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Don Juan von Tirso de Molina

Tragik und Komik in dem Drama El Burlador de Sevilla von Tirso de Molina (1613)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 25 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Besonderheiten der spanischen Comedia

3. Typisierung des Ur- Don Juan von Tirso de Molina
3.1 Charakterisierung des galán
3.2 Die Figur des gracioso

4. Das Schema des engaño – desengaño
4.1 Herzogin Isabella
4.2 Tisbea das Fischermädchen
4.3 Gräfin Doña Ana
4.4 Aminta die Bäuerin

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung

Neben dem Stierkampf galt das Theater im 17. Jahrhundert in Spanien als Mittel der Zerstreuung und des Zeitvertreibs und stellt somit eine der zwei wenigen Vergnügungen des weltlichen Lebens zu dieser Zeit dar (vgl. Tietz 1988: 55). Im Theater suchte das Publikum entretenimiento, pasatiempo, diversión und deleite, demnach waren die Stücke unterhaltsam und leicht zu verstehen für Jedermann und jede Frau. Jedoch war es natürlich nicht im Sinne der Kirche, das Volk zu unterhalten und somit vom Beten abzuhalten, vielmehr wurde das Theater auch benutzt um die Menschen moralisch entsprechend den Gesetzen der katholischen Kirche zu formen.

Ihr Ziel war es, [...] den Bevölkerungsmassen, die vom Land in die Stadt strömten und dort zusammen mit den Handwerkern, den Händlern und durchaus Teilen des Adels ein unruhiges Potential darstellten mit den ritualisierten, zum mitreißenden Fest gestalteten Theater nicht nur eine Ablenkung zu schaffen, sondern ihnen zugleich eine politisch konservative, immobilistische und religiös traditionalistische Weltsicht stark emotional und in höchst suggestiver Weise nahezubringen. (Tietz 1988: 57f)

Tietz spricht auch von einem Instrument der „bewussten politischen und religiösen Propaganda“. (vgl. ebd.) Zudem stand das Drama im Siglo de Oro unter der Zensur der Inquisition. Die Figur des Don Juan wurde als Beispiel für die Sünde dargestellt.

Zunächst zur Handlung des Ur-Don Juan, auf den sich in dieser Arbeit bezogen wird.

Das Drama, El Burlador de Sevilla y Convidado de Piedra kam im Jahre 1613 zur Uraufführung und erschien um 1630 auch in gedruckter Fassung. Autor war der Mercedarier Mönch Gabriel Téllez, der unter dem Pseudonym Tirso de Molina publizierte.[1] Protagonist ist der spanische Edelmann, Don Juan Tenorio, der in dem Drama vier Frauen unterschiedlichen Standes verführt, indem er Ihnen die Ehe verspricht, sein Versprechen jedoch nie einhält. Nachdem er den Frauen die Ehre genommen hat, wartet stets sein treuer Diener Catalinón mit gesattelten Pferden, um seinem Herrn die Flucht und einen gelungenen „Streich“ zu ermöglichen. Tenorios vornehme Herkunft, sein Vater ist der erste Kammerdiener des Königs, sowie die Verwandtschaft mit dem Onkel Don Pedro Tenorio, dem spanischen Botschafter in Neapel, retten ihn dabei oftmals in allerletzter Sekunde aus der Not. Am Ende jedoch wird Don Juan von einem Toten bestraft. Don Gonzalo, den Don Juan nach der versuchten Verführung von Doña Ana getötet hat, erscheint als steinerner Gast zum Abendessen und lädt den Verführer, welcher sein Grabmal verhöhnt hat, in seine Grabkapelle zum Essen ein. Don Juan beweist seinen Mut und folgt der Einladung der steinernen Statue, die ihn mit einem festen Händedruck mit seiner Feuerhand verbrennen lässt. Don Juan fährt zur Hölle und hat keine Chance mehr Buße zu tun. Es ist zu spät um Reue zu zeigen, Don Juan ist verdammt worden.

„ <El burlador> ist der Verführer, Sinnbild für freien erotischen Genuss und damit Rebell gegen die göttliche Ordnung.“ (Bork 1992: 89) Im Gegensatz zur katholischen Moralvorstellung lebt er im Jetzt und folgt ausschließlich seinen libidinösen Trieben anstatt dem Motto: „Bete, arbeite und sündige nicht“ - denn nur so konnte man nach den religiösen Vorstellungen der damaligen Zeit ins Paradies kommen, wo das wahre Leben erst beginnen sollte.

Don Juans Höllenfahrt sollte exemplarisch als abschreckendes Beispiel demonstriert werden.

Die Gestalt des Don Juan darf nicht abgelöst von dem festen Bezugssystem des spanischen Katholizismus zu einer tragischen Symbolfigur umgedeutet werden Don Juan ist kein idealistischer Rebell, der mit philosophischen Engagement bestehende Ordnungen grundsätzlich in Frage stellt. Der Spielraum der Interpretation wird begrenzt durch das für den Autor und sein Publikum verbindliche Weltbild. (Eitel 1976: 85)

Dennoch kritisiert Molina die damalige Gesellschaft, besonders die Diskrepanz zwischen dem Konzept der Ehre und der Praxis in der adeligen Gesellschaft, die sich durch ihren gehobenen Stand und dem materiellen Reichtum vielzählige Privilegien erlaubte. Dies wird in „ El Burlador de Sevilla y el convidado de piedra “ deutlich. Der Leser/ Zuschauer bewundert den Wagemut Don Juans einerseits und gleichzeitig zittert er mit Catalinón dem jüngsten Gericht entgegen. Denn das lasterhafte Leben seines Herrn wird nicht unbestraft bleiben, soviel ist gewiss.

Der Geistliche Literat Gabriel Téllez, der unter dem Pseudonym Tirso de Molina publizierte, musste zeitweilig seine Kontakte zum Hof in Madrid abbrechen, denn dem Klerus war die Entwicklung des regen Theaterlebens in Madrid, an dem auch Geistliche ihren Anteil hatten, nicht recht.

Die Personalunion von Bühnendichter und Geistlichem war nicht unproblematisch. [...] Eine von Philipp IV. eingesetzte Kommission beschloss 1625 auch Sanktionen gegen Tirso de Molina wegen des angeblich zu profanen und unmoralischen Charakters seiner Dramen. (Eitel 2007: 83)

Er stoppte daraufhin vorerst seine weitere Dramenproduktion. Erst zehn Jahre später konnte er nach Madrid zurückkehren und starb 1648 nach Jahren der Zurückgezogenheit in einem Kloster bei Soria.

Die Rezeption des Burlador de Sevilla zur Zeit des 17. Jahrhunderts und die der heutigen Zeit des 21. Jahrhunderts soll in der vorliegenden Arbeit miteinander verglichen werden. Anhand des engaño, der Maske und der Frage der Ehre wird im Folgenden die Figur des galán im Siglo de Oro dargestellt und am Ende dem Konzept eines Don Juan wie er heute rezipiert würde gegenübergestellt. Doch zunächst sollen die Besonderheiten des Genres der spanischen comedia kurz vorgestellt werden.

2. Besonderheiten der spanischen Comedia

Das Drama, El Burlador de Sevilla y Convidado de Piedra, orientiert sich an der Poetik Lope de Vegas, El arte nuevo de hacer comedias en este tiempo (1609), der die aristotelische Poetik mit ihrem starren Regelwerk als veraltet ansieht. Lope de Vega kritisiert die Ausrichtung der italienischen Comedia del arte, die sich an der griechischen Antike orientiert, denn er setzt voraus, dass die einfachen Menschen diese einerseits nicht verstehen und andererseits die griechischen Mythen fern der spanischen Lebenswelt sind, die im Ordo-System der katholischen Kirche fest verankert sind.

Mándanme, ingenios nobles, flor de España,
que en esta junta y Academia insigne,
en breve tiempo excederéis no sólo
a las de Italia, que envidiando a Grecia,
ilustró Cicerón del mismo nombre,
junto a Averno lago, sino Atenas, adonde en su platónico Liceo,
se vio tan alta junta de filósofos,
que un arte de comedias os escriba
que al estilo del vulgo se reciba. (Lope de Vega 1609: V. 1-10)

Die neue spanische comedia vereint das Tragische und das Komische und soll die Bräuche der spanischen Gesellschaft widerspiegeln und zwar nicht nur die Gepflogenheiten der „reales y altas“ (ebd. V. 60), sondern auch die der Angehörigen des 3. Standes. „imitar los acciones de los hombres, / y pintar de aquel siglo los costumbres.“ (ebd. V. 52-53) Für Lope de Vega steht bei der neuen (spanischen) comedia das Vergnügen (gusto) des ganzen Volkes im Vordergrund. „ [...] porque como las paga el vulgo, es justo / hablarle en necio para darle gusto.“ (ebd. V. 47-48)

Die Themen seiner comedia orientieren sich an der Natur des Menschen. Es geht um Emotionen und Gefühle, dies wird auch dem vulgo deutlich, da im Theater die verschiedenen Dialekte der unterschiedlichen Stände gesprochen werden: die der Adeligen, Dienern und Bauern. Der König spricht anders als der einfache Bauer, dies wird in der neuen comedia durch verschiedene „Sprachniveaus“ der Protagonisten transportiert.

Für Lope de Vega ist es wichtig, dass jeder sich in der comedia wiederfinden kann und dass die ganze Dynamik der Gesellschaft und des Lebens an sich dargestellt wird. Die gehobene Sprache der Adeligen vermischt sich mit dem Sprachniveau des vulgo zu einem hybriden Diskurs.

Oye atento, [y] del arte no disputes,
que en la comedia se hallará de modo
que oyéndola se pueda saber todo. (ebd. V. 387-389)

Aus heutiger Sicht sind die Dramen wichtige und vollständige Dokumente der Gesellschaft des Siglo de Oro. Sie fungieren als Spiegel der Gesellschaft, in dem sich trotz strenger Zensur eine Kritik an der Ordo-Welt und den Gesetzen der katholischen Kirche ablesen lässt. Dies soll am Beispiel des Don Juan-Dramas verdeutlicht werden. Das Drama ist dem Genre der comedia de capa y espada zuzuordnen, in der sich Elemente der Komödie und der Tragödie vermischen, gemäß der Poetik von Lope de Vega. In den „Mantel und Degen“ Stücken geht es um die Liebe und die Verteidigung der Ehre, dem punto de honor, Verwicklungen und dem Täuschungsmanöver durch Verkleidung oder Maskierung, dem engaño und desengaño der Protagonisten. Dennoch finden sich in dem Drama auch Anspielungen auf weitere Genres der comedia: die comedia pastoril, in den Tisbea und Aminta Szenen, das drama de honor, in den Szenen um Isabella und Doña Ana, sowie das autosacramental, wenn man das Ende des Don Juan einzeln betrachten würde. Dies wird in den folgenden Kapiteln weiter ausgeführt. Ferner werden im vierten Kapitel das Schema der tragikomischen Verwicklungen, als auch das Konzept der Ehre im siglo de oro erläutert. Zunächst werden im nächsten Kapitel jedoch die zwei Antagonisten Don Juan und sein Diener Catalinón im Ur-Don Juan von Tirso de Molina charakterisiert.

3. Typisierung des Ur- Don Juan von Tirso de Molina

Die Protagonisten des Dramas unterliegen der Einteilung in verschiedene Typen. Gemäß der Tradition der italienischen Commedia del arte, treten diese Figuren in verschiedenen Konstellationen in fast allen Dramas auf und sind somit leicht zu erkennen. Zudem verhelfen sie dem Zuschauer zum Verständnis des Dramas. Zwei dieser Typen der spanischen comedia sollen hier vorgestellt werden: Der galán und der gracioso.

3.1 Charakterisierung des galán

Sevilla a voces me llama
el Burlador, y el mayor
gusto que en mí puede haber
es burlar una mujer
y dejarla sin honor. (V. 1395-1399)

Don Juan ist ein jugendlicher Held. Er ist wagemutig und tollkühn, stark und geheimnisvoll, da er sich den Frauen immer wieder entzieht. Die Dunkelheit der Nacht dient ihm dabei als Maske, durch die er immer wieder unerkannt fliehen kann.

¿Quién es este caballero? - „Es hijo, aqueste señor, del Camarero mayor del rey [...]“ (V. 636 - 639), so stellt ihn sein Diener Catalinón der noch unwissenden Tisbea vor und verstößt damit gegen den Willen des Don Juan Tenorio. Denn niemals soll eines seiner Opfer seinen wahren Namen erfahren. Er ist der „hombre sin nombre“. Unverkennbar jedoch ist Don Juan ein galán oder Edelmann, dessen Familie hoch in der Gunst des Königs steht. Um den Adelsstand nicht in Verruf zu bringen, schützen sein Vater Don Diego Tenorio und sein Onkel Don Pedro ihn des Öfteren vor der Bestrafung. Dadurch kritisiert Molina die korrupten Handlungsweisen der höfischen Gesellschaft.

Zeitkritik klingt in der Darstellung des Hoflebens an, das Verhalten Don Pedros und Don Diegos weckt vielleicht auch noch Erinnerungen an die Machtstellung der Günstlinge unter Phillipp III. Nicht zu übersehen ist auch die Schamlosigkeit des Ritterstandes, dem die bäuerliche Welt trotz ihrer komischen Brechung als letzter Hort von Gesittung und Ehrgefühl gegenübergestellt wird. (Eitel 2007: 92f)

[...]


[1] Autorenschaft, Fassung und Datum der Erstaufführung gelten als nicht eindeutig belegbar. Die Stücke wurden zu dieser Zeit ausschließlich für die Bühne produziert und viele Dramen wurden nicht als Textfassung publiziert, deshalb ist es schwierig die eindeutige Urheberschaft festzustellen. (vgl. Bork 1992: 89)

Details

Seiten
25
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640538201
ISBN (Buch)
9783640538270
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v144851
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Romanistik
Note
1,7
Schlagworte
Lope de Vega Don Juan Galan Gracioso Spanisches Theater im 17.Jh Tirso de Molina

Autor

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Titel: Don Juan von Tirso de Molina