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Klassenführung und Unterrichtserfolg - Eine Fallstudie in einer Englischstunde in der dritten Klasse

Bachelorarbeit 2008 40 Seiten

Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorieteil
2.1 Einleitung in den Theorieteil
2.2 Klassenführung
2.3 Fragestellung im Bezug auf die vorgestellte Literatur

3. Methodenteil
3.1 Stichprobe
3.2 Versuchsdesign
3.3 Messinstrumente
3.4 Durchführung der Analyse
3.4.1 Interact

4. Ergebnisteil
4.1 Inhaltliche Darstellung der Unterrichtsstunde
4.2 Einordnung der Unterrichtsstunde in den Lehrplan
4.3 Einleitung der Analyse
4.4 Analyse: Teil 1 (01:00-14:00 Unterrichtsminute)
4.4.1 Mitarbeit, Fehlverhalten und Unterrichtsaktivitäten der Schüler unter Analyse des Interactiongraphs
4.4.2 Allgegenwärtigkeit der Lehrkraft unter Analyse des Interactiongraphs
4.4.3 Beschäftigungsradius, Mitarbeit und Allgegenwärtigkeit unter Analyse des Interactiongraphs
4.4.4 Bewertung des Klassenführungsverhalten der Lehrkraft unter Analyse des Interactiongraphs
4.5 Analyse: Teil 2 (22:15 – 35:15 Unterrichtsminute)
4.5.1 Mitarbeit, Fehlverhalten und Unterrichtsaktivitäten der Schüler unter Analyse des Interactiongraphs
4.5.2 Allgegenwärtigkeit der Lehrkraft unter Analyse des Interactiongraphs
4.5.3 Beschäftigungsradius, Mitarbeit und Allgegenwärtigkeit unter Analyse des Interactiongraphs
4.5.4 Bewertung des Klassenführungsverhalten der Lehrkraft unter Analyse des Interactiongraphs

5. Diskussion
5.1 Interpretation
5.2 Validitätseinschränkungen
5.3 Schlussfolgerung

6. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Tab. 1: Voreingestellte Farbdarstellung für die einzelnen Kategorienausprägungen

Abbildung 2: Interactiongraph 1: Mitarbeit, Fehlverhalten und Unterrichtsaktivität, Teil 1

Abbildung 3: Interactiongraph 2: Mitarbeit, Unterrichtsaktivität und Allgegenwärtigkeit, Teil 1

Abbildung 4: Interactiongraph: 3: Mitarbeit, Allgegenwärtigkeit und Beschäftigungsradius, Teil 1

Abbildung 5: Interactiongraph 4: Mitarbeit, Fehlverhalten, Unterrichtsaktivität und Allgegenwärtigkeit, Teil 1

Abbildung 6: Interactiongraph 5: Mitarbeit, Fehlverhalten und Unterrichtsaktivität, Teil 2

Abbildung 7: Interactiongraph 6: Mitarbeit, Unterrichtsaktivität und Allgegenwärtigkeit, Teil 2

Abbildung 8: Interactiongraph 7: Mitarbeit, Unterrichtsaktivität und Beschäftigungsradius, Teil 2

Abbildung 9: Interactiongraph 8: Mitarbeit, Fehlverhalten, Unterrichtsaktivität und Allgegenwärtigkeit, Teil 2

1 Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll die Frage beleuchtet werden, inwiefern der Unterrichtserfolg einer Schulklasse mit der Klassenführung der Lehrkraft zusammenhängt und welche Verhaltensweisen der Lehrkraft[1] das Schülerverhalten beeinflussen.

Es ist wichtig sich mit dieser Frage zu beschäftigen, da Klassenführung eine zentrale Aufgabe der täglichen Lehrerarbeit ist. Die Lehrkraft hat den Auftrag, Schüler[2] zu aktivieren und muss anhaltend dafür sorgen, dass die Klasse gut geführt wird. Darauf verweist auch Hans Jürgen Apel, der „eine effektive, d.h. in didaktischen Situationen erfolgreiche Führung der Klasse und des Unterrichts immer noch als wichtigen Beitrag zur Qualität von Schule und Unterricht“ (Apel, 2002, S. 7) ansieht. Vor allem können die Lehrkräfte mit „ihrer Unterrichtsgestaltung und mit ihrer didaktischen Führung die Qualität des Erziehungs- und Bildungsangebots“ (Apel, 2002, S.8) sichern. Gerade deshalb ist es wichtig, sich mit der Frage zu beschäftigen, inwiefern der Unterrichtserfolg von der Lehrkraft abhängt. Eine Lehrerin sollte sich Kenntnisse darüber aneignen, wie eine „gute“ Klassenführung gelingen kann und welche didaktischen Kompetenzen für diese benötigt werden, denn die Schüler erwarten, dass sie zu aktivem Lernen angeregt und angeleitet werden.

Im Folgenden soll zunächst in einem theoretisch angelegten Untersuchungsbereich aufgezeigt werden, dass Klassenführung ein wichtiger Aspekt für den Erfolg von Unterricht ist. Anschließend soll näher erläutert bzw. definiert werden, was unter „Klassenführung“ im engeren Sinne verstanden werden kann und die einzelnen Klassenführungsdimensionen werden definiert. In Rückbezug auf die theoretischen Untersuchungsergebnisse wird die Fragestellung sodann präzisiert, sowie einige Fragen und Hypothesen entwickelt, die dann im weiteten Verlauf dieser Arbeit beantwortet werden sollen. Danach folgt ein Methodenteil, indem die zu untersuchende Lerngruppe vorgestellt, die Messinstrumente dargestellt und die Durchführung der Analyse beschrieben wird.

Theorie Seite 2

Der Ergebnisteil ergibt sich durch die Analyse einer exemplarischen Unterrichtsstunde und der Beschreibung des Unterrichtsverlaufs. Abschließend erfolgt eine Diskussion, in der die Frage zu klären ist, wie sich das Verhalten der Lehrerin auf die Schüler auswirkt.

2 Theorieteil

2.1 Einleitung in den Theorieteil

Klassenführung ist ein wichtiges Thema für die Gestaltung von Unterricht und für den Erfolg von Wissensvermittlung, da der Lernerfolg einer Klasse auch immer etwas mit der Lehrkraft zu tun hat. Die Lehrkräfte können mit ihrer didaktischen Führung die Qualität des Unterrichts sichern. Somit besteht ihre Aufgabe darin, „Lernwege in dem Sinne effizient zu gestalten, dass sie Eigenaktivität fördern und dabei Fehler konstruktiv korrigieren“ (Apel, 2002, S.8). Die Lehrkräfte sollen eine Klasse gut anleiten, motivieren und zur Lernarbeit verpflichten können, denn die Schüler wollen zum aktiven Lernen angeregt werden. Die Klasse sollte durch Anregung und Anleitung geführt werden, besonders auch da, wo es um „die Erziehung der Schüler zu einem entdeckenden Lernverhalten, zu Skepsis und um Kritikfähigkeit geht“ (Apel, 2002, S.10).

Um verstehen zu können, warum Klassenführung für den Unterrichtserfolg so bedeutsam ist, muss zunächst einmal dargestellt werden, was eine Lehrerin für das Lernverhalten ihrer Schüler unternehmen kann und inwiefern ihr aber auch Grenzen gesetzt sind. Grundsätzlich ist es so, dass jeder Schüler das Lernen für sich vollziehen muss, doch damit dies überhaupt möglich ist, muss die Lehrerin einige Unterrichtsvoraussetzungen schaffen. Nach M. Holodynski (1998) gibt es vier Voraussetzungen, die unabdingbar sind, um lernen zu können.

- „Schüler lernen besser, wenn sie bezüglich des Lernstoffes wissen, was sie eigentlich tun und was sie lernen sollen“.
- Der Schüler braucht Augenblicke, in denen er selbständig überprüfen kann, ob und „inwiefern er den Lernstoff verstanden hat“.
- Wenn der Schüler den Lernstoff verstanden hat, braucht er immer wieder Gelegenheiten, sein Wissen zu festigen, so dass es „zur Routine wird, um wieder Kapazitäten für neuen Lernstoff frei zu bekommen.“
- „Jedes Lernen muss daraufhin überprüft werden, ob es richtig verstanden und richtig geübt worden ist.“

Theorie Seite 3

Diese vier Voraussetzungen können durch die Klassenkameraden, die Unterrichtsmaterialien oder durch die Lehrerin überprüft werden. Am Ende eines Schuljahres sollten nicht nur die „guten“ Schüler den Lernstoff verstanden haben, sondern auch die lernschwächeren Schüler. Die Herausforderung einer Lehrerin liegt darin, jeden Schüler zu erreichen und ihn zum Lernen anzuleiten.

Problematisch ist jedoch, dass von jeder Lehrerin gefordert wird, Klassenführung- und Unterrichtsführung mit Schüleraktivität zu verbinden. Doch „die Möglichkeiten und Grenzen, Strategien, Routinen und Prozeduren einer solchen Führung werden kaum erörtert, geschweige denn genauer untersucht“ (Apel, 2002, S.8). Auch Hans Göckel (2000) sieht dies als Problem an und findet, dass die Unterrichtsführung als pädagogische Aufgabe eher unterschätzt und in der Literatur vernachlässigt wird. Der Begriff der Klassenführung werde geradezu ängstlich vermieden oder mit ‚Erziehung’ vermengt, obwohl Lehrerinnen und Lehrer gerade hier, bei der Führung von Klassen als sozialen Gruppen, die größten Schwierigkeiten erleben (Göckel, 2002, S.7).

Gerade weil Klassenführung so wichtig für guten Unterricht und die Bildung der Schüler ist, möchte ich in dieser Arbeit einen Teil dazu beitragen, mehr über das Verhältnis zwischen Klassenführung und Unterrichtserfolg einer Klasse herauszufinden.

2.2 Klassenführung

Klassenführung beschreibt die Art und Weise, wie die Lehrerin zu Beginn des Schuljahres einzelne Unterrichtsaktivitäten, wie z.B. Stillarbeitsphasen, Lehrervorträge oder Unterrichtsgespräche in den Unterricht einbaut, um im weiteren Verlauf des Schuljahres einen störungslosen und reibungslosen Unterricht sicherzustellen.

Nach Apel (2002) ist Klassenführung eine Form des „organisierend-disziplinierend- didaktischen Handels“. „Klassenführung erfolgt durch Organisation, Unterrichten und professionellen Umgang, wobei die Orientierung an allgemein verbindlichen Regeln der Interaktion und Kooperation von allen erwartet wird“ (Apel, 2002, S.86).

Jacob S. Kounin hat sich als einer der ersten mit dem Thema der Klassenführung beschäftigt indem er in den 70er Jahren eine Videoanalyse mit 49 Grundschulklassen aus den Vororten von Detroit und Detroit selbst durchgeführt hat. Ausgangspunkt seiner Untersuchung war, erfolgreiche Strategien zu finden, die einer Lehrerin dabei helfen Störverhalten von Schülern wirksam zu unterbinden und sie stattdessen zur aktiven Mitarbeit zu bewegen. Der zentrale Ansatz war „das professionelle Auftreten vor der

Klassenführung Seite 4

Klasse, die angemessene Verwendung methodischer Formen und der Einsatz von Medien“ (Apel, 2002, S.94). Es wurde nicht nur auf die unmittelbare Reaktion des Lehrers auf eine Störungssituation und das anschließende Schülerverhaltens geachtet, sondern auch das Geschehen davor wurde mit einbezogen.

Ein Ergebnis Kounins war, dass die Mitarbeit und das Fehlverhalten der Schüler eng mit dem Verhalten der Lehrerin zusammenhängt. Bei seiner Studie zeigten sich große Unterschiede zwischen den beobachteten Klassen. Eine Lehrerin, die gute Mitarbeit in ihrer Klasse verzeichnen konnte, wandte bestimmte Klassenführungsstrategien an, die Kounin wie folgt definiert:

1. Allgegenwärtigkeit

Mit Allgegenwärtigkeit ist gemeint, dass die Lehrerin darüber im Bilde ist, was aktuell in der Klasse passiert und dass sie eine Störung eines Schülers, oder mehrerer Schüler, direkt und unverzüglich unterbindet. Dies geschieht durch eine direkte, klare und bündige Ansprache der Lehrerin. Darüber hinaus führt Kounin zur genaueren Analyse noch den Objekt- und Zeitfehler und die unbeachtete Störung ein, die an dieser hier jedoch nicht weiter erläutert werden sollen.

2. Überlappung

Überlappung meint die Fähigkeit der Lehrerin, zwei gleichzeitig ablaufende Prozesse des Unterrichts, die „unbedingt ihre Aufmerksamkeit erfordern“ (Miederhoff, Holodynski, Roos, Schmidt, 2007) auch gleichzeitig überblicken und steuern zu können. „Widmet sich eine Lehrerin ausschließlich einer Störung oder einem einzelnen Schüler, kann das die restlichen Schüler, die nun unbeschäftigt sind und daher warten müssen, aus Langeweile dazu bringen, sich mit Unterrichtsfremden Aktivitäten zu beschäftigen“ (Holodynski, 1998). Mangelnde Überlappung spiegelt sich hingegen darin wieder, dass

die Lehrerin offensichtlich nur einen Unterrichtsprozess überblickt und andere Aktivitäten im Klassenraum nicht wahrnimmt oder sogar ignoriert.

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3. Reibungslosigkeit

Unter Reibungslosigkeit versteht man, dass die Lehrerin einen reibungslosen Wechsel zwischen verschiedenen Unterrichtsaktivitäten schafft. „Manchmal bedeutet es auch psychisches Überwechseln oder Wechseln der Lernmittel, wenn die Kinder etwa von der Beschäftigung mit Rechenaufgaben zur Beschäftigung mit Rechtschreiben übergehen sollen, ohne dabei ihre Plätze zu verlassen“ (Kounin, 2006, S.101).

4. Schwung

Schwung bedeutet, dass die Lehrerin eine Unterrichtsaktivität so gestaltet, dass sie dem Lerntempo der Schüler entspricht. Wenn die „Länge und die Detailliertheit der Erklärungen und des Vormachens auf das Verständnis abgestimmt sind“, (Holodynski, 1998) kann man von einer Lehrerdemonstration sprechen, die Schwung hat. Wenn die Lehrerin zu ausführlich erklärt, wird es für die Schüler schnell langweilig und wenn sie jedoch zu schnell erklärt, dann verstehen die Schüler ihre Lernaufgabe nicht und wissen nicht was sie zu tun haben. Schwung beinhaltet, dass für die jeweilige Klasse ein angemessenes Niveau und Tempo der Unterrichtsaktivität zu finden ist (Holodynski, 1998).

5. Gruppenfokus

Gruppenfokus meint die Fähigkeit, die einzelnen Schüler - auch die nicht aufgerufenen – zu motivieren und „auf dem Posten zu halten“ (Kounin, 2006, S.118).

Nach Holodynski (1998) muss eine Lehrerin hierfür:

1. für Schüler aus allen Leistungsgruppen Gelegenheiten schaffen, sich mit dem
Lernstoff aktiv auseinander setzen zu können;
2. die Schüler beim Lernen so oft wie möglich aktiv handeln (und so wenig wie
nötig nur zuhören) lassen;
3. Schüler auf allen Sitzpositionen in die Lehrer-Schüler-Interaktion einbeziehen;
4. die Beschäftigung nicht nur auf einzelne Schüler fokussieren, sondern stets die
ganze Klasse aktivieren;
5. von jedem Schüler bezüglich seiner Lernaktivitäten Rechenschaft verlangen

und konstruktiv Rückmeldung dazu geben.

Fragestellung Seite 6

2.3 Fragestellung im Bezug auf die vorgestellte Literatur

Die Frage, die zu Beginn dieser Arbeit entstanden ist, lässt sich nun im Bezug auf die vorgestellten Klassenführungsdimensionen Kounins noch genauer präzisieren.

Also: Inwiefern hängt der Unterrichtserfolg einer Schulklasse mit der Allgegenwärtigkeit der Lehrkraft zusammen? Welches Ausmaß hat die Allgegenwärtigkeit der Lehrerin im Bezug auf die Mitarbeit und das Fehlverhalten der Schüler?

Bezieht man sich auf Kounins Studie, lässt sich ganz eindeutig feststellen, dass das Verhalten der Lehrkraft einen starken Einfluss auf das Verhalten der Schüler hat. Doch ob dies in jedem Fall zutrifft oder ob es irgendwelche Ausnahmen gibt, soll in folgender Analyse genauer untersucht werden.

Denn hat das Verhalten der Lehrkraft wirklich immer Einfluss auf die Mitarbeit der Schüler? Oder könnte es nicht auch durchaus möglich sein, dass die Schüler ganz allein dafür verantwortlich sind, ob und was sie lernen?

Für ein angenehmes Klassen- und Lernklima muss jedoch in jedem Fall gesorgt werden, und es stellt sich die Frage, ob ein solches gewährleistet werden kann, wenn sich die Lehrkraft nicht aktiv mit in das Unterrichtsgeschehen einbringt und störende Kinder ermahnt.

Methode Seite 7

3 Methodenteil

3.1 Stichprobe

Die Unterrichtsanalyse wurde exemplarisch im Englischunterricht einer 3. Klasse durchgeführt. In der Klasse befinden sich 24 Kinder, davon 9 Mädchen und 15 Jungen. Die Sitzordnung ist so angelegt, dass 5 Gruppentische zu je vier bis maximal sechs Kindern im Klassenraum Platz finden. Der Klassenraum ist insgesamt freundlich und hell eingerichtet und verfügt über 2 Tafeln. Zusätzlich befinden sich in der Klasse eine Kuschel- und Leseecke, sowie eine Computerecke. An der Wand befindet sich eine Pinnwand, auf der jeweils die aktuellen Unterrichtsmaterialien oder auch die Unterrichtsergebnisse festgehalten werden.

Zum besseren Verständnis sei im Folgenden noch auf einige Informationen von der Klassenlehrerin hingewiesen.

1.Sitzordnung

Die Klassenlehrerin bevorzugt Gruppentische, da generell viel Gruppenarbeit gemacht wird. Zusätzlich ist es ihr wichtig, dass im vorderen Bereich, vor der Tafel genügend Platz ist, so dass man stets, ohne großen Aufwand einen Sitzkreis machen kann, da von dieser Sozialform häufig Gebrauch gemacht wird.

2. Besonderheiten einzelner Schüler

Sehr auffällig ist in der Lerngruppe insbesondere Schüler X. Er gilt als besonders begabt, was sich darin bestätigen lässt, dass er ein Jahr früher eingeschult wurde und dann noch eine Klasse übersprungen hat. Somit ist er nun mit 7 Jahren bereits in der dritten Klasse. Er lernt besonders gerne und viel und wird von seinen Eltern dazu auch animiert. Sein Sozialverhalten leidet darunter jedoch teilweise. Das heißt, er will ständig den anderen sein Wissen und seine Überlegenheit mitteilen. Doch dadurch entwickeln die anderen Schüler eher eine Abneigung gegen ihn. Bei Gruppen- oder Partnerarbeiten hat Schüler X stets Schwierigkeiten, einen Partner zu finden, der mit ihm zusammen arbeiten möchte. Die übrigen Schüler scheinen allgemein Probleme damit zu haben, dass so ein „Kleiner“ schlauer ist als sie selbst. Allerdings

muss auch gesagt werden, dass sich sein Sozialverhalten seit Eintritt in die Klasse bereits gebessert hat.

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3.2 Versuchsdesign

Der Klassenraum war so konzipiert dass die Grundschulkasse während des regulären Unterrichts von 2 Kameras aufgenommen wurde. Eine Kamera wurde im vorderen Teil der Klasse angebracht, die andere im hinteren Teil. Dies diente dazu, dass man bei der späteren Videoanalyse einen besseren Überblick über die gesamte Klasse hatte und undeutliche Situationen noch einmal aus einem anderen Blickwinkel betrachten konnte – um zu genaueren Ergebnissen zu gelangen.

Das Video wurde anschließend mit dem Programm Interact – welches im folgendem noch genauer vorgestellt wird – bearbeitet, so dass die Unterrichtsstunde in Videosequenzen bzw. Events von jeweils 15 Sekunden unterteilt werden konnte.

Ziel der vorliegenden Untersuchung war, den Zusammenhang zwischen dem Klassenführungsverhalten des Lehrers und dem Unterrichtserfolg bzw.- misserfolg zu analysieren. Zur genaueren Untersuchung, wurden zum einen die genauen Bereiche der Klassenführung festgelegt. Diese betrafen alle Verhaltensweisen der Lehrkraft, also zum einen ihre didaktischen Entscheidungen, als auch ihre Verhaltensweisen, bezüglich der Unterrichtsleitung, die unabhängig voneinander – und von anderen Unterrichtsaktivitäten- festzuhalten waren. Daher wurden sie als unabhängige bzw. Input- Variablen bezeichnet. Zu ihnen zählte also das Verhalten der Lehrerin bezüglich der Allgegenwärtigkeit, der Überlappung, der Reibungslosigkeit, des Schwungs und der Gruppenmobilisierung. Diese Verhaltensweisen kann man auch als ursächliche Faktoren bezeichnen, da sie unabhängige Faktoren darstellen.

Um überhaupt prüfen zu können, welchen Einfluss diese Variablen auf den Unterrichtserfolg hatten, musste zunächst definiert werden, was erfolgreichen Unterricht kennzeichnete. Da mit Hilfe der Videoaufzeichnungen „nur“ das sichtbare Verhalten der Schulklasse aufgenommen werden konnte, bezogen sich die Erfolgskriterien, also der Effekt der unabhängigen Variablen, auf das äußere Schülerverhalten. Der Erfolg wurde hier auf Mitarbeit und ausbleibendes Fehlverhalten festgelegt. Auf den Erfolg konnte also durch den Input Einfluss genommen werden, denn dieser ist von diesem abhängig. Somit wurden diese als abhängige bzw. Output- Variablen bezeichnet.

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3.3 Messinstrumente

Die vorliegende Untersuchung wurde anhand der Klassenführungsdimensionen (Abschnitt 2.2: Klassenführung) Kounins untersucht. Darüber hinaus wurde in einem Projekt von M. Holodynski und D. Miederhoff zur genaueren Analyse der Klassenführung noch die Kategorie der Unterrichtsaktivität (Miederhoff, Holodynski, Roos, Schmidt, 2007) eingeführt; die nun auch zur Analyse der Unterrichtsstunde genutzt werden soll.

In dieser Unterrichtsanalyse werden schwerpunktmäßig nur einzelne Kategorien Kounins untersucht, die nun zuerst einmal definiert werden: (Miederhoff, Holodynski, Roos, Schmidt, 2007)

1. Kategorie Mitarbeit

a) Definition: Unter Mitarbeit versteht man, dass der Schüler aufmerksam ist, dem Unterrichtsgeschehen folgt oder sich sogar aktiv am Unterricht beteiligt.

b) Kodierung: Mitarbeit wird ausschließlich negativ, d.h. als „Nicht-Mitarbeit“ kodiert. Pro Event ist anzugeben, wie viele Schüler durch ihr Verhalten anzusehen ist, dass sie dem Unterrichtsgeschehen nicht aufmerksam folgen. Oder Fehlverhalten zeigen, in dem sie auch andere Schüler von der Mitarbeit abhalten. Dies ist in der Form anzugeben: 00,01,03,…10, 11, 12,… 24.

Anzumerken ist, dass der Maßstab für die Bewertung das Verhalten ist, welches eine Lehrkraft oder ein Beobachter von den Schülern erwarten würde.

2. Kategorie Fehlverhalten

a) Definition: Fehlverhalten bezeichnet eine gesteigerte Form des „Nicht-Mitarbeitens“. Fehlverhalten äußert sich dadurch, dass ein (oder mehrere) Schüler, durch ihr Verhalten auch andere Schüler von der Mitarbeit abhalten. Alle involvierten Schüler sind dabei zu zählen.

b) Kodierung: Anzugeben ist die absolute Anzahl der Schüler, die durch ihr Verhalten auch anderen Schüler von der Mitarbeit abhalten. Dies ist in der Form anzugeben: 00,02,03,…,10,11,…24.

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Es sei noch darauf hingewiesen, dass man bei einem einzelnen Schüler kein Fehlverhalten kodieren kann, denn die Definition setzt voraus, dass mindestens zwei Schüler involviert sind.

3. Kategorie Unterrichtsaktivität

a) Definition: Eine Unterrichtsaktivität ist eine zeitlich begrenzte Handlungssequenz mit einem regelgeleiteten Arrangement bezüglich des Lehrer- und Schülerverhaltens mit Hilfe von Lernmaterial.

b) Kodierung: Eine Unterrichtseinheit wird ab dem Event kodiert, in dem sie beginnt.

1. Lehrerinstruktion wird kodiert, wenn die Unterrichtsaktivität dadurch gekennzeichnet ist, dass die Lehrkraft verbal Arbeitsanweisungen an die Schüler gibt.

2. Lehrerdemo wird kodiert, wenn die Unterrichtsaktivität dadurch gekennzeichnet ist, dass die Lehrkraft der Klasse in ihrem eigenen Verhalten ein Modell vorgibt, wie die Lernaufgabe gelöst werden soll und welches Verhalten von den Schülern verlangt wird.

3. Klassendemo wird kodiert, wenn die Unterrichtsaktivität dadurch gekennzeichnet ist, dass alle Schüler gleichzeitig ein Verhalten demonstrieren sollen, z.B. einen Satz gleichzeitig nachsprechen.

4. Lehrervortrag wird kodiert, wenn die Unterrichtsaktivität dadurch gekennzeichnet ist, dass die Lehrkraft ein Thema in Form eines Referats vorstellt, dem die Schüler folgen (sollen).

5. Schülerdemo wird kodiert, wenn die Unterrichtsaktivität dadurch gekennzeichnet ist, dass Schüler – aber nicht die ganze Klasse – etwas vorstellen (z.B. die Lösung einer Aufgabe).

6. Partnerarbeit wird kodiert, wenn die Unterrichtsaktivität dadurch gekennzeichnet ist, dass die Lehrkraft eine Aufgabe an je zwei Schüler verteilt, die diese dann in partnerschaftlichem Miteinander bearbeiten sollen.

7. Stillarbeit wird kodiert, wenn die Unterrichtsaktivität dadurch gekennzeichnet ist, dass die Schüler selbstständig und jeder für sich eine Aufgabenstellung bearbeiten.

8. Morgenkreis wird kodiert, wenn die Unterrichtsaktivität dadurch gekennzeichnet ist, dass Schüler und Lehrer im Kreis beisammen sitzen, dabei aber nicht an einem Unterrichtsgegenstand arbeiten. Themen des Gespräches können z.B. Erlebnisse des Vortags sein.

Methode Seite 11

9. Unterrichtsgespräch wird kodiert, wenn die Unterrichtsaktivität dadurch gekennzeichnet ist, dass die Schüler versuchen, im Gespräch ein Problem oder eine gestellte Aufgabe zu lösen. Die Lehrkraft soll dabei eine dirigierende Rolle übernehmen und die Schüler zu Beiträgen anregen.

10. Stationenlernen wird kodiert, wenn die Unterrichtsaktivität dadurch gekennzeichnet ist, dass Schüler(gruppen) an mehreren Lernstationen gleichzeitig beschäftigt sind.

11. Übergang wird kodiert, wenn die Lehrkraft eine Unterrichtsaktivität beendet (z.B. durch eine Anweisung wie „Setzt Euch wieder auf Eure Plätze.“), aber noch keine neue Unterrichtsaktivität oder neue Lernaufgabe angekündigt hat.

[...]


[1] In dieser Arbeit wird zur Bezeichnung der Schülerinnen und Schüler durchgängig „Schüler“

verwendet und dafür zur Bezeichnung des Lehrers durchgängig „Lehrerin“ oder „Lehrkraft“.

[2] Siehe Anmerkung: 1

Details

Seiten
40
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640571208
ISBN (Buch)
9783640571055
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146334
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Schlagworte
Klassenführung Unterrichtserfolg Eine Fallstudie Englischstunde Klasse

Autor

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Titel: Klassenführung und Unterrichtserfolg - Eine Fallstudie in einer Englischstunde in der dritten Klasse