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Der Erwerb der Geschlechtsidentität aus psychoanalytischer Sicht

Seminararbeit 1997 13 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhalt

1.EINLEITUNG

2.GRUNDANNAHMENUNDZENTRALEBEGRIFFE
2.1.DIEPSYCHISCHENINSTANZEN:ES, ICH,ÜBER-ICH
2.2.DIETRIEBLEHRE
2.3.PHASENDERPSYCHO-SEXUELLENENTWICKLUNG

3.ÖDIPALESITUATIONUNDGESCHLECHTSIDENTITÄT
3.1.VERLAUFSLINIENBEIMKNABEN
3.2.VERLAUFSLINIEBEIMMÄDCHEN
3.3.DIEPSYCHISCHENFOLGENDESANATOMISCHENGESCHLECHTSUNTERSCHIEDS
3.4.FEMINISTISCHETHEORIENJENSEITSVONFREUD

4.FAZIT

5.LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

In meiner Hausarbeit über den Erwerb der Geschlechtsidentität in psychoanalytischer Sicht beziehe ich mich auf das Kapitel 2.2. aus dem Buch "Sozialisationstheorien“ von Klaus-Jürgen Tillmann. Er wiederum versucht, die Psychoanalyse Freuds (1856-1939) anhand der folgenden Ausführungen zu beschreiben und sie auf ihren sozialisationstheoretischen Gehalt zu untersuchen. Daß der Erwerb der Geschlechtsidentität einen der wichtigsten Aspekte der Sozialisation darstellt, steht außer Frage. Doch wie beschreibt ein Psychoanalytiker eine solche Entwicklung? Tillmanns Meinung nach dürfte den Sozialisationstheoretiker in diesem Zusammenhang mehr die Struktur des Subjekts und seine Entwicklungsdynamik als die Therapie interessieren, obwohl Freud die Psychoanalyse aus der Medizin heraus als Heilmethode für psychische Erkrankungen begründet hat. Tillmann glaubt, daß Freud damit eine Vorstellung der menschlichen Psyche entworfen hat, weshalb seine Theorie auch als Subjekttheorie bezeichnet wird.

Einleitend beschreibt Tillmann, wie Freud sich der Problematik des Zusammenhangs zwischen Kindheitserlebnissen und neurotischen Symptomen seiner erwachsenen Patienten nähert. Zu diesem Zweck hat er sich nämlich intensiv mit der psychischen Entwicklung in den ersten sechs Lebensjahren beschäftigt. Auf diese Weise rekonstruierte er die Kindheitserfahrungen, um Interaktionsprozesse zwischen Eltern, Kind und Umwelt zu erkennen, in denen sich die psychischen Strukturen herausbilden. Mit diesem Konzept hat er eine subjekttheoretische Basis gelegt, die auch für die allgemeine Sozialisationstheorie bedeutsam ist. Freud schließt, daß die sich in der Analyse aufzeigenden Erlebniszusammenhänge und seelischen Prozesse von Problemfall-Menschen bei „normalen“ Menschen dieselben sind. Die Subjektstrukturen bilden sich demnach im Zuge der kindlichen Entwicklung, in der auch die Geschlechtsidentität eingebettet ist. Diese psychoanalytischen Grundvorstellungen sind rezipiert und von vielen späteren Sozialisationstheoretikern adaptiert worden.

In der Gliederung des folgenden Textes halte ich streng an dem von Tillmann gewählten Aufbau fest. Zunächst werden Grundannahmen beschrieben, dann folgt die Beschreibung des Erwerbs der Geschlechtsidentität bei Jungen und Mädchen und die daraus resultierenden psychischen Unterschiede. Dabei beziehe ich mich wie Tillmann vor allem auf die orthodoxe Psychoanalyse Freuds. Außerdem spricht Tillmann noch einen feministischen Ansatz jenseits von Freud an. Im Fazit schließlich verweise ich, Tillmann wiedergebend auf einige Weiterentwicklungen, die sozialisationstheoretisch von Bedeutung sind, da sich die psychischen Strukturen durch die zwischen Eltern, Kind und Umwelt ablaufenden Prozesse der sinnlich-emotionalen Interaktion herausbilden, also im Zuge der Sozialisation (vgl. Tillmann 1989, S. 55f).

2. Grundannahmen und zentrale Begriffe

Tillmann schildert Freuds Psychoanalyse wie folgt: „Die Psychoanalyse kann als ein System von Hypothesen über die Funktionsweise der menschlichen Psyche angesehen werden“ (Tillmann 1989, S.56). Sie nimmt die Existenz unbewußter psychischer Prozesse an, die nicht in das Bewußtsein der Menschen dringen, aber real sind. Weiterhin vermutet Tillmann, an Freud anlehnend, daß das Unbewußte bedeutend für die menschliche Persönlichkeit, ihre Entstehung und ihr Verhalten ist. Belege für die Existenz des Unbewußten sind das Sprechen im Traum und das Versetzen in hypnotische Zustände. Die Psychoanalyse als Wissenschaft soll genau diesen unbewußten Teil des Seelenlebens aufklären. Die psychoanalytische Arbeit

sieht nach Tillmann so aus: Das nicht direkt beobachtbare Unbewußte wird durch assoziative, nicht bewußt kontrollierte Äußerungen des Patienten besonders über Szenen aus der frühen Kindheit vom Analytiker offensichtlich gemacht.

Tillmann gibt für seine folgenden Ausführungen zu bedenken, daß es sich bei der empirischen Basis um tiefenhermeneutisches Material aus therapeutischen Sitzungen handelt. Zum anderen werden unbewußte Abläufe im Seelenleben beschrieben. Er beschreibt zunächst den psychischen Apparat, die Trieblehre und dann die Phasen der psychosexuellen Entwicklung, wie Freud sie in dem Text „Abriß der Psychoanalyse“ gegliedert hat (vgl. Tillmann 1989, S.56f).

2.1. Die psychischen Instanzen: Es, Ich, Über-Ich

Tillmann übernimmt den Vergleich Freuds der menschlichen Psyche mit der Mechanik: Das Seelenleben ist die Funktion eines Apparats, dem wir räumliche Ausdehnung und Zusammensetzung aus mehreren Stücken zuschreiben, wie ein Fernrohr. Diesen Apparat haben wir durch das Studium der individuellen Entwicklung des menschliche Wesens erkannt. Er besteht aus drei Instanzen, die sich in den ersten sechs Lebensjahren herausbilden. Zusammenfassend stellt sie Tillmann folgendermaßen dar:

Das Kind wird als ein Wesen voller Triebe geboren, das noch kein Verständnis hat. Es besteht aus einer einzigen Instanz - aus dem Es. Das Es enthält alles, was ererbt und konstitutionell festgelegt ist sowie aus der Körperorganisation stammende Triebe. Hier sind vor allem die körperlichen Bedürfnisse, sexuelle und aggressive Impulse verankert. Dieser Teil drängt während des ganzen Lebens auf Lustgewinn und Bedürfnisbefriedigung. Aus dem Es heraus wird die nächste psychische Instanz, das Ich, gebildet. Hier sind Wahrnehmung und Willensbildung angesiedelt, die gegenüber dem Es die Herrschaft über die Triebansprüche zu gewinnen hat. „Das Ich ist somit dem Lustprinzip verpflichtet, muß sich aber zugleich am Realitätsprinzip orientieren“ (Tillmann 1989, S.58). Es pflegt den Willen des Es in Handlungen umzusetzen, als ob es der eigene wäre. In der ödipalen Situation wird dann etwa im sechsten Lebensjahr die dritte psychische Instanz, das Über-Ich, errichtet. Bis dahin wurde das Kind durch Gebote und Verbote von außen gesteuert. Jetzt übernimmt es die elterlichen Normen und Verhaltensregeln in die eigene Psyche. Das Kind internalisiert die Wertvorstellungen der Eltern, den durch sie übertragenen Einfluß von Tradition und ihre Anforderungen des sozialen Milieus.

„Mit dieser Über-Ich-Errichtung wird außerdem dem Ich eine weitere Aufgabe zugewiesen. Es muß von nun an nicht nur zwischen Es-Trieben und den Anforderungen der Realität, sondern auch zwischen dem Es und den Geboten des Über-Ichs vermitteln“ (Tillmann 1989, S.59).

Das psychoanalytische Instanzenmodell der Persönlichkeit ist damit als ein funktionales

Zusammenspiel zwischen Es, Ich und Über-Ich beschrieben. Das Über-Ich und seine Aufrichtung im fünften oder sechsten Lebensjahr ist für den Erwerb der Geschlechtsidentität von zentraler Bedeutung (vgl. Tillmann 1989, S.58f).

2.2. Die Trieblehre

Nach Freud sind die organisch verankerten Bedürfnisspannungen die letzten Ursachen jeder menschlichen Aktivität, denn das Es besteht auf die Befriedigung seiner Bedürfnisse. Den für diese Kräfte von Freud entwickelten Begriff Triebe übernimmt Tillmann. Sie repräsentieren die körperlichen Anforderungen an das Seelenleben. Freud unterscheidet zwischen dem Lebens-

bzw. Sexualtrieb und dem Todes- bzw. Aggressionstrieb, wobei ich mich hier wie Tillmann auf die Libido konzentrieren werde.

„Triebe sind biologisch verankerte Komponenten des Seelenlebens: Aufgrund physiologischer Prozesse (z.B. Hormonhaushalt) treten Spannungen auf, die vom Individuum als Erregung erlebt werden“ (Tillmann 1989, S.59f).

Tillmann faßt die Trieblehre zusammen, indem er die Grundannahmen Freuds erläutert: Das

Individuum wird aktiv, um die Spannungen abzubauen und eine lustvolle Triebbefriedigung zu erreichen. Der darauf folgende Zustand der Entspannung währt nur kurz, bis sich die Spannung physiologisch wieder aufbaut, und der Prozeß wieder von neuem beginnt. Das Lustprinzip verlangt nach unmittelbarer Triebbefriedigung , das Ich hat entsprechende Aktivitäten einzuleiten. Allerdings steht das Lustprinzip häufig im Gegensatz zum Realitätsprinzip, denn die umgebende Kultur und Gesellschaft hat die Funktion der Triebunterdrückung, mit der das kalkulierende Ich umgehen muß. Nach Freud ist es also unumgänglich, daß viel sexuelle Energie in andere Aktivitäten umgeleitet wird, abgelenkt von sexuellen Zielen. Durch diesen Prozeß der Sublimierung werden mächtige Komponenten für alle kulturellen Leistungen gewonnen.

„Die Unterdrückung von Trieben und die Umleitung ihrer Energie auf andere, gleichsam höhere Tätigkeiten (Lernen, Arbeiten etc.) ist also notwendig zur Schaffung und Erhaltung der menschlichen Kultur“ (Tillmann 1989, S. 60).

Tillmann glaubt, daß die Angst der Gesellschaft vor den Triebbedürfnissen zu strengen

Vorsichtsmaßregeln führt. Die Kultur ist also eine von außen einwirkende Gegebenheit, die Triebunterdrückung produziert und damit unversöhnlich der biologischen Natur des Menschen gegenübersteht. Triebrepression ist die Voraussetzung für jede Gesellschaft deren verinnerlichte Instanz das Über-Ich ist (vgl. Tillmann 1989, S. 59f).

Sozialisationstheoretisch kann man also sagen, daß die Trieblehre Freuds Grund für die trieb- und lustfeindliche Erziehung der Kinder zugunsten einer gesellschaftlichen Entwicklung ist.

2.3. Phasen der psycho-sexuellen Entwicklung

Tillmann greift in diesem Abschnitt auf die Erkenntnisse Freuds über die psycho-sexuelle Entwicklung zurück: Schon das Kleinstkind wird von libidinösen Trieben bestimmt, so daß die frühkindliche Entwicklung in psycho-sexuellen Phasen beschrieben werden kann, in die zugleich die Entfaltung des psychischen Apparats integriert ist. Dabei stehen jeweils Körperorgane im Mittelpunkt, nach denen Freud den von ihm entdeckten Phasen Namen gab: oral, anal und phallisch.

Zunächst beschreibt Tillmann die Entdeckungen beim Neugeborenen, für den der Mund die dominante erogene Zone ist, deshalb nennt man die erste Zeit die orale Phase. Der Lustgewinn besteht aus dem Saugen, das der Nahrungsaufnahme und Triebbefriedigung dient. Es baut sich eine frühe Objektbeziehung des Kindes zur Mutter auf, die in der ödipalen Phase zu geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Ablösungsprozessen führt. Etwa im zweiten Lebensjahr beginnt die anale Phase. Das lustvolle Saugen tritt in den Hintergrund. Statt dessen zieht das Kind Lustgewinn aus seiner Afterzone, dem Festhalten und Loslassen von Kot, der Beherrschung des Schließmuskels. In der Übung der eigenen Muskelbeherrschung bildet sich beim Kind das Ich heraus. Die phallische Phase beginnt mit dem zweiten Lebensjahr und dauert bis zum fünften. Das Kind entdeckt Penis bzw. Klitoris als Zentrum des Lustgewinns und masturbiert. Danach tritt das Kind in die ödipale Situation ein, an dessen Ausgang das Über-Ich aufgerichtet wird; zugleich erwirbt das Kind seine Geschlechtsidentität, indem es sich mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil identifiziert. Dieser Phase widmet Tillmann ein eigenes Kapitel, da sie sich als besonders wertvoll für die Sozialisationstheorie erweist (vgl. Tillmann 1989, S. 60-62).

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Details

Seiten
13
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638200257
ISBN (Buch)
9783638777643
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14696
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Pädagogisches Inst.
Note
2,0
Schlagworte
Erwerb Geschlechtsidentität Sicht Sozialisationstheorien

Autor

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Titel: Der Erwerb der Geschlechtsidentität aus psychoanalytischer Sicht