Lade Inhalt...

Die Semantik von Bildern

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 40 Seiten

Medien / Kommunikation - Fachkommunikation, Sprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Semantik – Die Sprache als Paradigma
2.1 Referenzsemantik
2.2 Strukturelle Semantik

3 Semantik von Bildern
3.1 Die Ähnlichkeitstheorie
3.2 Goodmans Ansatz
3.3 Der Gegenentwurf von Klaus Sachs-Hombach

4 Fazit

Bibliographie

Bilderverzeichnis

1 Einleitung

In dieser Hauptseminararbeit sollen zwei verschiedene Bildsemantiken einander kritisch gegenübergestellt werden. Jedem Entwurf einer Bildsemantik und somit auch dieser Hausarbeit haften dabei einige grundsätzliche Probleme an. Zunächst ist die Semantik eine Wissenschaft, die sich am Paradigma der Sprache entwickelt hat.[1] Semantische Relationen von Bildern wurden hingegen lange überhaupt nicht behandelt, und auch heute gibt es noch keine eigenständige Bildwissenschaft. Bereits in der Antike, etwa in den platonischen Dialogen tauchen semantische Fragestellungen im Zusammenhang mit Sprache auf. Dem gegenüber schien sich die Frage, wie Bedeutung oder Inhalt in ein Bild kommt, nicht zu stellen, da die auch auf Platon zurückgehende Antwort auf der Hand lag. Das Bild ist dem abgebildeten Gegenstand ähnlich.[2]

In der Folge beschäftigte sich die abendländische Philosophie umfassend mit der Semantik sprachlicher Zeichen, während eine Semantik von Bildern weitgehend unbehandelt blieb. Sicherlich trug dies dazu bei, dass sich die Linguistik als eigenständige Wissenschaft von der Sprache bereits im 19. Jahrhundert entwickelte, während bildwissenschaftliche Fragestellungen erst in den vergangenen Jahrzehnten ins Blickfeld rückten. Bereits bei Ferdinand de Saussure besteht das signé linguistique aus der untrennbaren Einheit von signifiant, der Zeichengestalt und signifié, der Bedeutung.[3] Zwar hat sich aus der strukturalistischen Tradition de Saussures genauso eine Semiologie als Lehre von allen Zeichen entwickelt wie es die auf Peirce und Morris zurückgehende Semiotik in der angelsächsischen Tradition getan hat,[4] dennoch sollte dieser Ursprung der Semantik aus Sprachphilosophie und -wissenschaft nicht unterschätzt, sondern als potentielle Fundgrube von Irrtümern anerkannt werden, wenn man versucht eine Bildsemantik zu erarbeiten. Dass diese Übertragung durchaus problematisch ist, zeigen phänomenologische Bildtheorien, die aufgrund eines falschen Verständnisses des Zeichenbegriffs, diesen auf Sprache reduzieren und Bildern gar den Zeichencharakter abzusprechen versuchen.[5]

Doch man braucht nicht solch radikale Kritik an der Semiologie und in unserem Falle an der Semantik zu äußern, um Probleme bei der Anwendung der Theorie auf Bilder zu finden. So hat sich im Laufe ihrer Geschichte ein Kaleidoskop an Teildisziplinen entwickelt, die sich manchmal recht schwerlich, wenn überhaupt, auf Bilder übertragen lassen. Es gibt etwa die philosophische Semantik, die logische Semantik, die modelltheoretische Semantik, strukturelle Semantik, lexikalische Semantik, Satzsemantik, Prototypensemantik, Referenzsemantik, Zwei-Ebenen-Semantik, interpretative Semantik oder generative Semantik.[6] Eine Übertragung aller Teilgebiete auf Bilder wäre sicherlich genauso falsch wie die Gegenstrategie, die in der zeitgenössischen Bildtheorie weitverbreitete Reduktion bildlicher Semantik auf Referenz-Semantik, also die Frage, wie Bilder etwas repräsentieren, wie sie Bezug nehmen.

Es stellt sich entsprechend die Frage, wo man anfangen soll, wenn man die Bedeutung von Bildern untersuchen will. Voraussetzung ist hier, dass Bilder Zeichen sind. Denn wenn wir de Saussures einfache Definition eines Zeichens zugrunde legen, wonach es einen Zeichenträger geben muss, der eine Bedeutung hat, dann sehe ich kein Problem in der Anwendung dieser Definition auf Bilder. Ferner möchte ich der logischen Semantik die Unterscheidung zwischen Intension und Extension entlehnen und auf Bilder anwenden. Denn als Zeichen haben alle Bilder eine Bedeutung im Sinne einer Intension oder eines Inhaltes, aber nicht alle Bilder haben eine Extension im Sinne eines Gegenstandes oder Sachverhaltes, den sie repräsentieren. Zugleich gibt es aber eine derart lange Tradition repräsentierender Gemälde oder Abbilder in der europäischen Malerei, dass die Extension bei semantischen Untersuchungen in den Vordergrund gerückt ist.[7] Über die grundlegende Unterscheidung von Intension und Extension hinaus möchte ich die logische Semantik, als einer jener Teildisziplinen, die sich nicht so einfach auf Bilder anwenden lassen, aber ruhen lassen.

Statt dessen wird natürlich auch in dieser Arbeit die Referenz-Semantik den zentralen Stellenwert haben, aufgrund der oben erwähnten repräsentationalistischen Tradition und weil die Bildsemantik überhaupt erst aus einer Kritik an der Ähnlichkeitstheorie und somit der Frage nach der Identifikation des Referenten entstanden ist. Doch darüber hinaus möchte ich auch versuchen, die strukturelle Semantik auf Bilder anzuwenden, und der Frage nachgehen, ob bildliche Bedeutung nicht auch mit der Stellung des einzelnen Symbols im System zusammenhängt.

Neben diesem Anwendungsproblem ergibt sich ein zweites, prinzipielleres Problem, wenn man Semantik als Wissenschaft unter Vorzeichen des linguistic turns betreibt. Es stellt sich nämlich die Frage, wie Semantik dann überhaupt noch möglich ist. Sofern man die sprachphilosophische Wende vollzogen hat, ergeben sich grundlegende Schwierigkeiten für die Semantik, da sowohl Intension als auch Extension wegzubrechen scheinen. Auf der einen Seite kann man dann nicht länger von einer von Zeichen unabhängigen Bedeutung sprechen. Eine Erkenntnis, die schon in de Saussures untrennbarer Einheit von signifiant und signifié zum Ausdruck kommt. Eine Einsicht jedoch, die zugleich in einem infiniten Regress enden muss. Denn ich kann die Bedeutung eines Zeichens nur explizieren, wenn ich dafür Zeichen verwende, die allerdings wiederum Bedeutungen haben. Auf der anderen Seite wird die Referenz zu einer unanalysierbaren Beziehung. Denn mit dem linguistic turn geht die Einsicht einher, dass Gegenstände, Sachverhalte oder allgemein eine Welt außerhalb von symbolischen Bezugnahmen nicht analysierbar sind.

„Wir verfügen über keinen exzentrischen archimedischen Punkt, der es uns erlaubte, die Adäquatheit unserer Bezugnahmen auf die Welt unabhängig von medialen Darstellungssystemen zu beurteilen [...].“[8]

Es lässt sich keine einfache Symbol-Objekt-Relation etablieren, weil es keine symbolfreie Erkenntnis von der Objektwelt gibt.[9] Inwiefern es unter diesen Vorzeichen sinnvoll ist, Semantik und speziell die in der Bildwissenschaft mit Ausschließlichkeitsanspruch auftretende Referenz-Semantik zu betreiben, wird Teil dieser Hausarbeit sein.

Was schließlich noch die Unterscheidung zwischen einem linguistic turn und einem iconic, pictural oder visualistic turn betrifft, so teile ich die Position von Klaus Sachs-Hombach und halte den Gegensatz für einen künstlichen.[10] Es ist schließlich kein Zufall, dass mit dem linguistic turn ein Aufbruch des Dogmas einherging, dass Bildern Bedeutung zukomme aufgrund einer Ähnlichkeit zum abgebildeten Gegenstand.[11] Denn, wenn die Welt als solche uns nicht zugänglich ist, so wird die Relation zwischen Bild und Gegenstand nicht weniger problematisch als die zwischen sprachlichen Symbol und Gegenstand.[12] Entsprechend hat Klaus Sachs-Hombach Recht, wenn er schreibt:

„Der angesprochene visualistic turn sollte somit nicht als Alternative zum linguistic turn, sondern als seine Ergänzung um den nicht-sprachlichen Zeichengebrauch verstanden werden. Seine Bedeutsamkeit ergibt sich dann durch die These, dass die sprachlich vermittelten Formen des menschlichen Selbst- und Weltbezugs immer schon nicht-sprachliche, letztlich wahrnehmungsbasierte Zeichenverhältnisse voraussetzen. Dieser systematische Zusammenhang legt in historischer Hinsicht nahe, dass es sich beim linguistic turn im Grunde genommen um einen semiotic turn gehandelt hat [...].“[13]

Man kann darüber streiten, ob Sprache wahrnehmungsbasierte Zeichen – Bilder in Sachs-Hombachs Terminologie – wirklich voraussetzt oder ob nicht vielmehr ein Wechselspiel zwischen beiden Symbolformen stattfindet. Sinnvoll scheint daher die Annahme, dass der linguistic turn durch einen möglichen iconic turn weder Konkurrenz erhält, noch dass seine Errungenschaften relativiert werden. Er wird lediglich ergänzt, und aus der Erkenntnis von der Unhintergehbarkeit der Sprache wird die von der Unhintergehbarkeit der Symbolsysteme. Ich werde in dieser Arbeit allerdings weiterhin – das aber nur aus Konvention – vom linguistic turn sprechen, wenn es um den Paradigmenwechsel der Philosophie geht und die Erkenntnis, dass Erkenntnis nur symbolvermittelt vonstatten gehen kann.

Den angerissenen Problemen folgend soll im Kapitel 2 zunächst Semantik als sprachwissenschaftliche, respektive sprachphilosophische Disziplin vorgestellt werden. Im Kapitel 3 werden dann zunächst die Probleme einer einfachen Ähnlichkeitstheorie erörtert, bevor die semantischen Entwürfe von Nelson Goodman und Klaus Sachs-Hombach vorgestellt und anhand der Ergebnisse von Kapitel 2 kritisch betrachtet werden, bevor im Fazit eine Synthese der vorgestellten Bild-Semantiken versucht wird und ein Ausblick auf noch offene Fragen gegeben wird.

2 Semantik – Die Sprache als Paradigma

Das Problem an einer Theorie bildlicher Semantik ist, wie in der Einleitung bereits angesprochen, dass die Semantik als Teildisziplin von Philosophie und Linguistik entsprechend am Paradigma der Sprache orientiert ist. Michel Bréal bezeichnete die Lehre von der Analyse und Beschreibung der Bedeutung sprachlicher Äußerungen in seinem „Essai de sémantique“ erstmals als Semantik.[14] Die Frage, wie sprachlichen Ausdrücken Bedeutung zukommt, gliedert sich dabei in einen ganzen Strauß aus Teilfragen auf. Für diese Teilfragen besteht jeweils das gleiche Problem hinsichtlich der Übertragung auf Bilder. Wenigstens zwei relevante Fragen, auf die eine Antwort gefunden werden muss, lauten: Welche semantischen Beziehungen gibt es zwischen sprachlichen Ausdrücken innerhalb eines Sprachsystems? Vor allem aber: Wie nehmen sprachliche Ausdrücke Bezug auf Sachverhalte der außersprachlichen Welt?

2.1 Referenzsemantik

Mit Symbolen beziehen wir uns auf Objekte der Welt, so der Ansatz der klassischen Referenzsemantik. Doch zugleich sind uns diese Objekte nicht unabhängig von einer symbolischen Bezugnahme zugänglich. Ob und wie dieser Zirkelschluss aufzulösen ist, ist die zentrale Frage, die ich hier behandeln möchte.

Es ist nicht bloß die Unanalysierbarkeit der semantischen Relation zwischen Symbol und Gegenstand, es ist der Verlust des Gegenstandes selbst, der die Referenzsemantik problematisch macht. Eine naive Auffassung der Referenz, wie sie John Stuart Mill noch vertreten hat, ist heute nicht mehr haltbar. Nach Mill ist die Bedeutung eines singulären Terminus nichts anderes als sein Referent.[15] Der Terminus fungiert nur als Etikett, als Namensschildchen, das dem Gegenstand gleichsam angeheftet wird.

Bereits Gottlob Frege hatte mit seinem „Rätsel der Informativität von Identitätssätzen“[16] diese zu einfache Auffassung von der Referenz widerlegt. In seinem berühmten „Die Venus ist der Abendstern“-Beispiel macht Frege klar, dass die Etiketten-Theorie der Referenz zu kurz greift, da sie den Bedeutungsunterschied zwischen „Die Venus ist der Abendstern“ und „Die Venus ist die Venus“ nicht zu erklären vermag.[17] Nach Mill sind die Sätze bedeutungsgleich, da die Bedeutungen der singulären Ausdrücke „Venus“ und „Abendstern“ einfach der Gegenstand Venus darstellt. Dennoch stellt der erste Satz im Gegensatz zum zweiten einen Informationsgewinn dar. Freges Konsequenz aus diesem Widerspruch war die Unterscheidung zwischen Intension und Extension. Und mit dieser Unterscheidung wurde die Bedeutungsanalyse zurück in die Sprache hinein verlagert.

Die Theorie der Referenz ihrerseits wurde ins Forschungsfeld der Pragmatik verschoben. Nach dem späten Wittgenstein werden Bezugnahmen in Sprachspielen konstituiert und aufrechterhalten beziehungsweise geändert.

„In Wittgensteins Spätphilosophie werden diese [semantischen, DB ] Beziehungen mithilfe von Sprachspielen analysiert. Aber diese Spiele können ihrerseits in letzter Instanz nicht erörtert oder zum Gegenstand von Theorien gemacht werden, weil über sie nicht gesprochen werden kann. Jede Sprachverwendung setzt gewisse Sprachspiele voraus und ist ein Zug in dem einen oder anderen Sprachspiel. Diese Spiele sind vorausgesetzt, sobald sich jemand in irgendeiner Weise der Sprache bedient. Deshalb ist es ausgeschlossen, daß wir in unserer Sprache die Sprachspiele, die diese Sprache voraussetzt, theoretisch erörtern können oder sagen können, was geschehen würde, falls ihre Regeln abgeändert würden. Für Wittgensteins Spätphilosophie wie für seine frühere Philosophie gilt, dass alles Semantische unsagbar ist.“[18]

Bezugnahme ist also kontingent und konventionell. Das heißt natürlich nicht, dass sie willkürlich ist. Statt dessen ist sie historisch gewachsen in öffentlichen Sprachspielen und muss letztlich unanalysiert bleiben.

Doch was hinsichtlich Sprache mittlerweile weitgehend Konsens in der Philosophie zu sein scheint, wird für Bilder überhaupt nicht thematisiert. Die Semantik von Bildern dreht sich nahezu ausschließlich um Fragen der Referenzsemantik. Wir werden im Kapitel 3.2 sehen, wie sich dennoch eine Referenzsemantik unter der Prämisse, dass die Welt uns außerhalb von Symbolsystemen nicht zugänglich ist, durchführen lässt.

2.2 Strukturelle Semantik

Die strukturelle Semantik muss unweigerlich in den Blick rücken, wenn man nach einer Semantik unter Vorzeichen des linguistic turns Ausschau hält.

„Wenn sich die semantische Ratifizierung von Symbolsystemen [...] nicht auf dem Wege ihrer jeweiligen referentiellen Abgleichung mit einer medientranszendenten Realwelt vollziehen läßt, [...] liegt es auf der Hand, daß diese Beglaubigung von Sinn ihren Ort nur innerhalb des Horizontes dieser Darstellungs- und Symbolsysteme haben kann.“[19]

Diese Erkenntnis offenbart sich schon, wenn man sich auf die Suche nach der Intension eines Begriffes macht. Mit Freges Konzept von Intension und Extension wurde die Tür zur strukturellen Semantik aufgestoßen. Denn genau wie eine medienunabhängige Extension ist eine medienunabhängige Intension eine Illusion. Die Bedeutung eines Begriffs ist uns nur zugänglich durch Interpretanten.

„Jedes Zeichen ist auf ein interpretierendes zweites Zeichen, den Interpretanten, und damit auf eine Folge von Interpretationen bezogen.“[20]

Ein transzendentaler Gegenstand namens Bedeutung existiert nicht, statt dessen kann Bedeutung nur mittels Explikation, Paraphrasierung, Synonymie und anderen strukturell-semantischen Analysen aufgedeckt werden.

„Daß Bedeutung extern ist, heißt, daß sie keine Eigenschaft ist, die Worten und insbesondere Aussagen an sich zukommt. Es ist die Umwandlung in andere Aussagen [...] wodurch Bedeutung fixiert wird. Bedeutung bestimmt sich mithin durch erfahrbare Zusammenhänge, kommt aber nicht einem Ausdruck an sich zu.“[21]

Wie aus dem letzten Satz des Zitates hervorgeht, ist der Systemcharakter eine notwendige Bedingung für Symbolik. Denn Bedeutung kommt einem Symbol nicht an sich zu, sondern ergibt sich überhaupt erst aus der Interpretation durch andere Symbole. Doch der Systemcharakter von Zeichen offenbart sich noch in einem anderen Aspekt: in dem Prinzip der Differenz. Nach Goodman hat eine isolierte Figur noch keinen Symbolcharakter, erst durch die Einordnung in ein System wird sie zu einem Symbol. Ein Symbolsystem besteht nach Goodman aus einem Symbolschema, d.i. – und das ist der zentrale Punkt – eine Menge alternativer Etiketten, das auf eine Sphäre, die Gesamtheit der Extensionsbereiche, bezogen wird.[22] Ferdinand de Saussure hatte den Aspekt der alternativen Etiketten in seiner Lehre vom Prinzip der Differenz konkreter ausgedrückt:

„Ihr Grundgedanke besteht darin, die Natur des signe linguistique nicht von seiner Bezeichnungsfunktion her zu fassen, logisch gesprochen also von der Extension her, sondern ausgehend von jenem nur phänomenologisch zu fassenden Tatbestand, der es allererst zum signe linguistique macht, d.h. vom Prinzip der Differenz. Was immer ein Wort in welchem Sinn auch immer bedeuten mag, es kann dies nur im Kontext von anderen Wörtern und gegen andere, die an seiner Stelle im betreffenden Kontext eben nicht gewählt wurden. Per se ist das sprachliche Zeichen parasème [...]. Was immer es bedeutet oder meint, ist Konsequenz derjenigen Oppositionen, in denen es sich zu anderen Zeichen desselben Systems befindet. <Bedeutung> ist nichts dem Wort Transzendentes, das ihm wie auch immer zugeordnet würde, sondern ist das logische Produkt der Differenzen, die seine Identität in Opposition zu allen anderen derselben Sprache fixieren – anders gesprochen: Produkt seines relationalen Charakters.“[23]

Wir sahen, dass es eine unlösbare Aufgabe darstellt, Bedeutung von der Extension eines (sprachlichen) Zeichens her zu fassen. Statt dessen bietet der Weg über die Intension die bessere Alternative. Allerdings muss die Bedeutung eines Zeichens dann ganz wesentlich als ein Element eines Systems erfasst werden. Eine Figur erlangt erst Symbolcharakter, wenn sie in Differenz zu anderen Symbolen steht. Neben diesem Prinzip der Differenz kommt noch ein zweiter strukturell-semantischer Aspekt zum Tragen. Bedeutung entsteht nicht bloß erst in einem Symbolsystem, sie wird auch nur offenbart, wenn man sie mit Hilfe anderer Symbole expliziert. Letzteres führt aber in einen infiniten Regress, da die Interpretanten ihrerseits auch wieder Symbole sind, die Bedeutung haben, welche mit Hilfe von Interpretanten expliziert werden muss, ad infinitum. Somit kann keine Bedeutungsanalyse abschließend sein, sie wird statt dessen immer dann abgebrochen werden, wenn Zweifel über die Bedeutung zumindest vorübergehend beseitigt worden sind. Aber auch, wenn wir uns von einer letzten Gewissheit verabschieden müssen, bleibt die Explikation der Bedeutung aus dem Symbolsystem heraus – so unvollständig diese auch sein mag – notwendig, da sie der einzige Weg ist, überhaupt eine Bedeutungsanalyse zu vollziehen.

Doch die Notwendigkeit von Strukturanalysen, die in Bezug auf die Sprache hier dargestellt wurde, findet in der Bildwissenschaft wenig Beachtung. Bildliche Bedeutung wurde und wird noch immer fast ausschließlich von der Extension her zu erfassen versucht. Dies liegt in der Tradition der Bildsemantik begründet, welche bildliche Bedeutung mit dem Begriff der Ähnlichkeit zwischen Bild und abgebildetem Gegenstand zu erläutern versuchte.

[...]


[1] Vgl. Stekeler-Weithofer 1999; S. 1453 ff.

[2] Vgl. Platon 595a ff. Platons Mimesis-Lehre ist keine einfache Ähnlichkeitstheorie, wie sie hier vorgestellt wird. Allerdings fehlt mir hier der Platz um die Mimesis in voller Länge vorzustellen. Vgl. dazu etwa Gatzemeier 1984; S. 897.

[3] Vgl. de Saussure 1967; S. 134 ff.

[4] Vgl. Schönrich 1999. S. 1460.

[5] Vgl. etwa Böhme 1999.

[6] Vgl. etwa Bußmann 2002; S. 590; oder Stekeler-Weithofer 1999; S. 1453.

[7] Wir werden aber im dritten Kapitel sehen, dass es neben der Repräsentation andere Weisen der Bezugnahme von Bildern gibt und somit auch Wege die Extension aufzuspüren.

[8] Jäger 2002; S. 24.

[9] Vgl. Jäger 2002; S. 25.

[10] Vgl. Sachs-Hombach 2006; S. 98 ff.

[11] Im Kapitel 3.1 gehe ich näher auf den Zusammenhang von linguistic turn und Kritik an der Ähnlichkeitstheorie ein. Vgl. dazu etwa Werke wie Black 1977, Cassirer 1923-29, Gombrich 1978, Goodman 1997.

[12] Ich gehe auf diesen Punkt näher im Kapitel 3.1 der vorliegenden Arbeit ein.

[13] Sachs-Hombach 2006; S. 98.

[14] Vgl. Bréal 1897. Natürlich sind semantische Fragestellungen sehr viel älter und finden sich bereits bei Platon, in den Spätdialogen, beispielsweise Kratylos, Theaitetos und Sophistes.

[15] Vgl. Mill 1967.

[16] Schantz 1999; S. 1370.

[17] Vgl. Frege 1969; S. 128 ff.

[18] Hintikka 1985; S. 4.

[19] Jäger 2002; S. 29.

[20] Pape1996; S. 314. Pape bezieht sich in seiner Darstellung auf die Theorie von Charles Sanders Peirce. Vgl. etwa Peirce 2000; S. 247.

[21] Pape 1996; S. 315.

[22] Vgl. Goodman 1997; S. 76. Mit der Sphäre scheint sich die Welt wieder durch die Hintertür einzuschleichen. Doch eine solche Interpretation würde Goodman nicht gerecht. Man kann eine ontologische Lesart vielleicht verhindern, wenn man Symbolschemata nicht bloß die Eigenschaft zuschreibt, Sphären zu sortieren, sondern darüber hinaus, sie überhaupt erst zu erschaffen. Auf Goodmans Referenztheorie werde ich im nächsten Kapitel noch eingehen. Da nicht zuletzt der von Mill verwendete und in dieser Arbeit kritisierte Etikett-Terminus durch Goodman eine Renaissance erlebt.

[23] Stetter 1996; S.426.

Details

Seiten
40
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640575527
ISBN (Buch)
9783640575466
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146549
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Semantik Sprache Bild Bilder Bildwissenschaft Sprachwissenschaft Goodman Nelson Goodman Klaus Sachs-Hombach Sachs-Hombach Referenzsemantik Strukturelle Semantik Ähnlichkeitstheorie Peirce Ludwig Jäger

Autor

Zurück

Titel: Die Semantik von Bildern