Lade Inhalt...

Chatten im Netz - Sozialpsychologische Anmerkungen zum Verhältnis von Internet und Sexualität

Magisterarbeit 2002 108 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

Teil 1: Theorie

2. Sexualität und Identität
2.1 Was ist Sexualität?
2.2 Männchen oder Weibchen? – Die Frage nach der Geschlechtsidentität
2.2.1 Kern-Geschlechtsidentität
2.2.2 Geschlechtsrolle
2.2.3 Geschlechtspartner-Orientierung
2.2.4 Geschlechtsidentität
2.3 Sexualität und Gesellschaft
2.3.1 Die neosexuelle Revolution
2.3.1.1 Die Dissoziation der sexuellen Sphäre
2.3.1.2. Die Dispersion der sexuellen Fragmente
2.3.1.3 Die Diversifikation der sexuellen Beziehungen
2.3.1.4 Sigusch’s Welt

3. Medien und Identität
3.1 Die Selbstinszenierung im „real life“
3.2 Wie Medien soziale Situationen und Rollen verändern
3.3 Die Auswirkungen der Medien auf die Identität

Teil 2: Empirische Untersuchungen

4. Im Chatroom
4.1 Die Bewohner der Webchats
4.1.1 Zahlen, Zahlen und nochmals Zahlen
4.1.2 Die Chaträume
4.2 „Bist Du m oder w?“
4.2.1 Der Nickname
4.2.2 Gender-Switching
4.2.3 „Hallo, darf ich dich kennen lernen?“
4.3 Fantasie oder Realität?
4.3.1 90-60-90: Die Selbstbeschreibung im Chat
4.3.2 Sexuelle Skripts
4.4 So nah und doch so fern – Nähe und Distanz
4.4.1 Emotionen im Chat
4.4.2 Netzbeziehungen

Teil 3 Schlussbetrachtungen

5. Folgen des Chattens
5.1 Kann das Chatten Geschlechtsidentitäten verändern?
5.2 Der Chat: Gefahr oder Chance?

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

Wie jedes neu aufkommende Medium ist auch das Internet stark umstritten und wird eher ängstlich betrachtet. Die gute alte Briefpost wird kaum noch benötigt, man muss sich nicht mehr durch Kaufhäuser quälen, um einzukaufen, Dienstleistungen und Waren aller Art können online bestellt und Informationen im Internet abgerufen werden. Selbst zur Befriedigung unserer sexuellen Wünsche müssen wir das Haus nicht mehr verlassen. Pornografische Fotos, Videos und natürlich virtueller Sex in den Chaträumen: Ist es tatsächlich so einfach, per Mausklick zum Orgasmus zu kommen?

Als ich mich vor rund drei Jahren zum ersten Mal in einen Chat eingeloggt habe, war ich schlicht neugierig. Sich mit wildfremden Menschen unterhalten zu können, die kilometerweit entfernt ebenfalls vor dem Computer sitzen, vielleicht sogar in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent, war fast unvorstellbar für mich. Umso überraschter war ich, als ich die dortige Kommunikation verfolgte und feststellte, wie intim und teilweise vertraut die Chatter miteinander umgingen. Es hat keinen Unterschied gemacht, ob ich mich in einem explizit sexuell ausgerichteten oder eher „harmlosen“ Chat ohne bestimmten Themenschwerpunkt befand: Neben allgemeinen, freundschaftlichen Gesprächen wurden fast immer auch erotische geführt. Während ich bei den Unterhaltungen über Gott und die Welt das Gefühl hatte, die Chatter würden sich schon ewig kennen und eine kleine, eingeschworene Gemeinde bilden, so schockierte mich anfangs die Offenheit, die bei der sexuell ausgerichteten Kommunikation zu beobachten war. Was genau ging da vor sich?

Wie funktioniert das, Sexualität im Chat?

Diese Frage beschäftigte mich damals; in dieser Arbeit möchte ich Antworten darauf finden.

Um zu klären, was beim Netsex, also dem virtuellen Sex, passiert, werde ich zunächst in Kapitel 2 darstellen, was unsere Sexualität eigentlich ausmacht. Die Menschen in den Chaträumen sehen sich nicht, können sich nicht berühren, einzig mittels Beschreibung von Aussehen und Handlung wird vermittelt, wer sie sind und was sie machen. Sind diese sexuellen Inszenierungen überhaupt Teil der Sexualität? Oder sollte man sie eher dem Spielen mit der Identität, speziell der Geschlechtsidentität, zuordnen? Und was ist mit unserem Sexualverhalten geschehen, wenn es Menschen augenscheinlich befriedigt, sich im Chat sexuell zu inszenieren?

Nicht nur im Internet setzen sich Menschen in Szene, auch in der Realität übernehmen wir diverse Rollen. Medien haben dabei immer schon einen Einfluss ausgeübt, weil sie zu Veränderungen der Gesellschaft und damit auch der Individuen geführt haben. Umgestaltungen im Kommunikationsverhalten und der Zugang zu Informationen wirken sich stets auf die soziale Interaktion aus. Welche Rolle den Medien, speziell dem Internet, bei den Veränderungen von Gesellschaft, Individuen und deren Identität zukommt, werde ich in Kapitel 3 erläutern.

Nach diesen beiden theoretischen Kapiteln wende ich mich in Teil 2 dem Kernstück dieser Arbeit zu: dem Analysieren der Geschehnisse im Chat. Da ich keine großangelegte Studie durchgeführt habe, werde ich neben eigenen Beobachtungen und Untersuchungen auch fremde heranziehen, die weitere nützliche Ergebnisse liefern. Die Betrachtungsweise ist dabei weit gefächert: Nach einer Beschreibung und Analyse der Internet- und Chatnutzer sowie der Chaträume habe ich mich für die Gesichtspunkte der Geschlechterdifferenz im Netz, der Einordnung der Situation im Chat in die Kategorien „real“/„fiktiv“ und dem Verhältnis von Nähe und Distanz während des Chattens entschieden.

Die Resultate, die sich aus meinen (und fremden) Beobachtungen in Kapitel 4 ergeben, werde ich dann mit den zuvor entwickelten Theorien über Sexualität, Geschlechtsidentität sowie Medieneinflüssen auf unsere Identität verbinden. Die Folgen, die das Chatten für die Geschlechtsidentität und damit auch die Sexualität haben kann und die Konsequenzen, die sich dadurch für die Gesellschaft und das Individuum ergeben, habe ich nicht empirisch belegt; es handelt sich hier also um eher hypothetische Aussagen.

Mich hat das Thema „Internet und Sexualität“ unter dem Gesichtspunkt des Chattens gereizt, da es bisher wenig fundierte Literatur darüber gibt. Die meisten Bücher und Aufsätze, die ich während meiner Recherche entdeckt habe, sind eher unwissenschaftlich und allgemein gehalten, ohne empirische Beobachtungen ergießen sich die Autoren in Spekulationen. Hilfreich waren die Untersuchungen von Nicola Döring und Sherry Turkle, die ich zum Teil für diese Arbeit herangezogen habe. Meine Beobachtungen und Analysen sollen dazu beitragen, Vorurteile zu beseitigen und Licht in das komplizierte Geschehen der Chats zu bringen.

Gerade für Sozialpsychologen eröffnen das Internet und die Chaträume einen großen Untersuchungsraum; zukünftig werden wir hoffentlich genauer wissen, welche Folgen das sexuell motivierte Chatten für die Gesellschaft und die Individuen haben wird.

2. Sexualität und Identität

Wenn Aussagen über das Verhältnis von Internet und Sexualität gemacht werden sollen, so muss zunächst geklärt werden, was überhaupt unter Sexualität zu verstehen ist. Das möchte ich in diesem Kapitel tun.

Zunächst werde ich den Begriff „Sexualität“ definieren. Dabei gehe ich auf diverse Theorien ein, denn die Auffassung von Sexualität variiert je nach wissenschaftlicher Perspektive.

Anschließend wende ich mich der Geschlechtsidentität zu. Sie ist das Kernstück der Sexualität und kommt auch in den Chaträumen bei den sexuellen Selbstinszenierungen zum Tragen.

Noch vor wenigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, sich per Maschine mit fremden, unsichtbaren Menschen über so intime Dinge wie die eigene Sexualität zu unterhalten, geschweige denn Netsex zu praktizieren. Sexualität unterliegt gesellschaftlichen und kulturellen Wandlungen; unser heutiges Sexualverhalten werde ich im letzten Abschnitt darstellen.

2.1 Was ist Sexualität?

„Sexualität: Geschlechtlichkeit, Gesamtheit der im Sexus begründeten Lebensäußerungen.“1 >Das Wort „Sex“ oder „Sexualität“ ist allgegenwärtig in unserem Leben; sei es bei Gesprächen mit Freunden, in den Medien oder in der Kunst. Doch was bedeutet es eigentlich? Beinhaltet Sexualität unsere sexuellen Handlungen, unsere Fantasien, unser Geschlecht? Ich möchte hier zwei grundlegende Definitionen von Sexualität wiedergeben. Nach der ersten Theorie ist Sexualität etwas Natürliches, Angeborenes, das zur „Arterhaltung“ dient. Die zweite Theorie besagt, dass Sexualität zwar biologisch begründet sei, aber gesellschaftlichen und kulturellen Einflüssen unterliege.

Über Jahrhunderte hinweg galt die Vorstellung, dass Sexualität etwas „Naturgegebenes“ sei, als richtig. Wie sollte sonst die menschliche Gattung überleben? Zu dieser Theorie gehört die Annahme eines Urtriebes, „der in einer von der Biologie vorgegebenen Weise nach Befriedigung drängt.“2 Sexualität hat also in erster Linie, wenn nicht sogar als einzige, eine Fortpflanzungsfunktion. Damit wird auch impliziert, dass prinzipiell nur die Heterosexualität, vornehmlich im Erwachsenenalter, die einzig „richtige“ sei.

Der Geschlechtsverkehr ist demnach der grundlegende sexuelle Akt. Alles andere, wie beispielsweise Oralverkehr, Autoerotik oder gar so etwas wie Sadomasochismus, gilt als Ersatzbefriedigung oder als tabuisierte Perversion. Um den arterhaltenden Geschlechtsverkehr zu sichern, hat die Natur einen Sexualtrieb geschaffen, der das Bedürfnis und die Fähigkeit, Lust zu empfinden, garantiert. „Die Fortpflanzung des Menschengeschlechts ist nicht dem Zufall oder der Laune der Individuen anheimgegeben, sondern durch einen Naturtrieb gewährleistet, der allgewaltig, übermächtig nach Erfüllung verlangt.“3

Die Geschlechterstereotypen sind ebenfalls klar definiert. Während die Frau Attribute wie Sinnlichkeit, Triebverzicht, Schwäche, Treue und Verantwortlichkeit zu erfüllen hat, gelten für Männer Eigenschaften wie Unsensibilität, Triebhaftigkeit, Macht, Stärke und Herrschaft (vgl. Wrede, 2000). Auch im sexuellen Bereich finden sich diese Zuordnungen wieder: Frauen haben eine passive, da empfangende Rolle. Sie müssen sich dem Geschlechtstrieb des Mannes unterordnen, sind dessen Objekt des Begehrens, während sie selbst beinahe lustlos sind. Männer hingegen sind aktiv, ihrem Geschlechtstrieb ausgesetzt, der immer wieder nach sexueller Befriedigung drängt, nach einem Orgasmus, der den kostbaren Samen verbreitet. Damit wird Männern ebenfalls die Verantwortung abgesprochen, die sie sonst gegebenenfalls für ihr sexuelles Tun übernehmen müssten.

Sexualität wird nach dieser Definition ausschließlich in den Geschlechtsorganen lokalisiert, die das Zentrum der Lust sind und zur Fortpflanzung dienen.

Diese Vorstellung von Sexualität wird vielen fremd vorkommen. Schließlich entspricht sie so gar nicht dem heutigen Sexualverhalten. Wie eine Langzeitstudie von Schmidt u.a. zeigt, die das Sexualverhalten von Studenten und Studentinnen in den Jahren 1966, 1981 und 1996 vergleicht, ist die Koitusfrequenz deutlich gesunken. „Die Koitushäufigkeit ist 1996 unter allen Bedingungen (...) signifikant niedriger als 1981.“4 Das würde ja bedeuten, dass der Urtrieb an Kraft und Macht verloren hätte, dass die Arterhaltung nicht mehr gesichert sei! Die von den Naturalisten als Ersatzbefriedigung bezeichnete Autoerotik hat hingegen an Stellenwert gewonnen und wird als eigenständige Form der Sexualität anerkannt (vgl. Schmidt, Klusmann, Matthiesen und Dekker, 1998). Ich behaupte, dass das veränderte Sexualverhalten eng an veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen geknüpft ist und vielleicht gar nicht so sehr besteht, dafür aber anders darüber gesprochen wird. Dies hängt ebenfalls mit der gängigen gesellschaftlichen Definition von Sexualität zusammen. Damit bin ich bei der zweiten Theorie, die von gesellschaftlichen und kulturellen Einflüssen auf die Sexualität ausgeht. Ich möchte mich zunächst Freud zuwenden.

„In der psychoanalytischen Erfahrung und Theorie bezeichnet Sexualität nicht allein die Aktivitäten und die Lust, die vom Funktionieren des Genitalapparates abhängen, sondern eine ganze Reihe von Erregungen und Aktivitäten, die bereits in der Kindheit bestehen und eine Lust verschaffen, die nicht auf die Stillung eines physiologischen Bedürfnisses (Atmung, Hunger, Ausscheidungsfunktion etc.) reduzierbar ist. Sie finden sich als Komponenten in der sogenannten normalen Form der sexuellen Liebe wieder.“5 Auch Freud sieht den Ursprung der Sexualität in einem angeborenen Sexualtrieb, der sogenannten Libido. Er gesteht dem Menschen zu, von Geburt an sexuell zu sein. „Es schien uns vielmehr, dass das Kind Keime von Sexualtätigkeit mit zur Welt bringt und schon bei der Nahrungsaufnahme sexuelle Befriedigung mitgenießt, die es sich dann in der gut gekannten Tätigkeit des „Ludelns“ immer wieder zu verschaffen sucht.“6 Die Entwicklung der Sexualität geht mit der des Kindes einher: So ist es in der oralen Phase der Mund, der lustvoll erfahren wird, in der anal-sadistischen Phase der After und in der phallischen Phase schließlich das Geschlechtsorgan. Die infantile Sexualität bezeichnet Freud als polymorph-pervers, da einzelne Partialtriebe an einzelne erogene Zonen gebunden sind. Diese Entwicklung findet im Alter zwischen zwei und fünf Jahren statt; nach dem Ödipuskomplex ruht die Sexualentwicklung, bis die Pubertät einsetzt. Das Verdrängen der sexuellen Vorstellungen ermöglicht die Selbsterhaltung und ist insofern eine kulturelle Leistung, da mit dem Triebverzicht erst Arbeit geleistet werden kann bzw. durch die Sublimierung der Libido kulturelle Leistung gewährleistet wird. Die Beherrschung des Sexualtriebs bildet damit nach Freud die Grundlage von Gesellschaft und Kultur.

„Der Sexualtrieb war bisher vorwiegend autoerotisch, er findet nun das Sexualobjekt.“7 Mit dem Beginn der „erwachsenen“ Sexualität wird diese in den Dienst der Fortpflanzung gestellt. Allerdings wertet Freud Homosexualität, Autoerotik oder Perversionen nicht als anormale Entwicklungen ab – hier wird jeweils nur das Objekt geändert.

Männliche und weibliche Sexualität konstituieren sich einerseits aus der ihnen biologisch und andererseits aus der ihnen kulturell zugedachten Rolle. Männliche Sexualität ist wieder einmal aktiv: „Das neue Sexualziel besteht beim Manne in der Entladung der Geschlechtsprodukte (...).“8 Aber nicht nur die männliche, nein, Sexualität an sich ist aktiv, da drängend durch den Sexualtrieb. Freud schließt daraus, dass Sexualität eigentlich „männlich“ sei. Für die weibliche Sexualität ergibt sich daraus natürlich ein Problem: Die Frau müsse ihre Sexualität verdrängen, um die ihr zugedachte Rolle der passiven, empfangenden Frau einnehmen zu können. Aber Freud hat ein kleines Trostpflaster dabei: Die Psyche hält den Penisneid bereit, den Wunsch nach einem Penis, den jede Frau unbewusst hat. Anstelle des Penis wird der Wunsch nach einem Kind gesetzt; der Wunsch nach Mutterschaft, die schließlich Ziel der Sexualität sein soll, wird so zum Inhalt der weiblichen Entwicklung. Frauen fügen sich damit in ihre defizitäre, da penislose Rolle ein und kompensieren dieses Defizit mit einem Kind.

Nach Freud ist Sexualität also mit der Libido physiologisch begründet. Das Sexualverhalten jedoch unterliegt komplexen psychischen und gesellschaftlichen Einflüssen.

Eine weitere Theorie liefert Gunter Schmidt mit seinem Lustsuche-Modell: „Sexuelles Verhalten ist danach motiviert durch den Wunsch, sexuelle Erregung und Lust zu erfahren, und nicht durch unangenehme Innenreize, die durch sexuelle Aktivität beruhigt werden müssen.“9 Schmidt widerspricht damit Freud, indem er behauptet, es gäbe keinen drängenden Trieb. Stattdessen machen seiner Meinung nach die Faktoren Erregbarkeit und Erregung das Wesen der Sexualität aus. „Erregung wird definiert als das momentane Niveau sexueller Stimulation; sie werde durch das Zusammenwirken von Erregbarkeit und einer bestimmten äußeren und inneren Situation bestimmt.“10 Erregung ist also das körperliche Moment, bedingt durch anatomische, neurophysiologische und hormonelle Voraussetzungen und Einflüsse. Erregbarkeit hingegen „wird definiert als die inter- und intraindividuell variierende Bereitschaft, auf bestimmte Situationen sexuell zu reagieren.“11 Diese Bereitschaft und Fähigkeit muss erlernt werden und ist deshalb individuell ausgeprägt. Besonders frühkindliche Erfahrungen (und hier ist nicht nur sexuelles Erleben, sondern sind Affekte aller Art gemeint) beeinflussen die eigene Einstellung und das Verhalten nachhaltig. So wird die positive Bewertung, der konfliktfreie Umgang und die lustvolle Erfahrung zu einer intensiven, entspannenden und lustvollen Sexualität führen. Negative, hemmende Einflüsse von außen stehen jedoch einer Disposition zur starken Erregbarkeit entgegen.

„Die Intensität sexuellen Verlangens und Erlebens sowie das Ausmaß der Befriedigung hängt von diesen in der Regel nicht bewussten und erkennbaren, oft nur aus der Biografie verständlichen symbolischen Bedeutungen einer sexuellen Handlung ab und nicht etwa von der Stärke des „Triebdruckes“.“12 Sexuelle Wünsche, sexuelles Verlangen und sexuelles Verhalten unterliegen demnach einem Lernprozess, der sich sozialisationsbedingt und aus persönlichen Erfahrungen erklärt. Zum einen sind es die frühkindlichen Bedürfnisse und die damit verbundenen Erfahrungen, die eine spätere Entwicklung der Fähigkeit der Erregbarkeit formen. Zum anderen bestimmen sämtliche Beziehungen, ob real oder in der Fantasie, die Sexualität, denn Sexualität vollzieht sich meist in der Beziehung zu anderen. Das Verhältnis zur ersten Bezugsperson ist hierbei ausschlaggebend – wenn dieses als angstfrei erlebt wird, ist die grundsätzliche Disposition für das Einlassen auf einen anderen Menschen geschaffen. Aber auch die gesellschaftliche Definition von Sexualität, nämlich der von männlicher und weiblicher, prägt die Ausformung derselben. Mit der Sozialisation als Mann oder Frau werden bestimmte Geschlechtsrollen übernommen. Geschlechtsidentität gilt nach Schmidt sogar als ausschlaggebend für die Entwicklung einer stabilen Sexualität und als Voraussetzung dafür, diese leben zu können (mehr dazu im nächsten Abschnitt).

Nach Schmidt besteht also eine biologische Disposition zu sexuellem Verhalten und Erleben; was aus dieser Disposition gemacht wird, hängt aber von individuellen Lernprozessen ab, die zum Teil auch wieder gesellschaftlich bedingt sind.

Ich möchte all diese Theorien zusammenfassen zu der Definition von Sexualität, wie sie in dieser Arbeit verwendet werden soll:

1. Sexualität basiert auf biologischen Faktoren wie Körperlichkeit, körperlichen Reaktionen, neurophysiologischen Empfindungen und hormonellen Einflüssen.
2. Sexualität ist ein Produkt zwischenmenschlicher Beziehungen und Erfahrungen, ein fortlaufender Lernprozess, der die Fähigkeit und Intensität sexuellen Erlebens und Verhaltens formt.
3. Sexualität ist damit Teil der Sozialisation des Menschen, unterliegt kulturellen und gesellschaftlichen Einflüssen. Die Geschlechterrolle und die damit verbundene Geschlechtsidentität ist wesentlicher Bestandteil dieser Sozialisation.
4. Sexualität wird neben den gesellschaftlichen auch von biografischen Faktoren bestimmt. Wie das Individuum Sexualität definiert und lebt, hängt von den Erfahrungen ab, die es im Laufe seines Lebens sammelt. Die Entwicklung der Sexualität ist demnach nie abgeschlossen.

Was sich an sexuellen Handlungen in den Chaträumen finden lässt, gehört meiner Meinung nach zur individuell erlebten Sexualität eines Menschen. Auch wenn sie nicht durch die körperliche Anwesenheit zweier (oder mehrerer) Menschen gekennzeichnet ist: Die damit verbundenen Fantasien, die wichtiger Bestandteil der Sexualität sind (vgl. Kapitel 2.2.3), lösen körperliche Reaktionen aus. Was genau im Chat geschieht, wird in Kapitel 4 dieser Arbeit erläutert werden.

Wenn Sexualität erlernbar ist und durch Erfahrungen ständigen Veränderungen unterliegt: Welche Auswirkungen kann dann das erotische Chatten haben? Diese Frage möchte ich in Kapitel 5 beantworten.

Doch zunächst werde ich mich einem grundlegenden Bestandteil für das Aus- und Erleben von Sexualität widmen: der Geschlechtsidentität.

2.2 Männchen oder Weibchen? – Die Frage nach der Geschlechtsidentität

Die Entwicklung der Geschlechtsidentität, so Punkt 3 meiner Definition von Sexualität, ist wesentlicher Bestandteil der Sozialisation des Individuums. Was aber ist das eigentlich genau, Geschlechtsidentität?

Der Begriff „Geschlechtsidentität“ wird seit 1969 verwendet. Auf einer Tagung der Amerikanischen Psychoanalytischen Vereinigung wurde damals vorgeschlagen, den Terminus „Sexuelle Identität“ durch den der „Geschlechtsidentität“ zu ersetzen. Ob es sich dabei tatsächlich um Synonyme für ein- und dieselbe Sache handelt, ist schwer festzustellen, da der Begriff „Sexuelle Identität“ meines Wissens nach nicht genau definiert ist.

Was die Geschlechtsidentität betrifft, so existieren zahlreiche Definitionen, die je nach Perspektive Unterschiedliches beinhalten. So gehen Feministinnen davon aus, dass die Geschlechtsidentität eine kulturelle Konstruktion sei und unabhängig vom biologischen Geschlecht bestehe, das wiederum ebenfalls konstruiert sei (vgl. Judith Butler, 1991). Andere jedoch unterstreichen gerade den Zusammenhang von biologischem Geschlecht und Geschlechtsidentität; denn mit der körperlichen Feststellung von „männlich“ oder „weiblich“ würde man automatisch auch der Kategorie Mann oder Frau zugeordnet, entsprechend behandelt und gezwungen, sich erwartungsgemäß zu verhalten. „Menschen sind aufgrund des vorgegebenen Geschlechterdualismus gezwungen, sich subjektiv als Mann oder Frau zu entwickeln und entsprechend zu leben, selbst dann, wenn sie sich in der ihnen zugeschriebenen Geschlechterkategorie nicht heimisch fühlen oder lieber einer anderen angehören möchten.“13

Ich möchte mich in dieser Arbeit beim Verwenden des Begriffs „Geschlechtsidentität“ an die Definition bzw. Zusammenfassung von Wolfgang Mertens halten: „Das Konzept der Geschlechtsidentität umfasst bewusste Vorstellungen und unbewusste Phantasien einer individuellen Kombination von Männlichkeit und Weiblichkeit, wie sie aufgrund biologischer, psychologischer, sozialer und kultureller Faktoren zustande gekommen sind.“14

Drei wesentliche Komponenten spielen bei der Entwicklung von Geschlechtsidentität eine Rolle:

1. Kern-Geschlechtsidentität
2. Geschlechtsrolle (Geschlechtsrollenidentität)
3. Geschlechtspartner-Orientierung

Im Folgenden soll auf diese drei Komponenten eingegangen werden.

2.2.1 Kern-Geschlechtsidentität

Der Begriff der Kern-Geschlechtsidentität wurde 1968 von Robert Stoller eingeführt. Die Kern-Geschlechtsidentität lehnt sich an das biologische Geschlecht an und „stellt das primordiale, bewusste und unbewusste Erleben dar, entweder ein Junge oder ein Mädchen bezüglich seines biologischen Geschlechts (...) zu sein.“15

Die Kern-Geschlechtsidentität entwickelt sich zunächst unbewusst, nämlich in einer Lebensphase, in welcher der Mensch noch nicht zu kognitiven Prozessen in der Lage ist: im Säuglings- und Kleinkindalter. Ausschlaggebend ist das Verhalten der Eltern bzw. Pflegepersonen, die mit der Feststellung des biologischen Geschlechts ihres „Zöglings“ diesen entsprechend behandeln. So werden Geschlechterstereotypen bereits ab der Geburt geschaffen, nämlich mit der Reaktion und dem Verhalten der Eltern in Anlehnung an das biologische Geschlecht des Säuglings. Dies impliziert die Annahme, dass die Sozialisation des Kindes von klein auf geschlechtsspezifisch sei.

Dieser Vorgang ist weitaus komplizierter, als es sich zunächst anhört. So spielen nicht nur die kulturell vermittelten Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit eine Rolle, sondern ebenfalls die bewussten und unbewussten Einstellungen der Eltern bezüglich dieser Kategorien. Eine Mutter, die sich in ihrer Rolle als Frau negativ bewertet fühlt, wird beispielsweise unbewusst dafür sorgen, dass ihr kleines Mädchen nicht „verzärtelt“ wird und so möglichst viele „männliche“ Eigenschaften entwickeln kann. Auch die Enttäuschung über das Geschlecht des Kindes, welches vielleicht nicht dem Elternwunsch entspricht, wird sich in der Interaktion bemerkbar machen. So fließen in das Verhältnis von Eltern und Kind unbewusste und bewusste Vorstellungen, Erwartungen und Wünsche mit hinein, die die Eltern an das Kind haben. All diese Faktoren spielen bei der Behandlung des Nachwuchses neben dessen biologischen Geschlechts eine wichtige Rolle.

Die Entwicklung der Kern-Geschlechtsidentität ist etwa gegen Ende des zweiten Lebensjahres abgeschlossen; dann weiß das Kind: Ich bin ein Mädchen bzw. Junge.

2.2.2 Geschlechtsrolle

Das Wort „Rolle“ beinhaltet Begriffe wie „Lernen“ oder „Spielen“. Soziologen gehen davon aus, dass alles menschliche Verhalten erlernt sei vor dem Hintergrund von kulturellen und gesellschaftlichen Bühnen mittels der zwischenmenschlichen Interaktion (siehe dazu auch Kapitel 3 dieser Arbeit). Auf die Geschlechtsrolle bzw. Geschlechtsrollen-Identität trifft dies auch zu; dennoch sollte man psychische Faktoren nicht außer Acht lassen.

Geschlechtsrolle: „Sie ist die Fortsetzung der Kern-Geschlechtsidentität, aber auf einem höheren symbolisch-sprachlichen Niveau und lässt sich als das Insgesamt der Erwartungen an das eigene Verhalten wie auch an das Verhalten des Interaktionspartners bezüglich des jeweiligen Geschlechts auffassen (...).“16 Mit dem Sozialisationsprozess erwirbt das Kind von klein auf bestimmte Verhaltensweisen, die als „männlich“ oder „weiblich“ definiert sind. Bei der Auswahl dieser Verhaltensweisen spielt die Kern-Geschlechtsidentität eine Rolle; erfährt man sich selbst als männlich, so werden hauptsächlich männliche Rollenmodelle ausgesucht, mit denen man sich identifiziert und umgekehrt. Was ist aber, wenn man zwar biologisch und aufgrund der Kern-Geschlechtsidentität eindeutig ein Mann oder männlich ist, aber dennoch Empfindungen hat, die weiblich sind oder so agiert, wie es eher der weiblichen Geschlechtsrolle entspräche? Hier finde ich die Unterscheidung von Schwartz (1986) wichtig, der Geschlechtsrollen-Identität und Geschlechtsrolle voneinander trennt. So muss die Geschlechtsrolle, also das, was von jemandem aufgrund seines biologischen Geschlechts und seiner eigenen Kern-Geschlechtsidentität erwartet wird, nicht mit der Geschlechtsrollen-Identität übereinstimmen. Ich kann also wissen, dass diese und jene geschlechterstereotypischen Eigenschaften von mir erwartet werden und eigentlich zu meiner Rolle gehören, es aber dennoch ablehnen, sie zu übernehmen, weil sie nicht mit meiner Geschlechterrollen-Identität konform gehen.

Ich gehe davon aus, dass es besonders in der Pubertät zu einem Konflikt zwischen gesellschaftlich erwartetem Verhalten und eigenen Vorstellungen und Empfindungen kommt. In dieser eh konfliktbeladenen Lebensphase, in der man bemüht ist, seine Identität eigenbestimmt zu formen und andererseits versucht, sich in gesellschaftliche Gruppen einzuordnen, kommt mit dem „Erwachen“ der Sexualität, mit dem eigentlichen Erleben von erwachsener Sexualität das Überarbeiten der Geschlechtsrollen-Identität und Überdenken der Geschlechtsrolle zum Tragen.

Doch bereits vorher ist man nie, wie es die Soziologen so gerne hätten, unbegrenzt formbar, ein leeres Blatt, das mit den Vorstellungen von Eltern und damit von Gesellschaft gefüllt werden kann. „Denn wie vor allem die neonatologischen Forscher aufgezeigt haben, ist das Kleinkind keine tabula rasa (wie in früheren Lerntheorien angenommen wurde), das sich in völliger elterlicher Willkür alle Konditionierungen gefallen lässt, sondern es zwingt seine Eltern mehr oder weniger dazu, dass seine Vorlieben und Abneigungen eine zu ihm passende, elterliche Resonanz finden.“17 Sprich: Wenn ich nun mal nicht männlich-mutig von Bäumen springen möchte, wenn ich nicht weiblich-niedlich mit Zöpfen und Röckchen durch die Gegend hüpfen will, dann werde ich durch entsprechende Proteste meine Eltern dazu bringen, mich nicht dazu zu zwingen – oder mich zumindest dagegen auflehnen.

Die Geschlechterrolle ist damit zwar kulturell und gesellschaftlich durch entsprechende Geschlechterstereotypen geprägt, unterliegt aber individuellen Ausformungen. Diese hängen wiederum einerseits mit dem elterlichen Bild vom „typischen“ Jungen aka Mädchen zusammen, andererseits sind sie von der Selbstkategorisierung des Kindes abhängig. Und wenn ich mich männlich fühle und trotzdem mit Puppen spiele – wen stört’s? Wichtig ist, dass sich das Individuum als männlich oder weiblich identifiziert und sowohl männliche als auch weibliche Eigenschaften mit dieser Kern-Geschlechtsidentität vereinbaren kann – und sich damit als einheitlichen, ganzen Menschen erlebt.

2.2.3 Geschlechtspartner-Orientierung

Unter Geschlechtspartner-Orientierung versteht man, wie der Begriff es schon vermuten lässt, den gewählten Geschlechts- bzw. Liebespartner, das Sexualobjekt. Die ersten prägenden Eindrücke werden in der Kindheit erworben, mit der libidinösen Bindung an ein Elternteil. Zunächst kommen dafür beide Elternteile in Frage; wie Freud schon bemerkte, ist jeder Mensch zu Beginn seiner sexuellen Entwicklung bisexuell. Und tatsächlich wird ja sowohl mit der Mutter als auch mit dem Vater eine liebevolle, zärtliche Beziehung eingegangen; beide kümmern sich im Idealfall um das Kind, es erfährt also von beiden körperliche und emotionale Nähe.

Erst später erkennt das Kind, dass Vater und Mutter unterschiedlichen Geschlechts sind. Das führt zum einen dazu, dass das Kind aufgrund seiner Kern-Geschlechtsidentität sich eher mit der Mutter bzw. dem Vater identifiziert; zum anderen sieht es, dass zwei gegengeschlechtliche Menschen eine intime Beziehung führen und erlebt somit die aus gesellschaftlicher Sicht angestrebte heterosexuelle Paarbeziehung. Wird diese Beziehung als gestört empfunden, so geht dem Kind eine wichtige Vorbildfunktion verloren.

Der gesellschaftliche Druck, einer heterosexuelle Partnerorientierung nachzukommen, ist enorm: So leben sicherlich auch heutzutage, wo die Homosexuellen-Ehe sich langsam etabliert, viele Menschen in einer heterosexuellen Beziehung, obwohl sie eigentlich homosexuell orientiert sind. Diese Orientierung kann dann nur in der Fantasie gelebt werden oder wird sogar vollkommen verdrängt. Wichtig ist, dass die Geschlechtspartner-Orientierung, sei sie nun hetero-, homo- oder bisexuell, keinen oder nur geringen Einfluss darauf hat, ob man sich als Mann oder als Frau fühlt. Die Kern-Geschlechtsidentität bleibt unangetastet, egal welchen Partner man wählt. Bei der Geschlechtsrolle wird es meiner Meinung nach schon problematischer; schließlich ist bei „extremen“ Homosexuellen, sei es bei Schwulen oder Lesben, gerade ein Verhalten zu beobachten, das ihrer Geschlechtsrolle entgegensteht (sprich einige Lesben verhalten sich oftmals sehr männlich, während einige Schwule eher feminine Attribute verkörpern).

Wie oben bereits kurz erwähnt, wird manche Geschlechtspartner-Orientierung nur in der Fantasie gelebt. Diese Fantasien treten als eindeutig sexuell erlebte erstmals zu Beginn der Pubertät ein, jener Phase, in der die Geschlechtspartner-Orientierung ihre endgültige Ausgestaltung annimmt. Erotische und sexuelle Fantasien sind meiner Meinung nach Kernstück der Sexualität; sie sind etwas, worüber wir frei verfügen könn(t)en, weil niemand außer uns selbst daran teilhat. „Erotische Vorstellungen organisieren die innere Erlebniswelt und tragen erheblich zu dem subjektiven Selbstverständnis eines Menschen bei.“18 Gerade die Wahl des Sexualobjekts, mittels dessen dem Sexualtrieb die Möglichkeit geboten wird, befriedigt zu werden, beinhaltet allerdings ein großes Konfliktpotential. Wenn es sich beispielsweise um „verbotene“ Objekte wie Kinder handelt oder um unerreichbare Liebespartner, so bleibt immer noch die Fantasie, um diese als Objekte zu nehmen. Bei gesellschaftlich tabuisierten Liebesobjekten wie beispielsweise Kindern kann allerdings das Über-Ich so stark sein, dass selbst in der Fantasie keine Möglichkeit besteht, diese zum Objekt zu nehmen. Das Internet kann hier eventuell die Chance (oder das Risiko) bieten, diese verdrängten Fantasien erlebbar zu machen. Ob dies tatsächlich der Fall ist, wird im Verlauf dieser Arbeit erörtert werden.

Das weite Feld der Fantasien ist zu komplex, um es hier ausführlich zu erläutern. Man darf auch nicht übersehen, dass Sexualität und sexuelle Fantasien dazu benutzt werden, um andere Störungen in der Persönlichkeit zu beheben (vgl. Schorsch 1978, Stoller 1975). „Aus den Analysen narzisstisch gestörter Patienten weiß man z.B., wie häufig Sexualität eingesetzt werden kann, um innere Leere, Langeweile und drohende Fragmentierung zu überdecken (...).“19 Wichtig scheint mir, dass Fantasien, die, positiv bewertet, einen Platz in der Geschlechtsidentität haben, zu einer Stabilisierung derselben führen können, während negativ bewertete Fantasien eher Störungen in der Geschlechtsidentität hervorrufen können.

2.2.4 Geschlechtsidentität

Ich möchte nun kurz die wichtigsten Merkmale der Geschlechtsidentität, wie eben beschrieben, zusammenfassen:

1. Grundlage einer stabilen Geschlechtsidentität ist die eindeutige Zuordnung zu einer Geschlechtergruppe, also Mann oder Frau; diese Zuordnung erfolgt zumeist nach dem biologischen Geschlecht (Kern-Geschlechtsidentität).
2. Nicht die eigene Beobachtung des Geschlechtsunterschieds prägt die Vorstellung von der Zugehörigkeit zu einer Geschlechtergruppe, sondern die frühe Interaktion mit der/den Pflegeperson/en, die ihrerseits eine Zuordnung vornehmen.
3. Der Umgang der Pflegeperson/en mit dem Kleinkind ist nicht nur von kulturell definierten Geschlechterstereotypen beeinflusst, sondern beinhaltet ebenso eigene bewusste und unbewusste Erwartungen, Vorstellungen und Wünsche an das Geschlecht des Kindes.
4. Jeder Mensch hat individuell angelegte Eigenschaften, die sowohl männlich als auch weiblich sind; man ist also keineswegs nur Fremdeinflüssen ausgesetzt, wenn es um die Konstitution von Geschlechtsidentität geht. Die gesellschaftlich festgelegte Geschlechtsrolle variiert demnach je nachdem, ob und wie viele Attribute des „Gegengeschlechts“ in sie integriert werden. Trotzdem muss man sich eindeutig als Mann oder Frau fühlen.
5. Die Wahl des Geschlechtspartners, also die Tatsache, ob man hete-ro-, bi- oder homosexuell ist, ändert nichts an der Kern-Geschlechtsidentität. Wichtiger sind die erotischen und sexuellen Fantasien, die, wenn sie negativ bewertet sind, zu Störungen in der Geschlechtsidentität führen können.

Ausdrücke von Geschlechtsidentität wie Geschlechterrollen, Geschlechts- partnerorientierungen und Fantasien sind in den Chaträumen zur Genüge zu finden. Was sich dort beobachten lässt, werde ich in Kapitel 4 dieser Arbeit wiedergeben.

2.3 Sexualität und Gesellschaft

Wie bereits in Kapitel 2.1 dieser Arbeit festgestellt worden ist, unterliegt Sexualität kulturellen und sozialen Einflüssen. Definitionen, Verbote, Verhaltensvorschriften und Geschlechterstereotypen variieren je nachdem, in welchem Kulturkreis und in welcher geschichtlichen Epoche wir uns befinden.

In diesem Abschnitt möchte ich den heutigen Umgang mit Sexualität, ihren Stellenwert und ihre Bedeutung in unserer Gesellschaft untersuchen.

2.3.1 Die neosexuelle Revolution

Bei der Analyse der aktuellen kulturellen und gesellschaftlichen Bedeutung von Sexualität und deren Konsequenzen für das Individuum möchte ich mich im Folgenden an das Konzept von Volkmar Sigusch halten, da der viel zitierte Sexualwissenschaftler meiner Meinung nach provokative Thesen aufgestellt hat. Er spricht von einer neosexuellen Revolution, die in den 1980er/90er Jahren in den reichen westlichen Ländern stattgefunden haben soll – neosexuell deshalb, weil sie sich aus der sexuellen Revolution der 1960er/70er Jahre entwickelt und eigentlich zu einer Umkehrung derselben geführt hat – so zumindest Sigusch. „Heute ist Sexualität nicht mehr die große Metapher der Lust und des Glücks, wird nicht mehr so stark überschätzt wie zur Zeit der sexuellen Revolution, ist eher eine allgemeine Selbstverständlichkeit wie Egoismus oder Motilität.“20 Mehr noch: Die „alte“ Sexualität wurde positiv mystifiziert als Rausch, Ekstase und Transgression – zu ihr gehörten Attribute wie Trieb und Orgasmus und das heterosexuelle Paar. Die „neue“ Sexualität hingegen ist negativ bewertet als Ungleichheit der Geschlechter, Gewalt, Missbrauch und der Verbreitung von Aids – zu ihr gehören Eigenschaften wie gender difference, also Geschlechtsunterschiede, und Selbstliebe, und statt um Orgasmen und Paarbeziehungen geht es um Thrills und Prothetisierungen (vgl. Sigusch, 1998). Allerdings meint Sigusch auch, dass das sexuelle Begehren, die Leidenschaft, nicht verschwunden sei. „Meine Frage ist vielmehr, wie Begehren und Leidenschaft umkodiert und wohin sie verschoben werden: in sexuelle Selbstbezüglichkeit zum Beispiel, in aggressive Aktionen, in nonsexuelle Thrills, in öffentliche sexuelle Inszenierungen und heimliche Süchtigkeiten dank Internet und Cyberspace.“21 Wie kommt Sigusch zu diesem negativen Bild der heutigen Sexualität?

Drei wesentliche Komponenten haben seiner Meinung nach zur Transformation der Sexualität geführt:

1. Dissoziation der sexuellen Sphäre
2. Dispersion der sexuellen Fragmente
3. Diversifikation der sexuellen Beziehungen

Was dies im Einzelnen bedeutet, möchte ich kurz zusammenfassen.

2.3.1.1 Die Dissoziation der sexuellen Sphäre

Die Dissoziation, also der Zerfall der Sexualität in Einzelteile, begann mit der Trennung der Sexualität von der Fortpflanzung. Da man Sexualität nicht mehr (nur) ausübt, um sich fortzupflanzen, sondern es in erster Linie um sexuelle Lust geht, steht das Empfinden der daran Beteiligten im Mittelpunkt – auch das der Frau, welches ja früher als nicht existent galt. Sexualität kann losgelöst von ihrer Fortpflanzungfunktion, aber auch losgelöst von emotionalen Bindungen an das Objekt, also von Liebe, betrachtet werden.

Das führt dazu, dass heute nicht mehr der Trieb und sein Schicksal im Vordergrund sexueller Betrachtungsweisen stehen, sondern die Geschlechterverhältnisse. „Der Springpunkt war jetzt für viele nicht mehr der Sexualtrieb mit seinem „Schicksal“, sondern das Geschlecht mit seiner „Differenz“. Folglich konnten viele Sexualität ohne Trieb denken, nicht aber ohne Geschlecht.“22 Geschlechtsrollen, Geschlechtsidentität und Geschlechterdifferenz werden aus dem komplexen Feld der Sexualität abgetrennt und erfahren nach Sigusch eine Überhöhung – das Geschlechtliche ersetzt das Sexuelle.

Durch die Fortschritte in der Medizin bedarf es noch nicht einmal mehr des sexuellen Reizes und der Fähigkeit zum sexuellen Erleben – Pillen wie Viagra ermöglichen die körperliche sexuelle Erregung, die sexuelle Reaktion ohne tatsächliches sexuelles, lustvolles Erleben. Auch die Fortpflanzung ist ohne Sexualität möglich: Zu der Möglichkeit der künstlichen Befruchtung wird in Zukunft die des Klonens geboten werden – wozu brauchen wir unsere Körper überhaupt noch?

Doch ganz ohne geht es auch nicht. Selbst im Internet, wo sich scheinbar körperlose Wesen tummeln, verbirgt sich hinter getippten Worten im Chat ein Mensch, der seiner Hülle (meist mittels autoerotischer Betätigung) lustvolle Reaktionen abringt. Die Allianz Mensch/Maschine macht auch vor der Sexualität keinen Halt – auch wenn der Cybersex, das heißt Sex im Datenanzug, der mittels elektronischer Impulse eine körperliche Stimulation ermöglicht, heute (noch) fiktiv ist. „Zugleich offenbart sich möglicherweise am Cybersex ein generelles Umschreiben der Sinnlichkeits- und Wahrnehmungsstrukturen, das mit dem Übergang von einer Kultur des Wortes nicht nur in eine Kultur des Bildes, sondern in eine Kultur des Zeichens zusammenhängt.“23

Eine Trennung erfolgt nicht nur in den Bereichen Körper/sexuelles Erleben und Geschlecht/Sexuell-Triebhaftes, sondern auch zwischen Sexualität und Aggression. Lustvollem Erleben, dem immer ein gewisses Maß an Aggression beigemischt ist, wird nun die sexuelle Gewalt gegenüber gestellt. Ich möchte das nicht verharmlosen; allerdings stimme ich Sigusch zu, dass man den Eindruck bekommt, es gäbe statt liebevoller Lust nur noch „frauenverachtende Porno- und Sexographie, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, alltägliche(n) Sexismus, Inzest, Vergewaltigung, sexuelle(n) Kindesmissbrauch und sexuelle Gewalt gegen Frauen“24. Destrudo statt Libido nennt Sigusch diese Entwicklung, geschürt durch die Darstellung in den Medien.

Damit komme ich zum zweiten Punkt, der zur Transformation der Sexualität führt.

2.3.1.2. Die Dispersion der sexuellen Fragmente

Die Dispersion, also die Verteilung der sexuellen Fragmente, resultiert aus der eben beschriebenen Zerlegung der Sexualität. Sie beinhaltet die Entwurzlung, Fragmentierung und Anonymisierung von Sexualität. „In der Dispersion sehe ich einen Ausgangsmechanismus jenes Prozesses, den ich seit Jahren Ver- und Entstofflichung nenne.“25 Das ursprünglich Ganze, die Sexualität, wird in seine Einzelteile zerlegt, atomisiert, wie es Sigusch nennt. Diese Atomisierung wird vor allem durch die Kommerzialisierung genutzt. Sexualität wird brauchbar gemacht, indem sie zu einer Ware verkommt, mit der man Geld verdienen kann. Nun gab es immer schon Prostitution; neu ist die Vermarktung von Sexualität in den Medien („sex sells“), der große Pornographiemarkt, die Sex-Shops, Sex-Tourismus...

„Inzwischen sind alle alten Perversionen nicht nur im Internet, sondern auch in den traditionellen Massenmedien aufbereitet und partiell entdämonisiert worden – mit Ausnahme der nach wie vor tabuisierten Pädosexualität.“26 Die Grenze zwischen Normalität und Abnormalität ist verschoben, wenn nicht sogar aufgehoben worden. Erlaubt ist, was gefällt – solange es allen daran Beteiligten Spaß macht. Entstanden ist dadurch das, was Gunter Schmidt Verhandlungsmoral nennt: „Zentrale Kategorie der Verhandlungsmoral dagegen ist die Forderung nach vereinbartem, ratifizierten Sexualverhalten, der ausdrückliche Konsens.“27 Sigusch spricht deshalb auch von einer Konsensmoral (vgl. Sigusch, 1996). Es geht nicht mehr darum, was getan wird, sondern darum, wie es zustande kommt. Die Moral wird abgelöst von einer Liberalisierung der Sexualität.

So kommt es auch, dass plötzlich überall im Fernsehen Talkshows aus dem Boden sprießen, in denen sich Hans Müller als Sadist outet oder Lieschen Schmidt als Fetischistin. Privates und Öffentliches vermischen sich hier wie überall in den Medien (woher das rührt, erläutere ich im nächsten Abschnitt), wobei natürlich das Sexualverhalten interessanter ist, das seltener vorkommt und ehemals tabuisiert war. Die Folge: Durch eine Vielzahl an pseudoperversen Inszenierungen hat man den Eindruck, als würde sich in jedem Schlafzimmer eine Folterkammer befinden. „Normale“ Sexualität ist langweilig – und um selbst nicht als langweilig zu gelten, ist man gezwungen, zumindest alles auszuprobieren.

Die Folgen der Dispersion für das Individuum und seine Beziehungen werden im nächsten Abschnitt erörtert.

[...]


1 Duden, Das Fremdwörterbuch, Dudenverlag, Mannheim, Wien, Zürich 1997

2 Brigitta Wrede: Was ist Sexualität?, in: Schmerl, Soine, Stein-Hilbers, Wrede (Hrsg.): Sexuelle Szenen – Inszenierungen von Geschlecht und Sexualität in modernen Gesellschaften, Leske + Budrich, Opladen 2000, S. 25

3 Richard von Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis, Matthes und Seitz, München 1984, S. 1

4 Schmidt, Klusmann, Matthiesen, Dekker: Veränderungen des Sexualverhaltens von Studentinnen und Studenten 1966 - 1981 – 1996, in: Schmidt & Strauß (Hrsg.): Sexualität und Spätmoderne – Über den kulturellen Wandel von Sexualität, Enke, Stuttgart 1998, S. 123

5 J. Laplanche, J.-B. Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1972, S. 466

6 Sigmund Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Fischer, Frankfurt a.M. 1991, S. 131

7 a.a.O., S. 108

8 a.a.O., S. 108

9 Gunter Schmidt: Drang und Lust, in: H. Kentler (Hrsg.): Sexualwesen Mensch. Texte zur Erforschung der Sexualität, Hoffmann und Campe, Hamburg 1984, S. 303/304

10 Gunter Schmidt 1983, zitiert nach: Brigitta Wrede: Was ist Sexualität?, in: Schmerl, Soine, Stein-Hilbers, Wrede (Hrsg.): Sexuelle Szenen – Inszenierungen von Geschlecht und Sexualität in modernen Gesellschaften, Leske + Budrich, Opladen 2000, S. 30

11 a.a.O., S. 30

12 Gunter Schmidt: Drang und Lust, in: H. Kentler (Hrsg.): Sexualwesen Mensch. Texte zur Erforschung der Sexualität, Hoffmann und Campe, Hamburg 1984, S. 311

13 Marlene Stein-Hilbers: Sexuell werden – Sexuelle Sozialisation und Geschlechterverhältnisse, Leske und Budrich, Opladen 2000, S. 37

14 Wolfgang Mertens: Entwicklung der Psychosexualität und der Geschlechtsidentität, Band 1, Kohlhammer, Stuttgart Berlin Köln 1992, S. 23

15 a.a.O., S. 24

16 a.a.O., S. 24

17 a.a.O., S. 39

18 a.a.O., S. 27

19 a.a.O., S. 19

20 Volkmar Sigusch: Kritische Sexualwissenschaft und die Große Erzählung vom Wandel, in: Gunter Schmidt und Bernhard Strauß: Sexualität und Spätmoderne – Über den kulturellen Wandel der Sexualität, Enke, Stuttgart 1998, S. 4

21 Volkmar Sigusch. Kultureller Wandel der Sexualität, in: Volkmar Sigusch (Hrsg.): Sexuelle Störungen und ihre Behandlungen, Thieme, Stuttgart 1996, S. 21

22 a.a.O., S. 23/24

23 a.a.O., S. 27

24 a.a.O., S. 27

25 Volkmar Sigusch: Kritische Sexualwissenschaft und die Große Erzählung vom Wandel, in: Gunter Schmidt und Bernhard Strauß: Sexualität und Spätmoderne – Über den kulturellen Wandel der Sexualität, Enke, Stuttgart 1998, S. 5

26 Volkmar Sigusch: Kultureller Wandel der Sexualität, in: Volkmar Sigusch (Hrsg.): Sexuelle Störungen und ihre Behandlungen, Thieme, Stuttgart 1996, S. 29

27 Gunter Schmidt: Spätmoderne Sexualverhältnisse, in: Schmerl, Soine, Stein-Hilbers, Wrede (Hrsg.): Sexuelle Szenen – Inszenierungen von Geschlecht und Sexualität in modernen Gesellschaften, Leske + Budrich, Opladen 2000, S. 269

Details

Seiten
108
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638198820
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14491
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Psychologisches Institut
Note
gut
Schlagworte
Chatten Netz Sozialpsychologische Anmerkungen Verhältnis Internet Sexualität

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Chatten im Netz - Sozialpsychologische Anmerkungen zum Verhältnis von Internet und Sexualität