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Das Kapitel der sinnlichen Gewissheit in der Phänomenologie des Geistes

eine Untersuchung der Problematik des Anfangs

Hausarbeit 2007 22 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

§1 Einführung

§2 Das Problem des Titels

§3 Der Anfang
§3.1 Das Wissen
§3.2 Erscheinendes Wissen und natürliches Bewusstsein
§3.3 Der Phänomenologe

§4 Zusammenfassung der vorliegenden Resultate

§5 Bibliographie

§1 Einführung

Der erste Passus der sinnlichen Gewissheit ist in der Interpretationsgeschichte der Phänomenologie des Geistes auf differente Art und Weise expliziert worden. Renommierte Interpreten haben dem Anfang der sinnlichen Gewissheit wenig Aufmerksamkeit geschenkt, weil sie entweder die Relevanz des Passus' nicht erkannten oder von Problemstellungen ausgegangen waren, welche sie über ein werkimmanentes Verständnis hinausgeführt hatte. Insbesondere letzteres führte dazu, dass in der Interpretation des Anfangs Thesen herangezogen wurden, die vornehmlich auf den geistesgeschichtlichen Kontext referierten.1 Andere Positionen begegnen dem ersten Abschnitt, indem sie sich ihm in einer intensiven, minutiösen Analyse nähern, die sich zumeist auf die Signifikanz des Anfangs unter dem Aspekt der Vermitteltheit mit dem Ende begründet2. Analoges gilt auch für die weiteren Explikationen Hegels über das Bewusstsein im Kapitel der sinnlichen Gewissheit. So wurden die Resultate, die das Bewusstsein durch ihren Werdegang für sich entdeckt, herausgearbeitet, aber das Relevante wurde dabei allzu oft vernachlässigt: die Notwendigkeit der Übergänge3. Damit ist zugleich das Anliegen und der Telos dieser Arbeit vorbereitet: Die Analyse der Übergänge im Kapitel der sinnlichen Gewissheit.

Dazu wird sich diese Arbeit explizit den ersten Zeilen der sinnlichen Gewissheit unter der Prämisse widmen, dass eine werkimmanente Argumentation die Basis bilden soll. Anders ausgedrückt: Hegel soll ex Hegel interpretiert werden. Die Sekundärliteratur soll nur insofern helfen, dass man durch sie ein Einblick in bereits behandelte, aber darum noch nicht ausreichend abgearbeitete Fragestellungen bekommt und diese als Anregungen für die eigene Behandlung gebraucht.

Der erste Teil der Arbeit lautet: Eine Untersuchung zur Problematik des Anfangs in der Phänomenologie des Geistes und den damit verbundenen Gegenständen. Der zweite Teil heißt: Eine Analyse der sinnlichen Gewissheit in ihrem Werdegang zum Wahrnehmungskapitel. Beide Segmente konturieren zu gleichen Teilen den Gegenstand und die Form der vorliegenden Arbeit. Der Schwerpunkt des ersten Teils intendiert eine genaue Analyse des Anfangs der Phänomenologie des Geistes und den damit verbundenen Problemstellungen. Der zweite Schwerpunkt, welcher im zweiten Teil aufgegriffen wird, expliziert den weiteren Verlauf des Geistes innerhalb der sinnlichen Gewissheit. Der Schluss fasst die herauspräparierten Resultate beider Themenkomplexe zusammen.

Diese Arbeit hat als primäre Intention eine Analyse der sinnlichen Gewissheit. Aus dieser Thematik ergeben sich jedoch Problemstellungen, deren Behandlung für die weitere Interpretation des Bewusstseinskapitel A hilfreich sein werden und die eben darum in einem gesonderten Paragraphen - siehe §3.2 - erläutert und in die weitere Präsentation integriert werden. Zitiert wird nach der Suhrkampausgabe.

Ad interim wird jedoch im nächsten Abschnitt die Problematik des Titels umrissen, wie dieser um 1807 eine Reihe von Änderungen erfahren hat und in der Benennung Phänomenologie des Geistes seine endgültige Prägung erhielt. Diese Skizzierung, mit der wir unverzüglich beginnen werden, soll lediglich einleitenden Charakter haben und uns die Intention des Werkes näher bringen.

§2 Das Problem des Titels

Hegels Werk erschien im Jahre 1807 unter dem vollständigen Titel: System der Wissenschaft. Erster Teil. Die Wissenschaft der Erfahrung des Bewusstseins. Dieser erste Titel wurde während des Druckes vom Verfasser durch einen zweiten - System der Wissenschaft. Erster Teil. Wissenschaft der Phänomenologie des Geistes - ersetzt. Die uns heute geläufige Bezeichnung des Werkes, die erstmals in der von Hegels Schüler herausgegebenen ersten Gesamtausgabe von 1832 erschienen ist, trägt den unprätentiösen Titel: Phänomenologie des Geistes. Wie aber ist diese Reduktion zu verstehen? Ist die Phänomenologie des Geistes nicht mehr ein Teil eines Ganzen bzw. eines wissenschaftlichen Systems?

Die Frage nach dem editionsgeschichtlichen Übergang von der Erstbezeichnung des Werkes zur letzten, soll nicht weiter eruiert werden. Wichtig ist jedoch anzumerken, dass bei allen Verwirrungen und Interpretationsmöglichkeiten, die daraus entstehen können, eines mit Sicherheit gesagt werden kann: Die Phänomenologie des Geistes gilt in der von Hegel ursprünglich konzipierten Version als ein „erster Teil“ eines wissenschaftlichen Systems. Die Änderung des Titels betrifft nicht den Inhalt des Werkes, sondern nur die Art des interpretierenden Zugangs, die einmal von der Seite des Bewusstseins, ein anderes Mal von der Seite des Geistes vorgenommen wird. Wie aus der Einleitung zu ersehen ist, bleibt der zu untersuchende Gegenstand das Bewusstsein innerhalb seines Werdegangs, worauf die Darstellung des erscheinenden Wissens in der Phänomenologie gründet.

Der „erste Teil“ des Systems enthält die Phänomenologisierung des Geistes.

„Ein zweiter Band wird das System der Logik als spekulative Philosophie und der zwei übrigen Teile der Philosophie, die Wissenschaften der Natur und des Geistes enthalten.“4

Aus diesem Kommentar Hegels wird ersichtlich, dass die Phänomenologie des Geistes als Teil eines Ganzen seinen Platz in dem wissenschaftlichen System einnimmt. Auch wenn Hegel sein Werk als „Vorbereitung zur Wissenschaft“ fasst, ist damit sicherlich nicht eine Propädeutik gemeint, die als eine Heranführung an eine bestimmte Thematik dient, in welcher allererst die wesentlichen Inhalte entfaltet werden; denn das „System der Wissenschaft“ ist ein Ganzes und ebenso sind die Teile des Ganzen als solche gleichwertig zu behandeln.5 Die Phänomenologie des Geistes ist folglich ein in sich geschlossenes Ganzes, eingebetet in ein zweiteiliges System, in dem jedes Element gleichrangig ist.

Diese Darstellung geht von dem Phänomenologiesystem aus und lässt das Verhältnis zum späteren Enzyklopädiesystem außer Acht, woraus der heute geläufige Titel - Phänomenologie des Geistes - zu verstehen ist. Diese Klärung, die aus dem Titel gewonnen wurde, soll nun im weiteren Verlauf dahingehend helfen, dass der zu behandelnde Gegenstand eingegrenzt werden kann. Das Fazit ist: In der Phänomenologie des Geistes6 geht es um die Erfahrung des Bewusstsein, die in einem System der Wissenschaft - als „erster Teil“ - ihren Platz findet. Wie diese Durchführung bei Hegel selbst aussieht, wird im Folgenden dargestellt.

§3 Der Anfang

Der erste Absatz der Phänomenologie des Geistes im Kapitel A Bewusstsein, I sinnliche Gewissheit oder das Diese und das Meinen thematisiert die erste Erscheinung des Geistes qua Wissen und trägt bedingt durch seinen komprimierten Inhalt eine Fülle von Bestimmungen, die nicht nur für den Verlauf innerhalb des Kapitels relevant sind, sondern - weil dieses Wissen erst recht der Anfang ist - gerade für das gesamte Verständnis unumgänglich sind. Es ist daher schwer nachzuvollziehen, warum einige der Hegelinterpreten sich nur vage mit dem ersten Absatz beschäftigt haben und diesem eminenten Part so wenig Aufmerksamkeit gewidmet haben7. Ludwig Siep scheint die Signifikanz des Anfangs der Phänomenologie des Geistes übersehen zu haben. So schreibt er über den ersten Absatz der sinnlichen Gewissheit:

„Hegel beginnt die Phänomenologie nicht mit einer Definition des Wissens - z.B. als ,gerechtfertigte wahre Meinung’, wie heute üblich -, sondern mit dem ,unmittelbaren’ Wissen. Diese Begründung dafür ist offenbar, sieht man einmal von dem Spiel mit den Bedeutungskomponenten von ,unmittelbar’ (,zuerst’ und unverändert’) ab, dass mit einer Position anzufangen ist, die möglichst wenig begriffliche bzw. theoretische Voraussetzungen macht. Man kann darin den Versuch Hegels sehen, mit der extremen Gegenposition zu seiner eigene zu beginnen.“8

[...]


1 Ralf Ludwig hat dem Anfang der Hegelschen Phänomenologie keine Zeile gewidmet.

2 Martin Heidegger und German Olaneta gehen in diesem Sinne explizit auf die Problemstellungen des ersten Absatzes ein. Diese Arbeit wird wesentliche Aspekte dieser Interpretation aufgreifen und diese in die eigene Argumentation integrieren.

3 Ludwig Siep untersucht eine Reihe von Fragestellungen und Interpretationsmöglichkeiten innerhalb des weiteren Verlaufs der sinnlichen Gewissheit. Was jedoch präsentiert wird, sind bloße Resultate. Dass es sich eher um Interpretationsmöglichkeiten als vielmehr um eine philosophisch ausgearbeitete Position handelt, kann der Leser aus seinem Vorwort ersehen. Über Inhalt und Form seines Kommentars sagt Siep: „In der Phänomenologie kommt erschwerend hinzu, dass praktisch keine Zeile ohne direkte oder indirekte Anspielung auf Dichter, Denker und historische Figuren der gesamten Geistesgeschichte geschrieben ist.“ Weiter heißt es: „Ganz ohne elementare philosophiegeschichtliche Kenntnisse, ohne ,etwas Aristoteles’, ,etwas Spinoza’ und ,etwas Kant’ ist auch die Kommentarlektüre ein sehr hartes Brot.“ Ludwig Siep, Der Weg der Phänomenologie des Geistes - Ein einführender Kommentar zu Hegels „Differenzschrift“ und „Phänomenologie des Geistes“, STW, Frankfurt am Main 2000, S. 10f. Hier wird der Anschein vermittelt, als ob man bei der Betrachtung des Werkes zum größten Teil auf externe Quellen angewiesen ist, um Hegels Intention zu verstehen. Sicherlich ist es hilfreich, wenn man sich im philosophisch-historischen Kontext auskennt oder sich mit theoretischen Problemen auseinandergesetzt hat. All das soll jedoch nicht unter die Klausel der Hegelschen Philosophie fallen: Die „innere“ Notwendigkeit des Hegelschen Denkens soll von Hegel selbst ergründet und begründet werden.

4 PhG, S.593

5 Dass die Phänomenologie keine untergeordnete Funktion gegenüber der Logik hat, signalisiert der Anfang der Logik, der zugleich das Ende der Phänomenologie markiert. Auf diese Weise ist die Wissenschaft der Logik - als der zweite Teil eines Systems - wesentlich bestimmt durch die Wissenschaft der Phänomenologie des Geistes. Vgl. auch Hegels Kommentar S. 593.

6 Die Erfahrung des Bewusstseins bzw. die Phänomenologie des Geistes, was dasselbe ist, ist ein „Zu-Sich- Selbst-Kommen“ des Bewusstseins bzw. des Geistes. Dabei ist der Genitiv weder ein genitivus subiectivus noch ein genitivus obiectivus, sondern beides zugleich, d.h. ein genitivus absolutus. Das Bewusstsein bzw. der Geist macht die Erfahrung und der Gegenstand dieser Erfahrung ist es bzw. er selbst. Dass der Genitiv kein reiner genitivus subiectivus ist, verdeutlicht Hegel in der Einleitung, indem er schreibt, dass das Bewusstsein „in der Erfahrung selbst begriffen ist“. Auch ist die Phänomenologie nicht eine Phänomenologie im Sinne einer Untersuchung über den Geist - wie wir sie heute verstehen -, wobei der Geist das Objekt der Betrachtung ist. Heidegger fasst den Begriff Hegels Phänomenologie des Geistes prägnant zusammen: „In Hegels Begriff der Phänomenologie des Geistes ist der Geist nicht das Objekt einer Phänomenologie, und ,Phänomenologie’ ist überhaupt nicht der Titel für eine Forschung und Wissenschaft über etwas - etwa den Geist, sondern die Phänomenologie ist die, nicht etwa nur eine unter anderen, sondern die Art und Weise, wie der Geist selbst ist.“ Vgl. PhG, S.80; Martin Heidegger, Hegels Phänomenologie des Geistes, Klostermann, Frankfurt am Main 1980, Bd. 32, S.32ff. ferner: Werner Marx, Hegels Phänomenologie des Geistes: die Bestimmung ihrer Idee in Einleitung und Vorrede; 2. erw. Aufl., Klostermann: Frankfurt am Main 1981, S.71.

7 Ludwig Siep widmet der sinnlichen Gewissheit 4 lA Seiten seines Buchs. Die ersten zwei Abschnitte gelten dem Anfang der Phänomenologie. Vergleicht man die Intensität der Bearbeitung der sinnlichen Gewissheit, wie sie bei Siep erscheint, mit anderen Autoren, so kann man die Unterschiede deutlich erkennen. Gute Beispiele für einen Kontrast sind Martin Heidegger und German Olaneta. Beide weisen der sinnlichen Gewissheit, weil sie der Anfang der Hegelschen Phänomenologie ist, eine signifikante Stellung innerhalb ihrer Interpretation zu. Vgl. Inhaltsverzeichnis: Ludwig Siep, Der Weg der Phänomenologie des Geistes - Ein einführender Kommentar zu Hegels „Differenzschrift“ und „Phänomenologie des Geistes“, STW, Frankfurt am Main 2000; Martin Heidegger, Hegels Phänomenologie des Geistes, Klostermann, Frankfurt am Main 1980, Bd. 32; ferner: German Olaneta, Dialektik als subjektive und objektive Reflexion - Eine Diagnose des Bewusstseinsproblems bei Hegel, Tectum Verlag, Marburg 2002.

8 Siep, S. 83

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640569663
Dateigröße
831 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v146130
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Fakultät für Geschichte und Philosophie
Note
1,5

Autor

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