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'Yes we can' – Der Topos des politischen Wandels und seine mediale Vermittlung in der Web 2.0-Kampagne von Barack Obama

Bachelorarbeit 2009 46 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: Zunehmende Bedeutung des Internets – Web 2.0
1.1. Bedeutungszunahme in den Vereinigten Staaten von Amerika
1.2. Bedeutungszunahme in den Kulturwissenschaften und in der Politik

2. Der Internetwahlkampf in der Theorie
2.1. Vorteile des Internetwahlkampfes
2.1.1. Flexibilität, Aktualität und Kosten
2.1.2. Kollektive Willensbildung
2.1.3. Partizipation und mehr Demokratie
2.2. Nachteile des Internetwahlkampfes
2.2.1. Manipulation von Internetdiensten
2.2.2. Große Kluft zwischen Internetnutzern und Nichtnutzern: digital divide

3. David Axelrods Wahlkampfkampage für Barack Obama: Wandel mit Hilfe des Internets – Partizipation, mehr Demokratie und Erreichen der jungen Wähler

4. Positive Auswirkungen der Internetpräsenz auf den Wahlkampf von Barack Obama
4.1. Beschaffung von Finanzmitteln im Internet
4.2. Zunahme der Begeisterung für den Wahlkampf
4.2.1. Nationale Begeisterung
4.2.1.1. Freiwillige Helfer
4.2.1.2. Wahlbeteiligung und Wählergruppen
4.2.2. Internationale Begeisterung
4.3. „Fight the smears“ – offensive Gegenwehr

5. Negative Auswirkungen der Internetpräsenz auf den Wahlkampf von Barack Obama
5.1. Manipulation von Internetdiensten: Hacker schaden Barack Obama
5.2. Das Internet vergisst nichts
5.3. Kritik auf der eigenen Internetplattform

6. Die Internetpräsenz von Barack Obama
6.1. Die Internetseiten
6.1.1. www.barackobama.com – offizielle Homepage während der Wahlkampagne 2008
6.1.2. www.change.gov – Übergangshomepage: von der Wahl zur Amtseinführung
6.1.3. www.obamaforchange.com – offizielle Homepage für Merchandising
6.1.4. www.whitehouse.gov – offizielle Homepage des Präsidenten
6.2. Die wichtigsten sozialen Netzwerke und Videoportale
6.2.1. Facebook – www.facebook.com/barackobama
6.2.2. My Space – www.myspace.com/barackobama
6.2.3. YouTube – www.youtube.com/barackobama
6.2.4. Twitter – www.twitter.com/barackobama
6.2.5. MyBo – www.mybarackobama.com

7. Orientierung deutscher Politiker an Barack Obamas Internetkampagne

8. Fazit: Der Erfolg Obamas und der politische Wandel durch das Internet

9. Verzeichnis der verwendeten Literatur sowie Internet- und Bildquellen
9.1. Literatur
9.2. Internet- und Bildquellen
9.3. Die Internetseiten, sozialen Netzwerke und Videoportale von Barack Obama

1. Einleitung: Zunehmende Bedeutung des Internets – Web 2.0

Im Jahr 1989 erfand der britische Informatiker Tim Berners-Lee das World Wide Web und leitete somit die Nutzung des Internets, eine Abkürzung für interconnected networks, für die gesamte Weltbevölkerung ein. Bereits vier Jahre später wurde das World Wide Web allen Menschen zugänglich gemacht und das Zeitalter des Onlinesurfens begann (vgl. Schmalz 2008, 170-171). Von diesem Moment an waren auch Laien in der Lage, Daten digital und weltweit zu transferieren und das Internet etablierte sich in den folgenden Jahren fest in der Gesellschaft.

Mit Beginn des 21. Jahrhunderts entwickelte sich das Internet zum Massenmedium: Während kurz nach dem Jahrtausendwechsel weltweit etwa 400 Millionen Menschen das Internet nutzten, hatten im Jahr 2007 schon mehr als 1,3 Milliarden Menschen Zugang zum World Wide Web (vgl. Bosch 2008, 32). „Seit das Internet das ARPA-Net abgelöst hat und seitdem digitales Breitband erlaubt, größere Datenmengen zu übertragen, wachsen die Zahlen der Internetprovider und -User sprunghaft“ (Schmalz 2008, 171). Heutzutage ist das Internet ein wichtiges Medium, das in allen Bereichen genutzt wird und auf das nicht mehr verzichtet werden kann.

Vor einigen Jahren wurde der Begriff „Web 2.0“ eingeführt, der eine neue Phase des Internets beschreibt:

„Der Begriff wurde während einer Brainstorming-Sitzung erfunden und bezeichnete die Veränderungen, die das Web im Vergleich zur frühen Internetphase, dem Dot-Com-Boom in den 90er Jahren, erfuhr. 2004 wurde er mit der ersten ‚Web 2.0 Conference’ in Kalifornien publik. ‚2.0’ ist eine Versionsbezeichnung, genutzt in der Softwareentwicklung. Sie verdeutlicht im übertragenen Sinn den Reifegrad, den das neue Web gewonnen hat. Insofern macht sie auch deutlich, dass es sich um eine Entwicklungsstufe in einem fortschreitenden Prozess handelt“ (Knappe 2007, 17).

Beim Web 2.0 steht der Internetnutzer im Zentrum und das Internet dient als Informations-, Unterhaltungs- und Kommunikationsplattform. Durch Blogs, soziale Netzwerke, Photo- und Videoportale oder Verkaufsforen entwickelte sich das Internet zu einem Kommunikationsmittel, das ohne die aktive und interaktive Mitwirkung der Anwender nicht existieren könnte. Einen weiteren wichtigen Bereich stellen die Suchmaschinen dar: „Heute liegt die Herausforderung des Internets nicht mehr darin, online Informationen zu recherchieren, sondern darin, die richtigen Informationen in kürzester Zeit zu finden“ (Schmalz 2008, 173). Betrachtet man den Einfluss des Internets, das sich durch schnelle Übertragungsgeschwindigkeit, simple und kostengünstige Handhabung sowie weltweite Verbreitung auszeichnet, kann man von einer tief greifenden Revolution des Mediensektors sprechen (vgl. Schmalz 2008, 174).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 zeigt, dass auf dem europäischen Kontinent, auf dem circa 800.000.000 Menschen leben, knapp die Hälfte von ihnen (48 Prozent) das Internet nutzt. In Afrika haben lediglich 5,6 Prozent der Bevölkerung Zugang zum World Wide Web. Prozentual gesehen sind Nordamerikaner am häufigsten online, denn fast 75 Prozent von ihnen nutzen das Internet regelmäßig (vgl. Internet World Stats I). Abbildung 1

Die folgende Arbeit geht zunächst auf die zunehmende Bedeutung des Internets in den Vereinigten Staaten sowie in den Kulturwissenschaften und in der Politik ein. Anschließend wird der Internetwahlkampf in der Theorie anhand von Vor- und Nachteilen vorgestellt. Basierend auf diesem theoretischen Teil wird David Axelrods Wahlkampagne für Barack Obama dargelegt. In diesem Zusammenhang ist der Begriff change besonders wichtig. Des Weiteren wird auf die positiven und negativen Auswirkungen der Internetpräsenz des jetzigen Präsidenten auf seinen Wahlkampf eingegangen. Anschließend werden die wichtigsten Internetseiten, sozialen Netzwerke und Videoportale von Barack Obama analysiert. Des Weiteren soll die Vorreiterrolle Obamas dargelegt werden und gezeigt werden, dass sich deutsche Politiker an seiner Internetkampagne orientieren. Abschließend werden der Erfolg Obamas und der politische Wandel durch das Internet zusammengefasst.

1.1. Bedeutungszunahme in den Vereinigten Staaten von Amerika

Millionen von Amerikanern nutzen täglich das Internet, um miteinander zu kommunizieren und um sich zu informieren oder weiterzubilden. Das Internet dient ihnen zudem als virtueller Marktplatz, auf dem man Angebot und Nachfrage bequem und schnell vergleichen kann. Längst ist das Web in allen Lebensbereichen etabliert. „55 Prozent der US-Bürger haben heute einen Breitband-Internetanschluss, doppelt so viele wie noch 2004“ (Talbot). In China leben zwar mittlerweile mehr Menschen, die regelmäßig online sind, als in den Vereinigten Staaten , allerdings gibt es prozentual gesehen weltweit nirgends so viele Internetnutzer wie in den USA. „Die Marktführerschaft [Chinas] bezieht sich […] lediglich auf die Zahl der Internetnutzer. Bezogen auf Umsatz, Inhalt und Werbeausgaben ist die USA nach wie vor ungeschlagen“ (Worldsites).

In den Jahren 2007 und 2008 nutzten fast drei Viertel der US-Amerikaner das Internet regelmäßig (vgl. Kleinsteuber 2008, 327). Abbildung 2 zeigt, dass sich Ende 2008 etwa 40 Prozent der US-Amerikaner primär online über aktuelle Ereignisse informierten. Hierbei ist zu beachten, dass sich die Zahl seit 2003 verdoppelt hat. Somit hat das Internet die gedruckte Presse überholt, die stetig an Lesern verliert. Lediglich das Fernsehen gilt als wichtigere Informations-quelle – allerdings sinkt auch hier die Zahl der Zuschauer, die im Jahr 2002 einen Höchststand von 82 Prozent der US-Amerikaner erreichte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Betrachtet man die Informationsquellen für US-Amerikaner unter 30 Jahren (Abbildung 3), lässt sich feststellen, dass das Internet und das Fernsehen gleichauf liegen. In den letzten beiden Jahren hat der Einfluss des Internets als Medium für nationale und internationale Nachrichten für 18- bis 29-Jährige stark zugenommen, während das Fernsehen in dieser Altersgruppe leicht an Einfluss verloren hat. Sollten sich die Zahlen weiterhin so entwickeln, ist davon auszugehen, dass das Internet in der Zukunft zum wichtigsten Medium in den USA wird. Abbildung 3

1.2. Bedeutungszunahme in den Kulturwissenschaften und in der Politik

In den Kulturwissenschaften werden die Medien als Mittler zwischen den Menschen und der Welt und als Instrumente zur Gestaltung der Welt verstanden.

„Diese Definition als Mittler reicht aber nicht aus, sie ist sogar irreführend. Denn indem Medien zwischen Menschen und Welt vermitteln, bringen sie die Welt und den Menschen zugleich erst eigentlich hervor. Medien sind deshalb produktive Instrumente der Weltgestaltung und Welthervorbringung, Konstrukteure der Wirklichkeit und damit auch des Menschen […]“ (Assmann 2006, 55).

Das Internet ist eines der modernsten und immer wichtiger werdenden Medien. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat das Web auch in den Kulturwissenschaften an Bedeutung gewonnen. Der Germanist und Medienwissenschaftler Gabriel fragte im Jahr 1997, wozu man das Internet in den Kulturwissenschaften nutzen könnte. Er stellte daraufhin fest, dass das Internet den Kulturwissenschaftlern als Hilfsmittel dient, und zwar sowohl hinsichtlich der Beschaffung von Informationen als auch hinsichtlich der Recherche von Literatur (vgl. Gabriel 1997, 118). Seit Mitte der 90er Jahre lässt sich ein reziprokes Verhältnis zwischen der vermehrten Verwendung des Internets und den Kulturwissenschaftlern feststellen, denn wie bereits erwähnt geht die Kulturwissenschaft davon aus, dass die Medien – und somit auch das moderne World Wide Web – die Welt gestalten: „Alles, was über die Welt gewußt, gedacht und gesagt werden kann, ist nur in Abhängigkeit von den Medien wißbar, denkbar und sagbar, die dieses Wissen kommunizieren. […]“ (Assmann 1990, 2). Nach Aleida und Jan Assmann sind die Medien also unabdingbar.

Heutzutage spielen Medien in allen Bereichen, wie beispielsweise in der Wirtschaft oder der Politik, in der sie auch als Vierte Gewalt bezeichnet werden, eine immer wichtigere Rolle. Folglich werden die Medien und vor allem der Computer und das Internet immer mehr strategisch angewandt. An den Kulturwissenschaften geht diese Entwicklung nicht spurlos vorbei, denn „der Computer […] ist schließlich zum Hyper-Medium geworden, in dem sämtliche Darstellungsformen und -formate der Kulturgeschichte aufgehoben sind: Bild, Schrift, Photographie, Film, Stimme und Klang“ (Assmann 2006, 85). Vielmehr erfinden Kulturwissenschaftler Analyseinstrumente, um diese Entwicklung genauer zu beobachten.

Weil die Medien eine immer wichtigere Rolle in der Politik einnehmen, untersuchen Wissenschaftler in den USA beispielsweise „alle Aspekte der Öffentlichkeitsarbeit der politischen Verantwortlichen, insbesondere des Präsidenten […], sowie die Bedeutung der Medien in den Wahlkämpfen“ (Kleinsteuber 2008, 330). Zwischen den Medien und der Politik herrscht eine Art Spannungsverhältnis, da beide voneinander abhängig sind und sich gegenseitig steuern. In der politischen Kommunikation agieren politische Organisationen, Medien und Bürger. „All diese Akteure sind bei der Verfolgung ihrer Interessen aufeinander angewiesen“ (Vowe 2008, 256). Als immer wichtiger werdendes Medium ist das Internet in diesem Zusammenhang von besonders großer Bedeutung. So wurde im US-amerikanischen Wahlkampf 1996 das Internet zum ersten Mal intensiv eingesetzt. „Die meisten Kandidaten boten umfassende Informationen zur Person und Programmatik auf ihren homepages an und beantworteten dort Anfragen interessierter Wählerinnen und Wähler“ (Kleinsteuber 2008, 333).

Im heutigen politischen Geschehen und vor allem während der Wahlkämpfe ist der Einfluss des Internets von großer Bedeutung. Vor allem in den Vereinigten Staaten nimmt ein Wahlkampf enorme Ausmaße an, was beispielsweise an der Wahlkampagne von Barack Obama beobachtet werden konnte. Bevor aber auf dessen Wahlkampfkampagne eingegangen werden kann, wird im folgenden Kapitel der Internetwahlkampf in der Theorie dargestellt.

2. Der Internetwahlkampf in der Theorie

Im folgenden Kapitel werden die Vor- und Nachteile des Internetwahlkampfes in Hinblick darauf vorgestellt, dass „Wahlkämpfe […] Kommunikationsereignisse [sind], in denen sich die Interaktion zwischen Parteien und Wählern verdichtet“ (Klingemann 1998, 396).

2.1. Vorteile des Internetwahlkampfes

Gegenüber dem traditionellen Wahlkampf, bei dem sich Politiker mit Hilfe von Fernsehen, Zeitungen und Radio präsentieren, um den angestrebten politischen Posten zu erhalten, bietet der moderne Internetwahlkampf, der seit Beginn des 21. Jahrhunderts immer wichtiger und einflussreicher wird, einige Vorteile: „[…] das Internet gewinnt immer mehr an Bedeutung und macht den Wahlkampf schneller, effektiver, billiger und interaktiver“ (Schwerin). Zuerst soll dargelegt werden, wie flexibel, aktuell und kostengünstig die politische Kommunikation im Internet ist.

2.1.1. Flexibilität, Aktualität und Kosten

Die wichtigste Aufgabe beim Wahlkampf liegt in der Werbung für die Partei und das Parteiprogramm beziehungsweise den Kandidaten. Die politische Kommunikation findet zwischen Politik, Bürgern und Medien statt. Im traditionellen Wahlkampf dienen vor allem das Fernsehen, die gedruckte Presse und das Radio der politischen Kommunikation und der Präsentation der politischen Organisationen. Im modernen Wahlkampf sind diese Medien keineswegs zu vernachlässigen, aber das Internet wird mittlerweile immer mehr von Parteien und Politikern als Medium genutzt, um die Bürger zu erreichen und um zu werben. Dies hat folgende Gründe:

Erstens ist das Internet wesentlich flexibler als das Fernsehen, die gedruckte Presse und der Hörfunk. Internetnutzer können zu jeder Tageszeit an einem beliebigen Ort mit Internetverbindung online gehen und sind somit immer in der Lage, sich über die neuesten Entwicklungen zu informieren oder mit anderen Internetnutzern Meinungen in Foren auszutauschen und zu diskutieren.

Zweitens zeichnet sich das Internet durch Schnelligkeit und Aktualität aus. Nachrichten und neue Informationen können unverzüglich online bereitgestellt werden und somit bringt das Internet den Nutzer viel schneller auf den aktuellen Stand der Dinge als andere Medien. Das Radio und das Fernsehen sind zwar auch in der Lage, schnell auf Neuigkeiten und Ereignisse zu reagieren, sind aber in der Regel nicht immer so ausführlich und informativ wie das Netz. Vor allem die gedruckte Presse ist im Vergleich zum Web sehr langsam

Ein weiterer Vorteil des Internets besteht hinsichtlich der Kosten. Normalerweise sind die Werbekosten für Parteien und Politiker in den traditionellen Medien sehr hoch. Zum Beispiel sind Fernsehauftritte sehr teuer. In den Vereinigten Staaten werden beispielsweise fast 70 Prozent des kompletten Wahlbudgets für die Werbung und Präsentation im Fernsehen ausgegeben, die fast immer kostenpflichtig sind (vgl. Bosch 2008, 75). Werbung im Internet hingegen, beispielsweise auf eigenen Homepages oder durch soziale Netzwerke, ist sehr viel kostengünstiger – teilweise sogar kostenfrei.

Sehr viele Menschen informieren sich im Internet. Wie bereits erwähnt, beziehen beispielsweise in den USA ungefähr 40 Prozent der Bürger ihre Nachrichten aus dem Netz. In Deutschland informieren sich 29 Prozent der Bürger online über politische Nachrichten – Tendenz steigend. Bei deutschen Bürgern unter 30 Jahren ist die Zahl sogar doppelt so hoch (vgl. Initiative ProDialog 2-3). Zwar dürfen die anderen Medien keinesfalls vernachlässigt werden, denn das Internet ist noch immer ein junges Medium und noch lange nicht in allen Altersgruppen die beliebteste Informationsquelle, allerdings stellt das Web durch die oben genannten Vorteile ein sehr wichtiges und immer beliebteres Medium für die Politik dar.

Ein weiterer Vorteil des Internetwahlkampfes liegt in der kollektiven Willensbildung, die durch das World Wide Web erleichtert wird.

2.1.2. Kollektive Willensbildung

„Unter dem Begriff ‚kollektive Willensbildung’ versteht man […] die Formung eines kollektiven Willens aus […] natürlichen Einzelwillen […] durch Zusammenfassung der entsprechenden Willensäußerungen“ (Schulz 2005, 58). Die kollektive Willensbildung läuft in den folgenden vier Schritten ab: Zuerst müssen Informationen bereitgestellt werden, dann folgt die Aufnahme dieser Informationen. Im Anschluss an diese Rezeption wird kommuniziert und diskutiert und schließlich findet eine Abstimmung oder eine Wahl statt. Betrachtet man Themen oder Fragen aus der Politik, lässt sich feststellen, dass diese Entwicklung normalerweise zuerst innerhalb politischer Organisationen wie Parteien, Interessensgruppen oder Verbänden abläuft oder von den Medien angestoßen wird. Die ersten drei Schritte des Prozesses spielen so zusammen, dass ein Markt für politische Informationen entsteht. Dieser Markt bildet die Grundlage für den vierten Schritt (vgl. Becker 2-3).

Neben den traditionellen kollektiven Entscheidungsmechanismen kommen neue Möglichkeiten der Willensbildung auf, wie beispielsweise durch das Internet. In Bezug auf das Internet und die kollektive Willensbildung stellt sich die Frage, inwieweit das World Wide Web politische Willensbildungsprozesse beeinflussen und vor allem bereichern und erleichtern kann. Die politischen Organisationen, von denen politische Fragestellungen ausgehen, nutzen das Internet zur Informationsverbreitung. „Das Angebot politisch relevanter Informationen im Internet kann jedoch nur dann Einfluss auf die kollektive Willensbildung haben, wenn es von einer ausreichend großen Zahl von Bürgern rezipiert wird“ (Becker 47). Die Informationen müssen von weiten Teilen der Bevölkerung aufgenommen werden. Der wichtigste Bestandteil der kollektiven Willensbildung liegt in der Politikwissenschaft jedoch in der Kommunikation und Diskussion:

„Das Verständnis von kollektiver Willensbildung als Austausch von Meinungen auf individueller Ebene entstammt […] insbesondere der Politikwissenschaft, die die Kommunikation zwischen den verschiedenen Akteuren in den Vordergrund ihrer Untersuchungen stellt“ (Becker 3).

Während des dritten Schritts kann sich der Internetnutzer nochmals über seine Meinung klar werden. Er setzt sich mit seiner eigenen Einstellung, aber auch mit den Ansichten anderer Nutzer und Diskussionsteilnehmer auseinander. Oftmals muss er Kritik hinnehmen, doch durch eine Diskussion entstehen eventuell auch neue Ideen oder Lösungsansätze. Da die Diskussion der wichtigste Schritt des Prozesses ist, sind die Vorteile der Internetdiskussion besonders wichtig:

„Der Vorteil von Online-Diskussionen besteht im Wesentlichen darin, dass sowohl zeitlich als auch räumlich weit verstreuten Teilnehmern die Partizipation ermöglicht wird. Anders als bei traditionellen Diskussionen müssen sich die Teilnehmer nicht mehr zu einer bestimmten Zeit an einem festgelegten Ort einfinden“ (Becker 48).

Im Internetwahlkampf stellen Politiker beziehungsweise politische Organisationen Informationen über die Partei, das Parteiprogramm und den Kandidaten im Web bereit. Diese Informationen werden von den politisch interessierten Internetnutzern gelesen und verarbeitet. Anschließend bietet das Internet Diskussionsforen, in denen unterschiedliche Meinungen zu den Parteien und Politikern ausgetauscht werden können und in denen sich neue Lösungen und eine kollektive Meinung herausbilden. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Web eine wichtige Rolle im Prozess der kollektiven politischen Willensbildung spielt. Das Internet bietet eine sehr gute Informationsplattform und dadurch, dass immer mehr Menschen das Internet nutzen, nehmen auch weite Teile der Bevölkerung die Informationen auf und können am dritten Schritt der kollektiven Willensbildung teilnehmen. Die Online-Diskussion bietet gegenüber der traditionellen Diskussion mehr Flexibilität und ist einfacher und wird deshalb oftmals bevorzugt. Das Internet stellt einen neuen Mechanismus für die kollektive Willensbildung dar und vereinfacht die Interaktion zwischen Parteien und Wählern im Web.

2.1.3. Partizipation und mehr Demokratie

Das Internet ermöglicht eine größere Partizipation an den politischen Geschehnissen. Aus diesem Grund wird oft von einer zunehmenden Demokratisierung durch das Web gesprochen: „Jeder kann sich an allen Kommunikationsprozessen beteiligen – unabhängig von Hierarchie oder institutionellen Anbindungen. Für viele Macher und Nutzer des Netzes bedeutet das die Demokratisierung der Informations- und Medienwelt“ (Meckel 2008, 19).

Wie bereits erwähnt, bietet das Internet Informationen und fördert eine Meinungsbildung der Internetnutzer. Zudem ist durch die Interaktivität eine direkte Kommunikation unter den Nutzern und sogar mit den Politikern möglich:

„Die Bürger/Bürgerinnen können sich beispielsweise mit ihren Anliegen direkt an die Parteien, Parlamente, Verwaltungen oder auch ihre Abgeordneten wenden; sie können den Chat in (Partei-)Foren suchen oder aber mit Gleichgesinnten in lose strukturierten virtuellen Gemeinschaften politische Themen diskutieren“ (Hoecker 2002, 40).

Laut Hoecker erhält somit der einzelne Bürger mehr Gewichtung im politischen Geschehen, denn das Bewusstsein für die Demokratie wird größer und die Bürger spüren eine größere Verantwortung (vgl. Hoecker 2002, 40). Außerdem bietet das Internet im Gegensatz zu Zeitungen, die nur einen bestimmten Platz für bestimmte Artikel zur Verfügung haben, zu Fernsehprogrammen, die nur eine bestimmte Sendezeit anbieten, und zu zeitlich begrenzten Radiosendungen ein großes Maß an Unabhängigkeit und Redefreiheit. Das Internet ist durch einen freien Informationsfluss gekennzeichnet und nicht durch Ungleichheiten wie das Fernsehen, die gedruckte Presse und der Hörfunk (vgl. Leadbeater 2009, 172-173). Durch die stärkere Partizipation und das große Maß an Freiheit wird die Interaktion der Politiker mit den Bürgern enorm verstärkt und es ist mehr direkte Demokratie möglich.

2.2. Nachteile des Internetwahlkampfes

Der Wahlkampf im Internet bietet neben den dargelegten Vorteilen jedoch auch einige Nachteile. Ein Nachteil liegt beispielsweise in der Manipulation von Internetdiensten. Auch die große Kluft zwischen Internetnutzern und Nichtnutzern stellt einen Nachteil dar.

2.2.1. Manipulation von Internetdiensten

Seit Beginn des Internetzeitalters gibt es so genannte Hacker. Hacker sind Personen, die ohne Erlaubnis in fremde Computersysteme einbrechen, indem sie Sicherheitslücken suchen und nutzen. Hacker verbreiten beispielsweise Viren oder Würmer, die fremde Computersysteme angreifen und im schlimmsten Fall lahm legen. Dieses Problem kann sowohl auf privaten Computern als auch auf Rechnern, die beruflich verwendet werden, auftauchen. Hacker können selbstverständlich auch Politikern Schaden zufügen.

Politiker haben sicherlich viele Gegner und sind deshalb besonders häufig von Internetmanipulationen betroffen. Das Problem der Manipulation von Internetdiensten tritt in politischer Hinsicht besonders bei Wahlkämpfen auf, da die Politiker in der Wahlphase ständig beobachtet werden und ihnen keine Fehler unterlaufen dürfen. So ist es beispielsweise möglich, dass die Homepages und die Seiten der sozialen Netzwerke von Politikern manipuliert werden. Diese Manipulationen können zum Beispiel in Form von Verleumdungen oder Fehlinformationen auf den Internetseiten des Geschädigten auftreten.

2.2.2. Große Kluft zwischen Internetnutzern und Nichtnutzern: digital divide

Ein weiteres Problem des Internetwahlkampfes liegt im digital divide. Untersuchungen haben ergeben, dass es zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen verschiedene Nutzungsmöglichkeiten des World Wide Webs gibt. Es ist eine große Kluft zwischen Internetnutzern und Nichtnutzern vorhanden. Zwar nimmt diese Kluft mit der immer stärkeren Verbreitung des Internets stetig ab, allerdings ist sie noch immer nicht zu vernachlässigen. Allgemein lässt sich feststellen, dass vor allem ältere Menschen und Personen mit einem geringeren Bildungsabschluss weniger häufig das Internet nutzen (vgl. Becker 18-48). Dadurch, dass nicht alle Bevölkerungsgruppen Zugang zum Internet haben, wird Teilen der Bevölkerung die durch das Web mögliche Partizipation und die Chance auf direkte Demokratie versagt. Für gewisse Bevölkerungsgruppen entsteht somit ein Nachteil durch den intensiven Internetwahlkampf.

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Details

Seiten
46
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640576951
Dateigröße
695 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v147010
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – FASK Germersheim
Note
1,7
Schlagworte
Barack Obama Web 2.0 politischer Wandel Internet Internetwahlkampf Wahlkampf USA Yes we can soziale Netzwerke social media twitter facebook online youtube
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Titel: 'Yes we can' – Der Topos des politischen Wandels und seine mediale Vermittlung in der Web 2.0-Kampagne von Barack Obama