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Albrecht von Johansdorf und seine Minnelyrik im Vergleich

Seminararbeit 2002 14 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Einleitung

Diese Hausarbeit ist thematisch auf Albrecht von Johansdorf und seine Liebesdichtung konzentriert. Es werden drei Lieder von Johansdorf interpretiert und verglichen. Der Schwerpunkt liegt bei dem Vergleich der Figuren in den Liedern. Die verschiedenen Frauen- und Männerrollen machen einen wichtigen Punkt aus, schließlich spielen sie die Hauptrollen in den Liedern. Welche Charaktere sie darstellen und wie sie sich im frühen Minnesang, als auch in den interpretierten Liedern unterscheiden, wird untersucht.

Die ältesten deutschen Liebeslieder stammen aus dem bayrisch- österreichischen Raum und werden um 1160 datiert. Viele davon bestehen noch aus einzelnen Strophen, manche sind anonym, die meisten sind aber schon unter Autorennamen überliefert. Der von Kürenberg, Dietmar von Eist, die Burggrafen von Regensburg und Rietenburg, sowie Meinloh von Sevelingen gelten als die ältesten Minnesänger.

Albrecht von Johansdorf wird auch in den frühen Minnesang eingereiht, er lebte und dichtete zwar eine Generation später als die oben genannten Dichter, aber die typischen Merkmale der donauländischen Lyrik lassen sich bis in seine späten Minnelieder feststellen. Zu einigen Merkmalen gehören beispielsweise das Leid der Frau und der Trost des Mannes. Außerdem

lässt Johansdorf, wie Dietmar oder Kürenberg, in seinen Liedern die Frau im direkten, aber auch in der direkten Art des Wechsels oft zu Worte kommen.1

Träger der Liebeserfahrung ist nicht nur, wie in der Trobadorlyrik, - der romanischen Lyrik-, der Mann, sondern auch die Frau. Frauenstrophen sind in der Poetik des frühen Minnesangs sogar ein besonders wichtiger Bestandteil.

1. Die Person Albrecht von Johansdorf

Der Name >>Albertus de Jahenstorf (f)/ Janestorf, Johanstorf<< ist zwischen 1172 und 1209 mehrfach erwähnt für Ministerialen der Bischöfe von Bamberg und von Passau, wie viele sich dahinter verbergen, ist nicht geklärt.2

Man vermutet, dass dieser Autor um etwa 1165 geboren ist. 3 Im Zentrum seiner Lyrik steht die Minne- und die Kreuzzugsthematik.

1.1 Die Frauenfigur

Die Frauenlieder zeigen ein reiches Spektrum weiblicher Typen und Haltungen. So findet sich neben der sehnsüchtig Werbenden, die Enttäuschte, die Klagende, die sich wehmütig Erinnernde, auch die Selbstbewußte und die sich zu ihrer „Neigung“ Bekennende. Die Gemeinsamkeiten dieser Frauentypen beschreibt Schweikle mit ihren mehr oder weniger offen und bereitwilligen, ausgesprochenen Zuneigungen dem Manne gegenüber.4

Ein wichtiges Merkmal der Frauenstrophen des frühen Sanges ist, dass die Frauenfiguren die Sehnsucht nach dem geliebten Mann, die Erinnerung an eine „erfüllte“ Liebe und den Wunsch nach Zuneigung ausdrücken.

Die Frau in den Minneklagen und Werbeliedern des Mannes

In den männlichen Minne-, Werbe- und Klageliedern des frühen Minnesangs sind verschiedene Frauentypen zu sehen. In den vorhöfischen Minneliedern begegnet beispielsweise die Liebende, die als Ziel einer Fernliebe dargestellte Frauenfigur und Dame, welche in der Angst von der „huote“ lebt.

Die inneren Werte der Frauengestalten werden wesentlich häufiger gerühmt als ihre äußere Schönheit. Sie erscheinen in den Liedern am häufigsten mit den Begriffen tugende (MF 90,16) oder guot (MF 94,22). 5

1.2 Die Männerfigur

Die verschiedenen Männerrollen erscheinen ebenfalls unter verschiedenen Perspektiven wie die Frauenbilder. Das männliche lyrische Ich stellt im frühen Minnesang den überlegenen Werbenden oder den Selbstbewußten dar.

Der Mann in den Frauenliedern und – strophen

Der Mann wird in den Frauenliedern des frühen Minnesangs nicht näher charakterisiert. Das Verhältnis zwischen Mann und Frau wird durch den Redeanteil dargestellt. In der Regel erscheint er hier als > der Minne wert <, der beste man, gelegentlich als friunt oder mit Attributen wie guot, liep, saelic etc.6

2. Zu den Liedern von Albrecht von Johansdorf

2.1 „Ich will gesehen, die ich von kinde (MF 90,16)“

Dieses Minneliedes besteht aus zwei Strophen. Die Stollen sind aus einem Vier- und Sechstakter komponiert. Der Abgesang ist aus den gleichen Bausteinen zusammengesetzt wie der Aufgesang, nämlich aus zwei vier- und zwei sechstaktigen Versen.

Erste Strophe

In der ersten Strophe berichtet das lyrische Ich von einem bevorstehenden Wiedersehen mit seiner Dame.

Der erste Stollen stellt das Thema „Wiedersehen mit der Geliebten“ auf, welches der zweite Stollen und der Abgesang in zwei Varianten ausführen. Zunächst zieht der Sänger einen glücklichen Ausgang des Wiedersehens in Erwägung. Vielleicht wird er diesmal die lang ersehnte Erhörung der Dame, ihre „ genade“ finden, und er preist sie schon im voraus:

>so gesach ich nie so guoten lip<.

Doch trotzdem stellt sich der Ritter die Frage, was aber wäre, wenn er der Dame „vil gar unmaere“ ist.

Es ist bemerkenswert, dass der Ritter, falls er abgelehnt werden sollte, nicht darüber klagt, ganz im Gegensatz ehrt er sie noch und sagt:

>>so ist si doch diu tugende nie verlie <<

Diese Aussage ist schon überraschend, denn man würde eigentlich eine Klage erwarten. Wie immer sich die Dame verhalten wird, trotzdem wird sie weiterhin von dem Ritter gelobt. Mit den vorangehenden Aussagen verbindet sich die hoffnungsfrohe Stimmung, die schon zu

Beginn der Strophe angesprochen wurde. Dort war es das bevorstehende Wiedersehen mit

der geliebten Frau, jetzt ist es die Freude, welche man über die Sommerzeit empfindet.

Zweite Strophe

Der erste Stollen wendet den Blick in die Vergangenheit und berichtet allgemein, wie „trurecliche “ der Ritter bisher sein Leben verbrachte. Im zweiten Stollen werden die Klagen fortgesetzt, doch kündet die letzte Zeile des Aufgesangs den unmittelbar bevorstehenden Umschwung an: > dem will ich vil schiere ein ende geben. <

Und er fährt im Abgesang weiter fort:

> dicke han ich we gesungen,

wol mich singe ich gerne<

So ganz sicher ist der Sänger seines Erfolges noch nicht, so setzt er vorsichtig hinzu „ swenn ichz gelerne“. In der vorletzten Zeile faßt das lyrische Ich zusammen und zieht einen Schlußstrich: >des ist zit, wan ich gesanc so nie.

fröide und sumer ist noch allez hie<.

Der Ritter hat sich hier in der zweiten Strophe eine Änderung vorgenommen, und dies beabsichtigt er damit, indem er seine traurigen Lieder nicht mehr singen möchte. Er mag nicht mehr, wie er es schildert >Wehe < singen, und verbindet es am Ende wie in der ersten Strophe, mit der Freude über die Sommerzeit.

Fazit

Das Lied beginnt mit der Erinnerung des Ritters an seine Kindheit, seitdem liebt und wartet er auf die frouwe. Das Lied ist ganz auf den Gegensatz von Liebeserfüllung und –Versagen, von trauriger Vergangenheit und glücklicher Zukunft aufgebaut. Zwar dauert der freudlose Zustand bis in die Gegenwart (her gerungen), doch soll ein bevorstehendes Wiedersehen alles zum Guten wenden.

2.1.1 Das Minnelied

Dieses Minnelied wird wie auch andere ausschließliche Minnelieder, durch das ferne Erlebnis des Ritters nach seiner Geliebten bestimmt und ausgelöst. Das hauptsächliche Thema dieses Liedes ist die Hoffnung auf die Belohnung seines Dienstes.

Im diesem Lied wird aus der Vorfreude auf ein nahes Wiedersehen mit der Geliebten heraus gesungen, >>ein Wiedersehen, das schlagartig das „we singen“ in ein „wol mich singen“ verkehren und den Sänger endlich das wirkliche „lachen“ lehren soll. <<7

Den adäquaten Ausdruck für seine hoffnungsfrohe Stimmung findet der Sänger im Vergleich mit der Natur: „fröide unde sumer ist noch allez hie“.

2.2 „Wie sich minne hebt, daz weiz ich wohl ( MF 91,22)“

2.2.1 Das Wechsellied

In diesem Wechsel sind zwei Gattungen kombiniert: eine Frauen- und eine Mannesklage.

In Monologen bekennen ein Mann und eine Frau jeweils strophenweise ihre Sehnsucht und Liebesbereitschaft und beklagen die nicht erkennbare Resonanz beim geliebten Gegenüber. Sie sprechen, im Unterschied zum Dialoglied, nicht miteinander, sondern übereinander.

Der Wechsel begegnet nur in der mittelhochdeutschen Literatur und hat keine romanischen Vorbilder.8

In diesem Lied von Johansdorf handelt es sich um ein 4- strophiges Wechsellied. Die Aufgesangsverse bestehen aus Sechstaktern und die Abgesangsverse aus Viertaktern.

Erste Strophe

Am Liedbeginn stellt Albrecht in zwei gleichgebauten Versen den Leitgedanken der Frauenstrophe dar: Beginn und Ende einer Liebe

>wie sich minne hebt, daz weiz ich wol,

wie si ende nimt, des weiz ich niht <.

Es sind zwei allgemeine Feststellungen. Sie kommen daher nicht in Konflikt mit der Aussage des zweiten Stollens, indem die Frau den Beginn ihrer Liebe nur als zukünftige Möglichkeit sieht.

Aus Erzählungen, Beobachtungen konnte sie gut erfahren >wie sich minne hebt<, ohne dabei selbst in Liebe verfallen zu sein. Dieses Schwanken zwischen einer allgemeinen Behauptung und einem Bekenntnis der Möglichkeitsform wiederholt sich in der zweiten und dritten Strophe. Mit ihm charakterisiert Johansdorf sehr gut die zwiespältige Lage der Dame, die den Ritter zur Treue mahnen will und gleichzeitig ihre Liebe verbergen muß. Die Dame wendet sich mit einer indirekten Bitte an Gott:

>so bewar mich vor dem scheiden got<.

Nur Gottes Macht, der Tod kann sie scheiden. Wenn die Frau ihren Liebsten verliert, so wird ihr gleichzeitig ihre Lebenslust entzogen, denn sie weiß nicht, wie sie ohne ihn leben soll:

> diesen kumber vürhte ich ane spot <.

Zweite Strophe

Johansdorf führt die Thematik des „ gefriundens “ und „scheidens “ fort und vertieft sie. Gegenüber der ersten Strophe hat sich der Raum, den dieses Gegensatzpaar einnimmt, vermehrt. Denn in den vier Zeilen beschreibt das lyrische Ich seinen Minnebegriff, der auf gegenseitiger treuer Zuneigung beruht und behandelt aber auch die Thematik der Trennung.

Bergmann hat die „ triuwe“, bei Johansdorf als lebenslange Verbundenheit übersetzt, sie ist wohl der direkte Weg zu Gott.9 Daher sollte keine andere Macht als der Tod die Geliebten scheiden, nur er darf ihre gegenseitige „ triuwe “ brechen.

Wie in der ersten Strophe verbirgt die Frau ihre Liebe unter der Möglichkeitsform, in der fünften Zeile sagt sie:

>waer diu rede min ich taete also<. Diesmal spricht die Dame nur mehr von dem Kummer, dem ihr der Verlust ihres „ friundes“ bereiten würde, und setzt somit stillschweigend voraus, dass sie schon einen Geliebten besitzt. Auch die hypothetische Redeweise kann nicht über das wirkliche Leid hinweg täuschen, daß die Dame bei der bloßen Vorstellung überfällt, ihr

Herzliebster könnte sie je verlassen. So sagt sie in der letzten Zeile:

> Seht, so wurde ich niemer mere vro<.

Hier kommt wieder die Angst der Frau zum Vordergrund.

Dritte Strophe

Im ersten Stollen spricht die Frau wieder allgemein über das Zusammenfinden zweier Menschen, im zweiten verurteilt sie das „unsanfte ende“ ihrer Gemeinsamkeit. Auf diese Weise werden die beiden Leitthemen der ersten Strophe >wie sich minne hebt< und >wie si ende nimt< variiert und ausgeweitet.

In der zweiten Strophe zeigte die Dame, wie aus dem „gefriunden“ von zwei Herzenlieben eine Minne erblühen und schließlich eine „ Triuwe“ heranreifen kann, jetzt erläutert sie weiter, dass es zu diesem Prozeß „manic stunde“ bedarf.

Den Vorgang „eine triuwe werden“ umschreibt Johansdorf in der dritten Strophe diesmal als >> e daz sich gesamne ir zweier muot<<.

Bergmann interpretiert diese Bindung als: „kein Ich und Du mehr, sondern nur noch ein Wir“.10 Die Herzen und die Seelen der Geliebten werden eins, das heißt, dass es nicht mehr zwei Personen und zwei Seelen sind, sondern nur noch eine Seele und eine Person.

Im zweiten Stollen spricht die Frau vom „ende“ das „unsanfte tuo“, dabei ist sie in ihrem Urteil sehr zurückhaltend und schiebt eine allgemeine Redewendung ein:

>Ich waene (des) wol<.

Im Abgesang kommt die Frau also wieder vom Allgemeinen auf ihr ganz besonderes Problem zu sprechen und bedient sich dabei wieder der hypothetischen Redeweise, um ihre Liebe geheim zu halten.

Der erste Abgesangsvers enthält wie in der ersten Strophe den Wunsch, von dem bitteren Scheiden in der Liebe bewahrt zu bleiben. Die beiden Schlusszeilen sind in der Möglichkeitsform gesprochen:

> und werde ich iemen liep, der si siner triuwe an mir gemant<.

Mit der Aufforderung zur „Triuwe“ übergibt die Dame dem Ritter das Wort.

[...]


1 de Boor, Helmut: Geschichte der deutschen Literatur. Bd.2.1955. S.276

2 Müller, Ulrich: Deutsche gedichte des Mittelalers. Stuttgart.1993. S.502

3 Bermann, Robert. Untersuchungen zu den Liedern von Albrechts von Johansdorf. Freiburg. 1963,S. 289

4 Schweikle, Günther. Minnesang.1989. Stuttgart. S. 179

5 Ebd. S.182.

6 Ebd. S.190.

7 Bergmann,R. 1963.S.221.

8 Schweikle,G. 1989.S.131.

9 Bergmann,R. 1963,S.164.

10 Ebd. S. 165.

Details

Seiten
14
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783640550081
ISBN (Buch)
9783640552221
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146356
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Deutsche und Niederländische Philologie
Note
1,7
Schlagworte
Albrecht Johansdorf Minnelyrik Vergleich

Autor

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