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Die Grundthemen des Bewegens im Rahmen der Sportlehrerausbildung

Examensarbeit 1999 39 Seiten

Sport - Bewegungs- und Trainingslehre

Leseprobe

Gliederung

0 Einleitung

1 Die Notwendigkeit von Bewegung für die Entwicklungsförderung
1.1 Kinder brauchen Bewegung
1.2 Die Rahmenrichtlinien für den Schulsport in Hessen

2 Das Konzept der Sportartendominanz
2.1 Argumente, für eine Überarbeitung des Konzepts der Sportarten
2.1.1 Die Ausdifferenzierung der Inhalte von Sport und Bewegung
2.1.2 Die Entwicklungsaufgaben des Sportunterrichts
2.1.3 Die Differenzierung sportwissenschaftlicher Ausbildungsgänge

3 Alternative Überlegungen zum Konzept der Sportarten

4 Das Marburger Konzept „Grundthemen des Bewegens“

5 Die Überprüfung der „Grundthemen des Bewegens“ anhand der Praxis

6 Fazit

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0 Einleitung

Die Studienberatung im Rahmen der Orientierungswoche für Studienanfänger im Fach Sport hat unter anderem die Aufgabe, den neuen Studierenden die einzelnen Organisationsformen praktischer Übungen zu erläutern. Neben Wahlfächern, Grundübungen und den zugeordneten Vertiefungsübungen gehören seit dem Sommersemester 1997 auch die „Grundthemen des Bewegens“ in diesen Bereich.

Innerhalb der neu konzipierten Studienordnung unseres Instituts nehmen die „Grundthemen des Bewegens“ eine zentrale Rolle ein.

Jene konstituierende zentrale Rolle im Rahmen des Konzepts eines Sportstudiums am Institut für Leibesübungen und Sportwissenschaft in Marburg sowie die mitunter auftretenden Schwierigkeiten, diese Rolle den Studienanfängern plausibel zu machen[1], waren der Anlaß mich in dieser studienbegleitenden Hausarbeit näher mit den Hintergrundgedanken dieser Konzeption auseinanderzusetzen.

Die Notwendigkeit dieser Überlegungen wurde noch durch den in der Zeitschrift „Sportunterricht“ erschienenen Artikel der Marburger Sportpädagogen unterstrichen[2], der auch gleichzeitig den Basisartikel dieser Hausarbeit darstellt. Jener Artikel stellt in meinen Augen einen Erklärungsversuch dar, wie die Neukonzeption der Studienordnung entstanden und zu begründen ist. Diese Erklärung ist sowohl für Außenstehende als auch für mit dem Institut vertraute Personen dienlich.

Die Argumentationsstruktur des Artikels findet in meinen Ausführungen grundsätzlich Verwendung, sie wird jedoch noch um einige Aspekte erweitert.

Im ersten Kapitel der Ausarbeitung werde ich mich mit den Grundvoraussetzungen der Diskussion um die Notwendigkeit der Sportartendominanz auseinandersetzen, indem die Frage untersucht wird, welche Bedeutung Bewegung ganz allgemein für den Menschen und speziell für Kinder hat. Hierzu werden auch die Forderungen der Rahmenrichtlinien an den Sportunterricht in Hessen untersucht.

Dieses Kapitel soll die Berechtigung der Diskussion um Spezialistentum im frühesten Kindesalter aufzeigen und somit auch untermauern, daß solche Neukonzeptionen, wie sie in Marburg vorgenommen wurden, nicht als zwecklos bezeichnet werden können.

Der zweite Abschnitt der Arbeit befaßt sich mit dem meist im Sportunterricht und in der Sportlehrerausbildung vorherrschenden Konzept der Sportartendominanz. Hier geht es um die Beschreibung des bisherigen Systems, sowie die Erläuterung der Kritikpunkte. An dieser Stelle ist es wichtig herauszuarbeiten, wieso das Konzept der Sportarten einer Sportkultur von heute nicht mehr gerecht werden kann und welche Defizite es aufweist, die seine Anwendung in Schulen und somit auch in der Sportlehrerausbildung unangebracht erscheinen lassen.

In der folgenden Passage werden die bereits bestehenden Versuche, die Sportartendominanz aufzulösen, angeführt und erläutert. Denn die Marburger Sportpädagogen sind nicht die ersten, die die Problematik der Entwicklung in Richtung eines Spezialistentums erkannt und darauf reagiert haben.

In Abgrenzung und als Ergänzung zu diesen Alternativen werde ich im anschließenden Teil der Hausarbeit erläutern, welche Möglichkeiten nun gerade das von den Marburger Sportpädagogen favorisierte Konzept der „Grundthemen des Bewegens“ bietet.

Bevor ich in einem Fazit die Argumentation noch einmal zusammenfassen und hinsichtlich der zentralen aufgeworfenen Fragen beurteilen werde, soll der vorherige Abschnitt noch den Basisartikel der Marburger Sportpädagogen um einen entscheidenden Aspekt erweitern. In diesem Bericht wurde bemängelt, daß es wegen der kurzen Probezeit nicht möglich sei, die Erfahrungen zu beurteilen, die im praktischen Bereich nun tatsächlich mit dieser Konzeption gemacht wurden. Da ich nun zur ersten Generation von Studierenden gehöre, die in den manchmal zweifelhaften Genuß der Grundthemen im Rahmen der Praxisausbildung gekommen sind, habe ich wenigstens einen kleinen Erfahrungsschatz, über den ich an dieser Stelle berichten kann, und den ich mit den theoretischen Überlegungen zu diesem Thema überprüfen und vergleichen kann. Meiner Meinung nach sollte hier die Frage geklärt werden, ob dieses Konzept imstande ist, das, was es theoretisch verspricht, auch in die Praxis umzusetzen.

Mein Ziel dieser Arbeit ist es schließlich, mir und anderen Studierenden plausibel machen zu können, warum ich mich als Sportstudent in Marburg mit für mich selbst motorisch so einfachen Dingen wie Gleiten und Tauchen im Wasser, Hüpfen und Gehen nach Musik oder verschiedenen Möglichkeiten an Ringen zu schwingen beschäftigen muß, sowie das gedankliche Gerüst, das diese Leistungsanforderungen hervorbringt. Wobei ich anmerken möchte, daß sogar für manch einen Studenten[3] das Schwimmen von unglaublich guten Zeiten einfacher ist als z.B. das Balancieren auf einem Ast.

1 Die Notwendigkeit von Bewegung für die Entwicklungsförderung

Manch einer, der in der sportpädagogischen Diskussion um die Erstellung von Konzepten für die Praxisvermittlung nicht allzusehr bewandert ist, wird sich an dieser Stelle vielleicht fragen, warum die Auseinandersetzung mit verschiedenen Didaktiken überhaupt nötig ist. Die Aufgabe von Schulsport soll schließlich das Heranführen an Sportarten und somit das Zuarbeiten zum organisierten Vereinssport sein. Aber ist es wirklich die einzige Aufgabe von Schulsport als Handlanger für Vereinssport zu fungieren?

Und wenn dies verneint werden kann, welche weiteren Forderungen sollten an den Sportunterricht in der Schule gestellt werden?

Um die Relevanz dieser Überlegungen in Bezug auf die Didaktik von Schulsport und dementsprechend dem Inhalt eines Lehramtsstudiums im Fach Sport herauszustellen, wird in diesem Kapitel die grundlegende Bedeutung von Bewegung für Kinder und ihre Entwicklung erläutert, beziehungsweise welche negativen Auswirkungen Bewegungsarmut auf die Entwicklung von Kindern ausüben kann.

Um die Aufgaben des Sportunterrichts in der Schule näher zu erläutern, sollen diese anhand der hessischen Rahmenrichtlinien überprüft werden.

1.1 Kinder brauchen Bewegung

Mit der zunehmenden Industrialisierung ist in unserer Gesellschaft eine entscheidende Bewegungsarmut eingetreten. Durch den technischen Fortschritt ist der Mensch zur Lebensbewältigung immer weniger gezwungen, physische Belastungen zu ertragen. Die technischen Möglichkeiten machen es uns heute möglich, körperliche Anstrengungen in großem Maße zu vermeiden.

Diese allgemeine Unnötigkeit von zuviel Bewegung halten wir für ein Merkmal des Fortschritts, da alle möglichen Maschinen und Fahrzeuge uns diese Anstrengungen in immer größer werdendem Maße abnehmen, aber in Wirklichkeit macht uns dieser Fortschritt krank. Denn dadurch wird nur die bereits herrschende Bewegungsarmut in unserer Gesellschaft gefördert, einhergehend mit der Vermeidung von zuviel Bewegung im Erwachsenenalter. Dieses Gefühl, es gehe im Prozeß des Erwachsenwerdens auch darum, Bewegung immer mehr zu meiden, wird automatisch auf die Heranwachsenden übertragen.[4]

Die Art, wie der Mensch sich uns heute präsentiert, ist das Ergebnis eines Evolutionsprozesses, aus dem er verschiedene biologische Eigenschaften ererbt hat. Dieser Mensch ist von der ihm objektiv neuartigen gegenüberstehenden Umwelt in physischer Hinsicht deutlich unterfordert. Dies wird durch den fortschreitenden technischen Fortschritt noch unterstützt.

Im Hinblick auf die Entwicklung von Heranwachsenden ist die Tatsache bedeutsam, daß sowohl die gesellschaftliche wie auch die natürliche Umwelt das biologische System des Menschen prägt. Durch die auf den Menschen einwirkenden Umweltreize entwickeln sich seine Anlagen zu Fähigkeiten und Fertigkeiten. Zu diesen wesentlichen Umweltreizen gehören auch physische Belastungen. Je mehr diese ausbleiben, desto weniger stringent und umfassend wird die Entwicklung eines Kindes vorangetrieben.

Ebenso führt eine geringe Funktion durch wenig physische Belastung zu einer herabgesetzten Leistungsfähigkeit und eine hohe Funktion des Körpers allgemein zu einer gesteigerten Leistungsfähigkeit.

Kinder haben zunächst ein natürliches Bedürfnis, sich viel zu bewegen. Der Fortschritt mit der Vermeidung von zuviel Bewegung überträgt sich jedoch auf sie und macht gerade sie besonders krank, da für ihre Entwicklung die Bewegung eine besonders große Rolle spielt.

Die Folgen von Bewegungsmangel betreffen den Körper, die Motorik, die Wahrnehmung, die Motivation und ebenso das soziale Verhalten.

In seinen Ausführungen zu dieser Problematik hat D. Kurz[5] fünf Gruppen von Bewegungsmangel unterschieden, die bei Kindern der Bundesrepublik Deutschland festgestellt werden konnten. Hierbei erfolgt der Hinweis, daß die Symptome bei Kindern aus Großstädten häufiger festgestellt wurden als bei Kindern, die vom Land stammten.

Diese Symptome sind:

1. Symptome am aktiven und passiven Bewegungsapparat: zu diesen Symptomen zählen Haltungsanomalien, besonders an der Wirbelsäule, die Vorboten ernsthafter Erkrankungen, unter denen Erwachsene leiden, darstellen. Ursache hierfür ist, daß die stützende Muskulatur durch zu wenig Bewegung immer schwächer wird, und die Beweglichkeit der Gelenke zu wenig gefordert wird. Für Bandscheiben, Knochen, Gelenke, Sehnen und Bänder gilt besonders in der Kindheit, daß sie ihre Qualität durch die Bewegungsanforderungen entwickeln, denen sie vor allem während des Wachstums ausgesetzt sind.
2. Symptome am Herz- Kreislauf- System: mangelnde Ausdauerbelastung ist eine Ursache für zahlreiche Herz- Kreislauf- Erkrankungen. Auch hier handelt es sich um ernsthafte Beschwerden im Erwachsenenalter, dessen Weichen bereits mit dem Bewegungsmangel in der Kindheit gestellt werden. Forschungen haben ergeben, „daß nicht nur Herz, Lunge und Blutgefäße durch Ausdauerbelastungen trainiert werden müssen, damit sie gesund bleiben, sondern daß auch das gleichzeitige Training des Leistungsstoffwechsels für die Gesundheit entscheidend ist.“[6]
3. Symptome in der Bewegungskoordination: bei vielen Kindern sind aufgrund des Bewegungsmangels Koordinationsschwächen festzustellen, die mit einem Mangel an Bewegungsgeschick einher gehen, was gerade im Sportunterricht zu vermehrten Unfällen führt. Diese Mängel in der Bewegungskoordination sind meist verbunden mit Wahrnehmungsschwächen. Dies ist in sofern bemerkenswert, als daß die „Entwicklung der Bewegungskoordination im Kindesalter und die kognitive Entwicklung eng miteinander zusammenhängen. Koordinationsstörungen bei Kindern sind daher oft Ausdruck allgemeiner Entwicklungsstörungen.“[7]
4. Symptome in der Selbsteinschätzung: „Erfolge und Mißerfolge bei Bewegungsaufgaben sind für Kinder sehr wichtig für die Entwicklung ihres Selbstbildes.“[8] Kinder, die wenig Erfahrung mit Bewegungsaufgaben haben, können sich daher nicht realistisch einschätzen, sie trauen sich zu viel oder zu wenig zu und machen für ihre Erfolge oder Mißerfolge meist andere oder anderes verantwortlich.
5. Symptome im sozialen Verhalten gegenüber anderen Kindern: in Bewegungsspielen lernen und üben Kinder auch Regeln zu vereinbaren, einzuhalten und zu ändern. Diese Fähigkeiten, die im Umgang mit anderen erlernt werden können, sind für ihr späteres Leben unverzichtbar. Weil die Kinder aber häufig vereinzelt leben und ihnen frei und gefahrlos zugängliche Spielplätze fehlen, sind die typischen Bewegungsspiele der Kinder immer seltener geworden. Vielen Kindern fehlt ein Übungsfeld für den Umgang mit anderen Kindern.

Bei den ersten drei Symptomen handelt es sich um relativ gesicherte Tatsachen, die letzten beiden sind jedoch nur schwer zu untersuchen, und so ist der direkte Zusammenhang zwischen Symptom und Bewegungsmangel nicht eindeutig nachweisbar. Ein logischer Zusammenhang ohne Denkfehler kann jedoch nicht bestritten werden. So glaube ich, daß die Behauptung korrekt ist, mangelnde Fähigkeit zur Selbsteinschätzung und Defizite im sozialen Verhalten peripher mit einem vorhandenen Bewegungsmangel begründen zu können.

Durch diese Aufzählung von Fehlentwicklungen, die bei Kindern mit zu wenig Bewegung auftreten können, wird deutlich, welche wichtige Rolle Bewegung in der Entwicklung von Kindern zukommt. Schließlich betrifft dieser Mangel an Bewegung nicht nur die körperliche Entwicklung und somit die Gesundheit. Vielmehr ist in der Entwicklungsphase physische Anforderung an das geschlossene System Mensch sogar für die kognitive Entwicklung, also für die Ausbildung von Intelligenz und geistigen Fähigkeiten nötig.

Angesichts dieser zentralen Rolle, die Bewegung im Prozeß des Heranwachsens spielt, sollte Erwachsenen bewußt werden, daß sie Bewegung bei Kindern nicht unterdrücken, sondern vielmehr fördern sollten.

Diese Überlegungen spielen für uns angehende Sportpädagogen natürlich ebenfalls eine sehr gewichtige Rolle. Die weiterführenden Überlegungen müssen sich nun der Frage widmen, durch welche Art von Bewegung diesen Symptomen vorgebeugt werden kann.

Kurz fordert daher, daß Kinder immer wieder Bewegungsaufgaben verschiedener Typen gestellt bekommen, damit sie sich nicht wie Erwachsene zu früh zu einseitig bewegen. Als „Sitz- und Stehmenschen“, bestenfalls noch Fußgänger, sind Erwachsene Spezialisten einer Bewegungs- Monokultur, die Kinder erst so spät wie möglich bestenfalls gar nicht übernehmen sollten.

Neben der Forderung, daß Kinder viel gehen oder laufen sollten, gehören zu den sechs Typen von Bewegungsaufgaben:[9]

- Aufgaben im Sitzen, Stehen, Gehen oder Laufen, aber mit erhöhter Anforderung an das Gleichgewicht
- Aufgaben, bei denen bei denen sie sich vom Boden und von den Beinen lösen
- Aufgaben, bei denen der Kopf seine gewohnte Position verläßt
- Aufgaben, bei denen die Schwere des Körpers sich zeitweilig zu verlieren scheint
- Aufgaben, bei denen es darum geht, die eigene Bewegung auf Fremdbewegung abzustimmen
- Aufgaben, deren Wiederholung oder Dauer das Herz mehr als zehn Minuten lang etwa doppelt so schnell schlagen läßt

Diese verschiedenen Bewegungsaufgaben werden im Zuge der frühen Spezialisierung im Sport von Kindern nicht immer verwirklicht. In diesem Fall handelt es sich um die Pflicht, um dringend notwendige Inhalte von Sport, sei es in der Schule oder im Verein. Das Erlernen einer spezifischen Sportart, das Spezialisieren also, kann daneben nur die Kür sein und nicht als Pflicht fungieren.

„Kinder, die diese vielseitige Bewegung nicht haben, entwickeln sich nicht optimal, sind gesundheitlich gefährdet, anfällig für Verletzungen und werden auch im Sport nicht gut- so früh sie auch beginnen.“[10] Dementsprechend sollte die Spezialisierung von Kindern auf eine Sportart eine schöne Kür sein, enthalten sie doch auch entwicklungsfördernde Bewegungsaufgaben, aber nur wenn daneben auch die Pflicht erfüllt wird. Diese Pflicht zu gewährleisten sollte unter anderem Aufgabe von Sportunterricht sein.

Kinder brauchen Bewegung, um Mangelerscheinungen, die ihnen als Erwachsene ernsthafte Probleme bereiten können, zu vermeiden. Der Sportunterricht kann und muß hier Aufgaben übernehmen. Einerseits kann er ein breites Angebot an Bewegungsaufgaben offerieren.

Schließlich ist eine gute körperliche Verfassung auch eine Voraussetzung für Wohlbefinden. Der Sportunterricht kann andererseits auch Kinder erreichen, die sich außerhalb der Schule kaum bewegen und so dazu beitragen wenigstens einen Teil des Bewegungsmangels auszugleichen.

1.2 Die Rahmenrichtlinien für Schulsport in Hessen

Nachdem nun die Anforderungen seitens der Entwicklungsbedingungen an Sportunterricht und somit auch an Sportlehrer beleuchtet wurden, werde ich nun die Forderungen, die von offizieller Seite an Sportlehrer gerichtet werden, näher beleuchten. Diese offizielle Seite beinhaltet die vom jeweiligen Kultusministerium erstellten Rahmenrichtlinien. Für Studierende in Marburg sind dies in erster Linie die vom hessischen Kultusministerium aufgestellten Rahmenrichtlinien.[11]

Sie umfassen eine allgemeine Aufgabenbeschreibung des Faches Sport mit der Aufstellung allgemeiner Lernziele, die es in der Praxis des Sportunterrichts zu verwirklichen gilt. Die Gliederung der Richtlinien für den Sportunterricht enthält des Weiteren eine Festlegung der Orientierungen des Sportunterrichts für die Jahrgangsstufen 5 bis 9 bzw. 10. Schließlich werden die Ziele und Inhalte des Sportunterrichts über den allgemeinen Teil hinaus spezifiziert.

Die allgemeine Aufgabenbeschreibung des Faches Sport in Hessen beinhaltet die Forderung, daß Schüler Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse im Sport erwerben sollen, sowie die Zielperspektive, bei den Schülern ein Interesse am Sport zu entwickeln, das auch die Schulzeit überdauert.

Im Anschluß daran werden folgende allgemeine Lernziele formuliert:

- Erhaltung der Gesundheit
- Anleitung zu sinnvoller Gestaltung der Freizeit, Verbesserung der Lebensqualität
- Entwicklung sportspezifischer Handlungsformen
- Entwicklung der Wahrnehmungsfähigkeit und des Reaktionsvermögens
- Entwicklung eines positiven Selbstbildes
- Erweiterung der sozialen Kompetenz
- Entwicklung von Verantwortungsbewußtsein für die Umwelt
- Befähigung zur aktiven Gestaltung des Schullebens

[...]


[1] Da ich seit Einführung der “Grundthemen des Bewegens“ jedes Semester eine Studienberatung für Erstsemester durchgeführt habe, spreche ich aus Erfahrung bei der Behauptung, Studienanfängern fiele es schwer, diese Organisationsform der praktischen Ausbildung nachzuvollziehen.

[2] Marburger Sportpädagogen (1998)

[3] Da es häufig zu Störungen im Textfluß kommt, wenn auf die Schreibweise von männlicher und weiblicher Form wie z.B. Studenten/innen bestanden wird, möchte ich mich hier darauf festlegen, daß die eventuell männlich verwandte Form von Bezeichnungen auch weibliche Personen mit einschließt und ich somit auf diese Unterscheidung im folgenden Text verzichten werde.

[4] Vgl. hierzu D. Kurz (1989, S. 60f).

[5] Vgl. ebd.

[6] D. Kurz (1989, S. 66).

[7] Ebd. S. 67.

[8] Ebd.

[9] Vgl. hierzu D. Kurz (1989, S. 69f).

[10] Ebd. S. 71.

[11] Vgl. hierzu Der hessische Kultusminister (1978).

Details

Seiten
39
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638109017
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1460
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Fachbereich Sport
Note
sehr gut
Schlagworte
Grundthemen Bewegens Rahmen Sportlehrerausbildung Zulassung Ersten Staatsexamen

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Titel: Die Grundthemen des Bewegens im Rahmen der Sportlehrerausbildung