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Mitwirkungsmöglichkeiten der Schule am Kohärenzgefühl

Examensarbeit 2009 79 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Der Begriff “Gesundheit”
2.1 Bestimmungsversuche des Gesundheitsbegriffs
2.2 Phänomenbereich: Gesundheit in der Schule

3 Das Salutogenese-Konzept von A. Antonovsky
3.1 Salutogenese: Ein neues Verständnis von Gesundheit
3.2 Das Kohärenzgefühl (SOC)
3.3 Die Komponenten des SOC
3.3.1 Das Gefühl von Verstehbarkeit (»Comprehensibility«)
3.3.2 Das Gefühl von Handhabbarkeit (»Manageability«)
3.3.3 Das Gefühl von Bedeutsamkeit und Sinnhaftigkeit (»Meaningfulness«)
3.4 SOC, Widerstandsressourcen und Widerstandsdefizite: Gesundheit als Balanceakt
3.4.1 Widerstandsressourcen
3.4.2 Widerstandsdefizite

4 Mitwirkungsmöglichkeiten der Schule am SOC
4.1 Die Entwicklung des Kohärenzgefühls im Jugendalter
4.2 Kohärenzgefühl und Schule

5 Handlungstheoretische Konsequenzen

5.1 Gesunde Schule - Gesunde Strukturen
5.2 Stärkung der Komponenten des SOC
5.2.1 Die Dimension von Verstehbarkeit
5.2.2 Die Dimension von Handhabbarkeit
5.2.3 Die Dimension von Sinnhaftigkeit und Bedeutsamkeit

6 Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit

Die salutogene Fragestellung nach den Faktoren, die es möglich machen, dass man trotz vieler potentiell gesundheitsgefährdender Einflüsse im Schulbereich nicht nur körperlich, sondern vor allem mental und sozial gesund und handlungsfähig bleibt, beschäftigt mich als angehende Lehrerin in besonderer Weise.

Die Hauptthese des salutogenetischen Modells ist, dass ein starkes SOC entscheidend für erfolgreiches Coping mit den allgegenwärtigen Stressoren des Lebens und damit für den Erhalt der Gesundheit ist. Wenn diese These korrekt ist, ergibt sich die entscheidende Frage: ‘Unter welchen Bedingungen wird ein starkes SOC ausgebildet?’[1]

Dieser Fragestellung widmet sich diese Arbeit. Es sollen die Bedingungen verdeutlicht werden, unter denen sich ein starkes Kohärenzgefühl (SOC, Sence Of Coherence) entwickeln kann. Das Hauptaugenmerk liegt darauf, Wege aufzuzeigen, die es möglich machen, innerhalb des Lebensbereiches “Schule” den SOC von Schülern und Schülerinnen zu stärken und zu fördern. Der SOC ist ein Konstrukt, welches innerhalb des komplexen Salutogenese-Modells des Medizinsoziologen Aaron Antonovsky (1923-1994) eine zentrale Funktion einnimmt, da der SOC letztendlich darüber entscheidet, ob und in wie weit ein Mensch seine allgemeinen Widerstandsressourcen zum Ausbalancieren von gesundheitsbedrohenden Belastungen einsetzen kann.[2] Es handelt sich sozusagen um das “Herzstück” des Salutogenese-Modells. Dieses zentrale Konstrukt der Salutogenese, welche die Frage nach den Bedingungen und Erhaltungsmöglichkeiten von Gesundheit zu ihrem Gegenstand macht, definiert Antonovsky selbst als:

...eine globale Orientierung, die das Maß ausdrückt, in dem man ein durchdringendes, andauerndes aber dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass die eigene interne und externe Umwelt vorhersagbar ist und das es eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass sich die Dinge so entwickeln werden, wie vernünftigerweise erwartet werden kann.[3]

Es handelt sich beim SOC also um eine basale, mentale Größe, die dem Menschen mentale Stärke und Widerstandskraft gegen widrige Einflussfaktoren verleiht und dadurch als Schutzschild ihrer Gesundheit[4] fungiert. Die Salutogenese ist ein Modell, das von der Suche nach Krankheitsursachen, die in das Aufgabenfeld eines pathogenetischen Gesundheitsverständnisses fällt, absieht und stattdessen nach den Bedingungen von Gesundheit sucht. Somit bietet der salutogenetische Ansatz eine sinnvolle und notwendige Ergänzung zu den im Bereich Schule üblichen Formen von Krankheitsprävention. Durch die Hinzunahme der salutogenetischen Blickrichtung gelangt man von einem auf Risikofaktoren beschränkten Blickwinkel zu der Möglichkeit, auch die Schutzfaktoren der Gesundheit zu erkennen und diese im Sinne einer ganzheitlichen Gesundheitsförderung auch zu stärken und zu fördern. Dass die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Gesundheitsförderung im Bereich Schule besteht, unterstreicht Hurrelmann schon 1994: „Die Gesundheits- und Krankheitsdaten machen deutlich, dass Anlass zur Sorge um das körperliche, seelische und soziale Wohl der Kinder und Jugendlichen besteht.“[5]

1.2 Aufbau der Arbeit

Das zweite Kapitel dieser Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen “Gesundheit”. Zunächst wird mittels eines Überblicks über verschiedene Definitionsansätze des Begriffes “Gesundheit” versucht, den Gesundheitsbegriff in seiner aktuellen Bedeutung näher zu bestimmen. Dies scheint mir unerlässlich im Hinblick darauf, dass der Begriff “Gesundheit”, der dieser Arbeit im Sinne der ganzheitlich ausgerichteten Gesundheitsförderung mittels der Förderung eines starken SOC zu Grunde liegt, kein einfacher Begriff ist, sondern sich als mehrdimensionales und multiperspektivisches Phänomen erweist. Daraufhin soll der Phänomenbereich “Gesundheit in der Schule” genauer in den Blick genommen werden. Hierbei richtet sich der Fokus darauf, welche gesundheitlichen Beeinträchtigungen vorliegen, die im Zusammenhang mit psychosozialen Stressoren der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen und schulischen Stressoren gesehen werden können. Wie aus Anm. 4 zu entnehmen ist, konnten Zusammenhänge zwischen dem SOC und dem psychischen Wohlbefinden aufgezeigt werden. Neben der Tatsache, dass Stressoren der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen heute vor allem psychische und psychosoziale Stressoren darstellen (vgl. hierzu Punkt 2.2), ist dies ein weiterer Grund, warum innerhalb dieser Arbeit das rein körperliche, organische Wohlbefinden weitestgehend unbeleuchtet bleibt.

Da es in dieser Arbeit zudem nicht um Krankheit und Risikofaktoren geht, sondern im Sinne der Salutogenese um die Bedingungen und Schutzfaktoren von Gesundheit, bleibt es bei einer kurzen überblicksartigen Bestandsaufnahme der gesundheitlichen Beeinträchtigungen im Schulbereich. Zudem beschränkt sich der Fokus auf die Gesundheit der Schüler[6], die Lehrergesundheit hingegen bleibt ausgeblendet.

Der dritte Teil dieser Arbeit beschäftigt sich in der Hauptsache mit der theoretischen Darstellung des SOC. Dies geschieht mittels der Darstellung des Salutogenese-Modells von Aaron Antonovsky und dessen konstitutiven Elementen, da der SOC nur aus der Einbettung und im Zusammenhang mit den Grundannahmen des Salutogenese-Modells zu verstehen ist.

Das vierte Kapitel dieser Arbeit setzt sich mit den Mitwirkungsmöglichkeiten der Schule am SOC auseinander. Nach einer Betrachtung der Entwicklung des SOC im Jugendalter soll herausgestellt werden, welche pädagogischen handlungstheoretischen Konsequenzen sich aus dem vorgestellten Salutogenese-Modell von Antonovsky ergeben und wie diese in der Schule umgesetzt werden können.

Im fünften Kapitel werden zunächst einige konstitutive Momente eines guten, gesundheitsförderlichen Schul- und Klassenklimas und deren Umsetzungsmöglichkeiten betrachtet, da es mir nicht nur als nachhaltiger und glaubhafter, sondern gar als notwendig erscheint, dass eine ganzheitliche Gesundheitsförderung in der Schule in „gesunde“ Strukturen eingebettet sein muss. Die hierbei aufgeführten konkreten Handlungsvorschläge, die zu einem guten Schul- und Klassenklima beitragen, stammen zum Teil von mir, natürlich immer unter Rückbindung an die jeweiligen, der Literatur entnommenen konstitutiven Momente eines guten Schul- und Klassenklimas. Im Anschluss daran werden die einzelnen Komponenten Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit des SOC der Reihenfolge nach näher beleuchtet und konkrete Mitwirkungsmöglichkeiten der Schule am SOC vorgeschlagen. Das abschließende Fazit fasst die wichtigsten Ergebnisse und Konsequenzen schlussfolgernd zusammen.

2 Der Begriff “Gesundheit”

Da diese Arbeit die Förderungsmöglichkeiten der psychosozialen Gesundheit von Schülern zum Gegenstand hat, muss eine nähere Bestimmung des zugrunde liegenden Gesundheitsverständnisses erfolgen. Das Kapitel 2.1. soll den multidimensionalen und mehrperspektivischen Gesundheitsbegriff mittels verschiedener Definitionsansätze darstellen. Im Anschluss daran beleuchtet das Kapitel 2.2. den aktuellen Ist-Zustand der Gesundheit in der Schule, sowie alltägliche und schulische Belastungsmomente und deren gesundheitsbeeinträchtigenden Folgen.

2.1 Bestimmungsversuche des Gesundheitsbegriffs

Vor jedem Reden über Einflussfaktoren auf oder Förderungsmöglichkeit von Gesundheit muss man versuchen, den Begriff „Gesundheit“ zu definieren oder zumindest zu einer genauen begrifflichen Bestimmung von Gesundheit zu gelangen. Dass das Vorhaben einer genaueren Begriffsbestimmung sich schwieriger gestaltet, als man im ersten Augenblick annehmen könnte, zeigen die nachfolgenden Bestimmungsversuche, da sie den Begriff “Gesundheit” als komplexes, mehrdimensionales Phänomen offenbaren. Im Sinne des pathologisch orientierten biomedizinischen Krankheitsmodells stellt der Begriff “Gesundheit” das Pendant zu „Krankheit“ dar. Dem zu Grunde liegt ein dichotomes Konzept, das Gesundheit und Krankheit als zwei sich gegenseitig ausschließende Zustände definiert.[7] In der Pschyrembel, ein bekanntes medizinisches Wörterbuch, wird Gesundheit folgendermaßen definiert:

Gesundheit ist im engeren Sinne das subjektive Empfinden des Fehlens körperlicher, geistiger und seelischer Störungen oder Veränderungen bzw. ein Zustand, in dem Erkrankung und pathologische Veränderung nicht nachgewiesen werden können.[8]

Das biomedizinische Krankheitsmodell ist nicht nur in der Medizin, sondern auch in allen Bereichen der gesundheitlichen Versorgung das vorherrschende Modell.[9] Beeinflusst davon wird auch im volkssprachlichen Sinne “Gesundheit” oft als Gegenbegriff zu “Krankheit” im Sinne von organischen Leiden bestimmt. Man bewegt sich in einem semantischen Feld, das Begriffe wie Arzt, Leiden, Medikamente, Krankenhaus usw. einschließt.[10] Es herrscht die Vorstellung, dass man von “gesund” nur dann sprechen kann, wenn keinerlei körperliche oder psychische Beeinträchtigung vorliegt. Der Begriff “Gesundheit” lässt sich aber nicht einfach ex negativo als das Fehlen von Krankheit bestimmen, sondern beinhaltet als positiver Gegenbegriff zu Krankheit auch positive Elemente. Betrachtet man nämlich die etymologische Wurzel des Begriffs “Gesundheit” aus dem Germanischen, so eröffnet sich ein Bedeutungsfeld, welches darauf schließen lässt, dass der Begriff mehr als nur das Fehlen eines Gebrechens meint, sondern den Menschen ganzheitlich, nämlich als körperliches und seelisches Wesen in den Blick nimmt. Der Begriff “Gesundheit” geht zurück auf das germanische (ga)sunda, was soviel bedeutet wie “stark”, “kräftig”, “heil”, “ganz”. Das semantische Feld, in dem man sich hier bewegt, deckt das Wohlsein des Menschen einschließlich seiner seelischen Stabilität ab.[11] Gesundheit bedeutet also vom Wort her körperliche und seelische Stärke, Kraft und Ganzheit.[12] Dass der Begriff “Gesundheit” viel mehr umfasst als nur die Abwesenheit von Krankheit zeigt auch das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geprägte Gesundheitsverständnis aus dem Jahre 1948: „Gesundheit ist der Zustand des vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlseins und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“[13] Diese Definition von Gesundheit setzt sich von einer rein biomedizinischen, organisch- bzw. pathologisch orientierten Sichtweise ab und proklamiert einen umfassenden und vor allem positiven Gesundheitsbegriff, der die Verankerung von Wohlbefinden in allen Dimensionen des täglichen Lebens betont.[14] Während der pathologisch gerichtete Blick auf Gesundheit nur nach den Ursachen und Vermeidungsmöglichkeiten von Krankheit sucht, erfährt das Gesundheitsverständnis hier nun eine Bereicherung, da nun auch soziale und psychische Aspekte in den Blick genommen werden. Dieser Definition zufolge zählen zur Gesundheitsförderung alle Maßnahmen, die zur Wohlbefindensstärkung beitragen.[15] Die WHO-Definition von Gesundheit als Zustand umfassender Vollkommenheit scheint jedoch, wie auch später u.a. von Schaefer (1998) und Hurrelmann (2006) kritisiert, utopisch zu sein. Denn eine so verstandene Gesundheit dürfte nur für wenige Menschen und für diese dann auch nur über begrenzte Zeit erreichbar sein.[16] So konstatiert auch Hurrelmann (2006):

Die utopische Zielvorstellung des »völligen Wohlbefindens« ist unrealistisch. Sie bringt ein normatives, wertendes Element in die Definition von Gesundheit und Krankheit. [...] Sinnvoll erscheint vielmehr, den Pol »Gesundheit« als einen Idealzustand zu definieren, der zwar in der Realität des menschlichen Erlebens nur selten erreicht wird, aber als ein Bezugs- und Orientierungspunkt für die Bestimmung der realen Gesundheits- und Krankheitsposition herangezogen werden kann. In diesem Sinne wird der Impuls der Definition der Weltgesundheitsorganisation auch überwiegend verstanden.[17]

Desweiteren ist dem eben angeführten Zitat die Kritik an dem von der WHO implizierten statischen Gesundheitsverständnis zu entnehmen. Hurrelmann plädiert hingegen für ein neues, dynamisches Verständnis von Gesundheit. Auch Mertens (2008) kommentiert das statische Gesundheitsverständniss kritisch:

Die Wirklichkeit stellt sich anders dar. Es ist alles im Fluss. Es gibt den Rollstuhlfahrer, der aktiv seinem Beruf nachgeht, wie es auf der anderen Seite den organisch völlig intakten Menschen gibt, der sich mental angeschlagen durch das Leben schleppt. Wer ist hier der Gesunde?[18]

Trotz der Kritik wurde die Definition der WHO nicht verworfen - vermutlich deshalb, weil sie wichtige Gesichtspunkte bewusst macht:

Erstens bedeutet Gesundheit, wie eingangs schon erwähnt, mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Gesundheit wird hier verstanden als ein umfassendes Wohlsein. Dieses Wohlsein bezieht sich nicht nur auf die leibliche Dimension, sondern auch auf psychische und soziale Dimensionen. Gesundheit wird nun mehrdimensional bestimmt und meint unter anderem auch Integration in soziale Netzwerke und das seelische Wohlsein eines Menschen. Diese Aspekte finden sich auch in den folgenden Bestimmungen des Gesundheitsbegriffes wieder, die im Folgenden noch aufgeführt werden. Es ist also zunächst festzuhalten, dass die Erhaltung und Förderung von Gesundheit nicht nur eine medizinische Aufgabe ist, die sich durch Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten auszeichnet. Mit anderen Worten: Die pathogenetische Sichtweise und das rein biomedizinische Modell reichen nicht aus, um den Begriff „Gesundheit“ im umfassenden Sinne zu erfassen. Es bedarf einer Ergänzung durch die salutogenetische Sichtweise, nach der Gesundheit als Prozess verstanden wird und als die Fähigkeit, sich auch trotz eventuell vorhandener Gebrechen, Leiden und Krankheiten wohl zu fühlen und zukunftsfähig zu handeln. Damit sind „Gesundheit“ und „Krankheit“ nicht mehr als strenge Gegensätze zu verstehen und ein “gesunder Kranker” stellt keinen Widerspruch mehr dar. In diesem Sinne definiert auch Schäfer (1998) Gesundheit als „die Fähigkeit, am Leben in möglichst vielen Facetten teilzunehmen“[19].

Weiterhin macht der Begriff „Wohlsein“ in der Definition der WHO deutlich, dass es sich bei dem Begriff „Gesundheit“ nicht nur um einen objektiv bestimmbaren Zustand handelt, sondern auch um eine subjektive Feststellung.[20] Wohlbefinden wird zu einem Indikator für Gesundheit. Demnach kann ein Mensch, der zwar an einem Gebrechen leidet, sich aber trotzdem wohl fühlt, als gesund bezeichnet werden. Eine treffende Definition des Wohlbefindens als Kriterium für Gesundheit stammt von Hans-Georg Gadamer aus dem Jahr 1993:

Trotz aller Verborgenheit kommt sie [die Gesundheit] aber in einer Art Wohlgefühl zutage, und mehr noch darin, dass wir vor lauter Wohlgefühl unternehmungsfreudig, erkenntnisoffen und selbstvergessen sind und selbst Strapazen und Anstrengungen kaum spüren – das ist Gesundheit.[21]

Die Komplexität und Mehrdimensionalität des Phänomens Gesundheit zeigt sich auch an der folgenden Definition von Klaus Hurrelmann aus dem Jahre 1988:

Gesundheit bezeichnet den Zustand des objektiven und subjektiven Befindens einer Person, der dann gegeben ist, wenn sie sich in den physischen, psychischen und sozialen Bereichen ihrer Entwicklung im Einklang mit den eigenen Möglichkeiten und Zielvorstellungen und den jeweils gegebenen äußeren Lebensbedingungen befindet. Gesundheit ist beeinträchtigt, wenn sich in einem oder mehreren dieser Bereiche Anforderungen ergeben, die von der Person in der jeweiligen Phase im Lebenslauf nicht erfüllt und bewältigt werden können. Die Beeinträchtigung kann sich, muss sich aber nicht in Symptomen der sozialen, psychischen und physisch-physiologischen Auffälligkeiten manifestieren.[22]

Aus diesem Gesundheitsverständnis wird deutlich, dass die jeweilige Umwelt und die Bewältigung ihrer Anforderungen an den Menschen eine entscheidende Rolle für die Gesundheit spielt. Der Mensch wird ganzheitlich betrachtet auch als eingebunden in seine Umwelt gesehen. Die Definition verweist auch auf die Anforderungen, mit denen ein Mensch im Laufe seines Lebens konfrontiert wird. So ergeben sich auch für den Lebensbereich Schule Anforderungen, die sich im Falle von Über- oder Unterforderung sowohl negativ als auch positiv bei ausgewogener Belastungsbalance auf das Wohlbefinden und den damit in Beziehung stehenden Gesundheitszustand der Schüler auswirken können. In einer späteren Definition Hurrelmanns liegt der Schwerpunkt nicht mehr auf den Ursachen von Gesundheitsbeeinträchtigung und deren Folgen, sondern ergänzt die frühere Definition durch Betrachtung der Bedingungen und Folgen einer gelingenden Gesundheit:

Gesundheit ist nach diesem Verständnis ein angenehmes und durchaus nicht selbstverständliches Gleichgewichtsstadium von Risiko- und Schutzfaktoren, das zu jedem lebensgeschichtlichen Zeitpunkt immer erneut hergestellt werden muss. Gelingt das Gleichgewicht, dann kann dem Leben Freude und Sinn abgewonnen werden, ist eine Entfaltung der eigenen Kompetenzen und Leistungspotentiale möglich und steigt die Bereitschaft, sich gesellschaftlich zu integrierten und engagieren.[23]

Gesundheit wird hier verstanden als ein Gleichgewicht von Risiko- und Schutzfaktoren. Allerdings ist dieses Gleichgewicht nicht als ein statischer Zustand zu sehen, sondern als ein dynamischer Balanceakt. Hier wird die Nähe zu dem Gesundheitsverständnis von Aaron Antonovsky, dem Begründer der Salutogenese (salus, lateinisch.: Unverletztheit, Heil, Glück; genese, griechisch.: Entstehung), deutlich. Antonovsky versteht Gesundheit als einen Prozess oder auch als einen Balanceakt von gesundheitsgefährdender Stimuli bzw. Stressoren und gesundheitsschützenden Ressourcen. Antonovskys Gesundheitsverständnis bricht die Dichotomie von Gesundheit und Krankheit auf und geht stattdessen von einem Gesundheits-Krankheitskontinuum aus. Das Gesundheitsverständnis Antonovskys sowie die verschiedenen Risiko- und Schutzfaktoren werden in den folgenden Kapiteln noch genauer herausgestellt, da das Kohärenzgefühl, welches den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ausmacht, nur aus der Einbettung in das gesamte salutogenetische Modell zu sehen und zu verstehen ist. Aus dem nachfolgenden Zitat wird deutlich, dass für Hurrelmann das Eingebettetsein in soziale Netzwerke sowie die Fähigkeit zu einer autarken Lebensgestaltung unabhängig von den jeweiligen Lebensumständen entscheidende Bedingungen für Gesundheit sind.

Gesundheit ist nur möglich, wenn eine Person konstruktiv Sozialbeziehungen aufbauen kann, sozial integriert ist, die eigene Lebensgestaltung an die wechselhaften Belastungen des Lebensumfeldes anpassen kann, dabei individuelle Selbstbestimmung sichern und den Einklang mit den biogenetischen, physiologischen und körperlichen Möglichkeiten herstellen kann.[24]

Anlässlich der Konferenz von Ottawa im Jahre 1986, auch bekannt als Gesundheitsförderungs-Konferenz, wurde zum ersten Mal die Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Individuum zur Entstehung von Gesundheit präzise formuliert. Im Gegensatz zu der WHO-Definition aus dem Jahre 1946 wird Gesundheit zudem nun nicht mehr als starrer, unveränderlicher Zustand gesehen, sondern als dynamischer Prozess, der in ständiger Kooperation mit dem sozialen Umfeld stattfindet.[25] Bemerkenswert ist auch der nun salutogenetisch orientierte Blick auf Gesundheit und die Betonung von Gesundheitsressourcen:

Gesundheit steht für ein positives Konzept, das in gleicher Weise die Bedeutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit betont wie die körperlichen Fähigkeiten. Die Verantwortung für Gesundheitsförderung liegt deshalb nicht nur bei dem Gesundheitssektor, sondern bei allen Politikbereichen und zielt über die Entwicklung gesünderer Lebensweisen hinaus auf die Förderung von umfassenden Wohlbefinden.[26]

„Die Ottawa-Charta für Gesundheitsförderung gilt als programmatisches Papier der Weltgesundheitsorganisation, das durch die Publikationen von Aaron Antonovsky eine theoretische Fundierung erhalten hat.“[27] Abschließend soll noch ein letztes Zitat von Renate Höfer (2000) genannt werden, das sich explizit auf das Modell der Salutogenese bezieht und das m. E. eine treffende Zusammenfassung des modernen, dynamisch transaktionalen Gesundheitsverständnisses darstellt, welches dieser Arbeit zugrunde liegen soll. Höfer bestimmt Gesundheit als

...Ausdruck einer individuellen Lebensgeschichte, das heißt als Ergebnis einer tätigen Auseinandersetzung mit den inneren Bedürfnissen und der äußeren sozialen Lebenswelt in Abhängigkeit von der Verfügbarkeit und Nutzung von gesundheitsschützenden beziehungsweise wiederherstellenden Ressourcen.[28]

Da sich diese Arbeit auf die Schule als Lebensbereich konzentriert und untersucht, inwiefern im Sinne einer ganzheitlich verstandenen Gesundheit Gesundheitsressourcen der Schüler und somit ihr SOC gefördert und erhalten werden können, folgt nun eine kurze Bestandsaufnahme der gesundheitlichen Lage in der Schule, wobei von rein organisch bedingten Gesundheitsbeeinträchtigungen abgesehen wird.

2.2 Phänomenbereich: Gesundheit in der Schule

In den letzten hundert Jahren haben sich die vorherrschenden Krankheitsbilder stark verändert. Um 1900 waren durch Viren oder Bakterien ausgelöste akute Krankheiten oder Mangelerscheinungen die häufigste Todesursache. Der modernen Medizin ist es gelungen, durch Reihenimpfungen und medikamentöse Behandlungsmethoden die klassischen Infektionskrankheiten einzudämmen. Ein weiterer Faktor für die Eindämmung von Infektionskrankheiten ist die günstige sozioökonomische Entwicklung in der westlichen Welt, die eine Verbesserung der Lebensverhältnisse mit sich bringt. Diese sichert einen Mindeststandart in Bezug auf materielle Güter und wichtigen Dienstleistungen für die alltägliche Lebensführung der meisten Kinder und Jugendlichen.[29] So kann zwar ein Zurückgehen der akut-infektiösen Krankheiten dokumentiert werden, gleichzeitig muss aber eine Zunahme von chronisch-degenerativen und psychischen Erkrankungen festgestellt werden. Das biomedizinische Modell kann diese neuartigen Krankheitsbilder nicht allein entscheidend klären und bekämpfen, da es sich um ein multikausales Zusammenspiel von sozialen, kulturellen, ökologischen, psychischen, physiologischen und genetischen Bedingungen handelt.[30] Diese Tatsache macht es notwendig, das biomedizinische Modell durch eine Gesundheitsförderung zu ergänzen, die den Menschen ganzheitlich in den Blick nimmt und sich auch auf die Förderung und Stärkung seiner körperlichen, aber vor allem seiner psychischen und sozialen Ressourcen konzentriert, denn:

die meisten der Gesundheitsbeeinträchtigungen im sozialen, psychischen und physiologischen Bereich von Kindern und Jugendlichen müssen wir als Symptome für Stress, […] für einen subjektiv überfordernd empfundenen unangenehmen bio-psycho-sozialen Spannungszustand werten, der sich aus den vielfältigen Belastungen ergibt, denen sich schon junge Menschen in modernen Industriegesellschaften ausgesetzt sehen.[31]

Alltägliche und schulische Belastungsmomente

Die Anforderungen, denen Kinder und Jugendliche heute gegenüberstehen, sind durch Stichworte wie “Pluralisierung der Lebenswelten ”, “Individualisierung der Lebensweisen” und “Enttraditionalisierung der Lebensformen” gekennzeichnet.[32] Daraus resultiert unter anderem, dass traditionelle Sinngebungsstrukturen wie gesellschaftliche Traditionen, familiäre Strukturen, regionale oder religiöse Gemeinschaften an Bedeutung verlieren, was die Entwicklung von Identität und Kohärenzgefühl erschwert. Dieser Wandel verändert somit die Bedingungen und die Bedeutung von Gesundheit.[33]

Was zum einen eine große Freiheit und Selbstverwirklichungspotentiale beinhaltet, stellt zum anderen auch eine schwierige Aufgabe dar, denn der traditionelle Orientierungsrahmen steht nur eingeschränkt zur Verfügung. Ein Anstieg des psychosozialen Stress könnte deshalb [...] als Indikator für individuelle Überforderung und soziale Disorganisation gewertet werden.[34]

Zu den “Kosten der modernen Lebensweise”, die auch im Bereich Schule relevant werden und mit denen die Schule fertig werden muss, kommt, dass die Schule selbst gesundheitliche Problematiken erzeugt oder diese noch verstärkt. Paulus (2000) bezeichnet die Schule als einen Risikofaktor für die Gesundheit der in ihr Lernenden und zieht seine Bestätigung aus der schulbezogenen gesundheitswissenschaftlichen Forschung. Belastungsmomente, die genannt werden, sind Leistungs- und Statusdruck, überhöhte Leistungsanforderung durch Schule und Elternhaus, Sinndefizit des schulischen Lernens, schlechte und “ausgebrannte” Lehrer, unsichere Berufsperspektiven, Marginalität und Einsamkeit durch soziale Ausgrenzung und zu guter letzt mangelhafte Schulökologie. Kolip und Hurrelmann (1994) sehen in der sozialen Ausgrenzung den maßgeblichsten Risikofaktor für die soziale Gesundheit der Schüler.[35] Die Ergebnisse der HBSC-Studie zeigen zudem, dass das Wohlbefinden von Schülern und Schülerinnen nicht nur durch die Angst vor schlechten Noten negativ beeinflusst wird, sondern auch durch mangelndes Interesse an den Unterrichtsinhalten sowie mangelndes Mitspracherecht in der Schule.[36] Alle Sorgen und Belastungsmomente haben einen großen Einfluss auf das Befinden von Schülern und Schülerinnen.[37]

Psychisch bedingte Gesundheitsbeeinträchtigungen

Die gesundheitsbeeinträchtigenden Folgen der eben dargestellten Belastungsmomente der Lebens- und Lernwelt von Kindern und Jugendlichen sind enorm: Es ist ein bedeutender Anstieg von Gesundheitsbeeinträchtigungen zu verzeichnen, die durch diese psychischen Einflüsse bedingt sind. Die HBSC-Studie[38] ergab, dass ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen unter psychischen Beeinträchtigungen leidet.

Im Kindes- und Jugendalter ist eine Zunahme von psychischen und emotionalen Befindlichkeitsbeeinträchtigungen zu beobachten, und es wird die These formuliert, dass dieser Anstieg aus einem raschen, gesellschaftlichen Wandel resultiert.“[39]

Hierbei handelt es sich teilweise auch um psychosomatische Symptome, die wie folgt bestimmt sind:

Psychosomatische Symptome sind per definitionem klinische Symptome ohne zugrunde liegende organische Ursachen. Mit dem Begriff psychosomatisch werden die komplexen Einwirkungen psychischer Faktoren auf die Entstehung und den Verlauf von körperlichen Erkrankungen und Funktionsstörungen verstanden. Dies bedeutet, dass bestimmte Körpersymptome durch seelische Ursachen mitbedingt bzw. mitgeformt werden können.[40]

Zu den psychosomatischen Beschwerden, die anhand der Ergebnisse der HBSC-Studie ermittelt werden konnten, zählen nicht nur Symptome wie Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Bauchschmerzen, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Schwindel und Müdigkeit, sondern auch psychische Symptome wie Gereiztheit, Nervosität, Ängstlichkeit und allgemeines Unwohlsein.[41]

Weitere psychosomatische Beschwerden im Kindes- und Jugendalter sind das endogene Ekzem, Asthma bronchiale, Störungen des Essverhaltens sowie Störungen im Magen- und Darmbereich.[42] Desweiteren treten bedingt durch psychische Einflüsse immer häufiger psychosoziale Auffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen auf. Zu den psychosozialen Störungen zählt man Störungen im Wahrnehmungs- und kognitiven Verarbeitungsbereich, emotionale Störungen, Ängste und Depressionen, dissoziales und aggressives Verhalten, Essstörungen, Störungen der Sexualentwicklung, Neurosen und Psychosen.[43] Die meisten der psychischen Auffälligkeiten werden durch Stress ausgelöst, dass heißt durch einen bio-psycho-sozialen Spannungszustand. Dieser Spannungszustand entsteht durch Belastungen wie Über- und Unterforderung und wird schädlich, wenn eine befriedigende Bewältigung mit den Anforderungen nicht gelingt. Wichtige Bewältigungsprozesse, die Kinder und Jugendliche leisten müssen, ist die Aneignung des eigenen Körpers und der sozialen und natürlichen Umwelt.[44] Als gesundheitsbeeinträchtigende Folgen, die speziell aus den genannten schulischen Belastungsmomenten folgen, sind immer wieder Leistungsstörungen, Nervosität und innere Unruhe, Drogenkonsum und Aggressivität identifiziert worden.[45]

Folgerung

Hieraus ergibt sich die erste Schlussfolgerung, die für den dritten, praktisch orientierten Teil dieser Arbeit relevant ist. Die klassische Gesundheitsförderung in der Schule, die sich in ihrem präventiven Handeln auf die Vermeidung von Risikofaktoren und Krankheiten beschränkt, bedarf eines Umdenkens bzw. einer Erweiterung: Schule sollte auch ein Ort sein, der Kindern und Jugendlichen in Zeiten von Sinnentleerung, Orientierungslosigkeit und hohen schulischen Anforderungen Sinnstrukturen und Orientierungshilfen zu vermitteln versucht sowie Raum für Gemeinschaftserfahrungen bietet. Schule muss ein Ort sein, in dem sich die in ihr Lernenden und Lehrenden im ganzheitlichen Sinne wohl fühlen. So formuliert auch die Ottawa Charta der Gesundheitsförderung (WHO 1986) die Notwendigkeit gesunder Lebens- und Arbeitsbedingungen:

Die sich verändernden Lebens-, Arbeits- und Freizeitbedingungen haben entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit. Gesundheitsförderung schafft sichere, anregende, befriedigende und angenehme Arbeits- und Lebensbedingungen.[46]

Innerhalb dieser gesunden Rahmenbedingungen, man kann hier auch von einem situativ salutogenen Faktor sprechen, muss es dann im Sinne der Primärprävention darum gehen, die personal salutogenen Faktoren zu fördern und zu stärken.[47] Es müssen also sowohl die situativ salutogenen als auch die personal salutogenen Ressourcen gefördert und gestärkt werden, die dann für die jeweilige Bewältigung einer schwierigen Lebenssituation oder einer Belastung herangezogen werden können.

Zusammenfassend und im Sinne der Thematik dieser Arbeit lässt in Anbetracht der oben aufgezeigten Entwicklung sich die Notwendigkeit ableiten, dass Kinder und Jugendliche in der Schule Erfahrungen sammeln müssen, die ihren Kohärenzsinn stärken und sie so unanfälliger für gesundheitliche Einschränkungen machen. Schule muss also dazu beitragen, die psychische Widerstandsfähigkeit der Schüler zu fördern, um sie im Umgang mit steigenden Belastungen zu stärken. Der SOC kann als ein Sammelbecken dieser notwendigen basalen geistigen Kräfte verstanden werden. Denn es ist gerade die mentale Dimension, aus der ein ganzheitliches Wohlbefinden resultiert, das sich trotz widriger Einflussfaktoren im sozialen Bereich, psychischer Belastungen oder auch körperlicher Gebrechen aufrecht erhalten lässt. Als logische Konsequenz aus dem eben Gesagten ergibt sich, dass Schule darauf bedacht sein muss, keine negativen psychischen Einflussfaktoren zu verursachen, wie zum Beispiel Stress durch Über- oder auch Unterforderung.

3 Das Salutogenese-Konzept von A. Antonovsky

Das Salutogenese-Modell von Aaron Antonovsky dient mit seinem Blick auf protektive Faktoren und Ressourcen als Ausgangsmodell der verschiedenen Ansätze, die auf eine praktische, ressourcenorientierte Gesundheitsförderung zielen. Im Kapitel 3.1 wird das salutogenetische Gesundheitsverständnis dargelegt und von dem pathogenetischen abgegrenzt. Das Kapitel 3.2 widmet sich dem Kohärenzgefühl, seiner Wirkung, der Beziehung zwischen Kohärenzgefühl und Gesundheit und seiner Entstehung. Im Anschluss daran werden im Kapitel 3.3 die Komponenten Handhabbarkeit, Verstehbarkeit und Bedeutsamkeit des Kohärenzgefühls genauer betrachtet. Im Kapitel 3.4 wird der Zusammenhang zwischen Kohärenzgefühl, Widerstandsressourcen, Widerstandsdefiziten und Gesundheit aufgezeigt, bevor im Kapitel 3.4.1 die Widerstandsressourcen und im Kapitel 3.4.2 die Widerstandsdefizite genauer dargestellt werden. Am Ende des Kapitels befindet sich eine vereinfachte graphische Darstellung des Salutogenese-Modells, die eine Übersicht über die Zusammenhänge und Wechselwirkungen der einzelnen konstitutiven Elemente des Salutogenese-Modells bietet (Abbildung 1).

3.1 Salutogenese: Ein neues Verständnis von Gesundheit

Begründer der Salutogenese ist der israelische Medizinsoziologe, Epidemiologe und Stressforscher Aaron Antonovsky, der 1923 in Brooklyn/USA geboren wurde und 7. Juli 1994 in Beerscheba/Israel verstorben ist.

Die Salutogenese geht von der Fragestellung aus, warum Menschen - trotz der Omnipräsenz potentiell gesundheitsgefährdender Einflüsse - gesund bleiben oder Gesundheitsstörungen erfolgreich ausgleichen können. Im Gegensatz zur Pathogenese (pathos, griechisch: Leiden; genese, griechisch: Entstehung), die sich mit den Ursachen und der Bekämpfung von Krankheiten auseinandersetzt, richtet die Salutogenese also ihren Blick auf die gesundheitserhaltenden oder auch protektiven Faktoren. Um mit den Worten Antonovskys zu sprechen, der in einer Metapher das Leben als einen Fluss bezeichnet, versucht die Salutogenese-Forschung folgende Frage zu beantworten: „Wie wird man, wo immer man sich in dem Fluss befindet, dessen Natur von historischen, soziokulturellen und physikalischen Umweltbedingungen bestimmt wird, ein guter Schwimmer?“[48] Mit anderen Worten: Welche Bedingungen und Kräfte erhalten den Menschen trotz allgegenwärtigen widrigen Einflussgrößen gesund?

Salutogenese vs. Pathogenese

Um in der Metapher zu bleiben: Im Gegensatz zum Salutogenese-Konzept beruhen Pathogenese-Konzepte auf der Idee, dass es Menschen geben könnte, die in der überwiegenden Zeit ihres Lebens trockenen Fußes dem Verlauf des Flusses folgen und sich nur in Ausnahmefällen die Füße nass machen, also krank werden. Dem pathogenetischen Modell zufolge befinden sich Menschen in der Regel im Gleichgewicht (Homöostase), Krankheiten sind Abweichungen von diesem Normalzustand. Im salutogenetischen Modell sind hingegen Heterostase, Krankheiten, Leiden und Tod inhärente Bestandteile des menschlichen Lebens, also der Normalzustand.[49]

[...]


[1] Antonovsky, 1997. S. 150.

[2] Vgl. Höfer, 2000. S. 109.

[3] Antonovsky, 1997. S. 16.

[4] Anm.: Entgegen der Annahme Antonovskys, der den Einfluss des Kohärenzgefühles vorwie-

gend auf die körperliche Gesundheit sieht, wurden in zahlreichen Untersuchungen Zusam-

menhänge mit der psychischen Gesundheit, dem psychischen Stressempfinden und dem

subjektiv eingeschätzten Gesundheitszustand gefunden. Die Ergebnisse zeigten, dass Person-

en mit einem starken Kohärenzgefühl weniger psychosomatische Stresssymptome und

psychische Belastungswerte nennen. (Vgl. Walder, 2008. S. 54).

[5] Hurrelmann, 1994. S. 8.

[6] Anm.: Wenn im Text, aufgrund der besseren Lesbarkeit, nur die männliche Form erscheint,

ist die weibliche Form auch gemeint.

[7] Vgl. Franke, 2006. S. 85.

[8] Pschyrembel, 2004. S. 648.

[9] Vgl. Franke, 2006. S. 121.

[10] Vgl. Mertens, 2008. S. 34.

[11] Vgl. Mertens, 2008. S. 35.

[12] Schäfer, 1998. S. 31.

[13] Präambel der Verfassung der WHO, 1948. Zitiert nach Schäfer, 1998. S. 33.

[14] Vgl. Hurrelmann, 1988. S. 16.

[15] Vgl. Jerusalem, 2006. S. 32.

[16] Vgl. Schaefer, 1998. S. 8.

[17] Hurrelmann, 2006. S. 118.

[18] Mertens, 2008. S. 36.

[19] Schaefer, 1998. S. 48f.

[20] Anm.: Der Begriff des Wohlseins wurde allerdings auch dahin gehend kritisiert, dass durch

ihn das Konzept Gesundheit auf das subjektive Erleben beschränkt wird und die Bedeutung

objektiver Befunde gänzlich unterschlagen wird. (Vgl. Klein-Heßling, 2006. S. 15.)

[21] Gadamer (1996), zitiert nach Franke, 2006. S. 34.

[22] Hurrelmann, 1988. S. 16f.

[23] Hurrelmann, 2006. S. 7.

[24] Hurrelmann, 1988. S. 17.

[25] Vgl. Walder, 2008. S. 17.

[26] WHO, 1986. Zitiert nach Walder, 2008. S. 20.

[27] Kolip et al., 2002. S. 13.

[28] Höfer, 2000. S. 75.

[29] Vgl. Hurrelmann, 1990. S. 9.

[30] Vgl. Hurrelmann & Laaser, 1993. S. 4f.

[31] Hurrelmann & Engel (1993), zitiert nach Johanssen (2003), S. 11.

[32] Vgl. Paulus, 2000. S. 26.

[33] Kolip et al., 2002. S. 13

[34] Kolip et al., 2002. S. 13f.

[35] Vgl. Grasböck, 2004. S. 18.

[36] Vgl. Ravens-Sieberer & Thomas, 2003. S. 48.

[37] Vgl. Paulus, 2000. S. 26.

[38] Anm.: Die HBSC- Jugendgesundheitsstudie aus dem Jahr 2002 im Auftrag der WHO unter-

sucht das Gesundheitsverhalten von Schülern in Berlin. (Vgl. Hurrelmann et al., 2003.)

[39] Kolip et al., 2002. S.13.

[40] Ravens-Sieberer & Thomas, 2003. S. 24.

[41] Vgl.ebd., S. 36.

[42] Vgl. Hurrelmann, 1990. S. 22.

[43] Vgl. ebd., 1990. S. 29f.

[44] Vgl. Hurrelmann, 1990. S. 58f.

[45] Vgl. Paulus, 2000. S. 27.

[46] Ottawa-Charta der WHO, 1986. Zitiert nach Dür, 2008. S. 134.

[47] Vgl. Paulus, 2000. S. 30.

[48] Antonovsky, 1997. S. 92.

[49] Vgl. Franke, 2006. S. 159.

Details

Seiten
79
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640557202
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v145097
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Humanwissenschaftliche Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
SOC Kohärenzgefühl Antonovsky

Autor

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Titel: Mitwirkungsmöglichkeiten der Schule am Kohärenzgefühl