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Die Ursachen der US-Bankenkrise 1930

Seminararbeit 2010 21 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ansätze zur Erklärung der Krise – Ein Überblick
2.1 Die Bankenkrise als autonome Störung – Friedman/ Schwartz und Wicker
2.2 Die Krise als Folge der Depression - Temin
2.3 White’s „Reinterpretation“
2.4 Die „Marktbereinigungs-Hypothese“

3 Empirische Evidenzen
3.1 Die „White-Hypothese“ auf dem Prüfstand
3.2 Die Rolle von Geldpolitik und Regulierung
3.3 Panik oder fundamentale Probleme? – Ein“ Überlebensmodell“ für die Banken
3.4 Richardsons „neue Daten“ – Die Krise statistisch ausgewertet

4 Ein komplexes Bild – Die Ursachen der Bankenkrise 1930 in der Diskussion

5 Zusammenfassung – Wie kam es zur Bankenkrise 1930?

Literatur

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Seit Friedman und Schwartz in „A monetary history of United States“ die Bankenkrise von 1930 als Hauptauslöser der Großen Depression identifizierten, steht diese im Fokus der wirtschaftshistorischen Forschung. Einer der kontroversesten und gerade auch im Lichte aktueller Bankenkrisen wichtigsten Diskurse dreht sich dabei um die Frage nach den Ursachen der Bankenkrise von 1930.

Im Laufe der Zeit wurden verschiedenste Interpretationen der Ereignisse von November und Dezember 1930 vorgeschlagen. Die „klassische“ Sichtweise von Friedman/ Schwartz (1969) sieht die Krise als landesweite panik-induzierte Liquiditätskrise vor allem in Folge des Zusammenbruchs der Bank of United States in New York. Wicker (1980 u. 1996) interpretiert die Krise als regionale Panik vor allem in den landwirtschaftlich geprägten Gebieten im Süden der United States of America (USA) und auf den Zusammenbruch von Caldwell & Company zurückgehend. Für Temin (1976) stellt die Krise vor allem eine Folge der Depression dar bzw. der von ihr hervorgerufenen Agrarkrise. Weitere Gründe sieht er in einem von ihm festgestellten Kursverfall auf den Wertpapiermärkten, der den Wert der Aktiva vieler Banken gemindert hat und so der Insolvenz vieler Banken Vorschub leistete. White (1984) identifiziert als Hauptgrund eine Verbindung von fehlerhafter Regulierung, landwirtschaftlichen Krisen, riskanter Geschäftspolitik der Banken in den 20ern, restriktiver Geldpolitik und dem ökonomischen Abschwung im Zuge der beginnenden Depression. Die Krise steht für ihn in Kontinuität zu den Bankenkrisen der 20er Jahre. Walter (2005) erkennt in der Krise den aufgrund der Depression in den 30er Jahren konzentrierten Höhepunkt eines Anfang der 20er Jahre begonnen Marktbereinigungsprozesses in der Bankenbranche und betont ebenfalls die mehrfach falsche Regulierung der Banken in den Jahrzehnten vor der Depression.

Diese Arbeit hat zum Ziel, die Ursachen der Krise herauszuarbeiten und noch offene Fragen zu identifizieren. Hierzu wird wie folgt vorgegangen: Zuerst werden die oben genannten verschiedenen Sichtweisen der Ursachen der Krise dargestellt, dann werden empirische Untersuchungen angeführt, die bei der Beurteilung verschiedener Aspekte der jeweiligen Position helfen sollen. Anschließend werden die jeweiligen Sichtweisen und ihre wichtigsten Aspekte kritisch diskutiert und abschließend versucht die Ursachen der Krise herauszuarbeiten und zusammenfassend darzustellen.

Im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen hierbei folgende Hauptfragen, die es zu beantworten gilt: Waren die Ursachen der Krise autonom, d.h. von der Depression unabhängig oder war die Krise Folge der Depression? War Insolvenz, d.h. fundamentale Schwäche des Bankensystems oder panik-induzierte Illiquidität Hauptursache der Krise? Welche Rolle spielte die Bank of United States? Und welche Rolle spielten Regulierung und Geldpolitik der Federal Reserve (Fed)?

2 Ansätze zur Erklärung der Krise – Ein Überblick

2.1 Die Bankenkrise als autonome Störung – Friedman/ Schwartz und Wicker

Die klassische Ansicht über die Ursachen der Bankenkrise, wie sie von Friedman/ Schwartz (1969) propagiert wird, führt die Krise auf eine „autonome Störung“ zurück, d.h. eine Störung unabhängig von der Depression. Die erste Welle von Bankenschließungen im November sehen sie als eine sich durch Ansteckung verbreitende Panik mit Ursprung in den landwirtschaftlichen Gebieten an. Diese führte zu erhöhter Liquiditätspräferenz, Geldhortung und damit verbunden zu einem Anstieg des Zahlungsmittelumlaufs. Durch den Kollaps einer von Friedman/ Schwartz nicht identifizierten Bank ging das Vertrauen in die Banken verloren, es kam zu Bank-Runs, in deren Folge viele Banken insolvent wurden und schließen mussten.

Als Ursache der zweiten, heftigeren Welle von Bankenschließungen ab Mitte Dezember 1930 sehen sie den Zusammenbruch der New Yorker Bank of United States. Sie glauben, dass der Zusammenbruch der Bank of United States aus mehrerlei Gründen (Größe, Fed-Mitgliedschaft, offiziell klingender Name usw.) von besonderer Bedeutung war und den Beginn einer landesweiten Panik darstellte. Sie vertreten die Ansicht, die Bank sei bei ihrer Schließung solvent gewesen und verweisen auf den Auszahlungsrekord in Folge ihrer Schließung (vgl. Friedman/ Schwartz S. 308ff). Für die 20er Jahre sehen sie keine riskante Geschäftspolitik, sondern betonen im Gegenteil, dass die Banken in jener Zeit eine besonders selektive Kreditvergabe vorgenommen hätten. Die eigentliche Ursache war demnach die durch die Panik hervorgerufene Verschlechterung der finanziellen Situation der Banken. (vgl. Friedman/ Schwartz 1969, S. 353ff). Durch die Panik stieg die Bargeldnachfrage, diese konnten die Banken nur durch rasches „auf den Markt werfen“ ihrer liquidierbaren Aktiva befriedigen. Dadurch setzte eine sich selbst verstärkende Liquiditätskrise ein, deren Opfer auch solvente Banken wurden. Zusammensetzung der Aktiva spielt hier keine Rolle, da bei einer Ansteckungspanik die Einleger ohnehin nicht wissen, welche Bank solvent ist und welche nicht. Einen letzten Grund sehen sie in der mangelnden Versorgung der Banken mit Zentralbankgeld durch die Fed. Hätte sie die Banken mit genügend Liquidität versorgt, wäre die Krise verhindert worden.

Wicker (vgl. Wicker 1980, S. 572ff) sieht wie Friedman/ Schwartz die Ursachen der Bankenkrise in einer von der Depression autonomen Störung. Als Ursache beider Wellen der Krise sieht Wicker einen abrupten, nicht befriedigten Anstieg der Zahlungsmittelnachfrage, was zu einer Veränderung der Erwartungen bezüglich zukünftiger Einlagenverluste und in Folge zu einer Panik führte. Er identifiziert als Quelle dieser Panik den Zusammenbruch von Caldwell & Company in Tennessee, von wo aus sich die Panik innerhalb von 2 Wochen zuerst innerhalb der städtischen Zentren von Tennessee und von dort in die angrenzenden Bundesstaaten Arkansas, Kentucky und in North Carolina verbreitete. Er betont den regionalen Charakter der Krise, die sich auf maximal 12 Staaten beschränkte. Er zeigt dann, dass Caldwell & Company ausschließlich aufgrund finanzieller Schwierigkeiten zusammenbrach, die auf fragwürdigen, unlauteren Geschäftsmethoden und Missmanagement in den 20ern (also vor der Depression) zurückzuführen sind (Expansion auf Pump, illiquide Aktiva usw.). Es gibt Hinweise darauf, dass Caldwell & Company bereits im Juni 1930, also vor der Krise, insolvent war. Von den Banken die in den folgenden zwei Wochen Pleite gingen, waren 120 direkt oder indirekt mit Caldwell verbunden[1] d.h., die Panik verbreitete sich entlang des weitverzweigten Netzwerkes von Caldwell & Company. Auch diese Zusammenbrüche beruhen, wenn nicht direkt auf dem Zusammenbruch von Caldwell und der darauffolgenden Panik, zum Großteil auf Problemen wie Machtmissbrauch oder Korruption, die lange vor Beginn der Großen Depression entstanden sind. Im Gegensatz zu Temin und Friedman/ Schwartz sind für ihn also faule Kredite und fragwürdige Investments in den 20ern wichtige Ursachen der Krise.

Dem Zusammenbruch der Bank of United States misst Wicker keine herausragende Bedeutung zu. Denn dieser hat nur wenig zur Zahl der Bankschließungen beigetragen und hatte nur lokale Auswirkungen auf die Fed-Disktrikts um New York, wo es insgesamt zu 20 Zusammenbrüchen im Zuge der Schließung der Bank kam (vgl. Wicker 1996, S. 29 Table 2.2). Auch die zweite Welle der Krise im Dezember sieht er durch den Kollaps von Caldwell & Company verursacht. Er argumentiert, dass die Panik bis Mitte Dezember in weitere Staaten (z.B. North Carolina) diffundierte, weshalb es zu einem zeitlichen „Lag-Effekt“ kam. Die Krise hat sich außerdem auch im Dezember auf die gleichen Fed-Disktrikts konzentriert. Die Rolle der Fed in der Stabilisierung des zentralen Geldmarktes und beim Kampf gegen die Krise sieht Wicker positiv, außer der Fed St.Louis haben alle Fed Distrikte ihre Kredite an die betroffenen Banken ausgeweitet, wohl auch deshalb war der Distrikt St.Louis so stark betroffen. Die Fed versagte allerdings nach Januar 1931 darin, durch weitere expansive Offenmarktgeschäfte das Einlegervertauen nachhaltig wieder herzustellen, was schon den Keim für die nächste Krise legte (vgl. Wicker 1996, S.52ff).

2.2 Die Krise als Folge der Depression - Temin

Im Gegensatz zu Friedman/ Schwartz und Wicker sieht Temin die Bankenkrise 1930 als Folge des durch die Große Depression bedingten Abschwungs. Temin diskutiert die Ursachen der Bankenkrise von 1930 aufbauend auf der Argumentation von Friedman/ Schwartz (vgl. Temin 1976, S. 83ff). Als prinzipielle Ursache der Bankzusammenbrüche sieht er einen bereits vor der Bankenkrise stattgefundenen Kursverfall bei Wertpapieren, der zu einem Sinken des Wertes der marktbewerteten Bankaktiva führte und somit zu einer Schwächung der Banken.[2] Dieser hätte allerdings alle Banken gleich getroffen und kann das zeitliche und räumlich unterschiedliche Auftreten der Bankenschließungen nicht erklären. Friedman/ Schwartz geben seiner Meinung nach zwei verschiedene mögliche Ursachen der Krise an, nämlich eine landwirtschaftliche Krise bzw. eine Panik, die sich von dort aus verbreitete, oder aber die gleichen Faktoren, die die meisten Zusammenbrüche in den 20er Jahren verursacht haben. Beides hätte sehr unterschiedliche Implikationen. Eine starke Verschlechterung der Situation auf den Agrarmärkten wäre Teil der Depression, was seine These bestätigen würde, dass die Bankenkrise eine endogene Reaktion auf eine vorhergehende Verschlechterung der ökonomischen Bedingungen war. „Faule Kredite“ und Investments, welche er als Gründe für die Bankenkrisen in den 20ern identifiziert, wären von der Depression unabhängig und würden damit die Sichtweise von Friedman/ Schwartz bestätigen. Wären fallende Wertpapierkurse schuld, würde das ebenfalls seine These unterstützen.

[...]


[1] Es handelte sich vor allem um Tochtergesellschaften, Korrespondenzbanken oder Institute die eine enge Geschäftsbeziehung zu Caldwell & Company pflegten.

[2] Er führt an, dass viele Wertpapiere damals im Zuge des Aktiencrashs und der beginnenden Depression von den Rating Agenturen herabgestuft wurden, wodurch ihr Kurs fiel. (vgl. Temin 1976, S.84)

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640546640
ISBN (Buch)
9783640546091
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v145140
Institution / Hochschule
Universität Hohenheim – Institut für Kulturwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Ursachen US-Bankenkrise

Autor

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