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Pluralisierungstendenzen in der Literatur der „Frühen Neuzeit“

Seminararbeit 2007 7 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

1. Pluralisierung in der frühen Neuzeit

Im Büchermarkt findet man heute Bücher wie „Gott, eine kleine Geschichte des Großen“ von Manfred Lütz (2007), aber auch „Der Gotteswahn“ von Richard Dawkins (2007), beide stehen im gleichen Regal. Der Pluralismus der Literatur in der Gesellschaft wird nirgendwo so deutlich, wie auf dem heutigen Büchermarkt. Ist es das, was Gutenberg wollte, als er in der Mitte des 15. Jhd. den Buchdruck durch bewegliche Letter vereinfachte? Die Massenproduktion und –rezeption von Schriften, um Meinungen effektiver an die Adressaten zu bringen?[1] Ist es das, was Kant wollte, als er von Aufklärung und Mündigkeit[2] sprach? Eine kunterbunte Welt der Literatur für alle voller Disputationen, Widersprüche, voller Gedanken, voller „Wahrheiten“ und gar voller „Bullshit“[3] ? „Die Gedanken sind frei“, ein Gedicht gegen die einseitige Artikulation der kulturellen Hoheitsmeinung, für die Artikulation von jedem Gedanken in einer Gesellschaft wurde bereits 1780 am Ende der frühen Neuzeit auf Flugblättern gedruckt und 1842 als Volkslied durch Hoffmann von Fallersleben vertont. Der Pluralismus der Bekenntnisse, die Toleranz des Menschen über mannigfaltige Standpunkte über das Leben des Menschen. Vielfältige Meinungen von Personen, Gruppen, Vereine und Parteien bestimmen heute nicht nur unsere Politik, sondern vor allem auch die Literatur“. Ausschlaggebend für diese Pluralisierung der literarischen Bekenntnisse in der Gesellschaft sind die vielfältigen, sich widersprechenden Schriften gewesen, die in der frühen Neuzeit entstanden sind und von vielen Menschen, nicht nur von Klerikern, wie im Mittelalter[4], gelesen wurden, so dass eine Hoheitsmeinung, das Dogma, die „Wahrheit“ der mittelalterlichen Einheitskirche sich fortan nicht mehr in der Gesellschaft durchsetzen konnte und in der Zeit der Aufklärung gar als „unaufgeklärt“ und „unmündig“ galt. Jaumann betont, die frühe Neuzeit sei bestrebt gewesen, die Scholastik zu kritisieren, sei gar eine Kulturkritik[5] gewesen. Das Argumentieren mit einer kulturellen Hoheitsmeinung, mit den Dogmen der Kirche galt fortan als antiquiert, gilt heute als konservativ. Im Gegensatz zu heute war die frühe Neuzeit hauptsächlich bestrebt, die Antike zu rezipieren, so Jaumann,[6], die unter der Dogmatik der Kirche in Vergessenheit geraten wurde. Damit ist der Begriff „Frühe Neuzeit“ ein Abgrenzungsbegriff zum Mittelalter, gleichzeitig ein Integrationsbegriff für die Epoche Reformation, für den Humanismus, für den „Barock“, eine Epoche, zu der auch Gegenreformation oder Konfessionalismus zählt und für die Epoche der Aufklärung; Die Kritik an der Kirche bzw. die Vorliebe für die Anthropologie des Menschen, überhaupt die pluralistische Subjektivierung des Menschen, all das vereint die Epochen der frühen Neuzeit und grenzt sie von der Kulturhoheit der göttlich-objektiven Christenlehre der römischen Einheitskirche, von der Scholastik, ab. Das vereinende Element der frühen Neuzeit ist quasi die Vielfalt der Standpunkte über den Menschen, Kritik an Dogmen ist das Prinzip, Pluralisierung das Ergebnis.

[...]


[1] Kemper (2004) geht davon aus, dass ohne den massenhaften Einsatz des Buchdrucks Martin Luther seine Adressaten nie hätte erreichen können. Ich frage mich, wie Reformen vor dem Buchdruck verliefen und ob wirklich der Buchdruck daran einen maßgeblichen Anteil hatte oder nicht doch oder auch die Verbreitung seiner Einstellung per Mundpropaganda bzw. nicht doch oder auch durch das freie Geleit des Fürsten Friedrich von Sachsen, worauf Kemper später eingeht.

[2] Immanuel Kant: „Was ist Aufklärung?“, in: Berlinische Monatsschrift, 1784, Nr. 2, S. 481-494

[3] Harry G. Frankfurt (2007) geht in seinem Buch „Bullshit“ davon aus, dass die Vielfalt der Meinungen auf dem Büchermarkt dazu führt, dass Meinungen kein Tiefgang mehr haben, lediglich „Blödsinnquatschen“, „Rumpalavern“ oder „Heiße-Luft-Produzieren“ ist, eine Folge der „Un-Kultur“, eine Folge des Pluralismus?

[4] Im Mittelalter wurde ebenfalls Kritik verfasst, Kritik am Klerus, geschrieben für den Klerus. Kritik wurde häufig hinter einem Schreibbefehl-Topos versteckt, hinter der Legitimation, Gott wäre der Auftraggeber gewesen, so z.B. in Mechthilds von Magdeburg Werk „Das fließende Licht der Gottheit“, in der sie Priester und Würdenträger angreift, indem sie deren religiöses Leben als „sündig“ versteht und dem ein „frommes Leben“ entgegensetzt: Ein Leben mit Gott, mit Visionen und in Einigkeit mit Gott, in der „unio mystica“. Eine mystische Reform der Einheitskirche, gar eine Spaltung löste Mechthild von Magdeburg damit aber im Gegensatz zu Luther nicht aus.

[5] Herbert Jaumann: „Frühe Neuzeit“, In: Klaus Weimar (Hrsg.): „ Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft “: Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte, Berlin u.a, de Gruyter, 3. Auflage, 2007: S. 633

[5] ebd.

[6] Jaumann, 2007: S. 633

Details

Seiten
7
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640550210
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146384
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Frühe Neuzeit Neuzeit Literatur Pluralisierung Luther Aufklärung Reformation

Autor

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