünftig aus ei- nem Vermögenswert oder einer Schuld anfallenden Zahlungsströme.29 Die Institution Rechnungslegung wäre bei der Existenz vollkommener Kapi- talmärkte allerdings irrelevant, da die Marktpreise bereits alle Informatio- nen beinhalten. Es bleibt daher festzuhalten, dass Rechnungslegung nur deshalb relevant ist, weil die Welt in der Realität nicht perfekt ist und die bei Transaktionen realisierten Preise nicht zwangsläufig jenen Preisen entsprechen, die sich auf einem vollkommenen Markt ohne Friktionen er- geben hätten. Zur Beurteilung der Frage, ob die Fair Value-Bilanzierung eine vorteilhafte Wertkonzeption darstellt, ist es daher vonnöten, sich über die Existenz solcher Marktunvollkommenheiten im Klaren zu sein und sich über die Auswirkungen Gedanken zu machen.30 Dabei ist insb. auch die Theorie des Second Best zu beachten, die besagt, dass die Eliminierung einer Imperfektion in einer imperfekten Welt nicht zwangsläufig wohl- fahrtssteigernd wirken muss. Dies lässt sich auf die Fair Value- Bilanzierung derart übertragen, dass die eigentlich richtige Bilanzierung zu Marktwerten in einer Welt, in der die Märkte nicht perfekt sind, nicht unbe- dingt vorteilhaft sein muss.31

3.3.1 Potentielle destabilisierende Effekte bei illiquiden Märkten

Die derzeitige Situation an den Kapitalmärkten ist insbesondere für struk- turierte Produkte geprägt durch einen erheblichen Schwund an Marktliqui- dität. In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten hat sich für Situationen nachhaltiger Illiquidität in der ökonomischen Theorie ein Forschungsseg- ment etabliert, welches weitgehend auf der Theorie der unvollständigen Verträge aufbaut. Seine Ergebnisse sind dazu geeignet, eine kritische Be- urteilung der Marktbewertung in Krisenzeiten zu unterstützen.32

[...]


1 Vgl. Dobler/Kuhner (2009), S. 24 f.

2 Vgl. IASB Framework (1989), R. 10 u. 12.

3 Vgl. Hitz (2005), S. 1013 u. 1016.

4 Vgl. Plantin/Sapra/Shin (2008b), S. 436.

5 Vgl. IAS 39.9.

6 Vgl. Coenenberg /Haller/Schultze (2009), S. 259 f.

7 Vgl. IAS 39.43.

8 Vgl. Coenenberg/Haller/Schultze (2009), S. 263.

9 Vgl. IAS 39.45 f.

10 Vgl. Dobler/Kuhner (2009), S. 30.

11 IAS 39.9.

12 Vgl. IAS 39.A71 ff.

13 Vgl. Dobler/Kuhner (2009), S. 25.

14 §10 Abs. 1 S. 1 KWG.

15 Vgl. §2 Abs. 6 SolvV.

16 Vgl. §§ 10 Abs. 2 S. 3 u. 10 Abs. 2c S. 2 KWG.

17 Vgl. §10a Abs. 7 KWG.

18 Vgl. §315a Abs. 2 HGB.

19 Vgl. §10 Abs. 2 bis 2c KWG.

20 Vgl. §2 Abs. 1 KonÜV.

21 Vgl. Plantin/Sapra/Shin (2008a), S. 6 f.

22 Vgl. Zimmermann/Schymczyk (2009), S. 507 f.

23 Vgl. Verón (2008), S. 64.

24 Vgl. Rochet (2008), S. 97.

25 Vgl. Khan (2009), S. 2.

26 Vgl. Allen/Carletti (2008a), S. 358 f.

27 Vgl. Laux/Leuz (2009), S. 827.

28 Vgl. Allen/Carletti (2008a), S. 358 f.

29 Vgl. Allen/Carletti (2008b), S. 2.

30 Vgl. Plantin/Sapra/Shin (2008b), S. 435 f.

31 Vgl. Laux/Leuz (2009), S. 829.

32 Vgl. Dobler/Kuhner (2009), S. 32.

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Titel: Die Fair Value-Bilanzierung als Katalysator und Beschleuniger der Krise