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Theorien zur Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation

Freud, Erikson, Piaget, Bronfenbrenner, Grundmann, Hurrelmann

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 29 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Theorien der Entwicklungspsychologie
1. Freuds Theorie der psychosexuellen Entwicklung
2. Eriksons Theorie der psychosozialen Entwicklung
3. Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung
4. Bronfenbrenners sozialökologische Entwicklungstheorie

III. Theorien zur Sozialisation
1. Durkheims Vermächtnis
2. Sozialisation nach Grundmann und Hurrelmann

IV. Grundbedürfnisse von Kindern in der psychischen und sozialen Entwicklung

V. Fazit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Was prägt die individuelle Entwicklung - der Mensch selbst oder seine soziale Umwelt? Bleiben wesentliche Verhaltensweisen über die Jahre stabil oder verändern sie sich in einem lebenslangen Prozess? Was macht das Individuum zum Mitglied einer Gesellschaft? Diese grundlegenden Fragen der Entwicklungspsychologie und Sozialisationsforschung sollen in vorliegender Arbeit ausdifferenziert und beantwortet werden. Hierzu werden ver- schiedene Theorien vorgestellt. Kapitel II befasst sich mit klassischen und modernen psycho- logischen Erklärungsmodellen nach Freud, Erikson, Piaget und Bronfenbrenner. In Kapitel III werden, auf Durkheims Vermächtnis aufbauend, aktuelle Sozialisationstheorien von Hurrel- mann und Grundmann behandelt, welche Ergebnisse aus den zuvor beschriebenen psycholo- gischen Theorien zu integrieren versuchen. Jede Theorie des II und III Kapitels konzentriert sich auf bestimmte Dimensionen der menschlichen Entwicklung und Sozialisation: Persön- lichkeitsmerkmale, Selbstverständnis, Kognition, Bindungsbeziehungen, Verortung im sozialen Umfeld. Mal wird der Mensch als eher passives, mal als aktiv gestaltendes Wesen begriffen, mal stehen genetische Veranlagung, dann wieder Umwelteinflüsse im Vordergrund. Die in Kapitel IV nach Fuhrer beschriebenen Grundbedürfnisse und Entwicklungsaufgaben von Kindern schenken allen aufgeführten Entwicklungs- und Sozialisationsmodellen Beach- tung und stehen als eine Art Zusammenfassung und Anleitung zur Erziehungspraxis für sich. Abschließend wird unter V ein Fazit gezogen, in dem oben genannte Grundfragen beantwortet werden.

II. Theorien der Entwicklungspsychologie

1. Freuds Theorie der psychosexuellen Entwicklung

Die wohl in westlichen Gesellschaften einflussreichste Theorie über persönliche und soziale Entwicklung ist die psychoanalytische Theorie Sigmund Freuds, die um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert entstand (Siegler et al. 2005: 471f.). Sowohl Freuds Ausführungen als auch deren Erweiterung durch Erikson zur psychosozialen Entwicklungstheorie basieren auf der Annahme, Entwicklung werde in starkem Maße durch biologische Reifung und die Bewältigung altersbedingter Entwicklungsaufgaben vorangetrieben.

Triebbefriedigung und Persönlichkeitsstruktur

Der Entwicklungsimpuls kommt bei Freud von innen heraus, die Antriebskraft für mensch- liches Verhalten und Entwicklung liegt in der sogenannten ‚psychischen Energie’. Diese wird aufgebaut, umgewandelt und entladen (Miller 1993: 116). Die psychische Energie, auch als ‚Triebenergie’ oder ‚Libido’ bekannt, speist sich aus biologischen Trieben oder Instinkten, die jeder Mensch von Geburt an in sich trägt. Diese Triebe lösen eine innere Erregung aus, welche den Geist stimuliert und zur Folge hat, dass der Mensch ein Bedürfnis verspürt (Miller 1993: 117). Nun gibt es unterschiedliche Formen mit Bedürfnissen umzugehen. Die erste Form liegt in der von Geburt an vorhandenen Persönlichkeitsstruktur begründet: dem ‚Es’. Freud bezeichnet das Es als „der dunkle, unzugängliche Teil unserer Persönlichkeit ... ein Kessel voll brodelnder Erregungen“ (Freud 1933 zitiert nach Siegler et al. 2005: 474). Vom Es bestimmt ist das Ziel menschlichen Verhaltens die sofortige Befriedigung dieser Er- regungen nach dem Lustprinzip (Siegler et al. 2005: 474). So will ein Säugling, der das Be- dürfnis nach Nahrung verspürt, sofort gestillt werden und fängt deshalb an zu schreien oder zu quengeln. Er will damit die von ihm als unangenehm empfundene Spannung, die vor- herrscht, so lange das Bedürfnis noch nicht befriedigt wird, sofort abzubauen. Das Es sorgt jedoch nicht nur im Säuglingsalter dafür, dass -hier lebenswichtigen− Bedürfnissen nach- gegangen wird. Es ist Zeit unseres Lebens Teil unserer Persönlichkeit und gewinnt gegenüber den anderen Persönlichkeitsstrukturen beispielsweise dann die Oberhand, wenn wir uns egoistisch oder impulsiv verhalten (ibid.). Im Gegensatz zum Es entsteht gegen Ende des ersten Lebensjahres das ‚Ich’, der rationale, logische und problemlösende Teil der Persön- lichkeit: „Das Ich arbeitet nach dem Realitätsprinzip und versucht, Forderungen des Es unter Kontrolle zu halten, um die Wirklichkeit richtig wahrzunehmen, relevante frühere Situationen zu erinnern und wirksame Handlungspläne zu entwerfen“ (ibid.). Das Ich vermittelt demnach zwischen den Forderungen des Es und der Realität. So erkennt ein Säugling irgendwann, dass Bedürfnisbefriedigung nicht sofort und immer möglich ist und muss auf andere Art und Weise handeln als zuvor. Das Ich entwickelt sich durch die Anforderungen, die die Realität an das Kind stellt, also durch Wachstum, Erfahrung und Lernen immer weiter und steuert das Bewusstsein des Kindes. Vernunft und Verstand werden nach und nach stärker ausgebildet. Wie schon erwähnt, kann aber auch immer wieder das ‚Es’ unser Verhalten bestimmten, das Ich hat nie die volle Kontrolle (ibid.). So schreibt Freud:

‚Man könnte das Verhältnis des Ichs zum Es mit dem des Reiters zu seinem Pferd ver- gleichen. Das Pferd gibt die Energie (...) her, der Reiter hat das Vorrecht, das Ziel zu bestimmen, die Bewegung des starken Tieres zu leiten. Aber zwischen Ich und Es er- eignet sich allzu häufig der Fall, daß [sic] der Reiter das Roß [sic] dahin führen muß [sic], wohin es selbst gehen will’ (1933/1969: 514 zitiert nach Siegler et al. 2005: 474).

Die letzte Persönlichkeitsstruktur, das ‚Über-Ich’ entwickelt sich ab etwa dem dritten Lebens- jahr. Durch die Identifikation mit den Eltern können hier deren Regeln, Normen und Vor- stellungen internalisiert werden (Siegler et al. 2005: 475). Das Kind weiß nun, was falsch und richtig ist und kann sein Verhalten prinzipiell danach ausrichten, also gewissenhaft handeln (ibid.).

Fünf Entwicklungsphasen

Die Ausbildung der drei Persönlichkeitsstrukturen ist eng mit fünf durch Freud definierten Phasen verknüpft. Ihm zufolge durchlebt jeder Mensch eine Reihe von biologisch bestimmten universellen Entwicklungsphasen (Siegler et al. 2005: 473). In jeder dieser ‚psychosexuellen Phasen’ besteht der Trieb, Lust und Befriedigung zu erlangen, jedoch wird die psychische Energie jeweils auf eine andere erogene Zone des Körpers bezogen (ibid.). Auch die Art und Weise der Bedürfnisbefriedigung verändert sich: „Am Anfang beruhen alle instinktiven Trie- be auf körperlichen Bedürfnissen, aber im Verlauf der Entwicklung wird ein Teil der psychischen Energie abgezweigt und in psychologische Bedürfnisse und Wünsche um- gewandelt“ (Siegler et al. 2005: 473).

Die orale Phase

Die erste Phase der psychosexuellen Entwicklung durchlebt ein Mensch während seines ers- ten Lebensjahres. In dieser ‚oralen Phase’ zieht der Säugling primär aus Kauen, Saugen, Bei- ßen oder Essen Befriedigung (Miller 1993: 132). Die psychische Energie findet in dieser Pha- se ihr Zentrum in der erogenen Zone des Mundes, deshalb führen genannte Aktivitäten auch zu einem Abbau der für den Säugling zunächst unangenehmen sexuellen Spannung (ibid.). Alle prägenden Erfahrungen, die ein Mensch in dieser ersten Phase erlebt, stehen mit oralen Bedürfnissen in Verbindung (ibid.), sowohl wenn Bedürfnisbefriedigung erlangt wird, als auch wenn dies nicht der Fall ist. So kann es etwa zu Frustrationen führen, wenn das Kind von der Brust oder Flasche entwöhnt und an eine Tasse gewöhnt werden soll oder die Eltern ihm Dinge wegnehmen, auf denen es nicht herumkauen darf (ibid.). Das mag zunächst als kleine Maßnahme in der täglichen Kindererziehung erscheinen. Für ein Kind jedoch ist es eine der ersten Herausforderungen mit Nicht-Befriedigung umzugehen. Es muss lernen mit der Realität umzugehen, wie schon beim Übergang vom Es zum Ich beschrieben. Für Freud ist die orale Phase grundlegend für die weitere Persönlichkeitsentwicklung (Miller 1993: 133). Wenn ein Kind zuviel oder zuwenig orale Befriedigung erfährt, hat dies auch in späteren Jahren Auswirkungen. Geringe Befriedigung führt demzufolge zu Persönlichkeits- merkmalen wie Ängstlichkeit und Pessimismus. Zu viel Befriedigung könnte dazu führen, dass Kinder, obwohl biologisch reif dafür, in der nächsten Phase die psychische Energie nicht auf neue Objekte lenken können (Miller 1993: 132). Ein Teil der Energie bleibt in der ersten Phase verhaftet und fehlt dann bei der Weiterentwicklung in der nachkommenden (Miller 1993: 122). So kommt es zu Entwicklungsstörungen, deren Auswirkungen ein Leben lang zu spüren sein können. Freud differenziert fünf ‚Funktionsmodi’, die die orale Phase kenn- zeichnen: Sich einverleiben, Festhalten, Beißen, Ausspucken und Verschließen (Miller 1993: 133). Jedes dieser Funktionsmodi bildet eine Art Modell für spätere Persönlichkeitsmerkmale.

Ein Beispiel nach Miller (1993: 133): „Ein Säugling, der sich lustvoll sein Essen einverleibt hat, wird zum Erwachsenen, der sich gierig Wissen oder Macht „einverleibt“ oder erwirbt.“ Ein Säugling, der häufig ausspuckt, wird später ein ablehnender Mensch sein. Die Persönlich- keit eines Säuglings, der die Brustwarze festhält, wenn sie weggenommen wird, kann von Entschiedenheit und Hartnäckigkeit geprägt sein. Prinzipiell finden sich alle Merkmale in jedem Menschen wieder, jedoch sind einzelne bei manchen Menschen stärker ausgeprägt (i- bid.). Dies geschieht nach Freud, wenn der Säugling besonders lustbetonte oder besonders unbefriedigende Erfahrungen gemacht hat. So kann aus einem Kind mit einer besonders ab- weisenden Mutter ein Erwachsener werden, der versucht, sich die damals fehlende Liebe symbolisch über Macht einzuverleiben (ibid.). Die Bindung an die Mutter stellt ein wichtiges Element aller von Freud postulierten Phasen dar, insbesondere jedoch der oralen Phase, da die Mutter im Regelfall die Bedürfnisse nach Nahrung und Wärme befriedigt und weil hier die so bedeutsame Mutter-Kind-Bindung ihren Ursprung hat (ibid.). So ist die Mutter „unver- wechselbar ein Leben lang das erste und stärkste Objekt der Liebe und als Prototyp für alle späteren Liebesbeziehungen eingeführt“ (Freud 1940 zitiert nach Siegler et al. 2005: 474). Der Bindung an die Mutter kommt also deshalb eine so große Bedeutung zu, da sie bestimmt, wie sich das Kind weiterentwickeln und Beziehungen zu anderen Personen aufbauen wird (Miller 1993: 135).

Die anale Phase

Auf die orale Phase folgt im Alter von etwa ein bis drei Jahren die ‚anale Phase’. In dieser erfolgt der Lustgewinn über den Spannungsabbau beim Urinieren oder beim Stuhlgang, die für das Kind bedeutende erogene Zone ist nun der anale Bereich (Siegler et al. 2005: 475). Hier kommt es zu Konflikt und Frustration, wenn die von außen an das Kind herangetragenen Sauberkeitsvorstellungen der Eltern auf die lustvolle Triebbefriedigung, die ihren Ursprung in der Psyche des Kindes hat, treffen. Das Kind möchte einen sofortigen, unwillkürlichen Spannungsabbau. Die Eltern, geprägt durch gesellschaftliche Normen, verlangen jedoch ein von Verzögerung oder vom Willen bestimmtes Ausleben dieses Bedürfnisses (Miller 1993: 135). Wie stark dieser Konflikt ist und wie Kinder ihn lösen, hängt ab vom Zeitpunkt der Sauberkeitserziehung, der Art und Weise wie die Eltern oder andere Bezugspersonen diese den Kindern vermitteln und von der Einstellung der Bezugspersonen zu Defäkation, Darm- kontrolle und Sauberkeit (ibid). Durch zu strenge oder verfrühte Sauberkeitserziehung kann nach Miller (ibid.) beim Kind „die Defäkation (...) zu einer Quelle großer Angst werden. Diese Angst überträgt sich unter Umständen auf andere Situationen, in denen eine äußere Autorität Anforderungen stellt oder eigene Triebregungen kontrolliert werden müssen“. So kann es dazu kommen, dass Kinder ihren Darm an unangemessenen Orten oder zu unan gemessenen Zeitpunkten entleeren. Der etwas pessimistisch eingestellte Freud sieht auch schon die Spätfolgen einer Sauberkeitserziehung, die beim Kind Frustration bewirkt hat. So werden Kinder, deren Eltern übertrieben und streng auf Sauberkeit geachtet haben, entweder zu unordentlichen und verantwortungslosen Erwachsenen oder zum gegenteiligen Extrem, nämlich zwanghaft ordentlich, asketisch und übermäßig kontrollierend (Miller 1993: 136).

Die phallische Phase

Die Grundelemente der Problemlösungskompetenz eines Menschen werden in der oralen und analen Phase gelegt. Nun folgt nach Freud die phallische Phase im Alter von etwa drei bis sechs Jahren. In dieser Phase geht der Spannungsabbau der psychischen Energie über die genitale Zone (Miller 1993: 136). Sowohl Mädchen als auch Jungen entwickeln ein Interesse an ihren Genitalien, sowie auch an denen der Eltern und Spielkameraden (Siegler et al. 2005: 475). Die Schwierigkeit der phallischen Phase liegt nach Freud im sogenannten ‚Ödipus- komplex’ (Miller 1993: 136 ff.). Dieser meint am Beispiel des Jungen folgendes: Der Sexual- trieb des Jungen richtet sich auf seine Mutter, was bewirkt, dass er sie nicht mit seinem Vater teilen will. Gleichzeitig hat er Angst vor Vergeltung durch den Vater in Form von Kastration. Der Ausweg aus dieser extremen Situation ist das Verdrängen sowohl des sexuellen Ver- langens als auch der Angst und schließlich die Identifikation mit dem Vater. Diese sieht so aus, dass er sich zum einen emotional fester an den Vater bindet, zum anderen dessen Ein- stellungen, Normen und Interessen übernimmt. Somit übernimmt und akzeptiert der Junge geschlechtsspezifisches Verhalten, was einen wichtigen Teil seiner Sozialisation ausmacht (Miller 1993: 137). Bezogen auf die Persönlichkeitsstruktur bedeutet dies, dass es zu einer Ausbalancierung der Interessen des Es und des Ichs kommt und sich das Über-Ich heraus- bilden kann. So schreibt Miller (ibid.): „Das Ich wird partiell befriedigt, weil Angst reduziert wird, und das Es wird partiell befriedigt, weil der Junge die Mutter stellvertretend durch den Vater „besitzen“ kann.“ Die Herausbildung und Weiterentwicklung des Über-Ich drückt sich bei Jungen und Mädchen sowohl in der Anpassung an die Eltern als auch an die gesellschaft- lich vorherrschenden Normen aus − schließlich sollte kein Kind ein sexuelles Verhältnis zu einem Elternteil aufbauen (ibid.). Mädchen identifizieren sich durch den Ödipuskomplex ver- stärkt mit ihrer Mutter. Abgesehen vom Ödipuskomplex findet in der phallischen Phase jedoch in der Regel eine Identifikation mit beiden Elternteilen statt (ibid.).

Die Latenzperiode

Der phallischen Phase folgt im Alter von etwa fünf Jahren bis zur Pubertät die ‚Latenz- periode’, die nach den drei ersten, turbulenten Phasen eher ruhig verläuft. Die bestimmenden ersten Lebensjahre sind vorbei. Die Persönlichkeit verändert sich zwar auch weiterhin, jedoch sind die Grundstrukturen vorhanden, es folgt eher eine Ausdifferenzierung (Miller 1993: 138). In der Latenzphase bleiben sexuelle Wünsche im Unbewussten, es gibt keine neue Zone der körperlichen Erregung (Miller 1993: 138). Kinder erweitern den Personenkreis ihrer Aufmerksamkeit auf Freunde, Lehrer, Bekannte, Nachbarn oder Vereinstrainer. Somit kann sich laut Siegler et al. (2005: 475, Zusatz von C.D.) „die psychische Energie [kanalisieren in] konstruktiven, sozial akzeptablen Handlungen sowohl intellektueller als auch sozialer Art. Im Ergebnis entwickelt sich sowohl das Ich als auch das Über-Ich weiter“.

Die genitale Phase

Mit dem Eintreten der sexuellen Reifung und den körperlichen Veränderungen, die die Puber tät mit sich bringt, beginnt die letzte Phase, die ‚genitale Phase’. Die sexuelle Energie, die jahrelang nur im Unbewussten war, kommt wieder voll zum Vorschein und richtet sich nun auf eine Person des anderen Geschlechts aus dem Bekanntenkreis (Miller 1993: 138). Aufgabe und Ziel der genitalen Phase ist es, erwachsene Sexualität auszuleben und sich fortzupflanzen. Im Idealfall besitzt eine Person nun ein stark entwickeltes Ich sowie ein weder zu starkes noch zu schwaches Über-Ich, um sich angemessen mit der Realität der Erwachsenenwelt verhalten zu können (ibid.).

Freud konzentriert sich in seiner Argumentation über die Ausbildung von Persönlichkeits- merkmalen und Verhaltensweisen auf die Erfahrungen des Kindes in den ersten Lebensjahren. Diese Erfahrungen prägen seiner Meinung nach den Menschen am stärksten und ein Leben lang (Siegler et al. 2005: 476). Für die Erziehung geht es deshalb in allen Phasen darum, ge- nügend, aber nicht zu viel Befriedigung zuzulassen, damit ein Kind sich gut entwickeln kann (Miller 1993: 136). Der Entwicklungsimpuls kommt Freud zufolge aus dem Inneren eines Menschen. Biologisch verankerte Triebe sorgen dafür, dass sich ein Mensch zu bestimmten Zeiten in der Kindheit und Jugend mit bestimmten Problemen auseinandersetzen muss. Geformt wird die Persönlichkeit des Kindes allerdings durch die elterlichen und damit auch gesellschaftlich geprägten Widerstände, mit denen es konfrontiert wird und durch die Art und Weise mit diesen Widerständen umzugehen.

Kritik an Freuds Theorie der psychosexuellen Entwicklung

Zunächst kann Freud im heutigen Sinne unwissenschaftliches Arbeiten vorgeworfen werden, da er seine Erkenntnisse nicht auf empirische Beobachtungen stützt, die von anderen Wissenschaftlern nachvollzogen werden können. Freie Assoziation oder Traumdeutung lassen dies nicht zu (Miller 1993: 149). Weiterhin wird Freud vorgeworfen, die kindliche Sexualität zu stark zu betonen. So schreibt Miller (1993: 152):

‚Ein Großteil der Forschungsarbeiten der letzten zwanzig Jahre zeigt Säuglinge und Kleinkinder als neugierige, intrinsisch motivierte und stimulationsbedürftige soziale Wesen, und nicht als getriebene, angsterfüllte Triebbündel, die nach Affektabfuhr streben. Neuere Forschungen (...) haben bewiesen, dass [sic] selbst Säuglinge weitaus mehr sind als nur ein Es.’

Ein weiterer Punkt, den es aus heutiger Sich zu beachten gilt: Freuds Theorie orientiert sich naturgemäß an den Familienverhältnissen seiner Zeit. Deshalb wird der Mutter und den engs- ten Bezugspersonen in der Familie ein so hoher Stellenwert zugemessen. In Zeiten von Kindertagesstätten, Kernzeitbetreuung, Ganztagsschulen und weiteren modernen gesellschaft- lichen Instanzen muss allerdings auch verstärkt auf nicht-elterliche Bezugspersonen ein- gegangen werden (Hurrelmann/Bründel 2003: 23). Zudem haben sich in den letzten hundert Jahren die elterliche Paarbeziehung als auch die Geschlechterrollen verändert, was einen enormen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes hat. Moderne psychoanalytische Ansätze berücksichtigen dies, indem sie dem Zusammenhang zwischen Paarbeziehung und Eltern- Kind-Beziehung Aufmerksamkeit schenken (ibid.). So werden beispielsweise „Entwicklungs- störungen (...) nicht mehr ausschließlich aus einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung ab- geleitet, wie es noch bei Freud vorherrschend der Fall war, sondern beziehen die Person des Vaters mit ein“ (ibid.). Ein weiteres Manko der ursprünglichen Freudschen Theorie ist, dass sie die Persönlichkeitsentwicklung bereits nach den ersten fünf bis sechs Lebensjahren als quasi abgeschlossen betrachtet. Kritischen Übergangsphasen im Lebenslauf wie die Pubertät, die Wechseljahre oder der Eintritt ins Rentnerleben wird zu wenig Beachtung geschenkt. Ebenso werden besonders kritische Ereignisse in späteren Lebensphasen, die meiner Er- fahrung und Meinung nach einen erheblichen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung haben können, außen vor gelassen.

2. Eriksons Theorie der psychosozialen Entwicklung

Freuds Betonung der frühsten Lebenserfahrungen und Bindungsbeziehungen sind Meilen- steine in der Theoriegeschichte der Persönlichkeitsforschung. Erik Erikson erweitert diesen Ansatz in seinen Schriften der 1980er Jahre (u.a. „Kindheit und Gesellschaft“) zu einem, der Persönlichkeitsentwicklung als einen lebenslangen Prozess darstellt und verstärkt auf Um- welteinflüsse eingeht. Aus der psychosexuellen wird eine psychosoziale Theorie, deren Fokus auf der Ausbildung von Identität liegt. Wie schon bei Freud müssen laut Erikson zur Entwick- lung und Weiterentwicklung der Persönlichkeit bestimmte Konflikte ausgetragen werden, die das soziale Umfeld durch Normen, Werte, Handels- und Denkweisen an das Subjekt heran- trägt (Miller 1993: 157). Diese Bewältigung von ‚Krisen’, und damit auch die Identitätsentwicklung, beginnt schon in der frühen Mutter-Kind-Beziehung und umfasst in acht Phasen das ganze Leben. Innere Reifung als auch sozialer Druck von außen leiten jeweils die nächste Phase ein (Miller 1993: 166).

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Details

Seiten
29
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640565481
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v145737
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Institut für Bildungswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Erziehung Sozialisation Persönlichkeitsentwicklung Grundbedürfnisse von Kindern Freud Erikson Piaget Bronfenbrenner Grundmann Hurrelmann kognitive Entwicklung psychosoziale Entwicklung Entwicklungspsychologie psychosozial psychosexuell sozialökologisch Durkheim

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