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Pädagogisch-psychologische Interventionsmaßnahmen im Umgang mit ADS-Kindern

Die Ergotherapie - eine mögliche Therapieform des Aufmerksamkeits-Defizit Syndroms (ADS), verdeutlicht an einem Fallbeispiel

Diplomarbeit 2003 111 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I) „Alles über ADS“
1. Was ist ADS?
1.1 ADS – ein durch natürliche Anpassung entstandener Wesenszug
1.2 Die Frontalhirn-Hypothese
1.3 Stoffwechsel und Hirnfunktion
1.4 Das Integrationsmodell der neurochemischen und neuroanatomischen Forschungen
1.5 Das gültige Erklärungsmodell
2. Die zwei ADS-Typen
2.1 Der „Zappelphilipp“
2.2 Das „Träumelinchen“
3. Merkmale und Kernsymptome beim Aufmerksamkeits- Defizit Syndrom
3.1 Die Informationsverarbeitung
3.1.1 Wie funktioniert die Informationsverarbeitung bei uns?
3.1.2 Die Informationsverarbeitung bei ADS-Betroffenen
3.2 Störung der Wahrnehmung
3.2.1 Störungen im visuellen Wahrnehmungsbereich
3.2.2 Störungen im auditiven Wahrnehmungsbereich
3.2.3 Störungen im taktil-kinästhetischen Wahrnehmungsbereich
3.3 Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwäche
3.4 Impulsivität
4. Folgeerscheinungen beim ADS
4.1 Teilleistungsschwächen
4.2 ADS-Kind – Außenseiter!
4.3 Mangelndes Selbstwertgefühl

II) „Therapie bei ADS – die Ergotherapie“
1. Therapiemöglichkeiten
2. Die Ergotherapie
2.1 Die Definition
2.2 Behandlungsziele
2.3 Der medizinische Aspekt bei der Ergotherapie
2.4 Mögliche Schwierigkeiten bei einer ergotherapeutischen Behandlung
2.4.1 Schwierigkeiten mit dem Kind
2.4.2 Schwierigkeiten mit den Eltern/Großeltern
2.4.3 Schwierigkeiten mit dem behandelnden Arzt/Kinderarzt
3. Behandlungsverfahren
3.1 Sensomotorische Integrationstherapie nach Jean Ayres
3.2 Die Feldenkrais-Methode
3.3 Das Affolter Modell
3.4 Graphomotorisches Training
3.5 Psychomotorik/Motopädagogik
4. Grundsätzliches einer Behandlung
4.1 Die Einzeltherapie
4.2 Die Gruppentherapie

III) „Das Fallbeispiel Jonas“
1. Wissenswertes
2. Jonas
2.1 Anamnese
2.2 Untersuchungen, Befunde und Ergebnisse
3. Jonas’ Mutter
4. Gespräch mit der behandelnden Ergotherapeutin
5. Gespräch mit der Klassenlehrerin
6. Beispiele aus den Therapiestunden
6.1 Beginn der Therapiestunden
6.2 Beispiele aus dem Hauptteil
6.3 Beispiele für die Beendigung der Therapiesitzungen
Schlussbemerkung

IV) Anhang
2. Literaturverzeichnis
3. Web – Seiten
4. Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Lukas ist 8 Jahre alt, besucht aber schon zum zweiten Mal die erste Klasse, weil er Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben hat. Dagegen ist er in Mathematik ein kleines Kopfrechenwunder. Seine ständige Unruhe, die sich beispielsweise durch Zwischenrufe und Zwischengeplapper im Unterricht, aber auch durch permanentes Wackeln und Wippen auf dem Stuhl zeigt, treibt die Lehrerin zur Weißglut.

Er arbeitet im Vergleich zu Gleichaltrigen sehr langsam und kann sich längere Zeit nicht konzentrieren. Das macht sich vor allem bei den Hausaufgaben bemerkbar, die jeden Nachmittag eine Diskussion oder einen Streit mit der Mutter hervorrufen.

Neben seinen schulischen Misserfolgen hat Lukas auch ein Manko im Sozialverhalten. Er spielt oft den „Klassenkasper“, neigt zu explosionsartigen Reaktionen und aggressivem Verhalten gegenüber seinen Klassenkameraden. Dementsprechend ist er bei ihnen nicht sehr beliebt und hat wenig Freunde, was sich unweigerlich negativ auf sein Selbstwertgefühl auswirkt.

Lukas hat auch im Alltag seine Probleme. Zum Beispiel schafft er es nicht pünktlich und angezogen zum Frühstück zu erscheinen, da er zwischen den einzelnen Schritten: „Aufstehen – Waschen – Anziehen“ noch unzählige Dinge, wie das Reparieren seines Spielzeugautos, erledigt.

Er ist oft sehr leichtsinnig und setzt sich, meist unbewusst, Gefahren in seiner Umgebung aus. Beispielsweise läuft er ohne zu schauen über eine belebte Straße oder steigt auf den Fenstersims, um besser nach der Katze Ausschau halten zu können.

„Was ist mit Lukas los?“ „Hat er bis jetzt keine Erziehung genossen?“ „Macht er das absichtlich?“ „Wie wird das nur mit ihm enden?“ „Habe ich etwas falsch gemacht?“

Fragen über Fragen, die sich vor allem Eltern, aber auch Erzieher und Lehrer mit einem solchen Kind, ähnlich dem hier fiktiven Lukas, stellen.

In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit Kindern wie Lukas, mit sogenannten ADS-Kindern.

ADS war, ist und bleibt ein wichtiges Thema in unserem Leben, da es um unsere Kinder geht. Und was ist wichtiger, als unsere Kinder zu verstehen und ihnen zu helfen in der heutigen anspruchsvollen Gesellschaft zu bestehen.

Ich habe mich für dieses Thema entschieden, da es gerade für meinen späteren Beruf als Lehrerin wichtig ist, das Verhalten der Schüler richtig zu deuten. Durch die Erarbeitung dieses Themas und das gewonnene Wissen bezüglich der Ursachen, Hintergründe und mögliche Therapien für Kinder mit dem Aufmerksamkeits-Defizit Syndrom hoffe ich, dass, wenn ich später je ein solches Kind in meiner Klasse haben werde oder die Vermutung zu dieser Erkrankung besteht, es mir leichter fällt, sein Verhalten zu verstehen und zu deuten. Ich möchte erste Hilfestellungen für diese Kinder und auch für ihre Eltern geben und gezielter auf ihre Probleme zugehen und eingehen können.

Im Verlauf meiner Arbeit gebe ich einen Überblick über das Aufmerksamkeits-Defizit Syndrom. Die verschiedenen Merkmale und Folgeerscheinungen dieser Dysfunktion mit und ohne Hyperaktivität werden genauer erläutert und die Frage soll geklärt werden, woher diese Kinder- und Jugendpsychiatrische Erkrankung eigentlich kommt.

Hauptsächlich beschäftige ich mich mit der Therapie beim ADS. Ich habe mich besonders mit der Ergotherapie auseinandergesetzt, wozu ich auch ein Praktikum bei einer Ergotherapeutin absolvierte, die hauptsächlich mit ADS-Kindern arbeitet. An Hand des Fallbeispiels „Jonas“ werde ich die Symptome des Aufmerksamkeits-Defizit Syndroms bei ihm und die ergotherapeutische Behandlung verdeutlichen.

Meine gewonnenen Erfahrungen, Erkenntnisse und vor allem die angewandten Methoden in der ergotherapeutischen Behandlung werde ich vorstellen, erläutern und reflektieren.

Der Einfachheit halber beschränke ich mich in meiner Arbeit auf die Abkürzung „ADS“, wobei ich aber immer beide Formen, also ADS + H und ADS – H meine.

I) „Alles über ADS“

1. Was ist ADS?

Die Bezeichnung ADS entspricht dem englischen ADD (Attention Deficit Disorder). In Deutschland sind neben der gebräuchlichen Abkürzung ADS auch POS (Frühkindliches psycho-organisches Syndrom), HKS (Hyperkinetisches Syndrom) und die veraltete Form MCD (Minimale celebrale Dysfunktion) bekannt. Man unterscheidet auch zwischen ADS mit Hyperaktivität, wie es das Paradebeispiel Lukas zeigt (ADS + H) und ADS ohne Hyperaktivität (ADS – H). Bei dieser Form wird auch von hypo-aktiven Kindern gesprochen.

(vgl. Handzettel des ADS. e.V. und C. Thierstein, S.11)

Im Folgenden werde ich einige Erklärungsversuche zur Bestimmung der Ursachen vom Aufmerksamkeits-Defizit Syndrom vorstellen.

1.1 ADS – ein durch natürliche Anpassung entstandener Wesenszug

Thom Hartmann1 vertritt die Hypothese, dass Menschen mit ADS die genetischen Erben der Jäger und Sammler, also unserer prähistorischen Vorfahren, sind. Er beruft sich auf die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, in der sich zwei grundlegend verschiedene Kulturen herauskristallisiert haben:

Die Jäger und Sammler in der reichen Pflanzen- und Tierwelt und die eher landwirtschaftlich orientierte Gesellschaft, vor allem in Asien.

Die Tatsache, dass es in Amerika mehr Betroffene gibt als in Europa, was er dadurch begründet, dass die Jäger Europas nach Amerika ausgewandert sind, unterstützt seine These. Ähnliches gilt auch für Australien, dessen weiße Bevölkerung vorwiegend aus Häftlingen besteht, die aus England deportiert wurden, also Nachfahren der missratenen Söhne der britischen Gesellschaft. In Japan, das schon seit ca. 6000 Jahren eine landwirtschaftliche Bevölkerung hat, gibt es sehr wenige Menschen mit einem ADS.

(vgl. T. Hartmann, S. 32 f und R. Spallek, S. 101

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Eine neue Sichtweise

In dieser Tabelle werden Störungen, die sich bei ADS zeigen können, mit Verhaltensweisen der Jäger, der „Hunter“ und mit denen der eher landwirtschaftlich orientierten, den „Farmern“ verglichen.

1.2 Die Frontalhirn-Hypothese

Chelune2 vertritt die „Frontalhirn-Hypothese“ (1986). „Sie besagt, dass Hyperaktivität und Impulsivität primär ein Ausdruck mangelhafter Steuerungsfähigkeit sind, davon ausgehend, dass viele Symptome denen einer Frontalhirnverletzung ähnlich sind. Lou et al. wiesen 1984 in Dänemark nach, dass solche Kinder im Frontalhirn eine mangelhafte Blutversorgung zeigen.“3

Das Frontalhirn ist ein sehr kompliziertes Steuerungsorgan, das für die Aufmerksamkeit und die Informationsverarbeitung zuständig ist. Es hilft empfangene Reize unter Einbeziehung der Gefühle auszuwählen. Planung der Handlungsabfolge, die Zeiteinschätzung oder auch Vorüberlegungen zu einer bevorstehenden Handlung mit dem Zugriff auf Erinnerungsinhalte haben hier ihren Platz. Sind jedoch diese Bereiche gestört, können empfangene Reize nicht mehr richtig verarbeitet werden. Die Folge ist, dass sich Schwierigkeiten beim kontinuierlichen Arbeiten zeigen und Konsequenzen einer Handlung nur schlecht vorweggenommen werden können.

Es wurde auch diskutiert, ob nicht zu wenig Informationen vom tiefer gelegenen Stammhirn in den Frontalhirnbereich gelangen und das Gehirn deswegen immer nach neuen Reizen sucht. Es wurde aber nicht erwiesen, dass viele aufgenommene Reize genug sind, um eine angemessene Aktivität des Gehirns anzuregen.

Zentall4 äußerte sich dazu, dass viele attraktive Reize das Lernen dieser Menschen erleichtern, und somit im Umfeld lernender Kinder ausreichend zur Verfügung stehen sollten.

(vgl. C. Neuhaus, S. 49)

1.3 Stoffwechsel und Hirnfunktion

Eine weitere, jedoch bewiesene These von Alan Zametkin5 (1990) besagt, dass eine zu geringe Stoffwechselaktivität von Glukose, ein wichtiger Zucker für die Hirnfunktion, verantwortlich ist für die auftretenden Erscheinungen bei ADS-Betroffenen.

Lou6 hatte 1984 herausgefunden, dass die rechte Gehirnhälfte etwas weniger gut durchblutet sei, als die hinteren Hirngebiete.

Martha Denckla7 vermutete 1995, dass eine eingeschränkte Funktion der rechten Hirnhälfte der Grund für das „ständige Übersehen“ von Dingen sei. ADS-Betroffene haben Schwierigkeiten sich innerlich etwas vorzustellen, sie können Details nicht so aufnehmen, so dass sie ein Gesamtbild von allem bekommen.

(vgl. C. Neuhaus, S. 50/51)

1.4 Das Integrationsmodell der neurochemischen und neuroanatomischen Forschungen

„Patricia Quinn8 berichtete 1995 zusammenfassend von einem ‚Integrationsmodell der neurochemischen und neuroanatomischen Forschungen’. Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung könne als eine Dysregulation von Neurotransmittern auf Stammhirnebene gesehen werden, die die Verarbeitung interner und externer Reize beeinflusst. Diese Neurotransmitter, speziell Dopamin und Noradrenalin, scheinen Auswirkungen auf die Produktion und den Verbrauch sowie die Regulation anderer Neurotransmittersysteme im Gehirn zu haben, ebenso auf die Funktion und Reifung einiger Hirnstrukturen. Dadurch werde offensichtlich die normale Funktionsweise des Frontalhirns insofern beeinträchtigt, dass Impulse von der Stammhirnregion (Stimmung, Wachheit, Wahrnehmungsimpulse) nicht ausreichend kontrolliert werden können. Neben Ablenkbarkeit und mangelhafter Daueraufmerksamkeitsspanne ist die gefühlsmäßige Labilität und die Hypersensibilität der Unmöglichkeit zuzuschreiben, Impulse aus dem limbischen System9 im Stammhirn (das hierfür verantwortlich ist) steuernd zu beeinflussen.“10

Diese Hypothesen, die noch nicht endgültig bewiesen sind, haben heute den höchsten Wahrscheinlichkeitsgrad. (vgl. C. Neuhaus, S. 51)

1.5 Das gültige Erklärungsmodell

Russel Barkley11 geht davon aus, dass die Kinder mit einem ADS ein „Defizit der zentralen Hemmung haben, mit schwer wiegenden Auswirkungen auf die Fähigkeit, sich selbst zu steuern und zu regulieren“.12 Die Informationsverarbeitung und nicht etwa die Aufmerksamkeit ist gestört. Es werden sogar viel zu viele innere, wie auch äußere Reize wahrgenommen. Für das Kind stellt genau das die Schwierigkeit dar. Es tut sich schwer herauszufinden, wann welcher Reiz wichtig ist und in welcher Situation es den richtigen Reiz aussuchen und ihn auch im Blickpunkt der Aufmerksamkeit festhalten soll. (vgl. C. Neuhaus, S. 52)

Kinder mit einem ADS beschreiben oft einen Wirrwarr in ihrem Kopf, der wohl genau diese übergroße Flut an Reizen darstellen soll. Sie werden durch unwichtige Dinge, wie ein Motorengeräusch oder das Zwitschern der Vögel abgelenkt. Es gibt aber nicht nur Situationen, in denen diese Kinder mehr Informationen aufnehmen als sie gerade gebrauchen können, sondern auch die Konstellation: Aufnahme-Kanal besonders eng gestellt. Dann sind die Kinder so in ihr derzeitiges Tun, wie z.B. Computerspielen, vertieft, dass sie von ihrer Umwelt gar nichts mehr mitbekommen. Im Fachjargon wird dies „hyperfokussieren“ genannt. (vgl. E. Aust-Claus/ P.-M- Hammer, S. 99)

Dieses gültige Erklärungsmodell findet sich auch in weiteren Büchern über ADS, wie z.B. in „Irgendwie anders: Kinder, die den Rahmen sprengen“ von J.-U. Rogge und B. Mähler: „Bei ADS-Kindern ist die normale Funktionsweise des Gehirns gestört, weil es seine Impulse nur unzureichend oder gar nicht kontrollieren, steuern oder regeln kann... Es springt von Impuls zu Impuls, von Reiz zu Reiz, ohne zu entscheiden, welcher nun der bedeutsamere und situationsangemessenere ist.“13

Diese Informations- und Reizfilterschwäche wird auch bei E. Aust-Claus und P.-M. Hammer in „Das ADS-Buch“ beschrieben: „ADS ist eine Störung der Informations- und Wahrnehmungs-Verarbeitung, die Störungen im Verhalten, im Lernverhalten und in der Entwicklung hervorrufen kann.“1 4

„Beim Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom handelt es sich um eine angeborene und vererbbare Impulssteuerungs- und Reizfilterschwäche bei normaler, häufig auch überdurchschnittlicher Intelligenz.“ (vgl. Handzettel des ADS e.V.)

2. Die zwei ADS-Typen

Beim Aufmerksamkeits-Defizit Syndrom unterscheidet man zwei Typen:

- Typ 1: ADS mit Hyperaktivität (ADS + H) – „Zappelphilipp“
- Typ 2: ADS ohne Hyperaktivität (ADS – H) – „Träumelinchen“

2.1 Der „Zappelphilipp“

Der größte Teil der Kinder mit einem ADS ist hyperaktiv. Vor allem Jungen sind davon betroffen. Ihre Mütter berichten, dass sie schon vor der Geburt im Mutterleib sehr unruhig waren. Die Krabbelphase ist sehr kurz und wenn diese Kinder erst einmal laufen können, rennen sie sehr gerne und klettern die höchsten Dinge hinauf und hinunter; sie sind also meistens in Bewegung. Still zu sitzen ist für sie sehr schwer, sie verlassen häufig ihren Platz, sind zappelig, ruhelos und reden oft und übermäßig viel.

Kinder mit ADS + H sind auch oft sehr abstandslos, d.h., sie haben keine Angst vor Fremden, klettern zu ihnen auf den Schoß und sprechen sie einfach an.

Jedoch müssen diese Kinder nicht von Anfang an hyperaktiv sein. Bei manchen beginnt es erst, wenn sie in den Kindergarten kommen, bei anderen wiederum wird es dadurch besser. Manche sind zu Hause „ganz normal“ und werden erst im Beisammensein mit anderen Kindern und Menschen auffällig.

2.2 Das „Träumelinchen“

Wie die Überschrift schon aussagt, haben vor allem Mädchen diese Art des ADS. Sie fallen in ihrem Verhalten sehr wenig auf und erhalten auch deswegen meist keine medikamentöse Behandlung. Häufig entdeckt man die Erkrankung erst, wenn die Schulleistungen massiv abfallen. Aber auch nur dann wird ADS – H selten gleich erkannt, da es noch wenig erforscht ist und auch seltener vorkommt als ADS + H.

Diese „hypo-aktiven“ Kinder sind ziemlich verschmust, meistens ruhig, wirken verträumt und abwesend, sind eher sensibel und ängstlich und trödeln noch lieber als hyperaktive.

Genauso wie die Kinder mit ADS + H sind sie von Unruhe geplagt, jedoch nicht im körperlichen Sinne, sondern eher im geistigen. Sie verlieren sich in ihren Traumwelten, aus denen sie von Eltern und/oder Lehrern herausgerissen werden müssen, damit sie beispielsweise ihre angefangene Arbeit endlich zu Ende bringen können.

Kinder mit ADS – H können alle anderen Symptome des Aufmerksamkeits-Defizit Syndroms aufweisen, die im nächsten Punkt ausführlich beschrieben werden. Bis auf die Hyperaktivität sind sie genau so impulsiv und können genau so aggressiv reagieren, wie Kinder mit ADS + H. Sie sind auch leicht ablenkbar und haben ihre jeweiligen Schwierigkeiten in den Wahrnehmungsbereichen.

(vgl. R. Spallek, S. 30-36)

3. Merkmale und Kernsymptome beim Aufmerksamkeits-Defizit Syndrom

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Abbildung 2: Zappelphilipp

Schon 1848 hat der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann die wichtigsten Symptome von ADS-Betroffenen in seinem bekannten Kinderbuch „Struwwelpeter“ beschrieben und seit mehr als 50 Jahren wird diese Erkrankung von Ärzten und Psychologen diagnostiziert und behandelt. (vgl. E. Aust-Claus, P.-M. Hammer, S. 109)

Merkmale, die typisch für Kinder mit einem Aufmerksamkeits-Defizit Syndrom sind, können auch bei Kindern ohne diese Erkrankung auftreten, jedoch nicht in der Intensität, wie es beim ADS festzustellen ist.

Im folgenden werden nun Symptome aufgezeigt, die bei allen ADS-Kindern, bei ADS + H und ADS – H, festzustellen sind, jedoch in ihrer Intensität variieren können. Es gibt kein Kind, das die gleichen Merkmale in der gleichen Ausprägung zeigt, wie ein anderes. Jedes Kind hat seine eigenen Verhaltensauffälligkeiten, die es in seinem Verhaltensmuster zeigt.

(vgl. R. Spallek, S. 12)

Oft werden nur drei Kernsymptome vom ADS genannt:

- Impulsivität
- Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwäche
- Hyperaktivität (in unterschiedlichen Ausprägungen und nur bei 70% der betroffenen Kinder)

Auf Grund der Tatsache, dass es auch Kinder gibt, die an ADS leiden, aber nicht hyperaktiv sind, die sogenannten „hypo-aktiven Kinder“, zähle ich dieses Merkmal nicht zu den Kernsymptomen.

Die andersartige Informationsverarbeitung der ADS-Betroffenen ist der Hauptgrund dafür, dass diese Menschen in bestimmten Situationen anders reagieren und manche Dinge nicht besonders gut beherrschen. Auf dieser Störung bauen die anderen Hauptsymptome auf, die alle zusammenspielen und damit das Aufmerksamkeits-Defizit Syndrom bilden.

3.1 Die Informationsverarbeitung

Dank der heutigen Wissenschaft können wir genau nachvollziehen, wie sich Gedanken, Bilder, Erinnerungen und Handlungen in unseren Köpfen bilden. Durch unser Netzwerk im Gehirn, das aus gigantisch vielen Nervenzellen besteht, können wir Informationen aufnehmen, verarbeiten, abspeichern und wieder aufrufen. („Über Nervenfasern werden 15-20 Milliarden Nervenzellen miteinander koordiniert. Jede Nervenzelle ist mit bis zu 10 000 anderen Nervenzellen verbunden“15 )

3.1.1 Wie funktioniert die Informationsverarbeitung bei uns?

Um die Störung der Informationsverarbeitung bei ADS-Betroffenen besser verstehen zu können, gebe ich einen kurzen Einblick, wie die normale Verarbeitung von Informationen aussieht.

Durch unsere Körperantennen, wie die Ohren oder unsere Augen, nimmt das neuronale Netzwerk in unserem Gehirn ständig Informationen auf. Diese werden wie durch einen Filter ihrer Wichtigkeit nach vorsortiert, damit wir nicht von einer Informationsflut übermannt werden. Wir selbst wählen in jedem Moment aus, welche Reize wir stärker, bzw. weniger stark, in unser Bewusstsein lassen.

Nach der selektiven Informationsaufnahme gelangen die Informationen dann in den „Arbeitsspeicher“, der diese nochmals sortiert, analysiert, mit vorhandenen vergleicht und erneut zu Gedanken verknüpft. Diese werden nun abgespeichert und/oder gesagt und/oder aufs Papier gebracht.

Das folgende Schaubild verdeutlicht dieses Vorgehen nochmals genauer:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Normale Informationsverarbeitung

Je öfter dieser Prozess der Informationsverarbeitung durchlaufen wird, desto besser und schneller laufen die einzelnen Schritte ab. Muster und feste Beziehungen werden gebildet und können somit zu einer schnelleren Verarbeitung der Informationen beitragen.

„Diese immer schneller werdenden Abläufe von einer bestimmten Informations-Aufnahme (Input) zu einer gewünschten Reaktion (Output) nennen wir LERNEN.“16

Dieser Input kann einmal durch die visuelle Form gegeben sein (Buchstaben, Geschichten, usw.), in auditiver Form (Sprache, Verstehen) oder in Form von Körpersignalen, die in Bewegungsabläufe umgesetzt werden.

(vgl. E. Aust-Claus/P.-M. Hammer, S. 101-107)

3.1.2 Die Informationsverarbeitung bei ADS-Betroffenen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Informationsverarbeitung bei einem ADS-Betroffenem

Wie bei diesem Schaubild der Informationsverarbeitung eines ADS-Betroffenen zu sehen ist, beginnt schon bei der Informationsauswahl das erste Problem. Meist gelangen mehrere Reizeindrücke gleichzeitig und unsortiert in den „Aufnahme-Filter“. Ein ADS-Kind hört z.B. das Zwitschern der Vögel genauso laut, wie das Rücken eines Stuhles oder die Anweisungen der Lehrerin. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass diesen Kindern oft zwei- oder dreimal mehr eine Aufgabe vom Lehrer erklärt werden muss.

Ein weiteres Problem stellt die Kontrast-Einstellung dar. Bei ADS-Kindern funktionieren die Nervenzellen nicht richtig, welche für die Kontrasteinstellung zuständig sind. Die Neuromodulation, wie dies genannt wird, ist also dafür verantwortlich, dass sich ein wichtiger Eindruck besonders von den anderen abgrenzen und somit gut erkannt werden kann. Die chemischen Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin beeinflussen die Stärke eines Signals; sie bewirken entweder eine Verstärkung des Kontrasts oder eine Abschwächung. Bei der medikamentösen Behandlung vom ADS werden genau diese zwei Botenstoffe beeinflusst, um eine bessere Informationsübertragung zu ermöglichen.

Der „Arbeitsspeicher“, welcher die weitere Planung und die Koordination der Informationsverarbeitung übernimmt, ist kleiner als bei Nicht-ADS-Betroffenen. Es besteht die Gefahr, dass er bei zu großer Informationsflut und Überlastung einfach abstürzt, d.h., dass alle Eindrücke dann einfach vergessen und nicht gespeichert werden.

R. Spallek umschreibt das so: unsere Aufnahmekapazität, bzw. unsere „Kanalkapazität“, muss ziemlich groß sein, da wir meist gleichzeitig sehen, hören, denken und uns bewegen. Dieser Aufnahmekanal hat eine bestimmte Breite und wird überfordert, wenn wir zu viele Dinge auf einmal erledigen sollen.

Bei ADS-Kindern ist die Kanalkapazität nicht dem Alter entsprechend angepasst, was zu folgenden Konsequenzen führt: ist der Kanal leer, können Informationen gut aufgenommen werden, eine Aufgabe kann z.B. problemlos gelöst werden. Ist der Kanal aber leider schon teilweise voll, reicht der Rest nicht mehr für die Aufgabenlösung aus. (vgl. R. Spallek, S.19/20)

Dies ist auch der Grund, warum z.B. die Schreibweise der geübten Wörter für das Diktat am nächsten Tag einfach „vergessen“ wird.

Nach dem „Arbeitsspeicher“ gelangen die Informationen zur Weiterverarbeitung in die jeweiligen Hirnzentren, die sich auch untereinander austauschen. Bei bestimmten Informationen kann durch Nutzung schon eingespielter Verschaltungswege eine schnellere Verarbeitung der Informationen erfolgen.

Oftmals lässt sich bei ADS-Kindern beobachten, dass sie Informationen, welche sie in überschaubarer Weise erhalten, ohne Probleme aufnehmen und bearbeiten können, z.B. eine Rechenaufgabe. Ist aber eine Zwischenspeicherung bei längeren Aufgaben nötig, kommen die Informationen verzerrt oder unsortiert im Verarbeitungszentrum an.

Zusammengefasst sind also die Besonderheiten in der Informationsverarbeitung beim ADS folgende:17

- Die Feineinstellung des Aufnahme-Kanals und des Kontrastes bei der Informations-Aufnahme ist ungenügend.
- Das Sortieren der zahlreichen Informationen und die Übersicht zu gewinnen ist schwierig.
- Durch verzerrte und verlorengegangene Informationen ist die Weiterverarbeitung manchmal in den Spezialabteilungen erschwert (Wahrnehmungs-Verarbeitungs-Störung)
- Die Reaktionen sind nicht immer adäquat, wodurch Misserfolg, Motivationsverlust und mangelndes Selbstbewusstsein vorprogrammiert sind.

(vgl. E. Aust-Claus/P.-M. Hammer, S. 109-118)

3.2 Störung der Wahrnehmung

Als „Wahrnehmung“ wird die Aufnahme und Verarbeitung von Eindrücken der Sinnesorgane, wie Gehörtes, Gesehenes und Gespürtes bezeichnet. Bei ADS-Kindern sind diese Wahrnehmungsbereiche, also der auditive, der visuelle und der taktil-kinästhetische Wahrnehmungsbereich, in unterschiedlicher Ausprägung je nach Kind, gestört. Der Geschmacks- und Geruchssinn sind seltener betroffen.

(vgl. C. Thierstein, S. 18)

Diese Störung basiert auf der Tatsache, dass bei ADS-Betroffenen Signale nicht richtig registriert werden.

3.2.1 Störungen im visuellen Wahrnehmungsbereich

Bei der Aufnahme und Verarbeitung von Informationen steht die visuelle Wahrnehmung in unserem Bewusstsein an erster Stelle. Ein Viertel unserer Großhirnrinde beschäftigt sich mit der Verarbeitung visueller Informationen. Die Sehwahrnehmung verschafft uns somit Überblick, Einblick und Durchblick in unsere Umwelt. (vgl. E. Aust-Claus/P.-M. Hammer, S 124)

Eindrücke und Bilder, die wir mit unseren Augen aufnehmen, belegen wir grundsätzlich mit Bedeutungen. Ein lachendes Gesicht erweckt in uns Sympathie und Interesse, wohingegen man sich bei einem mürrisch dreinblickenden zweimal überlegt, ob man diese Person ansprechen sollte.

Bei ADS-Kindern ist die visuelle Erfassung sehr gering. Sie haben Probleme richtig hinzuschauen und die jeweiligen Vorgänge zu registrieren. Somit ist auch erklärbar, warum viele ADS-Kinder einfach nicht merken, dass ihre Eltern schon fuchsteufelswild sind und kurz davor stehen, dass ihnen der Kragen platzt. Sie nehmen den verärgerten Gesichtsausdruck ihrer Gegenüber nicht richtig wahr und schätzen die Situation dann natürlich auch falsch ein. Diese Kinder müssen lernen ihren Gesprächspartnern ins Gesicht zu schauen, um bestimmte Botschaften, die durch Mimik versendet werden, mitzubekommen, welche ihnen vorher nicht aufgefallen sind.

Die andere Sehwahrnehmung bringt natürlich auch Lernprobleme mit sich. ADS-Kinder haben häufig Probleme beim Lesen und Schreiben. Sie tun sich schwer, die Form der Buchstaben zu merken. Denn nur wenn das „Muster“ der einzelnen Zeichen und Wörter von dem Kind wiedererkannt wird, kann es richtig schreiben und lesen.

Zur Sehwahrnehmung beim Schreiben gehören:18

- Das „Abgreifen“ einer Figur, eines Buchstaben oder „Wortbildes“ mit gleitender Blickführung
- Das bewegliche Springen mit den Augen von einem Punkt zum andern, z.B. zwischen Tafel und Heft
- Das Unterscheiden und Wiedererkennen einer ganzen Figur in verschiedenen Größen und verschiedener Raumlage
- Das Wiedererkennen einer Figur in einem Wirrwarr anderer visueller Informationen (sog. Figur- Grundwahrnehmung)

Diese aufgeführten Punkte werden häufig von ADS-Kindern nicht erreicht.

ADS-Kinder überlesen auch häufig Satzendungen oder verrutschen in der Zeile. Ihre Augen bewegen sich viel zu schnell und ohne ein Ziel über das Papier.

3.2.2 Störungen im auditiven Wahrnehmungsbereich

Bereits während der Schwangerschaft, im vierten Monat, ist unser Gehör funktionstüchtig. Von da an bekommen wir Informationen von der Außenwelt geliefert und wir können eine innere Verbindung zu ihr herstellen. Durch Geräusche, Wörter oder Laute erschließen wir uns eine Welt, die Nähe, Distanz, räumliche Beziehung, Gefühle und Sprache beinhaltet.

Bei ADS-Kindern funktioniert die Hörwahrnehmung anders. Sie können, wie bei Punkt 4.1.2 schon beschrieben wurde, wichtige und unwichtige Reize nur schwer voneinander trennen und filtern. Nebengeräusche, die wir unterdrücken können, sind für ADS-Betroffene genauso stark vorhanden wie z.B. die Anweisungen des Lehrers, die eigentlich im Vordergrund stehen sollten. Je mehr Höreindrücke ungefiltert und unsortiert gesammelt werden, desto größer wird die Verwirrung im Kopf eines „ADS’lers“ und desto schneller erschöpft sich die innere Aufnahmekapazität. Es bleiben ihnen dann z.B. Wörter aus, die Reihenfolge der Ereignisse wird durcheinander gebracht oder sie bekommen Gesagtes einfach nicht mit.

Kinder mit dem ADS können auch Feinheiten nur schwer heraushören. Sie verwechseln ähnlich klingende Laute, was beim Diktat ein großes Problem darstellt. Ob nun ein „G“ oder ein „K“, ein „Dehnungs- H“ oder ein kurzes „i“ diktiert wird, kann nicht sofort registriert werden. Die Kinder müssen sich also das „Wortbild“ in Erinnerung rufen und dann entscheiden, ob z.B. das Wort „Vugs“ komisch aussieht. Doch oft bleibt für diese Kontrolle keine Zeit oder der flüchtige Arbeitsstil ist ihnen im Weg.

(vgl. E. Aust-Claus/P.-M. Hammer, S. 131-135)

3.2.3 Störungen im taktil-kinästhetischen Wahrnehmungsbereich

Wir wissen, dass bei ADS-Kindern die Informationen nicht immer richtig registriert werden können. Eindrücke werden verzerrt oder kommen erst gar nicht im Gehirn an. Das geschieht nicht nur mit visuellen und auditiven Eindrücken, es sind auch die ausführenden Organe, die Muskeln, betroffen, die bei unzureichender Verarbeitung der Informationen nicht richtig funktionieren.

Nur durch eine gute Körperwahrnehmung, das Registrieren der Körpersignale, sind Bewegungsabläufe, Bewegungsplanung und Bewegungsumsetzung ohne Komplikationen möglich.

ADS-Kinder wirken oft tapsig und schusselig, tun sich schwer auf einem Bein zu stehen, haben Probleme einen Hampelmann koordiniert nachzumachen und fallen nicht selten über ihre eigenen Füße.

Auch beim Schreiben und Malen machen sich die Schwierigkeiten im motorischen Bereich bemerkbar. Durch die schlechte Körperwahrnehmung haben viele ADS-Kinder eine ungenaue und nicht altersentsprechende Vorstellung ihres Körpers und malen sich dadurch oft nur als sogenannte „Kopffüßler“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wegen der schlechten Feinmotorik drücken die Kinder beispielsweise den Stift viel zu stark auf das Papier was bei diesem Bild von Kim deutlich zu sehen ist. Oft ist ihre Schrift auch sehr krakelig und unleserlich.

Abbildung 5: Kopffüßler

Wie oben schon erwähnt, haben nicht alle Kinder die gleichen Defizite in der gleicher Ausprägung. Es gibt auch ADS-Kinder, bei denen die Körperwahrnehmung recht gut funktioniert, die wunderschöne Bilder malen und sehr sportlich sind.

3.3 Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwäche

Menschen mit dem ADS sind sehr leicht ablenkbar. Sie beobachten ständig ihre Umgebung und bemerken jede kleine Veränderung, vor allem schnell wechselnde Dinge. Auf grund dessen ist es beispielsweise auch so schwierig, sich mit einem ADS-Betroffenen zu unterhalten, wenn der Fernseher läuft. Sie werden von den schnell wechselnden Bildern ständig angezogen. (vgl. T. Hartmann, S. 23)

Die sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne macht sich besonders bei Kindern in der Hausaufgabenbewältigung bemerkbar. Oft wird ihnen von Unerfahrenen vorgehalten, sie hätten einfach keine Lust die Aufgaben zu machen, da ihre anfängliche Konzentration bald schwindet und für Außenstehende diese Situation eben dementsprechend aussieht. Sie scheitern trotz intensiver Bemühungen an den Aufgaben. Dies wird leider oft nicht erkannt. (vgl. R. Spallek, S. 13)

Die Konzentrationsschwäche zeigt sich auch darin, dass sie Anweisungen nicht behalten können, weil sie sich sehr schnell von anderen Reizen ablenken lassen. In der Schule stellt dies ein sehr großes Problem für das betroffene Kind und auch für den Lehrer dar, der die Aufgabenstellung ein paar mal mehr als gewöhnlich wiederholen muss. Zu dieser sprunghaften Aufmerksamkeit kommt auch noch ein kleines Kurzzeitgedächtnis (der Arbeitsspeicher) hinzu. Beim Spielen können sie sich auf einmal nicht mehr an die Regeln erinnern oder an das Ziel des Spieles. Sie driften einfach ab, nichts bleibt in ihrem Kopf.

(vgl. E. Aust-Claus/P.-M. Hammer, S. 113)

Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörung liegen sehr nahe beieinander. Bei hyperaktiven Kindern, die in eine neue Umgebung kommen, beispielsweise in ein vorher noch nie gesehenes Zimmer, kann man sehr gut beobachten, dass sie schnell von einem Gegenstand zum anderen rennen und alles untersuchen. Jedoch ist es nicht die Hyperaktivität, die diese Kinder so hin und her flitzen lässt. Sie werden ständig von neuen Eindrücken abgelenkt und bleiben deswegen nur kurze Zeit an den jeweiligen Dingen, die sie untersucht haben. Auch bei Spielen oder alltäglichen Handlungen können sie kaum dabei bleiben, da immer etwas Neues von ihnen wahrgenommen wird und sie ablenkt.

Bei den ADS - H Kindern zeigt sich die Aufmerksamkeitsstörung nicht in der körperlichen, sondern in der geistigen Unrast. Äußere Dinge lenken sie weniger ab, sie verlieren sich eher in ihrer Traumwelt, die natürlich auch von Hyperaktivität geprägt sein kann. Dort erleben sie viele aufregende Dinge, bestehen Gefahren und Abenteuer. (vgl. R. Spallek, S. 13/14 und C. Neuhaus, S. 55/56)

Die Aufmerksamkeit basiert einerseits auf Interesse und Motivation. ADS-Kinder können sehr wohl aufmerksam sein und zuhören. Andererseits spielt aber auch die Fähigkeit eine sehr große Rolle, den Brennpunkt des Interesses auf wenige Eindrücke und Informationen einzuengen. Und genau bei diesem letzten Punkt haben Kinder mit einem Aufmerksamkeits-Defizit Syndrom große Schwierigkeiten.

(vgl. E. Aust-Claus und P.-M. Hammer, S.10)

3.4 Impulsivität

Die Störung der Impulskontrolle kommt bei Kindern mit ADS - H genauso vor, wie bei Kindern mit ADS + H.

Kinder, die an dieser Erkrankung leiden, reagieren auf den ersten Impuls ohne vorher zu überlegen. Sie fassen einen Entschluss und führen ihn blitzschnell aus, ohne an die Folgen für sich und andere zu denken. Der Grund dafür liegt im ungenügenden Abspeichern ihrer Gedanken im „Arbeitsspeicher“. Mit ihm steuern wir unser Verhalten. Normalerweise lenken wir unsere Reaktionen durch Reflexion, d.h., dass wir kurz inne halten und unsere Gedanken sortieren, um dann kontrolliert handeln zu können. Anders bei ADS-Kindern. Sie können Situationen nur schwer abwägen und verlieren oft den Überblick, was dann zu impulsivem Handeln führt.

(vgl. E. Aust-Claus/P.-M. Hammer, S. 114)

ADS-Kinder fallen schon früh durch lautes Schreien und ihre Wutanfälle auf, die meist einen nichtigen Anlass haben. Sie stören Gespräche von Erwachsenen, platzen in der Schule mit ihren Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt wurde und missachten Grenzen anderer, indem sie, oft unabsichtlich, andere im Spiel schubsen oder kneifen.

Dieses Verhalten und Handeln „ohne Rücksicht auf Verluste“ führt nicht selten zu hitzigen und emotionalen Auseinandersetzungen, jedoch ohne Vorsätzlichkeit des ADS-Kindes.

Der Körper des Kindes trägt nicht selten Spuren davon, die von zu impulsivem Spielen oder von mangelnder Vorsicht stammen. ADS-Kinder können Gefahren für sich und auch für andere nicht richtig einschätzen. Auf eine belebte Straße laufen ohne zu schauen, rasend schnell eine Straße mit Inline-Skates heruntersausen oder beim Fußballspiel in jeder möglichen Situation nach dem Ball grätschen sind einige Beispiele, die vorkommen können. Roswitha Spallek berichtet in ihrem Buch „Große Hilfe für kleine Chaoten“ von einem ADS-Kind, das ins Wasser sprang ohne schwimmen zu können, nur um sehen zu können, was passiert. Oder von einem Geschwisterpaar, welches stundenlang mit Dreirädern frontal aufeinander zufuhr, dabei aber die Verletzungen, die sie von ihrem „Spiel“ davontrugen, nicht beachteten. (vgl. R. Spallek, S. 18)

Im Erwachsenenalter sind „ADS’ler“ öfters an Verkehrsunfällen beteiligt als andere und begehen verhäuft Geschwindigkeitsüberschreitungen, was mehrere Verlaufsstudien gezeigt haben. (vgl. M. Huss, S. 36)

Auf etwas warten oder sich in einer Reihe anstellen fällt ihnen sehr schwer. Egal, ob es eine rote Ampel oder im Kaufhaus an der Kasse ist, Menschen mit ADS versuchen diese Situationen zu umgehen. Auch die Eltern dieser Kinder machen sich teilweise zum Clown oder versuchen auf einem anderen Weg ihre Kinder in Wartesituationen abzulenken, damit kein Geschrei und keine Tobsuchtsanfälle folgen.

Menschen mit ADS führen oft ein sehr chaotisches Leben. Auf ihrem Schreibtisch sieht es meist sehr unordentlich und unübersichtlich aus. Dies kann aber auch der Fall bei anderen, die nicht an ADS leiden, sein. Der Unterschied ist jedoch dieser, dass Menschen ohne ADS ihre Sachen meist nach kurzem Suchen wieder finden, „ADS’ler“ leider nicht.

Bei ADS-Kinder, die eh schon beim Hausaufgaben machen, übertrieben gesagt alle zehn Minuten, eine andere Aufgabe anfangen, weil sie einfach nicht bei einer dabei bleiben können, kommt diese Unordnung noch dazu, die ihnen ein richtiges Lernen und Arbeiten unmöglich zu machen scheint.

Ihre Gedanken können sehr schnell woanders sein. ADS-Kinder erzählen oft spontan Dinge, die in keinem Zusammenhang mit dem stehen, was vorher gesagt wurde. Die „Träumer“, die Kinder mit ADS – H, müssen häufig aus ihren Gedanken gerissen werden, damit sie beispielsweise mit den Hausaufgaben endlich fertig werden, oder am Unterrichtsgeschehen wieder teilnehmen können.

4. Folgeerscheinungen bei ADS

Die Hauptmerkmale vom Aufmerksamkeits-Defizit Syndrom haben verschiedene Auswirkungen auf die betroffenen Kinder und ihre Umwelt. Es kann zu sogenannten Folgeerscheinungen kommen, die beispielsweise auf den Störungen der Wahrnehmungsbereiche basieren oder auch aus dem Verhalten des Kindes resultieren.

4.1 Teilleistungsschwächen

Unter einer Teilleistungsschwäche versteht man „die Schwäche einer umschriebenen Hirnfunktion bei sonst normaler Intelligenz.“19 Die Lese-Rechtschreib-Schwäche ist die bekannteste. Häufig sind auch Dyskalkulie (Rechenschwäche) oder sensomotorische Störungen als Teilleistungsschwächen zu erkennen. Bei letzteren können Eindrücke, die von einem Sinnesorgan aufgenommen werden, nicht exakt durch die Motorik, also die Hand oder die Sprache, wiedergegeben werden. Auch Störungen in der Wahrnehmungsgeschwindigkeit gehören zu den Teilleistungsschwächen. Hierbei werden Dinge zwar richtig wahrgenommen, aber um sie zu speichern und sie wiederzugeben braucht es sehr lange.

Bei ADS-Kindern treten solche Teilleistungsschwächen häufiger auf, als bei Nicht-ADS-Betroffenen. Dies ist wahrscheinlich der Fall, da beim ADS Störungen in den Wahrnehmungsbereichen und in der Aufmerksamkeit vorliegen.

Wie oben in Punkt 4.2.1 schon beschrieben wurde, können ADS-Kinder durch die Störungen im visuellen Bereich Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben haben, die häufig mitverantwortlich für eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) sind.

Teilleistungsschwächen können angeboren sein, im Rahmen des ADS auftreten, von Hirnverletzungen und Vergiftungen her stammen oder die Folge von Durchblutungsstörungen im Alter sein. Da beim ADS so gut wie immer Teilleistungsschwächen auftreten, können sie einen Hinweis auf das ADS geben, das besonders bei hypo-aktiven Kindern selten in den ersten Schuljahren erkannt wird. (vgl. R. Spallek, S. 57-63)

4.2 ADS-Kind – Außenseiter!

Auf Grund ihres Verhaltens haben ADS-Kinder wenig Freunde. Wer will schon mit einem befreundet sein, der sich nichts merken und nicht zuhören kann und oft zu impulsiv, teilweise aggressiv reagiert?

Wenn sie Freunde finden, dann sind diese meist jünger und bewundern sie wegen ihres Mutes, ihrer Spontaneität oder es sind ältere, die von den ADS-Kindern selbst bewundert werden. Finden sie Freunde in ihrem Alter, handelt es sich meist um Kinder, die ebenfalls das ADS haben. Vielleicht verstehen sie sich deswegen so gut, weil ihre Symptome miteinander übereinstimmen. Es kommt sogar häufig vor, dass gerade zwischen hyperaktiven und hypo-aktiven ADS-Kindern eine Freundschaft existiert; Gegensätze ziehen sich bekanntlich an.

(vgl. R. Spallek, S. 78)

4.3 Mangelndes Selbstwertgefühl

ADS-Kinder machen nicht sehr oft positive Erfahrungen. Durch ihre andere Art Informationen zu verarbeiten ecken sie oft an, bekommen den Stoff in der Schule nicht mit und schreiben deswegen schlechte Noten. Sie haben meist wenig Freunde und werden möglicherweise von ihren Mitschülern ausgelacht oder gehänselt, weil sie eben etwas anders sind und reagieren als alle anderen.

- 85% aller ADS-Kinder haben emotionale Probleme und Selbstwert-Probleme
- ca. 80% der ADS-Kinder haben zusätzlich Lernstörungen (LRS, Dyskalkulie), die zu Schulproblemen führen
- etwa 65% der ADS-Kinder, vor allem Kinder mit Hyperaktivität, haben soziale Anpassungsschwierigkeiten auf Grund ihres störrischen, unüberlegten und hitzigen Verhaltens
- fast 30% der ADS-Kinder wiederholen eine oder mehrer Klassen trotz durchschnittlicher Intelligenz

(vgl. E. Aust-Claus/P.-M. Hammer, S.157/158)

Vor allem hypo-aktive ADS-Kinder bewerten ihre eigenen Fehler sehr stark und stehen ziemlich kritisch zu ihren eigenen Leistungen. Bei ihnen geht Kritik viel tiefer als bei anderen und führt oft zu einem noch geringeren Selbstwertgefühl und teilweise auch zu Depressionen. (vgl. R. Spallek, S. 32)

Misserfolge in der Schule, aber auch Enttäuschungen der Familie und gegenüber sich selbst können ADS-Kinder in einen Teufelskreis geraten lassen, aus dem sie alleine nicht wieder so leicht ausbrechen können. Eltern, aber auch Lehrer und Therapeuten haben die Aufgabe solchen Kindern zu helfen und Situationen zu schaffen, welche ihnen Mut und Kraft geben.

[...]


1 Gründer des ADD-Forums in Compuserve (GO ADD)

2 Chelune, Gordon J., Psychologe, Westvirginia

3 zitiert aus C. Neuhaus, „Das hyperaktive Kind“, S. 49

4 Zentall, Thomas, Professor der Psychologie in Kentucky

5 Zametkin, Alan J., Kinderpsychiater in Kensington

6 Psychologe

7 Dr. Martha Denkla, Expertin auf dem Gebiet der Lernunfähigkeit und ADS, im John Hopkins Hospital, Baltimore, Maryland

8 Dr. Patricia Quinn, Entwicklungskinderärztin

9 limbisches System: „Randgebiet zwischen Großhirn u. Gehirnstamm, das die hormonale Steuerung u. das vegetative Nervensystem beeinflusst u. von dem gefühlsmäßige Reaktionen auf Umweltreize ausgehen“; Fremdwörterbuch, S. 578

10 zitiert aus C. Neuhaus, „Das hyperaktive Kind“, S. 51

11 Russell Barkley, Direktor der Psychologie an der University of Massachusetts Medical School

12 zitiert aus C. Neuhaus, „Das hyperaktive Kind“, S. 52

13 zitiert aus J.-U. Rogge/B. Mähler, S. 74

14 zitiert aus E. Aust-Claus/P.-M. Hammer, S. 6

15 zitiert aus E. Aust-Claus/P.-M. Hammer, S. 101

16 zitiert aus E. Aust-Claus/P.-M. Hammer, S. 106

17 zitiert aus E. Aust-Claus/P.-M. Hammer, S. 117/118)

18 zitiert aus E. Aust-Claus/P.-M. Hammer, S.128

19 zitiert aus R. Spallek, S. 57

Details

Seiten
111
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640565498
ISBN (Buch)
9783640565191
Dateigröße
2.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v145962
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule in Schwäbisch Gmünd
Note
1
Schlagworte
Pädagogisch-psychologische Interventionsmaßnahmen Umgang ADS-Kindern Ergotherapie Therapieform Aufmerksamkeits-Defizit Syndroms Fallbeispiel

Autor

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Titel: Pädagogisch-psychologische Interventionsmaßnahmen im Umgang mit ADS-Kindern