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Benedict Andersons Imagined Communities am Beispiel von Mexiko

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 20 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Problematik des Begriffes der Nation:

3. Andersons Theorie: Die vorgestellte Nation

4. Kulturelle Wurzeln in Mexiko
4.1 Die prähispanische Epoche und die Ankunft der Spanischen Eroberer in Mexiko
4.2 Neuspanien
4.3 Unabhängigkeit

5. Die Ursprünge des mexikanischen Nationalbewusstseins
5.1 Wahrnehmung der Zeit
5.2 Literarische Emanzipation
5.3 Die Diskussion um den Mestizen

6. Zusammenfassung: Mexiko als imaginierte Nation

7. Bibliographie:

„ I am problably the only one writing about nationalism who doesn’t think it ugly.“[1]

1. Einleitung

Über die Nation oder gar über Nationalismus schreiben ist nicht leicht. Steht dieser Begriff doch in einer widersprüchlichen Tradition. Man brauche sich nur den Missbrauch dieses Begriffs im Laufe der Geschichte zu vergegenwärtigen, beispielsweise im Nationalsozialismus in Deutschland. Generell ist es sehr schwierig, das Konzept „ Nation“ zu definieren. Was ist eine Nation? Würde man diese Frage in einer Straßenumfrage auf der Frankfurter Zeil stellen, bekäme man mindestens 50 verschiedene Antworten. Einige „rechtsradikale“ Ansichten wären sicherlich dabei, außerdem viele unterschiedliche Antworten, die einerseits den politischen Nationalstaat thematisieren würden und vielleicht Nation und Staat gleichsetzen würden. Andere würden versuchen das Wesen der deutschen Nation in kultureller oder kulturgeschichtlicher Hinsicht zu definieren. Zur Problematik des Begriffs der Nation werde ich mich im folgenden 2. Kapitel dieser Arbeit weiter beschäftigen.

Benedict Anderson war der erste Wissenschaftler, der den Nationalstaat als Konstrukt in Frage stellte. Aus diesem Grunde habe ich das Eingangszitat von Benedict Anderson als Motto für diese Arbeit gewählt, um direkt auf die Besonderheit von seiner Definition der „vorgestellten Nation“ zu zeigen. Es ist eine anthropologische, sehr kreative, fast anarchistische und konstruktivistische Denkweise der modernen Nation. Das Ziel der Nation bei Anderson ist, die nationale Identität zu beschreiben, die niemals homogen sein kann, sondern immer ethnisch heterogen ist. Wie Anderson die Nation definiert, schreibe ich im 3. Kapitel dieser Arbeit. Dazu zitiere ich das wohl populärste wissenschaftliche Werk über die Nation, Imagined Communities von Benedict Anderson aus dem Jahr 1983. Ich vollziehe Andersons Argumentation nach, wie die moderne Nation entstanden ist. Zu diesem Zwecke beschreibe ich im 4. Kapitel die großen kulturellen Systeme, die dem Nationalismus vorausgegangen sind und die den Weg für die moderne Nation ebneten, am Beispiel der Geschichte Mexikos. Ich beziehe mich dabei auf den Übergang von Vizekönigreich Neuspanien zur Unabhängigkeit Mexikos im Jahre 1821.

Im 5. Kapitel gehe ich auf die Ursprünge des Nationalbewusstseins in Mexiko ein. Dazu zitiere ich den mexikanischen Nobelpreisträger Octavio Paz (1914-1998). In seiner Essaysammlung El laberinto de la soledad aus dem Jahr 1950 versucht er die Frage ¿qué somos y cómo realizaremos eso que somos? (Paz 1991b: S.9) zu beantworten. Da er sich hier hauptsächlich auf die mexikanische Revolution im 20. Jahrhundert bezieht, nehme ich seinen Artikel über die mexikanische Gesellschaft zur Zeit Neuspaniens hinzu (Paz 1991a).

Schließlich versuche ich folgende Fragen zu beantworten: Gibt es die mexikanische Nation, als vorgestellte Gemeinschaft? Und was steht hinter dem Konzept der mexikanischen Identität?

2. Zur Problematik des Begriffes der Nation:

Den Begriff Nation zu definieren hat die Geschichtswissenschaftler und Anthropologen immer schon vor ein schier unlösbares Dilemma gestellt. Anderson zufolge sind die Nationalismustheoretiker von drei Paradoxa irritiert:

Erstens steht der objektiven Neuheit von Nationen, aus dem Blickwinkel des Historikers, das subjektive [hohe] Alter, in den Augen der Nationalisten, gegenüber. (vgl. Anderson: 2005: S. 14) Der Wissenschaftler, der sich mit Nationen wissenschaftlich auseinandersetzt, läuft somit ständig in die Gefahr in eine „rechte Ecke“ gedrängt zu werden. Man denke zum Beispiel an die Problematik der deutschen Nation. Interessant ist unter diesem Gesichtspunkt die Herangehensweise von Benedict Anderson, der behauptet, er wäre möglicherweise der Einzige, der nicht negativ über Nationalismus denkt. (siehe Eingangszitat).

Das zweite Problem der Nationalismustheoretiker ist, dass der Universalität von Nationalität als soziokulturellem Begriff (...) die marginale Besonderheit ihrer jeweiligen Ausprägung gegenüber steht. (vgl. Anderson 2005: S. 14f) Die Nation als Konzept ist nur schwer universalisierbar, da jede „Nation“ verschieden ist und jeder einzelne Mensch eine eigene persönliche Definition von diesem Konzept hat.

Drittens steht der “politischen“ Macht des Nationalismus seine philosophische Armut oder gar Widersprüchlichkeit gegenüber. „Mit anderen Worten: Anders als andere Ismen hat der Nationalismus nie große Denker hervorgebracht – keinen Hobbes, keinen Marx und keinen Weber.“ (Anderson 2005: S. 15)

Selbst der sonst „wohlwollende“ Nationalismusforscher (vgl. Anderson 2005: S. 15), schreibt angesichts dieser Leere mit einer gewissen Herablassung:

Nationalismus ist ... die Pathologie der neueren Entwicklungsgeschichte und genauso „unvermeidlich“ wie die „Neurose“ beim einzelnen Menschen. Im Nationalismus ist viel von derselben grundsätzlichen Zweideutigkeit angelegt, eine ähnliche Tendenz zum Abgleiten in den Wahnsinn, deren Wurzeln in der Situation der Hilflosigkeit (gleichsam in der Infantilphase von Gesellschaften) praktisch auf der ganzen Welt liegen und die als weitgehend unveränderbar erscheint.

(Nairn 1978: S.40)

Im Brockhaus ist die Definition von Nation unterteilt in zwei verschiedene Bedeutungen.

Nation [lat. natio >Geburt<, >Geschlecht<, >Art<, >Stamm<, >Volk< ; von nasci >geboren werden<] (...) 1. Politische Gemeinschaft von staatstragender Kraft; sie ist gekennzeichnet durch das Bewusstsein der politisch-kulturellen Eigenständigkeit, das Nationalbewusstsein und den Willen zur Zusammengehörigkeit. (...)

2. Universitätsgeschichte: im hohen MA. Die landsmannschaftlichen Gruppen der Studenten. (Brockhaus 1985: S. 666)

Die erste Bedeutung von Nation laut Brockhaus, mit der ich mich in dieser Arbeit beschäftigen möchte, setzt die Nation mit dem Staat in Verbindung. Im umgangssprachlichen Sinne werden diese Begriffe häufig synonym verwandt. Allerdings werden nationale Eigenschaften häufig gesondert betrachtet und sehr subjektiv interpretiert und aufgezählt. Man brauche nur fünf Deutsche Bürger aus verschiedenen Bundesländern zu fragen, was Nationalbewusstsein bedeutet und schon hat man fünf verschiedene Definitionen von ebendiesem Begriff. Nicht zu vergessen wäre im spezifisch deutschen Fall, dass viele Bürger den Begriff Nationalbewusstsein noch immer mit dem Nationalsozialismus verbinden und somit ein Problem haben, darüber zu sprechen, oder, wenn sie aus der Geschichte nicht gelernt haben, ausholen und fremdenfeindliche Äußerungen kundtun wollen. Somit rückt die Bezeichnung „Nationalbewusstsein“ den Begriff Nation in den Bereich von unterschiedlichen kulturellen Merkmalen eines bestimmten Gebiets, die zusammen genommen den Charakter von Nationen ausmachen sollen. Hier wäre auch der Begriff der „Kulturnation“ zu erwähnen. Doch ist es schwierig die Merkmale von „Nationalbewusstsein“ zu universalisieren, da dies ein höchst widersprüchliches Konzept birgt, das in der Vergangenheit häufig missbraucht wurde, um bestimmte Bevölkerungsgruppen vom nationalen Bewusstsein auszuschließen. Zudem variieren kulturelle Praktiken häufig innerhalb der „Nation“ und haben häufig einen eher regionalen Charakter. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Definition aus dem Brockhaus viele Fragen offen lässt bezüglich der Fragen, was ist das Nationalbewusstsein und warum gibt es in Nationen einen Willen zur Zusammengehörigkeit?

So schreibt Benedict Anderson: „Nation, Nationalität, Nationalismus – die Definition der Begriffe hat sich als notorisch schwierig erwiesen, von ihrer Analyse ganz zu schweigen. Im Gegensatz zu dem immensen Einfluss, den der Nationalismus auf die moderne Welt ausübt, steht es um seine theoretische Bewältigung auffallend schlecht.“ (Anderson 2005: S. 13)

Der liberale Geschichts- und Sozialwissenschaftler Hugh Seton-Watson, laut Anderson der Autor des besten und umfassendsten Werks über den Nationalismus in englischer Sprache resigniert und schreibt: So hat sich mir der Schluss aufgedrängt, dass man keine „wissenschaftliche Definition“ der Nation geben kann; das Phänomen hingegen existiert seit langem und es wird es auch in Zukunft geben.“ (Seton-Watson 1977: S. 5)

Wie dieses Problem gelöst werden kann, beschreibt Benedict Anderson in seinem Buch „Imagined Communities“ aus dem Jahr 1983. Zu seiner Definition der Nation komme ich im nächsten Kapitel.

3. Andersons Theorie: Die vorgestellte Nation

Der am 26. August 1936 in China geborene, US-amerikanische Politikwissenschaftler, britisch-irischer Herkunft, Benedict Richard O'Gorman Anderson, ist heute emeritierter Professor für International Studies an der Cornell University in Ithaca, New York. Bekannt wurde er 1983 mit seinem Werk Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, erschienen in London bei Verso. Wie der Titel seines Buches[2] schon sagt, setzt Anderson die Nation mit einer imaginierten Gemeinschaft gleich. Somit stellt er einen konstruktivistischen Ansatz zur Lösung des Problems der Definition von „Nation“ vor.

Im „anthropologischen Sinne schlage ich folgende Definition von Nation vor: Sie ist eine vorgestellte politische Gemeinschaft - vorgestellt als begrenzt und souverän.

Vorgestellt ist sie deswegen, weil die Mitglieder selbst der kleinsten Nation die meisten anderen niemals kennen, ihnen begegnen oder auch nur von ihnen hören werden, aber im Kopf eines jeden die Vorstellung ihrer Gemeinschaft existiert. (Anderson 2005: S. 15)

Die Idee der vorgestellten Nation taucht auch bei anderen Wissenschaftlern auf. So etwa bei Hugh Seton-Watson: „Dazu kann ich nur sagen: Eine Nation existiert dann, wenn sich in einer Gemeinschaft eine signifikante Zahl von Menschen so betrachtet oder so verhält, als bildeten sie eine Nation.“ (Seton-Watson 1977: S. 5) Auch Ernest Renan schreibt, „ Das Wesen einer Nation ist, dass alle einzelnen vieles gemeinsam und dass sie alle vieles vergessen haben.“ (Renan 1947-1961, Bd.1: S. 892)

Ernest Gellner hingegen bemüht sich so sehr um den Nachweis, der Nationalismus spiegele falsche Tatsachen vor, dass er jene „Erfindung“ mit „Herstellung“ von „Falschem“ assoziiert, anstatt mit „Vorstellen“ und „Kreieren“. Gellners Definition lautet: „Nationalismus ist keineswegs das Erwachen von Nationen zu Selbstbewusstsein: man erfindet Nationen, wo es sie vorher nicht gab.“ (Gellner 1964: S. 169) Dies ist nicht im Sinne Andersons, da dieser die „Kreativität“ von der Vorstellung in den Vordergrund rückt.

Das zweite Merkmal von Andersons „Nation“ ist die Begrenztheit von Nationen. „Die Nation wird als begrenzt vorgestellt, weil selbst die größte von ihnen mit vielleicht einer Milliarde Menschen in genau bestimmten, wenn auch variablen Grenzen lebt, jenseits derer andere Nationen liegen.“ (Anderson 2005: S. 16) Innerhalb dieser Grenzen kann die Nation souverän handeln. Anderson schreibt dazu:

Die Nation wird als souverän vorgestellt, weil ihr Begriff in einer Zeit geboren wurde, als Aufklärung und Revolution die Legitimität der als von Gottes Gnaden gedachten hierarchisch-dynastischen Reiche zerstörten. Dieser Begriff erlangte seine Reife in einem historischen Moment, als selbst die frommsten Anhänger jeglicher Universalreligion mit dem lebendigen Pluralismus solcher Religionen und dem Auseinandertreten von ontologischen Ansprüchen jeden Glaubens und seiner territorialen Ausdehnung konfrontiert waren. Deshalb träumen Nationen davon frei zu sein und dies unmittelbar- wenn auch unter Gott. Maßstab und Symbol dieser Freiheit ist der souveräne Staat. (Anderson 2005: S. 16f)

Das vierte Merkmal von Nationen ist laut Anderson, der gemeinschaftliche Verbund von Gleichen innerhalb einer Nation.

Schließlich wird die Nation als Gemeinschaft vorgestellt, weil sie, unabhängig von realer Ungleichheit und Ausbeutung, als „kameradschaftlicher“ Verbund von Gleichen verstanden wird. Es war diese Brüderlichkeit, die es in den letzten zwei Jahrhunderten möglich gemacht hat, dass Millionen von Menschen für so begrenzte Vorstellungen weniger getötet haben als vielmehr bereitwillig gestorben sind. (Anderson 2005: S. 16)

Als Beispiel für dieses Phänomen nennt Anderson die Ehrenmäler und Gräber der Unbekannten Soldaten, von denen niemand wirklich weiß, was darin enthalten ist. „Doch so entleert von bestimmbaren menschlichen Überresten oder unsterblichen Seelen diese Gräber auch sind, so übervoll sind sie von gespenstischen nationalen Vorstellungen.“ (Anderson 2005: S. 18)

[...]


[1] (Anderson im Interview mit Lorenz Khazaleh, Universität Oslo 2005)

[2] Die deutsche Übersetzung mit dem Titel „Die Erfindung der Nation“ trifft den Sinn von Anderson nicht, da die Imagination frei und subjektiv, ja sogar anarchistisch ist; hingegen ist die erfundene Nation bereits erfunden worden. Von wem und mit welchen Absichten? Diese Überlegung ist nicht im Sinne von Andersons Theorie und deshalb möchte ich die deutsche Übersetzung im Buchtitel kritisieren.

Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640555895
ISBN (Buch)
9783640555611
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v145019
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
Hybridität Nation Mexiko Geschichte Octavio Paz Sor Juana

Autor

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