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Analyse der Totalitarismustheorie von Hannah Arendt

Hausarbeit (Hauptseminar) 1998 26 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Biographische Annäherungen zu Hannah Arendts „Elemente und Urspünge totaler Herrschaft“

3. Hannah Arendts Analyse der totalen Herrschaft im Rahmen ihres politischen Denkens
3.1. Vorbemerkungen zum Gesamtwerk
3.2. Der Weltverlust des Individuums in der Massengesellschaft als wesentliche Bedingung für das Entstehen der totalen Herrschaft
3.3. Die charakteristischen Merkmale und Prinzipien der totalen Herrschaft
3.3.1. Der Massencharakter der totalen Herrschaft
3.3.2. Totalitäre Ideologie als Herstellung einer fiktiven Gegenwelt
3.3.3. Totalitäre Organisationsformen
3.3.4. Terror als das eigentliche Wesen totaler Herrschaft
3.4. Arendts Politikbegriff als Antwort auf die Analyse der totalen Herrschaft

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit der geschichtlichen Zeitenwende 1990 erlebt das Konzept des Totalitarismus eine erstaunliche Renaissance sowohl im wissenschaftlichen Diskurs als auch in der breiten Öffentlichkeit. Denn während vor allem in den 60er und 70er Jahren der Totalitarismusansatz vielfach nur als antikommunistischer, rein ideologisch motivierter Kampfbegriff der Rechten betrachtet wurde, mit dem der Kommunismus dämonisiert werden sollte, und deswegen in weiten Kreisen tabuisiert wurde, sind inzwischen die Termini "totalitär" und Totalitarismus wie selbstverständlich in die politische Alltagssprache eingedrungen und in Fachkreisen wird zumeist offen und sachlich über totalitäre Elemente in den beiden großen ideologischen Systemen des 20. Jahrhundert- dem Kommunismus und dem Nationalsozialismus- diskuttiert[1]. Besonders ehemalige sehr links stehende Autoren setzen sich nun schonungslos mit den totalitären Tendenzen des untergegangenen kommunistischen Weltimperiums auseinander und stellen unverblümt Vergleiche mit dem nationalsozialistischen Herrschaftssystem auf.[2]

Im Zuge dieses offensichtlichen Paradigmawechsel in weiten Teilen der politischen Wissenschaft ist auch Hannah Arendts Konzept der totalen Herrschaft wieder ins Blickfeld des allgemeinen Interesses gerückt, das 1951 unter dem Titel The Originis of Totalitarism (dt. Übersetzung: "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft") veröffentlicht wurde. In diesem berühmtgewordenen Werk, das auf eigenwillige Weise Philosophie und Geschichtsschreibung miteinander verband, entwickelte die gelernte Philosophin und politische Denkerin aus Leidenschaft erstmals anhand ihrer Erfahrungen mit dem nationalsozialistischen und stalinistischen Herrschaftssystem den Typus der totalen Herrschaft. Ihre Konzeption wurde schnell zum heftig umstrittenen Klassiker innerhalb der Totalitarismusforschung und bildet heute vielfach die Grundlage für weitergehende Analysen.[3]

Innerhalb der Hannah Arendt-Forschung wurde die Bedeutung der "Elemente und Ursprünge der totalen Herrschaft" für das Verständnis ihres politischen Denkens lange Zeit unterschätzt. Erst in der letzten Zeit ist der besondere Stellenwert ihrer Analyse der totalen Herrschaft für Hannah Arendts Gesamtwerk erkannt worden.[4]

Diese Arbeit will nun ihre Konzeption der totalen Herrschaft, die sie in "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft entwickelt, analysieren und dabei ihre besondere Bedeutung sowohl für ihr Leben als auch für ihr weiteres Werk betonen.

Hierfür soll im ersten Teil kurz auf die Lebensgeschichte Hannah Arendts eingegangen werden, die durch die Erfahrung des Nationalsozialismus entscheidend geprägt wurde. Der zweite Teil widmet sich -nach kurzen allgemeinen Bemerkungen über das Werk- ausführlich ihrer Analyse der totalen Herrschaft, ihren Voraussetzungen und ihren wesentlichen Charakteristika. Im letzten Abschnitt soll der Einfluß ihrer Analyse auf ihr weiteres politisches Denken am Beispiel ihres Politikbegriffs kurz dargestellt werden.

Die Literatur zu Hannah Arendt ist in der letzten Zeit sprunghaft gestiegen. Als besonders hilfreich für die Arbeit haben sich vor allem der Sammelband von Adalbert Reif[5] und die Arbeiten von Heiner Bielefeldt[6] und Elisabeth Young-Bruehl[7] erwiesen. Hannah Arendt wird nach den neuesten Taschenbuch-Ausgaben von Piper zitiert.[8]

Zum Schluß noch der Hinweis, daß der vielschichtige und unsystematische Charkter des Werkes eine Beschränkung auf die notwendigsten Aussagen notwendig machte. Außerdem konnten nicht alle Thesen Arendts belegt werden, da sie selbst in ihrer Arbeit viele Begriffe nicht klärt und dadurch einige ihrer Interpretationen unklar und schwammig erscheinen.

2. Biographische Annäherungen zu Hannah Arendts "Elemente und Ursprünge der totalen Herrschaft"

Hannah Arendt wurde 1906 in Linden bei Hannover geboren. Sie wuchs als einziges Kind in einem gutbürgerlichen Elternhaus auf, das trotz seines jüdischen Glaubens gesellschaftlich anerkannt war. Der jüdische Glaube wurde in der Familie Arendt nicht als gesellschaftliche Hypothek, sondern als traditionelle Selbstverständlichkeit empfunden. Da die Eltern als Anhänger des sogenannten Reformjudentums im wesentlichen die Ideale der Aufklärung vertraten, prägten Toleranz gegenüber anderen Menschen und allgemeine Mitmenschlichkeit die Erziehung Hannah Arendts - auch trotz des aktiven politischen Engagements der Eltern für die Sozialdemokratie. Diese in Arendts Erinnerung als glücklich empfundene Kindheit, in der -in ihren eigenen Worten- "wechselseitige Achtung und uneingeschränktes Vertrauen, eine allumfassende Menschlichkeit und eine echte, fast naive Verachtung für alle sozialen und nationalen Unterschiede als Selbstverständlichkeit betrachtet wurde(n)"[9], prägte Arendt nachhaltig. So bildete der Gedanke der Toleranz bei gleichzeitigem selbstbewußtem Eintreten für das eigenen "Jüdischsein"[10] eine wesentliche Konstante im politischen Denken Hannah Arendts.

Früh wurde schon die besondere Intelligenz und intellektuelle Begabung Hannah Arendts sichtbar. So begann sie bereits fünfzehnjährig, sich philosophische Werke anzueignen.[11] Nachdem sie 1924 das externe Abitur in Königsberg ablegte, war es also nur folgerichtig, daß sie sich entschloß, zunächst in Marburg das Studium der Philosophie aufzunehmen. Obwohl sie sich später immer weigerte, als Philosophin bezeichnet zu werden[12], ist ihre Art, zu denken und zu argumentieren, stark von ihren wichtigsten philosophischen Lehrern in ihrer Studienzeit, Martin Heidegger und Karl Jaspers, geprägt. Arendts Liebe zum Denken und ihre Annahme, daß das Denken ein nie endender Prozeß sei[13] - ein zentraler Punkt für das Verständnis der Arendtschen Werke- ist ohne Heidegger nur schwer vorstellbar. Karl Jaspers, der eher kühl argumentierende Rationalist, blieb bis zu seinem Tod 1969 ihr wichtigster "philosophischer Freund" und persönlicher Mentor. Trotz der politisch- turbulenten Zeiten in den zwanziger Jahren blieb anfangs Arendts Interesse an Politik sehr gering, die Philosophie mit ihrer Frage nach dem Wesen der Dinge blieb vorerst ihre einzige Leidenschaft. Die Bekanntschaft mit Kurt Blumenfeld 1928, einem glühenden Anhänger des Zionismus, änderte zunehmend diese Einstellung, indem sie sich von jetzt an immer intensiver mit ihrer jüdischen Identität auseinandersetzte. 1930 begann sie an einer Biographie über Rahel Varnhagen zu arbeiten, die sie erst 1938 beendete. Diese Lebensgeschichte einer jüdischen Außenseiterin in der Zeit der Aufklärung, die sich vergeblich in einer judenfeindlichen Gesellschaft zu assimilieren versucht, bedeutete einen wichtigen Einschnitt in Arendts Denken. So wird sie sich angesichts des rasanten Aufstiegs des rassistischen Antisemitismus in Gestalt des Nationalsozialismus ihrer eigenen Außenseiterposition in der deutschen Gesellschaft bewußt und sieht sich zunehmend als eine bewußt politisch denkende Zeitgenössin. Es ist weitgehend unbestritten, daß ihr Werk über die Jüdin Rahel Varnhagen starke autobiographische Züge enthält.[14] Die zunehmende Bedeutung der NSDAP und die daraus resultierende persönliche Erfahrung, von den politischen Umständen abhängig zu sein, führte zu einer stetigen Politisierung ihres Denkens, die durch die schnelle Bereitschaft vieler deutscher Intellektueller 1933, das neue nationalsozialistische Regime anzuerkennen, ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte. Besonders das Verhalten Heideggers verletzte sie zutiefst.[15]

Für Hannah Arendt bedeutete die nationalsozialistische Machtergreifung nicht nur eine Flucht aus Deutschland, sondern auch eine Flucht aus der Philosophie. Ihre Exiljahre 1933-1945, die sie bis 1941 in Paris, später in den USA verbrachtete, in denen sie auch ihre deutsche Staatsbürgerschaft verlor, war nun gekennzeichnet durch einen unermütlichen politischen Kampf gegen den Nationalsozialismus mit seinen katastrophalen Auswirkungen für das europäische Judentum. Hierfür schloß sie sich diversen zionistischen Gruppierungen an, anfangs hauptsächlich wegen ihrer Verachtung des in ihren Augen zu sehr assimilierten, politikfeindlichen jüdischen Establishments in Frankreich.[16] Trotz aller Aussichtslosigkeit versuchte Hannah Arendt politisch gegen den Nationalsozialismus zu kämpfen; so rief sie in Frankreich zu zahlreichen Demonstrationen auf[17] und plädierte in den USA für den Aufbau einer jüdischen Armee auf.[18] Trotz zahlreicher Mitgliedschaften blieb sie aber auch in dieser Zeit gegenüber großen Organisationen skeptisch, und versuchte prinzipiell individuell zu handeln.[19] So versuchte sie mit zahlreichen Vorträgen und Artikeln, seit 1941 vor allem in der deutsch-jüdischen Wochenzeitschrift "Aufbau", die amerikanische Öffentlichkeit auf das Schicksal der Juden im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich aufmerksam zu machen. Dies und die Erfahrung, daß die Welt vor allem am Anfang dem Schicksal der Juden im Nationalsozialismus gleichgültig gegenüberstand, war sicherlich ein gewichtiger Grund, warum Arendt in ihren späteren theoretischen Schriften das Handeln zur zentralen politischen Kategorie erhob.

Arendts Hinwendung zur politischen Tat, die sich zunehmend auch auf andere politische Bereiche erstreckte, ist sicher durch den Einfluß ihres zweiten Mann, Heinrich Blücher, einem ehemaligen Kommunisten, verstärkt worden. Durch diesen lernte sie nach eigenen Angaben erst richtig "politisch denken und historisch sehen."[20]

Arendts politischer Aktivismus änderte sich schlagartig, als sie 1943 zum erstenmal von der systematischen Judenausrottung in den Gaskammern von Auschwitz hörte. Ihre Kenntnis über die Ereignisse in Auschwitz war nicht nur ein persönlicher Schock, sondern bildete auch den entscheidenden Einschnitt in ihrem politischen Denken. In einem Interview mit Günter Gaus, mehr als zwanzig Jahre später, wird dies deutlich, als sie auf die Frage, wie sie damals auf das Geschehen in Auschwitz reagiert hätte, antwortete:

" (...) Das war wirklich, als ob der Abgrund sich öffnet. Weil man die Vorstellung gehabt hat, alles andere hätte irgendwie noch einmal gutgemacht werden können, wie in der Politik ja alles irgendwie einmal wiedergutgemacht werden kann. Dies nicht. Dies hätte nie geschehn dürfen. Und damit meine ich nicht die Zahl der Opfer. Ich meine die Fabrikation von Leichen und so weiter -ich brauche mich ja darauf nicht weiter einzulassen. Dieses hätte nicht geschehen dürfen. Da ist irgend etwas passiert, womit wir alle nicht fertig werden.(...)."[21]

Auschwitz war für sie also mehr als nur ein gewaltiger Schock, mehr als nur eine weitere Potenzierung der schrecklichen Ereignisse im nationalsozialistisch besetzten Europa; die fabrikmäßige Ermorderung der europäischen Juden stellte vielmehr für Arendt ein bisher in der Geschichte unbekanntes Novum dar. Auschwitz empfand sie als einen radikalen Traditionsbruch nicht nur der abendländischen Geschichte, sondern auch des bisherigen politischen Denkens überhaupt." Alle Kategorien des politischen Denkens" sind buchstäblich "gesprengt "[22] worden. Immer mehr zog sie sich aus dem politischen Engagement zurück und wandte sich wieder der vita contemplativa zu. Die Fragen Was war geschehen? Warum war es geschehen? Wie konnte es geschehen?[23] ließ sie von jetzt nicht mehr los. So begann sie 1944 in ununterbrochener Arbeit diese Fragen zu reflektieren, deren Ergebnisse nach vielfachen Änderungen 1951 erstmals unter dem Titel "The Origins of the Totalitarism" veröffentlicht wurden.

Die Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Regime war aber auch ein Bruch in ihrem persönlichem Selbstverständnis. Sowohl als auch Jüdin als auch als Deutsche fühlte sie sich von den Ereignissen unmittelbar betroffen. Zumindest der deutschen Kultur fühlte sie sich auch in ihren Jahren im Exil immer eng verbunden. Diese betrachtete sie immer als eine gewisse "geistige Heimat". Diese Heimat war für sie nun für immer verloren.[24] Heimatlos und auch frustriert über die weiteren politischen Entwicklungen im Judentum[25] sah sie auch für sich persönlich nur noch die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, und, wie sie in einem Brief an Jaspers schrieb, "eine menschenwürdige Existenz am Rande der Gesellschaft"[26] zu führen. Dieses vielfach erörterte Pariadasein Hannah Arendts, das sie zwar in "Rahel Varnhagen" theoretisch analysierte, aber erst nach den Kriegsjahren wirklich verinnerlichte, und damit die eigene empfundende Welt- und Heimatlosigkeit sind kennzeichnend für ihren gesamten weiteren Lebenslauf.[27] "Der Paria ist", wie Ingeborg Nordmann zurecht konstatiert, "ihre erste theoretische und politische Antwort auf den Totalitarismus."[28]

Die Judenvernichtung, dieses "Höllenspektakel"[29] der Nationalsozialisten, durch welches die Welt aus den Fugen geriet, bedeutete für Arendt ein Neubeginn sowohl in ihrer Biographie als auch in ihrem politischen Denken. Ihr folgendes, nun zu analysierende Werk The Origins of the Totalitarism stellte den Versuch dar, diesen Traditionsbruch in aller Radikalität durchzudenken und daraus ein neues Paradigma von der totalen Herrschaft zu entwickeln. Erstmals konnte sie die konkrete eigene politische und geschichtliche Erfahrung mit ihrer theoeretisch-philosophischen Ausbildung verbinden.

3. Hannah Arendts Analyse der totalen Herrschaft im Rahmen ihres politischen Denkens

3.1. Vorbemerkungen zum Gesamtwerk "Elemente und Ursprünge der totalen Herrschaft"

Wie bereits erwähnt, begann Hannah Arendt ihre Arbeit über die totale Herrschaft im Jahre 1944. Sie erschien in Amerika erstmals 1951 unter dem Titel The Origins of the Totalitarism, wurde in den folgenden Auflagen immer wieder geändert und erst 1955 in deutscher Sprache unter dem Titel "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" veröffentlicht. Der wichtige Essay über "Ideologie und Terror: eine neue Staatsform" wurde gar erst 1958 hinzugefügt. Die lange Arbeitszeit und die vielfachen Änderungen machen die Komplexität und Vielschichtigkeit dieses über tausendseitigen Opus deutlich, das sich jeder wissenschaftlichen Einordnung entzieht.[30]

Grob läßt sich das Werk in zwei Teile einordnen. Der erste Teil umfaßt die ersten beide Abschnitte des Buch, in dem in einem langatmigen, historischen Abriß der Antisemitismus, Imperialismus und der Rassismus als die für das Entstehen der totalen Herrschaft, namentlich des Nationalsozialismus, wesentlichen Elemente analysiert werden. Wichtige Abschnitte dieses Teils sind bereits vor 1946 geschrieben, bzw. auszugsweise bereits in Zeitungsartikeln veröffentlicht worden.[31] Der dritte Teil will dann eher polittheoretisch die charakteristischen Wesensmerkmale der totalen Herrschaft herausarbeiten. Für diesen Teil, den sie erst spät 1948/9 schrieb, bezog sie sich neben nationalsozialistischen Dokumenten auch auf damals erst bekanntgewordene historische Erkenntnisse über die kommunistische Herrschaft in der Sowjetunion unter Stalin. Diese Ungleichgewichtigkeit des Buches, vielfach kritisiert[32] und von Arendt selbst auch erkannt[33], zeigt, daß Arendts Arbeit nicht auf einer vorher festgelegten Annahme beruhte. Vielmehr entspricht der unsystematische Aufbau der Neuartigkeit des zu untersuchenden Phänomens, für das es ja für Arendt keinerlei feste Anhaltspunkte in der politischen Tradition gab. Das Nachdenken Hannah Arendts über dieses Phänomen, das in diesem Werk zum Ausdruck kommt, muß daher fast notwendigerweise offen und ungeordnet sein.[34]

Vor der Analyse der wesentlichen Charakteristika der totalen Herrschaft, soll nun kurz eine Entwicklung nachgezeichnet werden, die sie im historischen Teil ihres Werk als wesentliche Voraussetzung für das Entstehen der totalen Herrschaft darstellt und auch im dritten Teil der entscheidende Ausgangspunkt für ihre Analyse der totalen Herrschaft ist: nämlich die Vereinsamung des Individuums durch das Aufkommen der modernen Massengesellschaft.

3.2. Der Weltverlust des Individuums in der Massengesellschaft als wesentliche Bedingung für das Entstehen der totalen Herrschaft

Im ersten historischen Teil, der sich den Elementen für das Aufkommen des Nationalsozialismus, -Antisemitismus, Imperialismus und Rassismus- widmet, beschreibt Arendt in über 600 Seiten-allgemein formuliert- die Auflösung der feudalen Klassen-, hin zur modernen Massengesellschaft, die sich seit Mitte des 19. Jahrhundert andeutet und endgültig sich nach dem ersten Weltkrieg vollzog. Der entscheidende Ausgangspunkt hierfür war in ihren Augen der Niedergang des klassisch-liberalen Nationalstaat[35] mit seiner Trennung von Staat und Gesellschaft und die gleichzeitige politische Emanzipation des Bürgertums, das nun zunehmend die staatliche Sphäre für sein ökonomisches Interesse okkupierte. Das Bürgertum sieht den Staat nur mehr als ein Instrument zur Durchsetzung seiner eigenen kapitalistischen Interessen an. Da der wirtschaftliche Expansionsdrang prinzipiell grenzenlos ist, macht er auch vor nationalstaatlichen Grenzen nicht halt und führt zu "Weltpolitik" der meisten europäischen Mächte im sogenannten "imperialistischen" Zeitalter. Der Imperialismus dieser Zeit war also für Arendt nicht politisch, sondern wirtschaftlich motiviert. Denn nur so konnte der aus dem blühenden europäischen Kapitalismus resultierende "überflüssige Reichtum" und gleichzeitig der im Inneren durch die fortschreitende Industrialisierung entstandende "Mob", diese "menschliche Abfallprodukte"[36], quasi exportiert werden.

[...]


[1] Vgl. hierzu u.a.: Eckhard Jesse (Hg.), Totalitarismus im 20.Jahrhundert -Eine Bilanz der internationalen Forschung, Bonn 1996; Achim Siegel, Die Konjunkturen des Totalitarismuskonzepts in der Kommunismusforschung -Eine wissenschaftssoziologische Skizze, in: APuZ 20 (1998), 19-31.

[2] Zu nennen wäre hier z.B. Francois Furet großangelegte ideen- und geistesgeschichtliche Analyse des Kommunismus. Vgl.: Francois Furet, Das Ende der Illusion -.Der Kommunismus im 20. Jahrhundert, München 1996. Gerd Koenen, ein westdeutscher Ex-Kommunist, deutet den Stalinismus und den Nationalsozialismus als "zwei singuläre Entwicklungen totalitärer Herrschaft". Vgl.: Gerd Koenen, Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus, Berlin 1998. Zitiert nach: Rezension von Hans-Paul Höpfner, in: Das Parlament, 41/42 vom 2/9.10.1998 -Sonderausgabe zur Frankfurter Buchmesse, VI.

[3] Die in Anm.2 angebenen Bücher von Furet und Koenen seien hier als Beispiele genannt. Zur Renaissance der Arendtschen Konzeption der totalen Herrschaft besonders bei der Linke, die sie jahrelange als "Kalte Kriegerin" brandmarkte oder ihr sogar faschistoide Gedankengänge vorwarfen, allgemein: Ernst Vollrath, Hannah Arendt bei den Linken, in: Antonia Grunenberg (Hg.), Einschnitte -Hannah Arendts politisches Denken heute, 9-22. Hier besonders: 10f.

[4] Hier v.a.: Magaret Canovan, Hannah Arendt -A Reinterpretation of the Political Thought, Cambridge 1992.

[5] Adalbert Reif (Hg.), Hannah Arendt -Materialien zu ihrem Werk, Wien 1979.

[6] Heiner Bielefeldt, Wiedergewinnung des Politischen -Einführung in Hannah Arendts politisches Denken, Würzburg 1993.

[7] Elisabeth Young-Bruehl, Hannah Arendt -Leben, Werk und Zeit, Frankfurt 1991.

[8] Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft -Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, München 1998 (im weiteren: Elemente); dies., Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 1998 (im weiteren: Vita activa); dies., Ich will verstehen -Selbstauskünfte zu Leben und Werk, hg. von Ursula Ludz, München 1997. (im weiteren: Selbstauskünfte); dies., Zwischen Vergangenheit und Zukunft -Übungen im politischen Denken I, München 1994. (im weiteren: Übungen).

[9] Zitiert nach: Wolfgang Heuer, Hannah Arendt, Reinbek bei Hamburg 1997, 13; allgemein zur Kindheit: Ebda, 11ff. Vgl. auch zur Kindheit und Jugendzeit Hannah Arendt ausführlich: Young-Brühl, (Anm.7), 38-83.

[10] So ist Arendts Vorstellung von der Pluralität des Menschens in der Welt, die so zentral in ihrer politischen Philosophie ist, sicher auch durch die geistige Offenheit des Elternhauses geprägt. Zu ihrem Jüdischsein schreibt sie selbst am 20. Juli 1963 an Gerhard Scholem: "Ich weiß natürlich, daß es ein Judenproblem auf dieser Ebene gibt, aber es ist niemals das meine gewesen. Nicht einmal in der Kindheit. Jude zu sein gehört für mich zu den unbezweifelbaren Gegenbenheiten meines Lebens, und ich habe an solchen Faktizitäten niemals etwas ändern wollen." Zitiert nach: Selbstauskünfte, 30.

[11] Hierbei besonders anfangs die Werke Immanuels Kants. Gleichzeitig richtete sie mit Schulfreunden einen Griechisch-Zirkel ein, in dem sie sich besonders der griechischen Lyrik widmeten. Vgl.: Heuer, (Anm.9), 17.

[12] So z.B. in einem Interview mit Günter Gaus vom 28. Oktober 1964. Vgl. die Aufzeichnung des Fernsehinterviews in: Selbstauskünfte, 44-70. Hier: 44.

[13] Vgl. hierzu z.B.: Ingeborg Nordmann, Hannah Arendt, Frankfurt 1994, 39ff; auch: Wolfgang Heuer, CITIZEN - Persönliche Integrität und politisches Handeln - Eine Rekonstruktion des politischen Humanismus Hannah Arendts., 98ff.

[14] Vgl. u.a.: Bruehl, (Anm. 7), 139ff; Friedrich Georg Friedmann, Hannah Arendt -Eine deutsche Jüdin im Zeitalter des Totalitarismus, München 1985, 16ff.

[15] Über die lebenslange emotionale Beziehung Arendts zu Heidegger vgl.: Elzbieta Ettinger, Hannah Arendt Martin Heidegger, München 1994. Hier besonders: 42ff. Den starken Bruch in ihrem Denken, den die nationalsozialistische Machtergreifung für sie bedeutete, beschrieb sie selbst mit den Worten: "Schließlich schlug mir einer mit einem Hammer auf den Kopf und ich fiel mir auf." Zitiert nach: Heuer, (Anm.9); 29.

[16] Vgl.: Friedmann, (Anm. 14), 36.

[17] Vgl.: Ebda.

[18] Vgl.: Young-Bruehl, (Anm. 7), 250-261.

[19] Vgl.: Heuer, (Anm.9), 37.

[20] So Arendt in einem Brief an Karl Jaspers vom 29.1. 1946. Zitiert nach: Lotte Köhler/Hans Saner (Hg.), Hannah Arendt /Karl Jaspers - Briefwechsel 1926-1969, München 1993, 67. (im weiteren: Briefwechsel).

[21] Zitiert nach: Selbstauskünfte, 59f.

[22] "Zweifellos haben sie (die Handlungen des Totalitarismus) unsere Kategorien des politischen Denkens und unsere Maßstäbe für das moralische Urteil gesprengt." So Hannah Arendt 1953 in ihrem Essay "Verstehen und Politik", in: Übungen, 110-128. Hier: 112.

[23] So Hannah Arendts eigene Worte in ihrem Vorwort zum dritten Teil der "Elemente und Ursprünge der totalen Herrschaft". Vgl.: Elemente, 630.

[24] Vgl.: Bruehl, (Anm. 9), 262. Sie bezechnete sich in jeder Beziehung als "staatenlos"

[25] Angewidert wandte sie sich immer mehr vom wachsenden Nationalismus der Zionisten ab.

[26] Zitiert nach: Briefwechsel, 65.

[27] Obwohl sie kurzfristig verschiedende Professuren annahm, fühlte sie sich als Berühmtheit in öffentlichen Seminaren doch nie richtig wohl. Die einsame Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Denken und die Bekanntschaft weniger, aber treue Freunde wie Jaspers und Blücher waren ihr eigentlicher Lebensinhalt. Vgl. allgemein: Heuer, (Anm.9), 46-72.

[28] Zitiert nach: Nordmann, (Anm. 13), 19.

[29] So Arendt in einem Brief an Jaspers vom 18.11.1945. Zitiert nach: Briefwechsel, 58.

[30] So z.B. Seya Benabib: "it is too systemically ambitious and overinterpreted to be strictly a historical account; it is too anectotal, narrative and ideographic to be considered social science; and although it has the vivacity and the stylic flair of a work of political journalism, it is too philosophical to accessible to a broad public." Zitiert nach: Canovan, (Anm.4), 17.

[31] Vgl.: Young-Brühl, (Anm. 7), 290.

[32] So z.B. Bernhard Crick, Rückblick auf "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", in: Reif, (Anm.5), 217-235. Hier: 222.

[33] So Arendt in einem Brief an Jaspers vom 19.11.1948: "Natürlich haben Sie recht. Das Unglück, daß dies in meinem Kopf immer ein Buch war, in Wahrheit aber, wenigstens was das zu verarbeitende Material angeht, drei Bücher sind: Antisemitismus, Imperialismus und Totalitarismus." Zitiert nach: Arendt, Selbstauskünfte, 219.

[34] Erklärungen im streng kausalen Sinne, d.h. eine einzige, zwangsläufige Entwicklungslinie zu dem Geschehen zu geben, könne es nach Arendt für das Entstehen der totalen Herrschaft sowieso nicht geben. Zu diesem fließenden Denkprozeß Arendt selbst in einem Brief vom 4.9.47: "(...) Der dritte abschließende Teil soll den totalitären Staatstrukturen gelten. Den muß ich ganz neu schreiben, weil mir dazu wesentliche Dinge, vor allem im Zusammenhang mit Rußland, erst jetzt aufgegangen sind." Zitiert nach: Selbstauskünfte, 218. Vgl. auch dazu: Crick, (Anm.32), 220.

[35] Hannah Arendt definiert den Nationalstaat niemals als ein ethnisch-homogenes Gebildes, sondern in der Tradition der Französischen Revolution als ein politisch motiviertes Gemeinwesen auf einem bestimmten Territorium.

[36] Beides zitiert nach: Elemente, 338 bzw. 339.

Details

Seiten
26
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638200028
ISBN (Buch)
9783638643566
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14663
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Analyse Totalitarismustheorie Hannah Arendt Hauptseminar Arendts Denken

Autor

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Titel: Analyse der Totalitarismustheorie von Hannah Arendt