Lade Inhalt...

Die Frauen Neros: Agrippina Minor, Claudia Octavia, Poppaea Sabina, Statilia Messalina und Acte

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 34 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Agrippina Minor – die Mutter des Kaisers Nero von Caroline Weißert

3.) Claudia Octavia – die erste Ehefrau Neros von Caroline Weißert

4.) Poppaea Sabina – die zweite Ehefrau Neros von Tina Hüfner

5.) Statilia Messalina – die dritte Ehefrau Neros von Tina Hüfner

6.) Acte – eine freigelassene Sklavin an der Seite des Kaisers von Tina Hüfner

7.) Fazit

Bibliografie

1.) Einleitung

Hinter jeden starken Mann steht eine noch stärkere Frau, die ihn stützt.“ So sagte es angeblich schon Kaiser Napoleon. Aber traf dies auch auf einen römischen Kaiser zu, der der heutigen Welt hauptsächlich durch seine Grausamkeit und Unberechenbarkeit in Erinnerung geblieben ist? Wie urteilen die Zeitgenossen über sie?

Wenn wir die Kaiserinnen des Imperium Romanum von Livia bis Theodora betrachten wollen, dann brauchen wir eine Merkmalsschablone, um sie mit einander vergleichen zu können – die Stereotypen der Macht. Dabei finden sich verschiedene, mit relativ festen Eigenschaften belegte Frauentypen. Der positive Inbegriff der Frau wäre die matrona. Sie zeichnet sich durch Kompetenz, Fruchtbarkeit und Zurückhaltung aus. Sie füllt die ihr zugedachten Rollen als Kaiserin, Ehefrau und Mutter mit aller Zurückhaltung und zur vollsten Zufriedenheit ihres Mannes und ihres Volkes aus. Sie mischt sich nicht in die Politik ein, Repräsentiert das Herrscherhaus in Würde und versucht keine oder nur unpolitische Ziele zu verfolgen.

Als viel häufigeres Bild der kaiserlichen Ehefrau finden wir, vor allem in den Annalen des Tacitus, ein Verhalten, das Thomas Späth als „ Normtransgression “ bezeichnet. Es besagt, dass Frauen gegen die römische Vorstellung der idealen Ehefrau verstoßen. Er unterscheidet dabei zwei Bereiche, einerseits den der „Machenschaften“ und andererseits den des „Ehebruchs“.[1]

Bei jeder wissenschaftlichen Untersuchung bezüglich der Rolle einer Frau muss immer eins bedacht werden. Die Überlieferungen wurden von Männern für Männer geschrieben. Und zeichnen somit ein sehr einheitliches und spezifisches Bild der Kaiserinnen.

In der vorliegenden Hausarbeit soll untersucht werden, welche Frauen in Verbindung mit Kaiser Nero standen und was über sie von den antiken Autoren überliefert wurde. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf die stereotypen Darstellungen der Weiblichkeit gelegt. Untersucht wurden zu diesem Zweck Neros Mutter Agrippina Minor, seine erste Ehefrau Claudia Octavia, seine zweite Ehefrau Poppaea Sabina, seine Geliebte Acte und seine dritte Ehefrau Statilia Messalina.

Beim Aufbau der Arbeit sind wir chronologisch vorgegangen, beginnend bei der Betrachtung der Rolle der Kaisermutter Agrippina Minor.

2.) Agrippina Minor – die Mutter des Kaisers Nero von Caroline Weißert

Iulia Agrippina, so ihr eigentlicher Name, wurde am 6. November 15 oder 16 n. Chr. als Tochter des Germanicus und der Vipsania Agrippina in Köln geboren.

Im Jahre 28 n. Chr. wurde sie mit Cn. Domitius Ahenobarbus vermählt. Aus dieser Ehe ging der spätere Kaiser Nero hervor. Sie gebar ihn am 15. Dezember 37 n. Chr. und wurde zwei Jahre später auf die Pontischen Inseln verbannt. Aus welchem Grund kann an dieser Stelle nicht näher erläutert werden. Durch Claudius erreichte sie im Jahre 41 n. Chr. die Restitution und ehelichte im selben Jahr ihren zweiten Mann C. Passienus Crispus.[2] Mit Hilfe des mächtigen Pallas, einem einflussreichen Freigelassenen und Berater des Claudius, hatte die ruhmsüchtige Agrippina, allen Konkurrentinnen zum Trotz, den princeps Claudius zu einer Heirat bewogen. Keine selbstverständliche Verbindung, da die verwandtschaftliche Nähe zwischen Onkel und Nichte als Ehehindernis galt. Um die Schwierigkeiten einer inzestuösen Beziehung zu umgehen, arrangierte der Senat eine Entscheidung, welche diese Regelung außer Kraft setzen und damit die Ehe legitimieren sollte. Die Hochzeit mit Claudius im Jahre 49 n. Chr. befähigte sie dazu, sich mit aller Kraft der Zukunft ihres Sohnes L. Domitius Ahenobarbus, dem späteren Tiberius Claudius Nero Drusus Germanicus Caesar, zuzuwenden.

Dazu gehörte zum einen die Adoption ihres Sohnes durch den Kaiser Claudius und zum anderen die eheliche Verbindung mit dessen Tochter Claudia Octavia, welche Nero den Thron sichern sollte.[3] Darüber hinaus schulte sie ihren Sohn für die Laufbahn als Kaiser und übertrug Seneca seine Erziehung.[4] Schenkt man Cassius Dio glauben, so beeinflusste Agrippina Claudius derart stark, dass er ihr im Jahre 50 nach Christus bereits den Titel „Augusta“ verlieh. So heißt es hier:

„Sobald sich einmal Agrippina im Kaiserpalaste niedergelassen hatte, brachte sie Claudius ganz unter ihren Einfluß.“[5]

„Hierauf [50 n. Chr.] verlieh Claudius der Agrippina den Titel Augusta.“[6]

Bei der Darstellung des Cassius Dio sollte aber auch beachtet werden, dass Claudius ohnehin als ein sehr schwacher Kaiser galt und genau diese Schwäche wurde durch die angebliche Abhängigkeit von Agrippina noch hervorgehoben. Die Machtposition der Agrippina wurde also in den Überlieferungen künstlich erhoben, um den Kaiser künstlich zu erniedrigen.

Folgen wir nun weiter den Ausführungen des Konsuls Cassius Dio. Ihm zufolge hatte Agrippina, als sie bemerkte, dass Claudius beabsichtigte, seinen Sohn Britannicus als Regierungsnachfolger zu bestellen, einen Giftanschlag mit Hilfe der Giftmischerin Locusta geplant, weil sie ihre Macht in Gefahr sah. Das Gift wurde in ein Pilzgericht gemischt und entfaltete schließlich in der Nacht seine Wirkung. Kaiser Claudius starb laut Cassius Dio im Alter von 63 Jahren durch die Hand seiner Frau.[7]

Giftmord ist eine typisch weibliche Art zu töten und die Fälle, in der Frauen sich ihres Mannes durch Gift entledigt haben sollen, sind in Literatur und Historie mehr als vielfältig. Beachten wir nun aber das bereits hohe Alter des Kaiser Claudius, so ist der Gedanke an eine natürliche Todesursache des Kaisers nicht von der Hand zu weisen. Politisch wäre dies aber vermutlich nicht einmal ansatzweise so gut zu vermarkten gewesen.

Am 13. Oktober 54 nach Christus wurde Claudius` Tod verkündet und somit der Thron für seinen Adoptivsohn Nero frei. Zu diesem Zweck hatte Agrippina den Palast absperren lassen, um die Machtübernahme ihres Sohnes vorbereiten zu können. Dem jungen Nero war bewusst, wem er den Kaiserthron zu verdanken hatte und seine Mutter tat dies letztlich nicht ohne Hintergedanken. Sie hoffte, nun nicht mehr nur über den Umweg als Ehefrau eines Kaisers, sondern als Mutter eines Kaisers Macht ausüben zu können.[8] Möglicherweise strebte sie sogar an, neben ihm herrschen zu können, doch dafür hätte sie die von der Gesellschaft vorgegebenen Rollen überwinden müssen. Es gab Spekulationen darüber, dass es Gespräche zwischen Burrus, Seneca und Agrippina gegeben haben soll, nach denen Agrippina an Neros Seite oder sogar an dessen statt das Reich hätte regieren sollen. Jedoch sind solche Gespräche nie an die Öffentlichkeit gelangt.[9]

Bald nach Neros Machtergreifung setzte sein Widerstand gegen seine machthungrige Mutter Agrippina Minor ein. Dies erschien wichtig für die Anerkennung Neros, der nach dem Tod seines Adoptivvaters zum pater familias aufgestiegen war. Als dieser wurde ihm die Aufgabe zuteil, dafür zu sorgen, dass sich die Mitglieder seiner domus den gesellschaftlichen Normen entsprechend verhielten. Wäre ihm nachgewiesen worden, dass er unfähig sei, die Frauen in seiner domus, darunter auch seine Mutter, in die Schranken zu weisen, so wäre seine Männlichkeit in Frage gestellt worden.[10]

Während sich die engen Vertrauten Neros, Burrus und Seneca, schon gegen Agrippina gewendet hatten, spürte auch sie mehr und mehr die Abnabelung ihres Sohnes, der sich seiner Geliebten Acte zuwendete und Octavia zu vernachlässigen begann.

„Übrigens wurde der bestimmte Einfluß der Mutter allmählich gebrochen, da Nero sich zu der Liebschaft mit einer Freigelassenen namens Acte herabließ.[11] […] zumal er gegen seine Gattin Octavia, die doch eine vornehme Frau von bewährter Ehrbarkeit war, durch ein gewisses Verhängnis oder auch, weil verbotene Genüsse einen größeren Reiz ausüben, eine starke Abneigung hatte.“[12]

Agrippina sah ihr mühsam aufgebautes Konstrukt zusammenbrechen und verlor stetig den Einfluss auf ihren Sohn.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, unternahm sie den verzweifelten Versuch Nero mit seinem Adoptivbruder Britannicus zu drohen, welcher als Sohn des Claudius einen rechtmäßigen Anspruch auf den Thron besessen hatte. So heißt es bei Tacitus:

„Hemmungslos ließ sich daraufhin Agrippina zu schrecklichen Drohungen Hinreißen und erklärte, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass es Nero zu Ohren komme, jetzt sei Britannicus herangewachsen, der wahre Erbe, der würdig sei, die väterliche Herrschaft zu übernehmen, die ein durch die widerrechtlichen Machenschaften der Mutter gleichsam Aufgepfropfter und Adoptierter ausübe.“[13]

Doch Nero veranlasste bereits im Februar 55 n Chr. die Beseitigung seines Adoptivbruders durch einen Giftanschlag bei einem Gastmahl. An dieser für einen mächtigen Mann doch sehr untypischen Art, seine Gegner zu beseitigen, lässt sich die Theorie aufstellen, dass Neros Macht zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefestigt genug war, um eine direktere und öffentlichere Art des Mordes zu nutzen. Auffällig wird dabei, dass Nero, der als besonders grausamer Kaiser galt, eine solch wenig gewalttätige und unblutige Methode nutzte, um sich seines Gegners zu entledigen.

Anschließend entzog er Agrippina ihre Leibwache sowie ihre beiden Liktoren[14]. Um die Abnabelung von der Mutter noch deutlicher werden zu lassen, musste diese den Palast verlassen. Die räumliche Distanz signalisierte nach außen, dass die politische Ordnung wieder hergestellt war. Agrippina, die Neros Aufstieg erst ermöglicht hatte, wurde schon sechs Monate nach Claudius` Tod durch ihren eigenen Sohn entmachtet. Sie war von der Frau eines princeps zu der Mutter eines princeps geworden.[15] Als mater Caesaris wurden ihr die notwendigen Ehren zuteil. Ihr wurden Opfer dargebracht und Statuen ihr zu Ehren aufgestellt. Jedoch reichte dies der ruhmsüchtigen Kaisermutter nicht aus. Wenn man Tacitus glauben schenken kann, solle sich Agrippina ihrem Sohn angeboten haben, um ihre Machtstellung zu retten. Dafür solle sie nicht einmal die Blutschande gefürchtet haben.

„Cluvius[16] überliefert, Agrippina sei in ihrer unbeherrschten Gier, ihre Machtstellung zu behaupten, so weit gegangen, dass die mitten im Tage, zu einer Zeit, da Nero durch Essen und Trinken erhitzt war, sich wiederholt dem Betrunkenen, aufgeputzt und zur Blutschande bereit dargeboten haben.“[17]

Daraufhin solle Nero vermieden haben, mit ihr allein zu sein, um seinen Ruf nicht zu gefährden.[18] Eine wirkliche Gefahr schien von ihr jedoch nicht mehr auszugehen. Warum es schließlich zu einer derartigen Katastrophe wie dem Muttermord kam, kann an dieser Stelle jedoch nur Spekulation bleiben. Auch hier soll wieder eine Frau maßgeblichen Einfluss auf Neros Handeln gehabt haben.[19] Es war Poppaea Sabina, seine zweite Ehefrau. Die Frau, die bereits Auslöser für die Verbannung und Tötung Claudia Octavias gewesen sein soll. Diese solle mit spitzen Bemerkungen den Hass gegenüber seiner Mutter weiter geschürt haben.[20] Dieser Einfluss paarte sich mit der verhassten Bevormundung seiner Mutter und führte im Frühjahr 59 n. Chr. zu dem Beschluss, seine Mutter töten zu lassen:

Zuletzt beschloss er, da sie für ihn, wo sie auch sich aufhalten mochte, eine schwere Belastung bildete, sie zu beseitigen, wobei er nur noch überlegte, ob durch Gift oder den Dolch oder irgendein anderes Gewaltmittel“[21] (Tac. Ann. 14,3).

Zunächst hatte er, laut Tacitus, erwägt, Gift für diesen Anschlag zu nutzen, doch er vermutete, dass man ihm diesen Unfall zuschreiben würde, da schon sein Stiefbruder Britannicus an einem Giftanschlag gestorben war.[22] Eine weitere Möglichkeit wären die Prätorianer gewesen, welche auch sonst Todesurteile überbrachten. Nero aber hegte Zweifel an ihrer Loyalität und somit erinnerte er sich an Anicetus. Dieser war Flottenbefehlshaber in Misenum, einem Vorgebirge am Golf von Puteoli. Er war Jugenderzieher Neros und Agrippina gegenüber feindlich gesinnt.[23] Dieser machte den Vorschlag, den Mordanschlag wie einen Unfall aussehen zu lassen:

„ […] man könne ein Schiff so zusammensetzen, dass ein Teil mitten im Meer durch eine künstliche Vorrichtung sich loslöse und die Ahnungslose ins Wasser falle. Nirgends als auf dem Meer käme ein so unberechenbarer Unfall vor. Und wenn sie einem Schiffbruch zum Opfer falle, wer werde dann so ungerecht sein, einem Verbrecher zuzuschreiben, was Wind und Wellen verschuldet haben?“[24] (Tac. Ann. 14, 3)

Im März des Jahres 59 nach Christus nahm Nero wie gewöhnlich an dem Fest der Quinquatrien[25] teil. Hierzu lud er seine Mutter zu einem Versöhnungsbesuch ein. Ihr wurden große Ehren zuteil, so auch die Fahrt auf einem extra für sie bereiteten Schiff, auf das sie von ihrer Hofdame Acerronia begleitet wurde. Der teuflische Plan ihres Sohnes sollte in die Tat umgesetzt werden. Zunächst blieben Agrippina und Acerronia unversehrt. In ihrer Angst gab sich die ehemals treue Hofdame als Mutter des Kaisers aus. Dies sollte ihr Todesurteil werden. Nachdem ihre Hofdame von den Matrosen erschlagen worden war, hatte Agrippina keinen Zweifel mehr daran, dass dies ein Mordversuch ihres Sohnes an ihr werden sollte. Agrippina rettete sich jedoch in den Lucriner See und wurde in ihr Landhaus gebracht. Anschließend schickte sie ihren Freigelassenen Agermus, Nero von ihrer Rettung zu berichten.

Diese Nachricht versetzte den Kaiser in Panik, der nun einen Vergeltungsschlag fürchte. In seiner Furcht wendete er sich erneut an Anicetus, der den Muttermord schließlich durchführen sollte. Er lies Agrippinas Hauspersonal verhaften. Anicetus betrat zusammen mit zwei Begleitern, dem Trierarchen Herculeius und dem Centurio der Flottenmannschaft Obaritus, das Schlafgemach der zu Tötenden. Ihre letzten überlieferten Worte galten Obaritus, der sie mit einem Schwert tötete: „Stoße in den Bauch!“. Jürgen Marlitz vermutete, dass dies in dem Sinne zu verstehen sei, dass symbolisch der Ort der weiblichen Fruchtbarkeit zerstört werden sollte, welcher den Muttermörder hervorgebracht hatte.

Auffällig sind die beinahe fantastischen Ausschmückungen dieses Mordanschlags in den antiken Quellen. Heute lässt sich leider nicht mehr nachvollziehen, ob die Geschichte um das manipulierte Schiff der Wahrheit oder vielmehr der künstlerischen Freiheit des Autors entsprochen haben. Die eigentliche Tötung der Agrippina durch Anicetus, Herculeius und Obaritus nimmt hingegen einen wesentlich geringeren Raum ein und lässt vermuten, dass Tacitus dem Akt des Muttermordes eine große Bedeutung zuwies. Er wurde zum Gipfel des Bildes, welches er über die Figur der Agrippina konstruiert hatte. Ihre Habgier wurde schlussendlich auch ihr Todesurteil.

Agrippina wurde sehr bald und ohne jede Ehrerweisung bestattet. Ihr Tot wurde vom Hofstaat begrüßt und man verrichtete Dankgebete in den Tempeln. Dies signalisiert erneut ihren schlechten Stand und man war froh, dass die einflussreiche Mutter Neros Position nun nicht mehr gefährlich werden konnte.[26] Ihr Sohn jedoch konnte nur sehr schwer die Fassung waren:

„Aber erst als das Verbrechen vollbracht war, wurde sich der Caesar seiner Schwere bewusst. Den Rest der Nacht starrte er teils schweigend vor sich hin, öfters fuhr er in Angst auf, ohne bei klarer Besinnung zu sein, und wartete auf den Tag, in der Annahme, dass ihm dieser den Untergang bringen werde “.[27] (Tac. Ann. 14, 10)

Man beglückwünschte Nero dazu, der Gefahr eines Anschlages von Seiten seiner Mutter entronnen zu sein. Dieser befand sich jedoch, vom Gewissen geplagt und voller Angst vor den Reaktionen der Hauptstadt, in den Landstädten Campaniens[28]. Als er sich entschloss in die Hauptstadt einzuziehen, wurde er freudig empfangen. Agrippinas Name war verhasst und ihr Tod hatte ihm eine gesteigerte Zuneigung beim Volk verschafft.[29]

Dies war also das Ende einer der ehrgeizigsten Frauen der domus Augusta. Ihr Ehrgeiz machte sie zu dem, was sie war, der Frau und der Mutter eines Kaisers und tötete sie schlussendlich.

Das Handeln der Agrippina Minor hatte lediglich drei Zielsetzungen. Zum Einen die Heirat mit dem princeps Claudius, zum Anderen die Sicherung der Thronnachfolge ihres Sohnes Nero und darüber hinaus die Erhaltung und sie Ausweitung des mütterlichen Einflusses über ihren Sohn. Als Legitimation ihrer Macht diente ihr zu jeder Zeit ihre Herkunft. Sie war nicht nur die Frau und die Mutter eines princeps, sondern sie gehörte der domus Augusta an. Sie war eine Nachfahrin des Augustus und genoss somit auch ein hohes gesellschaftliches Ansehen. So strebte sie zu jeder Zeit nach einer effektiven Beteiligung an der Macht und hoffte dies durch die Thronbesteigung ihres Sohnes zu erreichen.[30] Cassius Dio zufolge, besaß sie bereits zu Lebzeiten Claudius` eine größere Macht als der Kaiser selbst. Sie beherrschte ihn gewissermaßen.[31] Diesen Herrschaftsanspruch wollte sie durch die Machtübernahme ihres Sohnes gewiss weiter stärken.

Die Figur der Agrippina wird in den Annalen des Tacitus mit unterschiedlichen Facetten dargestellt. Dazu gehört unter anderem ihre verwandtschaftliche Stellung als Angehörige der dominierenden römischen domus Augusta. Darüber hinaus verhält sich Agrippina ihrer Herkunft entsprechend und nimmt die Stellung einer Aristokratin innerhalb ihrer domus ein. Dabei richtet sich ihr Handeln entsprechend ihrer Freundschafts- und Verwandtschaftsnetze aus. Außerdem verwendet Tacitus die Ausgestaltung der Figur Agrippina Minor als Kritik an dem Kaiser. Durch die Machtausübung an der Seite ihres Mannes und später ihres Sohnes, wird diesen ein wichtiger Aspekt ihrer Männlichkeit abgesprochen und ihre Machtposition entscheidend geschwächt.

Abschließend lässt sich sagen, dass das Bild der Agrippina heute lediglich noch das einer literarisch konstruierten Figur darstellt. Als solche gibt sie uns jedoch einen Einblick die weibliche Lebenspraxis und ihren Handlungsspielraum innerhalb ihrer domus. Neben ihrer Position als Ehefrau und Mutter eines Kaisers innerhalb der domus Augusta bekleidet sie auch die Position einer römischen Aristokratin, die es vermochte innerhalb ihrer freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Netzwerke selbstständig zu agieren.[32] Vordergründig geht es bei der Figur der Agrippina Minor um das Streben nach politischer Macht. Zweifelsohne geht aus ihrer Beschreibung in den Annalen ihre außerordentliche Stellung hervor, die jedoch an jeder Stelle negativ durch Tacitus konnotiert wird.[33]

3.) Claudia Octavia – die erste Ehefrau Neros von Caroline Weißert

Claudia Octavia, die Tochter des Kaisers Tiberius Claudius Caesar Augustus Germanicus und seiner dritten Ehefrau Valeria Messalina, lebte von 39 oder 40 nach Christus bis zum 9. Juni 62 nach Christus. Es ist nichts Besonderes, das dass Geburtsdatum nicht genau bekannt ist. Viel wichtiger erscheint meist das Sterbedatum. Hauptsächlich weil die historische Person im Laufe ihres Lebens zu einer Persönlichkeit reifte und im Falle von Claudia Octavia ja sogar zu einer Kaiserin, deren genaues Sterbedatum daher feststeht, da sie auf das Geheiß eines Kaisers hin getötet worden war.

Durch die Vermählung ihres Vaters Claudius mit Agrippina Minor wurde sie zur Stiefschwester des späteren Kaisers Neros, nachdem dieser im Jahre 50 nach Christus in die iulisch – claudische Familie 50 adoptiert worden war.[34]

Kurz nach ihrer Geburt wurde Claudia Octavia durch ihren Vater mit L. Junius Silanus verlobt, der selbst ein Urenkel des Augustus und somit ein geeigneter Kandidat für die Thronfolge war.[35] Als Claudius sich jedoch mit der ehrgeizigen Mutter Neros, Agrippina Minor, vermählte, strebte diese eine eheliche Verbindung ihres Sohnes mit der Tochter des Kaisers Claudius an. Diese Verbindung war offensichtlich eine rein dynastische Formalität.[36] Die politische Bedeutung und Macht einer Person war abhängig von der Zugehörigkeit zu einer bedeutsamen domus. Die Macht dieser domus beruhte auf ihren verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Netzwerken sowie der Patronage–Beziehungen.[37] Der Gatte wurde schließlich mit dem Prestige der domus seiner Ehefrau ausgestattet.[38] Die Wertigkeit einer Frau wird daher an ihrer Herkunft und somit an ihren Freundschafts- und Verwandtschaftsnetzen gemessen.

Um die Verbindung zwischen Nero und Claudia Octavia zu realisieren, musste zunächst die Verlobung mit Silanus gelöst werden.[39] Dies gelang Agrippina mit Hilfe vom Lucius Vitelius, einem einflussreichen Berater des Herrschers, im Jahr 48 nach Christus. Silanus wurde des Inzest mit seiner Schwester angeklagt und daraufhin aus dem Senat verstoßen.[40] Ein Jahr später bat man den Kaiser im Senat Octavia Nero zur Frau zu geben. Da dieser jedoch durch seine Adoption in die iulisch – claudische Familie aufgenommen worden war und somit der Stiefbruder seiner ihm zugedachten Ehefrau geworden war, wurde Octavia kurzerhand in eine andere Familie in Adoption gegeben. Im Jahre 53 nach Christus folgte schließlich die Vermählung von Octavia und Nero. Eine Ehe, die von Anfang an als unglücklich beschrieben wird.[41] Durch ihre Blutlinie hatte sie eine exponierte Stellung zum Machtaufbau Neros und war daher eine Heiratskandidatin nach dem Geschmack seiner Mutter Agrippina. Diese wollte über Octavia ihre Macht über den Sohn und zukünftigen Adoptivkaiser ausbauen. Trotz der unglücklichen Ehe wurde Octavia in der Öffentlichkeit mit den notwendigen Ehren ausgestattet. Ihr zu Ehren wurden Statuen errichtet und Opfer dargebracht. Zudem hatte sie ihren eigenen Hofstaat. Den Titel „Augusta“ führte Claudia Octavia jedoch nicht offiziell.

Nero selbst wandte sich, zwei Jahre nach der Trauung, der Freigelassenen Acte zu, welche an anderer Stelle etwas näher vorgestellt werden soll. Einige Jahre später, im Jahr 58 nach Christus, lernte er schließlich seine zweite Ehefrau Poppaea Sabina kennen.[42] Dieser wird in einigen antiken Quellen die Schuld an der Verbannung und Tötung ihrer Konkurrentin zugemessen.[43]

62 nach Christus beschloss Nero sich seiner Gemahlin, die ihm wegen ihrer Herkunft als Tochter des Claudius und durch ihre Popularität gefährlich schien, zu entledigen. Dieser Schritt musste gut überlegt werden, da eine Trennung bedeutende politische Konsequenzen nach sich ziehen würde, denn schon die Eheschließung zeigte, dass Claudia Octavia schon durch ihre Geburt mit politischer Bedeutung ausgestattet war.[44] Zunächst wurde sie unter dem Vorwand der Kinderlosigkeit und dem Ehebruch mit einem ägyptischen Flötenspieler nach Campanien verstoßen. Durch die Unterstellung eines ehebrecherischen Verhältnisses sollte das hohe Ansehen Octavias beim Volk gemindert werden.[45] Das Fehlen des kaiserlichen Nachwuchses ließ sich darüber hinaus gut gegen Octavia instrumentalisieren.[46] In Rom erregte diese Verbannung, auf Grund ihrer Popularität, großes Aufsehen und führte zu Volksaufständen gepaart mit Kundgebungen gegen Poppaea Sabina, der, von Seiten der Bevölkerung, die Schuld für die Verbannung zugewiesen wurde. Dieser Umstand führte zunächst zu Rückkehr Octavias an den kaiserlichen Hof.[47] Da nach ihrer Rückkehr die Bildnisse Poppaeas durch das Volk zerstört worden waren, erkannt Nero erneut die Brisanz der Situation und die Gefahr für seine Herrschaft, die von Octavia ausging. Nun war das Schicksal Octavias besiegelt. Er ließ sie zunächst auf die Insel Pandateria schaffen und sie dann einige Tage später, am 9. Juni 62 nach Christus, töten.[48] Der Mord wurde, wie in jener Zeit üblich, so arrangiert, dass es aussah, als sei es Suizid gewesen.[49]

Diese Tötung schaffte den Spielraum für verschiedene Mutmaßungen. Als geschiedene Frau galt Octavia als gefährlich für die Machtposition Neros. Als Tochter des Claudius und blutverwandtes Mitglied der iulisch – claudischen Familie wäre sie eine attraktive Partnerin für eine neue Heirat gewesen und ein eventueller Partner hätte den Thron Neros entscheidend gefährdet. Zumal dieser bisher noch keinen direkten Erben vorweisen konnte. Darüber hinaus sind sowohl ihre Beliebtheit beim Volk als auch das Drängen Poppaeas auf eine Beseitigung ihrer Vorgängerin als mögliche Ursachen für die Tötung Octavias zu betrachten. Ein Indiz hierfür findet sich bei Tacitus:

„ […] ihr abgeschnittenes Haupt wurde nach Rom gebracht, wo es Poppaea betrachtete.“[50] (Tac. Ann. 14, 64)

Abschließend lässt sich sagen, dass Claudia Octavia als Kaisergattin wenig Einfluss auf Nero hatte. Die Gründe hierfür sind in ihrem schlechten Verhältnis zueinander zu suchen. Die Verbindung wurde durch Agrippina Minor gefördert, um ihrem Sohn nach seiner Adoption größere Chancen auf den Thron einzuräumen. Somit lässt sich ihre politische Macht nur zusammen mit Agrippina Minor erkennen, die als Mutter des Kaisers in der Lage war, Einfluss auf ihn auszuüben. Offiziell trug Claudia Octavia den Augusta–Titel, welcher durch den Kaiser verliehen wird, nicht. Dies ist ein weiteres Indiz für das unliebsame Verhältnis der Ehepartner zueinander. Denn im Gegensatz dazu bekam ihre Nachfolgerin Poppaea Sabina diesen Ehrennamen direkt nach der Geburt der ersten gemeinsamen Tochter Claudia.[51]

An Ehrungen finden sich ausschließlich numismatische Zeugnisse. Inschriften, in denen Octavia vergöttlicht wurde, sind nicht bekannt.[52]

Wie bereits erwähnt, machte Nero während seiner Ehe mit Claudia Octavia zahlreiche Bekanntschaften zu anderen Frauen, so auch zu Poppaea Sabina, der er auf Grund ihrer unsagbaren Schönheit verfallen sein soll. Einer offiziellen Verbindung mit ihr stand jedoch die Ehe mit der ungeliebten Octavia im Wege. Nach dem Muttermord an Agrippina Minor, welche zu Lebzeiten die Ehe zwischen Nero und Claudius Tochter Octavia gefördert hatte, ergab sich 59 nach Christus also die Möglichkeit für ihn, sich von Octavia zu befreien. So heißt es bei Tacitus:

[...]


[1] Späth, Thomas: Männlichkeit und Weiblichkeit bei Tacitus. Zur Konstruktion der Geschlechterbeziehung in der römischen Kaiserzeit. Frankfurt/Main, New York 1994. S, 68.

[2] Kienast, Dietmar: Römische Kaisertabelle. Grundzüge einer römischen Kaiserchronologie. Darmstadt 1996, S. 94.

[3] Marlitz, Jürgen: Nero. München 1999, S. 12.

[4] Vgl. Cassius Dio, S. 14.

[5] Cassius Dio, S. 14.

[6] Ebenda, S. 15.

[7] Vgl. Cassius Dio. S. 22.

[8] H. Temporini – Gräfin Vitztum (Hrsg.): Die Kaiserinnen Roms. Von Livia bis Theodora. München 2002, S. 151.

[9] Ebenda, S. 153.

[10] Späth, Thomas (Hrsg.): Frauenwelten in der Antike. Geschlechterordnung und weibliche Lebenspraxis. Stuttgart 2000.

[11] Vgl. Tac. Ann. 13, 12, In: Tacitus, S. 79.

[12] Vgl. Tac. Ann. 13, 12, In Tacitus, S. 80.

[13] Vgl. Tac. Ann. 13, 14, In: Tacitus, S. 81.

[14] Liktoren: (lat. lictores zu ligare: binden) Die lictores waren ursprünglich jene Diener des römischen Königs, die ihn als Leibgarde beschützen sollten. Mit der Errichtung der Republik wies man sie jenen Magistraten zu, die über das imperium verfügten. In der Kaiserzeit standen sie dadurch auch dem Kaiser zu. Die Liktoren rekrutierten sich aus römischen Bürgern und vor allem Freigelassenen; Sklaven waren von dieser Tätigkeit ausgeschlossen. In: http://imperiumromanum.com/militaer/leibwache/liktoren_01.htm (13.03.09)

[15] H. Temporini, S. 154.

[16] Cluvius Rufus war wie Plinius für Tacitus ein Quellenschriftsteller. Er schrieb Historiae (= Zeitgeschichte), war consul suffectus (Sonderfall des römischen Konsulates. Wenn ein Magistrat schon vor Ablauf seines Amtsjahres ausschied oder starb, musste ein suffectus (von sufficere: nachwachsen) gewählt werden. Seit Nero ernennt der Kaiser die Konsuln. Die Befugnisse der Konsuln fallen weitgehend an den Kaiser. Vgl. http://www.gottwein.de/latine/LLLc5.php (16.03.09) ) vor dem Jahr 65 und lebte noch unter Vespasian. Vgl. Tacitus, S. 262.

[17] Vgl. Tac. Ann. 14, 2, In: Tacitus, S. 117f.

[18] Vgl. Tac. Ann. 14, 3, In: Tacitus, S. 118.

[19] H. Temporini, S. 155.

[20] Vgl. Tac. Ann. 14, 1, In: Tacitus, S. 117.

[21] Tacitus, S. 118.

[22] Vgl. Tac. Ann. 14, 3, In: Tacitus, S. 118f.

[23] Marlitz, S. 36f.

[24] Vgl. Tac. Ann. 14, 3, In: Tacitus, S. 118.

[25] Fest zu Ehren der Göttin Minerva. Vom 19. bis 23. März begangen. Am fünften Tage nach den Iden gefeiert. Ursprünglich ein eintägiges Fest. Vgl. Tacitus, S. 271.

[26] Marlitz, S. 37ff.

[27] Vgl. Tac. Ann. 14, 10, In: Tacitus, S. 124.

[28] Campanien ist eine Region an der Westküste von Italien.

[29] Vgl. Tac. Ann. 14, 13, In: Tacitus, S. 126f.

[30] Späth, Thomas (Hrsg.): Frauenwelten in der Antike. Geschlechterordnung und weibliche Lebenspraxis. Stuttgart 2000, S.270.

[31] Vgl. Cassius Dio, S. 17.

[32] Ebenda, S. 275.

[33] Späth, Thomas: Männlichkeit und Weiblichkeit bei Tacitus. Zur Konstruktion der Geschlechter in der römischen Kaiserzeit. Frankfurt/ Main 1994, S. 102f.

[34] Hahn, Ulrike: Die Frauen des römischen Kaiserhauses und ihre Ehrungen im griechischen Osten anhand epigraphischer und numismatischer Zeugnisse von Livia bis Sabina. Saarbrücken 1994, S. 208.

[35] Marlitz, Jürgen: Nero. München 1999, S. 12.

[36] Ebenda, S. 29.

[37] Späth, Thomas (Hrsg.): Frauenwelten in der Antike. Geschlechterordnung und weibliche Lebenspraxis. Stuttgart 2000, S. 266.

[38] Ebenda, S. 267.

[39] Hahn, S. 208.

[40] Marlitz, S. 12.

[41] Hahn, S. 208.

[42] Ebenda.

[43] Ebenda, S. 209.

[44] Waldherr, Gerhard H.: Nero. Eine Biografie. Regensburg 2005, S. 97

[45] Ebenda, S. 98.

[46] Ebenda, S. 97.

[47] Ebenda, 208.

[48] Ebenda, 209.

[49] H. Temporini – Gräfin Vitztum (Hrsg.): Die Kaiserinnen Roms. Von Livia bis Theodora. München 2002, S. 159.

[50] Tacitus: Annalen XI-XVI. Stuttgart 1991, S. 162.

[51] Ebenda.

[52] Hahn, S. 210.

Details

Seiten
34
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640566143
ISBN (Buch)
9783640566495
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146292
Institution / Hochschule
Universität Rostock
Note
1,5
Schlagworte
Frauen Neros Agrippina Minor Claudia Octavia Poppaea Sabina Statilia Messalina Acte

Autor

Zurück

Titel: Die Frauen Neros: Agrippina Minor, Claudia Octavia, Poppaea Sabina, Statilia Messalina und Acte