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Hans Henny Jahnns "Medea" - Werkzeug zur Wiederherstellung göttlicher Ordnung

Seminararbeit 2003 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I ) Jason als Beispiel für Unordnung

II ) Frauen als Auslöser der Unordnung

III ) Medea, der Hermaphrodit
i ) Medea als Frau
ii )Medeas Wandlung
iii ) Medea bringt Ordnung

IV ) Die wiederhergestellte Ordnung

Schluss

Einleitung

Hans Henny Jahnns Drama Medea[1] liegt in mehreren Bearbeitungen vor: Eine Prosafassung von 1924 war lange verschollen. Publiziert wurde 1926 eine Versfassung, die von Jürgen Fehling in Berlin aufgeführt wurde, es gibt aber noch eine dritte Variante. Diese wurde von Jahnn selbst einer letzten Überarbeitung unterzogen und erschien anläßlich seines 65. Geburtstages 1959. Da sie am besten greifbar ist, wird sie in dieser Arbeit verwendet[2].

Der Mythos Medea ist ein Stoff, der über Jahrhunderte hinweg immer wieder neue Bearbeitungen erfahren hat. Die älteste erhaltene Version ist das gleichnamige Drama von Euripides (431 v. u. Z.). Es erzählt die Geschichte einer Frau, die von Eifersucht getrieben, ihre Konkurrentin mittels eines vergifteten Kleides tötet, die eigenen Kinder umbringt und dann zu einem anderen Mann, dem König von Athen, flieht. „La pièce est l’une des plus pathétiques d’Euripide, qui a peint avec une merveilleuse puissance la jalousie de Medée, et son trouble au moment de tuer ses enfants.“[3].

In Jahnns Drama Medea geht es jedoch nicht primär um die persönliche Rache einer betrogenen Frau, sondern um die Wiederherstellung einer göttlichen Ordnung.

Die „Unordnung“ in Medeas Welt läßt sich beispielhaft an der Figur Jason zeigen, der hier eben nicht der schillernde Held aus der antiken Sage um das goldene Vließ ist. Schuld daran ist das weibliche Prinzip bzw. Medea. Sie, die hermaphrodit dargestellte, ist es dann aber ebenfalls, die durch Ausleben ihrer männlich- destruktiven Charakterzüge die Verfehlungen der anderen sanktioniert, und damit für Ordnung sorgt.

Auch stilistisch erscheint die Unordnung immer wieder im Motiv der Gespaltenheit und Zerstückelung z.B. von Leichen, welches dem der Vollständigkeit gegenübergestellt wird.

I ) Jason als Beispiel für Unordnung

Die fehlende Ordnung in der Welt von Jahnns Medea läßt sich beispielsweise an der Figur Jason verdeutlichen. In Jahnns Texten ist es wichtig,

inwiefern die Verhaltensweisen der Figuren vorgeprägten Erwartungen entsprechen. Das absolut vorrangige Kriterium ist dabei die Übereinstimmung des Verhaltens der Figuren mit Geschlechterrollenstereotypen. (Die Kriterien des sozialen Rangs und der Rasse spielen ebenfalls eine gewichtige Rolle.)[4]

Jason ist jedoch nicht der strahlende Held der Sage, der in fernen Ländern fremden Königen das goldene Vlies abringt. Bei Jahnn ist er nicht nur auf die Hilfe einer Frau angewiesen, sondern wäre ohne sie sogar gestorben. So sagt Medea:

„ Durch eigne Kraft erkämpfte es sich Jason nicht.

Aus eigner Kraft nicht sät’er Drachenzähne.

Mit eigner Kraft nicht schlug er Eisenmänner.

Das Leben Jasons war fünfmal verwirkt.

Fünfmal vorm Sterben rettete

ihn einer Tempeljungfrau Liebe.“[5]

Auch seine Unsterblichkeit, und das aufgehaltene Altern (angeblich ein Effekt des Vlieses) sind nicht sein Verdienst, sondern von Medea herbeigezaubert: „daß ich mit meinem / Zauber dich gefeit, umfriedet / die Schönheit deines Leibes.- / Der Seele Bildnis, / dein Eigentum ist es, das du zerstören, / verfälschen kannst.- Du bist gealtert nicht!“[6]

Ihre Magie hat aber auch eine für Medea unangenehme Nebenwirkung. Sie sollte Jasons Jugend und damit seine Potenz erhalten, hat ihn dadurch aber zum „lustkranken Affen“[7]

gemacht. Er behauptet, daß er quasi willenlos ist und verlangt von Medea „Befreiung, Befreiung aus dem Joch, / in das (ihn) ungestalte Triebe spannen“[8]. Dennoch scheint er sehr wohl in der Lage zu sein überlegt zu handeln, denn er verzichtet darauf mit Medeas Bruder zu schlafen, als es um sein Leben geht (darauf werde ich später noch zurückkommen). Außerdem lügt er Medea an, wenn er behauptet, seine Potenz würde seinem Alter gemäß abnehmen: „Ich bin nicht schuld an deinen Leiden, / lieb ich dich doch ganz nach dem Maß / der fortgeschrittnen Jahre.“[9] List ist zwar sehr wohl zu den Tugenden eines antiken Helden zu rechnen, nicht aber wenn eher Aufrichtigkeit gegenüber einer liebenden Frau angebracht wäre. ( Medea: „In mir brennt noch das Licht, genährt durch Liebe“[10] ) Außerdem ist sie für Jason wohl eher ein Mittel, um seine Feigheit zu verstecken. Er sagt selbst über seine Gattin, daß er Angst vor ihr hat: „Ich wagt‘ es nicht, ich selbst, in ihrem / Traum sie zu berühren“[11] Und als er später Medeas Zorn zu fürchten hat, versteckt er sich feige im Palast des Königs („ als müßt er sich verbergen, so beharrlich / nimmt er in Anspruch Kreons Gastfreundschaft“[12] ).

Angst vor der Ehefrau zählt ebenfalls nicht zu den Eigenschaften, die man bei einem Helden erwarten würde. Besonderes Unheil aber stiftet Jasons fehlender Mut im Falle von Kreons Tochter, die vor seinen Augen verwest, denn hätte er „ vermocht, / zu küssen die Verwandelte, / gesundet wieder wäre sie“[13].

Abgesehen davon, daß Jason nicht dem Ideal des männlichen Helden entspricht, richtet er auch noch erhebliche Unordnung in der Welt der Halbgötter (in Medeas Familie) an.

Medea: „Wär niemals dieser Mann

nach Kolchis vorgedrungen, in finstrer Halle,

jungfräulich noch lebt‘ ich, tanzend

in schwarzer Säulenhalle, unverweslich,

des Helios Sproß, mit meinem Bruder.“[14]

Sein Auftauchen in Kolchis ist also der Grund dafür, daß Medea ihre Heimat aufgegeben hat. Außerdem hat er erheblich zum Tod ihres Bruders beigetragen. Sie hatte gehofft, Jason würde ihre Liebe zu ihrem Bruder teilen und ebenfalls mit ihm schlafen, muß dann aber beklagen, daß er, „der hundert Knaben liebte, den schönsten, / meinen Bruder blickte er nicht an“[15]. Als es dann darum geht, die Flucht der Argonauten zu ermöglichen, sieht sie keine andere Möglichkeit, als ihren Bruder zu opfern. Jason ist zwar nicht sein Mörder, aber „mit einem Wort hätt‘ er erretten können / das junge Leben“[16], sagt Medea und macht damit ihn verantwortlich für seinen Tod. Es ist immerhin der Enkel eines Gottes der zerstückelt wird. Dies, sowie die Todesart (das Motiv der Teilung) deuten wieder auf zunehmende Unordnung in der Welt Medeas hin.

Nicht nur hier sorgt von Jason verweigerte Zuwendung für Unheil. Sein jüngerer Sohn ist traurig, daß der Vater ihn nicht wie den Älteren liebt, wenn er über ihn sagt: „Er ist der Meistgeliebte unsres Vaters. / Und wessen Meistgeliebter soll ich sein?“[17] Er glaubt: „Mich / liebt die Mutter nur.“[18]

Auch seine Frau leidet darunter, daß er nicht mehr mit ihr schläft („Die Ehebettstatt meidest du, weil ich, / von Tränen überströmt, darin.“[19] ), weil sie nicht mehr so attraktiv ist wie früher: „ Mir willst du sagen, daß ich alterte / daß welk die Haut mir, weil Knaben prangen, / ich dir zuwider ganz und gar.“[20] Sie hat also nicht nur ihre Heimat aufgegeben, sondern auch Unsterblichkeit und ewige Jugend eingebüßt, um gebärfähig zu sein. Wieder ist die göttliche Ordnung durcheinander gekommen. Dafür spricht auch, daß Medea den Geist ihres Bruders aus dem Hades heraufbeschwört und Übelkeit verspürt, „wenn alle / Fesseln, die sie je durchriß sie wieder binden“[21]. Das deutet an, daß sie sich der Vergangenheit noch immer verbunden fühlt und daß scheinbar kein endgültiger Bruch mit der Götterwelt möglich ist.

Wenn Medea anfangs devot erscheint und alle ihre finsteren Vorahnungen vergißt, sobald Jason ihr eine Nacht verspricht, so ändert sich ihr Verhalten doch drastisch: Sie geht dazu über, ohne akute Lebensgefahr abwenden zu müssen ( wie auf der Flucht aus Kolchis), Menschen zu töten. Auch dieses geht auf Jason zurück, der nicht nur sie verschmäht und betrügt, sondern sich auch noch mit der Tochter von Kreon verlobt. Damit hat er einerseits seinem eigenen Sohn die Braut und andererseits Medea die Hoffnung genommen, wie es die Sitte gebietet, am Hochzeitsbett des Sohnes die Fackel zu halten.

Nachdem ihr Sohn sich geweigert hatte mit ihr zu schlafen, wollte sie sich auf diese Art an seiner Ganzheit erfreuen:

Was ich versuchte,

um noch spät die Früchte schmerzvoller

Geburt von deiner Schönheit abzupflücken,

mißlang und zeugte Widerwillen gegen

mich in dir. (...) Der Vater

erntete das Glück, das ich mir einst

erhoffte – und Zuflucht meiner heißen Wünsche

blieb die eine Nacht, in der ich,

dem Gesetz gehorchend, dir

und deiner Braut die Kerzen halte.

Die Nachricht von Jasons doppeltem Verrat verändert Medea: „Mir aber wird / die Kraft zum Häßlichen gegeben. / Die Macht zum Schönen ist verausgabt./ Und Schönheit, meinem Schoß entsprungen, / itzt am verfaulen ist sie auch.“[22] Erst durch Jasons Fehlverhalten wird sie also fähig zu morden. Außerdem deutet der Nachsatz darauf hin, daß möglicherweise die Unverletzlichkeit ihrer Söhne in Gefahr ist, was wiederum die Unordnung in dieser Welt erhöht.

[...]


[1] Medea (kursiv) meint den Titel, Medea (normal) die Hauptperson des Dramas

[2] sie ist z. B. bei Reclam erschienen

Hans Henny Jahnn: Medea. Stuttgart. 1996

[3] „Es ist eins der pathetischsten Stücke von Euripides, der darin mit besonderer Eindringlichkeit die Eifersucht Medeas und ihre Bestürzung beim Töten der Kinder beschreibt.“

Larousse du XX Siècle. Hrg. v. Paul Augé Bd. 4. Paris 1931. s.v. ‚Medée‘, S. 768

[4] Kai Stalmann: Geschlecht und Macht, Maskuline Identität und künstlerischer Anspruch im Werk Hans Henny Jahnns. Köln /Weimar /Wien 1998, S. 190

[5] Jahnn: Medea, S. 56 Z. 25ff

[6] Jahnn: Medea, S. 20 Z. 19ff

[7] Jahnn: Medea, S. 21

[8] Jahnn: Medea, S. 53 Z. 29f

[9] Jahnn: Medea, S. 19 Z.10ff

[10] Jahnn: Medea, S. 56 Z. 12

[11] Jahnn: Medea, S. 22 Z.25f

[12] Jahnn: Medea, S. 48 Z. 7f

[13] Jahnn: Medea, S. 67 Z.25ff

[14] Jahnn: Medea, S. 74 Z. 3ff

[15] Jahnn: Medea, S. 59 Z. 5f

[16] Jahnn: Medea, S. 59 Z. 10f

[17] Jahnn: Medea, S. 13 Z. 3f

[18] Jahnn: Medea, S. 6 Z. 37f

[19] Jahnn: Medea, S. 20 Z. 34ff

[20] Jahnn: Medea, S.19 Z. 27ff

[21] Jahnn: Medea, S. 23 Z. 9f

[22] Jahnn: Medea, S. 44 Z. 32ff

Details

Seiten
15
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640570041
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v147396
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,7
Schlagworte
Hans Henny Jahnn Medea

Autor

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Titel: Hans Henny Jahnns "Medea" - Werkzeug zur Wiederherstellung göttlicher Ordnung