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Exoleti, pueri meritorii et pulchri - Die männliche Prostitution im antiken Rom

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 26 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Männliche Sexualität in der römischen Antike
II.1 Männliche Sexualität in der eigenen domus
II.2 Männliche Sexualität außerhalb der eigenen domus

III. Männliche Prostitution in der römischen Überlieferung

IV. Soziale Herkunft der männlichen Prostituierten
IV.1 Sklaven als Prostituierte
IV.2 Freigeborene als Prostituierte

V. Heterosexuelle männliche Prostitution

VI. Schlussbemerkung

VII. Literaturverzeichnis
VII.1 Quellenverzeichnis
VII.2 Forschungsliteratur

I. Einleitung

Am 25. April eines Jahre wurde im antiken Rom ein aus heutiger Sicht ungewöhnlicher Feiertag begangen. Dieser Tag war nicht etwa bestimmten Göttern geweiht, an ihm wurde nicht feierlich militärischen Erfolgen gedacht. Der Fasti Praesnestini galt männlichen Prostituierten.[1] Dass Prostituierte, eine Gruppe, die in der heutigen westlichen Gesellschaft verächtet wird, einen eigenen Feiertag erhält, mag befremdlich wirken. Bei weiter gehenden Gedanken eröffnet sich dazu ein ganzes Fragenfeld. In welchem Maße war die Prostitution von und nicht für Männer gesellschaftlich anerkannt? In welche Rahmen spielte sie sich ab? Wer waren die Kunden? Gab es etwa auch weibliche Kunden? Woher kamen diese männlichen Prostituierten? Dieser Themenkomplex soll in der vorliegenden Arbeit aufgegriffen und näher untersucht werden.

In der altertumswissenschaftliche Literatur nimmt die Erforschung der Prostitution bisweilen nur eine Nische ein. Finden sich in Bibliographien zum Thema doch mehrere hundert Einträge, die zum Teil bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen[2], weist die wissenschaftliche Forschung zur antiken Prostitution keine lange Tradition auf. Erste große Untersuchungen zum Thema waren zumeist von moralischen Anliegen bewegt. So heißt es etwa in der Einleitung einer 1826 anonym verfassten Schrift: „Man muß mit der Scheußligkeit des Lasters, mit den physischen und moralischen Verwüstungen der Wollust nicht unbekannt sein, wenn man sie verachten, hassen, und ihren verführerischen Lockungen widerstehen will.“[3] Anfang des 20. Jahrhunderts veröffentlichte Bloch das Handbuch „Die Prostitution“.[4] Wie die Schrift von 1826 hatte auch Bloch das Anliegen „… den Vernichtungskampf gegen die Prostitution zu einem erfolgreichen Ende zu führen,…“[5] Auch wenn sein anthropologisch-historischer Ansatz mittlerweile als überholt angesehen wird, galt diese Veröffentlichung als Meilenstein auf diesem Forschungsgebiet und beeinflusste zahlreiche weitere Arbeiten zum Thema. Neben solchen moralisch intendierten Werken behandelten auch populärwissenschaftliche Arbeiten in einem geschichtlichen Überblick die antike Prostitution.[6]

Seit dem in den sechziger Jahren einsetzenden Paradigmenwechsel in Bezug auf Gesellschaft und Sexualität entstanden vermehrt seriösere und objektivere Studien.[7] Eine differenzierte Betrachtung der römischen sowie griechischen Verhältnisse setzte jedoch erst in neuerer Zeit ein. Vermehrt lag der Fokus in den folgenden Veröffentlichungen auf der griechischen Antike.[8] Als seit Bloch einziges Überblickswerk zur Prostitution, welches sich explizit der römischen Welt widmet, sei an dieser Stelle die Veröffentlichung von Stumpp hervorgehoben.[9] Bislang sind nur wenige Studien veröffentlicht worden, welche sich gesondert der männlichen Prostitution zuwenden. Krenkel, welcher sich in seinen wissenschaftlichen Untersuchungen bisweilen missachteten Aspekten der Sexualität in der Antike annahm, kam in diesem Zuge auch zur Prostitution von Männern.[10] Aufgrund der schrittweisen Öffnung der Altertumswissenschaften zu den Genderstudies werden vermehrt auch in der Antike Sexualitätspraktiken sowie –konzepte untersucht. Das erstarkende Interesse an Gesellschaftsgruppen außerhalb der Elite in der sozialhistorischen Forschung wirkt sich auf diesen Vorgang ebenfalls positiv aus. Williams bietet etwa mit seiner Untersuchung zur Homosexualität im antiken Rom eine für die weitere Forschung auf diesem Gebiet bedeutende Arbeit.[11] Im Rahmen dieser Untersuchung wird ebenfalls die Thematik der männlichen Prostitution berührt. Im Feld dieses erneuerten zu anderen Sozialwissenschaften geöffneten historischen Forschungsansatzes ist auch die vorliegende Arbeit einzuordnen.

Eine Untersuchung gesellschaftlich nicht sehr einflussreicher Gruppen sieht sich stets einem Mangel an authentischen Überlieferungen gegenüber. Entsprangen doch die literarischen Quellen fast ausschließlich der Feder der männlichen sozialen Oberschicht, lässt sich nur ein verzerrtes Bild der antiken Prostitution auffinden. Fast alle antiken Autoren deren Werk überliefert ist, äußerten sich zur Prostitution. Zeugnisse über eine existierende männliche Prostitution lassen sich zumeist in Satiren, Komödien und Epigrammen jener Zeit finden. Aufgrund ihrer relativ häufigen Erwähnung von männlichen Prostituierten seien die Epigramme Martials, die Komödien des Plautus sowie die Satiren von Juvenal und Petronius hier gesondert erwähnt. Neben diesen literarischen Überlieferungen lassen sich auch archäologische Zeugnisse einer männlichen Prostitution finden. Besonders die Graffiti aus Pompeji stellen dieses Gewerbe eindringlich dar. Epigraphische Funde spielen im Quellbestand eine eher untergeordnete Rolle. Wohl das geringe Ansehen von Prostituierten verschuldet ein komplettes Fehlen von Grabinschriften oder Ähnlichem.

Die genannten Quellen stecken auch den chronologischen Rahmen der vorliegenden Untersuchung ab. Der historische Schwerpunkt dieser Arbeit liegt somit auf den ersten beiden vorchristlichen Jahrhunderten. Geographisch beschränkt sich diese Arbeit auf Rom sowie den dort erhaltenen Inschriften verschuldet auf Pompeji. Inwieweit die dortigen Verhältnisse in anderen Teilen des römischen Imperiums zu übernehmen sind, ist nicht Gegenstand dieser Arbeit.

Die vorliegende Untersuchung dient der Verortung männlicher Prostitution in der römischen Gesellschaft. Dabei sollen Erkenntnisse zur gesellschaftlichen Akzeptanz dieser Art der Prostitution gewonnen werden sowie das Verhältnis zwischen männlicher und weiblicher Prostitution erforscht werden. Zu diesem Zwecke ist diese Arbeit in vier Abschnitte unterteilt. In einem ersten sollen grundlegende Charakteristika der männlichen Sexualität in der römischen Antike dargestellt werden. Sie bilden die Grundlage für ein Verständnis der männlichen Prostitution. Die darin enthaltenen Schilderungen zur Homosexualität und dem Dualismus von aktiv und passiv in der Sexualität lassen sich ausführlicher darstellen. Hier dienen sie als Grundlage zum weiteren Verständnis und sind daher nur kurz ausgeführt und mit weiteren Literaturhinweisen versehen. In diesem Teil wird die männliche Sexualität auf zwei unterschiedlichen Gebieten untersucht. Zum einen im eigenen Haushalt des Mannes und darüber hinaus im öffentlichen Raum.

Im zweiten Abschnitt werde ich mich der Wahrnehmung männlicher Prostitution in den römischen Überlieferungen widmen. Zunächst werden dazu die verschiedenen Bezeichnungen für männliche Prostituierte aufgezeigt. Des Weiteren soll in diesem Teil beleuchtet werden, inwieweit in diesen Quellen die männliche Prostitution von der weiblichen hervorgehoben wurde.

Im folgenden dritten Teil werde ich darauf eingehen, aus welchen sozialen Gruppen sich die männlichen Prostituierten rekrutierten. Da die unterschiedlichen Beweggründe und Wege zur Prostitution zweier verschiedener Gruppen schnell ersichtlich werden, sollen diese getrennt von einander untersucht werden. Dabei soll anfangs auf die Zwangsprostitution von Sklaven eingegangen werden und folglich auf die Prostitution freier Bürger.

Im letzten Teil dieser Arbeit werde ich die heterosexuelle männliche Prostitution beziehungsweise die mögliche Existenz einer solchen untersuchen.

II. Männliche Sexualität in der römischen Antike

„Niemand wird dir´s wehren noch verbieten, wenn, was zu Kauf geboten wird, du für dein Geld dir kaufst. Niemand verwehrt zu gehen auf öffentlicher Straße dir. Wenn nur durch ein umzäuntes Grundstück du den Weg nicht suchst, von Ehefrauen, Witwen, unbescholtenen Jungfrauen und freigeborenen Knaben fern dich hältst, so magst du lieben, was du willst.“[12]

Diesen Rat gibt ein Sklave in einer antiken Komödie seinem Herrn, welcher sich gerade zu romantischen Abenteuern aufmachen möchte. Da der Sklave seinen Herrn vor bösartigen Konsequenzen seiner Liebschaften schützen möchte, lässt sich anhand dieses Ratschlages auch der gesellschaftlich akzeptierte Rahmen männlicher Sexualität ableiten. Es lassen sich räumlich zwei Gebiete aufweisen, in welchen der römische Bürger sich sexuell betätigen konnte. Zum einen war dies die domus des Mannes, der häusliche Verband, welcher neben den Angehörigen der Familie auch die zugehörigen Sklaven und Sklavinnen einschließt. Der Bürger in der Komödie macht sich jedoch gerade auf die Suche nach sexuellen Abenteuern außerhalb seines Hauses. Im antiken Rom gab es neben der Ehe und Versklavten auch einen zweiten Bereich zum sexuellen Vergnügen, die Prostitution. Im Folgenden möchte ich nun die sexuellen Möglichkeiten römischer Bürger auf beiden Gebieten getrennt untersuchen. In einem ersten Teil dieses Abschnittes soll zunächst die Sexualität des Mannes innerhalb seiner domus näher beleuchtet werden. Dabei werde ich auch auf den das römische Sexualitätskonzept bestimmenden Dualismus von Aktivität und Passivität zu sprechen kommen. In einem weiteren Teil werde ich schließlich die sexuellen Möglichkeiten eines römischen freien Mannes außerhalb seines Haushaltes genauer untersuchen.

II.1 Männliche Sexualität in der eigenen domus

In dem oben erwähnten Zitat aus der Komödie des Plautus wird der Herr gewarnt sich sexuell anderen Ehefrauen, Witwen, Jungfrauen sowie freien Knaben zu nähern. An diesen Personen sind aus heutiger Sicht zwei Dinge bemerkenswert. Zum einen die unverhohlen geäußerte Möglichkeit zu homosexuellem Sex. Zum anderen die Zugehörigkeit aller Personen in das Machtgefüge einer anderen domus.

Zunächst zu der Homosexualität in der römischen Gesellschaft.[13] Eine heute vorhandene Trennung zwischen Homo- und Heterosexualität war in der antiken römischen Gesellschaft nicht vorherrschend. Sexuelle Beziehungen zu anderen Personen nahm man als Herrschafts- und Machtbeziehungen wahr und drückte sie auch als solche aus. Diese Beziehungen richten sich nach einem hierarchisch phallozentrischen Konzept und unterlagen stets Kategorien wie Stand, Reichtum, soziale Anerkennung oder Alter. In der Sexualität kamen diese Beziehungen der Involvierten zum Ausdruck. Sexuelle Aktivitäten waren dementsprechend von einer Differenz zwischen Aktivität und Passivität geprägt und konnten den römischen Moralvorstellungen entsprechend auch nur in bestimmten Konstellationen ausgeübt werden; es bedingten sich stets ein aktiver und ein passiver Teil. Die nach oben genannten Kategorien hierarchisch höher stehende Person sollte auch beim Sex die dominierende Person sein, welcher der aktive, also der penetrierende Teil zukam. Die in der Hierarchie niedriger stehende Person musste dem sexuellen Verlangen des höher Gestellten dienen, sie war somit nach damaligen Auffassungen passiv. Dieser Machtdualismus dominierte die Sexualität der römischen Bürger und Bürgerinnen auf allen Gebieten.

War der aktive Teil nach damaligen Auffassungen nur von einem Mann zu erfüllen, war der passive Teil weniger geschlechtsspezifisch vorbestimmt. So konnte auch bei homosexuellem Geschlechtsverkehr unter Männern die Beziehung aktiv-passiv gegeben und entsprechender sexueller Umgang so gesellschaftlich vertretbar sein. Römischen Männern war unter der Prämisse der Einhaltung der geschilderten Machtdifferenz Verkehr mit beiden Geschlechtern ohne Verlust an Prestige möglich.[14] Diesen Konzepten folgend, war es für einen römischen Bürger nur vertretbar den aktiven Teil beim Sex zu übernehmen. Römischen Bürgern galt als größte Schmach der Zwang zur passiven Position im Geschlechtsverkehr.[15]

Bei der Partnerwahl zu diesem Zwecke musste jedoch auch auf die Herrschaftsbereiche anderer Männer geachtet werden. Der Sklave bei Plautus warnt seinen Herrn vor sexuellem Kontakt mit Personen die der patria potestas eines anderen Bürgers unterstehen. Bis auf eine Ausnahme hatte ein römischer Bürger rechtlich keine Möglichkeit zum sexuellen Kontakt mit anderen Freigeborenen. Wendet er sich etwa einer anderen Ehefrau zu, begeht er Ehebruch. Weiterhin stehen Witwen und frei geborene Jungfrauen und Jungen unter dem Schutz des Gesetzes. Wer sich an Ihnen vergeht, begeht stuprum, Unzucht unter Freigeborenen.[16]

[...]


[1] CIL I².

[2] Bullough/Elcano, Bibliography.

[3] Anonym: Geschlechtsausschweifungen 3.

[4] Bloch, Prostitution.

[5] Ebd. 16.

[6] Bauer, Geschichte und Wesen.

[7] Dabei grundlegend: Herter, Soziologie.

[8] Peschel, Hetäre; Reinsberg, Ehe.

[9] Stumpp, Prostitution.

[10] Krenkel, Männliche Prostitution; pueri meritorii.

[11] Williams, Roman Homosexuality.

[12] Plaut. Curc. 33-38.

[13] Hierbei werden dem Rahmen dieser Arbeit Folge leistend nur Grundrisse dieser Thematik geschildert. Genauere Untersuchungen zur römischen Homosexualität lassen sich bei Williams, Roman Homosexuality oder bei Veyne, Homosexualität nachlesen.

[14] Zu Konsequenzen der Missachtung siehe Kapitel IV.2

[15] Vgl. Meyer-Zwiffelhoffer, Phallus 86.

[16] Dig. 48, 5, 35.

Details

Seiten
26
Jahr
2009
ISBN (Buch)
9783640553389
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146485
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Geschichtswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Prostitution Rom Antike

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