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Ursachen und Wirkungen religiös motivierter Esstabus

Hausarbeit 2009 22 Seiten

Soziologie - Religion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Werte und Normen

3 Religiös motivierte Esstabus und ihre Ursachen
3.1 Esstabus im Christentum
3.2 Esstabus im Judentum
3.3 Esstabus im Islam

4 Ursachen der Esstabus
4.1 Die rationalistische Theorie
4.2 Die funktionale Theorie
4.3 Die strukturalistische Theorie
4.4 Die kommunikationstheoretische Theorie
4.5 Macht als Entstehungsmöglichkeit von Esstabus

5 Wirkungen der Esstabus
5.1 Esstabus schaffen erwartbares Verhalten:
5.2 Esstabus schaffen Identität
5.3 Esstabus stiften Gemeinschaft
5.4 Esstabus verbinden die Menschen mit Religion

6 Wertewandel
6.1 Von der Erfindung einer neuen Religion

7 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Ehrenwörtliche Erklärung

1 Einleitung

Der Mensch ist ausgestattet mit dem Gebiss eines Pflanzenfressers und mit den Verdauungsmög- lichkeiten eines Fleischfressers. Von Zellulose und Mineralölprodukten abgesehen, ist theoretisch alles mögliche Nahrungsquelle.1 Warum nun begrenzt der Mensch die ihm von der Natur gegebe- ne biologische Weltoffenheit durch kulturelle Ernährungsrichtlinien und selbst auferlegte Essta- bus? Welchen Beitrag leistet die Religion hierzu - und welche Esstabus gelten in der westlichen Welt, die hauptsächlich durch Christentum, Judentum und Islam geprägt wird? Welche Folgen hat die Abwendung der Menschen von der Religion auf das Essverhalten? Ersetzt der Mensch die weggefallenen Normen und genießt die neue Freiheit oder errichtet er neue Grenzen? Welche sind das und wie verändert ihre Existenz die moderne westliche Welt? All diese Fragen möchte die vorliegende Arbeit beantworten. Sie zeichnet eine Entwicklung nach und gibt im Fazit einen Ausblick darauf, welche Folgen diese auf eine westliche Gesellschaft haben kann. Denn im Verlauf der Menschheitsgeschichte gab es schon immer Esstabus. Es waren nur die Legitimierungen, die sich änderten. Erst war es die Biologie, die vor scheinbar nicht Essbarem warnte. Später löste die Religion diese Begründungen ab. Heute schließlich definieren die Natur- und Ernährungswissenschaften, was die Menschheit isst und was nicht.2

2 Werte und Normen

Werte sind grundlegende Vorstellungen einer wünschenswerten, idealen und angestrebten Lebensführung. Diese Vorstellungen können bewusst oder unbewusst das Handeln der Individuen beeinflussen.3 Sie schränken damit die dem Menschen im Grunde unbegrenzte Vielfalt an Handlungsmöglichkeiten ein4 und bilden so gemäß dem anthropologischen Entstehungsmodell eine Art „gesellschaftlichen Instinktersatz“.5

Werte bilden die zentralen Elemente einer Kultur und definieren generelle Handlungsstandards, anhand denen sich die Mitglieder einer Gesellschaft orientieren sollen. Dies bringt eine massive Entlastungsfunktion für die handelnden Individuen mit sich, weil die Entscheidung scheinbar nie in der Verantwortung des Handelnden liegt.6 Zwar bilden Werte keinen expliziten Handlungskatalog, an dem sich die Menschen orientieren können,7 die Werte werden allerdings in Normen umgedeutet, die Handlungsweisen mehr oder weniger verbindlich in gebotene und verbotene einteilen.8 Hierbei müssen Muss-Normen wie Gesetze, Soll-Normen wie Sitten und Kann-Normen wie Bräuche und Gewohnheiten unterschieden werden.9

Normen werden im Rahmen der Sozialisation erlernt10 und somit immer wieder an die nächste Generation weitergegeben. Ziel hierbei ist, von außen auferlegte Ansprüche zu Erwartungen zu transformieren, die das Individuum wie selbstverständlich an sich selbst stellt.11 Die Folge ist eine Erfüllung dieser Ansprüche, ohne sie zu reflektieren.12

Die Funktion von Normen liegt im Herstellen von regelmäßig wiederkehrendem und erwartbarem Verhalten Einzelner. Denn nur wenn das Umfeld eines Menschen auf diese Weise agiert, ist der Mensch selbst dazu in der Lage, konsistent zu handeln und soziale Beziehungen zu knüpfen.13 Somit sind Normen einerseits Verhaltensregeln, sie definieren aber andererseits auch die soziale Bewertung eines bestimmten Verhaltens und fordern dieses ein. Ebenso sind Normen als die beobachtbare Gleichförmigkeit des Verhaltens definierbar.14

Einerseits erfahren Normen durch emotionale Aufladung Verbindlichkeit. Dem Individuum wird vermittelt, dass die Befolgung einem höheren Sinn dient. Dies ist beispielsweise bei den religiösen Essvorschriften der Fall,15 die kommunizieren, dass der Gläubige mit der rechten Nahrungsauswahl seinem Gott Ehre, Respekt und einen guten Dienst erweist.16

Die Einhaltung von Normen ist andererseits durch Sanktionen abgesichert. Diese sind Reaktionen der Gesellschaft auf abweichendes aber auch auf normkonformes Verhalten. In diesem Sinne müs- sen positive Sanktionen, die normkonformes Verhalten belohnen sollen, von negativen unterschie- den werden. Letztere sollen demonstrieren, dass eine Verhaltensabweichung von der Gesellschaft nicht hingenommen wird. Diese Reaktion des Umfelds verstärkt die Geltung der Norm. Unter- schieden wird zudem in formelle und informelle Normen. Bei formellen Normen wie Gesetzen ist eindeutig festgelegt, wer wie auf abweichendes Verhalten reagiert. Bei Verstößen gegen informel- le Normen reagiert der vom abweichenden Verhalten direkt Betroffene.17 Negative Sanktionen wie Angst, Scham und Schuldgefühle sind Reaktionen, die ein Mensch bei Übertreten eines absoluten Verbotes zeigt. Diese strengste Normart wird als Tabu bezeichnet.18 Welche Ursachen und beson- ders welche Auswirkungen solche Tabus auf die Gesellschaft haben, lässt sich besonders gut an den Esstabus der Religionen zeigen.

Religion nach Tönnies meint „Gemeinschaft des Geistes“, und wird definiert als „Freundschaft aus geteilter Gesinnung“.19 Zentral für die weitere Definition des Begriffs Religion sind drei Sichtweisen:20 Erstens kann Religion bezogen werden auf den religionswissenschaftlichen Begriff des Heiligen. In diesem Zusammenhang steht Religion für Riten und Einrichtungen, durch die sich die Menschen einer Wirklichkeit versichern, die außerhalb ihres Alltages existiert. Zweitens kann Religion nach dem funktionalistischen Religionsbegriff sein, was der normativen Integration der Individuen in eine Gesellschaft dient. Weiter kann Religion als der Teil einer Kultur betrachtet werden, der das zentrale Sinnsystem einer Gesellschaft stellt und damit Identität und Bedeutung stiftet.21

3 Religiös motivierte Esstabus und ihre Ursachen

3.1 Esstabus im Christentum

Auch wenn die Bibel als ältester Nahrungsmittelführer der Welt gelesen werden kann,22 schreibt das Christentum keine ausdrücklichen Esstabus vor. Vielmehr verbot die katholische Kirche ihren Mitgliedern im Mittelalter Tiere, die sie als unrein erachtete. Unter diese Klassifizierung fielen beispielsweise Pferde, aber auch Tiere, die getötet worden waren, ohne zuvor auszubluten.23 Als unrein galten ebenso Tiere, die sich von Fleisch oder Aas ernährten. Gemeint waren einerseits Vögel wie Geier, Strauß oder Storch,24 aber auch alle anderen Raubtiere.

Im Christentum besonders präsent sind Fastenzeiten.25 Der Kirchenkalender hatte lange Zeit einen enormen Einfluss auf die Ernährungsweise der Menschen: An insgesamt 70 Tagen im Jahr war die Nahrungsmittelwahl eingeschränkt. Während der 46 Tage dauernden Fastenzeit vor Ostern bei- spielsweise waren Eier, tierische Fette, Fleisch und Milchprodukte untersagt. Während des Ad- ventsfastens vom 11. November bis Weihnachten durfte nur einmal am Tag etwas gegessen wer- den26 Allerdings betrieben Christen zu allen Zeiten einen enormen Aufwand, um die religiösen Nahrungsvorschriften zu umgehen. Im Rahmen der Reformation wurden aus Verboten, die der Klerus zuvor durch Strafen durchzusetzen versuchte, Richtlinien, da sich nach Ansicht der Reformer ein guter Christ durch seinen Glauben, nicht durch seine Speisenauswahl definiere.27

3.2 Esstabus im Judentum

Juden ist es verboten, unkoschere Nahrungsmittel zu sich zu nehmen. Koscher bedeutet „tauglich“ und meint, die nach den Religionsschriften Bibel, Talmud und Mischna erlaubten Lebensmittel.28 Nur koschere Lebensmittel gelten als rein.29 Hierbei muss beachtet werden, dass kein Tier geges- sen werden darf, das gequält oder auf qualvolle Weise getötet wurde. Werden Tiere geschlachtet, müssen sie geschächtet werden, denn der Verzehr von Blut ist untersagt. Als koscher gelten Tiere, die gespaltene Klauen haben und wiederkäuen. Damit werden Schafe, Ziegen und Rinder favori- siert. Nach dieser Definition sind Tiere wie Schweine, Pferde, Katzen, Hunde, Nager und Reptili- en auf dem Speiseplan verboten.30 Ebenso ist rohes Fleisch strengstens untersagt.31

3.3 Esstabus im Islam

Die wenigen Nahrungsmittelverbote, die dem Islam eigen sind, unterscheiden sich von Land zu Land und je nach Richtung der Religion. Nur wenige Verbote gelten für alle Gläubigen.32 Muslime dürfen ausschließlich Fleisch rituell geschlachteter Tiere zu sich nehmen. Das bedeutet, dass ein Tier unter allen Umständen geschächtet werden muss. Dabei wird es gen Mekka gehalten und während es ausblutet, wird Gott angerufen.33 Das wohl bekannteste Nahrungsmitteltabu im Is- lam ist das Verbot von Schweinefleisch. Es wird als unrein angesehen. Muslimen ist zudem der Alkohol verboten.34

Im Fastenmonat Ramadan ist es verboten, zwischen Morgengrauen und Sonnenuntergang etwas zu sich zu nehmen. Nur abends und nachts darf gegessen und getrunken werden. Jedoch verzehren Muslime in dieser Zeit nur spezielle Speisen, die ausschließlich im Fastenmonat zubereitet wer- den.35

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1 Koch, Heidemarie: „Körner, Knollen, Brot und Wein - Die Geschichte unserer Esskulturen“, 2006, Seite 22.

2 Kaufmann, Jean-Claude: „Kochende Leidenschaft - Soziologie vom Kochen und Essen“, 2006, Seite 27.

3 Schäfers, Bernhard, u.a.: „Grundbegriffe der Soziologie“, 2006, Seite 352.

4 Schäfers, Bernhard: „Soziales Handeln und seine Grundlagen: Normen, Werte, Sinn“, in Korte Hermann; Schäfers Bernhard (Hg.): „Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie“, 2000, Seite 30.

5 Schäfers, Bernhard, u.a.: „Grundbegriffe der Soziologie“, 2006, Seite 215.

6 Ebenda, Seite 352.

7 Ebenda, Seite 353.

8 Ebenda, Seite 213.

9 Schäfers, Bernhard: „Soziales Handeln und seine Grundlagen: Normen, Werte, Sinn“, in Korte Hermann; Schäfers Bernhard (Hg.): „Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie“, 2000, Seite 30.

10 Schäfers, Bernhard, u.a.: „Grundbegriffe der Soziologie“, 2006, Seite 213.

11 Schäfers, Bernhard: „Soziales Handeln und seine Grundlagen: Normen, Werte, Sinn“, in Korte Hermann; Schäfers Bernhard (Hg.): „Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie“, 2000, Seite 31.

12 Popitz, Heinrich: „Soziale Normen“, 2006, Seite 73.

13 Schäfers, Bernhard, u.a.: „Grundbegriffe der Soziologie“, 2006, Seite 213.

14 Fuchs-Heinritz, Werner, u.a.: „Lexikon zur Soziologie“, 2007, Seite 460.

15 Schäfers, Bernhard: „Soziales Handeln und seine Grundlagen: Normen, Werte, Sinn“, in Korte Hermann; Schäfers Bernhard (Hg.): „Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie“, 2000, Seite 36.

16 Koch, Heidemarie: „Körner, Knollen, Brot und Wein - Die Geschichte unserer Esskulturen“, 2006, Seite 6.

17 Fuchs-Heinritz, Werner, u.a.: „Lexikon zur Soziologie“, 2007, Seite 569.

18 Schäfers, Bernhard, u.a.: „Grundbegriffe der Soziologie“, 2006, Seite 215.

19 Tönnies, Ferdinand, 1991, in Farzin, Sina und Jordan Stefan (Hg.): „Lexikon zur Soziologie und Sozialtheorie - Hundert Grundbegriffe“, 2008, Seite 77.

20 Schäfers, Bernhard, u.a.: „Grundbegriffe der Soziologie“, 2006, Seite 235.

21 Ebenda, Seite 237.

22 Kaufmann, Jean-Claude: „Kochende Leidenschaft - Soziologie vom Kochen und Essen“, 2006, Seite 18.

23 Koch, Heidemarie: „Körner, Knollen, Brot und Wein - Die Geschichte unserer Esskulturen“, 2006, Seite 10.

24 Thompson, John A.: „Hirten, Händler und Propheten“, 1992, Seite 156.

25 Schulze, Gerhard: „Die Sünde - Das schöne Leben und seine Feinde“, 2006, Seite 23.

26 Koch, Heidemarie: „Körner, Knollen, Brot und Wein - Die Geschichte unserer Esskulturen“, 2006, Seite 27.

27 Barlösius, Eva: „Soziologie des Essens“, 1999, Seite 106f.

28 Koch, Heidemarie: „Körner, Knollen, Brot und Wein - Die Geschichte unserer Esskulturen“, 2006, Seite 11.

29 Barlösius, Eva: „Soziologie des Essens“, 1999, Seite 99.

30 Koch, Heidemarie: „Körner, Knollen, Brot und Wein - Die Geschichte unserer Esskulturen“, 2006, Seite 12.

31 Thompson, John A.: „Hirten, Händler und Propheten“, 1992, Seite 156.

32 Koch, Heidemarie: „Körner, Knollen, Brot und Wein - Die Geschichte unserer Esskulturen“, 2006, Seite 13.

33 Ebenda, Seite 13f.

34 Ebenda, Seite 14.

35 Ebenda, Seite 28.

Details

Seiten
22
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640558308
ISBN (Buch)
9783640558643
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v145486
Institution / Hochschule
Hochschule Darmstadt
Note
1,3
Schlagworte
Esstabus Ursachen Wirkungen

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