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Zwei Fragen an die Rede des Alkibiades in Platons "Symposion"

Seminararbeit 2008 9 Seiten

Klassische Philologie - Gräzistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Rede des Alkibiades – ein Satyrspiel

Platons Symposion als Mysterienfeier

Sokrates ist „keinem Menschen ähnlich”

Literaturverzeichnis
Ausgaben
Forschungsliteratur

Einleitung

In Platon „Symposion“[1] beschließen einige Männer der Athener Oberschicht – darunter die Dichter Agathon und Aristophanes sowie Sokrates – nacheinander Lobreden auf Eros zu halten. Die Lobrede des Sokrates bzw. der Priesterin Diotima, der er diese in den Mund legt, bildet hierbei zunächst den Abschluss. Doch dann kommt der angetrunkene Alkibiades in Begleitung von weiteren Zechgenossen und Flötenmädchen herein und preist, aufgefordert ebenfalls eine Rede auf den Eros zu halten, Sokrates in einer Lobrede.

Der moderne Leser ist verwundert. Wir fragen uns:

Warum geht es nach der philosophisch anspruchsvollen Rede des Sokrates überhaupt noch weiter, ist hier nicht der Höhepunkt erreicht?

Und warum wird diese Rede ausgerechnet von einem Betrunkenen gehalten?

Die Rede des Alkibiades – ein Satyrspiel

Alkibiades Auftritt im „Symposion“ ist aufsehenerregend. Zunächst hört man nur Klopfen, Lärm von Zechern und Flötenmusik, danach seine Aufforderung ihn zu Agathon, also dem Guten, zu führen, eine komische Anspielung Platons auf die vorangehende Diotima - Rede. Alkibiades erscheint daraufhin „geschmückt mit einem dichten Kranz aus Efeu und Veilchen und mit einer großen Anzahl von Bändern auf dem Kopf“[2] und in Begleitung von Flötenmädchen und Zechgenossen. Dies sind, wie auch die Trunkenheit, typische Attribute des Dionysos[3]. Aufgefordert auch eine Rede auf den Eros zu halten, hält er ein Enkomion auf Sokrates, seinem persönlichen Eros. Hier wird sofort die Einheit Sokrates - Eros sichtbar, die die weitere Rede durchzieht. Alkibiades will im Folgenden „Sokrates […] in Bildern […] loben“[4] und vergleicht Sokrates mit einer bestimmten Art von Silenen[5] aus den Bildhauerwerkstätten, die von außen hässlich, im Inneren aber wunderschön sind. Dieses Bild, der Gegensatzes zwischen äußerer Erscheinung und dem inneren Wesen, kehrt in der Rede immer wieder und bildet außerdem den Rahmen der Rede.

Schon hier wird durch dieses Bild, den Auftritt als Dionysos-Figur und der dadurch erzeugten Komik, der Charakter der Rede deutlich: Die Rede ist in Anlehnung an das Satyrspiel konzipiert. Das Satyrspiel (σατυρικὸν δρᾶμα) bildet den Abschluss einer attischen Drama Tetralogie. Es bietet (besonders bei Aischylos) eine heiter komische Deutung des tragischen Mythos und betont besonders die menschliche Seite der Heroen.[6] Ein komischer Schlussteil war den Griechen zu Platons Zeit also nicht fremd und erschien ihnen nicht so ungewöhnlich wie er uns erscheint. Im Anschluss an die Rede des Alkibiades bestätigt uns Sokrates selbst diese These, indem er jene als „[…] το σατυρικον σου δραμα τουτο και συλενικον […]“ („Satyr- und Silenenspiel“)[7] bezeichnet.

Durch den Vergleich des Sokrates mit einer dem Silen sehr ähnlichen mythologischen Figur, dem Satyr Marsyas[8], dem Erfinder des Flötenspiels, wird dieses Schema fortgeführt. Vergleichspunkte sieht Alkibiades im Aussehen und vor allem in der Wirkung auf die Menschen. Sie werden von den Reden des Sokrates so ergriffen wie vom Flötenspiel des Marsyas. Selbst wenn seine Gedanken nur von anderen wiedergegeben werden, wirken sie so stark, genau wie das Flötenspiel auch ohne den Interpreten Marsyas weiterhin wirkt. Zu Verdeutlichung beschreibt er die Wirkung auf ihn selbst, die sich in Liebessymptomen[9] äußert: „Immer wenn ich ihn höre, hüpft mir viel mehr als tanzenden Korybanten das Herz im Leibe, und Tränen strömen hervor unter dem Eindruck seiner Worte.“[10] Sein „Zustand [sei] der eines Sklaven.“[11] Sokrates zwinge ihn sich um die Athener zu kümmern, doch er halte sich die Ohren zu, um sich von ihm „wie von den Sirenen“[12] loszureißen. Sokrates erscheint hier also als Sirene, welche nach Homer „[w]issen, was immer geschieht auf der viel ernährten Erde.“[13]

Platons Symposion als Mysterienfeier

Nach dieser Beschreibung der Wirkung der Reden des Sokrates beschreibt Alkibiades nun den Eindruck, den Sokrates selbst auf seine Mitmenschen macht. Augenscheinlich sei Sokrates in das schöne verliebt, umgebe sich stets mit schönen Jungen und wisse nichts. Innerlich aber lege er auf Äußerlichkeiten keinen Wert und sein Inneres sei „göttlich“, „golden“, „wunderschön“ und „bewundernswert“.[14] Das ist auch der Grund, warum sich Alkibiades in Sokrates verliebt hat; er liebt seine innere Schönheit. So entsteht das Paradox, dass der schöne Jüngling den alten Mann liebt, was dem griechischen Rollenbild vollkommen widerspricht, in dem der Junge stets der Ge liebte ist und nur der reife Mann Liebe empfinden kann und darf. Dies mündet hier schließlich sogar in der Umkehrung der Rollen. Alkibiades beschreibt nun auf welche Weise er den Sokrates für sich gewinnen wollte, bricht dann aber vor der peinlichsten Stelle, in der er zugibt, dass Sokrates ihn, selbst als er ihm direkt seine Begierde offenbarte, zurückwies, ab. Das Weitere spricht er nur noch zu den Eingeweihten, die „selbst etwas von der philosophischen Verrücktheit [μανία] und Raserei [βὰκχη] abbekommen“[15] haben. Er spricht also ein Geheimnis (Mysterium) aus und stellt sich besonders durch seine Wortwahl (μανία, βὰκχη) in die Tradition der Mysterienkulte[16]. Bezeichnend ist, dass Platon im „Phaidros“[17] bei der Unterscheidung von vier verschiedenen Arten der μανία die telestische, also die mit der Einweihung verbundene μανία dem Gott Dionysos, dem Weingott, zuordnet.[18] Hierzu passt auch der Ausspruch des Alkibiades, dass ihn der Wein die Wahrheit sagen lässt. Denn „die Wahrheit sagen“ heißt bei den Griechen nicht nur nicht zu lügen, sondern auch nichts auszulassen[19]. Dies ist der Schlüssel zu unserer zweiten Frage. Der betrunkene Alkibiades gewinnt gerade durch den Weinkonsum an Glaubwürdigkeit. Durch seinen ενθυσιασμός, dass heißt dadurch, dass er den Gott in sich aufgenommen hat, macht er das Symposion zur Mysterienfeier. Hierzu passt auch sein Erscheinungsbild und die der Rede vorangehende Ankündigung nur die Wahrheit zu sagen.[20] So sieht auch Rösler[21] nicht nur in der Trennung der Symposien vom Alltag und der Einrichtung speziell möblierter Räume für diese eine Annäherung des Symposions an den Mysterienkult: „Washing one’s hand and wearing a wreath are ritual acts, witch indicate that a symposion was regarded as initiation, as transition to a different state of existence; and consequently it is from this conception that the sympotai were required to give up there mental disposition of everyday life […]. The symposion was the place of truth, and the means to this end was through drinking wine.”[22]

[...]


[1] Platon: Symposion, Griechisch/Deutsch, Übersetzt und herausgegeben von Thomas Paulsen und Rudolf Rehn, Stuttgart 2006.

Zitate aus diesem Werk werden im Folgendem nur durch die üblich Stephanus – Zitation angegeben.

[2] 212e.

[3] Vgl: Hünemörder, Christian: Efeu, in: DNP.

[4] 215a.

[5] Diese Silenen sind uns aus anderen Quellen nicht bekannt es handelt sich hierbei wohl entweder um Gehäuse für Statuen oder um die Gussformen für diese. Vgl. Platon: Symposion, Griechisch/Deutsch, Übersetzt und herausgegeben von Thomas Paulsen und Rudolf Rehn, Stuttgart 2006, S.179.

[6] Vgl: Zimmermann, Bernhard: Satyrspiel, in: DNP.

[7] 222d.

[8] Silenen sind mythologie Wesen aus dem Gefolge des Dionysos. Im Satyrspiel tritt ein Silen als Chorführer des Satyrchores auf. Satyrn sind ebenfalls Wesen aus dem Gefolge des Dionysos. Vgl: Heinze, Theodor; Bäbler, Balbina: Satyr, in: DNP und Heinze, Theodor; Bäbler, Balbina: Silen, in: DNP.

[9] Sappho Fr. 31.

[10] 215e.

[11] 215e.

[12] 216a.

[13] Homer: Odyssee, Übersetzt von Roland Hampe, Stuttgart 1979, 12.191.

[14] 216d.

[15] 218b.

[16] Zum Begriff des Mysterienkultes siehe: Kloft, Hans: Mysterienkulte der Antike, Götter, Menschen, Rituale, 3. durchgesehene Auflage, München 2006, besonders S.7-12, 25-31.

[17] Platon: Phaidros oder vom Schönen, Übersetzt von Kurt Hildebrandt, Stuttgart 1986.

[18] Ebda: 265b.

[19] Vgl. Rösler, Wolfgang: Wine and truth in the Greek Symposion, in: Murray Oswin, Tescuan Manuela [Hg.]: In vino veritas, ed. by Oswyn Murray and Manuela Tecusan, London 1995, 106-112: 107.

[20] 214e Diese Stelle ist gleichzeitig eine Anspielung an Sokratesrede (199a).

[21] Rösler, Wolfgang: Wine and truth in the Greek Symposion, in: Murray Oswin, Tescuan Manuela [Hg.]: In vino veritas, ed. by Oswyn Murray and Manuela Tecusan, London 1995, 106-112, hier: S.108.

[22] Ebda.

Details

Seiten
9
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640566136
ISBN (Buch)
9783640566389
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146216
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Institut für Griechische und Lateinische Philologie, Romanistik und Altamerikanistik - Abteilung für Griechische und Lateinische Philologie -
Note
1,7
Schlagworte
Platon Sokrates Symposion Satyrspiel Alkibiades Mysterienfeier Dionysos Griechisch Altgriechisch Symposium Gastmahl Lobrede Klassische Philologie Altphilologie

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