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Tessa de Loo "Die Zwillinge" - Ein Buch-Film-Vergleich

Unter besonderer Berücksichtigung der literarischen Figurenkonstellation und ihrer filmischen Adaption

Examensarbeit 2006 106 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Autorin Tessa de Loo
2.1 Biographie
2.2 Tessa de Loos Begegnung mit Maria Hesse

3 Der Roman „Die Zwillinge“
3.1 Inhalt
3.2 Aufbau
3.3 Thematik
3.4 Erzählperspektive

4 Die Figurenkonstellation im Roman
4.1 Anna Bamberg
4.1.1 Annas Beziehung zu Lotte
4.1.2 Weitere Figuren in Annas Umfeld
4.2 Lotte Rockanje
4.2.1 Lottes Beziehung zu ihrem Pflegevater
4.2.2 Lottes Beziehung zu Anna
4.2.3 Weitere Figuren in Lottes Umfeld

5 Der Film „Die Zwillinge“
5.1 Der Regisseur Ben Sombogaart
5.2 Inhaltliche Abweichungen von der Romanvorlage
5.3 Sequenzprotokoll

6 Die Figurenkonstellation im Film
6.1 Anna und Lotte als junge Mädchen
6.2 Anna Bamberg
6.2.1 Annas Beziehung zu Lotte
6.2.2 Weitere Figuren in Annas Umfeld
6.3 Lotte Rockanje
6.3.1 Lottes Beziehung zu ihrem Pflegevater
6.3.2 Lottes Beziehung zu Anna
6.3.3 Weitere Figuren in Lottes Umfeld
6.4 Anna und Lotte im Alter

7 Buch-Film-Vergleich
7.1 Zentrale Ergebnisse des Buch-Film-Vergleichs im Allgemeinen
7.2 Buch-Film-Vergleich unter besonderer Berücksichtigung der
Figurenkonstellation

8 Schluss

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: http://www.film.pl/images/galeria/200509/0_20050922-144903- 66704500.jpg

Abb. 2: http://www.satt.org/film/04_10_zwillinge.html

Abb. 3: http://www.diezwillinge-derfilm.de/bilder.php?nr=8

Abb. 4: http://film.onet.pl/_i/film/b/blizniaczki/g/g26.jpg

1 Einleitung

Gegenstand dieser Arbeit ist die vergleichende Analyse von Tessa de Loos Roman „Die Zwillinge“ und der Verfilmung Ben Sombogaarts.

Das Buch erzählt die Geschichte zweier Schwestern, die im Kindesalter getrennt werden, wobei die eine in Deutschland, die andere in den Niederlanden aufwächst. Jahrzehnte später treffen sie sich wieder, doch vor allem die politischen Umstände im nationalsozialistisch geprägten Deutschland bereiten den Zwillingsschwestern Schwierigkeiten, auf zwischenmenschlicher Ebene wieder zueinander zu finden.

Noch heute, sechzig Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges, ist das Thema der Beziehung zwischen den Niederlanden und Deutschland von erstaunlicher Aktualität. Selbst aus einer niederländisch-deutschen Familie stammend, werde ich häufig mit Spannungen zwischen den Nachbarländern konfrontiert. Und auch über meine persönlichen Erfahrungen hinaus belegen Studien[1], dass insbesondere das Deutschlandbild jugendlicher Niederländer, trotz oder gar wegen geringer Kenntnisse primär negativ geprägt und zum Teil fortwährend auf die Besetzungszeit zurückzuführen ist.[2]

Indem die Autorin in ihrem Roman den zweiten Weltkrieg größtenteils aus Sicht einer durchschnittlichen, politisch unvorbelasteten Deutschen schildert, die mit der sturen Unversöhnlichkeit ihrer Schwester konfrontiert wird, bricht der Roman mit dem in den Niederlanden verbreiteten und mit Vorurteilen belasteten Bild der Deutschen. Hinsichtlich der Überzeugungskraft des Romans erscheint besonders die Figurengestaltung von großer Bedeutung. Einerseits ergibt sich ihr hoher Stellenwert aus der Tatsache, dass die Figuren Handlungsträger und damit unverzichtbar für die Dramaturgie des erzählten Geschehen sind, andererseits ist die glaubwürdige und interessante Darstellung der Charaktere die Grundvoraussetzung für einen authentischen Roman.

Die im Jahre 2002 unter der Regie von Ben Sombogaart entstandene Verfilmung von „Die Zwillinge“ versucht, die in dem Bestseller geschilderten Charaktere getreu der Buchvorlage in das Medium Film zu adaptieren. In einer vergleichenden Analyse soll herausgearbeitet werden, wie die von Tessa de Loo gezeichneten Figuren filmisch umgesetzt werden und welche Wandlung der literarische Stoff hinsichtlich der Intermedialität durch die Verfilmung erfährt. Darüber hinaus scheit es mir sinnvoll zu analysieren, welcher Mittel sich die Filmproduzenten bedienen, um die Persönlichkeiten der Protagonistinnen glaubwürdig darzustellen.

Beginnend mit einigen notwendigen Vormerkungen über die Autorin und ihr Werk folgt die Analyse der Figurenkonstellation innerhalb des Romans, wobei insbesondere die beiden Protagonistinnen Anna und Lotte und ihre Beziehung zueinander in den Blick genommen werden. Über die Konstellation der Nebenfiguren wird in der literarischen ebenso wie in der filmischen Analyse lediglich ein grober Überblick gegeben. Die Beziehung Lottes zu ihrem Pflegevater erhält eine gesonderte Stellung, da sie wesentlich zu der persönlichen Entwicklung der in den Niederlanden aufwachsenden Romanfigur beiträgt.

Als wichtige Grundlage für die systematische Filmanalyse dient das Sequenzprotokoll, welches den Film in Einheiten unterteilt und diese schriftlich fixiert.

Auch die Literaturverfilmung wird bezüglich der Figurendarstellung beleuchtet. Dabei beschränkt sich die Untersuchung auf einige markante Szenen, anhand derer die filmische Umsetzung exemplarisch analysiert wird. Daran anschließend soll ein Buch-Film-Vergleich im Allgemeinen und unter der Berücksichtigung der Figurenkonstellation die zentralen Ergebnisse der Arbeit herausarbeiten.

2 Die Autorin Tessa de Loo

2.1 Biographie

Am 15. Oktober 1946 wird Tessa de Loo als Johanna Martina (Tineke) Duyvené de Wit in dem niederländischen Bussum geboren. Ihre ersten Lebensjahre verbringt die Tochter eines Chemikers in Hilversum und Amsterdam. Im Alter von fünf Jahren zieht sie als Älteste von drei Kindern gemeinsam mit ihrer Familie in die Gemeinde Oss der Provinz Brabant. Dort besucht sie entgegen der Vorstellung ihrer atheistischen Eltern zunächst eine protestantische, später eine katholische Schule, von deren Gottesdiensten sie jedoch ausgeschlossen wird. In dem katholischen Milieu wird neben Tineke auch der Rest ihrer Familie schon bald zu Außenseitern.[3]

Auch in der Pubertät findet sie keinen Anschluss zu Gleichaltrigen. Während andere Jugendliche soziale Kontakte pflegen, gilt das Interesse des jungen Mädchens der Literatur. Doch die in dem Oss der 50er Jahre herrschende katholische Hierarchie hindert sie daran, ihrer Leidenschaft nachzugehen. Bücher, für die sie sich begeistert, werden in der örtlichen Bibliothek unter Zensur gestellt.[4]

Tineke wächst in einem sozialen Umfeld auf, das von den Erfahrungen aus der Besatzungszeit und dem zweiten Weltkrieg geprägt ist. Die Großmutter schildert ihrer Enkelin zum Teil grausame Geschichten über Razzien und Angstzustände der vor den Besatzern geflüchteten Menschen. Während des Krieges hält die Großmutter zwölf Untergetauchte in ihrem Haus versteckt, darunter einen, der sich in die Tochter des Hauses verliebt und später Tinekes Vater wird.[5]

Jene Erzählungen prägen bereits in frühen Jahren das Deutschlandbild des jungen Mädchens. Doch nicht nur ihre Großmutter, so de Loo, auch „der Unterricht in der Schule, die Kommentare meiner Eltern zu Hause, die Atmosphäre im ganzen Land waren und sind oft noch heute bestimmt von einem reinen Schwarzweißdenken“[6]. Ihnen zufolge scheinen die östlichen Nachbarn die „incarnatie van ‚het kwade’“[7] zu sein.[8]

Die Ängste, die de Loos Eltern zu Zeiten des Nationalsozialismus ausstehen, prägen sie auch noch nach der Befreiung, wodurch ihre Tochter mit dem Motto „vertrouw nooit een mof“[9] aufwächst. Demzufolge überrascht ist Johanna Martina, als sie 1955, im Alter von neun Jahren, ihre in Köln lebende Tante besucht. Entgegen ihrer Erwatungen „niets dan monsters aan te treffen“[10] sah es auf der anderen Seite der Grenze nicht viel anders aus als in den Niederlanden.[11]

Infolge eines inspirierenden, schulischen Literaturunterrichtes beginnt Tineke im Alter von fünfzehn Jahren Kurzgeschichten zu schreiben und entschließt sich nach ihrem Schulabschluss in Utrecht Niederlandistik zu studieren. Ihr Studium bricht sie jedoch ab als 1971, fünf Jahre nach ihrer Hochzeit mit einem Bauingenieur, ihr Sohn Joris geboren wird. Vom Stadtleben in Utrecht ermüdet, zieht es die junge Familie auf das Land in „de Achterhoek“.[12]

Bereits zwei Jahre später zieht de Loo mit Joris und ihrem Mann nach Texel, wo sie, wie auch in „de Achterhoek“, an einer Schule unterrichtet. Auf der westfriesischen Insel entschließt sie sich, ihr Leben dem Schreiben zu widmen und zieht 1976 zurück nach Utrecht, um dort ihr Studium wieder aufzunehmen. Doch nach Ansicht der Schriftstellerin lässt sich das Geschichtenschreiben, mit dem sie kurz vor ihrem Examen ernsthaft beginnt, nicht mit dem Studieren vereinbaren, woraufhin sie ihr Niederlandistikstudium endgültig aufgibt.

In Folge eines Aufrufes in einer niederländischen Zeitschrift, der Frauen zum Schreiben ermuntern soll, verfasst sie zwei anekdotische Kurzgeschichten, die 1975 und 1978 publiziert werden.

Inzwischen geschieden, zieht sie 1980 mit ihrem Sohn in die Provinz Groningen.

Diverse Zeitschriften weisen ihre Geschichten ab, bis 1983 unter ihrem neuen Pseudonym „Tessa de Loo“ die Kurzgeschichten „De muziekles“ und „De meisjes van de suikerwerkfabriek“ veröffentlicht werden.[13]

Vom Großstadtleben angezogen treibt es sie Mitte der achtziger Jahre zurück nach Amsterdam, wo sie Anfang der neunziger Jahre mit dem Schreiben des Romans „De Tweeling“ beginnt. Nachdem der Roman 1993 in den Niederlanden veröffentlich wird, entschließt sich die Schriftstellerin aufgrund ihres Bedürfnisses in einer neuen Umgebung zu leben dazu, die Niederlande zu verlassen und nach Portugal auszuwandern.[14]

Zu ihrem Pseudonym „Tessa de Loo“ wird die Autorin vorrangig von einer belgischen Gemeinde inspiriert. Als sie nach an einem Sommerurlaub auf dem Rückweg in die Niederlande in die Ortschaft fährt, springt ihr gleich der Name auf dem Eingangsschild ins Auge: „Tessenderloo“. An ihrem Spitzname Tineke hatte sie noch nie Gefallen gefunden, woraufhin sie sich einen neuen Vornamen aneignet. Den Namen Tessa kombiniert sie aus dem der Insel Texel (sprich: Tessel), wo sie einige Lebensjahr verbringt und zu ihrer Berufung als Schriftstellerin findet, und dem der heiligen „Theresia“, deren Namenstag am ihrem Geburtstag gefeiert wird. Den fingierten Namen „de Loo“ entnimmt sie dem Nachnamen ihrer Urgroßmutter „Van Loo“.[15]

Zu den erschienen Werken der Autorin gehören unter anderem „Meander” (1986), „Het rookoffer” (1987), „Het mirakel van de hond” (1988), „Isabelle” (1989), „Alle verhalen tot morgen” (1995), „Een gevaar op de weg” (1999) und „De zoon uit Spanje” (2004). Unter den Titeln „Die Mädchen von der Süßwarenfabrik“ (1998), „Der Traumpalast“ (2000) und „Der gemalte Himmel“ (2001) wurden einige ihrer Werke in die deutsche Sprache übersetzt.

Ihr Roman „De Tweeling“, welcher zwei Jahre nach der Erstveröffentlichung ins Deutsche übersetzt wird, wird de Loos erfolgreichstes Buch. Insgesamt drei Jahre schreibt sie an der Geschichte, wobei die Autorin viel Wert auf die Exaktheit der Zeitangaben innerhalb der Erzählung legt und dafür gründlich recherchiert.

1994, ein Jahr nach der Veröffentlichung, gewinnt der Roman, von dem bis zum Ende der neunziger Jahre 500.000 Exemplare verkauft werden[16], den Publikumspreis der Zeitung „Trouw“.[17] „De Tweeling“ wird in insgesamt fünfzehn Sprachen übersetzt und steht in Deutschland wochenlang auf den Bestsellerlisten.

2002 wird der erfolgreiche Roman von dem niederländischen Regisseur Ben Sombogaart verfilmt. Tessa de Loo war anfangs, so berichtet der Regisseur, „behoorlijk geschokt over wat ze aantrof in het scenario”[18]. Besonders die unzähligen Kürzungen der Buchvorlage haben sie erschüttert. Doch mit der Zeit beginnt sie, ihren Blick auf das gesamte Werk zu richten und lernt das Projekt dem Regisseur zu überlassen.[19]

2.2 Tessa de Loos Begegnung mit Maria Hesse

In einer Pension in Frankreich, wo de Loo an ihrem Roman „Meander“ schreibt, lernt sie 1985 die siebzigjährige Maria Hesse kennen.[20]

Das erste Mal begegnet sie der von den anderen niederländischen Gästen gemiedenen Deutschen im Speisesaal. De Loos anfänglicher Eindruck von der Frau ist schockierend: Kurze Zeit zuvor hatte sie im Fernsehen einen Prozess über das Konzentrationslager Majdanek verfolgt, der in dem Prozess angeklagten „blutige(n) Britta“[21] Maria Hesse zum Verwechseln ähnlich sieht. Wie die deutsche Kriegsverbrecherin empfindet die Niederländerin auch Hesse als aufdringlich, laut und dominant, Eigenschaften, die ihrer Ansicht entsprechend „typisch deutsch“ sind.[22]

Trotz ihrer von Vorteilen belasteten, distanzierten Haltung kommt die damals 38-jährige Schriftstellerin mit der Fremden in Kontakt. Bereits nach kurzer Zeit stellt de Loo fest, dass sie „duizendmaal boeiender was dan al die suffe, alleen in zichzelf geinteresseerde Nederlanders“ und ihr gefällt Hesses „heel onduits(e)”[23] Humor. Die intensiven Gespräche mit Maria Hesse, welche maßgeblich den zweiten Weltkrieg thematisieren, lassen die Autorin nicht mehr los. Nachdem Hesse sie mit der ihrer Ansicht nach gängigen, aber missverstandenen Auffassung der Mitschuld von „normalen“ deutschen Bürger am zweiten Weltkrieg konfrontiert, ist es auch Tessa de Loo ein Anliegen, sich näher mit der Kontroverse von Schuld und Unschuld auseinanderzusetzen. Die Siebzigjährige zeigt ihr die verfälschte Wahrnehmung von der deutschen Bevölkerung, die de Loos Generation prägt, auf und kritisiert die Selbstverständlichkeit, mit der die Niederländer das beschmutzte Deutschlandbild hinnehmen.[24] Die Schriftstellerin wird sich ihrem festgefahrenen und durch die Eltern geprägten Anti-Deutschlandbild bewusst, welches sich jedoch durch die Auseinandersetzung mit der an dem Krieg und seinen Folgen interessierten Maria Hesse zunehmend verändert.[25]

Wie Maria Hesse ihr versichert, besteht das deutsche Volk nicht nur aus Tätern, auch sie wurde 1933 Opfer der Diktatur. Sie legt großen Wert darauf, die „Wahrheit“ über das Leben im nationalsozialistischen Deutschland darzulegen. Hesse versucht, dem „Wir haben es nicht gewusst“-Image der Deutschen Inhalt zu verleihen und erklärt etwa, sie habe die Existenz von Konzentrationslagern wahrhaftig nicht in Erwägung gezogen.[26] Dies versucht de Loo in dem Roman „De Tweeling“ auch ihren Lesern begreiflich zu machen. Denn der Meinungsaustausch mit Maria Hesse inspiriert die Schriftstellerin so sehr, dass sie sich Ende 1989 entschließt, ein Buch über das problematische Verhältnis zwischen den Nachbarländern zu schreiben, basierend auf den traumatischen Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg.[27]

Anhand von Maria Hesses Lebensgeschichte kreierte die Autorin die Figur Annas, welche in „De Tweeling“ die deutsche Protagonistin verkörpert. Um ihre persönliche Entwicklung nachvollziehen zu können, reist de Loo gemeinsam mit Hesse in die ehemalige DDR und nach Polen, wo diese gelebt und als Krankenschwester beim Roten Kreuz gearbeitet hat.[28]

„Die Erzählungen, der persönliche Kontakt, all die Episoden, die über das bisher fast ausschließlich schwarzgezeichnete [sic!] Bild vom Nachbarn hinausgingen, veränderten Tessa de Loos Sicht.“[29] Zunehmend stellt sie das Feindbild ihrer Eltern und Großeltern, aber auch das des gesamten niederländischen Volkes gegenüber Deutschland in Frage und ihre pauschale Ablehnung macht einem differenzierteren Bild von dem östlichen Nachbarn Platz.

Mit ihrem Roman versucht Tessa de Loo ein „tegenwicht te bieden aan het anti-Duitse sentiment in Nederland”[30]. Indem sie auf Konfrontationskurs geht, will die Autorin Verständnis der Völker füreinander wecken, Feindbilder abbauen und insbesondere eine versöhnliche Annäherung der Niederländer und Deutschen bewerkstelligen.

Neben ihrer deutschen Freundin widmet die Schriftstellerin ihrer Mutter Wilhelmina Hendrika van Munster den Roman, der zum Teil auch vor ihrem lebensgeschichtlichen Hintergrund entsteht. Während die deutsche Protagonistin Anna die Lebensgeschichte von Maria Hesse widerspiegelt, ist die Figur der in den Niederlanden aufwachsenden Lotte laut de Loo „een fictief mengsel van mij in relatie tot mijn Duitse vriendin en mijn moeder. Een deel van de Nederlandse geschiedenis is gebaseerd op mijn familiegeschiedenis”[31]. Dementsprechend enorm ist der Roman von autobiographischen Einflussfaktoren geprägt.

Die Figur Lottes veranschaulicht demnach, wie ihre Mutter und Tessa de Loo selbst aufgewachsen sind, während Anna das vergegenwärtigt, was sie später dazugelernt hat.[32] Nicht nur ihre Wut verarbeitet die Autorin in dem Roman, auch einige Gesprächssituationen, die sie mit der Deutschen durchlebt, bilden die Vorlage für Dialoge zwischen den beiden Schwestern in „De Tweeling“.

Die fertige Fassung allerdings bleibt Maria Hesse verwehrt. Einen Monat bevor „De Tweeling“ 1993 in den Niederlanden erscheint, stirbt die damals 77-jährige an Krebs.[33]

3 Der Roman „Die Zwillinge“

3.1 Inhalt

In einem belgischen Kurort in Spa sucht die in den Niederlanden lebende Lotte Goudriaan Linderung ihrer Arthrose. Schon bald jedoch wird die Ruhesuchende von einem aufdringlichen Gast gestört, der sich infolge einer kurzen Unterhaltung als ihre Zwillingsschwester Anna herausstellt. In Rückblicken in die Vergangenheit erzähl-en sich die Schwestern, die eine voller Enthusiasmus, die andere mit Widerwillen, ihre Lebensgeschichten. Den zentralen Gegenstand ihrer Schilderungen bilden dabei die Erinnerungen an die Zeit des zweiten Weltkrieges.

Nach dem Tod ihrer Eltern 1922 werden die Schwestern im Alter von sechs Jahren durch ihre Verwandten getrennt. Die gesunde und arbeitsfähige Anna wird von ihrem Großvater und dem Onkel auf deren Bauernhof in Ostwestfalen aufgenommen, während die schwächere, unter Tuberkulose leidende Lotte zu den niederländischen Familienangehörigen ins Nachbarland zieht.

Täglich muss sich Anna auf dem Bauernhof abschuften, während die kaltherzige Tante das junge Mädchen schikaniert und sie als zusätzliche Arbeitskraft ausnutzt. Ohne ihr Wissen bezeichnet Onkel Heinrich Anna in einer Mündelakte als schwachsinnig, womit er ihr die Möglichkeit auf eine schulische Ausbildung verwehrt. Anna leidet neben der Trennung von ihrer Zwillingsschwester vor allem unter dem Missbrauch durch ihren neuen Vormund und wendet sich Hilfe suchend an Pastor Jacobsmeyer. Dieser verständigt die Kinderfürsorge, die Anna in einem Kloster unterbringt.

Derweil wird ihre Schwester von der niederländischen Pflegmutter, die sich fürsorglich um Lotte kümmert, wie ein eigenes Kind aufgenommen. In idyllischem Umfeld wächst Lotte mit sechs Geschwistern auf und genießt eine sorgenfreie Kindheit. Sie erholt sich von ihrer Krankheit, erhält hervorragende schulische Noten und widmet sich in der Freizeit ihren Vorlieben Gesang und Klavierspielen. Lotte genießt öffentliche Auftritte mit ihrem Chor, während ihr Talent von Musikkritikern gelobt wird. Lediglich ihr egozentrischer Pflegevater stört die Familienharmonie.

Inzwischen ist Adolf Hitler in Deutschland zum Reichskanzler ernannt worden. Nachdem Anna die Nonnenschule verlässt und auf den Hof zurückkehrt, bemerkt sie nur wenige Veränderungen in der Gemeinde. Auf den Wunsch des Pastors, einem entschiedenen Gegner Hitlers hin, löst sie als Leiterin der Jungfrauenkongregation den dörflichen Bund deutscher Mädchen auf. Schon bald allerdings fühlt Anna sich eingeengt in dem konservativen, katholischen Dorf, woraufhin Jacobsmeyer ihr zu einer Ausbildungsstelle an der Hauswirtschaftsschule in Köln verhilft. Über ihre erste penible Arbeitgeberin verstimmt, wechselt die ausgebildete Haushälterin auf den Landsitz der Gräfin von Falkenau. Lotte, die sich nach ihrer Schwester sehnt, besucht Anna auf dem Gut in Deutschland. Die Begegnung stellt sich jedoch als eine Enttäuschung heraus. Anna ist verbittert über ihr, im Vergleich zu der Schwester, trübes Schicksal und versucht die Anwesenheit Lottes zu ignorieren.

Kurze Zeit nachdem in Deutschland der Krieg ausbricht, lernt Anna den österreichischen Wehrmachtssoldaten Martin Grosalie kennen, der Hitlers Plänen ebenfalls kritisch gegenübersteht. Martin und sie pflegen einen über Jahre andauernden Briefverkehr.

Die Niederlande ist von den Deutschen besetzt, als Lottes Familie in ihrem Haus jüdische Flüchtlinge und Widerstandskämpfer aufnimmt. Gemeinsam mit ihnen versuchen sie die Zeit des Krieges zu überstehen. Doch die folgenden Jahre im Haus ihrer Eltern sind geprägt von Hunger und Angst.

Lotte verliebt sich in den jüdischen David, der bei einer Razzia festgenommen und in ein Konzentrationslager deportiert wird. Sein Tod stürzt Lotte in eine schwere Identitätskrise. Sie steht im Zwiespalt zwischen der Verbundenheit mit ihrem Herkunftsland und der Ablehnung des dortigen Regimes.

Anna folgt ihrer Arbeitgeberin auf ein Schloss in West-Preußen, welches sie im Auftrag der Gräfin mit Hilfe von russischen und polnischen Kriegsgefangenen renoviert. Für einen kurzen Aufenthalt reist Anna nach Wien um dort ihren Freund zu heiraten. Von einer Granate getroffen, stirbt Martin bereits zwei Jahre nach ihrer Trauung. Auf seinen Wunsch hin engagiert sie sich nach seinem Tod als Rotkreuz-Schwester in Lazaretten.

Das in den Niederlanden lang ersehnte Ende des Krieges naht und die Flüchtlinge

und Familienmitglieder zerstreuen sich. Lotte heiratet den Geigenbauer Ernst Goudriaan, der während des Krieges in dem Haus ihrer Eltern untergetaucht war.

Aus der Kriegsgefangenschaft entlassen führt Annas Weg sie zurück nach Ostwestfalen. Sie beginnt eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin und rechnet endgültig mit ihrer skrupellosen Stieftante ab.

Kurz darauf folgt ein zweites Wiedersehen der Zwillinge. Anna sehnt sich nach ihrer Schwester und besucht diese in den Niederlanden, wo sie erstmals zu spüren bekommt, was es von nun an heißt, eine Deutsche zu sein. Auch dieses Treffen wird eine große Enttäuschung. Lotte weigert sich Kontakt mit ihrer Schwester aufzunehmen, die für sie eine Repräsentantin des von ihr verachteten deutschen Volkes darstellt.

Als das Schicksal sie Jahrzehnte später im belgischen Kurort Spa noch einmal aufeinander treffen lässt, hat Lotte ihre Einstellung nicht geändert. Auch in hohem Alter trennt die Zwillinge noch immer mehr als nur die Staatsgrenze. Anna versucht sich zu rechtfertigen und ringt um das Verständnis der Schwester für ihre Position im ehemaligen Nazi-Deutschland. Erst als Anna während eines Moorbades an einem Herzinfarkt stirbt, schämt sich Lotte für ihre Sturheit.

3.2 Aufbau

Der Roman „De Tweeling“ gliedert sich in drei Teile: „Interbellum“ (Zwischen den Kriegen), „Oorlog“ (Krieg) und „Vrede - Apès le déluge encore nous“ (Frieden - Apès le déluge encore nous), was übersetzt der Redewendung „Nach uns die Sintflut” entspricht.

Bei ihrem Wiedersehen in Spa berichten die Schwestern sich, wie ihr Leben getrennt voneinander verlaufen ist. Dabei beginnen sie in „Interbellum“ vorerst bei Geschichten aus ihrer Kindheit nach dem sechsten Lebensjahr und erzählen anschließend über ihr Leben als Jugendliche und junge Frauen.

Das Kapitel „Oorlog“ macht mit einem Umfang von 194 der insgesamt 435 Seiten den größten Teil des Romans aus. In ihm wird ebenfalls in Retrospektiven vom weiteren Lebensverlauf der beiden Schwestern erzählt. Durch die starke Gewichtung auf die Zeit zwischen 1939 und 1945 verdeutlicht die Autorin den besonderen Stellenwert des zweiten Weltkrieges und dessen Einfluss auf die Lebensgeschichten der beiden Frauen.

Der „Vrede – Apès le déluge encore nous“ lautende dritte Teil des Buches thematisiert das Leben der beiden Frauen in der Nachkriegszeit.

Der Roman verbindet zwei verschiedene Zeitebenen miteinander. Von der in der Quellenstadt Spa ablaufenden, gegenwärtigen Rahmenhandlung aus, blicken die beiden Frauen in frühere Zeiten zurück und berichten sich gegenseitig, im Tempus der Vergangenheit, ihre Lebensgeschichte.

Die drei Teile des Romans sind untergliedert in einzelne, unbetitelte Kapitel, zu deren Beginn die Geschichte häufig zurück in die Rahmenhandlung findet und die Leserinnen und den Leser[34] von dort aus wieder auf die Reise in die Vergangenheit führt.

Die Abfolge der Retrospektiven verläuft chronologisch, beginnend bei Ereignissen aus der Kindheit. Zu Jugendlichen beziehungsweise jungen Frauen herangereift, werden darauf folgend ihre Erlebnisse während des Krieges und Geschichten aus ihrem Leben in der Nachkriegszeit beschrieben. Letzen Endes sind die Frauen bereits im Alter von 74 Jahren, als sie in dem belgischen Kurort erneut aufeinander treffen.

3.3 Thematik

„Wanneer zij tweeën, tegelijk geboren uit dezelfde moeder, liefgehad door dezelfde vader, er niet in zouden slagen over domme, door de geschiedenis opgeworpen hindernissen heen te stappen, wie zou daar dan wel toe in staat zijn?” (S.429)[35]

Dieser Appell, der Anna in Gedanken an ihre Schwester richtet, entspricht de Loos Aufforderung zur Annäherung und Versöhnung der beiden Nationen, welche die Autorin an ihre Leser richtet. Bernd Müllers Aussage nach zu urteilen, geht der Roman, indem er „die deutsch-niederländische Sprachlosigkeit zum zentralen Thema einer Familientragödie macht, [...] weiter als alle seine Vorläufer“[36].

Die beiden Schwestern fungieren als Repräsentantinnen der beiden Nachbarländer, mittels derer Tessa de Loo ihrem Volk die vertrauten Klischees und Stereotypen vor Augen führt. Gleichzeitig zeichnet sie anhand der deutschen Protagonistin ein dem gewohnten Muster kontrastierendes Image und will damit der „klischierter(n) Erstarrung ein vielgestaltigeres Deutschlandbild entgegensetzen“[37].

Die Unfähigkeit zur Verständigung und Aussöhnung zwischen den Völkern stellt, insbesondere durch die Figur Lottes veranschaulicht, das zentrale Thema des Romans dar. Dementsprechend bedeutend ist de Loos Versuch, anhand unverschleierter Schilderungen aus Annas Lebensalltag ihre Einstellung verständlichen zu machen.

Scheinbar gezielt wählt die Autorin das belgisches Spa als Ort des Zusammentreffens aus: Der Kurort stellt einen neutralen Ort dar, an dem allerdings an historische Ereignisse aus der Zeit des Nationalsozialismus erinnert wird. Mehrmals begegnen den Zwillingsschwestern Denkmäler von deutschen Gefallenen (vgl. S.11) aus dem zweiten Weltkrieg. Dieser stellt den zeitlichen Rahmen dar, vor dessen Hintergrund sich die Lebensgeschichten der beiden Frauen überwiegend abspielen.

Und obwohl die deutsche Protagonistin stirbt, bevor sich die Schwestern versöhnen können, beweist die Autorin, dass auch unterschiedliche Perspektiven aus jener Zeit des Grauens in innerer Plausibilität nebeneinander stehen können.

„De Tweeling“ ist den literarischen Werken der neunziger Jahre zuzuordnen, die der Wissenschaftler Bernd Müller als jene beschreibt, „die sich aus dem Bann des historischen Traumas lösen können und die mit den gegenseitigen Vorbehalten und Klischees ins Gericht gehen“[38].

3.4 Erzählperspektive

Um die ungleichen Charaktere der beiden Schwestern gleichermaßen darzustellen, nutzt Tessa de Loo die auktoriale Erzählperspektive. Durch Allwissenheit gekennzeichnet, schildert der Erzähler von „außen“ betrachtet die unterschiedlichen Perspektiven Annas und Lottes.

Dass sich die Autorin selbst stärker mit der niederländisch-deutschen Schwester identifiziert, zeigen einige Einschränkungen in der Erzählhaltung. In dem Beispiel „Samen liepen ze door de imposante gang naar de kleedhokjes. Samen – wat een woord.“ (S.41) ist der erste Teil des Satzes eindeutig dem auktorialen Erzähler zuzuordnen, während der zweite Teil „Samen – wat een woord“ die Gedanken Lottes widerspiegelt. Dies ist daran zu erkennen, dass Lotte diejenige Zwillingsschwester ist, welche ihr Zusammensein als befremdlich empfindet. Bestätigt wird die Identifikation der Autorin mit der Figur Lottes außerdem in der Tatsache, dass in erhöhtem Maße Lottes Gedanken für den Leser aufgezeigt werden, wohingegen Anna eher über ihre Aussagen Charakter erhält.

Abgesehen davon ist die Erzählweise bezogen auf die beiden Hauptfiguren beinahe identisch. Anders ist dies hinsichtlich der Nebenfiguren, dort findet sich die soeben dargelegte Definition der Erzählperspektive nicht bestätigt. Die Nebenfiguren werden hauptsächlich aus den Augen der Protagonisten personifiziert, über ihre Gedanken und Empfindungen erhält der Leser demnach kaum Information. Dadurch erreicht die Autorin, dass sich die Identifikationsmöglichkeiten für den Leser auf die beiden Schwestern beschränken.

Die Erzählhaltung in „De Tweeling“ hat einen von dem Leser nicht unbedingt bewusst wahrgenommenen Einfluss auf ihn. Die Figur Annas wird deutlich positiver charakterisiert als die der niederländischen Schwester. Trotzdem wird dem Rezipienten die Möglichkeit geboten sich mit der Niederländerin ebenso wie auch mit der deutschen Figur zu identifizieren, was der Intention de Loos entspricht, bei dem Leser Verständnis für beide Positionen zu wecken.

4 Die Figurenkonstellation im Roman

Die Geschichte des Romans dreht sich vorrangig um die Zwillingsschwestern Anna und Lotte. In alternierenden Retrospektiven und gegenwärtigen Diskussionen sind sie über den gesamten Verlauf der Erzählung anwesend, was neben ihrer zentralen und umfassenden Bedeutung für die Erzählung die Einordnung als Hauptfiguren rechtfertigt.

Die figurale Darstellung anhand von Erzählberichten, Verhaltensweisen sowie Dialogen stellt in dem Roman jenes Mittel dar, mit dem de Loo ihre Helden maßgeblich skizziert.

Im Umfeld der beiden Protagonistinnen tauchen Personen auf, die für die Entwicklung der Hauptcharaktere durchaus Bedeutung besitzen, jedoch keine von den Hauptfiguren unabhängig relevante Entwicklung vollziehen. Darüber hinaus begleiten die Figuren im sozialen Umfeld Annas und Lottes sie jeweils nur ein Stück ihres Lebensweges.

Es ist der Autorin gelungen, Figurenprofile zu entwerfen, die in hohem Maße differenziert und in ihrer Individualität glaubwürdig sind. Hierzu wendet sie verschiedene Charakterisierungstechniken an. Zum einem nehmen die Figuren in „De Tweeling“ anhand ihrer Handlungsweisen Gestalt an, zum anderen über ihre Aussagen, besonders innerhalb der Dialoge.

Um einen Eindruck von der äußerlichen Erscheinung der Figuren, dem sozialen Verhalten und ihrer Wirkung auf das gesellschaftliche Umfeld zu erhalten, kommt den Deutungen und zum Teil wertenden Kommentaren anderer Romangestalten große Bedeutung zu. Festzuhalten ist jedoch, dass de Loo dieses indirekte Mittel der Personenbeschreibung über Aussagen anderer Romanfiguren auf sehr undifferenzierte Weise nutzt, da meist nur wenige Gestalten zu den beiden Protagonistinnen Stellung nehmen.

Unter dem Aspekt der Figurenkonstellation soll untersucht werden, in welcher Beziehung die Figuren zueinander stehen und es gilt zu analysieren, auf welche Weise sich die Hauptcharaktere im Laufe der Geschichte entwickeln. Zu den zu analysierenden Personen gehören primär die beiden Protagonistinnen Anna Bamberg und Lotte Rockanje, während über die Konstellation den Nebenfiguren lediglich ein kurzer Überblick gegeben wird.

4.1 Anna Bamberg

Bei der Charakterisierung, der als Hauptfigur apostrophierten Anna leistet die Fremdthematisierung[39] einen bedeutenden Beitrag. Viele explizite Informationen über die Person erhält der Leser durch die Außenbetrachtung anderer Romanfiguren, insbesondere der von Lotte.

Die Darstellung Annas im Dialog mit ihrer Schwester innerhalb der Rahmenhandlung in Spa beruht allerdings nicht auf einer sachlichen Beobachtung des Erzählers, sondern spiegelt die Wirkung der Figur auf Lotte wieder. Da Lottes Äußerungen über das Auftreten Annas geprägt sind von einer persönlichen Ablehnung, sagen sie nichts über die allgemeine Wirkung auf ihr Umfeld aus.

Auch die Aussagen über Annas Verhalten während des Zusammenseins mit ihrer Schwester sind stark geprägt von der individuellen Beobachtung Lottes und werden durch diese bewertet und kommentiert. In diesem Sinne kann zumindest bezogen auf die Figurenbeschreibung innerhalb der Rahmenhandlung nicht von einer neutralen Informationsvermittlung ausgegangen werden. Die Bedeutung der expliziten Fremdthematisierung liegt hier einerseits in der indirekten Charakterisierung der Figur, andererseits stellt sie ein geeignetes Mittel dar, einen wichtigen Aspekt, nämliche die Beziehung der Zwillingsschwestern zueinander, zu definieren.

Darüber hinaus äußert sich die Figur in Dialogen mit ihrer Schwester auch über sich selbst. Wie das Beispiel „Mijn God, wat was ik naїef…“ (S.339) zeigt, bewertet Anna innerhalb dieser Selbstthematisierung ihr eigenes Verhalten und ideologisches Denken in der Vergangenheit. Das Bild, welches Anna von sich selbst zeichnet, erscheint für den Leser plausibel und glaubwürdig.

Die äußerliche Erscheinung der Protagonistin wird für den Leser hauptsächlich durch wertende Aussagen ihrer Schwester Lotte vorstellbar. Diese beschreibt Anna als „ronde gestalte“ (S.11), mit üppiger Figur, hellblauen Augen und kurzem Haarschnitt, welcher ihr etwas „jongs en tegendraads“ (S.29) verleiht. Auf eine detaillierte Beschreibung ihres Aussehens jedoch verzichtet die Autorin. Die wenigen genannten Merkmale haben vorwiegend die Aufgabe, Annas Charakter zu untermalen und wesentliche Eigenschaften der Figur zu betonen. Aufgrund ihrer oftmaligen Wiederholung erhalten die Merkmale der äußerlichen Erscheinungsform Annas symbolische Relevanz und zum Teil leitmotivischen Charakter. Annas breite und rundliche Figur in Kombination mit ihrer direkten, affektiven Art hat eine erdrückende Wirkung auf Lotte. Diese bezeichnet ihre dominant wirkende Schwester als eine „bejaarde Walküre“ (S.13), deren Zudringlichkeit ihr zuwider ist, wobei Lottes Reaktionen auf Anna häufig übertrieben formuliert zu sein scheinen (vgl. S.29).

Annas Charakter zeichnet sich in besonderem Maße durch seine Mehrdimensionalität aus. Sie besitzt neben vielen guten auch schlechte Eigenschaften. Das macht sie als Protagonistin glaubwürdig und bietet dem Leser eine Figur, mit der er sich identifizieren kann. Ihre Eigenschaften sind an die eines realen Menschen angelehnt. Sie zeigt sowohl charakterliche Stärke als auch persönliche Schwäche. Ihre Entwicklung befindet sich im Laufe der Handlung in einem dynamischen Prozess, der zu Veränderungen ihres Weltbildes führt. Zum anderen lernt der Rezipient durch die Interaktion mit Nebenfiguren wie Lotte und Martin aber auch Martha, Heinrich und anderen, verschiedene Seiten der Persönlichkeit der Romanheldin kennen.

Die Einführung der Protagonistin geht mit dem Romananfang einher. Die Geschichten aus Annas Leben nehmen wesentlich mehr Raum ein als die Lottes, wodurch der Leser insgesamt mehr über die deutsche Hauptfigur erfährt. Durch das Sprachrohr der Autorin berichtet die Figur von ihren Erlebnissen aus der Vergangenheit, die sich vorwiegend in die Zeitspanne des Nationalsozialismus einordnen lassen. Diese besondere Gewichtung der Figur Annas lässt sich darauf zurückführen, dass de Loo das Buch vorrangig für niederländische Leser geschrieben hat. Ihrer Intention folgend, das von Vorurteilen belastete Deutschlandbild zu beeinflussen, malt sie primär die Position der deutschen Romanfigur aus.

Innerhalb des Romans vollzieht die Protagonistin eine dynamische Entwicklung. Im Folgenden sollen verschiedene Aspekte dieser Veränderungen verdeutlicht werden. Während des Verlaufs der Geschichte entwickelt sich die Romanheldin in ihrem Charakter und ihrer Lebenseinstellung und entfaltet eine starke Persönlichkeit. Infolge ihres Schicksals, eine unerfreuliche Kindheit und Jugend erfahren zu müssen, reift sie von einem schüchternen Mädchen zu einer selbstbewussten Frau, wobei ihre Entfaltung gekennzeichnet ist von Rückschlägen, Kummer und Krisen. Auch die Beziehung zu ihrer Schwester unterliegt einem Prozess und stellt sich dabei immer wieder als sehr schwierig heraus.

In der ersten Erzählphase berichtet die Heldin von ihrem Lebensweg nach dem Tod der Eltern. Als Anna als Sechsjährige auf den Bauernhof ihres Onkels Heinrich, dem jüngster Bruder ihre verstorbenen Vaters, zieht, ist sie anlässlich ihrer kindlichen Ohnmacht den herrschsüchtigen Verwandten schutzlos ausgesetzt. (Vgl. S.54ff) Die innerfamiliären Spannungen stellen sich später, neben der Trennung von ihrer Schwester, als ein zentraler Konflikt in Annas Lebensverlauf heraus.

Als die arbeitsfähigere der beiden Waisenkinder, wird Anna auf dem Gehöft ihrer Vorfahren an der Lippe als billige Arbeitskraft ausgenutzt und übernimmt täglich anfallende Aufgaben. Darunter leiden ihre körperliche Gesundheit und die schulischen Ausbildung, welche Tante Martha und Onkel Heinrich unterbinden. Ihr Wunsch, das Gymnasium zu besuchen und den Erwartungen ihres verstorbenen Vaters, der hohe Anforderungen an ihren Intellekt gestellt hatte, nachzukommen, bleibt unerfüllt. (Vgl. S.55) Zudem ist es Anna verboten, ihren Bedürfnissen nachzugehen, sodass der Eindruck bei ihr entsteht, dass ihr Leben keinen Wert habe. (Vgl. S.70) Unter strenger Beaufsichtigung ihres neuen Vormundes, muss das Mädchen jegliche Formen kindlichen Daseins einbüßen.

Die Romangestalt zeichnet sich durch ihren Wissensdurst und Bildungsdrang aus. In ihrem Interesse für alles Gedruckte stößt die damals naive und unwissende Sechszehnjährige auf einen Zeitungsartikel über Adolf Hitler. (Vgl. S.73) Indem Tessa de Loo schildert, wie sich die Figur von Bernd Möller, einem Bewunderer Hitlers, überzeugen lässt, wagt sie den Versuch, darzustellen, wie es geschehen konnte, dass sich die Menschen zu jener Zeit für den Führer begeistern konnten. Bernd, der ebenfalls auf dem Hof arbeitet, klärt die Heldin über die Pläne Hitlers auf. Die vom Schicksal gepeinigte Anna reagiert begeistert, als sie erfährt, dieser wolle kämpfen. „Voor mij, voor jou, voor ons allemaal. Tegen de werkloosheid en de armoede“ (S.73) lauten Bernds Worte, mit denen sich die Autorin bemüht, dem Leser die damalige Euphorie der Jugendlichen verständlich zu machen. Von dem optimistischen jungen Mann lässt sich Anna anstecken und sieht in Hitlers Absichten eine Chance, der Armut und Schufterei zu entkommen und ihre Situation zu verbessern. Jede freie Minute nutzt Anna, um Bernd Möller ausfindig zu machen und sich mit ihm über Politik zu unterhalten. (Vgl. S.75)

In einleuchtender Weise beschreibt de Loo, wie die von ihr kreierte Romanfigur, die mit dem Tod ihres Vaters und der Trennung von ihrer Zwillingsschwester jegliche Vertrauenspersonen verloren hat, in dem autoritären Mann eine „vaderfiguur“ sieht, „die het voor haar opnam en de keten van geploeter, vermoeidheid en honger zou doorbreken“ (S.74). Darüber hinaus glaubt sie in dem Gesichtsausdruck des Reichskanzlers ihre eigenen Empfindungen wieder zu finden, denn hinter ihrer Fassade sklavischen Gehorsams verspürt sie Wut und Aufsässigkeit. In ihrer vermeintlich aussichtslosen Lage klammert sich die jugendliche Hauptperson an die Hoffnung einer Veränderung.

Zunehmend entwickelt die Figur Annas eine eigensinnige Persönlichkeit, was daran zu erkennen ist, dass sie sich dem Verbot ihres Onkels Heinrich widersetzt, der ihr den Umgang mit dem jungen Mann untersagt. (Vgl. S.74)

Anna leidet unter den familiären Konflikten und sucht, von Ungewissheit getrieben, die Kirche auf. Von Seiten der Schriftstellerin übertrieben und unglaubwürdig dargestellt erscheint allerdings der Wunsch Annas, das Ende ihres Lebens frühzeitig herbeizuführen. (VglS.70) Gleichzeitig charakterisieren diese Gedanken die Romangestalt als eine zum Teil irrational Handelnde und es wird deutlich, dass Anna nicht als Vernunftwesen agiert. Die Protagonistin zeigt nicht nur in diesem Fall eine subjektiv begrenzte Perspektive, in anderen jedoch mag sie dem Leser psychologisch plausibel erscheinen.

Es besteht eine starke Diskrepanz zwischen dem Bedürfnis der Romanheldin und ihrer aktuellen Situation. (Vgl. S.70) Die einzige Möglichkeit diese zu beheben besteht in ihrem Sinne darin, den misslichen Zustand, der in der ersten Erzählphase manifestiert wird, gravierend zu verändern. Das Missverhältnis zwischen Bedürfnis und Umstand veranlasst die Figur letztendlich dazu, ihre vertraute Umgebung zu verlassen und eine ihr unbekannte Welt zu betreten.

An dieser Stelle im Roman tritt Pastor Jacobsmeyer als ihr Ratgeber und Befreier in Erscheinung. Mit seiner Hilfe wird Anna in einem Klarissenkloster aufgenommen, wo sie die, der damaligen Zeit entsprechende Auffassung von den Aufgaben einer Frau erlernt. (Vgl. S.94)

Da in dem Kloster weder ein Radio noch Lektüren zur Verfügung stehen, erfährt die wissbegierige Anna nicht, welche Veränderungen außerhalb des Gebäudes vor

sich gehen. (Vgl. S.94) Der Leser jedoch kann aufgrund seiner geschichtlichen Kenntnisse das Unheil bereits erahnen.

Die Protagonistin ärgert sich darüber, nicht über politische Angelegenheiten informiert zu werden. Ihrem Charakter entsprechend rebelliert die neugierige junge Deutsche als einzige der Frauen im Kloster gegen diesen Zustand. (Vgl. S.96) Die Anmerkung der Nonne, „ze hebben met z’n allen die antichrist gekozen – hij wil de kloosters en kerken sluiten“ (S.96), mit der sie die junge Katholikin zu beruhigen versucht, macht diese erstmals auf die Inkompatibilität ihrer mit der Politik unvereinbaren Vorstellungen aufmerksam. Anna wird bewusst, dass ihre beiden ersehnten aber unerreichbaren „Ersatzväter“, Adolf Hitler und Gott, nicht in einer politischen Welt miteinander kompatibel sind. In der Unvereinbarkeit des, sie aus ihrer Not befreienden Klosters und dem Mann, von dessen Regierungsgewalt sie sich eine bessere Zukunft erhofft, begibt sich die Figur in eine persönliche Widersprüchlichkeit. Nachdem sie erste Schlüsse aus den wenigen, zu ihr durchgedrungenen Informationen zieht, ist Anna verwirrt. Ihr Bild von dem „voorvechter van armen en werklozen“ (S.96), gezeichnet von Bernd Möller, ihrem einzigen Freund auf dem Bauernhof, ist zerstört. Wie Onkel Heinrich prophezeit hatte, ist der Diktator ein „vernietiger van kerken en kloosters“ (S.96). Noch ein weiterer Zwiespalt scheint Annas Position ins Wanken zu bringen: Nach den Schlägen des Onkels (vgl. S.77) und den Anfeindungen Marthas, hatte Anna sich von ihren Stiefeltern abwenden wollen. Bei Bernd Möller, dem Hitler-Verehrer, einerseits und der Kirche, vertreten durch den Pastor Alois Jacobsmeyer andererseits, hatte sie neuen Halt gesucht. Auf unverschleierte Weise schildert Tessa de Loo die Zerrissenheit Annas, nachdem sich ihr Bild von dem rettenden Führer nicht bestätigt und sie sich eingestehen muss, dass Heinrich mit seiner Einschätzung Recht behalten hatte. Die Protagonistin gerät in einen immer größer werdenden Konflikt und fragt sich „legitimeerde dat ook de aframmeling?“ (S.97). Sie ist verunsichert in ihrem Standpunkt, mit dem sie sich gegen die Verwandten positionierte und schämt sich für ihre Fehleinschätzung.

Im klösterlichen Umfeld überwindet Anna ihre seelischen Verletzungen. Gestärkt mit neuem Selbstvertrauen entschließt sie sich, sich in Zukunft nichts mehr gefallen zu lassen. (Vgl.S.99)

Von ihrem Bild von dem, zum Reichskanzler ernannten Adolf Hitler, enttäuscht, sucht die Romangestalt Halt in der Kirche. Tessa de Loo zeichnet mit Anna eine Figur, die von ihrer Vergangenheit als eingeschüchtertes, gehorchendes Mädchen zunehmend Abstand nimmt und zu einer selbstbewussten, entschlossenen Frau heranwächst. Sie verhält sich respektlos und ist vorlaut, sobald jemand die Kirche kritisiert. (Vgl.S.104)

Mehr und mehr entwickelt sich die Protagonistin zu einem eigenständig handelnden Wesen. Im Laufe der Zeit beginnt sie sich zu widersetzen gegen die „mentale verveling“ (S.123) auf dem ländlichen Gehöft ihrer Verwandten, woraufhin Jacobsmeyer ihr zu einer Ausbildungsstelle an einer Haushaltsschule verhilft. Daraufhin führt ihr Schicksalsweg Anna zurück nach Köln, wo sie das Haus aufsucht, indem sie mit ihren Eltern und Lotte gelebt hat. Doch die deutsche Zwillingsschwester findet keinen Bezug mehr zu ihrer Kindheit vor dem sechsten Lebensjahr. Die schrecklichen Erlebnisse bei Onkel Heinrich und Tante Martha überschatten ihre Erinnerungen. Auch im Hinblick auf Lotte fehlt Anna zu diesem Zeitpunkt ein Gefühl der Verbundenheit. (Vgl. S.129)

Indem Anna eine Anstellung als Dienstmädchen bei dem Ehepaar Stolz annimmt, gerät sie erneut an eine Frau die versucht, ihre Herrschsucht an der jungen Frau auszuleben. Anfangs noch ihren Anweisungen hörig, beginnt die Hauptperson mit der Zeit still gegen Frau Stolz zu rebellieren. Demzufolge vollzieht sie hier eine ähnlich Entwicklung wie die vergangene in Bezug auf Tante Martha. (Vgl. S.132) Hinter der Fassade der zuvorkommenden Dienstbarkeit entwickelt sie eine stets stärker werdende Wut gegenüber der ihrer Arbeitgeberin. Ebenso wie Bernd Möller sind auch Herr und Frau Stolz bekennende Hitler-Anhänger, doch diesmal lässt Anna sich nicht von deren Euphorie Gut des wohlhabenden, preußischen Landadels steht in starkem Kontrast zu dem, was die Figur Annas bis dahin kennen gelernt hat.

Dank der neuen Arbeitgeberin wird es Anna erstmals gewährt, sich zu amüsieren. (Vgl.S.188) Im Kasino lernt die Deutsche ihren zukünftigen Ehemann kennen. Anna, die sich nach dem Tod ihrer Eltern und der Trennung von Schwester Lotte nach einer verlässlichen Bezugsperson sehnt, wiegt sich schon bald in „volledige overgave“ (S.191) in den Armen des Soldaten. Dieser scheint dem Leben der Hauptfigur einen neuen Sinn zu geben. Doch eine Urlaubssperre und die Feldzüge der SS-Offiziere trennen das junge Paar, wodurch sich Annas Liebe zunächst in einem jahrelangen Briefverkehr entwickelt. (Vgl.192)

Wie sie damals die Heiratsabsichten Bernd Möllers (vgl. S.75) als absurd empfand, steht sie auch Martins Antrag befremdet gegenüber. Doch die Figur erfasst die minderwertige Stellung ihrer sozialen Position und scheint begeistert von dem Gedanken, nie mehr nur eine Zofe zu sein, sondern „de vrouw van“ (S.201) genannt zu werden. Mit dem Soldaten macht Anna auch ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Auf jeglichen zwischengeschlechtlichen Kontakt reagierte sie bis dahin beschämt und ängstlich (vgl. S.95), während sie von der Existenz ihrer Geschlechtsorgane erst durch eine ärztliche Untersuchung erfährt. Den körperlichen Kontakt mit ihrem Freund lässt Anna über sich ergehen, denn das Gefühl, dass Andere über ihren Körper verfügen ist ihr bereits vertraut. (Vgl. S.203)

In einer Operation lässt Anna den, durch die körperlich harte Arbeit auf dem Bauernhof entstandenen Schaden, beheben, da sie sich inständig wünscht schwanger zu werden. (Vgl. S.262) Von einem eigenen Kind erhofft sich die Figur Versöhnung mit dem, was in ihrem Leben misslungen ist. Die Geburt eines Nachkommen geht in ihr mit der Vorstellung einher, selbst neu geboren zu werden und die eigene Kindheit vergessen zu können. Einen weiteren, hohen Anspruch an das Neugeborene, stellt sie in der Erwartung, dieses könne die entbehrte Schwerster ersetzen. (Vgl. S.263) Da sich alle Hoffnung der Protagonistin auf die Geburt eines Kindes konzentriert, ist diese umso enttäuschter, als jegliche Versuche schwanger zu werden, fehlschlagen.

Indem Tessa de Loo beschreibt, wie Anna bereits zwei Jahre nach ihrer Hochzeit, von dem Verlust ihres geliebten Mannes erfahren muss, spricht sie anhand des Einzelschicksals der jungen Frau die emotionalen Empfindungen der Leser an. Mit ihrem Ehemann, auf den sie all ihre Gefühle hin ausgerichtet hatte werden der Romanheldin auch der Wunsch nach einem Kind und die Hoffnung, mit ihrer Vergangenheit abzuschließen, genommen. Das anfängliche Gefühl, der Krieg sei nicht so schlimm, erweist sich für die Protagonistin durch Martins Tod im Jahre 1944 als Illusion. Wieder bleibt sie allein zurück, sie fühlt sich schutzlos und verliert ihren Lebenswillen. Das Bedürfnis nach religiösem Halt und einem Zeichen von Gott treibt sie in die Kirche. (Vgl. S.315) Doch die Botschaft des Pfarrers, „Iedere dode aan het front […] is een straf voor onze zonden“ (S.315), lässt sie verzweifeln. Sie verliert jeglichen Glauben an Gott und nennt diesen einen „sadist“ (S.334). Nicht das letzte Mal wird sie von ihrem Leben, der Religion und dem Gotteshaus enttäuscht sein. Die Autorin überspannt die theatralische Entwicklung der Geschichte ein wenig, als Anna ein weiteres Mal das verliert, worauf sie alle ihre Erwartungen gelegt hat.

Auf ein Versprechen hin, dass sie ihrem verstorbenen Ehemann gegeben hat, opfert Anna sich als Krankenschwester in einem Lazarett für hilfebedürftige Soldaten. Getrieben von Wut, dem Gefühl gebraucht zu werden, aber auch dem Eifer, Martin nicht zu enttäuschen, stürzt Anna sich in die Arbeit. Indem Annas einzige Aufmerksamkeit den Verwundeten gilt (vgl. S.347) malt de Loo die Persönlichkeit ihrer deutschen Romanheldin positiv aus. Dadurch dass die Figur sich für Menschen in ihrem Umfeld einsetzt und damit einen selbstlosen Charakter unter Beweis stellt, wird Anna wesentlich liebenswürdiger als ihre niederländisierte Schwester dargestellt.

Wenn die Figur Annas vor dem Hintergrund der Verzweiflung und Gewalt des Krieges selbstreflexiv ihre eigene Naivität anerkennt, versucht die Autorin Verständnis für die deutsche Hauptfigur zu wecken. In einfühlsamer Weise schildert sie die psychische Krise der Figur, welche mit dem Tod Martins und dem unerfüllten Kinderwunsch jegliche Zukunftsperspektiven verliert. Die ehemals so entschlossene Anna entwickelt sich zu einem willenlosen und auf ihr eigenes Dasein bezogenes, gleichgültiges Wesen, das sogar einen Selbstmordversuch wagt. (Vgl. S.350) Erst in der Hoffnung auf einen Ausbildungsplatz an der Schule für Fürsorgerinnen gewinnt Anna mühsam ihren Seelenfrieden wieder. (Vgl. S.393)

Von ihrem bisherigen, von Schicksalsschlägen geprägten Lebensweg zu einer selbstsicheren Persönlichkeit herangereift, beschließt sie mit Martha abzurechnen. „Je bent me mijn jeugd schuldig, alles ben je me schuldig!“ (S.412) platzt es erregt aus Anna heraus, als sie die Tante zur Rede stellt.

Auch Heinrich will sie mit dem Vorwurf konfrontieren, dass er sie in ihrer Mündelakte als „zwakzinnig“ (S.136) erklärte und ihr somit die Möglichkeit auf eine Ausbildung oder Arbeitsstelle verwehrt hatte. Noch Jahre später leidet sie unter dem Vorhandensein dieses Dokuments, denn um die Weitergabe von Erbkrankheiten zu verhindert, sollte Anna wie alle anderen schwachsinnigen Deutschen auch sterilisiert werden. (Vgl. S.414) Dass sie dies verhindern konnte, ändert

nichts an ihrem Zorn bei dem Gedanken an Heinrichs Skrupellosigkeit. Mit einer weiteren Abrechnung verfolgt sie scheinbar die Absicht, endgültig mit ihrer Kindheit abzuschließen und dem Onkel zu beweisen, dass sie sich weiterentwickelt und eine neue Identität gefunden hat. Doch Heinrich kehrt als gebrochener Mann aus Russland zurück, wodurch Anna ihn weder zur Verantwortung ziehen noch Frieden mit ihm schließen kann. Trotzdem wendet sich die Protagonistin endgültig von ihm und ihrer Vergangenheit ab (vgl. S.418) und beweist damit, dass sie aus ihren etwas zugespitzt dargestellten Krisen gestärkt und selbstbewusst hervorgeht.

4.1.1 Annas Beziehung zu Lotte

Auch Annas Beziehung zu ihrer Schwester unterliegt einem mehrfachen Wandel. Wie die wiederholten Begegnungen des Zwillingspaares verdeutlichen, verändern sich die Hauptcharaktere im Verlauf der Geschichte. Nicht nur in Bezug auf ihre Eigenschaften und Persönlichkeiten, auch hinsichtlich ihrer Beziehung entwickeln sie sich konträr.

Die Trennung der Zwillinge im Jahr 1922 stellt den initialen Auslöser für den primären Konflikt in Annas folgendem Leben dar. Schon eine räumliche Trennung von Lotte ist für das kleine Mädchen, noch bei ihren Eltern lebend, nicht zu ertragen. (Vgl. S.23) Nach der Trennung fühlt sie sich alleingelassen von Lotte, ihrer nach dem Tod der Eltern einzig verbliebenen Vertrauensperson. Um den Schmerz zu verkraften, dass eine Person die noch lebt sie einfach verlassen hat, beschließt Anna, dass Lotte an ihrer Krankheit gestorben sei. (Vgl. S.52) Doch als Anna älter wird, scheint sie sich mit dieser Annahme nicht mehr täuschen zu können und nimmt emotional immer mehr Abstand von der Schwester.

Der Krieg ist noch in seinen Anfängen, als Lotte Kontakt zu Anna aufnimmt. Neben der emotionalen Abnabelung wird Anna durch die Begegnung mit Lotte deutlich vor Augen geführt, wie unterschiedlich ihre Schicksalswege verlaufen sind. Die Schwester hat im Gegenteil zu ihr eine angenehme Kindheit genossen und führte ein weit sorgenfreieres Leben als es ihr möglich war. Das Dienstmädchen ist verbittert und sträubt sich gegen die Annäherungsversuche ihrer Schwester. Die Aussage „Ik heb me er al zo lang geleden mee verzoend dat het mijn lot is alleen te zijn op deze aardbol... ik hoor bij niemand, niemand hoort bij mij“ (S.177-178) dient ihr dazu, eine Fassade zu errichten, die sie vor jeglicher geschwisterlicher Nähe schützt.

[...]


[1] Hier beziehe ich mich u.a. auf die im Jahre 1993 durchgeführte und in Deutschland unter dem

Namen „Clingendael-Studie“ bekannte Untersuchung, bei der das Deutschlandbild von fünf-

zehn- bis neunzehnjährigen Niederländern erforscht wurde.

[2] Vgl. Jansen, Lútsen B.: Bekannt und unbeliebt. Das Bild von Deutschland und den Deutschen

unter niederländischen Jugendlichen von fünfzehn bis neunzehn Jahren. Ergebnis einer Umfrage

des Niederländischen Instituts für internationale Beziehungen, Clingendael. In: Bernd Müller

(Hrsg.); Friso Wielenga (Hrsg.): Kannitverstan? Deutschlandbilder aus den Niederlanden. Müns-

ter: Agenda Verlag, 1995. S. 165.

[3] Vgl. Aerden, Stijn: Donna Tessa: een buitenbeentje. In: HP/ De Tijd, 06.10.2000.

[4] Vgl. Jungschleger, Ineke: 'Ik ben een nostalg'. In: De Volkskrant, 04.09.1998.

[5] Vgl. Huijsmans, Linda: De onveiiige wereld van Tessa de Loo. In: Algemeen Dagblad,

10.10.2000.

[6] Braun, Stefan: Ewige Übeltäter? Die Autorin Tessa de Loo über antideutsche Ressentiments. In:

Stuttgarter Zeitung, 1995.

[7] Loo, Tessa de: Toen zat Lorelei nog op de rots. Amsterdam/ Antwerpen: Uitgeverij de

Arbeiderspers, 1997. S. 7.

[8] Nach mündlicher Absprache mit dem korrigierenden Professor erfolgt in dieser Arbeit keine

sinngemäße Übersetzung der niederländischen Zitate. Auf Wunsch kann diese aber in einer

Anlage nachgeliefert werden.

[9] Fransen, Ad: Ze groeide op met het motto 'vertrouw nooit een mof'. In: HP/ De Tijd, 29.10.1993.

[10] Ebd.

[11] In dieser Arbeit werden die Begriffe „Niederlande“ und „niederländisch“ verwendet. Zwar wird

im deutschen Sprachgebrauch synonym häufig der Begriff „Holland“ gebraucht, doch handelt es

sich dabei genau genommen nur um einen begrenzten, westlichen Teil des Landes und ent-

spricht damit nicht dem Sinn des hier Gemeinten.

[12] Vgl. Galsius-Wilmering, Stanny: Tessa de Loo. In: Ad Zuiderent (Hrsg.): Kritisch lexicon van

de moderne Nederlandstalige literatuur. Groningen/ Houten: Bohn Stafleu Van Loghum, 1980.

S. 2.

[13] Vgl. Galsius-Wilmering, Stanny: Tessa de Loo, S.2.

[14] Vgl. Pronk, Iris: Er is geen tijd voor zieke pa. In: Trouw, 25.09.2004.

[15] Vgl. Glasius-Wilmering, Stanny: Tessa de Loo, S. 2.

[16] Vgl. N.N.: Die Verarbeitung des Zweiten Weltkrieges in der niederländischen Literatur (1980-

2000). http://www.uni-muenster.de/HausDerNiederlande/Zentrum/Projekte/NiederlandeNet/

NL-Info/75/wk_in_literatur4.html.

[17] Vgl. Huseman, Jonathan: Tessa de Loo. In: Trouw, 09.12.2002.

[18] N.N.: Bejaarde dames spelen titanenstrijd in 'De Tweeling'. In: Utrechts Nieuwsblad,

06.03.2002.

[19] Ebd.

[20] Vgl. Hoogervorst, Ingrid: Nieuwste boek 'De tweeling' vol historisch materiaal. In: De

Telegraaf, 20.11.1993.

[21] Fransen, Ad: Ze groeide op met het motto 'vertrouw nooit een mof'.

[22] Ebd.

[23] Fransen, Ad: Ze groeide op met het motto 'vertrouw nooit een mof '.

[24] Vgl. Jungschleger, Ineke: 'Ik ben een nostalg'.

[25] Vgl. Fransen, Ad: Ze groeide op met het motto 'vertrouw nooit een mof '.

[26] Vgl. Hoogervorst, Ingrid: Nieuwste boek 'De tweeling' vol historisch materiaal.

[27] Ebd.

[28] Ebd.

[29] Braun, Stefan: Ewige Übeltäter?

[30] Steinz, Pieter: Dubbellief en dubbelleed. In: NRC Handelsblad, 01.05.2004.

[31] Hoogervorst, Ingrid: Nieuwste boek 'De tweeling' vol historisch materiaal.

[32] Vgl. Jungschleger, Ineke: 'Ik ben een nostalg'.

[33] Vgl. N.N.: Moffen im Licht. Der in den Niederlanden umstrittene Bestseller „Die Zwillinge“

erscheint auf deutsch – eine Verharmonisierung deutscher Nazi-Mitläufer? In: Der Spiegel,

08.09.1995.

[34] Der Kürze halber werden im Folgenden lediglich die maskulinen Begriffsformen Leser, Zu-

schauer etc. verwendet.

[35] Loo, Tessa de: De Tweeling. Amsterdam/ Antwerpen: Uitgeverij De Arbeiderspers, 1993.

Zitiert wird in dieser Arbeit nach der Taschenbuchausgabe in der 10. Auflage. Der Übersicht-

lichkeit halber wird künftig bei allen Zitaten aus dem Werk lediglich die entsprechende Seiten-

zahl in Klammern angegeben.

[36] Müller, Bernd: Literatur im Bann des historischen Traumas. In: Bernd Müller (Hrsg.); Friso

Wielenga (Hrsg.): Kannitverstan?, S. 99.

[37] Lademacher, Horst: Der ungleiche Nachbar. Das Bild der Deutschen in den Niederlanden. In:

Günter Trautmann (Hrsg.): Die hässlichen Deutschen? Deutschland im Spiegel der westlichen

und östlichen Nachbarn. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1991. S. 186.

[38] Müller, Bernd: Literatur im Bann des historischen Traumas, S. 83.

[39] Vgl. Fricke, Harald; Zymner, Rüdiger: Einübung in die Literaturwissenschaft. Parodieren geht

über Studieren. Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2000. S. 154.

Details

Seiten
106
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640585311
ISBN (Buch)
9783640585557
Dateigröße
943 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v144933
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Lehramt
Note
1,3
Schlagworte
Figurenkonstellation Tessa de Loo Die Zwilling Buch-Film-Vergleich Niederländische Literatur Weltkrieg

Autor

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Titel: Tessa de Loo "Die Zwillinge" - Ein Buch-Film-Vergleich