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Die Figur des Oskar im Roman 'Die Blechtrommel' und in der gleichnamigen Verfilmung von Volker Schlöndorff

Hausarbeit 2006 20 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Roman Die Blechtrommel im Vergleich zu der gleichnamigen Verfilmung
2.1 Der Roman
2.2 Der Film

3. Die Figur Oskar
3.1 Der Erzähler Oskar
3.2 Herkunft und Entwicklung Oskars
3.3 Äußeres Erscheinungsbild Oskars
3.4 Der Charakter Oskars
3.5 Perspektive Oskars

4. Oskar als Kunstfigur
4.1 Die Blechtrommel und ihre Funktion
4.2 Das Glaszersingen

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit werde ich die Figur “Oskar Matzerath” aus Günter Grass’ Roman Die Blechtrommel untersuchen und mit dem gleichnamigen Charakter der filmischen Umsetzung des Buches vergleichen.

Nach einer kurzen Schilderung des Romaninhaltes und dessen Umsetzung im Film, widme ich mich der Figur des Oskar, indem ich zunächst auf Oskar als Erzähler, seine Herkunft und Entwicklung, sein äußeres Erscheinungsbild, seinen Charakter und seine Perspektive eingehe. Meine Ergebnisse vergleiche ich mit der Filmfigur. Darüber hinaus gehe ich auf Oskar als Kunstfigur ein und bespreche in diesem Kontext die Funktion der Trommel, sowie die ungewöhnliche Eigenschaft Oskars, Glas zu zersingen. Auch hier erfolgt der Vergleich zu der Umsetzung im Film. Abschließend folgt ein Fazit.

2. Der Roman Die Blechtrommel im Vergleich zu der gleichnamigen Verfilmung

Der Roman Die Blechtrommel erschien 1959, wird als Teil der Danziger Trilogie (die beiden weiteren Teile sind Katz und Maus von 1961 und Hundejahre von 1963) bezeichnet und gehört zu den wichtigsten Büchern der deutschen Nachkriegsliteratur. Der Roman wurde nicht nur mit Lob bedacht, es wurde auch viel Kritik an Grass geäußert; Vorwürfe, er habe zu viele und vor allem zu krasse blasphemische, pornographische und ekelerregende Szenen geschildert. Jedoch wird heutzutage Die Blechtrommel von Kritikern allgemein als ein Meisterwerk und ein äußerst wichtiges und bemerkenswertes Buch angesehen.

Auch der nach der Romanvorlage gedrehte Spielfilm von Volker Schlöndorff wurde weltweit anerkannt und erhielt diverse Auszeichnungen, darunter die “Goldene Palme” und den “Oscar” als bester fremdsprachiger Film (es ist der erste deutsche Film dem dies gelang).Volker Schlöndorff drehte die Verfilmung der Blechtrommel nach dem Leitsatz: „Der Film darf nicht inszenierte Literatur werden.“[1] Er hatte damit weltweiten Erfolg und wurde von Günter Grass bei seinem Vorhaben unterstützt und für sein fertiges Werk gelobt.

2.1 Der Roman

Der Roman Die Blechtrommel ist in drei Bücher unterteilt. Oskar Matzerath schreibt als Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt seine Autobiografie. Er beginnt dabei weit in der Vergangenheit mit der Zeugung seiner Mutter auf einem Kartoffelacker in der Kaschubei. Oskar selbst kommt 1924 in Danzig zur Welt. Wie er beschreibt, ist schon bei der Geburt sein geistiger Verstand voll entwickelt: „Ich gehörte zu den hellhörigen Säuglingen, deren geistige Entwicklung schon bei der Geburt abgeschlossen ist und sich fortan nur noch bestätigen muß.“[2] Oskars Mutter befindet sich in einer Dreiecksbeziehung mit dem Deutschen Alfred Matzerath und dem Polen Jan Bronski. Es wird das Leben dieser polnisch-deutschen Beziehungen im Kleinbürgertum geschildert. Ein wichtiger Aspekt in dem Roman ist die Geschichte der Stadt Danzig, auf die Grass häufig zu sprechen kommt und das deutsch-polnische Verhältnis daran deutlich macht.

Oskar hört im Alter von drei Jahren aus eigener Entscheidung auf zu wachsen und spielt den Erwachsenen den dreijährigen, zurückgebliebenen Gnom vor, während er ihr Verhalten durchschaut und dem Leser kritisch argumentiert. Die Jahre 1933 bis 1945, der zweite Weltkrieg, bilden in den beiden ersten Büchern des Romans den Hintergrund der Handlung. Das dritte Buch erzählt von der Nachkriegszeit; Oskar geht nach 1945 in den Westen. Dort wird Oskars Leben als Künstler in der frühen Bundesrepublik Deutschland geschildert. Im Jahre 1954 nähert sich die Entlassung des mittlerweile dreißigjährigen Oskars aus der Heil- und Pflegeanstalt, womit seine Aufzeichnungen und somit auch der Roman enden.

Die Handlung des Romans besteht aus ab ovo, chronologisch aneinandergefügten Episoden. Es existieren zwei Handlungsebenen: Oskars Lebensbericht, seine fiktive Autobiografie, beginnend mit der Zeugung der Mutter bis zu seiner Einlieferung in die Anstalt; und Oskars Leben in der Heilanstalt.

2.2 Der Film

Eine Verfilmung ist die Umsetzung einer literarischen Vorlage in das Werk einer anderen Gattung, nämlich der des Films. Bei der Verfilmung einer Romanvorlage spielt das Verhältnis von Werktreue und Interpretation eine Rolle. Eine weitere Problematik bei dem Vergleich

einer Romanvorlage mit einer Verfilmung sind Lücken im Roman, die der Film füllen muss, aber auch umgekehrt Auslassungen, die der Film vornimmt.

Der Film Die Blechtrommel wurde 1979, also zwanzig Jahre nach Erscheinen des Romans, fertiggestellt. Drehort war neben Westdeutschland, Frankreich, Polen und Jugoslawien auch die Stadt Danzig. Die romangetreuen Schauplätze verleihen dem Film noch mehr Authentizität. Er hat eine Spieldauer von 142 Minuten und erhielt eine Freigabe ab 16 Jahren. Regie führte Volker Schlöndorff und in den Hauptrollen treten Mario Adorf als Alfred Matzerath, Angela Winkler als Agnes Matzerath, David Bennent als Oskar, Katharina Thalbach als Maria, sowie Daniel Olbrychski als Jan Bronski auf.

Schlöndorff war sich von vorneherein sicher, wie der Film und auch Oskars Rolle zu gestalten seien:

„[...] der Star des Films ist der Stoff. Je authentischer wir ihn darstellen, um so spannender wird der Film. Also keine Stars, keine englisch-amerikanische Fassung. Deutsche und polnische Schauspieler und ein zwölfjähriger Junge in der Hauptrolle – nur so kann man <<Die Blechtrommel>> machen.“[3]

In Volker Schlöndorffs Verfilmung werden nur die ersten beiden Bücher der Blechtrommel umgesetzt. Das dritte Buch wird komplett ausgelassen, da es über den Rahmen des Films hinausgegangen wäre (die Filmlänge sollte zweieinhalb Stunden nicht überschreiten). Auch fehlen die Rahmenerzählungen von Oskar aus der Heilanstalt. So ist also nur eine Handlungsebene im Film vorhanden und nicht wie im Roman zwei. Der Regisseur erspart sich dadurch viele Rückblenden, Erklärungen aus dem Off und Sprünge in der Handlungsebene, wodurch der Erzählfluss im Film gelitten hätte. Allerdings verliert die Filmfigur Oskar dadurch im Vergleich zum Oskar aus dem Roman etwas an Vielschichtigkeit und Tiefe des Charakters. Der Ausklang des Films ist jedoch optimistischer, als der des Buches.

„Der Film ist eine chronologische Szenenfolge bis zur Flucht aus Danzig 1945, nicht Rückblende eines erinnerten Lebensberichts des Dreißigjährigen 1954. Das 3. Buch fehlt im Film. Dadurch erscheint der Film optimistischer als das Buch: Der Film führt in eine unbekannte Zukunft, das Buch entsteht in einem Irrenhaus.“[4]

Für die Umsetzung musste Schlöndorff die autobiografische Erzählerposition Oskars aufgeben, da sonst ständige Rückblenden erforderlich wären und dies zu umständlich und mühsam für den Zuschauer wäre. Stattdessen musste man sich auf das Wesentliche, auf ins Bild umsetzbare Szenen, konzentrieren. Auch war es nicht möglich alle Kapitel des Romans in den Film zu bringen, daher fanden Kürzungen und Raffungen statt; einige komplette Kapitel wurden gar nicht im Film verwendet. Da der Film die Dauer von maximal zweieinhalb Stunden nicht überschreiten sollte, versuchten die Filmemacher einige simultane Abläufe und viele Details in eine Szene zu bringen, wodurch der Film an Dichte gewinnt.[5] Die Struktur des Romans wurde in der Verfilmung übernommen und so wurde auch der Film Episode für Episode gedreht. Die Handlung erstreckt sich von der Zeugung der Mutter 1899 bis zur Flucht Oskars in den Westen 1945. Dies gibt dem Film einen kreisförmigen Verlauf, da im Anfangsbild und im Endbild der gleiche Kartoffelacker zu sehen ist.

Im Roman wird gleich im ersten Satz darauf aufmerksam gemacht, dass der Protagonist Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt ist. Dieser Aspekt wird im Film ganz weggelassen. So hat der Leser den Vorteil mit seinem Wissen über Oskar in einer Anstalt, vielleicht schon beim Lesen, an dem Wahrheitsgehalt Oskars Schilderungen zu zweifeln. Es wird dem Roman und den Erzählungen Oskars somit eine weitere Dimension hinzugefügt, die im Film nicht vorhanden ist.

Seit der Romanerscheinung 1959, wurde Günter Grass alle zwei Jahre ein Angebot für eine Verfilmung seines Romans vorgelegt – mit den absurdesten Vorstellungen.[6] Grass lehnte alle Angebote ab. Erst das Drehbuch von Volker Schlöndorffs und Frank Seitz autorisierte er. Bei den Dreharbeiten war Grass teilweise dabei. Grass:

„Erst als ich merkte, daß der Schlöndorff jemand ist, der die Kraft und die Vorstellungskraft hat, aus seiner Ästhetik heraus, aus der Ästhetik des Filmemachers Stoff zu adaptieren, da war ich beruhigt. Wenn es jemand gewesen wäre, der versucht hätte, sich ganz an die literarische Form anzulehnen, also einen filmischen Abklatsch des Romans zu machen, da hätte ich auch gar keine Einwilligung dazu gegeben. Erst, als ich merkte, daß der Schlöndorff in der Lage ist, die Syntax des Schriftstellers, den Periodenbau des Schriftstellers in die Optik der Kamera zu übersetzen, da war die Sache für mich geklärt.“[7]

Im Gegenteil zu vielen anderen Regisseuren, die sich gerne um eine Umsetzung der Blechtrommel bemüht hätten, aber denen es von Grass verweigert wurde, entwickelt Schlöndorff einen ganz individuellen Ansatz, wie Günter Grass betont:

„Sie [Vorgänger Schlöndorffs die den Film machen wollten] sprachen immer von einem häßlichen Zwerg, von einem Gnom. Dabei macht das Buch deutlich: Es ist ein Kind, das sein Wachstum eingestellt hat.“[8]

[...]


[1] Schlöndorff, Volker: „Die Blechtrommel“. Tagebuch einer Verfilmung. Darmstadt und Neuwied: Hermann Luchterhand Verlag GmbH & Co KG. 1979, S. 39

[2] Grass, Günter: Die Blechtrommel. Hamburg: Fischer Bücherei KG. 1962, S. 35

[3] Schlöndorff: „Die Blechtrommel“, S. 46, 47

[4] Bernhardt, Rüdiger: Erläuterungen zu Günter Grass Die Blechtrommel. Hollfeld: Bange Verlag. 2001 (= Königs Erläuterungen und Materialien 159), S. 115,116

[5] Schlöndorff: „Die Blechtrommel“, S. 72

[6] Schlöndorff: „Die Blechtrommel“, S. 21

[7] Schlöndorff: „Die Blechtrommel“, S.24

[8] Neuhaus, Volker: Günter Grass Die Blechtrommel. Interpretiert von Volker Neuhaus. München: Oldenbourg. 2000 (= Oldenbourg Interpretationen 16), S. 105

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640568499
ISBN (Buch)
9783640568529
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146853
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
Schlagworte
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