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Der Körper und seine kulturellen Transformationen bei Kafka

Bachelorarbeit 2008 30 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Transformationen

3. Der Körper und seine Bedeutung bei Kafka
3.1. Kafkas Körperthematik im Spiegel der Forschung
3.1.1. Der symbolische und psychoanalytische Ansatz
3.1.2. Der soziologisch-anthropologische Ansatz
3.1.3. Der interpretationskritische und poststrukturalistische Ansatz
3.2. Der jüdische Patient Kafka
3.2.1. Kafka uns sein Körper

4. „In der Strafkolonie“
4.1. Exkurs: Der dreigeteilte Aufbau der Foltermaschine
4.2. Die Strafkolonie als Ort sexueller Obsession
4.3. Schreiben als Folter

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1. Quellen/Primärtexte
6.2. Verwendete Literatur

1. Einleitung

Ich schreibe anderes als ich rede,

ich rede anders als ich denke,

ich denke anders als ich denken soll

und so geht es weiter bis ins tiefste Dunkel.[1]

Ins tiefste Dunkel gerät man, wenn man sich mit Franz Kafka und seinem Werk beschäftigt, obwohl oder eben weil die Forschung dem Rezipienten unzählige Interpretationen zu Kafka und seinem Werk und damit eine Vielzahl von Deutungen anbietet. Kafka war Jude und so versäumt es auch kaum ein Autor, in seinen Interpretationen darauf hinzudeuten. Schließlich wird in der Literatur vielfach nach den Zusammenhängen seines jüdischen Daseins, mit seinem Art und Weise des Schreibens gesucht und eine erdrückende Vielzahl von Werken beschäftigt sich mit Kafkas Jüdischsein.

All diese Werke können jedoch noch keine endgültige Deutung und damit der Schlüssel zum Autor gewesen sein. Vielmehr sollte versucht werden, Kafka in Zukunft weiterhin neu zu lesen und zu interpretieren.

Beispiele hierfür sind Sander L. Gilman, Tina-Karen Pusse oder aber Robert Sell[2], die die Bedeutung des Körpers in den Vordergrund ihrer Kafka-Interpretation stellen und damit versuchen, sich neue Deutungswege zu bahnen. Um ein Verständnis für die Interpretation zu schaffen, werden in dieser Arbeit verschiedene Forschungsansätze angesprochen und in ihrer Anwendbarkeit beurteilt.

Es ist schwer genug, aus einer zeitlichen Distanz, die sich über fast einhundert Jahre erstreckt, einen Menschen und sein Schriftwerk zu deuten und zu verstehen, selbst wenn die Forschung zahlreiche Versuche für Lösungsvorschläge bereithält. Noch viel schwieriger ist es allerdings, eine einer selbst fast nur oberflächlich bekannten Religion, nämlich das Judentum, darin mit einzubeziehen. Aus diesem Grund wird auf das Judentum und seinen Einfluss auf Kafka in dieser Arbeit kaum eingegangen werden. Sicherlich wird es aber auch nicht ganz außer Acht gelassen werden können. Es erhält aber neue Rollen und Bedeutungen und stellt vielmehr den Zugang zu einer Deutung, als ihre eigentliche Basis dar. Folglich wird sich mehr mit den Stereotypen des Juden befasst, wie dem Charakter des „nervösen Juden“, als dass auf das häufig diskutierte Identitätsproblem eingegangen wird, welches aus Kafkas jüdischer Abstammung resultiert.[3] Wie schwierig eine religiös basierte Deutung im Übrigen ist, soll anhand der Eingangsseite zu Sander L. Gilmans Buch „Franz Kafka. The Jewish Patient“ verdeutlicht werden.

Kafka’s experience is too Jewish:

The writer Franz Kafka is not an Übermensch in Nietzsche’s sense of word, for as a Jew he has not yet transcended Christianity.

-from a recent study of Kafka published in Germany, Dagmar Fischer’s Der Rästelcharakter der Dichtung Kafkas (1985): 404.

Kafka’s experience is not Jewish enough:

Kafka emerged from an inner world and tried to get some grip on reality, and I came from a world of detailed, empirical reality, the camps and the forests At first I tried to run away from myself and from my memoirs, to live a life that was not my own. But a hidden feeling told me that I was not allowed to flee from myself and that I denied the experience of my childhood in the Holocaust I would be spiritually doomed.

-The israeli survivor/novelist Ahron Appelfeld in the words attributed to him in Phillip Roth’s novel, Operation Shylock: A Confession (1993): 56.

Kafka’s experience is Christian:

Kafka, however unmistakable the ethnic source of his ‘libelines’ and alienation, avoided Jewish parochialism, and his allegories of pained awareness take upon themselves the entire European-that ist to say predominantly Chrisitan-malaise.

-The great American WASP novelist, John Updike, in the introduction to The Complete Stories of Franz Kafka (1983): xx.

And then comes me.[4]

Aus diesen aufgeführten Gründen sollen der Körper und seine kulturellen Transformationen in Kafkas Werk in der folgenden Arbeit zum Thema gemacht werden. In dieser Bearbeitung wird auch die Sexualität nicht vernachlässigt, durch die der Körper Empfindungen auszudrücken vermag, die kaum ausgesprochen werden können und mit der Franz Kafka offenkundig große Probleme hatte. War er doch ein regelmäßiger Bordellgänger und gleichsam unfähig die Beziehung zu einer Frau langfristig aufrecht zu erhalten, wie Auszüge aus seinen Tagebüchern und Briefen an vielfachen Stellen belegen.

Der zentrale Punkt dieser Arbeit soll folglich die Frage sein wie der Körper womöglich das transportiert, was Kafka vor seinen Lesern und Rezipienten immer verstecken wollte. Schließlich tat Kafka stets alles, um Interpretation seines Werkes auszuweichen.[5]

Auf welchem Weg gelang das innerste Kafkas in Form von körperlichen Darstellungsweisen, z.B. Gesten, und der Körper als solches eventuell nach außen? Und wie wird der Körper auf diese Weise zum Ort einer kulturellen Transformation? Welche Probleme, mit denen er in seinem Leben nicht umgehen konnte, weil sie vielleicht nicht gesellschaftsfähig waren, z.B. eine ungewöhnliche Beziehung zur Sexualität, wandelt Kafka ins seinem Werk in körperliche Ausdrucksformen um?

Für einen Versuch der eigenen Beurteilung und Deutung des Körpers als Ort kultureller Transformationen, wird der Erzählung „In der Strafkolonie“ ein eigenes Kapitel gewidmet.

Weitere Texte Kafkas, wie „Der Proceß“, „Die Verwandlung“ oder „Wunsch, Indianer zu werden“, sowie Auszüge aus seinen Tagebüchern und Briefen werden in dieser Arbeit nur knapp oder auszugsweise behandelt werden. Andere Texte, wie z.B. die Romane „Das Schloß“ und „Der Verschollene“, werden völlig außer Acht gelassen, da sonst der Rahmen dieser Arbeit gesprengt werden würde.

Einführend soll zunächst kurz der Begriff der Transformation bezogen auf den Körper in Kafkas Werk erläutert werden. Anschließend werden die bereits angesprochenen Forschungsmeinungen bei Kafka anhand der entsprechenden Literatur vorgestellt. Dem folgt eine Interpretation der Strafkolonie, um die Schwierigkeiten der Deutung Kafkas und der Transformation von Körpern zu verdeutlichen.

2. Transformationen

Der Begriff der Transformation beschreibt dem lateinischen nach eine Umformung, oder allgemeiner die Veränderung und Umgestaltung der Gestalt, bzw. Form oder Struktur einer Sache oder eines Sachverhalts.

Verwandlungen, ein weiterer Begriff, der in Bezug auf den der Transformationen auftaucht, sind eine Konstante im Erzählwerk Kafkas und zumeist Anzeichen der Selbstentlarvung und Endfremdung. Gleichzeitig stellen sie aber auch eine Art Schutzfunktion des Individuums als Flucht vor dem eigenen Ich dar.[6]

Offenkundige Formen der Transformation im Werk Kafkas sind zum einen die Tierverwandlungen, zum anderen die Verdinglichungen.

Eines der bekanntesten Beispiele für die Verwandlung in ein Tier, ist ganz klar die des Gregor Samsa in einen Käfer, wie sie Kafka in die „Die Verwandlung“ beschreibt. Es finden sich aber auch in den weiteren Werken zahlreiche animalische Anspielungen auf eine Analogie zwischen Mensch und Tier. So wird Josef K. in „Der Proceß“ mal als „durstiges Tier“[7], ein anderes Mal als „ein Hund“[8] beschrieben. Man kann daher hier mit dem Vergleich eines Hundes Hilflosigkeit, Unterwürfigkeit und ein mangelndes Selbstwertgefühl assoziieren.[9] Ein weiteres Beispiel für die Transformation in einen Hund und damit in ein leicht zu konditionierendes, devotes Lebewesen, findet sich in der Strafkolonie:

Übrigens sah der Verurteilte so hündisch ergeben aus, daß es den Anschein hatte, als könnte man ihn frei auf den Abhängen herumlaufen lassen und müsse bei Beginn der Exekution nur pfeifen, damit er käme.[10]

In der Strafkolonie ist der als hündisch beschriebene Mensch, ähnlich dem Josef K., ein Verurteilter, was den Aspekt der Hilflosigkeit unterstreicht. Das Animalische ist aber immer auch eine Metapher für das Triebhafte. So zum Beispiel in „Der Verschollene“, wo der hündische Robinson ein tiefes Verlangen gegenüber Brunelda hegt und sie am liebsten abschlecken würde.[11]

Gegenüber den Tierverwandlungen steht die Transformation in eine Sache, die Verdinglichung[12]. Diese Verdinglichung findet, wie auch schon die Tierverwandlung, auch in der Strafkolonie statt, in der die Frau zur Maschine wird. Ein anderes Beispiel ist u.a. die Prüglerszene im Proceß[13]:

„Ich warte nicht mehr“, sagte der Prügler, fasste die Rute mit beiden Händen und hieb auf Franz ein, […] Da erhob sich der Schrei, den Franz ausstieß, ungeteilt und unveränderlich, er schien nicht von einem Menschen, sondern von einem gemarterten Instrument zu stammen, […].[14]

Auf diese Art und Weise der Verdinglichung gelingt es Kafka seine Figuren zu entmenschlichen[15] und emotional kalt wirken zu lassen, ähnlich einer Maschine.

3. Der Körper und seine Bedeutung bei Kafka

In Kafkas Textwelt nimmt die Beschreibung des Körpers eine zentrale Stellung ein, so dass sich dem Rezipienten durch eine Analyse dieser Körperthematik ein breiter Zugang zum Werk erschließt.[16] Im Folgenden sollen verschiedene Zugänge zu dieser Thematik dargelegt werden. Zum einen nach Robert Sell, der den Umgang innerhalb der Forschung mit Kafka und der Körperthematik zeigt[17], zum anderen nach Sander L. Gilman, der Kafka als „Jüdischen Patient“ bezeichnet und die äußeren Lebensumstände Kafkas und dessen biographischen Kontext auf sein Werk näher betrachtet.

3.1. Kafkas Körperthematik im Spiegel der Forschung

Nach Robert Sell werden im Folgenden drei verschiedene Interpretationsverfahren vorgestellt. Es handelt sich dabei in der Regel um sehr einseitige Auslegungen der Schriften Kafkas, die es zu bewerten und zu überprüfen gilt.

3.1.1. Der symbolische und psychoanalytische Ansatz

Der hier behandelte Interpretationsansatz steht im Zeichen der traditionell-hermeneutischen Definition, die ihren Bezugspunkt in der Historizität des Geschriebenen hat, also Kafkas Werk in einen historisch-kulturellen Kontext setzt und sich auf die Person des Autors für das Verständnis des Geschriebenen bezieht. Da das Werk auf biographische Ereignisse bezogen wird, tritt ein rein ästhetischer Blick auf den Text völlig in den Hintergrund. Für Kafka würde das bedeuten, dass sich die Körperdarstellung in seinem Werk anhand seiner eigenen Erfahrungen mit Körpern erklärt.[18]

Besonders bedeutend für diese Art der Interpretation ist Hartmut Binder mit seinem Buch „Kafka in neuer Sicht. Mimik, Gestik und Personengefüge als Darstellungsformen des Autobiographischen.“, erschienen 1976 in Stuttgart. Binder bezieht sich in seiner Interpretation ausschließlich auf das autobiographische Erlebnis Kafkas als Charakteristikum seiner Textentstehung, insbesondere auf „Die Verwandlung“ und „Das Schloß“.[19] Er geht von einer Einheit zwischen Kafkas Dichtungen und dessen Lebenszeugnissen aus und argumentiert auf der Grundlage einer „stillschweigenden Voraussetzung, dass sich die psychische Innenwelt in Gesicht und Gebärde manifestiere“[20].[21] Das Innere der Figuren in Kafkas Werk schlägt sich demnach auch immer in deren Körperbewegungen, insbesondere deren Handbewegungen nieder. Gesten werden also, ähnlich einer Gebärdensprache, zu Bedeutungsträgern.[22]

In einem sechs Jahre nach Binder erschienenem Text von Gerhard Kurz zeigt sich abermals wie einfach es ist, Kafkas Texten, die eigentlich auch autonom gesehen werden sollten[23], ein übergeordnetes Deutungsmuster aufzulegen.[24] Auch er sieht dieses Muster insbesondere in den Handbewegungen, die er Gebärdensprache nennt, als eine Veräußerlichung von Kafkas Innenwelt.[25]

[...]


[1] Franz Kafka: Briefe an Ottla und die Familie. Frankfurt/Main 1974. S. 21.

[2] Zu Gilman, Pusse und Sell werden folgende Texte im weiteren Verlauf der Arbeit von Bedeutung sein: Sander L. Gilman: Franz Kafka. The Jewish Patient, Tina-Karen Pusse: Sägen, Peitschen, Mordmaschinen. Sacher-Masoch und de Sade in Kafkas Terrarium und Robert Sell: Bewegung und Beugung des Sinns. Zur Poethologie des menschlichen Körpers in den Romanen Franz Kafkas.

[3] Beispiele für das Identitätsproblem Kafkas innerhalb der Forschung sind z.B.: Christoph Stölzl: Kafkas böses Böhmen, Giuliano Baioni: Kafka- Literatur und Judentum, Barbara Neymeyr: Konstruktion des Phantastischen und Karl Erich Grözinger: Kafka und die Kabbala, um nur einige wenige zu nennen.

[4] Gilman: Franz Kafka. The Jewish Patient, S. XI.

[5] Harold Bloom: Kafka, Freud, Scholem. Frankfurt/Main 1990, S. 12.

[6] Vgl. Sell: Bewegung und Beugung des Sinns, S. 173 f.

[7] Franz Kafka: Der Proceß. In der Fassung der Handschrift. Frankfurt/Main 2003, S. 39.

[8] Kafka: Der Proceß, S. 241.

[9] Vgl. Sell: Bewegung und Beugung des Sinns, S. 179 f.

[10] Franz Kafka: In der Strafkolonie. In: Ein Landarzt und andere Drucke zu Lebzeiten. Frankfurt/Main 1994, S. 161.

[11] Vgl. Sell: Bewegung und Beugung des Sinns, S. 180.

[12] Die „Verdinglichung“ ist hier nicht als marxistisches Phänomen gemeint, hier beschreibt es die Transformation menschlicher Züge und/oder Körper in Dinge/Gegenstände und könnte auch als Vergegenständlichung bezeichnet werden.

[13] Vgl. Sell: Bewegung und Beugung des Sinn, S. 181.

[14] Kafka: Der Proceß, S. 91.

[15] Vgl. Sell: Bewegung und Beugung des Sinns, S. 181.

[16] Ebd., S. 18.

[17] Robert Sell selbst versucht sich an einer textimmanenten Interpretation, die die Lebensumstände Kafkas versucht außen vor zu lassen, da nach ihm die Texte in ihren gattungsmäßigen Ausprägungen eine künstlerische Eigenständigkeit besitzen. Das gilt nicht nur für die Romane und Erzählungen, sondern auch für die Briefe und Tagebücher, die man kaum in fiktionale und authentische Schriften unterteilen kann (Siehe Sell: Bewegung und Beugung des Sinns, S. 30 f.).

[18] Vgl. Sell: Bewegung und Beugung des Sinns, S. 32 f.

[19] Ebd., S. 36.

[20] Ebd., S. 37, zitiert nach Hartmut Binder: Kafka in neuer Sicht. Mimik, Gestik und Personengefüge als Darstellungsformen des Autobiographischen. Stuttgart 1976.

[21] Ebd., S. 37.

[22] Ebd., S. 37 f.

[23] Wie es Robert Sell in „ Bewegung und Beugung des Sinns “ verlangt.

[24] Ebd., S. 39.

[25] Vgl. Gerhard Kurz: Traum-Schrecken. Kafkas literarische Existenzanalyse. Stuttgart 1980, S. 186.

Details

Seiten
30
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640576975
ISBN (Buch)
9783640576562
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v147044
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
2,3
Schlagworte
Kafka Körper Strafkolonie Thema Kafka Interpretationen
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Titel: Der Körper und seine  kulturellen Transformationen bei Kafka