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Leseprobe

In diesem Essay soll untersucht werden, wie das Lutherbild am Beginn der DDR war und auf welche Weise es sich bis zum Reformationsjubiläum von 1983 entwickelt und verändert hat.

Die Sicht der DDR-Geschichtswissenschaft bis zum Ende der 50er Jahre

Am Anfang stand eine fast ausschließlich negative Bewertung Martin Luthers in der Zeit der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung nach dem 2. Weltkrieg.

Danach folgte eine verstärkte Hinwendung zu Reformation und Bauernkrieg, die sich nach Haun[1] aus der politisch-gesellschaftlichen Situation der beginnenden fünfziger Jahre ergibt. Das Ringen um die antiimperalistisch-demokratische Erneuerung der Existenzgrundlagen der deutschen Nation sowie der Kampf gegen die Pläne des Imperialismus zur Vollendung der Spaltung Deutschlands weckten das Interesse an der ersten nationalen Bewegung des deutschen Volkes. Sie rückten die nationale, gegen die Papstkirche gerichtete antirömische Reformationsbewegung und die Klassenschlachten der Bauern um soziale und nationale Befreiung stärker ins Blickfeld der Geschichtsforschung.

Die Führung der DDR versuchte, nun ihre Sicht auf die deutsche Geschichte zu erweitern.

Kopp[2] nennt diese Änderung eine „zwecknationale Geschichtsschau“, während Foschepoth[3] von einer national-materialistischen Betrachtungsweise spricht.

Inhaltlich folgerichtig lag der Schwerpunkt bis Mitte der sechziger Jahre auf der positiven Bewertung des Bauernkrieges und der historischen Gestalt Müntzers.

Der Bauernkrieg wurde zur Konsequenz und zum Höhepunkt des Ringens um die nationale Einheit.

Luther wurde inhaltlich-ideologisch identifiziert mit dem negativ besetzten Begriff „Fürstenreformation“, der die „Volksreformation“ von Müntzer als positives Reformationsverständnis entgegengestellt wurde.

Ab 1952 sprach man dann in Anlehnung an Erkenntnisse sowjetischer Historiker(M.M. Smirin) von frühbürgerlicher Revolution.

Im Oktober 1952 wurde auf der Tagung des Wissenschaftlichen Rates des Museums für deutsche Geschichte vor allem von Kurt Hager und Jürgen Kuczynski auf Luthers Bedeutung für die nationale Erziehung und die Schaffung eines Nationalbewusstseins hingewiesen.

Man begann zu dieser Zeit, zwei Seiten Luthers zu unterscheiden, nämlich seine fortschrittlich nationale Rolle in der ersten Periode seiner Wirksamkeit als auch seine nachfolgende reaktionäre Rolle im weiteren Verlauf seiner Wirkung.

Luther wurde inhaltlich-ideologisch weiterhin als Repräsentant des Bürgertums dargestellt, während Müntzer im Range eines Verfechters der Interessen des Volkes gesehen wurde.

Luther und die Frühbürgerliche Revolution

Obwohl bis in die Mitte der sechziger Jahre eine negative Lutherdeutung vorherrschte, war dies in der DDR-Geschichtswissenschaft nicht mehr die alleinige Tendenz.

Günter Vogler[4] brachte 1962 die frühbürgerliche Revolution mit einer auf nationale Einheit abzielenden Politik in Verbindung.

Außerdem stellte sich die SED um 1960, zumindest programmatisch , liberaler zur Kirche dar.

Man vertrat die Zwei-Linien-Theorie in de deutschen Geschichte mit einer weiteren Akzentuierung der Zweistaatlichkeit. In dieser Periodisierungsdefinition war Luther eine mittelalterliche Persönlichkeit, während der ideologische Schwerpunkt eindeutig beim Bauernkrieg und der historischen Gestalt Müntzers lag.

Im Jahre 1960 tagte in Wernigerode die deutsche Historikergesellschaft zum Thema „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland (1476-1535)“.

Dabei waren vor allem die 34 Thesen von Max Steinmetz von großer Bedeutung, die u.a. darauf hinwiesen, dass die frühbürgerliche Revolution einen prozessualen Verlauf habe.

[...]


[1] Haun, Horst: Die Diskussion über Reformation und Bauernkrieg in der DDR-Geschichtswissenschaft 1952-1954. In. ZfG, Nr. 1 (1982)

[2] Kopp, F.: Das Lutherbild der SED. In: Beiträge zur Konfliktforschung, Nr. 2(1983)

[3] Foschepoth, J.: Reformation und Bauernkrieg im Geschichtsbild der DDR. In: Historische Forschungen, Band 1o, Berlin 1976, S. 150

[4] Vogler, Günter: Perspektiven der deutschen Nationalentwicklung beim Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus. In: ZfG, Sonderheft 1962, S. 348.

Details

Seiten
7
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640725496
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v145373
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – IInstitut für Geschichtswissenschaften
Note
1,3,
Schlagworte
Luther-Renaissance

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Titel: Die Luther-Renaissance