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Textinterpretation zu Neil Postman: „Das Medium der totalen Enthüllung“

Seminararbeit 2004 24 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Fernsehen – Eine Einführung nach Postman

3. Transparente Geheimnisse
3.1 Das ’Geheimnis’ der Sexualität
3.2 Das ’Geheimnis’ der Gewalt
3.3 Das ’Geheimnis’ der Hintergründe der Politik
3.4 Das ’Geheimnis’ von Krankheiten und anderen Übeln

4. Kind versus Erwachsener – Der Zugang zu Wissen

5. Zugangsbedingungen oder ’freier Eintritt’?

6. Bestehende Gefahren?
6.1 Die Bedrohung des Schamgefühls und der Höflichkeitsformen
6.2 Die Bedrohung von Autorität und Neugier

7. Über den Vorwurf der „Scheinheiligkeit“

8. Über „Medien“, „Kindheit“ und „Geheimnisse“

9. Was Neil Postman uns verschweigt

10. Resümee

11. Bibliographie

1. Einleitung

Die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem „Verschwinden der Kindheit“[1] konzentriert sich im vorliegenden Text auf die sich verstärkenden Einflüsse des Mediums Fernsehen und den daraus resultierenden Konsequenzen. Im Hinblick auf die bestehende Referenz dieses Teilkapitels zur Gesamtthematik des Buches ergibt sich die Fragestellung, inwieweit das Fernsehen als Apparat der Transformation von privatem zu öffentlichem Wissen fungiert und ob dadurch bedenkliche Auswirkungen für soziale Strukturen, im Speziellen für die `Kindheit´ als gefährdete Kategorie, entstehen.

Daher müssen im Folgenden das Medium Fernsehen und seine Funktion, die vermittelten Informationsinhalte und der Zugang zu diesen sowie die Bedeutung der Zugänglichkeit für den Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen eingehend untersucht werden. Zusätzlich soll die Stringenz des Textes anhand eines kritischen Gegentextes überprüft werden.

2. Das Fernsehen – Eine Einführung nach Postman

Die offensichtlich propagierte Kritik Neil Postmans[2] zielt hier ausschließlich auf das Medium Fernsehen, auf „das Medium der totalen Enthüllung“ (S.97). In deutlicher Abgrenzung zu anderen Instrumenten der Informationsvermittlung entstehen explizite Definitionsansätze zum Medium Fernsehen, die verschiedene inhärente Eigenschaften aufzeigen sollen. Deren Folgen für gesellschaftliche Entwicklungen werden wiederum auf moralischer Ebene analysiert.

Postman kreiert durch eine sehr exemplarische Einleitung dieses Kapitels eine gewisse Voreingenommenheit, der sich der Leser ohne reflektiertes Herangehen kaum entziehen kann. So wird auf eine Reihe amerikanischer Fernsehsendungen verwiesen, die verschiedene Themen wie etwa Inzest oder Homosexualität „bringen“ (S.98), wobei bereits an dieser Stelle wertende Attribute untergebracht sind. Der primäre Eindruck wird demnach aus der Vorstellung begründet, Fernsehen sei eine große Psychoshow, deren Inhalte alleinig der Ausreizung gesellschaftlicher Tabuthemen dienen (vgl. S.98). Sicherlich ist die Banalisierung bestimmter Themen durch das Fernsehen eine Problematik, die einer gründlichen Überprüfung bedarf, dennoch stellt die Hervorhebung dieses Aspekts eine Reduzierung des Fernsehens in seiner Gesamtform auf eine negative Komponente dar. Damit macht sich Postman das subjektive Urteilsvermögen der Leser von Beginn an zunutze. Die Ausgangsposition des Textes fragt direkt nach den Gründen der zwanghaften Publikmachung der „gesamte(n) Kultur“ (S.98) und damit verbundenen intimen Angelegenheiten. Darauf basierend folgen Erklärungsversuche, die indirekt einige Aussagen zur Begriffsbestimmung von Fernsehen mitliefern.

Das Fernsehen wird sowohl als „bildliches“ aber auch als „gegenwartszentriertes, mit Lichtgeschwindigkeit operierendes Medium“ beschrieben, dessen Aufgabe darin besteht, Informationen nicht nur zu sammeln, sondern sie auch zu „bewegen“ (S.98). Somit erklärt Postman die Kurzlebigkeit von Fernsehbeiträgen, denen dadurch jede Möglichkeit zur Durchführung einer gründlichen Analyse der Informationen entzogen wird. Im Gegensatz dazu steht das Buch. Dessen Funktion ist es, Ereignisse ’festzuhalten’, zu archivieren und eingehend - je nach Thema mehr oder weniger wiederholt - zu untersuchen, womit es nach Postman die Rechtfertigung für seinen Status als Medium erhält (vgl. S.98).. Da das Fernsehen auf Unmengen von zu verarbeitenden Themen angewiesen ist, ist es auch nicht wählerisch, vielmehr muss es jeden beliebigen Stoff nutzen, um interessant zu bleiben. Was das Fernsehen bietet, ist in Postmans Augen eine Produktion vorwiegend artifizieller Ereignisse – immer im Hinblick auf kommerzielle Profite. Er bezieht sich hinsichtlich dessen auf die Bezeichnung „Pseudo-Ereignis“ (S.98) zitiert nach dem Historiker Daniel Boorstin. Es werden also Ereignisse geschaffen, deren Bedeutung allein darin liegt, hohe Einschaltquoten zu erzielen, und das Publikum zufrieden zu stellen (vgl. S.99). Die ursprüngliche Berichterstattung über die, der Wirklichkeit entsprechenden Ereignisse tritt so in den Hintergrund. Dabei werden die Bedürfnisse des Publikums wiederum auch nur durch die Fernsehprogramme selbst geschaffen, das heißt, es entstehen unmittelbar Gewohnheiten in Bezug auf den Fernsehkonsum, die auf keinen notwendigen und somit realen Bedürfnissen basieren.

Insofern ergibt sich die berechtigte Frage nach der Notwendigkeit des Fernsehens. Was Postman nicht ausdrücklich äußert, was aber aus seinen Schlussfolgerungen unweigerlich hervorgeht, ist seine absolute Verweigerung, das Fernsehen als ein notwendiges Medium anzuerkennen. Inwieweit das in Zusammenhang mit dem „Verschwinden der Kindheit“ steht, soll Kernfrage dieser Arbeit sein.

Unter diesem Aspekt ist eine präzise Beleuchtung der These, die besagt, dass Fernsehen dazu dient, privates Wissen publik zu machen, unabdingbar. Grundlage für Postman bietet die Ausschlachtung sogenannter ‚Tabuthemen’ in jeglicher Form von Fernsehsendungen, sei es nun eine Talk Show, eine Fernsehserie oder ein Werbespot (vgl. S.98). Privates Wissen öffentlich machen, bedeutet, dass ein bestimmter Vorrat an Wissen, der zuvor nur einer bestimmten Gruppe von ‚Eingeweihten’ zugänglich war, in diesem Fall durch das Fernsehen plötzlich für eine breite Masse verfügbar ist. Diese Erklärung erfolgt über den Bezug auf G.B. Shaw[3], der feststellte, dass „jeder Berufsstand eine Verschwörung gegen die Laienschaft“ sei (S. 101). Daraus ergibt sich für Postman, dass auch soziale Gruppierungen in einer solchen Weise geprägt sind, als dass den Angehörigen dieser Gruppe Informationen bereit gestellt werden, während sie Außenstehenden hingegen unzugänglich bleiben (vgl. S.101). Diese Aussage tendiert zu einer Definition sozialer Kategorien, auf die im Kapitel 4 näher eingegangen werden soll.

3. Transparente Geheimnisse

Da im vorliegenden Text die Beziehung Kind versus Erwachsener fokussiert wird, benutzt Postman den Ausdruck ’Erwachsenengeheimnisse’ (S.107) für den Anteil privaten Wissens, der im Fernsehen veröffentlicht wird. Worin diese Geheimnisse im Wesentlichen bestehen, führt er akribisch auf.

3.1 Das ’Geheimnis’ der Sexualität

Eine bekannte, viel diskutierte Rolle spielt dabei der Aspekt der Sexualität. Im Text unterteilt er sich einerseits in das Problem des Gebrauchs von Kindern als „erotische Objekte“, andererseits in den Aspekt der Ausschlachtung jeglicher „Ausdrucksformen menschlicher Sexualität“ (S.108). Letzteres zeigt sich in der Verwendung sekundärer Geschlechtsmerkmale zu allen sich anbietenden Gelegenheiten und öffentlichen Diskussionen zu verschiedenen Themen der Sexualität. Um dem potentiellen Vorwurf der Prüderie zu entgehen, setzt Postman vorweg, er sähe „Charakter und Bedeutung sowohl der Sexualität als auch der kindlichen Entwicklung“ gefährdet und nimmt somit deutlich Abstand zu der Aussage, Sexualität sei etwas verwerfliches (S.109). Er verweist damit auf sein Anliegen, privates von öffentlichem Wissen abzugrenzen. Als äußert grenzwertig wird die Tatsache empfunden, dass Kinder als „Material“ dienen, zum Zweck der „Befriedigung der Sexualphantasien von Erwachsenen“ (S.108); also zum Beispiel die Darstellung von jungen Mädchen in Rollen, die eigentlich, wenn überhaupt, erwachsenen Frauen zugedacht sind. Für den Leser vollzieht sich der Gedanke, dass so eine eventuelle Nährung der Pädophilie entstanden ist. Dieser Eindruck wird hier nicht von Beweisen gestützt, vielmehr wird gesagt, dass die Aufdeckung dieses ’Geheimnisses’ eine Veränderung der moralischen Grundhaltung nach sich zieht, es geschieht also eine Verharmlosung. Demnach entwickelte sich dem Publikum unbewusst eine allgemeine Akzeptanz für die sinnbildliche Verwendung von Kindern in dieser Form (vgl. S. 108).

3.2 Das ’Geheimnis’ der Gewalt

Das Thema, Gewalt im Fernsehen wird ebenfalls aus zwei Perspektiven betrachtet: So werden zum einen Gewalt als fiktionale Darstellung, zum anderen die Verarbeitung wirklicher gewaltgeprägter Geschehnisse abgegrenzt aufgeführt (vgl. S.110f.). Die meist unverschleierte Vorführung von Gewalt in all seinen Formen durch Fernsehsendungen wie Spielfilme oder Fernesehserien ist in dem Sinne nicht als vordergründiges Problem zu betrachten, da Kinder hierbei durchaus in der Lage sind, Fiktion, als die sie erkenntlich ist, und Realität zu unterscheiden. Weitaus größere Auswirkungen hat dagegen die Ausstrahlung von Berichten über reale Gewalt. Postman stellt die oft erörterte Frage, inwieweit dies zur individuellen Gewaltbereitschaft von Kindern beiträgt, zugunsten der in den Hintergrund, die sich auf den möglicherweise verloren gehenden „Glauben des Kindes an die Rationalität des Erwachsenen“ (S.110) konzentriert. Dies soll allerdings in einem späteren, gesonderten Kapitel dieser Arbeit als ein Teilaspekt behandelt werden.

[...]


[1] Neil Postman, „Das Medium der totalen Enthüllung“. In: Postman, Neil, Das Verschwinden der Kindheit (Frankfurt am Main: Fischer [14], 1986). S.97-114. Erstausgabe 1984. Alle nachfolgenden Seitenverweise im Text gehören zu dieser Ausgabe.

[2] Der Medienökologe Neil Postman war bis zu seinem Tod im Oktober 2003 Inhaber des Lehrstuhls am Department of Culture and Communication an der New York University.

[3] Irischer Schriftsteller (1856-1950)

Details

Seiten
24
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640550142
ISBN (Buch)
9783640552184
Dateigröße
695 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146379
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Postman Kindheit Fernsehen Medien

Autor

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