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Original und Neuverfilmung von "Cape Fear". Eine Betrachtung zum Thema Gewalt

Hausarbeit (Hauptseminar) 1998 21 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsvearzeichnis

1. Einleitung

2. Original und Neuverfilmung
2.1. Inhalt
2.2. Filmische Umsetzung

3. Die Hauptcharaktere
3.1. Der Eindringling
3.2. Die Familie

4. Die Gewalt

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Setzt man sich mit Thomsons „Cape Fear – Ein Köder für die Bestie“ aus dem Jahre 1961 und Scorseses „Cape Fear – Kap der Angst“ von 1991 auseinander, so fällt auf, Dass Original und Neuverfilmung mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten aufweisen. Während Inhalt, Handlungs- und Spannungsaufbau sowie filmische Umsetzung Parallelen zeigen, so weichen beide Werke sowohl in der Zeichnung der Hauptcharaktere als auch in der Darstellung und Interpretation des Themas Gewalt stark voneinander ab. Auf eben diese Abweichungen konzentriert sich die folgende Arbeit.

Thompson rückt die Darstellung einer Jagd in den Mittelpunkt seines Films. Für ihn ist Gewalt, sowohl psychische als auch physische, das Mittel, um diese Jagd zu inszenieren. Scorsese hingegen dient die Gewalt als reinigendes, fast religiöses Element. Erstellt die Frage nach Schuld und Sühne. Für ihn ist Gewalt das Mittel, einer „letzten Wahrheit“ näher zu kommen.

Der erste Teil dieser Arbeit beleuchtet Gemeinsamkeiten und Unterschiede bezüglich der o.a. Punkte Aufbau und Umsetzung. Im Folgenden wird auf die Darstellung der Hauptpersonen eingegangen, während schließlich die Aspekte von Gewalt analysiert werden.

2. Original und Neuverfilmung

2.1. Inhalt

Sowohl „Ein Köder für die Bestie2 des Regisseurs j. Lee Thompson, als auch „Kap der Angst“ von Martin Scorsese sind Vertreter des Thrillergenres. Das Original von 1961 vertritt hierbei die klassische Linie des Suspense – Thrillers, während das Remake darüber hinaus um Horrorelemente angereichert ist.

Scorsese und sein Drehbuchautor Wesley Strick[1] halten sich sehr eng an das Drehbuch von „Ein Köder für die Bestie“, welches James R. Webb verfasst hat und auf die Romanvorlage „The Executioners“ von John D. MacDonald zurückgeht[2].

In dem Film von 1961 sieht sich der Anwalt Sam Bowden mit dem Gewaltverbrecher Cady konfrontiert, den er vor acht Jahren durch seine Zeugenaussage ins Gefängnis gebracht hat. Durch Cadys Präsenz und dessen Anspielungen gerät der Anwalt in Furcht und Panik, die Idylle in der er mit Frau und Tochter lebt, scheint in Gefahr. Die Familie mobilisiert die ihnen befreundete Polizei um Cady das Leben in ihrer Kleinstadt unerträglich zu machen. Als das nichts nützt, hetzt ihm Bowden zur Einschüchterung einige Schläger auf den hals. Daraufhin wird der Anwalt vor ein berufliches Ehrengericht zitiert. Einziger Ausweg scheint nunmehr die Liquidierung des Verbrechers. So benutzt er Frau und Kind als Köder, um Cady anzulocken und schließlich dingfest zu machen.

Dreißig Jahre später hat Scorsese an der Handlung nicht viel modifiziert. Aus dem zeugen Bowden ist der Pflichtverteidiger von Cady geworden. Bowden hat bei dessen Verhandlung Entlastungsmaterial unterschlagen, woraufhin Cady vierzehn Jahre ins Gefängnis geschickt wurde. Nun ist er seinem Anwalt in dessen Heimatstädtchen gefolgt, um sich an ihm zu rächen. Wieder kann keiner Bowden gegen Cady auf bloßen verdacht hin helfen, wieder wird Selbstjustiz geübt, um dem Terror des Eindringlings ein Ende zu bereiten.

Beide Filme folgen vordergründig einem klassischen Spannungsaufbau. Ein angesehener Anwalt und Familienvater sieht sein leben in einer Kleinstadt von einem Mann aus seiner Vergangenheit bedroht. Dieser Eindringling macht den Anwalt für seinen langjährigen Gefängnisaufenthalt verantwortlich und überzieht die Familie mit Psychoterror. Auf sich selbst angewiesen, sieht sich der Anwalt gezwungen, Frau und Kind als Lockvögel zu benutzen, um den Peiniger unschädlich zu machen.

In Thompsons Film ist die Linie zwischen Gut und Böse sehr genau gezogen. Die Angst des Normalbürgers vor dem „Verdrängtem“ wird zum Thema gemacht. Die Familie der Sam Bowden vorsteht, scheint geradewegs einem Kleinstadtepos des Amerikas der fünfziger Jahre entsprungen. Diese Leute, so muss angenommen werden, verteidigen zu Recht ihr privates Glück gegen die Bedrohung durch einen gesellschaftlichen Außenseiter. Der Film suggeriert, dass die gesetzlichen Mittel der Strafverfolgung nicht wirksam genug sind. Damit das Gesetz gegen den Ex-Sträfling überhaupt vorgehen kann, muss Bowden seine Familie als Köder auslegen. Trotz aller Gefahr, die von Cady ausgeht. Der Regisseur inszeniert eine spannungsgeladene Jagd, in deren Verlauf Jäger und Beute die Rollen tauschen.

Obwohl die Sympathien klar verteilt sind, weist die Geschichte einige Unstimmigkeiten auf. Bowden, der sich im Recht weiß, gerät in Panik, als sich ihm ein Mann nähert, den er vor Jahren durch seine Zeugenaussage ins Gefängnis brachte. Er begeht eine Kurzschlusshandlung nach der anderen und bedient sich schließlich illegaler Mittel, die seinen Widersacher auf das herausfordern müssen. Diese Handlungsweise findet aber ihre Rechtfertigung, als der Feind zum Angriff übergeht. Es wird nicht die Frage gestellt, ob dieser Feind von Anfang an angreifen wollte oder erst durch die Provokationen den Plan dazu fasste. Argumente für die unabänderlich Bosheit Cadys werden nur zögernd vorgebracht, ihm wird keine Chance zu Gutsein zuerkannt – er ist die Bestie schlechthin[3].

Scorsese nimmt am Drehbuch von Wesley Strick eine bedeutsame Änderung vor und bricht damit das klare Schema von Gut und Böse des Originals auf. Bowden hat als Pflichtverteidiger dessen Verurteilung bewusst herbeigeführt, indem er seinerzeit entlastendes Beweismaterial zurückgehalten hat. Cadys verlangen nach Rache ist also nicht unbegründet. Auch die sorgsam aufgebaute Fassade von Bowdens Leben ist nur vordergründig untadelig. Dahinter herrscht eine Atmosphäre von Streit, betrug und Unterdrückung. Eben diese Atmosphäre ist der Nährboden für das, was man dem Außenseiter schnell und bequem anlastet: Gewalt. Doch kommt der feind nicht von außen, er steckt in einem selbst. Der Film arbeitet an der Aufspaltung moralisch eindeutiger Fronten. Wer ist Täter, wer Opfer? Wer richtet wen? Indem Bowden zur Gewalt greift, bröckelt seine Fassade. Er, der vermeintlich gerechte, wird sich seiner Schuld bewusst. Erst das Böse, die Gewalt bringt die Wahrheit zum Vorschein.

2.2. Filmische Umsetzung

„Ein Köder für die Bestie“ verzichtet weitgehend auf Spannung von außen, auf spektakuläre Action. Der Film erinnert an ein schweres, düsteres Psychodrama. Gewalt wird nur angedeutet, nicht vollendet dargestellt. Der finale Zweikampf zwischen Bowden und Cady bildet die Ausnahme. Das in Schwarzweiß gedrehte Original erreicht seine Atmosphäre aus Bedrohung, Angst und Ungewissheit durch geschicktes Verknüpfen von Licht und Schatten. Licht - und Sonnendurchflutete Schauplätze wechseln sich mit dunklen Räumen und Nachtszenen ab. Auch die Protagonisten, gleich ob Böse oder Gut, werden sowohl in vollem Licht, als auch im Halbdunkel gezeigt. Geradezu genretypisch unterstreicht die Musik von Bernard Herrmann diese Stimmungen. Unheilvoll drängende, grelle Streicher begleiten jeden weiteren Akt des Psychoterrors, mit dem Cady die Familie von Bowden in tiefere Panik stürzt. Die Musik dient als treibendes, die gefahrdrohende Atmosphäre pointierendes Element.

Insbesondere durch die Inszenierung des Max Cady gelingt es Thompson, dem Zuschauer zu vermitteln, er wäre Zeuge einer tödlichen Jagd. Cadys Charakter ist zielgerichtet, rau bis rüde jedoch von beachtlicher Intelligenz und Tücke. Dies sind Eigenschaften die man gleichfalls einem Raubtier zuordnen könnte. Die körperliche Präsenz eines Robert Mitchum als Cady unterstreicht dies perfekt, zumal er häufig mit nacktem Oberkörper gezeigt wird. Der durchtrainierte Körper, gepaart mit einer nahezu greifbaren Furcht - und Skrupellosigkeit lassen den Eindringling schon äußerlich zur Bedrohung werden. Die Kameraführung verstärkt diesen Eindruck durch die häufige Verwendung von Untersichten auf Mitchum. So erscheint er noch mächtiger und größer.

Als Cady und seine Bekanntschaft Diane aufs Hotelzimmer gehen und sich eine Liebesszene anbahnt, wird überdeutlich welche Charakterzüge Thompson seinem Cady verleiht. Während sie bäuchlings auf dem Bett liegt, erscheint Max mit nackter Brust im Halbdunkel aus der Untersicht fotografiert. Er schleicht gleich einer Raubkatze um das Bett, zeigt seine Muskeln, atmet schwer. Es scheint als wolle er sich gegen seinen Instinkt, gegen seine Gewaltphantasien wehren. Er ballt seine Fäuste, sein Gesicht wirkt brutal, seine Augen kalt. Die Gitter des Bettrahmens wirken wie ein Käfig. Diane schließt die Augen, sie scheint zu ahnen was passieren wird. Sie unternimmt einen Fluchtversuch, doch hat sie gegen Cady keine Chance. Die nächste Szene zeigt die misshandelte Diane, die vor Entsetzen und Furcht vollkommen verstört ist. Cady ist weg. Das Tier hat zugeschlagen und in die Nacht verschwunden. Gewalt wird nicht gezeigt, alleine durch beschriebene Sequenz erreicht der Regisseur, dass der Zuschauer die Gefährlichkeit Cadys einzuschätzen weiß.

Der Eindruck, es mit einem Raubtier zu tun zu haben, wird auch noch durch andere Einstellungen verstärkt. Immer wieder wird Cady in zum Teil extremer Untersicht gezeigt um seine Übermacht zu verdeutlichen. Seine Gesichtszüge erscheinen im Halbdunkel fratzenartig. Als er sich dem Hausboot nähert lässt er sich wie ein Krokodil ins Wasser gleiten, lautlos auf der Jagd nach seiner Beute.

Auch das Motiv der Gitterstäbe erscheint nochmals, als Cady Tochter Nancy auf dem Schulhof beobachtet. Das Gitter symbolisiert zweierlei. Da ist zum einen das Tier. Noch ist es nicht losgelassen auf die Beute, doch hat es Witterung aufgenommen. Zum anderen findet sich Bowden und seine Familie in einem Käfig aus Furcht und Angst wieder, aus dem es nur einen vermeintlichen Ausweg gibt.

[...]


[1] Vgl. Filmjahrbuch, 1993, S. 167

[2] vgl. Filmkritik, 1962, S. 481

[3] vgl. Evangelischer Film – Beobachter, 1962, S. 104

Details

Seiten
21
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638199216
ISBN (Buch)
9783656911609
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14556
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Filmwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Cape Fear Original Neuverfilmung Eine Betrachtung Thema Gewalt Wahn Film

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