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Zur Umfokussierung von „Wahrheit“ bei Friedrich Nietzsche

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 18 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kritik der Logik und Destruktion des Seins

3. Wirklichkeit des Werdens

4. Kritik der Sprache und Grammatik – Destruktion des Subjekts

5. Wirklichkeit des Willens zur Macht

6. Die Umfokussierung von Wahrheit – Denken als Wille zur Macht
6.1 Perspektivismus
6.2 Leiblichkeit

7. Zusammenfassung und Kritik
7.1 Zusammenfassung
7.2 Kritik

Bibliographie
Primärliteratur
Sekundärliteratur

1. Einleitung

Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) übt in seinem Werk radikale Kritik an Religion, Philosophie, Wissenschaft und Moral. Er verwirft alle abendländischen Traditionen des Denkens, der Erkenntnis und der Wahrheit in Verbindung mit einem Appell zu radikaler Umkehr. Dabei ist es mithin schwierig, den erkenntnistheoretischen Kern seiner eigenen Philosophie zu fassen, da dieser vielfach überlagert ist – durch Kulturkritik, durch Psychologie, durch Dichtung – und da er seine Gedankengänge in den seltensten Fällen systematisch-begrifflich ausarbeitet. Hinzu kommt die Schwierigkeit, seine Methodik zu fassen bzw. ihr zu folgen.

Nichtsdestotrotz soll in dieser Arbeit versucht werden, die Erkenntnistheorie Nietzsches in Hinsicht auf den Wahrheitsbegriff näher zu beleuchten. Dabei wird nicht der Anspruch auf Vollständigkeit erhoben, weil im Rahmen der gegeben Zeit einerseits die Lektüre des Gesamtwerks, andererseits im Rahmen des gegeben Raumes eine umfassende Darstellung des Problemfeldes nur schwer möglich ist.

Vielmehr sollen hier wesentliche Aspekte und Tendenzen aufgezeigt werden, um zu verdeutlichen, dass Nietzsche in seinem Werk eine relativistisch-perspektivistisch beschränkte, destruktive Kritik an der traditionellen Metaphysik übt, im Rahmen derer er ihre vernünftigen Grundlagen ebenso in Frage stellt wie ihre kategorialen Bestimmungen und ihre allgemeinen Wahrheiten. Es soll dargstellt werden, dass sein Ziel die Überwindung der Metaphysik und die Offenlegung eines neuen Denkens ist, das zu neuen Wahrheiten führt.

Wichtig scheint in diesem Zusammenhang insbesondere, Nietzsches Verhältnis zu Logik und Sprache bzw. Grammatik offen zu legen, sein Verhältnis zu traditionellen allgemeinen Wahrheiten zu beleuchten und von da ausgehend zu zeigen, auf welchem Weg Nietzsche zu seinem Verständnis von Wahrheit gelangt und wie diese Wahrheit letztlich bestimmt wird.

Diese Arbeit wurde geschrieben unter dem bleibenden Eindruck der Lektüre von Eugen Finks Interpretation der Philosophie Nietzsches[1] im Allgemeinen sowie der Lektüre von Mihailo Djurics Interpretation der Metaphysik-Kritik Nietzsches[2] im

Besondern. Beide Interpretationen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich primär

und eng an den Schriften Nietzsches orientieren, ihre Grundmotive analysieren und von da ausgehend zu aussagekräftigen und unverstellten Auslegungen der Philosophie Nietzsches gelangen.

Da auch diese Arbeit eine möglichst sachliche Analyse des Denkens Nietzsches zum Ziel hat, wird sie sich ebenfalls vorrangig an den Schriften Nietzsches selbst orientieren.

2. Kritik der Logik und Destruktion des Seins

Nietzsche stellt auf seinem Weg der Neubestimmung der Wahrheit zunächst den Wert der Logik für die menschliche Erkenntnis radikal in Frage.

Dabei argumentiert er zunächst genealogisch-naturalistisch, indem er herausstellt, dass die Logik ein Produkt der geschichtlichen Entwicklung des Menschengeschlechts sei, eine biologistisch-pragmatisch begründete Erfindung „kluge[r] Thiere“[3] und nicht ein „ursprüngliche[s] allgemeine[s] Gesetz“[4], das zur Erkenntnis der Wahrheit führe.[5]

Er schmälert den Wert der Logik für die menschliche Erkenntnis weiter, in dem er herausstellt, dass der Zeitpunkt ihrer Erfindung „die hochmüthigste und verlogenste Minute der ‚Weltgeschichte“[6] gewesen sei. Logik hat demnach nach Nietzsche nichts mit der Wirklichkeit gemein, hat keinerlei ontologische Bedeutung und bedeutet vielmehr die Trennung von Denken und Sein als deren Verbindung.[7]

Vernunft, die sich von der Logik leiten lässt, denkt also nicht mehr das Wirkliche, sondern bestenfalls „Fiktion[en]“[8]. Eine eben solche sieht Nietzsche dann auch im Begriff der „wahren Welt“:

„Kritik des Begriffs ‚wahre und scheinbare Welt’ […] von diesen ist die erste bloße Fiktion, aus lauter fingierten Dingen gebildet […] die ‚Scheinbarkeit’ gehört selbst zur Realität: sie ist eine Form ihres Seins“[9].

Damit wird auch das Sein an sich „eine leere Fiktion“[10], was einem radikalen Angriff auf die abendländische Metaphysik gleichkommt. Ihre Annahmen werden hier nicht nur entwertet, sondern faktisch verkehrt.[11] Nach Nietzsche leben wir in „in einer Welt, wo es kein Sein gibt“[12].

Der Fiktion der „wahren Welt“ kommt dabei nach Nietzsche aber durchaus ein Nutzwert zu[13] ; dieser bestimmt sich allerdings allein biologistisch und pragmatisch und zwar als „Existenz-Bedingung“[14] des Menschen, dadurch, dass die Logik den Menschen dazu befähige, diese Welt zu bewohnen, sich auf ihr einzurichten[15] bzw. überhaupt „um leben zu können“[16], indem er sich „durch den Schein […] eine gewisse berechenbare Welt identischer Fälle“[17] und dadurch Sicherheit vor der „Gefährlichkeit des Willkürlichen“[18] schafft:

„In der Bildung […] der Logik […] ist das Bedürfniß maßgebend gewesen: das Bedürfniß, nicht zu ‚erkennen’, sondern zu subsumieren, zu schematisieren, zum Zweck der Verständigung, der Berechnung“[19].

Die Logik war damit nach Nietzsche nie als Mittel zur Erkenntnis der Wahrheit gedacht: „Die Logik war als Erleichterung gemeint […] – nicht als Wahrheit“[20].

Alle logisch-ontologischen „Wahrheiten“ bzw. Bestimmungen sind für Nietzsche demnach (lebensnotwendige) Irrtümer:

„Wahrheit ist die Art von Irrthum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte“[21].

Logik kann damit nicht mehr als Maßstab, sondern nur noch als Mittel des Lebens verstanden werden.[22]

3. Wirklichkeit des Werdens

Doch Nietzsche kritisierte nicht einfach die metaphysische Auffassung eines Seins an sich bzw. die Fiktion einer wahren Welt, sondern stellt ihr eine eigene Weltkonzeption gegenüber[23]:

„Hier fehlt der Gegensatz einer wahren und scheinbaren Welt: es giebt nur Eine Welt“[24] – die scheinbare[25].

Diese Welt ist „Werden“[26], ist „Vielheit und Veränderung“[27], „sie wird, sie vergeht, aber sie hat nie angefangen zu werden und nie aufgehört zu vergehen“[28]:

„Sie existiert nicht als Welt ‚an sich’ […] Sie ist essentiell Relations-Welt: sie hat, unter Umständen, von jedem Punkt aus ihr verschiedenes Gesicht“[29].

Sie ist damit „eine zurechtgemachte“[30] Welt, über deren Wesen nichts ausgesagt werden kann, weil wir „kein Organon der Erkenntnis für sie“[31] haben und „Denken […] keinen Griff auf Reales [hat]“[32] . Auch demnach muss ein Denken, das versucht, das Sein zu fassen, wo es kein Sein gibt, notwendig fiktiv sein.[33] Der Schein gehört somit zur Realität, ist nach Nietzsche gar „Form ihres Seins“[34].

[...]


[1] Vgl. Fink, 1979.

[2] Vgl. Djuric, 1985.

[3] KSA, Bd. 1, S. 875. Die für Nietzsches Zeit typischen, vom heutigen Sprachgebrauch, insbesondere in orthographischer Hinsicht, abweichenden Besonderheiten seines Schreibstils werden in diesem und in allen folgenden Zitaten stillschweigend beibehalten.

[4] KSA, Bd. 2, S. 39.

[5] Vgl. Djuric, 1985, S. 17ff.

[6] KSA, Bd. 1, S. 875.

[7] Vgl. Djuric, 1985, S. 19f.; vgl. Ruffing, 2008, S. 98, S. 105.

[8] KSA, Bd. 13, S. 332; KSA, Bd. 6, S. 75.

[9] KSA, Bd. 13, S. 271f.

[10] KSA, Bd. 6, S. 75.

[11] Vgl. Kapitel 3. dieser Arbeit.

[12] KSA, Bd. 13, S. 271. Vgl. Kapitel 3. dieser Arbeit.

[13] Vgl. Djurich, 1985, S. 32ff.; vgl. Ruffing, 2008, S.98.

[14] KSA, Bd. 11, S. 183.

[15] KSA, Bd. 13, S. 336.

[16] KSA, Bd. 13, S. 281.

[17] KSA, Bd. 13, S. 271.

[18] KSA, Bd. 12, S. 187.

[19] KSA, Bd. 13, S. 334.

[20] KSA, Bd. 13, S. 536.

[21] KSA, Bd. 11, S. 506.

[22] Vgl. Djuric, 1985, S. 35.

[23] Wie Fink überzeugend darlegt, bleibt Nietzsche mit seiner Konzeption der Welt im Sinne eines Werdens bzw. im Sinne des Willens zur Macht der Metaphysik verhaftet. Vgl. Fink, 1979, S. 182ff. Vgl. Kapitel 5., Kapitel 7.2 dieser Arbeit.

[24] KSA, Bd. 13, S. 193.

[25] Vgl. KSA, Bd. 13, S. 271.

[26] KSA, Bd. 6, S. 74.

[27] KSA, Bd. 6, S. 75.

[28] KSA, Bd. 13, S. 374.

[29] KSA, Bd. 13, S. 271.

[30] KSA, Bd. 13, S. 271.

[31] KSA, Bd. 13, S. 280.

[32] KSA, Bd. 13, S. 332.

[33] Vgl. Djuric, 1985, S. 36.

[34] KSA, Bd. 13, S. 271. Nietzsche charakterisiert hier (wie auch hinsichtlich seiner Konzeption vom Willen zur Macht; Vgl. Kapitel 5. dieser Arbeit) selbst ein Sein, obwohl er dessen Erkennbarkeit bestreitet; er denkt eine Realität, deren Denkbarkeit er selbst in Frage stellt. Inwiefern er diese, seine Einsicht in das Wesen der Realität begründet, bleibt unterdessen offen. Im Rahmen seiner Wahrheitskonzeption (Vgl. Kapitel 6. dieser Arbeit) ist es allerdings nur konsequent, dass er hier auf eine rationale Herleitung seines Wirklichkeitskonzeptes verzichtet.

Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640559688
ISBN (Buch)
9783640560042
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v145729
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,0
Schlagworte
Umfokussierung Friedrich Nietzsche

Autor

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